The Rulers – Corporate Power in the Age of AI and the Cloud (Rez.)

The Rulers – Big Tech als Knowledge Predators

Vorweg muss ich zugeben, dass ich The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud von Cecilia Rikap zunächst als  Fortsetzung und Aktualisierung der Kritik am Plattform- und Überwachungskapitalismus gelesen habe, der sich nun um die Dimension des Cloud-Computing erweitert hat.
Im Grunde richtet sich diese Kritik  gegen die Aneignung des digitalen Fortschritts durch eine Handvoll Konzerne  – gegen die Enteignung eines gesellschaftlichen Versprechens, das der digitaler Fortschritt lange Zeit war und für viele bis heute ist.

Vieles passt auch in diese Reihung: Rikap bezieht sich auf Shoshana Zuboffs Überwachungskapitalismus und auf Platform Capitalism von Nick Srnicek. Trumps Amtseinführung, umgeben von den Oligarchen aus Big Tech, steht als Schlüsselereignis vorn in der Einführung und wenige Zeilen später  steht der Satz: This book reveals how and why these companies have grown to dominate Western capitalism in close alliance with the US government (2).

Big Tech ist aber nicht nur ein Label für Plattformen und Social Media.  Plattformen sind nur eine von vielen Ebenen der digitalen Wertschöpfungsketten und  Netzwerke. Sie sind allerdings die Ebene, die das Verhältnis zwischen Großkonzernen und Individuen bestimmt:  erlebt werden sie als Consumer-to-Consumer (C2C) Beziehung, bleiben aber in die Regeln und die Datenextraktion der B2C-Plattformen eingebettet.
Die mediale Dominanz von Plattformunternehmen (vgl. M. Andree: Big Tech muss weg, 2023) und die Abschöpfung von Verhaltensdaten  (s. Zuboff) wurden in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert – und diese Diskussion bestimmt bislang das Bild von Big Tech.  Hinzu kommt die physische Infrastruktur incl. der Beschaffung natürlicher Ressourcen wie Wasser, Strom und Seltene Erden (vgl. dazu Kate Crawford: Atlas of AI),  die den Betrieb dieser Systeme erst ermöglichen.

Digitale Wertschöpfungsketten beruhen heute auf einer kollektiven, hochgradig arbeitsteiligen Wissensproduktion, zusammengehalten von der Rechenleistung und dem Speicherplatz der Cloud – ohne diese Infrastruktur würden sie nicht funktionieren. Genau hier sind in den letzten fünfzehn Jahren neue Monopole entstanden, die in der bisherigen Big-Tech-Diskussion weniger beachtet wurden – um die damit verbundene Machtstellung geht es Cecilia Rikap in The Rulers. Die mediale Macht der Social Media Betreiber bleibt draussen (auch wenn Microsoft mit LinkedIn dazu gehört).

Neues Machtzentrum: Die Cloud. Bild: engin-akyurt.unsplash+

Cloud Computing wird von wenigen Hyperscalern dominiert:  Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud.
Hyperscaler sind  Anbieter extrem skalierbarer Cloud-Infrastruktur. Diese Skalierbarkeit macht sie zur technischen Grundlage des KI-Booms und zum Zentrum globaler Wissensproduktion.

Rikap konzentriert sich in ihren Analysen auf diese Infrastrukturmacht, die aus dem Quasi-Monopol in der Cloud resultiert. Ihre Kernthese:  Amazon, Microsoft und Google seien  als die Hegemonen der Cloud keine klassischen Monopolisten mehr, sondern Herrscher über ein Wissens- und IP-Regime (IP: Intellectual Property) – sie kontrollieren Daten, Algorithmen, Recheninfrastruktur und damit die Bedingungen, unter denen Wissen erzeugt, organisiert und genutzt wird.
Their power is rooted in their control over global knowledge production, both within and beyond the tech sector. Big Tech controls the very technologies that determine knowledge and ignorance (5).

Meta, Apple, Nvidia bleiben demgegenüber zweitrangig: Sie verfügen zwar über eigene Rechenkapazitäten oder – wie Nvidia – über eine Schlüsselposition im Chip-Design, vermieten diese Infrastruktur aber nicht in vergleichbarem Umfang an Dritte. Sie sind selbst Nutzer und Abhängige, nicht Vermieter fremder Abhängigkeit.

Das Bild der Cloud-Giganten als blosse digital landlords – digitaler Vermieter, die IT-Infrastruktur auf Abruf bereitstellen, verharmlost ihre strukturelle Macht. Es geht um eine Form der Kontrolle, die weit darüber hinausgeht. Control beyond ownership  ist ein Prinzip, das sich in vielen Bereichen der Wirtschaft verbreitet hat, in  Franchise-Modellen wie auf digital market places (Amazon) und in den App Stores von Apple und Android.  Hyperscaler wenden es auf die Wissensproduktion selber an.
Cloud-Infrastrukturen sind keine statischen Mieträume, sondern bestehen aus Millionen hochkomplexer, ineinander verschachtelter einzelner  Software-Bausteine und Algorithmen – demselben Fundament auf dem auch aktuelle KI-Modelle trainiert und betrieben werden.
Diese Algorithmen lernen kontinuierlich aus lokalem Wissen und ermöglichen so  die
 Steuerung weiter gesellschaftlicher Bereiche, ohne dabei von lokalen Besonderheiten zu abstrahieren. Das Ergebnis ist eine Flut von Kennzahlen und Prognosen (185). 

Abgesichert werden diese digitalen Wissensmonopole durch das Zusammenspiel von geistigen Eigentumsrechten und strikter Geheimhaltung: Die fortschrittlichsten Algorithmen und die gesammelten Datenmengen bleiben unter Verschluss, während sich der technologische Wandel gerade dadurch beschleunigt – KI-Algorithmen verbessern sich, je mehr Daten sie verarbeiten.
Die bestehende Ordnung des geistigen Eigentums (IP-Regime) – Patente, Urheberrechte, Markenschutz – wird von den Cloud- und KI-Giganten nicht mehr nur passiv genutzt, sondern systematisch umgebaut, um Wissensmonopole abzusichern. Engmaschige Dickichte von Patenten (patent thickets) sowie das gezielte Ausnutzen von Regulierungslücken und Asymmetrien zwischen nationalen Rechtsordnungen, dazu technisch gezielt eingebaute Wechselbarrieren (stickiness), die einen Anbieterwechsel erschweren, verschaffen ihnen dauerhafte Vorteile.
Die Hegemonie der Cloud Giganten ist flächendeckend – um in der digitalen Ökonomie wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Unternehmen, ob Tech-Konzern Mittelstand oder Start-Up, auf deren Infrastruktur zu den gesetzten Bedingungen angewiesen. 

Das theoretische Fundament von The Rulers  verbindet zwei Begriffslinien: Intellectual Monopoly Capitalism bezeichnet eine aktuelle Entwicklungsstufe des Kapitalismus, in der die größte wirtschaftliche Macht und Profitquelle nicht mehr primär aus der Produktion materieller Güter stammt, sondern aus der privaten Aneignung und Kontrolle von Wissen, Daten und immateriellen Vermögenswerten. Ursprünglich geht das Konzept auf den italienischen Ökonomen Ugo Pagano zurück;  Rikap hat es  in ihrem vorhergehenden Buch Capitalism, Power and Innovation: Intellectual Monopoly Capitalism Uncovered (2021) entscheidend weiterentwickelt.

Die zweite Begriffslinie stammt von Cédric Durand, der bereits 2017 in Fictitious Capital zeigte, wie Finanzkapital sich künftige, noch gar nicht produzierte Werte aneignet – futures appropriation. In einem gemeinsam mit Cecilia Rikap verfassten Aufsatz (2021, s.u.)  übertrug er diese Logik auf die digitale Ökonomie: Der Begriff  Knowledge Appropriation beschreibt den Mechanismus, wie sich Tech-Konzerne Wissen einverleiben, das eigentlich außerhalb ihres eigenen Eigentumsbereichs erzeugt wurde.
Was ich eingangs als Aneignung des digitalen Fortschritts bezeichnet habe, liesse sich in dieser Begriffsfamilie folgerichtig als “progress appropriation” fassen – dieselbe Logik, nur auf das gesellschaftliche Versprechen selbst angewandt, das digitaler Fortschritt einmal war – und im Grunde auch noch ist.

Hyperscaler eignen sich dieses dezentrales Wissen an und errichten darauf Monopole. Damit wird ausgehebelt, was Schumpeter als den  Motor der Marktdynamik beschrieb: Aus der potenziell radikalen schöpferischen Zerstörung durch neue Herausforderer wird ein Dauerzustand verfestigter Wissensherrschaft. Die Dominanz der Hyperscaler erreicht einen Punkt, an dem selbst andere mächtige Akteure von ihren monopolisierten Technologien abhängig sind.  Rikap nennt sie Knowledge predators Wissensräuber, deren anhaltende Monopolisierung immaterieller Güter die Verbreitung von Innovation bremst und die meisten verbliebenen Unternehmen in Abhängigkeit hält (vgl. 106).

Ohne die enge Bindung an Microsofts Azure-Infrastruktur hätte es den durchschlagenden Start von ChatGPT vor dreieinhalb Jahren in dieser Form kaum gegeben – ein frühes Beispiel für die Verschränkung von KI und Cloud Computing, die erst mit der Lockerung der Exklusivität 2026 wieder aufgebrochen wurde. Bezeichnend dabei: Während OpenAI selbst bis heute keine profitable Geschäftsgrundlage gefunden hat, verdient Microsoft als Hoster in jedem Fall mit – ob KI sich am Ende rentiert oder nicht.

The Rulers ist kein rein theoretisches Werk, es stützt sich auf  eine breite empirische Basis. Rikap führte insgesamt 112 Interviews mit  Wissenschaftlern, Entwicklern, Ingenieure, Technikern, Führungskräfte und leitenden Angestellten in der Entwicklung oder Anwendung fortschrittlicher digitaler Technologien bei 55 multinationalen Konzernen, darunter auch US-amerikanische und chinesische Big-Tech-Unternehmen.

Cecilia Rikap ist  Ökonomin, stammt aus Argentinien und lehrt am  University College London, am dortigen Institute for Innovation and Public Purpose (IIPP) – einem der einflussreichsten wirtschaftspolitischen Thinktanks und Forschungsinstitute im Bereich Innovationsökonomie und öffentliche Wertschöpfung, geleitet von Mariana Mazzucato. 

Rikap ist nicht nur Diagnostikerin, sondern hat  konkrete politische Positionen. Sie plädiert aktiv für eine öffentliche Cloud-Infrastruktur, als Gegenmodell zur Abhängigkeit von den drei Hyperscalern – und hat in genau dieser Frage sowohl Brasilien als auch die EU beraten.

Fast zeitgleich mit The Rulers erschien mit Gil Durans The Nerd Reich ein weiteres Buch zum Machtüberhang von Big Tech.
Duran versteht sich als investigativer Journalist und  trägt relevante Quellen und Hintergründe zu den tech-autoritären Bewegungen von ihren Anfängen bis zum Bündnis mit der MAGA-Bewegung zusammen.  Er setzt damit eine Diskussion fort, die vor allem seit Trumps zweiter Amtsübernahme geführt wird: dass demokratiefeindliche Strömungen im Silicon Valley die Demokratie systematisch untergraben und eine autoritäre, technokratische Herrschaftsordnung anstreben  (vgl. dazu die Rezension zu Jannis Brühl: Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen). 

Sein Buch habe ich (noch) nicht gelesen – mein bisheriger Eindruck stammt aus seinem wöchentlich erscheinenden Newsletter.
Duran bezieht klassische Faschismus-Kriterien – die Dämonisierung von Gegnern, Propaganda, Führerkult, Verachtung von Demokratie – auf die Tech-Elite und die MAGA-Bewegung. Im Vordergrund stehen bekannte Akteure und Ideologen wie Peter Thiel, Elon Musk und Curtis Yarvin sowie die Ideologien eines radikalisierten Cyberlibertarismus .

Ist Demokratie eher durch direkte politische Übergriffe gefährdet – die allerdings auch entsprechende Gegenreaktionen auslösen – oder durch unregulierte Monopole, die im Rahmen eines ganz normalen, kaum angefochtenen Kapitalismus die Infrastruktur des Wissens kontrollieren?

Cecilia Rikap: The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud.  Verso Books, London & New York,  2026. 245 S. – Interview mit Cecilia Rikap: Wir alle produzieren KI, aber nur einige Wenige profitieren. interview in Surplus. Das Wirtschaftsmagazin. 14.08.2026. Cecilia Rikap: Digital Public Infrastructure’: Cultural hegemony and states’ technological dependence.
Bensussan, Hannah, Durand, Cédric, Rikap, Cecilia. 100 years of Corporate Planning. From Industrial Capitalism to Intellectual Monopoly Capitalism through the lenses of the Harvard Business Review (1922-2021). 2023  — G
il Duran: The Nerd Reich 8/2026.  – Cédric Durand: Fictitious Capital: How Finance Is Appropriating Our Future.  Cecilia Rikap & Cédric Durand:  Intellectual monopoly capitalism—challenge of our times. Social Europe. 5.10.2021

 



Visuelle Desinformation – Digitale Bilder zwischen Populismus und Manipulation (Rez.)

Visuelle Desinformation  – eine Strategie politischer Kommunikation

Ganz zu Beginn war das Internet vor allem ein Textmedium. Wer es selber erlebt hat, erinnert sich an Textwüsten, die oft mehr an Code und Kommandozeilen als an Kommunikation erinnerten – Newsgroups, Foren und E-Mails als Hauptkanäle. Die Bilder kamen in Schritten dazu, von den stark komprimierten jpgs der Jahrtausendwende über die ersten Fotoplattformen bis zu Live-Videos in Social Media. Mit zunehmender Bandbreite, leistungsfähigeren Endgeräten und der Verbreitung der Smartphones wurde aus dem Textmedium ein mehr und mehr visuelles.
Heute ist digitale Kommunikation  zu einem grossen Teil  visuelle Kommunikation. Der Content der Plattformen kommt oft ohne Zwischenschritte von den SmartPhones und wird ohne nennenswerte Verzögerung verbreitet. Bilder transportieren Informationen nicht nur anders als Texte – sie strukturieren Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Emotionen auf eigene Weise.

Marcel Lemmes,  der Autor von Visuelle Desinformation. Digitale Bilder zwischen Populismus und Manipulation, wurde in diese Entwicklung hineingeboren (Jg. 1996). Selber erinnere ich mich, dass genau in diesen Jahren die Debatten um Online-Communities und digitale Identitäten begannen. Wenige Jahre später (4/2001) hatte ich eine  Konferenz moderiert, auf der es um virtuelle soziale Beziehungen  ging. Die Dokumentation dazu wurde auf CD erstellt, die Bandbreiten reichten damals noch nicht aus, Bild- und Tonaufzeichnungen online zu stellen.
Heute geht es um algorithmische Öffentlichkeiten, visuelle Kommunikation und KI-generierte Bilder. Die Grundfrage ist jedoch erstaunlich ähnlich geblieben. Wie verändern digitale Medien die Art, wie Gemeinschaften entstehen, Bedeutung erzeugt wird und Öffentlichkeit funktioniert? Und wie und von wem werden die Wirkungen genutzt?

Lemmes untersucht in Visuelle Desinformation  einen Ausschnitt daraus. Seine Frage ist die der aktuellen politischen Wirkung populistischer Propaganda. Wie Bilder dazu genutzt werden, Emotionen anzusprechen, Identitäten zu erzeugen, Feindbilder zu konstruieren und politische Mobilisierung zu betreiben (16). Ihr Einsatz unterscheidet sich deutlich von klassischer strategischer Kommunikation.
Desinformation ist kein Versehen, sondern Strategie. Sie untergräbt das Vertrauen in Institutionen, Medien und Expertise – also genau jene Instanzen, die populistische Ansprüche hinterfragen könnten. Das macht desinformative Kommunikation nicht nur kompatibel mit Populismus, sondern zu einem seiner konstitutiven Werkzeuge.

Digitale  Bilder sind sicherlich kein exklusiv populistisches Medium, aber sie sind in besonderer Weise mit Populismus kompatibel. Sie verkürzen Komplexität, emotionalisieren, sind anschlussfähig und viral – genau die Eigenschaften, auf die populistische Kommunikation angewiesen ist ¹.

Zentral in Lemmes’ Analyse ist das Dreieck Desinformation, Populismus und visuelle Kommunikation – eingebettet in die spezifischen Eigenheiten digitaler Medien: Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, algorithmische Verstärkung und die Umgehung klassischer Gatekeeping-Strukturen.
Digitaltät ist der allgegenwärtige Meta-Kontext. Lemmes orientiert sich an theoretischen Ansätzen, die die digitale Transformation als kulturellen und gesellschaftlichen Wandel beschreiben, darunter drei Bücher, die ich in den vergangenen Jahren rezensiert hatte: Kultur der  Digitalität von Felix Stalder (2016), 4.0,  Die Lücke die der Rechner lässt  von Dirk Baecker (2018) und Muster. Theorie der Digitalen Gesellschaft  von Armin Nassehi  (2019). 

Stalders Konzept der Digitalität – Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit, Algorithmizität bildet den wichtigsten theoretischen Rahmen. Referenzialität meint die Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion. Gemeinschaftlichkeit verweist auf die konstitutive Rolle kollaborativer Praktiken in digitalen Kontexten. Ohne Algorithmizität wären die Möglichkeiten der digitalen Welt kaum nutzbar. Algorithmen steuern als automatisierte Personalisierung die Zuordnung digitaler Medieninhalte.
Baeckers Begriff des Überschusssinns – jedes  Medium stellt mehr Kommunikationsmöglichkeiten bereit, als aktuell wahrgenommen werden können – erklärt einen Teil der kommunikativen Wirksamkeit von Bildern, aber auch ihre Anfälligkeit für Manipulation.
Nassehi fasst ein Grundverständnis von Digitalität systemtheoretisch ein.  Seine zentrale These besagt, dass die gesellschaftliche Moderne immer schon digital war – digitale Technik ist demnach die logische Konsequenz einer in ihrer Grundstruktur bereits digital organisierten Gesellschaft.
Imagined community  (nach Benedict Anderson, 1983)  ist ein weiteres, für das Buch wesentliches Konzept. 

Nebenbei fällt auf, dass Lemmes den Begriff des Überschusssinns sowohl bildtheoretisch bei Gottfried Boehm als auch medientheoretisch bei Dirk Baecker aufgreift. In beiden Fällen bezeichnet er die Eigenschaft von Medien, hier speziell von Bildern, mehr Bedeutungsmöglichkeiten zu erzeugen, als sich eindeutig festlegen lassen. Gerade darin liegt ein Teil ihrer kommunikativen Wirksamkeit – aber auch ihrer Anfälligkeit für Manipulation und Desinformation.

Die Plattformen der Social Media sind das Feld, das Habitat visueller Desinformation.  Generell begünstigen sie visuelle und affektive Inhalte. Die Grenzen zwischen Realität und Konstruktion sind fliessend. Soziale und politische Realitäten werden auf eindimensionale Ursache-Wirkungs-Schemata reduziert, um impulsive Bewertungen wachzurufen (288).  

Bei der Analyse von Bildern stützt sich Lemmes auf die semiotischen und bildtheoretischen Ansätze  von Roland Barthes und Charles Sanders Peirce. Peirce erklärt die Struktur der Zeichen, Barthes die kulturell-ideologische Aufladung von Bildbedeutung – also genau jene Schicht, auf der visuelle Desinformation operiert.  Nicht durch falsche Fakten allein, sondern durch die gezielte Aktivierung kultureller Codes und emotionaler Resonanzen.
Einen weiten Teil des Buches nehmen die darauf aufbauenden bild- und zeichentheoretischen  Analysen ein –  einschliesslich ihrer Grundlagen in Kunstgeschichte und Semiotik. Der Autor zeigt an konkreten Beispielen, wie visuelle Zeichen ideologisch aufgeladen, kontextuell verfremdet und affektiv instrumentalisiert werden.

Bildbeispiel Sexualstrafrecht als Bildpropaganda, Posting auf X (03/24)  S. 324

Ein Beispiel: In der Abbildung rechts wird eine Situation von Gewalt und Bedrohung gegen Frauen emotional hervorgerufen.
Sexualstraftaten verdreifacht: Abschiebungen sind Frauenschutz.
Der Slogan verbindet diese emotionale Reaktion mit der politischen Forderung nach Abschiebungen und suggeriert, dass Abschiebungen eine direkte und notwendige Maßnahme sind, um Frauen vor sexualisierter Gewalt zu schützen (323).
Die behauptete Kausalität wird durch statistische Angaben gestützt. Deren Anstieg ist jedoch v.a. auf die Erweiterung von Straftatbeständen (Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung, 2016) zurückzuführen.

Desinformation und Fake News im Vergleich (S. 123). Graphik wird nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster angezeigt

Fake News sind das im öffentlichen Diskurs wohl präsenteste Format von Desinformation. Lemmes unterscheidet genau  zwischen beiden Begriffen – eine Differenzierung, die ansonsten oft unterbleibt. Desinformation ist demnach der übergeordnete und präzisere Begriff: systematisch, intentional und auf Schädigung des Informationsökosystems ausgerichtet.
Fake News ist breiter, diffuser – und wird im politischen Diskurs oft selber als manipulativer Begriff  verwendet, der genau diese Unterscheidung verwischt.

Die Materialbasis der Arbeit stammt überwiegend aus der Phase  vor dem Durchbruch generativer KI. Analysiert werden v.a. Memes, Sharepics, Social-Media-Fotos und Bild-Text-Kombinationen.
Die Analyse bleibt damit auf eine visuelle Kommunikation bezogen, in der visuelle Inhalte noch an reale Aufnahmeereignisse rückgebunden sind. KI-generierte Bilder verschieben diesen Rahmen. Wo zuvor Bilder bearbeitet und kontextuell verfremdet wurden, können heute vollständig synthetische Bildwelten entstehen, denen kein reales Ereignis mehr zugrunde liegt. Die Grenze zwischen Dokumentation, Inszenierung und Simulation wird dadurch weiter destabilisiert.
Im Schlusskapitel weist der Autor bereits darauf hin, dass realistische Bildmanipulationen, automatisierte Inhaltsproduktion und die Verschleierung von Urheberschaften die Analyse visueller Desinformation vor neue Herausforderungen stellen werden (339).

Seit der Einreichung der Dissertation im Mai 2025 hat sich die Relevanz KI-generierter visueller Desinformation weiter erhöht, während zugleich die (technische) Qualität der erzeugten Bilder deutlich gestiegen ist. Die von Lemmes analysierten Mechanismen verschwinden dadurch nicht, sondern gewinnen im Kontext generativer Systeme eine neue Qualität. Gleichzeitig unterstreicht diese Entwicklung die Aktualität der Grundfragen der Arbeit.

Als Dissertation ist Visuelle Desinformation der akademischen Form verpflichtet. Die Verbindung von Populismus, visueller Kommunikation und Desinformation ist der besondere Alleinstellungswert des Buches. Und diese Verbindung ist wissenschaftlich sauber herausgearbeitet.
Das Interesse am Thema geht aber weit über den akademischen Kontext hinaus. Visuelle Kommunikation ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des digitalen Alltags. Visuelle Desinformation ist so keine Randnotiz politischer Kommunikation, sondern Teil alltäglicher Medienerfahrung. Jeder mit Social-Media-Erfahrung begegnet entsprechenden Mechanismen – und sollte sie im Idealfall ohne fachliche Vorbildung erkennen können.

Eine nicht-akademische, gestraffte Sachbuchfassung bzw. ein Reader zur politischen Bildung würde m.E. – ergänzt um die Spezifität KI-generierter Bilder – auf grosses Interesse stossen.

 

Marcel Lemmes: Visuelle Desinformation. Digitale Bilder zwischen Populismus und Manipulation. Herbert von Halem Verlag, Köln 2025.  365 S.;  –  ¹ Das digitale populistische Bild ist entsprechend definiert als „ein dynamisches, technisch vermitteltes und sozial eingebettetes Zeichen, das strategisch eingesetzt wird, um ideologische Ziele durch spezifische Bildakte zu verfolgen” (297).
Rezensionen zu Kultur der  Digitalität von Felix Stalder (2016), 4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt  von Dirk Baecker (2018) und Muster. Theorie der Digitalen Gesellschaft  von Armin Nassehi  (2019).  – 



Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis Brühl: Der Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



Hermes 3000 – ein Buch-o-Mat

Zuerst hatte ich es für eine Glosse gehalten. Oder für eine experimentelle Spielerei, etwas, was man entwirft, weil es möglich ist, egal ob nützlich oder nicht. Ein Pilotprojekt, von dem man noch nicht weiss, was daraus werden kann.
Die Selbstbezeichnung als KI-gestützte Plattform für kreatives Schreiben nimmt aber klaren Bezug zu dessen Methoden.

Hermes 3000 von HybridAI ist ein Buch-Generator. Kein Converter, der bestehende Vorlagen in E-Books umwandelt, sondern ein System, das fiktionale und nicht-fiktionale Texte von Grund auf generiert:
Schreibe Belletristik mit lebendigen Charakteren oder Sachbücher mit klarer Struktur – KI-unterstützt bis zum fertigen E-Book – so lautet die Zielbeschreibung auf der Startseite..
Der Name ist eine Hommage an die  portable Schreibmaschine Hermes 3000 aus Schweizer Produktion, die in den 60er und 70er Jahren hergestellt wurde und heute noch ein begehrtes Sammlerobjekt ist.

Das Dashboard von Hermes 3000. Nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster

Hermes 3000 verspricht viel. Das System sei so angelegt, dass es das Buch gemeinsam mit dem Autor/der Autorin schreibt, nicht anstelle von. Die Selbstbeschreibung liest sich ambitioniert:  Der Autor liefert die Vision, die Grundidee, die Themen, die Figuren, die großen Wendepunkte. Das System bewahrt den roten Faden und die innere Dynamik der Figuren (vgl. Blog).
Der Zugang zu den Funktionen erfolgt über ein Dashboard. Dort lassen sich die zentralen Parameter festlegen: Handlungsentwicklung, Schreibstil, Charaktere, Schauplätze (Screenshot vom Dashboard links).
Das Dashboard folgt der Logik kreativen Schreibens: Erst die Handlung entwickeln, dann Charaktere und Schauplätze definieren, schließlich den Stil festlegen. Was in Schreibratgebern als mühsamer Prozess beschrieben wird – Charakterbögen erstellen, Plotstrukturen entwerfen – soll hier in wenigen Klicks eingegeben und erledigt sein. 

Die Beispiele: Anspruch und Wirklichkeit

Der Plot in ein Bild gefasst. Nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster

Zwei Beispiele, die mit Hermes 3000 erstellt worden,  sind über die Eingangsseite zugänglich. Als Sachbuch eine Einführung in Javascript, die sich wahrscheinlich relativ einfach aus vorhandenen Vorlagen zusammenbauen und jeweiligen didaktischen Ansprüchen anpassen lässt.
Das zweite, belletristische Beispiel mit dem Titel Die letzte Frage wird als nachdenkliche Science Fiction Kurzgeschichte  (22 Seiten) vorgestellt. Die Graphik (re.) zeigt den Plot,  beim Lesen wird mir aber kaum eine Handlung klar.
Die Sätze sind kurz. Bewusst kurz. Fast schon demonstrativ: Das zweite Klingeln trifft mich wie ein Fehler im Takt. Erst das Summen der Server. Dann dieses nüchterne, helle Rattern im Ohr, das heißt: neues Ereignis. Ich warte nicht. Ich starre auf den Monitor. Die Liste scrollt, Zeilen wie Herzschläge. Neue Zeile. Neuer Notruf. Dieselbe Straße. Dieselbe Uhrzeit. Dieselbe Kennung.
Dieser Staccato-Rhythmus zieht sich durch den ganzen Text. Ein angewandtes Stilmuster, mehr aber nicht.
Ist es gewollt oder ein Zufall, dass mich der Name des fiktiven Autors Shapir Amurati an die indische Schriftstellerin Arundhati Roy erinnert? Eine Verbindung kann ich nicht erkennen. Das Textbeispiel kann mich jedenfalls nicht überzeugen.

Marc Elsberg: KI als Werkzeug, nicht als Autor

Überzeugender als die Selbstbeschreibungen der Software wirkt auf mich der Verweis auf den Thriller-Autor Marc Elsberg (Blackout, 2012; °C – Celsius, 2023). In einem Interview mit der ZEIT (August 2025) hatte er sich offen zur Nutzung von KI beim Schreiben geäussert – allerdings mit klaren Einschränkungen.
Elsberg nutzt KI als Recherche- und Hilfsmittel, nicht als Schreibmaschine. Für ihn ist KI ein fleißiger Praktikant, dem man ständig auf die Finger schauen muss. Sie sammelt Details zu Schauplätzen oder technischen Hintergründen, wofür früher Stunden nötig waren. Einen Roman schreiben zu lassen, hält er dagegen für illusorisch: In Wahrheit scheitert das Ding schon auf Seite eins. KI könne weder komplexe Plots entwickeln noch überzeugende Figuren gestalten.
Gerade diese nüchterne Einschätzung macht Elsberg als Referenz interessant. Er weist KI weder pauschal zurück noch erhebt er sie zur kreativen Instanz. Ihr Nutzen liegt im Vorfeld des Schreibens – nicht in der literarischen Entscheidung selbst. Selbst wenn das Gegenüber keine echte Person ist, sondern eine Simulation: Mein Versuch, zu erklären, was ich will, zwingt mich zugleich, präzise zu sein. Und manchmal bekomme ich sogar ganz gute oder witzige Antworten.
Literatur war immer ein Ort der Spekulation. Vielleicht stehen wir gerade an der Schwelle zu etwas völlig Neuem. Einer Transformation. Weg vom Menschen, wie wir ihn kennen – hin zu etwas, das wir noch nicht einmal denken können. Der Mensch war nie fertig.
(Auszüge aus dem Interview in der Zeit)

Paul Auster: 4-3-2-1 als literarisches Vorläufer-Experiment

Warum fällt mir im weiteren der Roman 4-3-2-1 von Paul Auster (†2024) ein?  Ganz sicher nicht KI-generiert,  er erschien 2017. Im Jahre 2005 schrieb Auster übrigens eine (weniger bekannte) Geschichte meiner Schreibmaschine,  keine Hermes 3000, sondern eine Olympia-Reiseschreibmaschine. Darin schreibt er: Seit jenem Tag im Jahre 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden.
4-3-2-1 enthält vier Varianten eines Lebenslaufes des Protagonisten Archibald Ferguson.  Jede der Varianten ist historisch, sozial und politisch präzise in der dritten Generation von Einwanderern an der amerikanischen Ostküste der 50er bis zu den frühen 70er Jahren verankert.
Bei gleicher Ausgangslage wird deutlich, wie unterschiedlich sich ein Leben, die eigene Existenz entwickeln, oder auch plötzlich abbrechen kann. Der Roman ist ein Epos mit oft sehr langen, verschachtelten Sätzen, als eine historischer Panorama-Erzählung angelegt, in der die individuellen Erfahrungen eingebettet sind.
Am Ende offenbart Auster, dass Ferguson 4 die vorhergehenden drei Fergusons als fiktionale Versionen seines eigenen Lebens erfindet – ein Buch im Buch. Vor acht Jahren hatte ich die ca. 1250 Seiten in der Weihnachtswoche verschlungen.
Der literarische Entwurf dieser vier Lebensvarianten Fergusons wirkt heute wie ein Vorwegnehmen dessen, was aktuelle KI-Modelle technisch leisten können: die Generierung multipler, paralleler Realitäten aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt. Aus der Kernfigur Archie Ferguson entfalten sich vier divergierende Lebensläufe – ähnlich wie KI aus einem Input eine Vielzahl möglicher Fortsetzungen erzeugen könnte.

Was Auster als monumentales literarisches Projekt über 1250 Seiten in mehreren Jahren realisierte, könnte eine KI theoretisch in Minuten generieren.  Vier Versionen desselben Lebens, gesteuert über algorithmische Regeln zu Zufällen und historischen Umständen.
Doch würde dabei auch entstehen, was Austers Roman auszeichnet? Die sprachliche Präzision, mit der sich Lebenswege verzweigen? Die historische Dichte, die jede Variante trägt? Die erzählerische Kraft, die den Leser in die Geschichte zieht?  Das was mit innerer Kohärenz der Geschichte gemeint ist, ist ein Ergebnis von Erfahrung, Urteil und künstlerischer Entscheidung.

Was ist literarische Qualität?

Schreiben heißt nicht nur, Texte zu produzieren. Es bedeutet, Ideen zu sammeln, zu recherchieren, sinnvoll und kreativ zu strukturieren und all das schliesslich in einem stimmigen Text zu verbinden.  Literarische Qualität bemisst sich an dem, was ein Text im Denken und Empfinden des Lesers auslöst. Ein guter Satz kann ansprechen wie ein erotischer Reiz. Er vermittelt nicht nur Bedeutung, sondern lässt den Moment spüren, bevor man sie (die Bedeutung) verstanden hat.
Literatur erhebt einen Authentizitätsanspruch. Sie beansprucht Singularität. Ein Teil davon ist Handwerk, dieses Handwerk lässt sich systematisieren, beschleunigen, auch durch KI unterstützen. Die Einzigartigkeit von Literatur liegt ihrer Unvorhersehbarkeit. Sie lebt von produktiven Brüchen, den Momenten, in denen ein Autor gegen die eigene Regel schreibt, weil die Szene es verlangt. KI kann Muster reproduzieren, aber nicht gegen sie verstoßen.

KI kann Vorschläge machen, Varianten generieren, Inkonsistenzen aufspüren – aber die Entscheidung, welcher Satz bleibt und welcher fällt, welche Szene verstärkt und welche gestrichen wird, kann nur der Autor treffen.

Hermes 3000 im Vergleich zu Sudowrite

Hermes 3000 ist gerade einmal drei Wochen alt, lässt sich so als Beta- Version bzw. Prototyp verstehen. Allerdings ist der Anspruch hoch, das Preismodell (Standard, Pro, Corporate) selbstbewusst. Es ist kein besseres Textverarbeitungssystem, sondern  ein Werkzeug zum Design von Narrativen. Aber ein Werkzeug, das den Plot strukturiert, schreibt noch keine Geschichte.

Zum Vergleich: Sudowrite, ein bereits etabliertes Tool für kreatives Schreiben, verfolgt einen bescheideneren Ansatz.  Auf Kindlepreneur, einer Plattform für Self-Publisher, heißt es in einer aktuellen Review: I’d never use Sudowrite to write a book for me. But it can help when I’m stuck. Das Tool positioniert sich als Assistenz-System, nicht als Autor-Ersatz.
Sudowrite positioniert sich als Assistenzsystem, nicht als Generator.  Mit Muse bietet Sudowrite ein speziell für Belletristik trainiertes Modell, das laut Reviews als the best model for natural sounding prose gilt. Zugleich wird  eingeräumt: The output requires editing to match your style. Reviews nennen  Schwächen, so ändern sich  Charakternamen mid-story. Möglich, das Hermes 3000 dem Modell von Sudowrite folgt. 

Fazit

Wo es um die schnelle Produktion großer Textmengen geht, wird sich generativer Text weiter ausbreiten – und hat es längst getan. KI-generierte Bücher sind bereits auf dem Markt. In bestimmten Genres mag das akzeptiert sein, dort, wo Quantität zählt und literarischer Anspruch gering ist. Das Problem ist nicht die Genre-Literatur an sich, sondern ihre industrielle Produktion. Sie wird zunehmend als Slop wahrgenommen – formal korrekt, aber ästhetisch leer.
Frage bleibt, wie sich Sprachmodelle so nutzen lassen, dass sie Arbeit erleichtern, kreative Prozesse unterstützen. KI ist in vielen Details nützlich, aber keine Instant-Lösung für komplexe Formate

Hermes 3000: https://hermes3000.ai/  Peter Neumann– Interview mit Marc Elsberg – : In Wahrheit scheitert das Ding auf Seite eins. Die ZEIT Nr. 33/2025. 8/25 -.Paul Auster: 4321..  1289 S. 2017. Jason Hamilton: Sudowrite Review: Is It the Best AI Tool for Writers in 2026? In: kindlepreneur.com 23.12.2025



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