Metamoderne – erster Überblick

In der Diskussion auf der letzten FuturesLounge im Mai kam die Sprache auf Metamodernity/ Metamodernism – international und v.a. auch in Nachbarländern wie den Niederlanden und Dänemark ein bereits seit längerem verbreiteter Begriff, im deutschen Sprachraum allerdings nur sporadisch gebraucht.
Metamoderne ist Reaktion und Abkehr von der verblassenden  Epochenbezeichnung Postmoderne, ein Branding  für das, was danach kommt, was manchmal auch aus Verlegenheit Post- Postmoderne genannt wurde. Unter dem Label metamodern (in mehreren Verbegrifflichungen) kristallisiert sich ein neuer Blick auf die gegenwärtige und in die zukünftige Welt heraus. Die Periodisierung ist eher zweitrangig.

Der Begriff selber ist gar nicht mehr so neu. Den Durchbruch hatte er mit dem Essay (2010) und dem darauf folgenden Webzine (2009 – 2016, archiviert) Notes on Metamodernism der Rotterdamer Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker. Themen des Webzine waren Trends und Tendenzen in  Current Affairs, in der Netzkultur und aus fast allen Kultursparten von Architektur über Tanz und Performance bis Film und Literatur. Als prominente Beispiele für eine Ästhetik, die nicht länger mit den Begriffen der Postmoderne erklärt werden kann, wurden u.a. die Hamburger Elbphilharmonie – 2010 im Rohbau -, die Filme von David Lynch  und die Literatur von Jonathan Franzen genannt. Man muss sich schon länger damit befassen, um diese Werke miteinander in Verbindung zu bringen –  sie sind dazu noch mit dem Merkmal  neoromantisch versehen.
Metamoderne ist demnach eine in den 2000er Jahren gewachsene Grundstruktur, die seitdem zu einer dominanten kulturellen Logik vorrangig in den westlichen kapitalistischen Gesellschaften geworden ist. Vermeulen & Van den Akker  verwenden den Begriff Metamoderne als heuristisches Etikett, um ästhetische und kulturelle Entwicklungen zu erklären, und gleichzeitig auch zu periodisieren.

Die History- Matrix von Lene Andersen (42/43) – erscheint nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster

Die dänische Philosophin und Bildungsaktivistin Lene Andersen unterscheidet (82) in  dem Einführungsband Metamodernity – Meaning and Hope in a Complex World  (6/2019) zwischen Metamodernity und Metamodernism. Während letzterer in etwa den Ausführungen von Vermeulen und van den Akker folgt, verbindet  ihr Begriff von Metamodernity sämtliche vorhergehenden kulturellen Codes: die indigenen, prämodernen, modernen und postmodernen. Indigene Codes können etwa auf eine Verbindung  mit der  Natur verweisen, die wir brauchen, um Kreisläufe wiederherzustellen, so u.a. zur Lösung der Klimakrise. Metamodernity integriert solche kulturellen Codes und bietet so einen Rahmen, uns selbst und unsere Gesellschaften auf komplexe Art zu verstehen, soziale Normen und ein moralisches Gefüge für Intimität, Spiritualität, Religion, Wissenschaft und Selbsterkundung.
In einer History– Matrix (s. Abb.) setzt Andersen universelle Grössen, wie Wissen, Machtstruktur und vorherrschende Narrative in bezug zu Epochen, die nach den jeweils höchst entwickelten Technologien abgegrenzt sind. Derzeit haben wir die Transition von der industriellen Epoche zum ICT Age (Information and Communication Technologies) hinter uns, bald folgt das BINC Age (Bio-, Information-, Nano & Cogno- Technologies.  Vom Aufbau erinnert die Matrix an die von Dirk Baecker (2018), der die zivilisatorische  Entwicklung in vier Medienepochen gliedert und der modernen die nächste Gesellschaft folgen lässt.
Lene Andersen gehört dem Think Tank Nordic Bildung – Better Bildung,  Better Future, an –  sehr deutlich mit dem auf einer breiten Volksbildung basierenden skandinavischen Gesellschaftsmodell verbunden. Ebenso damit  verbunden ist Hanzi Freinacht, Autor von Nordic Ideology: A Metamodern Guide to Politics (2019).   Sicherlich sind die kulturell homogenen skandinavischen Gesellschaften in der Entwicklung einer Collective Imaginary -in etwa eine kollektive Zukunftsvision – a Shared Vision of the good society, begünstigt und Vorreiter. Der Anspruch eines von den nordischen Ländern ausgehenden Weges in eine metamoderne Gesellschaft, die die Welt vor einem System- Kollaps bewahrt, zeugt aber auch von Sendungsbewusstsein (vgl. Freinacht). 

Jason Storm – Autor “Metamodernism”

Metamodernism. The Future of Theory von Jason Storm(Chicago) erschien 7/2021 und wurde in Kommentaren teilweise enthusiastisch gefeiert: als Öffnung zu neuen Denkweilten, der Autor schöpfe mühelos  aus scheinbar unendlichen Ressourcen, um die Aufgabe zu bewältigen, die er sich selbst gestellt hat.
Jason Storm  ist Universitätsprofessor, bezeichnet sich selber als Philosopher of the Human Science und ist zugleich Rockmusiker, bis dato eine eher ungewöhnliche Kombination – beim Autorenbild dachte ich tatsächlich an Wild at Heart von David Lynch – Humanwissenschaftler in Rockstar- Pose.  Storm versteht sein Werk selber als ein  First- Order Philosophy mit dem Anspruch für sich allein zu stehen. Kein programmatisches metamodernes Paradigma soll beschrieben werden, sondern das Werk soll einen Paradigmenwechsel auslösen.  Mehr zu diesem ambitionierten Titel in Kürze: ist bestellt und Rezension vorgesehen.

Postmoderne war als Epochenkonzept seit ca. 40 Jahren in Verwendung – langsam verblassend. Ausgangspunkt war 1979 der Essay Das postmoderne Wissen/ La condition postmoderne von Jean- François Lyotard. Sie machte es möglich,  uns selbst, unsere Kultur und unsere Zivilisation von außen zu betrachten, sie zu dekonstruieren, um ihre Teile und ihre inneren Strukturen zu untersuchen. Poststukturalismus, Kontextualität, das Führen von Diskursen sind zugehörige Schlagwörter, ironische Distanz eine verbreitete Attitüde. Der Begriff wurde damals schnell populär, besonders in Philosophie, Kunst und Architektur.  Später wurde der Begriff oft bis zum Überdruss und darüber hinaus verwendet, und weckte so auch immer wieder Gegenreaktionen.
Die Moderne gab uns gleiche Rechte und Chancen, Demokratie, Wissenschaft incl. wissenschaftlicher Medizin, und die Verpflichtung, zu zweifeln und zu denken, ihr verdanken wir den – linearen – Fortschritt als solchen, sie ist untrennbar mit der wissenschaftlichen Revolution verbunden.  Klischeehaft war der Weisse Mann ihr Träger.
Metamoderne Philosophie tritt auf in einer Zeit, in der Internet und Social Media für einen Grossteil der Menschen eine selbstverständliche Umgebung sind. Ausdruck der Zukunftsfragen postindustrieller Gesellschaften, in der immer weniger Menschen an den industriellen Prozesse und der Distribution ihrer Produkte beteiligt sind.  Metamodernism doesn’t just generate mixed feelings – it’s about mixed feelings (Jonathan Rawson).
Zum Metaverse hat Metamoderne übrigens keine direkte Verbindung – wenn nicht eine aktuelle Vorliebe für weit überwölbende Begriffe, die mit Meta gekennzeichnet sind, für beides zutrifft. Parallelen werden zu entdecken sein.

Lene Rachel Andersen: Metamodernity. Meaning and Hope in a Complex World . Nordic Bildung, 2019, 137 S.  Jason Ananda Joseph Storm: Metamodernism. The Future of Theory. Chicago 2021. Jonathan Rowson, Layman Pascal: Dispatches from a Time Between Worlds. Crisis and emergence in metamodernity. 376 S. 6/2021 Hanzi Freinacht (ein Pseudonym für ein Autoren- Duo) Nordic Ideology: A Metamodern Guide to Politics, Book Two (Metamodern Guides, Band 2), 2019  Robin van den Akker, Alison Gibbons, and Timotheus Vermeulen (Eds) Metamodernism: Historicity, Affect, and Depth after Postmodernism (2017) Robin van den Akker, Timotheus Vermeulen: Notes on metamodernism. Journal of Aesthetics & Culture. Vol. 2, 2010  , S. 3- 14. auf youtube: Metamodernity Versus Metamodernism w/ Lene Rachel Andersen  — Metamodernism: The Future of Theory w/ Jason Josephson Storm



Common Meeting Ground (und Fragmentierungsthese)

In den Sozialwissenschaften werden immer wieder Begriffe geprägt, mit denen sich verändernde bzw. sich neu gewichtende oder bis dahin wenig beschriebene Zusammenhänge bezeichnet werden. Manche davon haben eine geringe Halbwertszeit, andere setzen sich in einem gewissen Rahmen durch. Einige davon propagiere ich, so etwa Consozialität/Consociality oder Technogenese, das eine parallele Entwicklung von Technik und Gesellschaft ins Blickfeld stellt.

Common Meeting Ground: Gemeinsam als wichtig erachtete Themen werden verhandelt, re:publica Berlin, 2018. eigenes Bild

Auf den Begriff Common Meeting Ground bin ich in der tiefsten Phase  des Lockdown gestossen, als die Frage auftrat, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Öffentlichkeit fast ausschliesslich über Medien hergestellt wird. Spielt physische Öffentlichkeit überhaupt eine konstituierende Rolle?
Jede Gesellschaft braucht einen Common Meeting Ground gemeinschaftlich als wichtig empfundener Themen, um darüber verhandeln und selbst bestimmen zu können, was in ihr als relevant gilt und kollektiver Problemlösungen bedarf – so schrieb 2008 der 2015 verstorbene Schweizer Mediensoziologe Kurt Imhof. Geht dieser „Common Meeting Ground“ verloren, gefährdet das den Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Genau das besagt die Fragmentierungsthese – bekannter unter den Stichworten Filterblasen und Echokammern: Digitale Öffentlichkeiten fragmentieren das Publikum der Massenmedien und damit auch die gemeinsame  politische Informationsbasis der Bürger. (Politische) Öffentlichkeit zersplittert in immer kleinere Teilöffentlichkeiten, zwischen denen die Verständigung immer schwieriger wird. Die algorithmische Personalisierung und die sozialen Filter  der Intermediäre schaffen Filterblasen  – soweit kurz gefasst.
In dem Aufsatz “Common Meeting Ground in Gefahr? …” (2018, s.u.) wird diese so gern vorgelegte  anschauliche beschriebene These zwar nicht widerlegt, aber doch stark relativiert: Weder soziale Medien noch Suchmedien als politische Informationsquellen führen zu einer geringeren Anschlussfähigkeit der individuellen Themenhorizonte, weder allein noch in Interaktion mit der Extremität politischer Einstellungen. Und weiter: Bedrohliche Folgen des Aufstiegs algorithmenbasierter Intermediäre sind derzeit nicht in der Breite der Gesellschaft zu suchen, sondern in Subpopulationen unter spezifischen Bedingungen das ist in etwa die Conclusio der Studie. Noch mehr in der Folgestudie (s.u.), in der die These  als masslos überschätzt heruntergestuft wird. Tatsächliche werden algoritmisch personalisierte Quellen selten zu politischer Information genutzt (mehr: Magin et al. 9/10, s.u.).

In diesem Sinne bedeutet Common Meeting Ground den informationellen – gesellschaftlich synchronisierten – Boden, ein Fundament  politischer Kommunikation.
Genauso kann Common Meeting Ground der lebensweltliche, physische Ort sein, an dem Gesellschaft erlebt und erfahren wird, an dem als relevant empfundene Themen und Verhalten verhandelt werden. Nicht in Form medialisierter Inhalte, sondern als selbst erlebte Eindrücke und der Resonanz darauf: Wahrnehmung, Reaktion und Interaktion. Öffentliche Orte können sicher auch Orte von Gefahr, von  Bedrängnis und Belästigung sein, es geht aber um die Erfahrung von gegenseitiger Bezogenheit, in der Folge um Prozesse der Aushandlung von Umgangsformen, von Akzeptanz und auch von Stil (z.B. Streetstyle).  Gesellschaft bedeutet nicht Gleichartigkeit, sondern zuerst miteinander Auskommen, Ertragen, dann Austausch, in der Interaktion dann etwas Neues. Zusammenleben pendelt sich ein.
Man kann den Common Meeting Ground weiterdenken, bis hin zu einem möglichen Metaverse – das erst mit der Verbindung einzelner Experiences/Erfahrungswelten zu einem Verse/ Versum würde. Nebenher: Selbst der tägliche Pendler- Stau kann ein Common Meeting Ground sein, wenn es der Ort ist, an dem Gesellschaft erlebt wird: ein Boden, auf dem relevante Entscheidungen getroffen werden können.

Common Meeting Ground im Modell – Forum Groningen

Wenn ich an einen physischen Common Meeting Ground denke, fällt mir sofort das Forum Groningen (NL) ein, das mich im letzten Herbst  sehr beeindruckt hatte: Ein zentrales Gebäude mit einem Mix aus Biblio/ Mediathek, Veranstaltungsräumen, Gastronomie, CoWorking, einer Storyworld zu Comics und Games  und u.a. einer Dachterrasse mit weitem Rundblick. Sicherlich ein Vorzeigeprojekt,  dass sich nicht jede Stadt leisten kann. Aber das Muster eines gestalteten, inklusiven öffentlichen Ortes von Begegnung und Austausch, Samenleving.  Sicher kosten die Kinokarte, der Kaffee genausoviel wie anderswo – aber gänzlich verschieden von kommerziell betriebenen Orten, an denen es in erster Linie um Konsum gegen Bezahlung geht.

Soweit ein Versuch zur Breite eines Konzepts Common Meeting Ground – einer gemeinsamen Grundlage von Verhandelbarkeit – ohne die eine Gesellschaft  fragmentieren würde. Fragmentierung bedeutet nicht  unterschiedliche Meinungen, sondern auseinanderdriftende Horizonte.

Kurt Imhof: Theorie der Öffentlichkeit als Theorie der Moderne. In C. Winter, A. Hepp & F. Krotz, Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft (2008, S. 65–89) . Stefan Geiß, Melanie Magin, Birgit Stark, Pascal Jürgens: “Common Meeting Ground” in Gefahr? Selektionslogiken politischer Informationsquellen und ihr Einfluss auf die Fragmentierung individueller Themenhorizonte JIn: M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, Jahrgang 66 (2018). Heft 4, S. 502-525Melanie Magin, Birgit Stark, Pascal Jürgens: Maßlos überschätzt. Ein Überblick über theoretische Annahmen und empirische Befunde zu Filterblasen und Echokammern In: Eisenegger, R. Blum, P. Ettinger & M. Prinzing (Eds.), Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Springer VS. 2020



Was treibt die Zukunft an?

Treibt technischer Fortschritt oder gesellschaftlicher Wandel die Zukunft an? Vorstellungen von Zukunft sind genauso dem Wandel unterworfen wie andere gesellschaftliche Strömungen auch. In der längsten Zeit über die Jahrtausendwende hinaus bis in die 2010er Jahre stand die Dynamik der Digitalisierung im Vordergrund. Immer wieder sah es so aus, als treibe die technische Entwicklung Wirtschaft und Gesellschaft vor sich her. Technik schuf neue soziale, mediale, v.a. ökonomisch nutzbare Möglichkeiten. SmartPhones bündeln mittlerweile derart viele Funktionen, dass ein Leben ohne sie erhebliche Einschränkungen (bis hin zum Covid- Zertifikat) bedeutet. Kommunikations- und Kulturtechniken, die man noch vor gar nicht so langer Zeit als Zukunftsfiktion verstanden hätte,  sind längst Alltag geworden – und das weltweit. Die Welt von heute ist nicht vorstellbar ohne die Verbreitung der digitalen Techniken.
Wissenschaft ist die Grundlage von technologischem Fortschritt (Godin, 2020), zumindest in der modernen Welt. Ebenso eine Gesellschaft, die ihn in ihre materielle Zivilisation einbindet. Letztlich setzen sich Techniken nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen (vgl. Nassehi, 2019).

Manuel Castells(2001): Die Revolution der Informations-technologie und die Erneuerung des Kapitalismus begründeten die Netzwerkgesellschaft

Der digitale Aufbruch um die Jahrtausendwende war mit vielen Erwartungen und Vorstellungen von Zukunft verbunden.  Der Cyberspace war zunächst sphera incognita, ein Freiraum für Neues; Web 2.0 stand etwa für eine partizipatorische Netzkultur mit der konkreten Utopie  Wissen und Information für alle frei zugänglich zu machen. Zukunftsentwürfe einer fluiden  Demokratie, die in einer politischen Kultur der Offenheit und Partizipation wurzelt, wurden diskutiert – sie verschwanden aber wieder mit dem Ende der Piratenpartei.

Manuel Castells nannte in seinem drei-Bände-Werk Das Informationszeitalter (1996-98/dt. 2001) die technische Revolution der Informationstechnologie und die Erneuerung des Kapitalismus als Grundlagen der Netzwerkgesellschaft. Im damaligen Kontext bedeutete erneuerter Kapitalismus eine weitgehende Deregulierung der Märkte, v.a. der Finanzmärkte, die zum Rückgrat der Globalisierung wurden. Flexibilisierung auf vielen Ebenen, aber oft nur im Sinne von Kapitaleignern.  Ein Gegengewicht zur Globalisierung liegt in der Macht der Identität, die sich zum einen als offensive Bewegungen mit dem  Anspruch gesellschaftlicher und kultureller Umgestaltung, der Inanspruchnahme von Selbstbestimmung, wie etwa Feminismus und Umweltbewegung,  aber auch in reaktiver Form  im Namen von Nation, Religion, Familie oder Ethnizität zeigt.
Eine weitere Erneuerung bedeutete die Neubewertung von Eigenschaften wie Kreativität, Spontaneität, der Fähigkeit, Netzwerke zu bilden, wie sie in Der Neue Geist des Kapitalismus (Boltanski & Chiapello, 1999/2003),  beschrieben wurde. Sich neu konstituierende Cluster einer Creative Class, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft von Umgebungen der Vielfalt, die   Einbeziehung des Concept of Cool in die Wertschöpfungsketten sind damit verbunden.

Von der Kalifornischen Ideologie ist öfters die Rede, auch wenn sie nicht eindeutig erscheint. Gemeint ist der Glaube an das emanzipatorische  Potential der Informationsgesellschaft, wie er in der Bay Area aus der  Verschmelzung der kulturellen Boheme aus San Francisco mit den High-Tech-Industrien des Silicon Valley seit den 80er Jahren entstand. Sicher waren San Francisco und die Bay Area immer wieder Ausgangspunkte  und Nährboden von Bewegungen mit globaler Ausstrahlung: Beatniks, Hippies, Gay Liberation, Ökotopia, dazu allerlei synkretistische Lebensstile. Die moderne Supermacht des Storytellings, Hollywood, sitzt ganz in der Nähe. Allen diesen Bewegungen ist durchaus ein libertärer Geist zu eigen  – im ursprünglichen Sinne der Befreiung von Fremdbestimmung und Freisetzung menschlicher Energien.  Das Burning Man Festival in der Wüste von Nevada gilt als ein Icon der kalifornischen Ideologie, der v.a. von Apple vermarktete Digital Lifestyle wurzelt darin, die Versionsbezeichnungen aus kalifornischer Topographie (Yosemite, Big Sur, Monterey) erinnern daran.
Aktuell bezeichnet libertär eine von jeglicher Einschränkung befreite Selbstverwirklichung von oligarchischen Investoren und Milliardären, wie sie etwa von Peter Thiel verkörpert wird.

Eine entscheidende Entwicklung  im weiteren Verlauf war etwa dann, als aus dem Web 2.0 Social Media wurde: der Durchmarsch der grossen Plattformen, manchmal als Landnahme bezeichnet. Michael Seemann hat in seinem Buch Die Macht der Plattformen  diese Einnahme als Graphname beschrieben, d.h. entlang sozialer Graphen, die man  sich wie Territorien vorstellen kann: Der Social Graph stellt Beziehungen zwischen einzelnen Entitäten dar – “the global mapping of everybody and how they’re related**. Die neue Infrastruktur der  Social Media Plattformen ist seitdem weitgehend in Corporate Hands.

Utopien siedeln sich zunehmend im realen Raum an

Das Thema Zukunft boomt seit einigen Jahren.  Zukunft wurde zu einer Art Überthema, in dem sich Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsdebatten bündeln. Aktuelle Leitbegriffe sind Zukunftsfähigkeit und Resilienz. Gemeint ist die Krisenfestigkeit von Menschen, Organisationen und ganzen Gesellschaften, und die Fähigkeit dauerhaft ohne weitere ökologische Belastung zu wirtschaften. Gegenüber früheren Zukunftsdiskussionen fällt auf, dass die aktuellen Debatten kaum von  diffusen, in die weite Zukunft gerichteten Utopien bestimmt sind. Sie sind meist sehr konkret: Es geht um neue Arbeitsformen, ob  unter dem  Label  New Work oder nicht,  um die Neugestaltung von Mobilität,  um nachhaltigen Konsum, Energieversorgung und  Ernährung.  Wohl nicht ganz zufällig hat die deutsche Ausgabe eines populären Buches zum Thema den Titel Utopien für Realisten (2016/2017). Man kann auch sagen, es geht um den sozialen Benefit der Digitalisierung.

Soweit eine Zusammenstellung, ein  Parcours durch die letzten beiden Jahrzehnte – der sich ganz sicher in der Fülle wie in den Details ausweiten und ausarbeiten lässt. Muster und Entwicklungen, eine Linie der Wechselwirkung von technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel sind erkennbar. In der langfristigeren Entwicklung werden Gegenströmungen und Ausgleichsprozesse deutlich. Unsere Zivilisation entwickelt sich in diesen Ausgleichsprozessen.  Technogenese bedeutet eine Co- Evolution von Technik und Gesellschaft. Evolution ist generell keine beabsichtigte Entwicklung. Der Begriff stammt von dem französischen Medientheoretiker  Bernard Stiegler (✝2020) in Anlehnung an Anthropogenese.
Genauso offensichtlich klingt Technogenese  an die Konzepte Sozio– und Psychogenese bei Norbert Elias an. Geht es dort um langfristige Wandlungen von Gesellschafts – und Persönlichkeitsstrukturen,  um die Herausbildung eines Habitus, kann man Technogenese als Herausformung  der jeweils spezifischen technisch/ materiellen Zivilisation verstehen.
Erwähnt sei schliesslich noch das Konzept der Sprunginnovationen. Sprunginnovationen sind solche Innovationen, die eine radikale technologische Neuerung beinhalten. Sie haben das Potenzial, bislang bekannte Techniken und Dienstleistungen bahnbrechend zu verändern und zu ersetzen.

Soweit einige Gedanken, die ich als Impulsbeitrag zur  zweiten  Staffel der Futures Lounge unter dem Motto “Was treibt die Zukunft an –  technischer Fortschritt oder Sozialer Wandel” zusammengetragen habe.

vgl.: Manuel Castells: Das Informationszeitalter, 3 Bände, dt. Ausgabe 2001 – 2003 (Orig.The Information Age: Economy, Society, and Culture 1996 – 1998); Robert V. Kozinets & Gambetti, Rossella (Eds.): Netnography Unlimited.  Understanding Technoculture Using Qualitative Social Media Research..  2021, Routledge, New York.  Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap. IX. Technik, S. 235 ff Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten, Berlin 2021  Werner Rammert. Technik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006. Armin Nassehi: Muster \\\Theorie/// der Digitalen Gesellschaft., 9/ 2019.  Benoît Godin: The Invention of Technological Innovation: Languages, Discourses and Ideology in Historical Perspective (2020).  Rafael Laguna del Vera & Thomas Ramge: Sprunginnovation. Wie wir mit Wissenschaft und Technik die Welt wieder in Balance bekommen. Econ- Verlag, 2021; vgl auch Innovation und Gesellschaft, Über den Prozess der Digitalisierung, Rutger Bregman: Utopien für Realisten, 2016, Orig. 2014; Luc Boltanski & Ève Chiapello: Der Neue Geist des Kapitalismus  **A. Iskold, “Social Graph: Concepts and Issues,” ReadWriteWeb, September 12, 2007



Soziologie im Duett – Reckwitz & Rosa: Spätmoderne in der Krise (Rez.)

Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa  zählen (neben Armin Nassehi und Harald Welzer) zu den bekanntesten Soziologen ihrer Generation.
Beide haben in den letzten Jahren Bücher veröffentlicht, die man als ihr jeweils Grosses Werk verstehen kann – mit entsprechender Medienresonanz und nachfolgender Breitenwirkung.  Bei Reckwitz steht das neue Schlüsselmilieu der urbanen Mittelschichten im Mittelpunkt; Rosa ist mit den Begriffen  Entschleunigung und Resonanz verbunden. Beide Bücher habe ich auch hier im Blog besprochen (Reckwitz: Singularitäten; Ende der Illusionen; Rosa: Resonanz). Beide Bücher wurden aber auch als  gesellschaftstheoretische Sackgassen kritisiert (vgl.  R.Pfriem).
Beide Autoren sind auch seit langem miteinander bekannt. Jetzt haben sie sich zusammengetan und gemeinsam Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? geschrieben. Kein gemeinsamer Text, sondern zwei aufeinander folgende Beiträge + eine abschliessende  Gesprächsdokumentation (255-310).

Gesellschaftstheorie ist soziologische Kernaufgabe: sie soll die Gegenwartsgesellschaft in ihren Strukturen und Dynamiken verständlich machen  (34) – eine Kulturtechnik des generalisierenden Weltverstehens (25). Gesellschaftstheorien setzen den Rahmen für empirische Forschung, sie geben der öffentlichen Diskussion Impulse, bieten Argumentationsstränge. Sie vermitteln ein Big Picture, in dem Veränderungserfahrungen verortet werden können und sie bedienen das Interesse an der Frage nach dem Wohin der Gesellschaft und der Gestaltung von Zukunft.

In beiden Beiträgen geht es zunächst auf einer metatheoretischen Ebene um die Abgrenzung von Gegenstand bzw. dem Feld der Theorie: was ist Moderne?, darum, was Gesellschaftstheorie leisten kann – dem Buchtitel entsprechend. Beide Autoren sind aber auch ganz offensichtlich Vertreter ihrer eigenen Ansätze und gehen schnell dazu über, diese jeweils eigene Gesellschaftstheorie zu untermauern.
In der Alltagssprache meint Moderne die gerade aktuelle Epoche, die sich durch Wandel und Modernisierungen von der vorhergehenden unterscheidet.  Im sozialwissenschaftlichen Diskurs wurde der Begriff der Moderne von Autoren mehrerer Generationen geprägt, die bis zurück in die Ablösung  traditioneller, religiös grundierter Gesellschaften reichen (also bis ca. 200 Jahre zurück).

performative Selbstentfaltung. Bild: kallejipp/photocase.de

Reckwitz unterscheidet zwischen bürgerlicher, industrieller und Spät- Moderne, genannt wird auch eine Art Postspätmoderne (119). Für unsere Gegenwart interessiert davon die Spätmoderne bzw. der Übergang der industriellen Moderne zu ihr. Der Wandel von Massenproduktion, Massenverkehr und Massenmedien zur Digitalisierung.  Für Reckwitz ist es der Wechsel von einer Logik des Allgemeinen zu einer der Singularisierung.  In einer ganzseitigen Synopse  (118) stellt er die Ausformungen wesentlicher Eigenschaften in den drei Modernen dar. In der Sozialstruktur ist es die Entwicklung vom Gegensatz Bourgeoisie/ Proletariat über die nivellierte Mittelstandsgesellschaft der industriellen Moderne zu einer Drei- Klassen- Gesellschaft mit besonderer Relevanz einer Neuen Mittelklasse. Letztere wird vor allem in der Kultur einer performativen Selbstentfaltung sichtbar, die eine normierte Angestelltenkultur ablöst. Der Druck zur Normierung hat nachgelassen.
Die Modellierung der Gesellschaft richtet sich bei Reckwitz im wesentlichen nach den Sinus- Milieus, die wohl durchaus nah an der Lebenswelt sind,  in erster Linie aber eine Differenzierung nach Konsumstilen bedeuten.

In seiner Hälfte des Buches bezieht sich Hartmut Rosa v.a auf den institutionellen Steigerungsimperativ, der sich in Beschleunigung, Wachstum, Zwang zu Innovation ausdrückt. Bei den zur Argumentation genutzten Quellen bezieht er sich auf das Konzept des Best Account (166), darunter ist die Heranziehung aller zur Verfügung stehenden Ressourcen, wie statistische Daten, Interviews, Selbstbeobachtungen, aber auch Gerichtsurteile, Schulbücher, Erzählungen sozialer Bewegungen, Literatur, Kunst, Kino etc., sämtliche Quellen aus denen sich interesseleitende Fragestellungen ergeben, zu verstehen (166).

Es fällt mir aber schwer Rosas Ansatz als Gesellschaftstheorie im  oben genannten Sinne zu verstehen. Der Begriff Resonanz  ist grundsätzlich einleuchtend und überzeugend. Versteht man die moderne Gesellschaft als einen wenig umgrenzten Informationsraum  (vgl. Andreas Boes) ermöglicht Resonanz erst die Herstellung eines Bezuges,  oft in einem geradezu digitalen Sinne (vorhanden/ nicht-vorhanden), im weiteren hat sie eine jeweils eigene Beschaffenheit. Jedes Matching beruht auf einer Resonanz. Dort, wo wir keine Resonanz finden, hält uns nichts länger, wir gehen dort Bindungen ein, wo wir Resonanzen spüren. Etwas funktionaler sprechen wir von Markt- wie von Medienresonanz.   In einer Welt vieler Möglichkeiten bzw. Angebote wählen wir meist solche mit der besten Resonanz.

resonante Welt jenseits der Steigerungslogik? Bild: photocase.de

Das Konzept Resonanz ist bei Rosa allerdings viel weiter gefasst, er nennt es u.a. eine alternative Konzeption des gelingenden Lebens (248), es steht für eine Art energetischer Verbundenheit mit der Welt, der Natur und überwölbt  gefühlte Bedeutungen, oft geht es um Erfüllung – Momente der wahren Empfindung möchte man sagen. ,Resonanzverlangen gilt als zentrale energetische Quelle menschlichen Handelns (246). Aus einem Interview (2017):  Die Resonanzsehnsucht jedoch wird nicht verschwinden und deshalb wird das religiöse Grundbedürfnis bleiben.
Rosa macht immer wieder die Steigerungslogik der Moderne für das Scheitern von Resonanz verantwortlich – Gegenfrage: War die vormoderne Welt resonanter? Sicherlich in der religiösen Überwölbung des Lebens. Darin wurden aber auch Massen von Menschen geknechtet. Bedürfnisse nach Erfüllung, nach Spiritualität  stehen oft im Widerstreit zu Forderungen nach Funktionserfüllung.
Rosas Thesen erinnern oft an Erich Fromm – und passenderweise erhielt er auch 2018 den Preis der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Seine hellsichtige Analyse mache die entfremdenden Wirkungen der Beschleunigungsprozesse in der Moderne deutlich. Er stelle die Frage danach, was eine gute Gesellschaft und ein gelingendes Leben ausmacht – und welche Wege aus einer kranken Gesellschaft es gebe  – so steht es im Text zur Preisverleihung. Kritik an Rosas Ansatz kommt oft mit dem Unterton, dass sich Begriffe wie Entschleunigung und Resonanzerfahrung bestens für Angebote der Wellness- Branche eignen, die ein eher finanzkräftiges Klientel ansprechen.

Gesellschaftstheorie gibt Impulse – sie kann Strukturierungen, Tendenzen, Machtverschiebungen deutlich machen – aber nicht alle Aspekte abbilden. V.a. der Ansatz von Reckwitz ist derzeit erfolgreich, bestimmte Umstrukturierungen werden deutlich. Befasst man sich damit, sollte man beide Bücher (Singularitäten; Ende der Illusionen) berücksichtigen. Singularisierung bedeutet nicht unbedingt Individualisierung, man kann sie als Ergebnis digitaler Zuordnung verstehen – digitale Angebote können passgenau als serielle Singularitäten erstellt werden. Der Ansatz von Hartmut Rosa spricht eine bestimmte Zivilisationskritik an, durchaus in der Tradition von Erich Fromm.
Aber auch andere Werke nicht- soziologischer Herkunft haben in den vergangenen Jahren gesellschaftstheoretische Diskussionen mindestens genauso sehr beeinflusst, so etwa Thomas Piketty und auch Maja Göpel. Wahrscheinlich auch Maria Mazzucato, ich habe sie aber noch nicht gelesen.


Andreas Reckwitz & Hartmut Rosa:  Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Berlin 2021, 310 S. – Das Grundbedürfnis nach Religion wird bleiben. Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa.In: Herder- Korrespondenz Heft 10/ 2017. – Verleihung des Erich Fromm- Preises 2018 an Hartmut Rosa.

 

 



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