Visuelle Desinformation – eine Strategie politischer Kommunikation
Ganz zu Beginn war das Internet vor allem ein Textmedium. Wer es selber erlebt hat, erinnert sich an Textwüsten, die oft mehr an Code und Kommandozeilen als an Kommunikation erinnerten – Newsgroups, Foren und E-Mails als Hauptkanäle. Die Bilder kamen in Schritten dazu, von den stark komprimierten jpgs der Jahrtausendwende über die ersten Fotoplattformen bis zu Live-Videos in Social Media. Mit zunehmender Bandbreite, leistungsfähigeren Endgeräten und der Verbreitung der Smartphones wurde aus dem Textmedium ein mehr und mehr visuelles.
Heute ist digitale Kommunikation zu einem grossen Teil visuelle Kommunikation. Der Content der Plattformen kommt oft ohne Zwischenschritte von den SmartPhones und wird ohne nennenswerte Verzögerung verbreitet. Bilder transportieren Informationen nicht nur anders als Texte – sie strukturieren Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Emotionen auf eigene Weise.
Marcel Lemmes, der Autor von Visuelle Desinformation. Digitale Bilder zwischen Populismus und Manipulation, wurde in diese Entwicklung hineingeboren (Jg. 1996). Selber erinnere ich mich, dass genau in diesen Jahren die Debatten um Online-Communities und digitale Identitäten begannen. Wenige Jahre später (4/2001) hatte ich eine Konferenz moderiert, auf der es um virtuelle soziale Beziehungen ging. Die Dokumentation dazu wurde auf CD erstellt, die Bandbreiten reichten damals noch nicht aus, Bild- und Tonaufzeichnungen online zu stellen.
Heute geht es um algorithmische Öffentlichkeiten, visuelle Kommunikation und KI-generierte Bilder. Die Grundfrage ist jedoch erstaunlich ähnlich geblieben. Wie verändern digitale Medien die Art, wie Gemeinschaften entstehen, Bedeutung erzeugt wird und Öffentlichkeit funktioniert? Und wie und von wem werden die Wirkungen genutzt?
Lemmes untersucht in Visuelle Desinformation einen Ausschnitt daraus. Seine Frage ist die der aktuellen politischen Wirkung populistischer Propaganda. Wie Bilder dazu genutzt werden, Emotionen anzusprechen, Identitäten zu erzeugen, Feindbilder zu konstruieren und politische Mobilisierung zu betreiben (16). Ihr Einsatz unterscheidet sich deutlich von klassischer strategischer Kommunikation.
Desinformation ist kein Versehen, sondern Strategie. Sie untergräbt das Vertrauen in Institutionen, Medien und Expertise – also genau jene Instanzen, die populistische Ansprüche hinterfragen könnten. Das macht desinformative Kommunikation nicht nur kompatibel mit Populismus, sondern zu einem seiner konstitutiven Werkzeuge.
Digitale Bilder sind sicherlich kein exklusiv populistisches Medium, aber sie sind in besonderer Weise mit Populismus kompatibel. Sie verkürzen Komplexität, emotionalisieren, sind anschlussfähig und viral – genau die Eigenschaften, auf die populistische Kommunikation angewiesen ist ¹.
Zentral in Lemmes’ Analyse ist das Dreieck Desinformation, Populismus und visuelle Kommunikation – eingebettet in die spezifischen Eigenheiten digitaler Medien: Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, algorithmische Verstärkung und die Umgehung klassischer Gatekeeping-Strukturen. Digitaltät ist der allgegenwärtige Meta-Kontext. Lemmes orientiert sich an theoretischen Ansätzen, die die digitale Transformation als kulturellen und gesellschaftlichen Wandel beschreiben, darunter drei Bücher, die ich in den vergangenen Jahren rezensiert hatte: Kultur der Digitalität von Felix Stalder (2016), 4.0, Die Lücke die der Rechner lässt von Dirk Baecker (2018) und Muster. Theorie der Digitalen Gesellschaft von Armin Nassehi (2019).
Stalders Konzept der Digitalität – Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit, Algorithmizität bildet den wichtigsten theoretischen Rahmen. Referenzialität meint die Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion. Gemeinschaftlichkeit verweist auf die konstitutive Rolle kollaborativer Praktiken in digitalen Kontexten. Ohne Algorithmizität wären die Möglichkeiten der digitalen Welt kaum nutzbar. Algorithmen steuern als automatisierte Personalisierung die Zuordnung digitaler Medieninhalte. Baeckers Begriff des Überschusssinns – jedes Medium stellt mehr Kommunikationsmöglichkeiten bereit, als aktuell wahrgenommen werden können – erklärt einen Teil der kommunikativen Wirksamkeit von Bildern, aber auch ihre Anfälligkeit für Manipulation. Nassehi fasst ein Grundverständnis von Digitalität systemtheoretisch ein. Seine zentrale These besagt, dass die gesellschaftliche Moderne immer schon digital war – digitale Technik ist demnach die logische Konsequenz einer in ihrer Grundstruktur bereits digital organisierten Gesellschaft. Imagined community (nach Benedict Anderson, 1983) ist ein weiteres, für das Buch wesentliches Konzept.
Nebenbei fällt auf, dass Lemmes den Begriff des Überschusssinns sowohl bildtheoretisch bei Gottfried Boehm als auch medientheoretisch bei Dirk Baecker aufgreift. In beiden Fällen bezeichnet er die Eigenschaft von Medien, hier speziell von Bildern, mehr Bedeutungsmöglichkeiten zu erzeugen, als sich eindeutig festlegen lassen. Gerade darin liegt ein Teil ihrer kommunikativen Wirksamkeit – aber auch ihrer Anfälligkeit für Manipulation und Desinformation.
Die Plattformen der Social Media sind das Feld, das Habitat visueller Desinformation. Generell begünstigen sie visuelle und affektive Inhalte. Die Grenzen zwischen Realität und Konstruktion sind fliessend. Soziale und politische Realitäten werden auf eindimensionale Ursache-Wirkungs-Schemata reduziert, um impulsive Bewertungen wachzurufen (288).
Bei der Analyse von Bildern stützt sich Lemmes auf die semiotischen und bildtheoretischen Ansätze von Roland Barthes und Charles Sanders Peirce. Peirce erklärt die Struktur der Zeichen, Barthes die kulturell-ideologische Aufladung von Bildbedeutung – also genau jene Schicht, auf der visuelle Desinformation operiert. Nicht durch falsche Fakten allein, sondern durch die gezielte Aktivierung kultureller Codes und emotionaler Resonanzen.
Einen weiten Teil des Buches nehmen die darauf aufbauenden bild- und zeichentheoretischen Analysen ein – einschliesslich ihrer Grundlagen in Kunstgeschichte und Semiotik. Der Autor zeigt an konkreten Beispielen, wie visuelle Zeichen ideologisch aufgeladen, kontextuell verfremdet und affektiv instrumentalisiert werden.
Bildbeispiel Sexualstrafrecht als Bildpropaganda, Posting auf X (03/24) S. 324
Ein Beispiel: In der Abbildung rechts wird eine Situation von Gewalt und Bedrohung gegen Frauen emotional hervorgerufen. Sexualstraftaten verdreifacht: Abschiebungen sind Frauenschutz. Der Slogan verbindet diese emotionale Reaktion mit der politischen Forderung nach Abschiebungen und suggeriert, dass Abschiebungen eine direkte und notwendige Maßnahme sind, um Frauen vor sexualisierter Gewalt zu schützen (323).
Die behauptete Kausalität wird durch statistische Angaben gestützt. Deren Anstieg ist jedoch v.a. auf die Erweiterung von Straftatbeständen (Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung, 2016) zurückzuführen.
Desinformation und Fake News im Vergleich (S. 123). Graphik wird nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster angezeigt
Fake News sind das im öffentlichen Diskurs wohl präsenteste Format von Desinformation. Lemmes unterscheidet genau zwischen beiden Begriffen – eine Differenzierung, die ansonsten oft unterbleibt. Desinformation ist demnach der übergeordnete und präzisere Begriff: systematisch, intentional und auf Schädigung des Informationsökosystems ausgerichtet. Fake News ist breiter, diffuser – und wird im politischen Diskurs oft selber als manipulativer Begriff verwendet, der genau diese Unterscheidung verwischt.
Die Materialbasis der Arbeit stammt überwiegend aus der Phase vor dem Durchbruch generativer KI. Analysiert werden v.a. Memes, Sharepics, Social-Media-Fotos und Bild-Text-Kombinationen.
Die Analyse bleibt damit auf eine visuelle Kommunikation bezogen, in der visuelle Inhalte noch an reale Aufnahmeereignisse rückgebunden sind. KI-generierte Bilder verschieben diesen Rahmen. Wo zuvor Bilder bearbeitet und kontextuell verfremdet wurden, können heute vollständig synthetische Bildwelten entstehen, denen kein reales Ereignis mehr zugrunde liegt. Die Grenze zwischen Dokumentation, Inszenierung und Simulation wird dadurch weiter destabilisiert.
Im Schlusskapitel weist der Autor bereits darauf hin, dass realistische Bildmanipulationen, automatisierte Inhaltsproduktion und die Verschleierung von Urheberschaften die Analyse visueller Desinformation vor neue Herausforderungen stellen werden (339).
Seit der Einreichung der Dissertation im Mai 2025 hat sich die Relevanz KI-generierter visueller Desinformation weiter erhöht, während zugleich die (technische) Qualität der erzeugten Bilder deutlich gestiegen ist. Die von Lemmes analysierten Mechanismen verschwinden dadurch nicht, sondern gewinnen im Kontext generativer Systeme eine neue Qualität. Gleichzeitig unterstreicht diese Entwicklung die Aktualität der Grundfragen der Arbeit.
Als Dissertation ist Visuelle Desinformation der akademischen Form verpflichtet. Die Verbindung von Populismus, visueller Kommunikation und Desinformation ist der besondere Alleinstellungswert des Buches. Und diese Verbindung ist wissenschaftlich sauber herausgearbeitet.
Das Interesse am Thema geht aber weit über den akademischen Kontext hinaus. Visuelle Kommunikation ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des digitalen Alltags. Visuelle Desinformation ist so keine Randnotiz politischer Kommunikation, sondern Teil alltäglicher Medienerfahrung. Jeder mit Social-Media-Erfahrung begegnet entsprechenden Mechanismen – und sollte sie im Idealfall ohne fachliche Vorbildung erkennen können.
Eine nicht-akademische, gestraffte Sachbuchfassung bzw. ein Reader zur politischen Bildung würde m.E. – ergänzt um die Spezifität KI-generierter Bilder – auf grosses Interesse stossen.
Marcel Lemmes: Visuelle Desinformation. Digitale Bilder zwischen Populismus und Manipulation. Herbert von Halem Verlag, Köln 2025. 365 S.; – ¹ Das digitale populistische Bild ist entsprechend definiert als „ein dynamisches, technisch vermitteltes und sozial eingebettetes Zeichen, das strategisch eingesetzt wird, um ideologische Ziele durch spezifische Bildakte zu verfolgen” (297). Rezensionen zu Kultur der Digitalität von Felix Stalder (2016), 4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt von Dirk Baecker (2018) und Muster. Theorie der Digitalen Gesellschaft von Armin Nassehi (2019). –
Zum Jahresende treffen Call-for-Papers ein. Das Motto der re:publica 2026 setzt vorab den Ton: Never gonna give you up. Es geht um Resilienz– Nicht aufgeben, Haltung zeigen und Räume zurückgewinnen, die verbinden. Bis Mitte Januar bleibt noch Zeit einen Vorschlag einzureichen.
Mir fällt als erstes die Büchse der Pandora ein, aus der zuletzt die Hoffnung entweicht, nachdem sich die Plagen auf der Welt verbreitet hatten. Eine bescheidene Tugend, die Leid ertragen lässt, oft religiös verbrämt. Dort tritt sie im Trio auf: Glaube, Hoffnung, Liebe. Als Kind hatte ich es so gelernt – zusammen mit der Religion, die später vom Leben überlagert wurde.
Hoffnung ist wohl nicht die passende Haltung, eine passive Konnotation ist zu stark. Die Ereignisse des Jahres 2025 zeigen an, dass wir uns in einer historischen Phase von Umschichtungen befinden, in der Machtpositionen und Gewalt wieder verstärkt das Weltgeschehen bestimmen.
Die Einschätzungen sind keine isolierten Erscheinungen. In seinem kürzlich erschienenen Buch Liebe! Ein Aufrufruft der Schriftsteller Daniel Schreiber zum aktiven Widerstand gegen eine Kultur des Hasses auf. Deren Rhetorik hat den politischen Diskurs gekapert. Unser Zusammenleben ist wieder von mehr Gewalt geprägt. Der rechte Rand hat es vollbracht, aus einem Wort zum guten Menschen – woke – ein Schimpfwort zu machen. Wie kann es gelingen, zu einer politischen Haltung zu finden, die dem sich ausbreitenden Klima des Hasses etwas entgegenzusetzen vermag?
Der Soundtrack der Zeit hat sich verändert. Wir stehen in einer grundlegenden Transformationsperiode, die mit neuartigen Verteilungskämpfen und beträchtlichem Wohlstandsverlust einhergeht.
Resilienz, Hoffnung, Liebe – das ist keine Flausch-Rhethorik zur Weihnachtszeit. Eher eine Antwort auf das, was sich im vergangenen politischen Jahr so massiv verschärft hat. Ein kultureller Backlash hat politische und technologische Macht errungen. Ein Machtsystem wächst zusammen, das sich genau gegen das wendet, was in den letzten Jahrzehnten als gesellschaftlicher Fortschritt galt.
Vibe Shift – wieder ein neues Buzzword. Ursprünglich waren subtile kulturelle Verschiebungen in Mode, Musik oder Lebensstil gemeint. Etwas, was Trends altern und neue aufkommen lässt.
Der Historiker Niall Ferguson – ein Trump-Unterstützer – deutete den Begriff um: Er meint damit den Richtungswechsel des Silicon Valley nach rechts. Tech-Eliten verbünden sich mit autoritärem Populismus. Machtzentren verschieben sich. Das Bewusstsein, nicht nur ein technologisches und ökonomisches, sondern auch politisches und kulturelles Machtzentrum zu sein, begünstigt eine imperiale Logik. Liberale Demokratie wird ausgehöhlt.
Diese Themen und die Diskussionen dazu haben das ganze Jahr 2025 bestimmt – und sich auch in diesem Blog niedergeschlagen. Bevor ich sie nochmals zusammenfasse, verweise ich auf drei Texte: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem beschreibt, wie autoritärer Populismus und Tech-Oligarchie zusammenfinden. Cyberlibertarianism analysiert die ideologischen Wurzeln der Tech-Rechten – eine Ideologie, in der techno-utopische und marktradikale Ideen zu einer Fundamental-Opposition gegen jede gesellschaftliche Regulierung des Internet verwachsen. Das politische Jahr 2025 blickt anhand prägender Bilder auf das gesamte Jahr zurück.
In Deutschland (und Europa) gibt es keine einheimische Tech-Oligarchie. Der Rechtstrend der AfD ist nicht tech-libertär, sondern völkisch-national.
Der Vibe Shift zeigt sich in einem Retro-Industrialismus, zu beobachten in Teilen der Union und in Wirtschaftsverbänden. Ein kultureller Rückwärtsgang, statt Zukunftsgewandtheit werden Ressentiments gegen Veränderung kultiviert, gegen die zweifache Transformation (auch twin transformation) – die gleichzeitige digitale und nachhaltige Erneuerung.
Macht man diesen Shift in Bildern fest, zeigt er sich etwa im Jubel des EVP-Vorsitzenden Manfred Weber, als er im Brüsseler Europaparlament mit seiner Fraktion das Aus vom Verbrenner-Aus durchsetzte. Oder in der persönlichen Aggressivität, die Robert Habeck bei der Blockade der Fähre während der Bauernproteste vor einem Jahr entgegenschlug. Es war der Moment, in dem eine Mehrheit der Protestierenden den Übergriff von Rechtsradikalen duldete.
Ob uns das Buzzword Vibe Shift erhalten bleibt, ist zweitrangig. Erkennbar wird eine Verlagerung von Machtzentren, verbunden mit einer Erosion traditioneller Organisationen. Auch wenn das deutsche Parteiensystem im europäischen Vergleich noch stabil wirken mag – die Gewissheiten erodieren.
Welche Perspektiven birgt das Bloggen in dieser Gemengelage? Was an Hoffnung? Was an Widerstand gegen eine Kultur des Hasses? Was an demokratischer Resilienz?
Blogs sind Autoren-Medien, Owned Media ihre Stärke liegt darin, eigene Narrative zu setzen. Sie sind Inseln in einem algoritmisch gesteuerten Meer, Personenmarken inmitten von Slop, dem KI-generierten Müll, alternativen Fakten und algorithmisch verstärkter Polarisierung. Blogs verteidigen die Hoheit über unsere eigenen Geschichten.
Die erste Blüte der Blogs vor nun 20 Jahren fiel in die Zeit nach dem Scheitern des heute oft vergessenen Internet der Portale. Das Web 2.0. öffnete ein Freiheitsfenster und verstand sich basisdemokratisch. Auch die Re Publica hatte 2007 als Bloggerkonferenz begonnen und wuchs in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Medienkonferenzen heran.
Blogger erwarben oft ein Vorsprungwissen darüber, wie dieses Internet sozial und kulturell funktionierte. Sie entwickelten Kompetenz in neuen Feldern, die sich vermarkten liessen. Online-Reputation, Life-Streaming, Community-Management, Netnographie oder auch Spatial Realities sind solche Beispiele.
Es folgte die Begeisterung für Social Media – insbesondere Twitter. Doch die Plattformen sind nicht mehr neue Möglichkeiten, sondern faktische Monopole.
Gute Texte machen Arbeit. Und genau diese Arbeit, das Ringen und Entwickeln von Gedanken, statt das Generieren von Wahrscheinlichkeiten ist die dringend gebrauchte Resilienz.
Ein paar Fragen schliessen sich an:
Sind Blogs heute noch Orte öffentlicher Gegenmacht – oder faktisch Nischen für Gleichgesinnte?
Stellen wir Öffentlichkeit her – oder sind wir bloß Content-Zulieferer für Plattformlogiken?
Was ist unser realistischer Anspruch und wie setzen wir ihn um? z.B. Gewinn von Kooperationspartnern und Auftragebern? Das Setzen von Narrativen? Brauchen wir Vernetzung bzw. findet sie überhaupt statt?
Fünfzehn Jahre sind ein Abschnitt der Zeitgeschichte. Solange betreibe ich jetzt diesen Blog – mittlerweile sind es knapp 200 Beiträge. Startpunkt war das Netnocamp bei der IHK Köln im September 2010.
Vorausgegangen war eine mit Dreamweaver erstellte Website, noch im Tabellen- Layout, einige ältere Texte (hier zu lesen) von dort habe ich übernommen . Blogs waren einmal ein Kernstück der neuen digitalen Öffentlichkeit, man sprach von einer Netzkultur, bevor Social Media Plattformen diese Öffentlichkeiten übernahmen.
Blogs bedeuten aber weiterhin die Unabhängigkeit, eigene Themen zu setzen, eine Personenmarke aufzubauen. Im besten Falle ein Autorenmedium, das eigenständige Publikation mit der Möglichkeit von Vernetzung, Diskussion und Akquise verbindet.
Den Titel Netnographie & Digitaler Wandel hatte ich damals adhoc vergeben. Die Themen haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, abhängig von der Entwicklung der digitalen Welt und den eigenen Schwerpunkten. Durch den ganzen Blog zieht sich ein differenzierter soziologischer Blick auf die mit technischen Innovationen verbundene gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte – geschrieben in einem essayistischen Stil.
Netnographie war 2008 / 2010 ein Thema der Stunde und schien als die der neuen Digitalen Öffentlichkeit angemessene Forschungsmethode.
Popularkultur hatte sich ins Internet verlagert. Digitale Subkulturen, neue Formen von Vergemeinschaft und ihre Bedeutung für das Marktverhalten standen im Vordergrund. Das Interesse an Netnographie entwickelte sich in diesem Zusammenhang rasch. Im Handbuch der Online- Forschung (2014) konnte ich einen längeren Beitrag dazu veröffentlichen. Eine Reihe kleinerer Beispiele (so zu Vegan, Overtourismus,Fairtrade) sind im Blog dokumentiert. Fun- Fact: eine Zeitlang wurde ich oft von Studenten zu ihrer Abschlussarbeit kontaktiert, aber nie aus der Soziologie oder verwandten Fächern, so gut wie immer aus der BWL.
Ganz durchsetzen konnte sich Netnographie in der deutschsprachigen Forschungslandschaft nicht. Der Name weckt Erwartungen auf einfache Art Consumer Insights zu gewinnen – eine eher technische, instrumentelle Sichtweise. Die Unterscheidung zum Monitoring, heute meist Listening genannt, fällt in der Praxis oft schwer, obwohl Monitoring auf datenbasierte Sammlung abzielt und Netnographie auf kulturelle Analyse. Netnographie entstammt der Kulturanthropologie– ethnographic fieldwork im digitalen Raum. Mit einer Verankerung in den Diskursen der Consumer Culture Theory bzw. der Cultural Studies. Im deutschsprachigen Raum fehlt dieser Kontext oft. Netnographie fällt so etwas zwischen die Stühle: Zu weich für datengetriebene Marktforschung, zu anwendungsorientiert für reine Kulturwissenschaft, zu anthropologisch für die deutsche Soziologie.
Die Entwicklung von Netnographie verfolge ich weiter, der aktuelle Stand ist nachzulesen.
Bild: Getty Images- unsplash+ +
Digitaler Wandel und Digitale Transformation werden oft gleichgesetzt, bezeichnen aber Unterschiedliches. Wandel ist der allgemeinere Begriff für Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. Transformation hingegen meint tiefgreifende, strukturelle Umbrüche, bei denen Systeme, Institutionen und Praktiken neu gestaltet werden. Beide Begriffe markieren Leitlinien der Zeitgeschichte, in der technologischer, medialer und gesellschaftlich-kultureller Wandel eng miteinander verflochten sind.
Schübe der Digitalisierung wurden nicht erst mit dem Internet spürbar. Bereits Desktop- Publishing (etwa um 1990) war ein Schlüsselimpuls der digitalen Revolution im Medienbereich. Der Cyberspace, wie man damals das Internet nannte, wurde als experimenteller Raum erlebt.
Zumindest zeitweise setzte sich das freie Internet der offenen Standards gegenüber einem Internet der Konzerne (damals das Netz der Portale) durch. Es blieb prägend für eine Kultur der Digitalität, in der sich die Vorstellung eines gemeinsamen, dezentralen gesellschaftlichen Projektes herausbildete. Das Web 2.0 war mit einer basisdemokratischen Aufbruchsstimmung verbunden, auf die bis heute immer wieder bezug genommen wird.
Seitdem haben eine ganze Reihe technischer Innovationen die digitale Entwicklung angetrieben, Das mobile Internet veränderte die Alltagskommunikation massiv, und ist heute kaum noch wegzudenken. Social Media kanalisierte die online- Kommunikation, machte sie auslesbar.
Das Metaverse (2021/22) wurde v.a. von Konzernen angetrieben, fand aber letztlich in dieser Form keine ausreichende Resonanz. Der Entwurf eines räumlichen Internet setzt sich aber im Spatial Computíng fort. KI ist seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 ein dominierendes Thema – mit noch nicht überschaubaren Wirkungen und Folgeerscheinungen.
Die Pandemie 2020/ 21 bedeutete einen grossen Einschnitt. Unter welchen Bedingungen konnten sich digitale Medien mehr bewähren, als unter denen einer physischen Kontaktsperre? Ohne digitale Medien, wie Videochats, Live- Streaming etc. hätte sich kaum eine öffentliche Sphäre aufrecht erhalten lassen. Der kurzlebige Hype um Clubhouse im Corona- Winter 2021 verdeutlichte um so mehr eine Sehnsucht nach Austausch und Vernetzung, gerade in medienaffinen Branchen.
Der wahrscheinlich entscheidendste Einschnitt der letzten 15 Jahre war aber nicht Corona, auch nicht KI und sicher nicht das Metaverse, sondern die Landnahme der Plattformen, (sehr gut beschrieben von Michael Seemann in Die Macht der Plattformen). Sie bedeutete den Wechsel von einer offenen, dezentralen Innovationslogik (bottom-up) hin zu einer stärker kontrollierten, durchplanten und von wenigen zentralen Akteuren dominierten Struktur (top-down).
Es entstand ein – eingeschränkt – globaler Informationsraum mit zentraler Infrastruktur. Plattformen agieren darin als Intermediäre – sie vermitteln zwischen Nutzern und Anbietern und regulieren Zugang, Sichtbarkeit und Interaktion. Diesen Intermediären – den Big Tech-Giganten ebenso wie zunehmend den großen KI-Systemen – kommt faktisch eine Ordnungsmacht zu. Entscheidend ist die umfassende Erhebung, Auswertung und algorithmische Verarbeitung aller verfügbaren Daten.
Der Wandel bedeutet nicht den Übergang in einen neuen, stabilen Zustand, sondern verläuft kontinuierlich weiter – mit neuen Chancen und neuen Konfliktlinien. Wenig vorhersehbar in seinen konkreten Ausprägungen, aber in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen erklärbar.
Der Begriff Transformation geht zurück auf Karl Polanyis Konzept der Großen Transformation (1944) in dem gesellschaftliche Umbrüche nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als politische und kulturelle Prozesse verstanden werden Diese kontinuierliche Transformation ist durch die Verzahnung technischer, kultureller und politischer Entwicklungen gekennzeichnet. Polanyi wie auch Norbert Elias‘ Prozesssoziologie können als fruchtbare Ansätze dienen, die sich auf aktuelle Entwicklungen übertragen lassen. Sie zeigen, wie sich in langfristigen Prozessen technologische Innovationen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wechselseitig bedingen.
Mit der Prozesssoziologie von Norbert Elias hatte ich mich seit dem Studium befasst, immer wieder fasziniert von dem Gedanken, sie auf laufende Entwicklungen zu beziehen. Neben die bei Elias herausgestellten Prozesse der Sozio- und Psychogenese – der Herausbildung von Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen –lässt sich Technogenese hinzufügen – die wechselseitige Prägung von Technik und Kultur. Technische Infrastruktur/ Technokultur haben heute eine ganz andere Bedeutung für die gesellschaftliche Binnenstruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Diese Prozesshaftigkeit – nicht die Wirkung einzelner Technologien, sondern ihre gesellschaftliche Einbettung – ist das eigentliche Über- Thema dieses Blogs.
KIist seit knapp 3 Jahren ein geradezu epochales Thema. KI wird in der Breite genutzt, wahrscheinlich von vielen mehr, als offen zugegeben wird. Gleichzeitig ist sie ein boomendes Feld der Beratungs- und Fortbildungswirtschaft, steht aber auch in der Kritik als Piraterie des Wissens, Vermüllung des Internet und als Instrument neo- autoritativer Herrschaft. Im Unterschied zum Internet, das sich, zumindest zeitweise, bottom- up verbreitete, ging KI von vornherein von einzelnen, grossen Konzernen aus. Die Perspektive der Anwender und Betroffenen – eine Sicht von unten– findet in der Debatte wenig Raum.
Das Buch von Frank Witt vermittelte mir mit dem markanten Bild der Sozialisation von Maschinen eine neue Sichtweise auf KI. Mit dem Autor konnten wir kürzlich eine Buchvorstellung im Kölner Startplatz veranstalten, an die sich möglicherweise eine weitere Zusammenarbeit anschließen kann.
In meiner eigenen Arbeit habe ich zwei Begriffe zugespitzt: Automatisierte Singularisierung soll die Paradoxie fassen, wie KI-Systeme massenhaft die gewünschten Einmaligkeiten produzieren – angelehnt an die Theorie der Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz. Gemeint ist die gezielte Erzeugung individueller Produkte und Erlebnisse auf Basis von Verhaltensdaten und Präferenzen. In eine ähnliche Richtung geht die derzeit viel diskutierte Erzeugung synthetischer Daten in der Marktforschung.
Der Begriff Consociality/ dt. Consozialität stammt nicht von mir, aber ich habe ihn gern aufgegriffen. Gemeint ist etwas, was es schon immer gab, aber erst in der digitalen Sozialität zentrale Bedeutung erlangt: Die Verbindung einzelner Menschen über punktuelle Übereinstimmungen und Interessen – situative digitale Ko-Präsenz jenseits stabiler Gemeinschaften. Ein Kollege nannte es scherzhaft #Hashtag Soziologie, als ich das Konzept damit erläuterte.
Soziologie löst keine Probleme, legt aber Zusammenhänge offen und macht so gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Entwicklungen erklärbar.
Genau darin liegt ihr Nutzen: Entwicklungen der Zeitgeschichte erklärbar zu machen, Aha-Erlebnisse zu erzeugen und zum Weiterdenken anzuregen – nicht durch Vereinfachungen, sondern durch begriffliche Schärfung. Gefreut hat mich, dass 2x Beiträge aus dem Blog den Weg in Schulbücher fanden – nicht für Sozialwissenschaften, sondern für Deutsch in der Oberstufe – eine Anerkennung der sprachlichen Qualität.
Die selbstverständliche Nutzung von Blogs zur Diskussion hat nachgelassen. Sie ist längst abgewandert in Social Media, v.a. zu LinkedIn. Deshalb hier mein Account: https://www.linkedin.com/in/kjanowitz/
Der Titel Netnographie & Digitaler Wandel war anfangs eine pragmatische Benennung – ob er bleibt oder sich ändert, hängt davon ab, welcher Begriff künftig am besten trifft.
Digitaler – technischer – Fortschritt war lange Zeit eng mit Vorstellungen von gesellschaftlichem Fortschritt verbunden. Mehr als nur eine Mediengeneration wuchs damit heran, dass technische Innovationen stets neue mediale, kulturelle und soziale Erfahrungen mit sich brachten. In ihrer Summe erweiterten sie Handlungsspielräume gegenüber bestehenden Machtstrukturen – in Arbeit und Freizeit, in der privaten und der öffentlichen Kommunikation. Der Weg zu einer demokratischeren und hierarchiefreien Gesellschaft schien in den default– Einstellungen der Technik selbst vorgezeichnet.
Umso mehr verstören die Ereignisse der letzten Monate in den USA – und die Rolle, die monopolistische Digital- Unternehmen dabei spielen.
Big Tech und die Monopolisierung digitaler Macht
Big Tech ist zum Synonym für den Wandel des Silicon Valley zum digitalen Machtzentrum geworden. Right Wing Politics/ Cyberlibertarianismhatten wohl schon immer eine Präsenz in der digitalen Welt – ihre Bedeutung und Dominanz nahm aber erst mit dem Ausbau der Datenmonopole eine neue Dimension an.
Aus dem utopisch-emanzipatorischen Selbstverständnis der frühen Internetkultur ist eine offen machtpolitisch auftretende, teils rechtslibertäre Kraft hervorgegangen. Digitale Macht beruht auf der Disruption zahlloser Branchen und der Kontrolle der Datenströme – und sie ist in den Händen einer kleinen Elite, die nach grösseren Wirkungsmöglichkeiten greift: Silicon Valley’s titans have decided that ruling the digital world is not enough¹. Zusammengerechnet verfügen die GAFAM*-Konzerne über eine Marktkapitalisierung von ca. 12-13 Bill. US $. Zieht man den Kreis weiter (u.a. + das Musk- Imperium), ergibt sich eine Summe, die ca. 75% der Wirtschaftsleistung der EU entspricht.
Das Mash-Up: Rechtspopulismus trifft Digitalkapitalismus
Ein neues Machtsystem bildet sich heraus: Ein Mash-Up, eine Verklumpung von Rechtspopulismus bzw. – extremismus und Digitalem Kapitalismus. Ein Machtsystem, dass sich gegen genau das wendet, was in den letzten Jahrzehnten als gesellschaftlicher Fortschritt galt.
Die Ziele der beiden Kräfte – MAGA und Big Tech – lagen lange Zeit weit auseinander – und ein Konfliktpotential zwischen ihnen bleibt erhalten. Big Tech Konzerne agieren global und haben sowohl über ihre ökonomische Schwerkraft und die von ihnen dominierte digitale Öffentlichkeiten einen gewaltigen politischen Einfluss. Sie beherrschen die digitalen Märkte, incl. der digitalen Medien und ihrer Infrastruktur. Ihr Interesse liegt an einer von öffentlicher Kontrolle möglichst ungestörten – d.h. unregulierten – Ausübung und Weiterentwicklung der Geschäfte mit algoritmischer Kontrolle.
Plattformen ermöglichten den populistischen und rechtsextremen Bewegungen mit Führungsfiguren wie Trump, eine ungefilterte, direkte Kommunikation mit ihrer Anhängerschaft aufzubauen.
Plattformen vergrössern die Reichweite wie auch die Kontrolle über die Message. Der Zusammenhalt funktioniert nach den Mustern des Fandom: Anhänger bauen eine tiefe emotionale Bindung zu einer prominenten Person, einer Marke bzw. Bewegung auf. Bullshit, eine massive Menge oft fehlerhafter, irreführender oder falscher Informationen stört dabei nicht. Die Botschaften orientieren sich an den emotionalen Bedürfnissen der Anhänger. Die massive Flutung mit Informationen, mit Fake- News, erschwert die Unterscheidung zwischen wahr und falsch – es geht um die Durchsetzung der eigenen Agenda und die politische Mobilisierung.
America First: Nationalismus und weiße Identität
America first. unsplash +
Die Basis ist zu allererst der America First– Nationalismus. Dahinter steht eine Vorstellung amerikanischer Ideale, Werte und Interessen, die ethnisch-kulturell an eine weisse, christliche Mittelschicht gebunden ist.
Dazu gehören radikal-evangelikale Elemente und die Allgemeingültigkeit konservativer Sozialmodelle. Wokeness ist ein Feindbild schlechthin. Alles, was damit zu tun hat, wie Diversity, Equity & Inclusion (DEI) und USAID zu tun hat, muss beseitigt werden: gendern, LGBTQ- Rechte, Klimaschutz. Dazu gehört eine harte Linie gegenüber Migration bis hin zu Massendeportationen.
Angesprochen wird eine zur Minderheit werdende ehemalige -weisse – Mehrheit – mit Anschlussstellen zu weißen identitären Bewegungen. Der Staatsapparat wird – anders als in Europa – nicht als Partner für soziale Gerechtigkeit und öffentliche Infrastruktur gesehen, sondern als Bedrohung durch entkoppelte, globalistische Eliten. Ein Bildungsministerium oder Programme für soziale Gerechtigkeit sollten nicht existieren.
Nach aussen bedeutet America First die Abkehr von der Verankerung in einer vertragsbasierten internationalen Ordnung – für die die USA oft Garantiemacht waren- incl. des Ausscheidens aus Verpflichtungen wie dem Klimaschutz-abkommen oder internationaler Hilfe (USAID). Bis hin zu einer Abkopplung vom Wissenschafts- Austausch.
Big Tech strebt nach uneingeschränktem, unreguliertem Zugang zu digitalen Märkten – so wurde die Ablehnung jeglicher Regulierung zum Bindeglied zwischen Big Tech und der populistischen Rechten.
Der sichtbar inszenierte Schulterschluss bei Trumps Inauguration verdeutlichte die Verbindung zweier machtbewusster politischer Agenden: eine autoritär populistische und eine technologisch/ ökonomische.
Ein Staat müsse straff und effizient geführt werden wie ein Unternehmen, der CEO/ Geschäftsführer müsse dazu mit aller Macht ausgestattet sein. Dahinter stecken oft wenig durchdachte Entwürfe: Die Oligarchen haben keinen Plan zum Regieren. They will take what they can, and disable the rest. The destruction is the point. They don’t want to control the existing order. They want disorder in which their relative power will grow (Timothy Snyder, 2.02.25).
Der kulturelle Backlash: Vibe Shift und Heritage Foundation
Vibe Shift* nennt der Historiker Neill Ferguson – ein Unterstützer Trumps – den Richtungswechsel, die Hinwendung des Silicon-Valley nach rechts. Gemeint ist ein kultureller Backlash gegen sog. Woke-Ideologie mit einer Ablehnung der liberalen Ordnung.
Bildlich ausgedrückt heisst es bei ihm: At home, Yale Law School and DEI committees are out. Abroad, strength and escalation are in. It’s Daddy’s Home—not the fraying liberal international order.
Vorbereitet wurde die Machtübernahmevom ThinkTank Heritage- Foundation mit dem Project 2025. Das 900- Seiten Handbuch Mandate For Leadership ist ein detaillierter Fahrplan für die Machtübernahme. Vor wenigen Tagen tauchten auch Nachrichten darüber auf, die Europäische Union zu destabilisieren (vgl. link).
Vorrangiges Ziel ist es, die Exekutive und die Macht des Präsidenten massiv auszuweiten. Dazu soll der – verfassungstreu agierende – Verwaltungsapparat systematisch umstrukturiert werden. Symbolträchtig wurden Abrissbirne und Kettensäge als Metaphern für diesen radikalen Umbau eingestreut.
Deutlich erkennbares Ziel ist zunächst ein präsidialer Autoritarismus, der keinen Widerspruch duldet. Darunter dominieren private Unternehmen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die politische Ordnung.
Mehrere zehntausend Civil Servants wurden bisher gefeuert – neben USAID und dem Department of Education sind Aufgaben wie Social Security, Gesundheitsservice, Forstverwaltung, Meteorologischer Dienst uvm. betroffen. Hinzu kommt der Druck auf Unternehmen DEI- Programme (Diversity, equity, and inclusion) zu canceln. Die Berater von Trump sahen schon in den ersten Wochen ihre Erwartungen bei weitem übertroffen.
Die Feindbilder: Deep State, sog. Eliten und Wokeness
Kulturelle und politische Feindbilder der Allianz sind so in erster Linie der nicht dem Präsidenten unterstellte Staatsapparat, der sog. Deep State. Es ist die unabhängige Justiz, soweit sie die Macht des Präsidenten einschränkt. Es sind die sog. Eliten in Medien, Bildung und Wissenschaften. Es sind alle, die mit dem sog. Woke Mind Virus in Verbindung gebracht werden, bzw. die von den emanzipatorischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte profitiert haben. Und es sind Migranten. Konzepte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tech-Ethik werden zu feindlicher Ideologie erklärt.
Es entsteht ein Machtsystem, das immer öfter Techno-Faschismus genannt wird. Die Bezeichnung wird nicht nur von erklärten Linken geteilt, sondern reicht weit in bürgerlich- liberale Kreise.
Wie dieses Machtsystem einzuschätzen, einzuordnen, zu benennen, und was ihm entgegen zu setzen ist, ist aktuell Gegenstand zahlloser Einschätzungen Diskussionen und Publikationen.
Techno-Faschismus: Eine neue Form autoritärer Herrschaft
Im Verfassungsblog(9.2) beschreibt Rainer Mühlhoffden radikalen Umbau des Rechtsstaats zu einem autoritären digitalen Apparat. Davon profitieren die Akteure aus Big Tech als Betreiber einer neuen, technologischen Regierungsinfrastruktur. Eine neue Form von Faschismus – sieht er als passende Bezeichnung für dieses politische Projekt. Dessen besonderes Kennzeichen sind die spezifischen Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologie.
Der erste Angriff galt der Verwaltungsinfrastruktur und geschah als Mischung von Überrumpelung, Einschüchterung und Hacker-Taktiken– um den Rechtsstaat auszuschalten und durch einen schlanken, auf Automatisierung und Präemption basierenden Apparat zu ersetzen. Der Zugriff auf staatliche Daten bedeutet nie dagewesene Möglichkeiten der Kontrolle, Manipulation und Bereicherung für Big Tech Konzerne.
Faschismus macht er an drei Kennzeichen fest: (1) Ein politisches Wirken, das auf die Zerstörung des Rechtsstaats, der administrativen Abläufe und der parlamentarischen und demokratischen Ordnung abzielt. (2) Die persönliche Gewaltbereitschaft und Bereitschaft zur Gehässigkeit der Akteure, sei es sprachlich, medial, physisch oder politisch. (3) Die Indienstnahme von neuester Technologie als Machtinstrument.
Umberto Eco hatte 1995 eine Reihe von 14 Merkmalen des Faschismus aufgestellt. Er verstand sie als Gesamtheit jener Handlungen, Verhaltensweisen, Haltungen und Instinkte, die zwar die Dynamik des Faschismus im frühen 20. Jahrhundert ausmachten, aber seine historische Ausprägung überlebt haben und heute lebendiger sind als jemals zuvor.** Die Merkmale lassen sich durchaus mit Bewegungen wie MAGA, AfD oder FPÖ abgleichen.
Bei Eco steht die Ablehnung der Moderne, an erster Stelle – sie wird nicht als Kontinuum oder logische Weiterentwicklung der Gesellschaft, sondern als Bedrohung wahrgenommen. Bei MAGA werden etwa die 1950/60er Jahre als Inbegriff einer glorreichen Vergangenheit mit traditionellen Werte verklärt, ausgeblendet werden Kämpfe um Gleichberechtigung und Bürgerrechte – die wieder zurückgedreht werden sollen. Migration, Globalisierung und liberale Werte sind die Bedrohungen der eigenen nationale Kultur.
Das letztgenannte, 14. Merkmal fällt besonders auf: Es wird eine vereinfachte Sprache verwendet, um komplexes Denken zu verhindern. So ist die Sprache von Trump/ MAGA darauf ausgelegt, emotionale Wirkungen auszulösen. Offensichtlicher Unsinn/ Bullshit gehört dazu, der Umgang mit Wahrheit ist beliebig – Lügen werden etwa umbenannt zu alternativen Fakten. Wissenschaftliche Erkenntnisse – wie der Klimawandel – die nicht der eigenen Ideologie entsprechen, werden als Teil einer „linken Agenda“ dargestellt. Elon Musk als Exponent der Rechtslibertären, gebraucht zumeist eine direkte, oft provokative Sprache, nutzt Memes und Internet-Slang, inszeniert sich als Mann der Tat, als Visionär, Disruptor und Außenseiter.
Die Sprache der Big Tech Unternehmen unterscheidet sich graduell davon- sie orientiert sich weiterhin an den gängigen PR- Mustern, das Handeln der Unternehmen als gesellschaftlich verantwortlich darzustellen. Macht- und Herrschaftsvokabular werden vermieden, man stellt technologische Lösungen gesellschaftlicher Probleme in den Vordergrund. – suggeriert damit Fortschritt und Verbesserung der Welt. Wesentliches propagandistisches Kommunikationsziel ist es, Regulierungen als Hindernis von Innovationen darzustellen, mit denen das Unternehmen die Menschheit voranbringen will.
Christoph Bettges bezieht sich in Der neue Technofaschismus auf Habermas’ Theorie von Lebenswelt und System und erklärt, wie durch die Annexion des Staates durch das ökonomische System, wie es bei Trump und seinen Verbündeten der Fall ist, eine demokratisch legitimierte Ordnung untergraben wird. Technologischer Fortschritt und die Macht von Tech-Oligarchen, wie Musk und Thiel, tragen zur Auflösung der Gewaltenteilung bei, während die politische Öffentlichkeit zunehmend durch private Akteure kontrolliert wird.
Der Staat als Beute: Patrimonialismus im Tech-Zeitalter
Patrimonialismus – ein neues altes Führungsmodell . Bild: Darren Halstead – unsplash+
Der Begriff (Neo)- Patrimonialismus geht auf Max Weber zurück und wurde mehrfach als die passende Beschreibung Trump’scher Herrschaftsweise begrüsst (The Atlantic: One Word Describes Trump).
Im Grunde schon zu Webers Zeiten ein archaisches Prinzip, das auf persönlicher Loyalität und Gunstgewährung beruht. Staat und Regierung werden geführt als wären sie persönliches Eigentum, wie das eigene Familienunternehmen. Es gibt kaum eine Unterscheidung zwischen public and private, zwischen formell und informell, manchmal auch nicht zwischen legal und illegal, denn : – He who saves his Country does not violate any Law (Trump auf X, 2/25).
Nicht nur auf Trump trifft die Beschreibung zu, es gilt für ganze Internationale von Staatsführern, wie Orban in Ungarn, Erdogan in der Türkei – und ganz besonders für Putin – dem dienstältesten der Bosse, dem «capo di tutti capi» (watson.ch. 13.03.25).
Broligarchen
Ähnlich funktioniert Broligarchie –das Kofferwort aus den Tech Brothers des Silicon Valleys und oligarchischer Herrschaft- nur auf gleichrangiger Ebene. Kommen Patrimonialismus und Broligarchie zusammen, ergibt sich Kumpanei auf höchster Machtebene von imperialer Politik und Großkapital. Es ist die Überzeugung, dass einige Männer einer Elite über dem Gesetz stehen – und hier sind es tatsächlich fast ausschliesslich Männer. Sie fällen Entscheidungen – weil sie es tun können. Sie selber inszenieren sich als business leaders, als Great Men of History.
Ein Blueprint der Tech- Barone – mit dem Buntstift gekritzelt. The Network State ist frei zum download verfügbar
The Network State erschien bereits 2022. Autor Balaji Srinivasan ist Partner bei Andreesen & Horowitz, einer der einflussreichsten Investoren im Silicon Valley. Sucht man nach einer politischen Vision aus diesem Umfeld, entspricht The Network State dem am ehesten.
Es ist ein Staat, der vom Computer aus gegründet werden kann, ein Staat, der wie ein Startup rekrutiert, eine Nation, die aus dem Internet entsteht. Der Netzwerkstaat zielt darauf ab, demokratische Institutionen durch technologiegetriebene Governance zu ersetzen. Die Infrastruktur wird v.a. mithilfe von Blockchain-Technologie und Krypto- Währungen organisiert.
Der Politikwissenschaftler Dave Karpf zerreisst das Buch als unglaublich dumm, als schlechte Science-Fiction, die als Sachliteratur präsentiert wird – aber doch als ernste Bedrohung.
Es sei geradezu ein Beleg dafür, dass die Tech-Oligarchen zwar einen Plan haben, aber keinen einzigen davon durchdacht haben. Der Grund, sich dafür zu interessieren, liegt darin, dass es einen Einblick in die Zielvorstellungen rechtslibertärer Oligarchen, wie Elon Musk und seiner Gefolgschaft bei DOGE gibt. Die Tech-Oligarchen meinen, sie sollten sich aus der Gesellschaft ausklinken dürfen. Sie wissen nicht, was der Verwaltungsstaat tut. Es interessiert sie nicht, es herauszufinden. Und sie meinen, eine Menge Geld könne gespart werden, würde einfach alles abgeschaltet.
Peter Thiel, Investor, Milliardär, early supporter von Trump und Mentor von Vize Vance, verbucht die Machtübernahme als einen Sieg des Internet über ein ancien Régime. A war the internet won – gemeint ist das Internet der Investoren – eben derjenigen, die wir heute Tech- Oligarchen nennen. Medienorganisationen, Bürokratien, Universitäten und staatlich finanzierte NGOs benennt er als diejenigen, die traditionell die öffentliche Diskussion einschränken: als Distributed Idea Suppression Complex (DISC). Wenig nachvollziehbar ist sein Verweis auf einen 50- jährigen wissenschaftlichem und technologischen Niedergang der USA.
Thiel ist immer wieder mit der Meinung, dass Demokratie und Freiheit nicht vereinbar seien, hervorgetreten. Er wird auch als Pate rechtslibertärer Netzwerke bezeichnet. Wenn jemand, dann ist es er, der für eine Sezession der Reichen steht.
Sein Text ist nachzulesen in der Financial Times.
Libertäre Freiheit: Die Macht der Mächtigen
Cyberpunk – Foto: Judeus Samson. Unsplash.com
Der Freiheitsbegriff, der noch wörtlich im Libertarismus steckt, sorgt immer wieder für Missverständnisse. Gemeint ist die wirtschaftliche Freiheit von Unternehmen. Wenn man es hart formuliert, lässt er sich mit dem sexuellen Freiheitsbegriff des Marquis de Sade vergleichen: Die absolute Freiheit gilt dem, der die Macht hat.
Die frühe Computerkultur und ihre Nutzungsphilosophie entwickelte sich in Subkulturen, der Counter- Culture. Dazu gehörte Freiheit von institutioneller Kontrolle in einem Raum, der tatsächlich noch relativ machtfrei war. Etwas von diesem Habitus wird immer noch gepflegt, so in informeller Kleidung und in den Umgangsformen. Es ist ein rhetorischer Trick, wenn BigTech-Unternehmen sich auf die Tradition der frühen Internetkultur berufen, während sie gleichzeitig monopolistische Strukturen aufbauen und verteidigen.
Ein anderer zwiespältiger Begriff sind die Eliten: Populisten polemisieren gegen die Eliten – gemeint sind meist akademische Eliten, Medien, Kultureliten. Die von Populisten an die Macht gebrachte Führung rekrutiert sich weitgehend aus Reichtumseliten.
Ein Staat kann vieles sein: ein straff geführtes Regelsystem, das Gehorsam, zumindest Eingliederung in vorgesehene Rollen verlangt, ein Machtgefäss, das von Anführern/ Oligarchen erbeutet werden kann, eine Res Publica – in der seine Bürger ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten aushandeln. Manche Rechtslibertäre meinen ein Staat solle als durch KI und Software unterstützte Diktatur geführt werden.
Neoliberale Wurzeln: Rechtspopulismus als Frontlash
erscheint am 15. April
Rechtspopulismus wird häufig als Gegenreaktion auf den Neoliberalismus gedeutet. Quinn Slobodian, kanadischer Zeithistoriker, stellt dem entgegen, dass die Strömungen der extremen Rechten innerhalb der neoliberalen intellektuellen Bewegung entstanden und nicht gegen sie. Was in den letzten Jahren als ideologische Gegenreaktion gegen die neoliberale Globalisierung bezeichnet wurde, ist oft eher Gegenreaktion auf eine politische Gegenreaktion (frontlash). Die Forderungen der Rechtspopulisten nach Privatisierung, Deregulierung und Steuersenkungen ähneln im Großen und Ganzen denen, die führende Politikerinnen und Politiker weltweit in den letzten dreißig Jahren propagiert haben. Das Buch erschien am 15. April (link zur Rezension)
Das Mash-Up bzw. die Verklumpung von BigTech und MAGA ist keine strategische Vision, sondern eine Zweckgemeinschaft. Was beide eint, ist nicht ein gemeinsames Projekt, sondern die Ablehnung demokratischer Regulierung, der Zumutung, Macht teilen und rechtfertigen zu müssen. Big Tech will die Freiheit globaler Monopole, MAGA mobilisiert nationalistische, identitäre und evangelikale Strömungen gegen Institutionen der liberalen Demokratie. Die Zweckgemeinschaft ist brüchig – aber ihre autoritäre Energie ist wirksam (ergänzt 12.10.).