Was treibt die Zukunft an?

Treibt technischer Fortschritt oder gesellschaftlicher Wandel die Zukunft an? Vorstellungen von Zukunft sind genauso dem Wandel unterworfen wie andere gesellschaftliche Strömungen auch. In der längsten Zeit über die Jahrtausendwende hinaus bis in die 2010er Jahre stand die Dynamik der Digitalisierung im Vordergrund. Immer wieder sah es so aus, als treibe die technische Entwicklung Wirtschaft und Gesellschaft vor sich her. Technik schuf neue soziale, mediale, v.a. ökonomisch nutzbare Möglichkeiten. SmartPhones bündeln mittlerweile derart viele Funktionen, dass ein Leben ohne sie erhebliche Einschränkungen (bis hin zum Covid- Zertifikat) bedeutet. Kommunikations- und Kulturtechniken, die man noch vor gar nicht so langer Zeit als Zukunftsfiktion verstanden hätte,  sind längst Alltag geworden – und das weltweit. Die Welt von heute ist nicht vorstellbar ohne die Verbreitung der digitalen Techniken.
Wissenschaft ist die Grundlage von technologischem Fortschritt (Godin, 2020), zumindest in der modernen Welt. Ebenso eine Gesellschaft, die ihn in ihre materielle Zivilisation einbindet. Letztlich setzen sich Techniken nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen (vgl. Nassehi, 2019).

Manuel Castells(2001): Die Revolution der Informations-technologie und die Erneuerung des Kapitalismus begründeten die Netzwerkgesellschaft

Der digitale Aufbruch um die Jahrtausendwende war mit vielen Erwartungen und Vorstellungen von Zukunft verbunden.  Der Cyberspace war zunächst sphera incognita, ein Freiraum für Neues; Web 2.0 stand etwa für eine partizipatorische Netzkultur mit der konkreten Utopie  Wissen und Information für alle frei zugänglich zu machen. Zukunftsentwürfe einer fluiden  Demokratie, die in einer politischen Kultur der Offenheit und Partizipation wurzelt, wurden diskutiert – sie verschwanden aber wieder mit dem Ende der Piratenpartei.

Manuel Castells nannte in seinem drei-Bände-Werk Das Informationszeitalter (1996-98/dt. 2001) die technische Revolution der Informationstechnologie und die Erneuerung des Kapitalismus als Grundlagen der Netzwerkgesellschaft. Im damaligen Kontext bedeutete erneuerter Kapitalismus eine weitgehende Deregulierung der Märkte, v.a. der Finanzmärkte, die zum Rückgrat der Globalisierung wurden. Flexibilisierung auf vielen Ebenen, aber oft nur im Sinne von Kapitaleignern.  Ein Gegengewicht zur Globalisierung liegt in der Macht der Identität, die sich zum einen als offensive Bewegungen mit dem  Anspruch gesellschaftlicher und kultureller Umgestaltung, der Inanspruchnahme von Selbstbestimmung, wie etwa Feminismus und Umweltbewegung,  aber auch in reaktiver Form  im Namen von Nation, Religion, Familie oder Ethnizität zeigt.
Eine weitere Erneuerung bedeutete die Neubewertung von Eigenschaften wie Kreativität, Spontaneität, der Fähigkeit, Netzwerke zu bilden, wie sie in Der Neue Geist des Kapitalismus (Boltanski & Chiapello, 1999/2003),  beschrieben wurde. Sich neu konstituierende Cluster einer Creative Class, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft von Umgebungen der Vielfalt, die   Einbeziehung des Concept of Cool in die Wertschöpfungsketten sind damit verbunden.

Von der Kalifornischen Ideologie ist öfters die Rede, auch wenn sie nicht eindeutig erscheint. Gemeint ist der Glaube an das emanzipatorische  Potential der Informationsgesellschaft, wie er in der Bay Area aus der  Verschmelzung der kulturellen Boheme aus San Francisco mit den High-Tech-Industrien des Silicon Valley seit den 80er Jahren entstand. Sicher waren San Francisco und die Bay Area immer wieder Ausgangspunkte  und Nährboden von Bewegungen mit globaler Ausstrahlung: Beatniks, Hippies, Gay Liberation, Ökotopia, dazu allerlei synkretistische Lebensstile. Die moderne Supermacht des Storytellings, Hollywood, sitzt ganz in der Nähe. Allen diesen Bewegungen ist durchaus ein libertärer Geist zu eigen  – im ursprünglichen Sinne der Befreiung von Fremdbestimmung und Freisetzung menschlicher Energien.  Das Burning Man Festival in der Wüste von Nevada gilt als ein Icon der kalifornischen Ideologie, der v.a. von Apple vermarktete Digital Lifestyle wurzelt darin, die Versionsbezeichnungen aus kalifornischer Topographie (Yosemite, Big Sur, Monterey) erinnern daran.
Aktuell bezeichnet libertär eine von jeglicher Einschränkung befreite Selbstverwirklichung von oligarchischen Investoren und Milliardären, wie sie etwa von Peter Thiel verkörpert wird.

Eine entscheidende Entwicklung  im weiteren Verlauf war etwa dann, als aus dem Web 2.0 Social Media wurde: der Durchmarsch der grossen Plattformen, manchmal als Landnahme bezeichnet. Michael Seemann hat in seinem Buch Die Macht der Plattformen  diese Einnahme als Graphname beschrieben, d.h. entlang sozialer Graphen, die man  sich wie Territorien vorstellen kann: Der Social Graph stellt Beziehungen zwischen einzelnen Entitäten dar – “the global mapping of everybody and how they’re related**. Die neue Infrastruktur der  Social Media Plattformen ist seitdem weitgehend in Corporate Hands.

Utopien siedeln sich zunehmend im realen Raum an

Das Thema Zukunft boomt seit einigen Jahren.  Zukunft wurde zu einer Art Überthema, in dem sich Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsdebatten bündeln. Aktuelle Leitbegriffe sind Zukunftsfähigkeit und Resilienz. Gemeint ist die Krisenfestigkeit von Menschen, Organisationen und ganzen Gesellschaften, und die Fähigkeit dauerhaft ohne weitere ökologische Belastung zu wirtschaften. Gegenüber früheren Zukunftsdiskussionen fällt auf, dass die aktuellen Debatten kaum von  diffusen, in die weite Zukunft gerichteten Utopien bestimmt sind. Sie sind meist sehr konkret: Es geht um neue Arbeitsformen, ob  unter dem  Label  New Work oder nicht,  um die Neugestaltung von Mobilität,  um nachhaltigen Konsum, Energieversorgung und  Ernährung.  Wohl nicht ganz zufällig hat die deutsche Ausgabe eines populären Buches zum Thema den Titel Utopien für Realisten (2016/2017). Man kann auch sagen, es geht um den sozialen Benefit der Digitalisierung.

Soweit eine Zusammenstellung, ein  Parcours durch die letzten beiden Jahrzehnte – der sich ganz sicher in der Fülle wie in den Details ausweiten und ausarbeiten lässt. Muster und Entwicklungen, eine Linie der Wechselwirkung von technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel sind erkennbar. In der langfristigeren Entwicklung werden Gegenströmungen und Ausgleichsprozesse deutlich. Unsere Zivilisation entwickelt sich in diesen Ausgleichsprozessen.  Technogenese bedeutet eine Co- Evolution von Technik und Gesellschaft. Evolution ist generell keine beabsichtigte Entwicklung. Der Begriff stammt von dem französischen Medientheoretiker  Bernard Stiegler (✝2020) in Anlehnung an Anthropogenese.
Genauso offensichtlich klingt Technogenese  an die Konzepte Sozio– und Psychogenese bei Norbert Elias an. Geht es dort um langfristige Wandlungen von Gesellschafts – und Persönlichkeitsstrukturen,  um die Herausbildung eines Habitus, kann man Technogenese als Herausformung  der jeweils spezifischen technisch/ materiellen Zivilisation verstehen.
Erwähnt sei schliesslich noch das Konzept der Sprunginnovationen. Sprunginnovationen sind solche Innovationen, die eine radikale technologische Neuerung beinhalten. Sie haben das Potenzial, bislang bekannte Techniken und Dienstleistungen bahnbrechend zu verändern und zu ersetzen.

Soweit einige Gedanken, die ich als Impulsbeitrag zur  zweiten  Staffel der Futures Lounge unter dem Motto “Was treibt die Zukunft an –  technischer Fortschritt oder Sozialer Wandel” zusammengetragen habe.

vgl.: Manuel Castells: Das Informationszeitalter, 3 Bände, dt. Ausgabe 2001 – 2003 (Orig.The Information Age: Economy, Society, and Culture 1996 – 1998); Robert V. Kozinets & Gambetti, Rossella (Eds.): Netnography Unlimited.  Understanding Technoculture Using Qualitative Social Media Research..  2021, Routledge, New York.  Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap. IX. Technik, S. 235 ff Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten, Berlin 2021  Werner Rammert. Technik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006. Armin Nassehi: Muster \\\Theorie/// der Digitalen Gesellschaft., 9/ 2019.  Benoît Godin: The Invention of Technological Innovation: Languages, Discourses and Ideology in Historical Perspective (2020).  Rafael Laguna del Vera & Thomas Ramge: Sprunginnovation. Wie wir mit Wissenschaft und Technik die Welt wieder in Balance bekommen. Econ- Verlag, 2021; vgl auch Innovation und Gesellschaft, Über den Prozess der Digitalisierung, Rutger Bregman: Utopien für Realisten, 2016, Orig. 2014; Luc Boltanski & Ève Chiapello: Der Neue Geist des Kapitalismus  **A. Iskold, “Social Graph: Concepts and Issues,” ReadWriteWeb, September 12, 2007



Soziologie im Duett – Reckwitz & Rosa: Spätmoderne in der Krise (Rez.)

Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa  zählen (neben Armin Nassehi und Harald Welzer) zu den bekanntesten Soziologen ihrer Generation.
Beide haben in den letzten Jahren Bücher veröffentlicht, die man als ihr jeweils Grosses Werk verstehen kann – mit entsprechender Medienresonanz und nachfolgender Breitenwirkung.  Bei Reckwitz steht das neue Schlüsselmilieu der urbanen Mittelschichten im Mittelpunkt; Rosa ist mit den Begriffen  Entschleunigung und Resonanz verbunden. Beide Bücher habe ich auch hier im Blog besprochen (Reckwitz: Singularitäten; Ende der Illusionen; Rosa: Resonanz). Beide Bücher wurden aber auch als  gesellschaftstheoretische Sackgassen kritisiert (vgl.  R.Pfriem).
Beide Autoren sind auch seit langem miteinander bekannt. Jetzt haben sie sich zusammengetan und gemeinsam Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? geschrieben. Kein gemeinsamer Text, sondern zwei aufeinander folgende Beiträge + eine abschliessende  Gesprächsdokumentation (255-310).

Gesellschaftstheorie ist soziologische Kernaufgabe: sie soll die Gegenwartsgesellschaft in ihren Strukturen und Dynamiken verständlich machen  (34) – eine Kulturtechnik des generalisierenden Weltverstehens (25). Gesellschaftstheorien setzen den Rahmen für empirische Forschung, sie geben der öffentlichen Diskussion Impulse, bieten Argumentationsstränge. Sie vermitteln ein Big Picture, in dem Veränderungserfahrungen verortet werden können und sie bedienen das Interesse an der Frage nach dem Wohin der Gesellschaft und der Gestaltung von Zukunft.

In beiden Beiträgen geht es zunächst auf einer metatheoretischen Ebene um die Abgrenzung von Gegenstand bzw. dem Feld der Theorie: was ist Moderne?, darum, was Gesellschaftstheorie leisten kann – dem Buchtitel entsprechend. Beide Autoren sind aber auch ganz offensichtlich Vertreter ihrer eigenen Ansätze und gehen schnell dazu über, diese jeweils eigene Gesellschaftstheorie zu untermauern.
In der Alltagssprache meint Moderne die gerade aktuelle Epoche, die sich durch Wandel und Modernisierungen von der vorhergehenden unterscheidet.  Im sozialwissenschaftlichen Diskurs wurde der Begriff der Moderne von Autoren mehrerer Generationen geprägt, die bis zurück in die Ablösung  traditioneller, religiös grundierter Gesellschaften reichen (also bis ca. 200 Jahre zurück).

performative Selbstentfaltung. Bild: kallejipp/photocase.de

Reckwitz unterscheidet zwischen bürgerlicher, industrieller und Spät- Moderne, genannt wird auch eine Art Postspätmoderne (119). Für unsere Gegenwart interessiert davon die Spätmoderne bzw. der Übergang der industriellen Moderne zu ihr. Der Wandel von Massenproduktion, Massenverkehr und Massenmedien zur Digitalisierung.  Für Reckwitz ist es der Wechsel von einer Logik des Allgemeinen zu einer der Singularisierung.  In einer ganzseitigen Synopse  (118) stellt er die Ausformungen wesentlicher Eigenschaften in den drei Modernen dar. In der Sozialstruktur ist es die Entwicklung vom Gegensatz Bourgeoisie/ Proletariat über die nivellierte Mittelstandsgesellschaft der industriellen Moderne zu einer Drei- Klassen- Gesellschaft mit besonderer Relevanz einer Neuen Mittelklasse. Letztere wird vor allem in der Kultur einer performativen Selbstentfaltung sichtbar, die eine normierte Angestelltenkultur ablöst. Der Druck zur Normierung hat nachgelassen.
Die Modellierung der Gesellschaft richtet sich bei Reckwitz im wesentlichen nach den Sinus- Milieus, die wohl durchaus nah an der Lebenswelt sind,  in erster Linie aber eine Differenzierung nach Konsumstilen bedeuten.

In seiner Hälfte des Buches bezieht sich Hartmut Rosa v.a auf den institutionellen Steigerungsimperativ, der sich in Beschleunigung, Wachstum, Zwang zu Innovation ausdrückt. Bei den zur Argumentation genutzten Quellen bezieht er sich auf das Konzept des Best Account (166), darunter ist die Heranziehung aller zur Verfügung stehenden Ressourcen, wie statistische Daten, Interviews, Selbstbeobachtungen, aber auch Gerichtsurteile, Schulbücher, Erzählungen sozialer Bewegungen, Literatur, Kunst, Kino etc., sämtliche Quellen aus denen sich interesseleitende Fragestellungen ergeben, zu verstehen (166).

Es fällt mir aber schwer Rosas Ansatz als Gesellschaftstheorie im  oben genannten Sinne zu verstehen. Der Begriff Resonanz  ist grundsätzlich einleuchtend und überzeugend. Versteht man die moderne Gesellschaft als einen wenig umgrenzten Informationsraum  (vgl. Andreas Boes) ermöglicht Resonanz erst die Herstellung eines Bezuges,  oft in einem geradezu digitalen Sinne (vorhanden/ nicht-vorhanden), im weiteren hat sie eine jeweils eigene Beschaffenheit. Jedes Matching beruht auf einer Resonanz. Dort, wo wir keine Resonanz finden, hält uns nichts länger, wir gehen dort Bindungen ein, wo wir Resonanzen spüren. Etwas funktionaler sprechen wir von Markt- wie von Medienresonanz.   In einer Welt vieler Möglichkeiten bzw. Angebote wählen wir meist solche mit der besten Resonanz.

resonante Welt jenseits der Steigerungslogik? Bild: photocase.de

Das Konzept Resonanz ist bei Rosa allerdings viel weiter gefasst, er nennt es u.a. eine alternative Konzeption des gelingenden Lebens (248), es steht für eine Art energetischer Verbundenheit mit der Welt, der Natur und überwölbt  gefühlte Bedeutungen, oft geht es um Erfüllung – Momente der wahren Empfindung möchte man sagen. ,Resonanzverlangen gilt als zentrale energetische Quelle menschlichen Handelns (246). Aus einem Interview (2017):  Die Resonanzsehnsucht jedoch wird nicht verschwinden und deshalb wird das religiöse Grundbedürfnis bleiben.
Rosa macht immer wieder die Steigerungslogik der Moderne für das Scheitern von Resonanz verantwortlich – Gegenfrage: War die vormoderne Welt resonanter? Sicherlich in der religiösen Überwölbung des Lebens. Darin wurden aber auch Massen von Menschen geknechtet. Bedürfnisse nach Erfüllung, nach Spiritualität  stehen oft im Widerstreit zu Forderungen nach Funktionserfüllung.
Rosas Thesen erinnern oft an Erich Fromm – und passenderweise erhielt er auch 2018 den Preis der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Seine hellsichtige Analyse mache die entfremdenden Wirkungen der Beschleunigungsprozesse in der Moderne deutlich. Er stelle die Frage danach, was eine gute Gesellschaft und ein gelingendes Leben ausmacht – und welche Wege aus einer kranken Gesellschaft es gebe  – so steht es im Text zur Preisverleihung. Kritik an Rosas Ansatz kommt oft mit dem Unterton, dass sich Begriffe wie Entschleunigung und Resonanzerfahrung bestens für Angebote der Wellness- Branche eignen, die ein eher finanzkräftiges Klientel ansprechen.

Gesellschaftstheorie gibt Impulse – sie kann Strukturierungen, Tendenzen, Machtverschiebungen deutlich machen – aber nicht alle Aspekte abbilden. V.a. der Ansatz von Reckwitz ist derzeit erfolgreich, bestimmte Umstrukturierungen werden deutlich. Befasst man sich damit, sollte man beide Bücher (Singularitäten; Ende der Illusionen) berücksichtigen. Singularisierung bedeutet nicht unbedingt Individualisierung, man kann sie als Ergebnis digitaler Zuordnung verstehen – digitale Angebote können passgenau als serielle Singularitäten erstellt werden. Der Ansatz von Hartmut Rosa spricht eine bestimmte Zivilisationskritik an, durchaus in der Tradition von Erich Fromm.
Aber auch andere Werke nicht- soziologischer Herkunft haben in den vergangenen Jahren gesellschaftstheoretische Diskussionen mindestens genauso sehr beeinflusst, so etwa Thomas Piketty und auch Maja Göpel. Wahrscheinlich auch Maria Mazzucato, ich habe sie aber noch nicht gelesen.


Andreas Reckwitz & Hartmut Rosa:  Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Berlin 2021, 310 S. – Das Grundbedürfnis nach Religion wird bleiben. Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa.In: Herder- Korrespondenz Heft 10/ 2017. – Verleihung des Erich Fromm- Preises 2018 an Hartmut Rosa.

 

 



Das Verschwinden der Bürgerlichen Mitte

Die neuen Sinus- Milieus,   jetzt ohne Bürgerliche Mitte – nach Klick in voller Auflösung . Sinus- Institut, Heidelberg / Berlin, 01.10.2021

Bürgerliche Mitte meint  zumeist eine Schicht, die sich auch selber als Mitte der Gesellschaft versteht:  man entspricht den Standards,  orientiert sich an  Imperativen  die soziale Anerkennung  versprechen, aber setzt man auch die Standards?
In der kürzlich (10/21) vorgestellten neuen Auflage der Sinus- Milieus kommt sie nicht mehr vor: Das Ende der Bürgerlichen Mitte wie wir sie kannten. Erodiert in auseinander strebende Bestandteile: aufstrebend ins konservativ- etablierte Milieu, absteigend in einen nostalgisch-bewahrenden Mindset, so wird es beschrieben. Die freiwerdende Lücke in der Mitte der Gesellschaft füllt ein moderner Mainstream mit dem Bindestrich- Namen Adaptiv- Pragmatisch aus – flexible Pragmatiker, die sich an einem sich wandelnden Status-Quo orientieren – wenn man damit eine Vorstellung verbindet.
Sicherlich lässt sich eine Bürgerliche Mitte auch anders verstehen, als ein Milieu, das sich v.a. als normal verstanden hatte, von dem kaum Impulse ausgingen und dessen Lebenswelt langfristig aufgerieben wird.  Der Wegfall markiert aber einen Einschnitt, der sich auch anderswo beobachten lässt. Nachhaltigkeit, Resilienz und Diversity etablieren sich als neue  Leitwerte. Der Wandel von Werten, eine kulturelle Öffnung der Lebensformen erfasst nicht alle Milieus, als Reaktion breiten sich in manchen Kreisen Ressentiments aus. Ein vormals normativ- dominanter Habitus verschwindet.

Sinus- Milieus 2010 – noch mit Bürgerlicher Mitte

Sinus- Milieus wurden seit Beginn der 80er Jahre vom gleichnamigen Institut ausgearbeitet und bislang zu Beginn jeder Dekade neu aufgelegt. Selber bezeichnet man sich selbstbewusst als  Goldstandard der  Zielgruppensegmentation – im weiteren Umfeld sind sie als Kartoffelgraphik bekannt.
Ihre Attraktivität beziehen die Sinus-Milieus aus ihrer Anschaulichkeit. Beobachtungen aus dem Alltag lassen sich oft nachvollziehen, sie sind nah an den Lebenswelten bis hin zu den Foto- Präsentationen originaler Wohnzimmereinrichtungen. Zugrunde liegen umfangreiche qualitative und quantitative Befragungen, ethnographische Beobachtungen von Alltagsmilieus u.v.m   Es gibt wenige andere Studien, für die  ein solcher Umfang an Datenerhebung betrieben werden kann. Grundlegende Wertorientierungen gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit, Geld und Konsum (vgl. Pressemitteilung).
Verbreitung und Bedeutung der Sinus- Milieus lassen sich kaum überschätzen. Grundsätzlich ein Modell zur Visualisierung von Zielgruppen für die Marktforschung, werden sie darüber hinaus von zahllosen Organisationen,  Unternehmen, Kirchen und Parteien, auch von Poltik und Verwaltung  zur Kommunikationsplanung mit ihrer jeweiligen Klientel genutzt. Sinus- Milieus wurden für Migranten, als Digitale Milieus und auf Stadtebene (Berlin) erstellt. In Verbindung mit Geo- Daten (s. MBM- Micromarketing) werden sie  heruntergebochen bis auf Gebäudekomplexe (vgl. Düsseldorf, Berlin), verbinden Wohnadressen mit Sinus-Milieu-Wahrscheinlichkeiten. Sie lassen sich geradezu im Stadtbild besichtigen incl. der zugehörigen Geschäfte und Gastronomie. Bilder, die die Gesellschaft von sich selber hat, stimmen oft damit überein.

Sinus- Milieus als Grundlage der Gesellschaftsanalyse

Bemerkenswert ist die Entwicklung von einem Modell zur Visualisierung von Zielgruppen für die Marktforschung zu einer Kartographie der Gesellschaft.  Andreas Reckwitz Analysen zur postindustriellen Gesellschaft, insbes. einer Neuen Mittelklasse basieren auf den Kategorien der Sinus- Milieus. Reckwitz’ Neue Mittelschicht sind die  von Sinus definierten Leitmilieus – noch nicht an die Neuversion angepasst (vgl. Ende der Illusionen).  Daran ist vieles plausibel, die Herkunft der Einteilung zeigt sich aber an Kriterien wie dem valorisierten Konsum, der Ästhetisierung des Alltags, dem sich im Konsumverhalten zeigenden  „expressiven Individualismus“. Sinus-Milieus wurden letztlich zur Markt- und Konsumforschung entwickelt, sie bilden Lebensstile und davon bestimmte Konsummuster ab. Diese Neue Mittelklasse- immerhin ca. ein Drittel der Bevölkerung – gilt als kulturell, ökonomisch und politisch einflussreichste Gruppe der spätmodernen Gesellschaft. In den folgenden Diskussionen wurden sie öfters mit Neuen Eliten gleichgesetzt, mit manchen kuriosen Schlussfolgerungen.
Soziale Ungleichheit wird in den Sinus Milieus nur am Rande gestreift. Zwar fassen sie Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen, die Zugehörigkeit  bedeutet längst nicht die Abwesenheit  sozialer Ungleichheiten.  So stellt sich die Frage, bis wohin Modelle zur Zielgruppenanalyse geeignet sind, eine gesamte Gesellschaft abzubilden, oder ob sich damit doch eher einige Klischees verfestigen.

Zwei weitere Details stechen hervor: Zum einen das Verschwinden der  Subkulturen bzw. einer sich selbst so verstehenden Gegenkultur/ Counter culture. Subkulturen hatten sich in Ablehnung einer als repressiv verstandenen Mehrheitskultur abgespalten und immer wieder neu konstituiert – hatten oft eine entscheidende Wirkung in der Erneuerung der Mehrheitsgesellschaft.
Nicht alle Milieus der neuen Mittelschicht sehen sich Werten der Nachhaltigkeit  verpflichtet, so verstehen sich  Konsumhedonisten als Teil der Neuen Mitte und als Bollwerk gegen einen übertriebenen Nachhaltigkeits-Hype.

„Deutschland im Umbruch . SINUS -Institut stellt aktuelles Gesellschaftsmodell vor: Die Sinus -Milieus® 2021“ (01.10.2021) Heidelberg / Berlin
Nils C. Kumkar & Uwe Schimank: Drei-Klassen-Gesellschaft? Bruch? Konfrontation? Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der »Spätmoderne« Leviathan, 49. Jg., S. 7-32, 2021. Bertram Barth, Berthold Bodo Flaig, Norbert Schäuble, Manfred Tautscher: Praxis der Sinus-Milieus®: Gegenwart und Zukunft eines modernen Gesellschafts- und Zielgruppenmodells. 2018



Technogenese – technische Innovation und gesellschaftlicher Wandel

Treibt Technik gesellschaftlichen Wandel an? Bild: Andrew Reshetov on Unsplash

Was war zuerst – technische Innovationen oder gesellschaftlicher Wandel? Die Wechselwirkung – Interdependenz –  von Gesellschaft und Technik ist ein immer wiederkehrendes und zentrales Thema.
Dass Innovationen in Technik und Medien weitreichende, oft nicht voraussehbare, unabschätzbare Wirkungen haben, ist unbestritten. Historische Wendungen werden mit der Verbreitung neuer Techniken und Medien verbunden. So wird immer wieder gern erzählt, dass die Erfindung des Buchdrucks die Ausbreitung von Renaissance und Reformation erst ermöglicht hat.
Manche Entdeckungen versandeten aber auch ohne weitere Resonanz. Letztlich  setzen sich Techniken nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen (Nassehi).

Technik – materielle Zivilisation – ist integraler Bestandteil von Gesellschaften. Ihre Nutzung macht Gesellschaft erst zu einer solchen.  Man könnte schon mit dem Faustkeil anfangen, spätestens seit dem Neolithikum,  mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, Keramik, Textilherstellung und Hausbau, leben Menschen in einer menschengemachten Umgebung, deren Fortbestand und Weiterentwicklung von der Beherrschung der entwickelten Techniken abhängt. Innovative Sprünge mit weitreichenden Folgen gab es immer wieder in der Historie*.

Technik ist nicht nur menschengemachte Umwelt einer Gesellschaft, sie ist auch konstitutiv für die Entstehung, Gestaltung und Erhaltung gesellschaftlicher Formen.
Technikgeneseforschung klingt schon fast wie Technogenese. Sie befasst sich mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Techniken, den Entstehungsbedingungen von Innovationen. Frage ist, welche gesellschaftlichen ‚Logiken’ und strategischen Akteure beobachtet werden können, die die technische Entwicklung mit ihren Ressourcen organisieren und in ihrer Richtung orientieren? (Rammert 2006)  Vorherrschend sind ökonomische, politische und kulturelle Logiken, oft miteinander vermengt. Anschauliches Beispiel wäre etwa die Geschichte der Elektromobilität: Gleichzeitig mit dem Verbrennungsmotor entwickelt, dann in Nischen verdrängt. Der Ausbau der Infrastruktur folgte dem einmal durchgesetzten Pfad des Verbrennungsmotors –  bis dann wieder Elektromobilität gesellschaftlich erwünscht ist und mit staatlicher Förderung angeschoben wird  – alle drei genannten Logiken sind zu erkennen.

Technikdeterminismus sieht eindeutig Technik als den Motor des Geschehens an. Eine Sichtweise, die heute als überholt gilt, in den 50er und 60er Jahren aber dominant war. Grob: die Beherrschung komplexer Technik in der maschinenbasierten Großindustrie setzte Regeln und forderte Anpassung. Sachzwänge dienten der Legitimation, mit Auswirkungen auf das politische Handeln und die gesellschaftliche Wirklichkeit. Damit verbunden war eine eher statische, funktionale Vorstellung von Gesellschaft. Modernisierung bedeutete die Ausrichtung an den Erfordernissen technischen Fortschritts.  Der gelegentlich auftauchende, von Industrie 4.0 abgeleitete Begriff  Gesellschaft 4.0 spiegelt noch diese Haltung.
Die These des „cultural lag(W. Ogburn,1937) – die kulturelle Phasenverschiebung in der Adaption neuer Techniken, bedeutet einen abgeschwächten Technikdeterminismus. Gesellschaftlich/kultureller Wandel in Institutionen  und Werten hängt demnach der technischen Innovation  hinterher  (vgl. Remmert, 2006).
Technikfolgenabschätzung geht im Ursprung darauf zurück, hat sich aber seitdem  weit ausdifferenziert und dient der Abschätzung von Risiken und Nebenwirkungen, v.a. in der Politikberatung.

Digitale Techniken verändern Wirtschaft und Gesellschaft so schnell wie zuvor noch keine andere technische Revolution – ein Satz, wie er so oder so immer wieder gesagt wird. Manchmal heisst es zudem, Digitalisierung treibe gesellschaftliche Verhältnisse vor sich her.
Der Prozess der Digitalisierung ist allerdings kein einheitlicher Prozess, er verläuft nicht nach einheitlicher Logik. Zwar wurde/wird Digitalisierung in vielen Fällen zentral durchgesetzt, ihr Erfolg gründet sich aber in der breiten Akzeptanz in der Lebenswelt – man denke zurück an all die Stufen der Verbreitung: Textverarbeitung und Desktop- Publishing, Digitalphotographie, E-Mail, Musik u.v.m. – all diese Anwendungen erreichten eine schnelle und breite Resonanz in Arbeits- und Lebenswelt.
Ganz sicher ist die Durchsetzung an den Ausbau der Infrastrukturen gebunden: Kabelnetze, 3G, 4G, 5G Mobilfunknetze, Speichermöglichkeiten intern und in der Cloud, verbesserte Rechenleistungen etc.  Jede Steigerung von Schnelligkeit und Volumen erweitert die Möglichkeiten, erleichtert neue Formen der Arbeitsorganisation und bedingt letztlich Veränderungen von Berufs-, Branchen-  Beschäftigungsstrukturen – und Lebensentwürfen.

In Die Macht der Plattformen bezieht sich Michael Seemann auf das Konzept der Affordanz (16), das er als einen abgeschwächten Technikdeterminismus einordnet: Technik gibt nicht die Struktur vor, aber sie ermöglicht sie bzw. macht sie wahrscheinlich. Affordance Theory meint zunächst den Gebrauch von Angeboten in der unmittelbaren Umgebung, etwa einen Tisch im Strassencafé, eine Parkmöglichkeit in der Wohnstrasse oder eben die Nutzung technischer Möglichkeiten. Objekte haben einen Angebotscharakter und legen einen bestimmten Gebrauch nahe. Der Erfolg der GAFAM- Unternehmen ist damit gut zu erklären: Googles Suchergebnisse, das bruchlose Einkaufserlebnis bei Amazon, die Einfachheit, Convenience der Vernetzung bei Facebook sind Angebote, die bei aller oft in Diskussionen geäusserten Skepsis von Nutzern/Kunden angenommen werden.

Technogenese/Technogenesis bedeutet die parallele Entwicklung, die Co- Evolution  von  Technik und Gesellschaft. Evolution ist generell keine beabsichtigte Entwicklung. Der Begriff stammt von dem französischen Medientheoretiker  Bernard Stiegler (✝2020) in Anlehnung an Anthropogenese.
Genauso offensichtlich klingt Technogenese  an die Konzepte Sozio– und Psychogenese bei Norbert Elias an. Geht es dort um langfristige Wandlungen von Gesellschafts – und Persönlichkeitsstrukturen,  um die Herausbildung eines Habitus, kann man Technogenese als Herausformung  der jeweils spezifischen technischen/materiellen Zivilisation verstehen.
Technogenese richtet den Blick auf die Interdependenz technischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Im Forschungskontext Netnographie wurde  Technogenese seit 2015 aufgegriffen. 2019 im Essential Guide to Qualitative Social Media Research (116) als ontologische Grundlage von Netnographie bezeichnet.  Technogenese ist ein Schlüsselbegriff für die Verbundenheit gesellschaflicher, medialer und technischer Entwicklung – der so auch Social Media in die Perspektive historischer Prozesse stellt. Eine Assemblage menschlich/technisch/medialer Umgebung. Derzeit als digitaler Konsumkapitalismus beschreibbar – der an einer Richtungsänderung steht.
Digitale Lebenswelt bedeutet eine fortwährende Adaption neuer Techniken, Dienste und Produkte. Zivilisation evolviert mit ihrer technischen Ausstattung. Politische, ökonomische und kulturelle Chancen sind damit verbunden.  Technische Neuerungen können oft das freisetzen, was in einer Gesellschaft längst vorhanden ist.

Parallel zur Digitalen Transformation wird die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur postindustriellen Spätmoderne diskutiert. Wahrscheinlich ist es v.a. die Feinstruktur der Digitalität, die sie an die Prozesse der Individualisierung anschliesst und von der vorhergenden unterscheidet: so etwa die Adressierbarkeit jede/s/r einzelnen  im Gegensatz zur  Ansprache über  Massenmedien.

Kozinets, Robert V.: Netnography Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015),  S. 49 ff – Netnography. The Essential Guide to Qualitative Social Media Research.. Third Edition 2020, S. 113 ff. Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap.  IX. Technik, S. 235 ff  Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten,
Werner RammertTechnik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006

*Ein Beispiel von vielen: Neue Techniken der Schiffskonstruktion brachten Stämmen am europäischen Rand, den Wikingern, einen Vorsprung, den sie militärisch (d.h. plündernd) und im Ausbau eines Handelsnetzes über bis dahin kaum verbundene Weiten, nutzten.

 


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