Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis Brühl: Der Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht

Populäre Mythen in Digitalien. Quelle: Ventil Views. unsplash.com

Der folgende Text verbindet mehrere zeitgeschichtliche Stränge: die gesellschaftliche Bedeutung von Pop- und Subkulturen, ihre Verschränkung mit technologischem Wandel und technologischer Machtentwicklung. Wie konnte aus  digitalen Utopien der Gegenkultur die Tech-Oligarchie von heute wachsen?

Zwei Texte aus der aktuellen Ausgabe des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Schwerpunkt: Technik) brachten mich auf die Idee, diesen Zusammenhang genauer zu behandeln.

Anna-Verena Nosthoffs Die Geburt des Tech-Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur – ein Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Buch Kybernetik und Kritik (15.02.) – knüpft an den Whole Earth Catalog und die Gegenkultur der Bay Area an. Sie bringt die damalige Hoffnung auf den Punkt: Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung.
Die vollständige Argumentation zur Rolle kybernetischen Denkens wird in ihrem Buch nachzulesen sein.
Marc Drehers Text Zwischen Code und Kultur: Das Silicon Valley als Mythos und Machtmaschine zeigt die Transformation dieser Hoffnung: Historisch gesehen sei das Silicon Valley zwar ein Produkt der subversiven Gegenkultur der 1970er Jahre – angekommen ist es heute in einem libertären Autoritarismus. Technik trägt immer die Werte und Weltbilder ihrer Schöpfer in sich. Sie entscheiden, was sichtbar wird, was unsichtbar bleibt, was messbar und was zählbar ist. Die kulturelle Macht von Technik, so Dreher, beruht gerade darauf, dass sie als Naturgesetz und nicht als sozialer Aushandlungsprozess präsentiert wird. (S. 23).

Die Versprechen demokratischer Teilhabe sind der Ausgangspunkt. Der folgende Text zeichnet die kulturellen Linien dieser Transformation nach, die Herausbildung einer  Geek-Kultur und ihre Verschränkung mit Mythologien.

Die Ursprünge: Gegenkultur und digitale Utopie

Kalifornische Ideologie: Burning Man Festival – Bild: Juan Carlos Ramirez.Unsplash+

San Francisco und die gesamte Bay Area zählten zu den Epizentren des Aufbruchs jener Zeit. Ein kulturelles Klima, in dem nonkonformistische Lebensentwürfe anschlussfähig wurden, hatte sich dort bereits seit den Zeiten der Beatniks der 1950er Jahre ausgeprägt.

Bewegungen mit globaler Ausstrahlung hatten hier ihren Ausgangspunkt. Ohne Beatniks, Hippies, Kommunarden und Gay Liberation hätte es die frühe digitale Kultur nicht in dieser Form gegeben. Sie schufen soziale und kulturelle Voraussetzungen und brachten eine Offenheit gegenüber alternativen Lebens- und Organisationsformen mit sich. In dieses Klima alternativer Bewegungen reihte sich die frühe digitale Kultur, als  Cyberculture  ein.
Auch die massive Präsenz psychedelischer Drogen, insbesondere LSD, wird mit der Lockerung hierarchischer Zwänge und einer gesteigerten Offenheit für neue Denk- und Organisationsformen in Verbindung gebracht. Exzentrik wurde nicht sanktioniert, sondern als Innovationskraft gefeiert.

Oft erwähnt wird der  Whole Earth Catalog (Statement: We are as gods and might as well get good at), der sich als Brücke zwischen Hippie-Ethos und Technologie verstehen lässt. Von seinem Backcover stammt der oft mit Steve Jobs verbundene Spruch stay hungry, stay foolish, eine Verbindung, die Apple unter Jobs meisterhaft für sein Marketing nutzte. Sie sprach insbesondere ein Klientel an, das sich selbst als kreative Elite verstand.

Das Ecosystem: Kultureller Kitt und ökonomische Macht

Die Gegenkultur bzw. Cyberculture ist die eine Seite. Eine Geschichte,  die das Silicon Valley selbst gern erzählt und auf die es gern zurückgreift. Mit Nachwirkungen im Stil und im Selbstverständnis, als Referenz in Marketingkampagnen. Die damit verbundene Ästhetik der Rebellion wird gerne hervorgehoben – sie passt zu gut zur Inszenierung als kreative Rebellen.
Ein kultureller Kitt, der das Ecosystem des Silicon Valley zusammenhält. Dieses Ecosystem besteht aus mehreren Elementen: der Talent-Pipeline der Universitäten (Stanford, Berkeley), dem Venture Capital, einer Infrastruktur spezialisierter Dienstleister – und eben jenem kulturellen Mythos, in dem Rebellion zur Corporate Identity wurde und sich langsam zum Gestus der Disruption wandelte.
Dieser Mythos wirkt wie ein Magnet für Talente weltweit und kaschiert gleichzeitig die harten ökonomischen Abhängigkeiten.

Um zu einem Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung zu werden brauchte es gewaltige finanzielle Mittel, die zunächst u.a. aus dem Verteidigungshaushalt der USA stammten und die Forschungslandschaft der führenden Universitäten. Börsengänge spielten seit den 1980er Jahren eine wachsende Rolle, und ab einem bestimmten Zeitpunkt war es das aggressive Risikokapital, das die Ausrichtung der Industrie bestimmte.

Der Kipppunkt: Wenn die digitale Ordnung die Macht übernimmt

Damit verändert sich die Struktur der Macht selber. Digitale Infrastrukturen werden selber zur Ordnung der Macht.  Sichtbarkeit, Relevanz, Zugänglichkeit, Einfluss und Wert werden neu sortiert. Macht liegt nicht mehr zwingend in Befehlsgewalt, sondern in der Fähigkeit, Relationen zu strukturieren.
Ein Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende – wenn digitale Infrastrukturen so zentral werden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen, nach denen sich andere richten müssen.
Sichtbar wurde dieser Kipppunkt etwa mit dem Verschwinden der Maxime Don’t be evil  aus dem Verhaltenskodex von Google (2015).

Cyberlibertarismus: Von der Utopie zur Oligarchie

Seit der Allianz von MAGA und Tech-Eliten gibt es einen besonderen Erklärungsbedarf – wie konnten aus techno-utopischen Ideen oligarchische Machtstrukturen wachsen?

Vor einem Jahr hatte ich unter dem direkten Eindruck der Ereignisse rund um die Trump’sche Inauguration Cyberlibertarianism -The Right-Wing Politics of Digital Technology von David Golumbia gelesen und besprochen (Link zur Rezension). In seinem Kern gründet Cyberlibertarismus auf der Überzeugung, dass digitale Technologie außerhalb der Kontrolle demokratischer Regierungen stehen sollte – also auch jenseits demokratisch legitimierter politischer Souveränität.
Golumbias Werk ist ein Schlüsseltext zu den zunächst widersprüchlich erscheinenden Freiheitsbegriffen rund um die Techkultur. Freiheit wird als Abwesenheit von Regulierung, nicht als Fähigkeit zur Teilhabe verstanden.

Einige Elemente der frühen Cyberculture führen heute ein Eigenleben – mit umgekehrten Vorzeichen. Die radikale Ablehnung staatlicher Einmischung, wie sie sich etwa in Declaration of the Independence of Cyberspace (1996) zeigt, richtete sich gegen Regierungen, die ein marginales Internet regulieren wollten. Heute richtet sich dieselbe Rhetorik  (vgl. das Techno-Optimist Manifesto von Marc Andreessen, 2023) gegen demokratische Kontrolle von Unternehmen, die nach globalen Monopolen streben.
Aus den Free Speech Activists wurde die Parole Free Speech. Erstere meinten das Bürgerrecht, gehört werden zu können – den Zugang zum öffentlichen Raum. Heute nutzen Tech-Oligarchen den Slogan Free Speech als Argument, um Regulierung durch ( demokratisch legitimierte) Staaten zu verhindern.

Geek-Kultur: Vom Außenseitertum zum globalen Resonanzraum

In Le Pouvoir des Geeks von Damien Leloup, Tech-Journalist bei Le Monde, geht es um den Aufstieg der Geek-Kultur von einer randständigen Subkultur zu einer prägenden Kraft, die mittlerweile in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft angekommen ist.
Ursprünglich waren Nerds und Geeks³ eher das Gegenteil von cool. Ihr Habitus war nicht rebellisch, eher markiert durch soziale Ungeschicklichkeit, Regelbefolgung, einen Rückzug ins Technische oder Fiktionale.

Erst in der Tech-Kultur wurden Geeks cool, nicht trotz, sondern wegen dieser Eigenschaften. Geek-Kultur entwickelte sich als Habitus, der in den  Ecosystemen der Digitalwirtschaft – nicht nur im Silicon Valley, sondern weltweit – sein Habitat fand: intensive Beschäftigung mit Coding, Gaming und komplexen Systemen, eine hohe Toleranz gegenüber Unfertigem, experimentellen und spekulativen Entwürfen, eine starke Verbindung zu fiktiven Welten. Ein Habitus, der zu den Strukturen von Startups, Venture Capital und Plattformökonomie passt.
Geek-Kulturen werden so zum Labor technischer Innovationen. Was hier akzeptiert wird – etwa VR-Gadgets, neue Interfaces oder spekulative KI-Anwendungen – gilt als kulturell anschlussfähig. Aus Spielerei wird Möglichkeit, aus Exzentrik Marktwert. Dass Risikokapitalfirmen diese Kulturen aufmerksam beobachten, ist kein Zufall.

Leloup, der sich selber in der Geek-Kultur verankert sieht, versteht Geeks als eine Meta-Gemeinschaft, vereint durch Begeisterung für Technik, Fantasie, intellektuelle Neugier und Toleranz, sichtbar nach außen in einem typischen Style – Hoodie statt Anzug, Nerd-Chic, Symbolik aus Games und Fiktion – und zugleich getragen von einem Habitus, der Machtunterschiede verschleiert: Der Milliardär im Hoodie, wie etwa Marc Andreessen, ein Prototyp des Alpha-Geek,  inszeniert sich als Aussenseiter, obwohl er die Regeln des Spiels bestimmt.
Tech-Oligarchen wie Elon Musk, Peter Thiel, Alexander Karp stilisieren sich nicht als Kapitalisten, sondern als Sonderlinge mit Vision. Leloup beschreibt Musks Selbstinszenierung treffend als le petit face au grand, obwohl er der reichste Mensch der Welt ist.
Meta-Chef Marc Zuckerberg lässt sich nur bedingt einreihen, zwar ebenso in der Geek-Kultur verwurzelt, ist seine Haltung weitaus mehr von Opportunismus bestimmt. 

Tech-Oligarchen lassen sich nicht ohne die Geek-Kulturen verstehen, die ihre Persönlichkeiten, Werte, Ängste und Träume geformt haben. Leloup vermerkt, dass auch die Neue Rechte erkannt hat, dass diese Kulturen eine Machtbasis darstellen und dass bestimmte Elemente innerhalb dieser Gemeinschaften für politische Zwecke nutzbar sind.
Steve Bannon hat sich mehrfach explizit über zentrale Referenzen der Geek‑Culture definiert: Er bezeichnete sich selbst als Darth Vader und sprach davon, dass Trump von working class hobbits and deplorables gewählt worden sei.

Das bedeutet nicht, dass Geek-Kulturen einem bestimmten politischen Lager zuzuordnen ist. Sie bilden vielmehr einen kulturellen Referenzraum, der weit über einzelne Werke oder Franchises² hinausgeht. Es ist Geflecht aus technischen Praktiken (Coding, Gaming), ästhetischen Codes (Sci-Fi-Ästhetik, Nerd Chic, Hoodie statt Anzug) undsozialen Formationen (Fan-Communities, Conventions).
Dass Science Fiction, ebenso wie VR-Welten auf Begeisterung stossen ist naheliegend. Auffallend ist dagegen der ausgeprägten Bezug zu Großmythologien wie Der Herr der Ringe oder Star Wars. 
Zusammengenommen entsteht daraus ein sehr spezifisches kulturelles Kapital, das Sinn, Identität und Legitimation stiftet. Dass Firmen wie Palantir oder Mithril Capital ihre Namen direkt aus Tolkiens Mythologie entlehnen, ist ein Ausdruck dieses Referenzraums.

Mythen und Endzeit-Theorien

AGI als technologischer Mythos. Bild: Steve Johnson unsplash +

Diese Mythen liefern nicht nur ästhetische Motive, sondern auch Erzählungen von Macht, Ordnung, Ausnahme und Sendungsbewusstsein, die in der digitalen Elite anschlussfähig sind.  Star Wars und Herr der Ringe sind beides Grosserzählungen, die im 20.Jahrhundert konstruiert wurden- bombastisch, wabernd, überwältigend, Mythen der Macht. In ihrer Art und Wirkung erinnern sie an Wagner-Opern, die im 19. und 20. Jahrhundert die politische Imagination beeinflussten.

Die Macht der Tech-Oligarchie erwächst aus der ökonomischen Aneignung von technischem Fortschritt. Aber auch aus der kulturellen Aneignung von Zukunft. Der Begriff Futures Appropriation, übersetzbar als vereinnahmte Zukünfte, markiert den Anspruch, dass Tech, vermittelt durch Digitalkonzerne,  Zukunft gestaltet, die Lösung anstehender  Probleme sichert.
Bombastische Mythen aus dem  20. Jahrhunderts, angesiedelt in der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft – Tolkien, Star Wars – liefern  narrative Grundmuster: Auserwählte, dunkle Mächte, technische Artefakte mit der Kraft zur  Weltveränderung, finale Schlachten.
AGI –  Artificial General Intelligence fügt dieser Reihe einen neuen Eintrag hinzu: die denkende Maschine als ultimatives Artefakt. In ihr bündeln sich frühere Technikmythen, nun verdichtet zur Erzählung vom Endpunkt kognitiver Evolution. Ob realisierbar oder nicht, ihre kulturelle Wirkung ist bereits mythisch. Die Vertiefung bleibt einem eigenen Text vorbehalten.

Neo-Philosophien, die im Silicon Valley kursieren (oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst), liefern eine scheinbar rationale Übersetzung. Mythen und Theorien operieren mit denselben Strukturen: apokalyptischer Zeitlichkeit (der Bruch steht bevor), elitäre Auserwähltheit (wir sind die, die es verstehen), Weltveränderung durch Technologie (nicht durch demokratische Politik), Entwertung der Gegenwart zugunsten eines transzendenten Ziels.

Eine Gegenüberstellung der Neo-Philosophien, wie sie u.a. als Akzelerationismus (Geschichte als unaufhaltsamer Zwangslauf in Richtung technologischer Eskalation),  Solutionismus (Komplexe soziale Probleme werden auf technisch lösbare Aufgaben reduziert) oder Longtermismus (Legitimation gegenwärtiger Opfer zugunsten einer fernen, höheren Zukunft) in Umlauf sind, würde den Rahmen dieses Formats sprengen. es ist ein neues, eigenes Thema.
Was sie jedoch mit den beschriebenen Mythologien verbindet, ist ein gemeinsamer Effekt: die Erzeugung von Überwältigung. Es sind Narrative von solcher Totalität, dass Widerspruch nicht als Kritik erscheint, sondern als Unverständnis.

Warum interessiert uns diese Entwickung so sehr? 

Es ist unsere Zeitgeschichte, eine Ko-Evolution von digitaler Technik, gesellschaftlicher Entwicklung und populärer Kultur. Digitaler Fortschritt prägt seit fast 50 Jahren unsere Welt in immer neuen Schüben, erweiterte Möglichkeiten, eröffnete Lebensentwürfe, verschiebt Machtverhältnisse.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte, heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem  Grössenwahn.
Computer versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung (Nosthoff). Entstanden sind neue Organisationsformen mit Machtanhäufung. Die Struktur ist neu – Plattformen, Algorithmen, digitale Ecosysteme. Aber nicht als  demokratische  Traummaschine, sondern als Konzentration von Macht in oligarchischen Händen.
Das heißt nicht, Zukunft oligarchischen Unternehmen zu überlassen, sondern sie zu gestalten. Technik ist kein Naturgesetz, sondern sozialer Aushandlungsprozess (vgl. Dreher). Digitale Technik ist kein externer Faktor, sondern Teil langfristiger gesellschaftlicher Prozesse. Zukunft entsteht nicht durch technologische Überwältigung, sondern durch demokratische Aushandlung und Gestaltung.

 

David Golumbia: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. (Rezension – 27.01.2025)11/2024. Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. Marc Dreher: Zwischen Code und Kultur. Das Silicon Valley alsMythos und Machtmaschine,  – beide in: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026 – Technik. Damien Leloup : Le Pouvoir des Geeks. Comment la contre-culture est devenue une arme politique. Les Arènes 01/2025 . Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026 . ¹Annekathrin Kohout: Nerds – Eine Popkulturgeschichte., München 2022. 272 S. Embracing the Outliers: How Tech Geeks Reshape Modern Business and Cultural Landscapes.
²im Kontext der Geek Culture bedeutet Franchise ein erweitertes Medienuniversum, das aus einem ursprünglichen Werk (z. B. Film, Buch oder Spiel) hervorgeht und durch Lizenzen in zahlreiche Ableitungen expandiert.
³ Nerds und Geeks sind zwei unterschiedliche Ner- und Geek-Kultur unterscheiden sich vor allem in ihrer Ausprägung von Fachwissen, Sozialverhalten und Lebensstil. Nerds gelten oft als tief in einem Nischenthema versunkene Introvertierte, während Geeks diese Leidenschaft extrovertierter und sozialer ausleben.



Macht Radfahren glücklich?

manchmal fühlt sich Radfahren an wie Fliegen … (eigenes Bild)

Wenn das Gehen die ursprünglichste Fortbewegung ist – dann bedeutet das Radfahren die ergiebigste Erweiterung des Bewegungsspielraums mit demselben Einsatz von Muskelkraft. Radfahren ist vieles: Mobilität, Sport und Training, aber auch Straßenverkehr, Konsum, eine Branche, im besten Falle ein Flow im runden Tritt.
Lange galt Radfahren als Nische, etwas für diejenigen, die sich kein Auto leisten konnten, zu jung oder zu alt dafür waren.  Ansonsten etwas für Freizeit und Naherholung, sportlich oder gemütlich, Rennmaschine oder bequemes Tourenrad – als Verkehrsmittel aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon gar nicht für den Eindruck beim professionellen Auftritt.

Die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich wurde das Fahrrad aufgewertet, in der Nutzung, wie im Status.  Als Standard von Mobilität gilt  immer noch das Auto, wenn auch verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland war das Auto mit Verbrennungsmotor identitätsstiftend – und ist es wohl immer noch. Made in Germany steht  für eine Kultur des Funktionierens, Beleg für Ingenieurskunst und war jahrzehntelang Exportschlager.

Das Auto und insbes. der Verbrenner ist eingebettet in Infrastrukturen und Nutzungskontexte, die über Jahrzehnte gewachsen sind und in die genauso lange  investiert wurde: Autobahnen und der Umbau von Städten, die Netze von Tankstellen und Werkstätten, das Dienstwagenprivileg und die Pendlerpauschale. Die richtige Marke ist immer noch als Statussymbol die Nummer Eins auf dem Firmenparkplatz.
Autofahren ist heute reglementierter als jemals zuvor. Kein Wunder, von den 60er bis in die 90er Jahre hatte sich der Bestand vervielfacht (von 4,5 Mill 1960 bis 30,7 Mill. 1990 in der alten BRD, seitdem nur leicht steigend), damit auch die beanspruchte Verkehrsfläche.
Der emotionale (Singularitäts-) Wert von Modellen hat nachgelassen. Die Designs sind gleichförmiger, bestimmt von Sicherheitsauflagen und Effizienzoptimierung.  Die Zeiten, als das Auto für Freiheit stand – on the road, Roadmovies, die Geschichten, die darin und damit erlebt wurden – sind vorbei.
Der Raum- und Ressourcenbedarf des Autoverkehrs, die schiere Masse der Automobile ist zum Problem geworden. 

In Großstädten fühlte sich Radfahren lange Zeit wie zwischen Guerilla und Graswurzel an: an die Ränder gedrängt, vom dominierenden System mehr als Störung denn als Alternative gesehen.
Als ernstzunehmende Form von Mobilität wurde bzw. wird das Fahrrad erst mit den Diskussionen zur Mobilitätswende entdeckt – als Bestandteil von Konzepten, die Formen von E- Mobilität, ÖPNV, etc. miteinander integrieren. Das Fahrrad verursacht keine gravierenden Umwelt- und Klimaschäden, braucht wenig Platz, dient der Gesundheit, kostet relativ wenig, für die Fahrer*innen wie für die Bereitstellung der Infrastruktur. Im engeren Radius von bis zu 10 km die oft schnellste Verbindung.
Radfahren ist nicht länger eine Nische, sondern ein wesentliches Element urbaner Erneuerung. Kein Konzept zur urbanen Erneuerung kommt mittlerweile ohne das Fahrrad aus. Es geht um eine Umverteilung des urbanen Raumes. Allerdings gibt es auch erhebliche Widerstände dagegen.

Christian Stegbauer, Soziologe in Frankfurt, hat  ein Buch zur Soziologie des Radfahrens  geschrieben: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel,  mit einem Vorwort von Roland Girtler, dem Doyen der deutschsprachigen Ethnographie.
Der Untertitel Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone spricht an, was das Fahrrad für seine Nutzer sein kann, steht für die ethnographische Ausrichtung des Buches, das die Dimensionen von Nutzung und Wirkung soziologisch ausleuchtet.
Soziologie aus dem Sattel enthält fast alles, was sich zum Radfahren und den zugehörigen Erlebnissen sagen lässt, es liest sich gut, die Inhalte sind stimmig aufgebaut. Ich wollte eine Rezension schreiben, aber es wäre eine Inhaltsangabe geworden. Stattdessen habe ich einzelne Gedanken aufgegriffen und mit eigenen Eindrücken und Überlegungen verbunden. 

Es beginnt mit der Kernkompetenz des Radfahrens, sich selbst auszubalancieren, ohne dabei umzufallen. Eine körperliche Erfahrung, die Basis ist für ein individuelles Fahrgefühl  und den beschriebenen Flow, den runden Tritt. 
Auf den Verkehr zu achten gilt für alle, die daran teilnehmen, für Autofahrer,  Radfahrer wie Fussgänger.  Sie sind aber Gefahren in unterschiedlicher Weise ausgesetzt – Autofahrer sitzen in einer geschützten Kapsel, viele Risiken werden durch Karosserie,  Airbags und Assistenzsysteme abgefedert.
Radfahrer sind Gefahren unmittelbarer ausgesetzt. Wahrscheinliche Fehler anderer Verkehrsteilnehmer müssen frühzeitig erkannt werden, jede Fehlwahrnehmung hat direkte körperliche Folgen. Geübte Radfahrer entwickeln einen Sinn dafür, das Verhalten anderer vorauszusehen. 

Zwischen Auto und Fahrrad gibt es keine Augenhöhe, Masse und Geschwindigkeit liegen zu weit auseinander. So prallen oft zwei Logiken aufeinander.  Der motorisierte Verkehr folgt möglichst klaren, formalen Regeln, Radfahrer orientieren sich dagegen oft situativ. Das bringt den Ruf ein, opportunistisch zu handeln – wie es gerade passt. Dem liegt die Maxime des  Selbstschutzes zu Grunde. Dem Ideal eines gegenseitigen Mitdenkens auf Augenhöhe steht die physische Realität entgegen, in der die Verwundbarkeit des einen auf die Masse des anderen trifft.

Radfahrer teilen Erfahrungen als Verkehrsteilnehmer, aber sie sind keine homogene Gruppe. Wer heute Radfahrer ist, kann morgen Autofahrer sein, Fussgänger sowieso.
Vergemeinschaftungen bilden sich am ehesten  in den sportlichen Varianten, Stegbauer nennt sie Mikrokulturen, anderswo werden sie als Tribes beschrieben. Es geht um geteilte Begeisterung und Leidenschaft, die mit  zeitlichem und finanziellem Einsatz und mit sportlichem Ehrgeiz verbunden sind.
Auffällig verbreitet sind fast schon klischeehafte Bilder und Konsummuster, die mit dem Fahrrad verbunden sind. Neben sportlichem Ehrgeiz steht das Rennrad oft für einen Hip Consumerism. Das Trio Rennrad, Siebträgermaschine und aufgeklapptes MacBook steht geradezu iconisch für einen Konsum- und Lebensstil, der Agilität und Kreativität für sich beansprucht.
Lastenräder stehen für eine neue Form von Familiarität – ein Gegenmodell zum SUV.  Es ist ein Statement, denn hier übernimmt das Rad Funktionen, die es vorher nicht hatte.
E- Bikes gibt es in vielen Varianten, von dezenter Erweiterung bis zu wuchtigen Modellen, die eher als Kleinkrafträder anzusehen sind. Fährt man auf touristisch attraktiven Radstrecken in Deutschland, sind die E-Bike Rentner  kein Klischee. Bevorzugt werden die wuchtigen Modelle, komplett mit Helm und Sicherheitsweste.

Was von den Eindrücken ist allgemeingültig, was eher persönlich?  Gelernt habe ich das Radfahren als Fünfjähriger auf einem alten Damenrad, wo der Sattel zu hoch war, um darauf sitzen zu können. Ohne viele Vorübungen, schneller als ich das Schwimmen lernte oder das Klettern in den Kirschbaum. Ein eigenes Rad kam erst später, als der Schulweg weiter wurde.
Das Fahrrad war immer selbstverständlich in der Gegend nördlich des Ruhrgebietes, zwischen Münsterland und Niederrhein; eine überraschend weiträumige Landschaft, durchzogen von Pättkes (befahrbare Feld- und Wirtschaftswege).
Selber habe ich nie wirklich zur Autogesellschaft gehört. Bis auf einen alten VW- Käfer, eine 2 – monatige USA- Durchquerung und etliche Umzugswagen war ich selten aktiv dabei. Langstrecken mit viel Landschaft habe ich genossen, so wie selbsterlebte Road Movies.

Die besten und die schlechtesten Erfahrungen? Nichts geht über Abfahrten 😉  die Belohnung nach der Anstrengung, grandios die vom Engadin in der    Schweiz herunter zum Comer See, vom alpinen ins mediterrane,  1.500 m herunter in einem Stück. Mit kurzer Anreise aber auch vom Hohen Venn herunter oder im Westerwald. Landschaftserfahrung mit dem Rad ist intensiver, sicher anstrengender – es kommt aber auf die Distanzen an.  
Negativ: der Dooring- Unfall auf dem Heimweg. Nicht vom parkenden Auto, sondern vom Taxi, das den Fahrgast in der zweiten Reihe aussteigen liess. Gebremst in der letzten Sekunde, Aufprall mit dem Knie auf der Strasse,  statt in die geöffnete Tür,  Kreuzbandriss. Ohne das Bremsen in letzter Sekunde wäre ich mit  Kopf und Oberkörper in die Tür gestürzt, mit anderen Verletzungen. Der Fahrgast ist übrigens über mich hinweg gestiegen.

Macht Radfahren denn nun glücklich? Ein entspannter Straßenverkehr würde schon einmal helfen. Radfahren lässt Endorphine wirken, frische Luft und Bewegung sind immer gut 😉 Aber es geht um mehr als persönliches Wohlbefinden. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Rad- und Autofahrern, sondern zwischen der Verkehrslogik der vergangenen Dekaden  und den neuen Mobilitätsformen. Die laufende Diskussion zum Verbrenner-Aus macht deutlich, wie weitreichend der Wandel ist. Das Fahrrad hat Grenzen in der Reichweite, es ist nicht die Lösung, sondern ein relativ einfach umzusetzender Teil davon. 

Christian Stegbauer: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel. Das Fahrrad als Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone.2025 . Ulrich Syberg, Melissa Gomez & Saskia Ellenbeck: Der Hidden Champion – oder wie der Radverkehr vom Nischenthema zum Problemlöser wird. In: Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte. 2021



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