Das politische Jahr 2025 und seine Bilder

Wie kommt man dazu, einen Jahresrückblick zu schreiben,  wenn gerade erst die Blätter gefallen sind?

Der Capo und die Oligarchen: America’s tech leaders can’t stop praising Donald Trump 

Das politische Jahr 2025 begann mit der 2. Trump-Wahl am 5. Nov. 2024, gleich am nächsten Abend liess die FDP die Ampel platzen.
Zwei Einschnitte an einem Tag, die seitdem mit der Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts verbunden sind.

Der Machtwechsel in den USA brachte einen Bruch in der Substanz und im Stil: Angriffe auf Institutionen, autoritäre Machtdemonstrationen, einen Abbau demokratischer Konventionen und Spielregeln,   Provokationen  gegen Verbündete.
In Lateinamerika nennt man es Autogolpe/Selbstputsch, wenn ein legal gewählter Politiker schrittweise die demokratischen Institutionen untergräbt.
Ein gewählter Amtsträger nutzt legale/semi-legale Mittel, um demokratische Checks and Balances auszuhebeln. Die Erosion demokratischer Institutionen erfolgt von innen.
Die USA haben ein anderes Gewicht.  Ihr Status als Weltmacht gründet sich – neben wirtschaftlicher und militärischer Dominanz – auf das kulturelle Modell einer liberalen Demokratie. Ihr Imperialismus war, bei aller Kritik daran, darin eingebunden. Auch der Aufbau der digitalen Kultur wurzelte in einem utopisch-emanzipatorischen Selbstverständnis.
Eine entscheidende Rolle im Richtungswechsel spielt Cyberlibertarismus,  eine Ideologie, in der techno-utopische mit marktradikalen Ideen zu einer Fundamental- Opposition gegen jede Form gesellschaftlicher Regulierung des Internet verwuchsen (vgl. Text).
Aus einem sendungsbewussten Selbstverständnis der City upon the Hill wird ein Imperialismus ohne zivilisatorische Mission.  Peter Thiel, einer der einflussreichsten BigTech Oligarchen, konstatierte:  Most importantly, I no longer believe that freedom and democracy are compatible.

Im Frühjahr hatte ich in einer ausführlichen Analyse die gegenseitige Überlagerung von  Rechtspopulismus und digitalem Kapitalismus, zwischen Maga und BigTech als ein Mash-Up bzw. eine Verklumpung dargestellt. Eine Analyse, die auch zum Jahresende weitgehend zutrifft.
Das Bündnis besteht über Einzelpersonen hinaus. Elon Musk nahm zu Beginn eine zentrale Stellung ein.  Der Konflikt zwischen Trump und Musk war absehbar, beide verkörpern narzisstische Machtansprüche, die gegeneinander kollidieren.

Flood the world with Shit -Der Präsident im Königskostüm nimmt den Slogan wörtlich

Die Einschnitte zeigen sich drastisch in Bildern, die um die Welt gingen. Entscheidend waren die von Trumps Inauguration, die eine Bündelung politischer, wirtschaftlicher und medialer Macht vor Augen führten. Tech-Oligarchen huldigten dem Präsidenten, als wären sie Höflinge eines neuen Königtums.
Ähnliche Bilder gab es nochmals Anfang September bei einem Dinner mit den versammelten Tech CEOs (s. Bild oben). Alle waren erschienen, auch Bill Gates, Tim Cook von Apple und Sam Altman von Open AI, denen man nicht unbedingt eine Nähe zum Trumpismus nachsagt. Ein skurriles Szenario: Die versammelten CEOs, die den mächtigsten Konzernen der Geschichte vorstehen, werden von Trump – der wie ein Capo der Mafia auftritt – herumdirigiert. Und sie können nicht aufhören, ihn zu preisen. So sieht ein Machtsystem aus (Link zum Video).
Dazu passt Trumps pompöse Stilwelt mit Gold und Marmor, die an Autokraten wie Putin und Erdogan erinnert.

Würdelos zeigte sich Trump in seiner Reaktion auf Proteste gegen ihn. Der Präsident der westlichen Führungsmacht generiert ein KI-Video, auf dem er mit Königskrone auf dem Kopf einen Jet steuert und sein Volk mit Exkrementen beschiesst! Der Slogan Flood the zone with shit wird wörtlich genommen. Ein markantes Beispiel von Dezivilisierung.
Es sind solche Bilder, die sich eingeprägt haben. Trump, der als scheidender Präsident den Sturm auf das Kapitol – das Monument der US-amerikanischen Demokratie – anfeuerte, wurde mit tatsächlicher Mehrheit zu ihrem obersten Repräsentanten gewählt.

Herrenrunde mit Portionsfläschchen und Konferenzgebäck

Ganz anders sind die Bilder aus Deutschland, denen jede pompöse Inszenierung fehlt – sieht man etwa vom Video-Auftritt  Elon Musks beim AfD- Parteitag ab.
Gerade in seiner piefigen Schlichtheit erregte ein Bild aus der Führungsriege der Union Aufsehen. Sechs Männer, keine Frau, an einem Konferenztisch, wie er tausendfach in Büroetagen steht. Portionsfläschchen, Konferenzgebäck, Mappen. Ein Selbstverständnis, das gar nicht inszeniert werden muss.
CDU und CSU haben diese Bundesrepublik geprägt – 52 Jahre Regierungszeit, Unterbrechungen gelten als Ausnahme. Ohne jeden Zweifel sehen sie sich als legitime Inhaber der Macht. So schlicht das Bild wirkt, führt dieser Politikwechsel zu einer Agenda, die v.a. das rückgängig machen will, was nicht in ihre Kontinuität passt. Man kann es  Gegenreformation oder Restauration nennen.
Träger dieser Politik ist in erster Linie der rechte Flügel der Union, eingezwängt zwischen einer erstarkenden AfD und  einem noch vorhandenen liberalen Flügel. Von der SPD ist kaum etwas zu bemerken. Betrachtet man die Lage genauer, erscheint das deutsche Parteiensystem instabiler denn je. 

Eine autoritäre Wende gibt es nicht, aber immer wieder Schwenks zu rechtspopulistischen  Positionen. Die verbalen Aggressionen richten sich gegen die Grünen und die mit ihnen verbundenen Programmpunkte, so sehr, dass Zusammenarbeit mit ihnen schwer vorstellbar wird. Simple Themen wie Gendern und vegane Produkte werden ideologisch aufgebauscht. Konzepte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tech-Ethik werden nicht explizit zu feindlicher Ideologie erklärt, aber grundsätzlich angegriffen.  Einfluss und Lobbyarbeit der fossilen Energiewirtschaft sind deutlich spürbar. Das Gesellschaftsverständnis ist eher das einer Standortgemeinschaft.
Auf europäischer Ebene kam es zu ersten Zusammenarbeiten mit Rechtsradikalen. 

Bildquelle: Sumaid pal Singh Unsplash+

KI ist 2025 weiterhin das dominierende Thema – wenn nicht noch mehr als in den Jahren 2023 und 2024.  Die spekulativen Phasen des Hype sind  allerdings vorüber. Die Diskussionen wurden konkreter. KI ist weniger Projektion als eine vielfach präsente und genutzte Technologie. An Chatbots in der Kundenkommunikation, Coding mit KI, Anwendungen im Gesundheitswesen, in  Bildung, Verkehr und Verwaltung hat man sich gewöhnt.
Verbreitet gibt es eine pragmatische Einstellung, eine abwägende Zustimmung. Die meisten Nutzer haben Erfahrungen gemacht, wann KI nützlich ist und ihre Möglichkeiten ausprobiert.  Die Perspektiven auf KI sind differenzierter geworden: breite Nutzung, mehr Anwendungen, aber auch scharfe Kritik.
Social Media haben das Konzept Öffentlichkeit verändert – von einer medial synchronisierten Realität zu parallelen Realitätsblasen. KI verändert wie wir Wissen produzieren und darauf zugreifen, – mit noch nicht absehbaren Folgen.

.Generative KI ist ein Konzentrat des öffentlich zugänglichen Internets – hauptsächlich text-basiert, überwiegend englischsprachig, westlich dominiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. KI steht heute für eine neue Stufe von Intermediarität – eine Vermittlungsinstanz zwischen den Teilnehmern der digitalen Informationssphäre. Ein qualitativ neuer Datenrohstoff entsteht: das Aggregat aus allem digital Verfügbaren. Texte, Bilder, Code verschmelzen zu einem statistischen Magma, aus dem KI neu synthetisiertes Wissen generiert – ohne Rückbezug auf Quellen, nur Rekombination von Mustern. Nicht nur sinnvolle Inhalte, sondern auch massenhaft produzierter Slop/ Müll

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt

Grundsätzliche Kritik gibt es v. a. auf zwei Ebenen. Zum einen die Aneignung von Kultur und Wissen. Kreative Kulturproduzenten sprechen vom größten Diebstahl der Menschheitsgeschichte – und gemessen am Datenvolumen ist das nicht übertrieben. Generative KI hat sich das Wissen der Welt einverleibt: Texte, Bilder, Musik, Code – alles wird zu Trainingsdaten. Ohne zu fragen, ohne zu zahlen, ohne Urheber zu nennen. Aus diesem angeeigneten Material generieren LLMs neue Werke, die mit den Originalen konkurrieren. Illustratoren, Texter, Programmierer sehen ihre Arbeit entwertet. Im weiteren die Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Generative KI ist nicht neutral. Sie kann leicht von autoritären und faschistoiden Bewegungen vereinnahmt werden – und wird es bereits.

KI hat einen Börsen-Hype erzeugt, aber es wurde noch kein profitables Geschäftsmodell aufgebaut. Big-Tech-Konzerne haben in zwei Jahren über 500 Milliarden Dollar investiert, die Einnahmen liegen bei 35 Milliarden. Die Blase kann platzen – die Infrastruktur bleibt – aber in wessen Händen?

Seit November 2024 hat sich das politische Klima massiv nach rechts verschoben, global, in den USA, in Europa, in Deutschland. Trump folgt dem Muster illiberaler Autokraten wie Orbán oder Erdoğan. Demokratische Institutionen bestehen formal weiter, werden aber gezielt entkernt. Die USA haben aber stärkere institutionelle Schutzmechanismen,  Föderalismus, eine Rechtskultur, eine lebendige Zivilgesellschaft, entscheidend ist deren tatsächliche Widerstandsfähigkeit
Tech-Unternehmen verfolgen einen Imperialismus ohne Staat – eine  extraterritoriale Macht durch digitale Infrastruktur. Ihre Allianz mit autoritären politischen Kräften ist nicht zufällig, sie folgt gemeinsamen Interessen.
Die tatsächliche Widerstandsfähigkeit hängt von fragilen Faktoren ab: politischer Kultur, der Bereitschaft der Zivilgesellschaft zum Widerstand, der Unabhängigkeit der Justiz – und dem Willen, diese zu verteidigen.

vgl. die Blogbeiträge zu Cyberlibertarismus, Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem , KI und Neuer Faschismus  und KI und der Wert von Kulturarbeit. — Nach Klick werden alle Bilder in voller Grösse auf einer neuen Seite angezeigt  



Fünfzehn Jahre Blog – Digitaler Wandel als Zeitgeschichte

Durchblick – Bild: unsplash +

Fünfzehn Jahre sind ein Abschnitt der Zeitgeschichte. Solange betreibe ich jetzt diesen Blog – mittlerweile sind es rund 200 Beiträge. Startpunkt war das Netnocamp bei der IHK Köln im September 2010.
Vorausgegangen war eine mit  Dreamweaver erstellte Website,  noch im Tabellen- Layout,  einige ältere  Texte (hier zu lesen) von dort habe ich übernommen .
Blogs waren einmal ein Kernstück der neuen digitalen Öffentlichkeit, man sprach von einer Netzkultur, bevor Social Media Plattformen diese Öffentlichkeiten übernahmen. 
Blogs bedeuten aber weiterhin die Unabhängigkeit, eigene Themen zu setzen, eine Personenmarke aufzubauen. Im besten Falle ein Autorenmedium, das eigenständige Publikation mit der Möglichkeit von  Vernetzung,  Diskussion und Akquise verbindet.
Den Titel Netnographie & Digitaler Wandel hatte ich damals adhoc vergeben. Die Themen haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, abhängig von der Entwicklung der digitalen Welt und den eigenen Schwerpunkten.
Wichtig ist mir der differenzierte soziologische Blick auf den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte, der untrennbar mit den technischen Umwälzungen verbunden ist – und ein lesbarer, essayistischer Stil.

Netnographie war 2008 / 2010 ein Thema der Stunde und schien als die der neuen Digitalen Öffentlichkeit angemessene Forschungsmethode.
Popularkultur hatte sich ins Internet verlagert. Digitale Subkulturen, neue Formen von Vergemeinschaft und ihre Bedeutung für das Marktverhalten standen im Vordergrund. Das Interesse an Netnographie entwickelte sich in diesem Zusammenhang rasch. Im Handbuch der Online- Forschung (2014) konnte ich einen längeren Beitrag dazu veröffentlichen. Eine Reihe kleinerer Beispiele (so zu Vegan, Overtourismus, Fairtrade) sind im Blog dokumentiert.
Fun- Fact: eine Zeitlang wurde ich oft von Studenten zu ihrer Abschlussarbeit kontaktiert, aber nie aus der Soziologie oder verwandten Fächern, so gut wie  immer aus der BWL.
Ganz durchsetzen konnte sich Netnographie in der deutschsprachigen Forschungslandschaft nicht. Der Name weckt Erwartungen auf einfache Art Consumer Insights zu gewinnen – eine eher technische, instrumentelle Sichtweise. Die Unterscheidung zum Monitoring, heute meist Listening genannt, fällt in der Praxis oft schwer, obwohl Monitoring auf datenbasierte Sammlung abzielt und Netnographie auf kulturelle Analyse.
Netnographie entstammt der Kulturanthropologie– ethnographic fieldwork im digitalen Raum. Mit einer Verankerung in den Diskursen der Consumer Culture Theory bzw. der Cultural Studies. Im deutschsprachigen Raum fehlt dieser Kontext oft.
Netnographie fällt so etwas zwischen die Stühle: Zu weich für datengetriebene Marktforschung, zu anwendungsorientiert für reine Kulturwissenschaft, zu anthropologisch für die deutsche Soziologie.
Die Entwicklung von Netnographie verfolge ich weiter, der aktuelle Stand ist nachzulesen.

Bild: Getty Images- unsplash+ +

Digitaler Wandel  und Digitale Transformation werden oft gleichgesetzt, bezeichnen aber Unterschiedliches. Wandel ist der allgemeinere Begriff für Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. Transformation hingegen meint tiefgreifende, strukturelle Umbrüche, bei denen Systeme, Institutionen und Praktiken neu gestaltet werden. Beide Begriffe markieren Leitlinien der Zeitgeschichte, in der technologischer, medialer und gesellschaftlich-kultureller Wandel eng miteinander verflochten sind.

Schübe der Digitalisierung wurden nicht erst mit dem Internet spürbar.  Bereits  Desktop- Publishing (etwa um 1990) war ein Schlüsselimpuls der digitalen Revolution im Medienbereich. Der Cyberspace, wie man damals das Internet nannte, wurde als experimenteller  Raum erlebt.
Zumindest zeitweise setzte sich das freie Internet der offenen Standards gegenüber einem Internet der Konzerne (damals das Netz der Portale) durch. Es blieb prägend für eine Kultur der Digitalität, in der sich die  Vorstellung eines gemeinsamen, dezentralen gesellschaftlichen Projektes herausbildete.  Das Web 2.0 war mit einer basisdemokratischen Aufbruchsstimmung verbunden, auf die bis heute immer wieder bezug genommen wird.

Seitdem haben eine ganze Reihe technischer Innovationen die digitale Entwicklung angetrieben, Das mobile Internet veränderte die Alltagskommunikation massiv, und ist heute kaum noch wegzudenken. Social Media kanalisierte die online- Kommunikation, machte  sie auslesbar.
Das Metaverse (2021/22) wurde v.a. von Konzernen angetrieben, fand aber letztlich in dieser Form keine ausreichende Resonanz. Der Entwurf eines räumlichen Internet setzt sich aber im Spatial Computíng fort. KI ist seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 ein dominierendes Thema –  mit  noch nicht überschaubaren Wirkungen und Folgeerscheinungen.

Die Pandemie 2020/ 21  bedeutete einen grossen Einschnitt.  Unter welchen Bedingungen konnten sich digitale Medien mehr bewähren, als unter denen einer physischen Kontaktsperre? Ohne digitale Medien, wie Videochats, Live- Streaming etc. hätte sich kaum eine öffentliche Sphäre aufrecht erhalten lassen. Der kurzlebige Hype um Clubhouse im Corona- Winter 2021 verdeutlichte um so mehr eine Sehnsucht nach Austausch und Vernetzung, gerade in medienaffinen Branchen.

Der wahrscheinlich entscheidendste Einschnitt der letzten 15 Jahre war aber nicht Corona, auch nicht KI und sicher nicht das Metaverse, sondern die Landnahme der Plattformen, (sehr gut beschrieben von Michael Seemann in  Die Macht der Plattformen).  Sie bedeutete den Wechsel von einer offenen, dezentralen Innovationslogik (bottom-up) hin zu einer stärker kontrollierten, durchplanten und von wenigen zentralen Akteuren dominierten Struktur (top-down).
Es entstand ein – eingeschränkt – globaler Informationsraum mit zentraler Infrastruktur. Plattformen agieren darin als Intermediäre – sie vermitteln zwischen Nutzern und Anbietern und regulieren Zugang, Sichtbarkeit und Interaktion. Diesen Intermediären – den Big Tech-Giganten ebenso wie zunehmend den großen KI-Systemen – kommt faktisch eine Ordnungsmacht zu. Entscheidend ist die umfassende Erhebung, Auswertung und algorithmische Verarbeitung aller verfügbaren Daten.

Der Wandel bedeutet nicht den Übergang in einen neuen, stabilen Zustand, sondern verläuft kontinuierlich weiter – mit neuen Chancen und neuen Konfliktlinien. Wenig vorhersehbar in seinen konkreten Ausprägungen, aber in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen erklärbar.

Der Begriff Transformation geht zurück auf Karl Polanyis Konzept der Großen Transformation (1944) in dem  gesellschaftliche Umbrüche nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als politische und kulturelle Prozesse verstanden werden Diese kontinuierliche Transformation ist durch die Verzahnung technischer, kultureller und politischer Entwicklungen gekennzeichnet.  Polanyi wie auch Norbert Elias‘ Prozesssoziologie  können als fruchtbare Ansätze dienen, die sich auf aktuelle Entwicklungen übertragen lassen. Sie zeigen, wie sich in langfristigen Prozessen technologische Innovationen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wechselseitig bedingen.

Mit der Prozesssoziologie von Norbert Elias hatte ich mich  seit dem Studium befasst, immer wieder fasziniert von dem Gedanken, sie auf laufende Entwicklungen zu beziehen. Neben die bei Elias herausgestellten Prozesse der Sozio- und Psychogenese – der Herausbildung von Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen –lässt sich Technogenese hinzufügen – die wechselseitige Prägung von Technik und Kultur. Technische Infrastruktur/ Technokultur haben heute eine ganz andere Bedeutung für die gesellschaftliche Binnenstruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Diese Prozesshaftigkeit – nicht die Wirkung einzelner Technologien, sondern ihre gesellschaftliche Einbettung – ist das eigentliche Über- Thema dieses Blogs. 

Die Relevanz soziologischer Theorien für das Verständnis der digitalen  Gegenwart habe ich in einem (verlinkten) Beitrag zusammengestellt. Darunter  auch  solche, die sich auf die Luhmannsche Systemtheorie beziehen, sowie die  Arbeiten von Andreas Reckwitz. Hinzuzufügen wäre noch die Bedeutung von Michel Maffesoli für das Konzept der Online- Tribes. 

Im letzten Jahr dominierten zwei Themen: KI/ AI und  die politischen Verwerfungen seit November 2024. Bei letzteren verweise ich auf meine Rezension zum Cyberlibertarismus und den  ausführlichen Text Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem.

KI ist  seit knapp 3 Jahren ein geradezu epochales Thema. KI wird in der Breite genutzt, wahrscheinlich von vielen mehr, als offen zugegeben wird. Gleichzeitig ist sie ein boomendes Feld der Beratungs- und Fortbildungswirtschaft, steht aber auch in der Kritik als Piraterie des Wissens, Vermüllung des Internet und als Instrument neo- autoritativer Herrschaft. Im Unterschied zum Internet, das sich, zumindest zeitweise, bottom- up verbreitete, ging KI  von vornherein von einzelnen, grossen Konzernen aus. Die Perspektive der Anwender und Betroffenen – eine Sicht von unten– findet in der Debatte wenig Raum.
Das Buch von Frank Witt vermittelte mir mit dem markanten Bild der Sozialisation von Maschinen eine neue Sichtweise auf KI.  Mit dem Autor konnten wir kürzlich eine Buchvorstellung im Kölner Startplatz veranstalten, an die sich möglicherweise eine weitere Zusammenarbeit anschließen kann.

In meiner eigenen Arbeit habe ich zwei Begriffe zugespitzt:  Automatisierte Singularisierung soll die Paradoxie fassen, wie KI-Systeme massenhaft die gewünschten Einmaligkeiten produzieren – angelehnt an die Theorie der Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz. Gemeint ist die gezielte Erzeugung individueller Produkte und Erlebnisse auf Basis von Verhaltensdaten und Präferenzen. In eine ähnliche Richtung geht die derzeit viel diskutierte Erzeugung synthetischer Daten in der Marktforschung.
Der Begriff Consociality/ dt. Consozialität  stammt nicht von mir, aber ich habe ihn gern aufgegriffen. Gemeint ist etwas, was es schon immer gab, aber erst in der digitalen Sozialität  zentrale Bedeutung erlangt: Die Verbindung einzelner Menschen über punktuelle Übereinstimmungen und Interessen – situative digitale Ko-Präsenz jenseits stabiler Gemeinschaften. Ein Kollege nannte es  scherzhaft #Hashtag Soziologie, als ich das Konzept damit erläuterte. 

Soziologie löst keine Probleme, legt aber Zusammenhänge offen und macht so gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Entwicklungen erklärbar.
Genau darin liegt ihr Nutzen: Entwicklungen der Zeitgeschichte erklärbar zu machen, Aha-Erlebnisse zu erzeugen und zum Weiterdenken anzuregen – nicht durch Vereinfachungen, sondern durch begriffliche Schärfung. Gefreut hat mich, dass 2x Beiträge aus dem Blog den Weg in Schulbücher fanden – nicht für Sozialwissenschaften, sondern für Deutsch in der Oberstufe – eine Anerkennung der sprachlichen Qualität.

Die selbstverständliche Nutzung von Blogs zur Diskussion hat nachgelassen. Sie ist längst abgewandert in Social Media, v.a. zu LinkedIn. Deshalb hier mein Account: https://www.linkedin.com/in/kjanowitz/
Der Titel Netnographie & Digitaler Wandel war anfangs eine pragmatische Benennung – ob er bleibt oder sich ändert, hängt davon ab, welcher Begriff künftig am besten  trifft.



KI als Strukturverstärker – Macht, Algoritmen und Autorenschaft

Bild: Steve-johnson-KI .unsplashed+

KI ist Gamechanger,  darüber sind sich fast alle einig. Darüber wie sich die Spielregeln ändern sollen, nicht.
Einstellungen und Haltungen zu KI gehen weit auseinander, die Diskussionen verlaufen meist innerhalb bestehender Gruppierungen, die den jeweiligen  Deutungslogiken folgen.

Gründe dafür, dass sich die Diskurse kaum treffen, gibt es viele. KI greift in zahlreiche gesellschaftliche Funktionssysteme ein: Medizin, Recht, Bildung, Produktion, Werbung, kreative Kreation und so viele mehr …  Ihr Einsatz, ihre Nutzung folgt einer  jeweils eigenen Logik.
Grundsätzlich tritt KI in zwei Formen auf: als sichtbare, aufrufbare Chatbots wie ChatGPT, Claude Sonnet oder Bildgeneratoren, wie Midjourney und  Googles Nano Banana/ Gemini 2.5 Flash Image und als im Hintergrund in Prozesse eingebettete Algorithmen, die Abläufe präemptiv steuern.
Konzerne sehen in KI ein Effizienz-Tool, das Abläufe beschleunigt und Arbeitskosten reduziert. Wirtschaftsförderer sehen in ihr einen Baustein der Infrastruktur, der Technologiesouveränität erfordert. Anwender erleben sie oft spielerisch.
Andere sehen KI in der Nähe eines autoritären Machtapparats oder als einen Angriff auf geistige Autonomie und das Prinzip der Autorenschaft.

Chatbots erlauben es uns, mit ihnen zu experimentieren, ihre Funktionsweise zu erkunden, sie für eigene Zwecke zu nutzen oder auch zu verwerfen. Sie sind sichtbar, direkt erfahrbar und eröffnen Spielräume zur Einübung neuer Praktiken. Sie können als bottom-up- Praxis verstanden werden. Im besten Falle als Werkzeuge der Co Creation.
Eingebettete Algorithmen
hingegen sind unsichtbar in Prozesse integriert. Sie lassen sich nicht einüben, sondern wirken strukturell – als Teil einer Macht-und Steuerungsarchitektur, die Entscheidungen präemptiv vorgibt, noch bevor wir selbst eingreifen können. Sie können als top-down Praxis verstanden werden. 

Für beide Formen gilt aber, dass sie Interessen spiegeln. Chatbots ebenso wie eingebettete Algorithmen liefern nicht neutral, sondern genau das, was in ihren Vorgaben, Trainingsdaten oder politischen Entscheidungen angelegt ist – im besten Fall also auch das, was demokratisch beschlossen wurde.
LLMs basieren auf einer oft urheberrechtlich problematischen kulturellen Extraktion: LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023)

KI ist zwar seit fast drei Jahren Hype und  die meisten Menschen sind mit ihr in Berührung gekommen, dennoch fehlt der Diskussion die inhaltliche Breite, die ihr zukommt.
Die öffentlichen Debatten drehen sich überwiegend um die sichtbare, dialogische Oberfläche, die wir mit einigem Lernaufwand sinnvoll und für uns nützlich gestalten können.  Die unsichtbare Allgegenwart der eingebetteten Algorithmen, die Prozesse steuern und Entscheidungen präemptiv beeinflussen, bleibt im Hintergrund.
Frage ist: Wie können Prozesse gestaltet werden, ohne von ihnen überrollt zu werden? Ohne dass sich strukturelle Macht weiter konzentriert?
KI ist in Machtstrukturen eingebunden. Ganz offensichtlich können  eingebettete Algorithmen präemptiv, vorentscheidend im – selektierenden-  Sinne der jeweiligen Betreiber verwendet werden.
Es fehlt eine gesellschaftliche Bewegung, die Machtstrukturen thematisiert, ohne gleich die ganze Technologie abzulehnen. Die Thematisierung eines neuen, smarten Faschismus – wie bei Rainer Mühlhoff ist richtig. Ein alleiniger Rückzug darauf kommt aber einer splendid isolation gleich.
KI-Technologien wurden ursprünglich dazu entwickelt,  aufwendige Analysen zu erleichtern und uns bei komplexen Aufgaben zu unterstützen. In den letzten Jahren haben sie sich zu nahezu omnipräsenten Begleitern  entwickelt. KI-basierte Systemen sind so sehr mit unserer Wirklichkeit verwoben, dass wir uns oft nur noch am Rande bewusst sind, wie stark sie unsere Entscheidungsprozesse beeinflussen.
Zudem kratzt KI  an dem menschlichen Selbstverständnis als kreativem und intellektuellen Wesen.

Von Frank Witt  stammt der Begriff  von  KI  als Strukturverstärker. KI ist bzw. wirkt als eine soziotechnische Konstellation: Weder als neutrale Technik noch als autonomes System, sondern als ein Ensemble aus Algorithmen, Daten, Institutionen und Akteuren. KI reproduziert nicht nur bestehende gesellschaftliche Tendenzen, sondern verstärkt sie in vielen Fällen. KI beschleunigt, wirkt als Verstärker von Effizienz. Das gilt für  Überwachungsprozesse ebenso wie für kreative Prozesse. KI kann gesellschaftliche und ökonomische Macht verstärken – ihre Anwendung und Wirkung gehören in den öffentlichen Diskurs.
KI zeigt die ganze Ambivalenz mächtiger Technologien: Sie kann ebenso kreative Prozesse bereichern wie demokratische Diskurse untergraben, Wissensarbeit unterstützen wie  Desinformationskampagnen automatisieren. Sie kann ganze  Trollfabriken steuern oder als cocreatives Werkzeug genutzt werden.

Vor rund 25 Jahren, um die Jahrtausendwende, setzte sich das Internet in der Breite durch. Blicken wir  zurück,  gab es damals einen ersten Anlauf zu einem Internet der Konzerne, das heute oft vergessene Internet der Portale.
Zentrale Portale sollten den Einstieg ins Internet kontrollieren, Walled Gardens statt offener Suche und Navigation- ein klassisches Gatekeeper– Modell, top-down konstruiert. Portal-Websites dienten als zentrale Startseiten, über die Dienste wie Nachrichten, E-Mail, Chats, Shopping, Online-Banking gebündelt werden sollten.  AOL, Yahoo, Compuserve, Lycos, aber auch MSN (Microsoft Network)   und t- online waren die Protagonisten.

Bild: unsplash +

Dagegen formierte sich eine breite Bewegung für ein freies Internet ohne Gatekeeper mit offenen Standards und der Vision einer vernetzten Gesellschaft.  Das Modell der  proprietären Portale der Konzerne scheiterte.
Der Erfolg wirkte einige Jahre nach  und gab basisdemokratischen Strömungen Auftrieb. Man sprach von  Netzkultur – gemeint war ein von einer Community getragener  Standard.
Die schliesslich erfolgreiche Beherrschung  der digitalen Welt durch quasi-Monopole, gelang auf anderem Wege- beschrieben u.a. von Shoshana Zuboff (Überwachungskapitalismus) und Michael Seemann (Macht der Plattformen),  oft als  Landnahme durch Big Tech bezeichnet. Aus dem partizipativen Web 2.0  war wieder ein Internet der Konzerne – jetzt BigTech genannt –  geworden – mit neuen Formen von Kontrolle und Gewinnerzielung. .
Generative KI ist ein Kind dieses Social Web. Ohne dessen Datenfülle und die Digitalisierung des verfügbaren menschlichen Wissens gäbe es sie nicht. Die systematische Verknüpfung, Verdichtung und Automatisierung dieses Wissens war technisch eine logische Weiterentwicklung der Digitalisierung.
So wird technologische Disruption von quasi-Monopolen als Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts inszeniert – ein Fortschritt, der zunehmend mit neuen Formen des Autoritarismus in Verbindung gebracht wird.

Der Filmkomponist Matthias Hornschuh beschreibt in seiner Schrift Wir geben uns auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit (die in dieser Woche als Buch erscheint, s.u.)  eine  systematische Entwertung kultureller Arbeit. Einer auf schnell erfassbare Oberflächenreize optimierten Welt setzt er den Wert kultureller Durchdringung entgegen.
An anderer Stelle hebt er das Prinzip der Autorenschaft hervor, zitiert dabei den Kunsttheoretiker Bazon Brock: Menschen, hinter denen nichts steht, kein Papst, kein Militär, kein garnichts, und die trotzdem angehört werden, weil das, was sie sagen, interessant und von Wichtigkeit ist, aufgrund ihrer Fähigkeit, Welterkenntnis zu eröffnen.
Wenn der Zufluss neuer, innovativer und vielfältiger Inhalte zu versiegen droht, dann müssen sich Staat, Gesellschaft und Volkswirtschaft auf eine geistige Dürre einstellen. Es stellt sich die nicht geringe Frage, wie eigentlich in Zukunft das Neue in die Welt gelangen soll.
Auch KI- Kritiker wie Rainer Mühlhoff und Kate Crawford  sprechen  an einigen Stellen  von entmenschlichender Technologie  – gemeint ist Vereinnahmung von Subjektivität durch technologische Systeme.

KI kann Ähnliches im Verschiedenen erkennen, aber  nicht intentional Muster brechen oder völlig neue konzeptionelle Verbindungen schaffen, die jenseits statistischer Wahrscheinlichkeiten liegen. KI ist gut darin, aus Trainingsdaten erworbenes Wissen anzuwenden,   logisches Denken jenseits erlernter Muster fällt ihr schwer. Die spannendsten Momente entstehen nicht durch perfekte Beherrschung von Mustern , sondern durch deren überraschende Brechung. Es setzt voraus, dass jemand will, dass etwas anders läuft – eine Intention, die KI allein nicht haben kann.

Der KI-Debatte fehlt bislang eine kulturelle Aneignung, eine tiefer gehende ästhetische Durchdringung. Etwas wie Andy Warhols Pop Art, die Konsumkultur kulturell verfügbar machte. Eine KI-Kunst, die weder die Technologie dämonisiert noch vergötzt, sondern ihre Möglichkeiten und Grenzen kreativ auslotet. So kann aus einer technologischen und politisch polarisierten Debatte eine gesellschaftliche werden.

Das Web 2.0 sollte alle zu Autoren machen, das KI- Web macht alle zu Objekten einer Praxis der Extraktion. Wer wird die Prozesse der Zukunft gestalten – und wer lässt sich von ihnen gestalten? – Technologie wird erst durch kulturelle Aneignung zu gesellschaftlicher Realität.

 

vgl.  Holger Schmidt:  Revolution der Arbeitswelt: Bots statt Folien. FAZ 3.09.25.  *Matthias Hornschuh:. Wir geben uns auf: KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit – 9/25; 96 S.  Matthias Koch & Patrick Mennig: Plattformökonomie am Ende? Welchen Einfluss haben KI, Metaverse und Nachhaltigkeit auf digitale Geschäftsmodelle?  Blog des Fraunhofer-Institut 2.07.2024  – Vgl. auch Frank Witt: Stille Umbrüche – Was KI wirklich verändert. (8/25) . und Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft  (5/25) 



KI 2025 – und die Einstellungen dazu

geprompted, nicht gezeichnet: KI-Titel der Neuausgabe des Zauberberg von  Thomas Mann

Auch im dritten Jahr nach ChatGPT bleibt generative KI ein vorrangiges Thema. Aus dem Stadium des Hype entsprechend dem Gartner Hype Cycle™ ist KI längst herausgewachsen, bleibt aber eine mit Innovationsversprechen verbundene gesellschaftliche Obsession.
Die Diskussion  ist von Nutzungserfahrungen, aber ebenso von politischen Einschätzungen bestimmt, die oft schwer zu überschauen sind.

Generative KI ist ein Kind des Social Web. Ohne dessen Datenfülle und die Digitalisierung des verfügbaren menschlichen Wissens gäbe es sie nicht. Die systematische Verknüpfung, Verdichtung und Automatisierung dieses Wissens war technisch eine logische Weiterentwicklung der Digitalisierung.

Das Chatfenster ist die Benutzeroberfläche, natürliche Sprache – vorausgesetzt man versteht Prompting-Befehle als solche – dient als Betriebssystem. Wir können mit der KI chatten, sie auffordern, ein Buchcover zu Literaturklassikern (s.o.) zu gestalten – oder einen Essay dazu zu schreiben.  Die KI liefert uns Ergebnisse, doch bis diese unseren Vorstellungen entsprechen, ist es ein Weg mit vielen Arbeitsschritten. Der Mensch füttert und steuert die KI, und entscheidet, wofür sie eingesetzt wird.
Manche Dinge kann die KI aus dem Stand: Übersetzungen, Wissensabfrage, Code- Snippets, Transkriptionen etc. KI automatisiert primär das, was ohnehin schon standardisiert war. Bei allem anderen bleibt sie Werkzeug, nicht Ersatz.

Wie schlagen sich drei Jahre generative KI in den Haltungen und Einstellungen nieder? Welche positiven und welche negativen Einschätzungen haben sich verfestigt?
Die Einstellungen zu KI  hängen von den Erfahrungsebenen  ab: Als aktives Werkzeug wird sie meist positiv erlebt; als fremdgesteuertes System erzeugt sie Abhängigkeit. Autonom ist KI nie – sie führt stets menschlich gesetzte Regeln aus, deren Bewertung wiederum von der Perspektive der Betroffenen abhängt.
Carsten Rossi, Agenturchef aus Köln, fasste in einem Video auf LinkedIn seine Nutzungserfahrung zusammen, die für viele Kreativarbeiter stehen kann: KI ist keine Wahrheitsmaschine. Ihre Stärke liegt im divergenten Denken, also in der Generierung einer Vielzahl von Ideen und Lösungswegen für ein Problem.
Divergentes Denken öffnet den Raum für multiple Lösungswege und Innovation, während konvergentes Denken zu einer einzigen, korrekten Antwort führt. Der Mensch als Nutzer bleibt für Angemessenheit (Appropriateness) verantwortlich.
Ähnliche Erfahrungen werden von Journalisten genannt.
KI wird als nützliches Werkzeug erlebt und verstanden, wird in der Breite und auch mit Spass dabei eingesetzt. Generell wird KI als Erweiterung kreativer Möglichkeiten erlebt. 

Andere Nutzungserfahrungen gibt es in anderen Branchen. KI reorganisiert bestehende  Wissensbestände, macht sie auf neue Weise zugänglich. In manchen Branchen gibt es messbaren Nutzen  (Rechtsdatenbank-Durchsuchung, Radiologie-Auswertung, Code-Debugging) und eine jeweils entsprechende, meist positive Resonanz. In Branchen mit interpretativen Aufgaben (Marktforschung, Personalauswahl, kreative Beratung) bleibt die Resonanz  ambivalent. Entscheidend ist letztlich, wie sinnvoll die  einzelnen Lösungen erlebt werden.
KI ist längst nicht nur Technik, sondern auch ein Markt, der sich selbst antreibt. KI- Experten profilieren sich mit Wissens- und Erfahrungsvorsprüngen.  Konferenzen/ Events zu KI, Beratung und  Fortbildung boomen.

Das Chatfenster ist nur das eine Gesicht der KI – das andere ist zunehmend Embedded AI in technischen Systemen (z. B. Autos, Kameras, Industrieanlagen) bzw. implementierte KI. Letztere ist selten sichtbar, sie kommt nicht als große neue Maschine daher, sondern wird unauffällig in bestehende Systeme eingebaut – von HR-Software über Kreditscoring, dynamische Preisgestaltung bis hin zu Predictive Policing. Sie folgen eindeutigen Algorithmen ohne Raum für kreative Exploration.
Es ist dieses – kontrollierende – Gesicht, das Unbehagen verursacht. Der amerikanische Soziologe George Ritzer meinte dazu: The control exercised by AI is more insidious than that of other non-human technologies because it is largely invisible*

Standardwerk zur materiellen Dimension von KI – mit Klick gelangt man zur Rezension

Eine ausführlich begründete und wohl formulierte Kritik liefert Kate Crawford mit dem Atlas of AI.  Sie beschreibt KI als Metamaschine und zugleich als extraktive Industrie. Auch vier Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe (2021) bleibt  der Atlas ein Schlüsselwerk zur Diskussion der strukturellen, sozialen und ökologischen Dimensionen von KI. Die von Crawford aufgezeigten physischen und gesellschaftlichen Kosten haben sich seither nicht relativiert, sondern verstärkt. Alle von ihr identifizierten Problembereiche haben an Intensität gewonnen – von der Umweltbelastung über die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen bis hin zur Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen weniger Konzerne (vgl. Rezension).

An die materielle Extraktion schliesst die kulturelle Extraktion an: LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models – so die Autorin 2023 in einem Interview.

Rohstoff von KI –  Anthropic umging die Lizenzfrage mit dem händischen Einscannen von Millionen gebrauchter Bücher. Bild: unsplash unlimited- Gustavo Reyes

KI-Systeme werden mit immensen Beständen an Texten, Bildern, Musikstücken, Memes und anderen kulturellen Artefakten trainiert – von gemeinfrei bis urheberrechtlich geschützt. Fast das gesamte Internet mit seinen gesammelten kollektiven Wissen und kulturellen Ressourcen  wurde verfüttert. KI produziert aus ihnen neue (oft exklusive und kommerziell verwertbare) Bedeutungen.
Die Opposition gegen die Aneignung durch kulturelle Extraktion  differenziert sich nach Branchen: abgesehen von literarischen Werken haben Texte selten Werkcharakter, Textarbeiter nutzen zudem KI oft selber,  der Widerstand ist gering. Photos und Illustrationen sind stärker mit Autorenschaft und Stil verbunden und klarer urheberrechtlich geschützt. V. a. der Markt für Stockphotos- und illustrationen wird von KI verdrängt.
Musiker und Komponisten sind am stärksten von direkten Lizenzeinnahmen abhängig, ihre Einkommenslage am unmittelbarsten von KI bedrängt. So gibt es hier den ausgeprägtesten organisierten Widerstand.

Die Logik der Extraktion –  materiell und kulturell – führt direkt in die politische Dimension.  Datenhoheit ist Machtfaktor.
Seit der zweiten Trump-Wahl, dem Aufstieg des Populismus und dem Sturz der Ampel hat sich das politische Klima verschärft und polarisiert. Diese Polarisierung begünstigt radikale Diagnosen und Zuspitzungen. Ein übergreifender Konsens zwischen politischen  Lagern  schwindet.
In den USA entsteht ein neues oligarchisches Machtsystem – eine Verklumpung aus Rechtspopulismus, digitalem Kapitalismus und technokratischer Macht, angereichert mit diffusen Zukunftstheorien und reichlich persönlichem Narzissmus.
Der Auftritt der Tech-CEOs bei der Amtseinführung Trumps wurde international als Bekenntnis zu diesem neuen Machtsystem verstanden – auch wenn die Ansichten darüber auseinandergehen, wie geschlossen dieses System tatsächlich ist.

Ein Machtsystem, in dem man faschistoide Tendenzen erkennen kann. Ich habe es als Mash- Up/ Verklumpung beschrieben – seine Bestandteile sind (noch) zu konfus, um es als konsistentes Herrschaftssystem zu erkennen. Die Demokratie wird zwar angegriffen, besteht aber weiterhin.
Faschismus ist ein schwerwiegendes Wort, eine Keule, Ausdruck von Unvereinbarkeit, eine Art Exkommunikation aus der Gemeinschaft der Demokraten.
Keine Frage, dass die Verklumpung ein faschistisches Potential beinhaltet, das Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologie nutzt, um den Rechtsstaat auszuschalten. Eine technokratische Vision ist ein schlanker, auf Automatisierung und Präemption basierender Apparat. Ein intransparenter Einsatz von Algorithmen funktioniert  dabei als Herrschaftswerkzeug.
Eine fundamentale Kritik an KI ist in ihren Aussagen radikaler geworden. Zwar distanziert sich etwa Rainer Mühlhoff in Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus  (vgl. Rez.), von einer zwangsläufigen Entwicklung zu einem technokratischen bis faschistischen Staatswesen,  doch wird KI häufig eine ideologische und technologische Affinität zum  Faschismus zugeschrieben.
AI is a perfect example for the capitalism-to-fascism pipeline. It embodies capitalism and carries the seed of fascism –  so fasst es Malte Engeler, Jurist und Digital- Aktivist zusammen. KI ist technologisch nicht neutral, sondern spiegelt die Bedingungen und Ideologien ihrer Betreiber. KI gilt in dieser Argumentation  als totale Mobilisierung des Kapitalismus.
Die Kritik richtet sich insbesondere gegen Präemption, die Logik der Vorwegnahme von Entscheidungen. Im schlimmsten Falle eine Menschensortier-Technologie mit folgender Ungleichbehandlung, die gesellschaftliche Teilhabe so selektiert.

So berechtigt diese Kritiken im Detail sein mögen – sie vermengen Technologie- und Machtkritik. Präemption ist zweifellos ein mögliches Einsatzfeld von KI. Doch rechtfertigt dies die Dämonisierung einer Technologie, die in anderen Bereichen als nützlich und sinnvoll erlebt wird?  Technologie ist Macht, KI wahrscheinlich in besonderem Maße. Eine fundamentale Ablehnung bedeutet auch einen Rückzug aus den Gestaltungsmöglichkeiten.

In der Debatte um eine Superintelligenz/ AGI (Artificial General Intelligence)vermengen sich technische Spekulation, kommerzielle Interessen und endzeitliche Phantasien. Rainer Mühlhoff sieht darin eine absichtliche Überzeichnung von KI-Möglichkeiten und -Risiken, die im weiteren eine anti-demokratische Überhöhung von Technologie bedeutet – im utopischen als auch im apokalyptischen Sinne. Mit der technischen Realität von KI hat AGI  nichts zu tun.

Anders als frühere Digitalisierungsschübe ist KI nicht mit einer breiten sozialen Bewegung verbunden. Die Verbreitung des Internet war von partizipatorischen Visionen getragen, die oft auch Diskurshoheit gewannen. Technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt wurden als Einheit erlebt. KI erscheint dagegen als Top-Down-Durchsetzung ohne demokratische Partizipation.

Ein Blick in die US-Tech-Szene zeigt ähnliche Radikalisierungen: Auf der einen Seite Evangelisten, Start-up-Gründer und Longtermisten, die Superintelligenz als unausweichlich predigen. Auf der anderen Seite Kritiker, die Chatbots als stochastic parrots oder racist piles of linear algebra abtun und deren Zusammenbruch voraussagen. Zwischen diesen auseinander drängenden Haltungen bleibt wenig Raum für die Auseinandersetzung mit den realen KI-Effekten: Effizienz- und Kreativitätsgewinne vs Umweltkosten, sozialer Ungleichheit, extraktiver Raubbau.

Ein Gedanke kam mir beim Schreiben immer wieder: Vielleicht braucht KI eine ästhetische Durchdringung – etwas wie Andy Warhols Pop Art, die Konsumkultur kulturell verfügbar machte. Eine KI-Kunst, die weder die Technologie dämonisiert noch vergötzt, sondern ihre Möglichkeiten und Grenzen kreativ auslotet. So kann aus  einer technologisch und polarisiert- politischen Debatte eine gesellschaftliche werden.

Abschliessend ein Veranstaltungshinweis:
Diskussions- und Vortragsveranstaltung zum Buch von Frank Witt  Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft am Donnerstag dem 28.08.2025 im Startplatz Mediapark 5 Köln 19:30
Anmeldung beim Startplatz.
Ich freue mich, einige meiner Leser zu sehen 😉

vgl auch:  Rezension zu Rainer Mühlhoff : Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag  Juli 2025. : David Golumbia: Cyberlibertarians’ Digital Deletion of the Left.  und Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem (in diesem Blog) ** vgl.: LOOPS Fascist AI with Malte Engeler and Tante. Aufzeichnung vom 3.07.25 , Berlin  * George Ritzer: McDonaldization and Artificial Intelligence 4/2024 Matteo Wang: The AI Industry Is Radicalizing. The tech industry and its critics occupy parallel universes. The Atlantic 12.07.25

 



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