
Die beiden folgenden Texte setzen eine Reihe von Beiträgen zur Debatte Ko-Evolution von Mensch und KI fort. Eine Auseinandersetzung mit der Fundamentalopposition gegen KI ist der Ausgangspunkt. Im zweiten Teil geht es dann um die “Landnahme der generativen KI” – und den Versuch der Deutung als einen Prozess der Technogenese.
Die Faschismuskeule ist das gröbste Geschütz in der öffentlichen Debatte. Es geht nicht darum, eine Fehlentwicklung zu korrigieren — es ist eine Totaldiagnose, die die politische Reaktion auf Verweigerung und Widerstand eingrenzt und dabei jede Aushandlung ausschließt.
Jürgen Geuter, bekannt als @tante, holt sie in seinem Rant AI as a Fascist Artifact (26.04.26) gegenüber KI hervor. Nicht als Warnung vor Missbrauch, nicht als Beschreibung einer Tendenz, sondern als Strukturdiagnose: KI sei inhärent faschistisch, ihre Technologie auf faschistischen Ideen gegründet, ihr gesellschaftlicher Effekt die strukturelle Unterstützung faschistischen Denkens – klare Kante¹.
Geuters Text ist keine Analyse, sondern als Intervention zu verstehen. Ein Rant, der Zuspitzung bewusst als Stilmittel nutzt. Das ist nicht neu. Als @tante hatte er sich mit einer vernichtenden Kritik am Hype um Web3 (“das Internet, das es zu verhindern gilt”) und die Blockchain-Ökonomie einen Namen gemacht. Eine Kritik, die dazu beitrug, Web3 als nicht tragfähig zu delegitimieren.
Der aktuelle Text richtet sich gegen Positionen, die KI regulieren, demokratisieren, zumindest gesellschaftlich einhegen wollen. Also gegen die Vorstellung, die Technologie könne von ihren Machtstrukturen getrennt und politisch zurückgewonnen werden.
Geuter stützt sich dabei vor allem auf zwei Bezugspunkte. Zum einen auf die Definition des KI-Kritikers Ali Alkhatib (vgl. Destroy AI) – der KI nicht als Technologie mit politischen Eigenschaften versteht, sondern als politisches Projekt schlechthin:
I think we should shed the idea that AI is a technological artifact with political features and recognize it as a political artifact through and through. AI is an ideological project to shift authority and autonomy away from individuals, towards centralized structures of power. Projects that claim to “democratize” AI routinely conflate “democratization” with “commodification“.
Zum anderen bezieht er sich auf einen Text des Technikphilosophen Langdon Winner Do Artifacts Have Politics? (1980). Ihm zufolge sind Technologien keine neutralen Werkzeuge, sondern tragen eine inhärente Politik in sich: Ihre Gestaltung, ihre Infrastruktur und die Ziele ihrer Entwickler setzen bestimmte politische oder soziale Strukturen voraus und fördern diese.
Die analytischen Grenzen der Fundamentalopposition
Rainer Mühlhoff vermeidet zwar in Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus eine Gleichsetzung von KI und Faschismus, hebt aber eine ideologische und technologische Affinität hervor. In der Rezension hatte ich seine Grundthese ausdrücklich geteilt: Aus der Verbindung von Alt-Right-Politik und elitistischen Tech-Ideologien erwächst ein faschistisches Potential. Skeptisch bleibe ich jedoch gegenüber der weitergehenden Annahme, KI selbst besitze eine besondere Nähe zum Faschismus.
Präemption – die Vorwegnahme und Steuerung zukünftigen Verhaltens – ist ein Schlüsselbegriff seiner Argumentation. Im Extremfall wird KI zur Menschensortier-Technologie, die Chancen und gesellschaftliche Teilhabe vorab verteilt. Entscheidungen werden so nicht auf der Grundlage konkreten Handelns, sondern aufgrund statistischer Erwartungen an zukünftiges Verhalten getroffen.
Geuter wie Mühlhoff führen im weiteren Argumente an, die auf koloniale, rassistische, überwiegend westlich geprägte Grundlagen vieler Trainingsdaten verweisen. Generell ein Mangel an Diversität, damit verbunden eine Ausgabe entsprechender Ergebnisse.
Reicht diese Argumentation, eine Technologie als faschistisch zu deklarieren, ihr zumindest eine besondere Affinität zu attestieren? Sieht man von Grok ab, das von Eigentümer Musk aktiv politisch gelenkt wird, sind LLMs nicht faschistischer als die Welt, aus der sie sich bedienen und in die sie eindringen. LLMs verhalten sich so, wie in Compliance- und Markenrichtlinien festgelegt wurde.
Der Kern ihrer Kritik, bei Mühlhoff explizit als zentrale These (S.18) genannt, richtet sich gegen eine Ideologie der Disruption, die in Tech-Eliten und -Communities fest verankert ist: die Vorstellung, dass Technologie Gesellschaft grundlegend transformiert. Eine Disruption die Tech-Libertäre herbeisehnen – und die von rechten Kräften strategisch genutzt wird.
KI erscheint so als eine Machttechnologie, die sich ideal für autoritäre oder gar faschistische Zwecke eignet (vgl. Mühlhoff, S 12 u. 18), als ein soziotechnisches Phänomen in den Händen weniger Oligopole, die es – top-down – für ihre politischen Ziele einsetzen. In diesem Kontext gewinnt das berüchtigte Zitat des Tech-Milliardärs Peter Thiel – “I no longer believe that freedom and democracy are compatible“ – und das Wirken seiner Netzwerke eine verstörende Relevanz.
An dieser Einschätzung baut sich die Haltung der Fundamentalopposition auf, die sich mit dem Zitat KI ist fundamental unvereinbar mit emanzipierten, egalitären und freiheitlichen Gesellschaften. Dabei handelt es sich nicht um einen Designfehler, sondern sie ist so gedacht (Malte Engeler in der taz vom 20.06.) als Selbstdefinition beschreiben lässt.
Der Rohstoff und die materielle Dimension von KI
Die Bereitstellung generativer KI ist, einschliesslich ihrer kompletten Lieferkette, ein extrem ressourcenintensiver Prozess. Grundrohstoff ist das in binäre Daten bzw. statistisch nutzbare Muster zerlegte online und offline gesammelte Wissen: LLM systems scrape vast amounts of publicly available digital data—spanning text, images, code, and media—to train proprietary models (Kate Crawford).
Der analoge Anteil wurde eingescannt und eingespielt. Online sammeln Crawler ein, was es zu holen gibt: Datenmassen aus dem Social Web, Texte, Bilder, Code-Datenbanken – den Fundus des Wissens, der Stile, der Bedeutungen und der Interaktionen. Gesellschaftliche Kommunikation und kulturelle Produktion werden dabei zum Rohstoff einer Industrie. Aus diesem Rohstoff entstehen Modelle, die nicht wissen, sondern gelernt haben, die Muster menschlicher Kommunikation erstaunlich gut nachzuahmen.
Das ist nicht alles: manuelle menschliche Arbeit bleibt erforderlich. Datenkennzeichnung und -bereinigung, wie Labeling, Qualitätsfilterung, Ethik-Checks, oft Klickarbeit genannt, ist zumeist in Niedriglohnländer ausgelagert.
Hinzu kommt ein enormer Verbrauch an Energie und Wasser, sowie erhebliche CO₂-Emissionen.
Der Atlas of AI von Kate Crawford erschien schon vor dem KI-Hype(2021), ist aber immer noch die beste Übersicht zur materiellen Dimension von KI. Crawford widerlegt die Vorstellung von KI als immaterieller Cloud-Software, indem sie den enormen physischen und gesellschaftlichen Ressourcenverbrauch nachweist, der mit der Technologie verbunden ist. Sie beleuchtet die politische und ökonomische Verankerung von KI, sowie die damit verbundenen sozialen und ökologischen Kosten. Crawford nennt KI eine Kultur der Extraktion, die auf der Abschöpfung von Zulieferungen materieller, operativer und ideeller Art beruht.
Der aktuelle politische Hintergrund

In der politischen Diskussion seit Ende 2024 wirkt der Schock des Schulterschlusses zwischen der MAGA-Bewegung und Tech-Oligarchen weiter. Die Bilder von der Trump-Inauguration, begleitet von Tech-Oligarchen, haben sich eingeprägt.
Die Gleichzeitigkeit von technologischer Entwicklung, Monopolisierung von Infrastrukturen, wachsendem Einfluss rechter Netzwerke und einer unvorhersehbaren Machtpolitik haben zu einer Verschärfung politischer und kultureller Konflikte, sowie zu einer aggressiveren öffentlichen Kommunikation geführt.
Wie geschlossen und gefestigt ist ein solches Machtsystem? Der Begriff Verklumpung beschreibt ein unspezifisches Machtsystem das sich um – auf je eigene Weise – charismatische Zentren ballt, und dabei institutionelle und zivilisatorische Standards unterläuft, die lange als selbstverständlich galten. Weniger ein stabiles System, als eine opportunistische Konstellation, die sich rasch in ihrer Form ändern oder auch wieder zerfallen kann.
Der Faschismusvorwurf benennt zwar reale Gefahren – aber er erklärt nicht den Prozess der Entstehung, Verbreitung und gesellschaftlichen Aneignung. Der Widerstand gegen Generative KI lässt sich als Teil eines gesamten Prozesses verstehen.
Monopolisierung strukturell relevant gewordener Dienste bedeutet eine Gefährdung der Demokratie, letztlich ist es eine Frage der Machtbalance. Noch bedrohlicher ist eine Autokratie, die sich ihrer als Herrschaftsinstrument bedient.
Der nachfolgende Text an schliesst hier an. Er versucht, die Landnahme generativer KI als einen Prozess der Technogenese zu verstehen, nicht als abschliessende Analyse, sondern als Beitrag zur Debatte.
Jürgen Geuter: AI as a Fascist Artifact. dt.: KI als faschistisches Artefakt. 21.04.2026. – deutsch: KI als faschistisches Artefakt. auch: : Gareth Watkins; AI: The New Aesthetics of Fascism 9.02.2025- Rainer Mühlhoff : Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag Juli 2025. – The Scale-at-All-Costs AI Trap . Interview mit Karen Hao — Ali Alkhatib: Destroy AI 24.06.2024. Langdon Winner: Do Artifacts Have Politics? MIT Press 1980. Kate Crawford: Atlas of AI. Yale University Press. 2021. 327 S. – Valerie Wirtschafter & Nitya Nadgir: Is the politicization of generative AI inevitable? ¹ In anderen Texten drückt sich Geuter relativierender aus: „Ich würde nicht sagen, dass diese Systeme grundsätzlich vollständig faschistisch sind. Aber sie funktionieren sehr gut in faschistischer Logik – auch besser als in anderen Logiken”. t3n 26.12.25 oder aktuell (16.6.26) in dem Blogbeitrag „KI“-Effizienzversprechen und der Niedergang der Demokratie.
² Malte Engeler: Denken wie das verbreitete Mittelmaß – Taz 16.06.2026 –