Muster – Theorie der Digitalen Gesellschaft (Rezension)

30/10/19 kmjan
Mustererschien Ende August, ist inzwischen in der dritten Auflage – und hat die ganze mediale Aufmerksamkeit erhalten, die soziologische Werke in der deutschsprachigen Öffentlichkeit überhaupt erreichen können. Zu kaum einer anderen Neuerscheinung gab es so viele Rezensionen, so viele Interviews. Der Untertitel \\\Theorie/// der digitalen Gesellschaft setzt einen Anspruch zum Standardwerk.

Für welches Problem ist Digitalisierung die Lösung? Mit dieser (methodischen) Leitfrage eröffnet Armin Nassehi seine Sichtweise auf Digitalisierung. Die Antwort ist sperrig, dem systemtheoretisch- funktionalistischen Ansatz konform:  “Das Bezugsproblem der Digitalisierung ist die Komplexität und vor allem die Regelmässigkeit der Gesellschaft selbst (28).” Verständlicher wird sie mit den im Abschnitt “Die digitale Einfachheit der Gesellschaft” (173-177) formulierten Thesen, wo es u.a.  heisst: “Die leistungsfähige Digitaltechnik folgt demselben Muster wie die gesellschaftlichen Funktionssysteme (176) …” – das bedeutet eine Art Spiegelung bzw. Verdoppelung der Welt durch digitale Daten (109).

Erkennen Sie das Muster? Bild: photocase.de/marqs

Mustererkennung bedeutet in dieser Fülle von Daten (Big Data) Gesetz- und Regelmässigkeiten zu erkennen, Wahrscheinlichkeitsbeziehungen in Datensätzen freizulegen (35). Alles was geschieht kann Spuren in Form von Daten hinterlassen, es muss nur irgendwo aufgezeichnet werden. Verkehrsströme, Bewegungsverhalten, Kauf- bzw. Marktentscheidungen,  gezielte und Gelegenheits- Kommunikation (z.B. in Social Media), Körperfunktionen, Sprache, Wetter u.v.m. – Mustererkennung ist Voraussetzung weiterer Verarbeitung und  Nutzung von Daten – Algorithmen funktionieren auf dieser Grundlage. Keine Spracherkennung, kein Mobilitätsmanagement, keine personalisierte Werbung, keine Steuerungstechniken, keine KI ohne Mustererkennung.

Ein ebenso passender Titel wäre die dritte Entdeckung der Gesellschaft. Mit der Digitalisierung entdeckt sich die Gesellschaft neu, wird sich ihrer selber bewusst – zum dritten male. Die erste Entdeckung der Gesellschaft, d.h. als sie selber anfing, sich als solche zu verstehen,  begann mit Aufklärung und franz. Revolution – eine Erfahrung von Gestaltbarkeit anstelle der Fortsetzung von Traditionen, längerfristig ging daraus die Soziologie als eigenständige Wissenschaft hervor. Ab etwa 68 folgte eine zweite Entdeckung, als man Erkenntnisse anwenden und Sozialstrukturen in einem emanzipatorischen Sinne zu ändern bestrebte.
Die dritte, digitale Entdeckung der Gesellschaft bedeutet, dass nun in ständiger Spiegelung die latenten Muster sichtbar werden, die soziale Ordnung bestimmen. Diese ist kaum noch an äusseren Kennzeichen erkennbar, sondern in den kumulierten Datenspuren (vgl. 46-54).
War die Moderne längst vor Beginn der Digitalisierung digital und ist letztere gar nicht so disruptiv? Nassehi bezieht sich u.a. auf die Anfänge der Sozialstatistik im 19. Jh., als man begann Daten zu sammeln und bald deren Wert für das Verwaltungshandeln erkannte. Empirische Sozialforschung deckt seit ihren Anfängen Muster auf, die ohne Forschung unsichtbar blieben, mit ihr methodisch kontrolliert sichtbar werden (55). Big Data vervollkommne letztlich nur die Erfassung und Vermessung der Gesellschaft, die lange vorher begonnen hat  (316).

Digitaler Boden. Bild: quaiko

Digitalität beruht auf der maximal simplen Codierung von Informationen (Daten) im binären Muster –  Daten jeglicher Art und unterschiedlichster Quellen aus einer mit Sensoren und Messpunkten ausgestatteten Gesellschaft können und werden in diesen Code übersetzt und in vielfältigster Weise zusammengeführt, rekombiniert. Gerade die binäre Einfachheit macht Digitalisierung so vielfältig und geschmeidig.
Nassehi schliesst moderne Funktionssysteme daran an (vgl. 173), die ebenso binär
kodiert sind.
Nassehis Impetus ist die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion dessen, was mit dem Begriff der Digitalisierung belegt ist  (15). Ganz wesentlich ist die Parallele (mir kommt schon der – überzogene – Begriff “Wesensgleichheit” in den Sinn) zwischen der technischen und der gesellschaftlichen Ebene.  Erklärungsrahmen ist Systemtheorie. Funktionssysteme, Störung (eines Systems), Katastrophe (einer Gesellschaft) – die Begriffe werden in diesem Sinne gebraucht.

Manche Passagen lesen sich sich flüssig mit Formulierungen, die man sich merkt, andere spröde, etwas angestrengt, im für Systemtheorie typischen Duktus. Mal wird im Plauderton gelästert (Mischung aus kritischer Attitüde und alltagsnaher Beschreibung in der Soziologie,  S. 13) – auf einer langen Strecke geht  es um die Anbindung an  Wissenschaftstheorie und Philosophie; Husserl, Heidegger, de Saussure und auch Kybernetik kommen vor.
Wo es um konkrete gesellschaftliche Themen geht, wird es gleich wieder flüssiger: Das Internet als Massenmedium (263-292), der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit (300), Gefährdete Privatheit (293 -315).  Im Kapitel Digitaler Stoffwechsel geht es um die materielle Dimension.
 Themen, die in den vergangenen Jahren ausgiebig diskutiert werden, hier erhellend zusammengefasst. 

Fast unvermeidlich kommt der Gedanke, die Eingangsfrage umzukehren: “Für welches Problem bietet dieses Buch eine Lösung?” (auch anderen Rezensenten kam die Idee).
Eine abschliessende Synthese gibt es nicht – wohl einen Debug zur Wiedergeburt der Soziologie aus dem Geist der Digitalisierung (318-327) sowie die oben erwähnten Thesen (175-177). Zentral sind Musterbildung und – ausdeutung, die Möglichkeiten der Rekombination, die Verdoppelung der Welt – aber ist das bereits eine allgemeingültige Theorie der digitalen Gesellschaft? Kann es denn eine solche Theorie geben, in der Macht und die Verteilung von Ressourcen nicht weiter thematisiert werden? Anscheinend geht es auch darum, Begriffe, Sichtweisen und Argumentationslinien der Systemtheorie in der Digitalisierungsdebatte zu festigen. Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff kommt wohl im Kapitel zu Sinnüberschussgeschäften vor. Bei ihr geht es um die Geschäftsmodelle der grossen Digitalunternehmen, die letztlich zu einer Etablierung neuer instrumentärer Macht führt, die den Rahmen kommerzieller Aktivität überschreitet. 

Dass Technologien (und andere Neuerungen) nur dann erfolgreich sind, wenn sie an Dispositionen in einer Gesellschaft anschliessen – eine Selbstverständlichkeit. Würden sie es nicht, würden sie auch nicht weiterentwickelt. Kann man aber Digitalisierung mit der Sozialstatistik des 19. Jh beginnen lassen? Warum nicht gleich mit den Volkszählungen antiker Grossreiche? Mehrfach wird untergeschoben, Digitalisierung würde immer wieder als Kolonialisierung erlebt, stimmt das? Kaum eine andere Technologie wurde derart begrüsst, geradezu umarmt.  Wenn sie so erlebt wird, dann, wenn unter ihrem Label Machtverschiebungen durchgesetzt werden. Etwa, wenn ein Unternehmensberater vor die Belegschaft tritt und unbequeme Massnahmen durchsetzen will – dann sind es Verteilungskonflikte.

Es gibt zahlreiche Triebkräfte der Digitalisierung. Die oft tribal genannten Formen von Vergemeinschaftung, wie sie sich in Pop- und später Consumer Culture entwickelt hatten, haben begeistert die entstehenden digitalen Nischen mit einer Art Clubkultur besetzt.  Untrennbar mit  Digitalisierung verknüpft ist die Dynamik der Globalisierung. Vielleicht ist die Frage, wieso sich digitale Techniken so schnell durchgesetzt haben genauso müssig, warum sich zwei Generationen vorher  Elektrizität durchgesetzt hat.
Verfolgt man andere Diskussionsstränge, ist der Stand derzeit in etwa so:  Das Thema der anfallenden Daten (Big Data) ist durch und akzeptiert. In vielen Bereichen sieht man den damit möglichen Nutzen: Mobilitätsplanung, Gesundheitswesen. Jetzt geht es v.a. um die Frage  “Wem gehören die Vorteile und Gewinne der Datenbewirtschaftung?  

Das grosse Bild, das beim Lesen entsteht, ist eine von einer geschmeidigen Datenwelt (die Cloud ist schon vergeben) ummantelte Gesellschaft. Mal nützlich bis komfortabel, wenn es um Dienstleistungen geht – dann beunruhigend bis verstörend, wenn es Entscheidungen beinhaltet. Wem gehört der Rohstoff der menschlichen Erfahrung? Ausgebeutete Daten sagen mehr über uns aus, als wir selber über uns wissen – man denkt an die Matrix…  

Armin Nassehi: Muster \\\Theorie/// der Digitalen Gesellschaft. Verlag C.H. Beck, München, September 2019.  352 S. ISBN: 978-3-406-74024-4. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017