Automatisierte Singularisierung – KI und die Herstellung von Einmaligkeit

Singularität:In der Soziologie eine kulturell entstandene Einmaligkeit   – Technologisch ein hypothetischer Punkt, an dem KI die menschliche Intelligenz übertrifft und sich selbst verbessert – bishin zu einem “Point of no Return” Bild: Midjourney

Singularisierung ist ein Konzept aus der Soziologie, das mit Andreas Reckwitz und seinem (Haupt-) werk Die Gesellschaft der Singularitäten  (2017) verbreitet wurde. Vorweg: Der soziologische Begriff Singularität unterscheidet sich von dem in der KI – Technologie – (s.u. und vgl. die Bildunterschrift re.).

Singularisierung als Gesellschaftslogik der Spätmoderne

Reckwitz beschrieb die Transformation moderner Gesellschaften von der industriellen Moderne zur  Spätmoderne.
Er spricht von einem kulturellen Kapitalismus, in dem sich eine Öffnung der Lebensformen mit wachsender Bedeutung symbolischer Güter und individueller Selbstentwürfe verbindet.
Historischer Rahmen ist der Wandel der von Massenproduktion geprägten industriellen Gesellschaft zur postindustriellen Ökonomie, in der sich nicht nur die Arbeitswelt transformiert.
Märkte differenzieren sich zunehmend entlang von Lebensstilen, Geschmack,  kulturellen Präferenzen und den entsprechenden Zielgruppen.
Insbesondere in den innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix.
Die Technik und die Organisation der Industriegesellschaft wirken standardisierend, die digitale Technologie der Spätmoderne singularisierend.

Massenproduktion, Vereinheitlichung, Normierung, das Streben nach Effizienz bestimmt die Logik der Standardisierung in der Industriegesellschaft.  Individuelle Präferenzen werden an das verfügbare Angebot angepasst, nicht umgekehrt. Auf individueller Ebene gilt Anpassungsdruck mit entsprechenden Verhaltenserwartungen.

In der Logik der Singularisierung werden Einzigartigkeit, Authentizität und individuelle Bedeutung zu zentralen Werten. Aber erst die Digitalisierung schafft die technischen Voraussetzungen für ihre massenhafte Verbreitung – dazu im weiteren mehr. Produkte, Erlebnisse und Identitäten werden mit symbolischer Bedeutung aufgeladen und in Narrative eingebunden – Storytelling wird etwa zum typischen Marketing-Element.
Diese Logik wirkt auf vielen gesellschaftlichen Ebenen: Sie zeigt sich im individualisierten Konsum- und Reiseverhalten, aber auch im Wandel sozialer Strukturen, wie sie sich z.B. im langsamen Verschwinden klassischer Milieus, bis hin zu dem der Bürgerlichen Mitte.  Reckwitz bezieht sich dabei immer wieder auf die Sinus- Milieus.
Ein anderes, einfaches Beispiel sind ehemals kollektive Medienerlebnisse, nicht nur Fussball WM und Mondlandungen, auch Serien und TV- Shows waren in vergangenen Jahrzehnten oft Strassenfeger, die einen Grossteil der Gesellschaft an einem, oft so genannten Lagerfeuer vereinten.
Heute kommen solche kollektiven Gemeinschaftserlebnisse evtl. noch bei grossen Fussballmatches vor. Medienöffentlichkeiten sind ansonsten
weitgehend fragmentiert. Verbindende Momente finden sich eher in spezifischen, meist wenig beständigen Interessensgruppen (vgl. Tribes).

Serielle Singularitäten: Ein neues Spannungsfeld zwischen Masse und Einmaligkeit

Reckwitz’ Gesellschaftsanalyse, ihre längerfristige Gültigkeit und Anschlussfähigkeit an andere Theorien soll jetzt nicht weiter vertieft werden (vgl. dazu die Verweise unten). Es geht um das Konzept der Singularitäten und die Wirksamkeit ihrer Logik in den Zeiten von KI. Wie entsteht Einmaligkeit unter diesen Voraussetzungen, wie wird sie erlebt, wie wird sie hergestellt und wie wirkt sie?
Der Begriff Serielle Singularitäten benennt diese Spannung zwischen Masse und Einzigartigkeit  präzise. Reckwitz erwähnt ihn zwar kurz (S. 135 – tatsächlich im Zusammenhang mit Serien wie Downton Abbey oder Breaking Bad),– führt ihn aber nicht weiter aus. In einem Podcast von 2021 Digitalisierung und Singularisierung thematisiert er den Zusammenhang,  seither hat sich das Phänomen jedoch erheblich ausdifferenziert – und es stellt sich die Frage, ob KI-basierte Systeme neue Formen automatisierter Einmaligkeit erzeugen.

Von der Anpassung zur Gestaltung: Wie Daten Einmaligkeit generieren

Singularisierung kann sich auf Dinge/ Produkte, Prozesse und Personen, auch auf Erlebnisse beziehen. Entscheidend ist das Erlebnis der Einmaligkeit (**vgl. die Definition unten).
Singularität in ihrer traditionellen Form bleibt allerdings personalintensiv und damit teuer – sei es als handwerklich erzeugtes Unikat, in Form individuell zugeschnittener Beratungsleistungen etc.  Sie ist nur begrenzt verfügbar und wird oft als besonderes Privileg wahrgenommen.
Singularitäten sind nicht zwangsläufig mit Status verbunden. Vielmehr geht es um die symbolische Aufladung von Objekten oder Prozessen – die Valorisierung in den Augen des Einzelnen und seiner sozialen Umgebung. Nach Bourdieu gesehen, zeigt sich so die Dimension des kulturellen Kapitals –das nicht mit Statusgütern identisch ist, sich aber mit ihnen überschneiden kann.
Anschauliche Beispiele für ein Revival handwerklich erzeugter singulärer Produkte finden sich als Craft Beer- Brauereien,  Kaffeeröstereien, Bäckereien, die sich auf wenige ausgewählte Produkte beschränken etc. –  manchmal werden sie als einer Hipster Kultur zugehörig zusammengefasst.
Singularisierung zeigt sich nicht nur in diesen Nischenmärkten sondern auch in der Differenzierung von Massenprodukten.

Automatisierte Singularisierung koppelt die soziologische Gesellschaftsdiagnose mit den technischen Möglichkeiten der digitalen bzw. der KI- Ära. Erst Digitalisierung bietet die technischen Voraussetzungen für die massenhafte Verbreitung der Singularisierungslogik – ohne die digitale Vermessung der Welt ist sie nicht denkbar.
Digitalisierung macht das Einzigartige messbar und verwertbar. Die Einmaligkeiten/ Besonderheiten  einzelner Menschen werden adressierbar. Aus jeder individuellen Präferenz, aus jedem besondere Verhalten werden Daten generiert, die wiederum neue Formen von Singularisierung ermöglichen. Der digitale Fußabdruck wird selbst zum Marker der Einzigartigkeit.
In der digitalen Ökonomie wird Singularisierung zur Geschäftsgrundlage: Daten über individuelle Präferenzen ermöglichen zielgerichtete Werbung und die Vermarktung einzigartiger Erlebnisse. Digitalisierung macht Singularisierung skalierbar und eröffnet neue Geschäftsfelder – genauso ermöglicht sie neue Gestaltungen.  Die Weiterentwicklung ist eine politische Frage.

KI als Generator singulärer Interaktionen

Während die bislang vorherrschenden Plattformen hauptsächlich auf gesammelte Daten reagieren, schaffen KI-gestützte Tools hochgradig personalisierte Erlebnisse durch Datenanalyse und das Lernen aus  Nutzerverhalten. KI kann Präferenzen antizipieren, bevor diese bewusst geäußert werden – ein standardisiertes System, das auf Millionen von Parametern basiert.

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt. Bild: unsplash unlimited-  Gustavo Reyes

Nirgends kommt man dem Konzept der automatisierten Singularisierung näher, als in einem Chat- oder Gesprächsverlauf mit KI. Jede Antwort entsteht neu, basierend auf einem spezifischen Input: die Nuancen der Fragen, die Denkweise des Nutzers – all das fließt in die Antworten ein und schafft eine individuell zugeschnittene, singuläre Interaktion.

In der Aufmerksamkeitsökonomie  treten Singularitäten miteinander in den Wettbewerb.  Es kommt darauf an, jedem Nutzer das Gefühl zu geben, besonders adressiert zu werden.  KI-basierte Anwendungen ermöglichen es, spezifische Prozesse zu automatisieren, indem sie individuell angepasste Lösungen bieten, die gezielt auf die Präferenzen und Verhaltensmuster der Nutzer eingehen. So entsteht die Wahrnehmung einer  einzigartigen Ansprache – eine Verstärkung der Singularisierungslogik durch die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung. Social Media Plattformen werden zu Bühnen  des Personal Brandings und des Storytelling.

Lange Zeit war Digitalisierung in den Zukunftsdebatten eindeutig positiv besetzt. Die Vorstellung, dass Technologie und ihre Gestaltung das Leben verbessert und alle Menschen daran gleichberechtigt teilhaben können, dominierte die Diskussion.

Heute  überwiegt ein skeptischerer Blick. Das hat sicherlich mit Machtballungen – Stichwort BigTech – und den politischen Verwerfungen v. a. des letzten Jahres zu tun. Es sind aber zwei Verhalte: Die technisch/ gesellschaftlichen Möglichkeiten und ihre Aneignung.
Automatisierte Singularisierung ist kein neutraler technischer Prozess, sondern ein politisch umkämpftes Feld. Die Frage ist nicht, ob sie stattfindet, sondern wer sie kontrolliert und zu welchen Zwecken sie eingesetzt wird. Das macht die gesellschaftspolitische Dimension des Konzepts deutlich.

Automatisierte Singularisierung oder Singularisierte Automatisierung?

Der Begriff lässt sich drehen – und damit gelangen differenzierte Bedeutungen in den Vordergrund. In der Variante Singularisierte Automatisierung, geht es um die Anpassung bestehender Prozesse,  in denen Automatisierungsprozesse individuell und singulär gestaltet werden.  Automatisierung wird nicht mehr als Massenphänomen verstanden, sondern als eine individuell zugeschnittene, unverwechselbare Lösung.
Automatisierte Singularisierung beschreibt hingegen eine neue Qualität, in der mit technischen Systeme aktiv Singularitäten generiert werden. Diese Form der Automatisierung schafft nicht nur maßgeschneiderte Prozesse, sondern stellt die Produktion von Einmaligkeit selbst in den Mittelpunkt.

Letztlich bietet Automatisierte Singularisierung eine größere analytische Reichweite für gesellschaftliche Transformationsprozesse. Gemeint ist hier, dass das technische System aktiv Einzigartigkeit stiftet, also gesellschaftliche, kulturelle oder individuelle Besonderheit algorithmisch hervorbringt.

Zur Übersicht: Eine KI-generierte Gegenüberstellung von automatisierter Singularisierung und standardisierter Automatisierung als ihrem Gegenmodell:

Mass Customization ist keine Singularisierung

Mass Customization, ein Schlüsselkonzept der Industrie 4.0, ähnelt auf den ersten Blick der Logik der Singularisierung – bleibt jedoch auf der Produktebene und im Rahmen standardisierter Prozesse.
Bekannt ist das Prinzip etwa von Websites mit Konfiguratoren: Nutzer:innen können Produkte nach individuellen Vorlieben anpassen – etwa Regalsysteme, Küchenzeilen, Sneakers mit variabler Sohle, Schnürung und Farbgebung oder der individuelle Mix zur Haartönung. Auch passgenaue Versicherungsangebote oder modular zusammensetzbare Reisepakete folgen diesem Muster.
Im Zentrum steht die automatisierte Kombination vorgegebener Module: eine wunschgemäße Rekombination vordefinierter Bestandteile bzw. flexibler Tarifstrukturen.

VR und emotionale Echtzeit-Singularität

Singuläre Erlebnisse in VR? Bild: unsplashed+

Lässt sich das Konzept Automatisierte Singularisierung auch auf  VR- Realitäten  anwenden? Singuläre Erlebnisse müssen mehr leisten als nur das automatisierte Bereitstellen vordefinierter Inhalte oder vorstrukturierter Programme. VR kann über die bisherige Personalisierung hinausgehen, indem es nicht nur Inhalte individualisiert, sondern ganze Erfahrungsräume. Die narrative Aufladung ist zentral: VR ermöglicht es, dass Nutzer nicht nur passive Empfänger sind, sondern aktiv Bedeutung schaffen.  Entscheidungen im virtuellen Raum werden zu persönlichen Erzählungen.
Moderne VR-Systeme können tatsächlich biometrische Daten wie Herzschlag, Augenbewegungen oder Stresslevel in Echtzeit erfassen und die virtuelle Erfahrung darauf anpassen.
Das stellt eine besonders fortgeschrittene Form der automatisierten Singularisierung dar – eine, die nicht nur Vorlieben oder Profile, sondern unmittelbare emotionale Zustände berücksichtigt. Der Nutzer kann so vom Konsumenten zum Gestalter seiner eigenen, einzigartigen Geschichte werden. Letztlich zählt auch hier am Ende das Erlebnis.

Warum der Begriff den Unterschied macht

Automatisierte Singularisierung öffnet als Begriff neue und kompakte Einsichten.  Er verbindet soziologische Gesellschaftsanalyse mit aktuellen Diskursen zu Technologie  und KI.  Er macht komplexe gesellschaftliche Transformationen in einem Konzept greifbar. Statt vage von Individualisierung oder Personalisierung zu sprechen, präzisiert er den spezifisch technologischen Charakter der Entstehung von Singularität. Automatisiert macht den Unterschied zu früheren Formen der Individualisierung deutlich.

Aus dem Begriff Singularisierung und dem Rückbezug auf Reckwitz entstand die Idee zu diesem Text; den Anstoß gab seine Formulierung von den seriellen Singularitäten sowie die Beobachtung der Nachfrage nach singulären Produkten und ihrer Herstellung

 

Rezensionen zu Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), Das Ende der Illusionen (2019)  und Soziologie im Duett – Reckwitz & Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? – Eine Kurzfassung der Gesellschaft der Singularitäten ist im  Journal für politische Bildung 1/2019 nachzulesen.
**Singularisierung kann sich auf Dinge, Prozesse und Personen beziehen, die nicht mehr nicht mehr als austauschbare Exemplare einer Kategorie behandelt werden, sondern als einzigartige Entitäten, die innerhalb sozialer Praktiken als besonders wahrgenommen und bewertet werden. (vgl. Reckwitz, 2017)
Nils Kumkar und Uwe Schimank: Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der »Spätmoderne«
Diagnose der »Spätmoderne« Leviathan, 49. Jg., S. 7-32, 2021 und Researchgate.



Digitale Renaissance, Digitale Diktatur, oder was?

Blick durch ein Freiheitsfenster? Bild: unplash.com unlimited

Die Zeiten, in denen digitaler Fortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleichgesetzt wurde, sind passé.
Es gab die Zeit, in der digitale Techniken ein Freiheitsfenster öffneten: Demokratisierung des Wissens, neue Möglichkeiten von Kreativität und Kreation, Freiheiten der Publikation, die Bildung von Netzwerken und neuen Gemeinschaften.
Digitale Techniken und neu entstehende digitale Öffentlichkeiten unterliefen die Kontrollgewalt von Gatekeepern und brachen das bestehende Mediensystem auf.

In gewisser Weise bestehen die Freiheiten weiter, sind aber durch ein neues Machtsystem überdacht. Im digitalen Kapitalismus wird der mediale Raum durch Algorithmen kontrolliert. Ein Thema, das in den Diskussionen der letzten Jahre, auch in diesem Blog, im Vordergrund stand. Stichworte sind die Macht der Plattformen, Landnahme, Überwachungskapitalismus und in den letzten zwei Jahren Digitale Oligarchie.

Renaissance meint die Wiedergeburt alter Ideen in einem neuen Kontext  und steht für eine Zeit künstlerischer Innovationen und kultureller Blüte. Historisch sind Renaissance und Humanismus eng miteinander verbunden. Metaphorisch wurde die Bezeichnung von der italienischen Renaissance des 15. und 16.Jh. immer wieder auf andere Epochen übertragen – vom imperialen Rückgriff der  karolingischen Renaissance Karls des Großen bis zur Harlem Renaissance afroamerikanischer Kultur in den 1920er Jahren.

Digitale Renaissance tauchte als Begriff bereits in den 90er Jahren auf und ist seitdem mit dem Autor Douglas Rushkoff verbunden. Rushkoff nutzt und prägt seitdem den Begriff Digitale Renaissance als Leitmetapher für die kreative, partizipative und transformative Kraft digitaler Technologien. Seine Deutung ist bis heute zentral für die Verwendung des Begriffs im Kontext der digitalen Kultur.
Nach Rushkoff war die digitale Revolution nur scheinbar disruptiv – sie ersetzte lediglich die alte Elite durch eine neue crew of mostly male, white, libertarian technologists. Die Regeln von Startups und Venture Capital blieben weitgehend dieselben wie zuvor und unterstützten die gleichen Ungleichheiten und deren kulturellen Werte.
Digitale Renaissance bedeutet für Rushkoff die kreative Wiederbelebung menschlichen Potentials in einer vernetzten Welt. Menschen sollen durch Technologie ermächtigt, nicht kontrolliert werden. Seine Einsichten sind in den Essays The Digital Renaissance (2002) und Renaissance Now (2017/2021) übersichtlich zusammengefasst.

Die Matrix zu Systemstabilität und – disruption (Felser und Wagner, 2025) – volle Auflösung nach Klick

Marc Wagner und Winfried Felser haben den Begriff der Digitalen Renaissance kürzlich in einem  (LinkedIn) Beitrag mit dem überlangen Titel Digitale Renaissance oder “Digitale Diktatur und “Digitale Anarchie” – die Zukunft hängt von unserem Bild vom Menschsein in Zeiten der KI ab!  aufgegriffen. Rushkoff wird zwar nicht erwähnt, die Begriffsverwendungen lassen sich aber vereinbaren. Erklärte Absicht ist es, nicht von der Technologie auszugehen, sondern umgekehrt vom neu gedachten Zielbild, die Autoren nennen es ein neues Menschsein in Zeiten der KI.

Was den Text interessant macht, ist seine Eignung als Basis für weiterführende Diskussionen und Gedankenspiele. In der Matrix mit den Achsen System-Stabilität vs. System-Disruption und Technologische Dominanz vs. Menschlich-kooperative Balance werden vier 4 Zukunfts- Szenarien sichtbar. Es sind Denkmodelle, die man in der Reinform nicht für realistisch halten muss.

Die verwendeten Begriffe gehen auf mehrere Quellen zurück, so Homo Deus auf das gleichnamige Buch von Yuval Harari (2015), ein technikverstärkter optimierter Menschentypus, der überflüssig gewordene  Homo Obsoletus geht auf den norwegischen Autor Anders Indset zurück. Der Homo Eco Economicus/ Transformans ist der bewusst gestaltende ökonomisch denkende Akteur. Capokratie, angelehnt an die Capos der Mafia, eine Demokratie im Abstieg, Ecokratie im Wieder- Aufstieg.

Eine digitale Diktatur würde sich in vielem von den ideologischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Der neue Autoritarismus kommt ohne Ideologie aus, aber mit imperialem Anspruch. Machtbasis wäre in erster Linie die Kontrolle der digitalen Infrastruktur, damit über Kommunikation, Handel, Arbeit, Gesundheitswesen und grundlegende Dienstleistungen, sogar soziale Kontakte. Daten und KI werden zur neuen Governance, obsolete Menschen zu Datenschatten. Digitale Diktatur breitet sich aus in einer schleichenden Machtergreifung durch eine Oligarchie, langsam, mit einer Erosion demokratischer Normen.

Ein origineller Gedanke ist der des Homo Furens, des wütenden Menschen.  Sinnverlust und Systemverachtung sind die Antriebskräfte. Dieser Homo Furens ist nicht nur der Abgehängte, sondern oft der Hochgebildete, nicht nur der Abseitige, sondern eben auch der scheinbar Integrierte (Felser).  Radikalisiert und technologisch ermächtigt stellt er eine Gefahr dar, mit ideologischem und physischem Terror. 

Der Text steht nicht allein, sondern in einer Serie von Beiträgen derselben Autoren, die sich von einer betriebswirtschaftlichen Optimierung (Fokus auf den Wirtschaftsstandort) hin zu einer gesellschaftlichen Systembetrachtung (Matrix mit Gesellschaftsbildern) bewegen. Rushkoff und sein Konzept der Digitalen Renaissance werden nirgends erwähnt (unbekannt?), obgleich sich die Texte zum Ende hin diesem Konzept nähern.

Der erste der Reihe  (01/25) der den Titel Digitale Renaissance verwendet bezieht sich auf Darron Acemoglu mit seinen beiden Werken Why nations fall/ Warum Nationen scheitern und Power and Progress. Im ersteren geht es um den Erfolg oder Misserfolg von Nationen im historischen Wandel, der zweite Titel räumt mit der Vorstellung Technology-equals-progress (vgl. Rez.) auf. Acemoglu, Wirtschafts- Nobelpreisträger 2024, hatte den Gedanken, dass technischer  Fortschritt nicht zugleich gesellschaftlichen  Fortschritt bedeutet, auch in der Wirtschaftspresse verbreitet.
Der erste Text knüpft an ein Deutschland als führender Industrienation und Land des Wirtschaftswunders an. Das Narrativ des
Deutschland, in dem alles funktioniert – in dem die Gesellschaft der Wirtschaft folgt, wird so wachgerufen. Kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen werden zwar angesprochen, sie dienen aber dem Zweck einer Company Renaissance.
So bleibt dieser Text Unternehmensberaterprosa.
Im Ernst: Wäre ein kultureller Rückbezug auf die Zeit des Wirtschaftswunders attraktiv? Es wäre nicht Renaissance, sondern Restauration. Wirtschaftswachstum ja – aber mit einer patriarchalen  Gesellschaftsstruktur: autoritär, mit nur formellen Frauenrechten, homophob, voller Altnazis in Führungspositionen.

Nimmt man den Begriff Digitale Renaissance ernst, ist eine kulturelle und intellektuelle Umwälzung damit verbunden. Eine echte Digitale Renaissance bedeutet eine kulturelle Transformation, nicht technische Effizienzsteigerung. Alte und neue Ideen sollten sich so verbinden, dass Menschen mit den neuen technischen Möglichkeiten zu aktiven Gestaltern und Autoren ihrer kulturellen Umgebung werden, nicht nur zu Nutzern oder Zielgruppen. Es geht um Teilhabe, demokratische Gestaltung, kreative Selbstermächtigung und kulturellen Pluralismus.

Die entscheidende Frage ist heute nicht, was Technologie kann, sondern wie wir sie nutzen. Felser & Wagner nennen es schließlich – etwas pathetisch – was Menschsein in Zeiten der KI heißen soll. Rushkoff hatte seit den 90ern das Konzept einer Digitalen Renaissance geprägt. Dahinter steht der Gedanke, das kreative, partizipative und transformative Potential digitaler Technologien als Grundlage auch des wirtschaftlichen Handelns zu sehen. Der Gedanke ist grundsätzlich naheliegend und tritt in solchen oder anderen Bezeichnungen vielfach hervor.

Technischer Fortschritt hatte lange Zeit gesellschaftliche Entwicklung angetrieben, zumindest weitgehend unsere Handlungsspielräume erweitert. Mittlerweile sind auch digitale Diktaturen vorstellbar, nicht nur als SF- Dystopie. Digitale Oligarchien gibt es bereits.  In einer beschleunigten Welt mit mächtiger KI, ökologischen Kipppunkten und gesellschaftlichen Brüchen brauchen wir tragfähige Bilder vom Menschsein mit Individualität und Gemeinsinn, auch als Gegenentwürfe zu einer Verbindung von technischer Innovation und restaurativem Denken.

Die aktuellen gesellschaftlichen und zunehmend auch politischen Verwerfungen folgen den Digitalisierungswellen der 2010er Jahre: Digitaler Plattformkapitalismus, Smartphone-Durchdringung, algorithmische Medien.
KI steht noch in einer frühen Phase – gesellschaftliche, kulturelle und politische Wirkungen sind noch begrenzt. Machtverschiebungen und die  Möglichkeit KI- basierter Formen politischer Kontrolle und Manipulation lassen sich bereits abschätzen.
Erkennbar sind vorerst z.B. Arbeitsplatzveränderungen in Wissensdienstleistungen, aber auch das breite Ausloten der kreativen Nutzung. Es geht um Interaktion statt Automation. Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von digitaler Zivilisation entwickeln wir?

Douglas Rushkoff: The Digital Renaissance 29.03.02  – Renaissance Now! 5 .08. 2017 The Model Isn’t the Territory, Either Digital complexity doesn’t mean it’s reality. Darren Acemoglu: Power and Progress, Winfried Felser & Marc Wagner:“Digitale Renaissance” oder “Digitale Diktatur” und “Digitale Anarchie“. – The Digital Renaissance: How Companies Can Become Future-Ready Through New AI and Company Rebuilding. Drucker-Forum 



Who is building a brain for the world?

Sam Altman,  der CEO von Open AI, hat einen programmatischen Text mit dem Titel The Gentle Singularity  online gestellt. Kurz darauf gab er seinem Bruder Jack Altman ein Videointerview: The Future of AI. 

Wenn der CEO eines BigTech– Unternehmens, wie Open AI, seine Zukunftsvisionen teilt, kann man davon ausgehen, dass Inhalt und Rhetorik strategisch auf ihre Wirkung hin durchdacht sind.

Das Interview zeigt Sam Altman im vertrauten Gespräch mit seinem Bruder auf dessen YouTube-Kanal. Moderne PR lebt davon, Entscheidungsträger von ihrer menschlichen Seite zu zeigen – als nahbare Persönlichkeiten. In diesem Fall verbindet sich ein persönlicher Gesprächsrahmen – eine Art familiäres Kamingespräch – mit einer maximalen globalen Öffentlichkeit.
Der Podcast A World with AGI*  in der Reihe Uncapped with Jack Altman #13 überschneidet sich inhaltlich mit dem Video-Interview, hebt jedoch einige Aspekte hervor, so etwa Altmans Meinungen zum Konkurrenten Meta.

Im Blogpost The Gentle Singularity geht es um nichts weiter als den Übergang zu einem neuen Zeitalter – dem einer Digitalen Superintelligenz.  Sam Altman beginnt mit Pathos, kündigt die Überschreitung eines Horizontes an, der sich der Menschheit eröffnet.  Er schreibt im  pluralen Wir – und dieses Wir steht für die Menschheit – der er die Furcht vor diesem Zeitalter nehmen will.
Es soll  ein sanfter/ gentle Wandel sein, eine allmählich entstehende Superintelligenz, die nicht plötzlich, sondern schrittweise Realität wird. Versprochen wird viel:  Intelligenz und Energie, Ideen und die Fähigkeit diese umzusetzen, werden im Überfluss vorhanden sein. Wissenschaftlicher Fortschritt beschleunige die Produktivität, KI lasse die Lebensqualität enorm steigen. Die KI soll für jeden leicht zu bedienen sein und bis in Details an persönliche Bedürfnisse angepasst werden können.

Wer aber diese Ressourcen kontrolliert bzw. verteilt, wird nicht genannt.  Im Kontext von KI bezeichnet Singularity eine maschinelle Intelligenz, die menschliche Intelligenz übertrifft – grundsätzlich ein radikaler Bruch, in den Auswirkungen alles andere als sanft. Das Adjektiv gentle/sanft stellt diese potenziell disruptivste Technologie als einen weichen Übergang, als sanfte Evolution dar –  ein Widerspruch in sich.

Der Text liest sich als Entwurf eines Cyber- Utopia: This is how the singularity goes: wonders become routine, and then table stakes.
Ein weichgespülter Techno- Utopismus, der die Risiken und die Fragen von Machtverteilung und -ausgleich auslässt. So ungebrochen habe ich schon lange nicht mehr von der Gleichsetzung von digitalem und gesellschaftlichem  Fortschritt gelesen.
Im Gespräch der beiden Brüder geht es um persönliche Einstellungen, v.a. aber um die Haltung zu den Mitbewerbern – in erster Linie Meta.  Altman plaudert von dessen Versuch, Mitarbeitende mit hohen Prämien abzuwerben und nennt dies ein schlechtes Zeugnis einer Unternehmens- und Innovationskultur.
Für  OpenAI spräche das beste Kompliment, das er je gehört habe. Es sei die einzige Tech Company, die den User nicht nervt und manipuliert: Google versuche, Nutzern schlechtere Suchergebnisse und Werbung zu zeigen, Meta versuche, das Gehirn zu manipulieren und Nutzer zum Doom-Scrolling zu bringen, Apple bombardiere Nutzer mit Benachrichtigungen. 

Die Kernaussage von Blogpost und Interview: Die Entwicklung einer digitalen Superintelligenz ist unvermeidlich – und das ist gut so. Altman präsentiert OpenAI als Forschungsunternehmen für Superintelligenz, sich selbst als einen Anführer der guten Sache. Im Vergleich zu anderen CEOs von BigTech-Unternehmen wirkt er wie der Hobbit unter den Oligarchen.

The Brain for the World? (steve-johnson-KI .unsplashed+)

We are building a brain for the world – ein Satz, der mit dem imperialen Wir anmassend erscheint und erschreckt.  Gemeint ist die gesamte Branche, nicht Open AI allein.
Ist die Tech- Branche dazu ermächtigt, Wissensgewinn, Kreativität und Kommunikation für uns alle neu zu gestalten?  Es geht um einen exponentiellen technologischen Wandel, um eine Landnahme. Letzteres bedeutet die Einnahme und Monopolisierung des durch die Wirkung neuer Technologien entstehenden Raumes.
Vorgestellt wird es uns als eine  natürliche Entwicklung, der wir vertrauensvoll folgen, die sanft genug ist, uns ihr problemlos anpassen zu können. Es klingt, als sei diese Entwicklung natürlich und notwendig und dass ihre Führung in guten Händen liegt.

In einem früheren Blogpost (2/25) heisst es, dass die Mission darin bestünde, sicherzustellen, dass AGI- Artificial General Intelligence* der gesamten Menschheit zugute kommt. Was die Tech-Industrie plant, wird als zwangsläufiger Fortschritt dargestellt.
Verstehen lassen sich diese Sätze als Ausdruck eines dominanten Gestaltungsanspruchs der Tech-Industrie. We are building a brain for the world ist eine solche archetypische Aussage aus dem Silicon Valley – eine klassische Aneignung von Zukunft, futures appropriation. BigTech betreibt World-Building und stilisiert sich als Vollbringer des menschlichen Fortschritts.

Gesellschaftlicher Wandel ist niemals, technologischer Wandel selten  kontinuierlich oder monokausal. Beide sind miteinander verbunden und es gibt eine Reihe von Erklärungsmodellen, darunter das der Technogenese (der Prozess, in dem technologische Innovationen nicht isoliert, sondern immer in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Strukturen und Kräften entstehen).
Eine Innovation, wie die von AGI bzw. einer Superintelligenz löst zwangsläufig  gesellschaftliche und politische Dynamiken von unbestimmten Ausmass aus.

Das Herauswachsen des Internet von experimentellen Inseln zu einer globalen Infrastruktur brauchte einige Jahrzehnte, verlief in mehreren Schüben und war von vielfältigen Diskussionen begleitet.
Mit dem Internet war lange Zeit die Vorstellung von Dezentralisierung und Demokratisierung verbunden, zu Recht, vorhergehende Machtverhältnisse wurden gelockert.
Es brauchte  20 oder mehr Jahre zur Herausformung der spezifischen, auf algorithmischer Kontrolle beruhenden Machtverhältnisse, die oft Überwachungskapitalismus genannt oder unter digitaler Oligarchie zusammengefasst werden. KI ist jetzt schon oligarchisch dominiert.
Superintelligenz ist immer noch Speculative Future. Die heutige KI, die sich etwa seit der Jahreswende 22/23 verbreitet hat, ist archivbasiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. Daten, die oft genug geklaut sind – d.h. ohne Zustimmung von Produzenten und Rechteinhabern verwendet werden. In den allermeisten aktuellen Diskussionen geht es um diese archivbasierte KI.
Die Resonanz reicht von fundamentaler Kritik zu oft abwägender Zustimmung. Die Nutzung ist zum einen effizienzgetrieben, zur Erledigung stark formalisierter Aufgaben – oft aber auch zur Konzeptentwicklung in etwa als  Sparring- Partner.

Altmans Postings und das Interview lassen sich als eine Image-Kampagne für die Positionierung von OpenAI in einem zukünftigen, technokratisch- geführten System lesen. Sie zielen darauf ab, eine hegemoniale Kontrolle über die Entwicklung von KI als unvermeidlich, unbestreitbar und gentle darzustellen. Allerdings stoßen diese Visionen auf starke Widerstände – werden teils als ein Pitch to the entrepreneurial class¹ beschrieben, als Versuch,  unternehmerische Eliten für diese Zukunftsvision zu gewinnen. Ein wenig erinnern sie an Googles Motto dont’be evil in der Vergangenheit.

Im Jahre 2025 liegen jedenfalls Erfahrungen zurück, die uns gegenüber gross angelegten Zukunftsvisionen von BigTech Unternehmen skeptisch machen. Es geht auch um  Machtverschiebungen. Das Recht der Stärkeren – wir tun es, weil wir es tun können –  ist wieder vermehrt Teil unserer Wirklichkeit, zu Lasten einer breiten Aushandlung.

Sam Altman: The Gentle Singularity:  (Blog 10.06.25) – KI-Training ist Urheberrechtsverletzung. ¹Virginia Backaitis: Why Sam Altman Is One of the Most Dangerous Men Alive,  11.06.25  David Golumbia: Cyberlibertarians’ Digital Deletion of the Left.  * AGI: Artificial General Intelligence- eine Form künstlicher Intelligenz, die nicht nur auf spezifische Aufgaben beschränkt ist, sondern über allgemeine kognitive Fähigkeiten verfügt – also Probleme in unterschiedlichsten Bereichen flexibel, selbstständig und auf menschlichem Niveau oder darüber hinaus lösen kann.

 

 



Absolute Disruption: Zwischen Machtergreifung und Freak-Show

Musk & Millei auf der CPAC* – 20.02.15

Was derzeit in den USA geschieht, hat historische Dimensionen. Nennt man es Machtergreifung – oder ist es eine Freak- Show die vorbeizieht?

Die Brüche sind da. Im Inneren der Beginn der deconstruction of the administrative state (Steve Bannon) – nach dem Muster von Hugo Chávez (Venezuela) oder Viktor Orbán (Ungarn). Regimewechsel nennt es  Anne Appelbaum. Autogolpe nennt man in Lateinamerika den Selbstputsch, bei dem ein legal gewählter Politiker schrittweise die demokratischen Institutionen untergräbt.

Nach aussen werden Wahrheiten umgeschrieben, mal ganz einfach auf der  Landkarte, dann wird der Ukraine vorgeworfen, von Russland angegriffen worden zu sein: You should never have started it. Nach drei Jahren des Angriffskrieges stellt sich die neue US- Regierung dann in den UN an die Seite  des Agressors Putin. 
Es bedeutet das Ende, zumindest eine Unterbrechung, der von den USA angeführten auf Verträgen und Kooperation basierenden liberalen Weltordnung. Eine neue Weltordnung hätte die autoritären Züge der Welt von vorgestern: Mächtige Männer führen mächtige Staaten und ordnen die Welt durch zwischen ihnen ausgehandelte Deals.
Das durch komplexe Bindungen regulierte Europa stört dabei nur. Die USA von Trump und Musk bedeuten einen Zivilisationsbruch.

With this guy, every troll is a trial balloon* – die Beschreibung als Troll im britischen Guardian charakterisiert Trumps politische Kommunikation wohl am besten. I like making deals, preferable big deals. That’s how I get my kicks – ist seinem Buch The Art of the Deal vorangestellt. So geht es immer wieder um ein möglichst offensives Auftreten, egal ob gegen Freund oder Feind, und darum,  niemals eine Niederlage zuzugeben.
Trump wurde bekannt als Figur des Gossip mit Bling-Bling und vulgärer Selbstdarstellung, nicht wirklich ernst zu nehmen. Popularität gewann er durch die Reality TV- Show The Apprentice.  Mobbing/  Bullying zählen zu den Herrschaftstechniken bzw. Führungsmethoden.  Dasselbe von Machtinstinkt geleitete Verhalten findet sich nun auf der politischen Ebene. Es geht darum, Schwächen zu erkennen und SOFORT auszunutzen.
Die Basis der Anhängerschaft lässt sich als Fangemeinde/Fandom  bis Gefolgschaft beschreiben: Trump wird nicht einfach gewählt, er wird verehrt als Celebrity, wie Elvis, und als Führungsperson.

Man kann es Mash-Up* nennen, diese gegenseitige Überlagerung von    Rechtspopulismus und digitalem Kapitalismus zu einem neuen Machtsystem. Zwangsläufig ist die Verbindung nicht, noch während der ersten Trump- Administration blieb die Tech World Terrain der Demokraten. Digitaler Fortschritt war lange Zeit eine Erzählung die parallel zu einem gesellschaftlichen Fortschritt verläuft.
Mit der Plattformisierung verstärkte sich die Macht der Tech- Konzerne – ihre Landnahme. Digitale Plattformen ermöglichen zielgerichtete Streuung von  Aufmerksamkeit und begünstigen populistische Kommunikationslogiken.

Überwachungskapitalismus und autoritärer Populismus teilen  Kontrollinteressen. Rechtspopulismus, in den USA mit dem Label MakeAmericaGreatAgain, und BigTech entwickeln beide imperiale Ambitionen: Ersterer mit der Berufung auf vergangene Größe und Stärke. Der Digitale Kapitalismus von BigTech mit dem Ziel einer technologisch determinierten Zukunft. Ein ideologischer Hintergrund lässt sich im  Cyberlibertarismus zusammenfassen. Im Rechtspopulismus finden sich dazu Überlieferungen der White-Supremacy Strategies, die in zeitgenössische Diskurse eingebettet sind – rassistische Haltungen werden implizit weitergetragen.

Elon Musk – Auftritt auf dem Parteitag der AfD

Musk, ungewählt, aber finanziell stark engagiert, inszeniert sich als Co-Präsident, als Absolutist der freien Rede und als Lautsprecher  einer libertären Internationale mit ununterbrochener Medienpräsenz.

Die wirtschaftliche und mediale Macht von BigTech wird immer stärker als übergross empfunden – sie beruht auf der Kontrolle digitaler Infrastrukturen. Derzeit verbündet sich diese Macht der Plattformen mit  einer politischen Macht, die konstitutionelle Regeln angreift. Ein Machtüberhang, der Demokratie und den sozialen Zusammenhalt gefährden kann.
Das Bild eines Techno- Feudalismus kann hier anschliessen. Ein moderner Feudalismus mit KI- Technologie anstelle von Bürokratie und einer fortlaufenden  Risikokapitalmaschine, die immer neue Tech-Hypes gebiert.  Mit einem ungekannten Einsatz von Automatisierung, prädiktiver Datenanalyse und KI-Technologie – so wäre etwa ein Ausblick.
Wie haltbar ist die Allianz mit dem Rechtspopulismus? Einige Bruchlinien werden deutlich: Steve Bannon, einer der Hauptarchitekten des modernen Rechtspopulismus,  nannte Musk einen Parasitic Illegal Immigrant. Technokratie steht dann  gegen den Traditionalismus amerikanischer Werte. Ohne Regulierung bleibt Freiheit nur für jene, die die Plattformen besitzen.

Was in den USA geschieht, hat globale Auswirkungen: The leading nation of the world ist nicht nur politisch und ökonomisch tonangebend. American popular culture hat einen globalen Einfluss: Filme, TV-Serien, Popmusik, kulturelle Trends, die Ausprägungen der Consumer Culture, bis hin zu den Mustern von Handlungs- und Managementmethoden.
In den letzten ca. 15 Jahren haben die Tech-Plattformen diese Dominanz weiter verstärkt. Silicon Valley ist das globale Vorbild der Tech-Kultur – Wie das Valley denkt ist eine Frage, die weltweit Berater und Zukunftsforscher interessiert.

Disruption ist ein  zentrales Konzept der digitalen Wirtschaft: Brüche des Bestehenden werden durch Innovationen ausgelöst. Das Aufbrechen bestehender Strukturen wird als notwendiger Fortschritt legitimiert. Während klassische Disruption oft punktuell bestimmte Bereiche, einzelne Geschäftsmodelle oder Kommunikationswege revolutioniert, steht Absolute Disruption für einen totalen, systemischen Wandel.

Der Begriff Absolute Disruption stammt von dem Philosophen Jason Ānanda Storm.  Gemeint ist ein radikaler Bruch mit den bisherigen Ordnungen, in dem herkömmliche Machtstrukturen als überholt erscheinen. Storm meint damit einen fundamentalen Umbruch in der Art, wie wir Wissen generieren und validieren – eine Meta-Disruption, die unsere grundlegenden Denk- und Verstehenskategorien betrifft.
Mit den aktuellen Ereignissen hat Storms Text wenig zu tun. Absolute Disruption kann genauso eine gesellschaftlich progressive Disruption bedeuten. Der Begriff spiegelt die Erwartung einer Neugestaltung. Aktuell wird sie von einer – noch sehr  fragmentarischen – Allianz aus BigTech und autoritärem Rechtspopulismus bestimmt. Wünschenswert ist sie mit gesellschaftlicher Beteiligung und Kontrolle.

Dieser Text überschneidet sich zum Teil mit dem vorhergehenden Beitrag Trumpismus- Muskismus – die Ereignisse und Berichte  überschlagen sich,  von Tag zu Tag. Frage ist, wie sind diese Ereignisse in längerfristige gesellschaftliche Prozesse eingebunden?  

The New Yorker  20.02.25: The Trump Administration Trashes Europe and NATO — What Could Happen if the U.S. Abandons Europe. 21.02.25 – Trump’s Putinization of America. 20.02.25 –  The New York Times 3.02.25.  Marc Saxer: Wer zu spät kommt … Die USA stellen das transatlantische Bündnis und die liberale Ordnung infrage. 17.02.25  Jannis Brühl: Der Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden 21.02.25 SZ. Anne Appelbaum: There’s a Term for What Trump and Musk Are Doing. The Atlantic 13.02.25  – Elizabeth Lopatto: Elon Musk’s first month of destroying America will cost us decades. The Verge 21.02.2025. Philip Liste:  Transnationale Disruption .  – Zur staatspolitischen Bedeutung von J. D. Vance’s Rede in München 18.02.25.  Jason Ananda Josephson Storm: Metamodernism. The Future of Theory. Chicago 9/2021. 360S. Blog: Absolute Disruption  — * CPAC= Conservative Political Action Conference. . *The Guardian 21.02.25. – Sheila Mysorekar Donald Trump und der Putsch in den USA. nd 21.02.25. Steffen Mau: Die Revolution der Erschöpften. Der Spiegel 21.02.25



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