Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht

Populäre Mythen in Digitalien. Quelle: Ventil Views. unsplash.com

Der folgende Text verbindet mehrere zeitgeschichtliche Stränge: die gesellschaftliche Bedeutung von Pop- und Subkulturen, ihre Verschränkung mit technologischem Wandel und technologischer Machtentwicklung. Wie konnte aus  digitalen Utopien der Gegenkultur die Tech-Oligarchie von heute wachsen?

Zwei Texte aus der aktuellen Ausgabe des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Schwerpunkt: Technik) brachten mich auf die Idee, diesen Zusammenhang genauer zu behandeln.

Anna-Verena Nosthoffs Die Geburt des Tech-Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur – ein Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Buch Kybernetik und Kritik (15.02.) – knüpft an den Whole Earth Catalog und die Gegenkultur der Bay Area an. Sie bringt die damalige Hoffnung auf den Punkt: Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung.
Die vollständige Argumentation zur Rolle kybernetischen Denkens wird in ihrem Buch nachzulesen sein.
Marc Drehers Text Zwischen Code und Kultur: Das Silicon Valley als Mythos und Machtmaschine zeigt die Transformation dieser Hoffnung: Historisch gesehen sei das Silicon Valley zwar ein Produkt der subversiven Gegenkultur der 1970er Jahre – angekommen ist es heute in einem libertären Autoritarismus. Technik trägt immer die Werte und Weltbilder ihrer Schöpfer in sich. Sie entscheiden, was sichtbar wird, was unsichtbar bleibt, was messbar und was zählbar ist. Die kulturelle Macht von Technik, so Dreher, beruht gerade darauf, dass sie als Naturgesetz und nicht als sozialer Aushandlungsprozess präsentiert wird. (S. 23).

Die Versprechen demokratischer Teilhabe sind der Ausgangspunkt. Der folgende Text zeichnet die kulturellen Linien dieser Transformation nach, die Herausbildung einer  Geek-Kultur und ihre Verschränkung mit Mythologien.

Die Ursprünge: Gegenkultur und digitale Utopie

Kalifornische Ideologie: Burning Man Festival – Bild: Juan Carlos Ramirez.Unsplash+

San Francisco und die gesamte Bay Area zählten zu den Epizentren des Aufbruchs jener Zeit. Ein kulturelles Klima, in dem nonkonformistische Lebensentwürfe anschlussfähig wurden, hatte sich dort bereits seit den Zeiten der Beatniks der 1950er Jahre ausgeprägt.

Bewegungen mit globaler Ausstrahlung hatten hier ihren Ausgangspunkt. Ohne Beatniks, Hippies, Kommunarden und Gay Liberation hätte es die frühe digitale Kultur nicht in dieser Form gegeben. Sie schufen soziale und kulturelle Voraussetzungen und brachten eine Offenheit gegenüber alternativen Lebens- und Organisationsformen mit sich. In dieses Klima alternativer Bewegungen reihte sich die frühe digitale Kultur, als  Cyberculture  ein.
Auch die massive Präsenz psychedelischer Drogen, insbesondere LSD, wird mit der Lockerung hierarchischer Zwänge und einer gesteigerten Offenheit für neue Denk- und Organisationsformen in Verbindung gebracht. Exzentrik wurde nicht sanktioniert, sondern als Innovationskraft gefeiert.

Oft erwähnt wird der  Whole Earth Catalog (Statement: We are as gods and might as well get good at), der sich als Brücke zwischen Hippie-Ethos und Technologie verstehen lässt. Von seinem Backcover stammt der oft mit Steve Jobs verbundene Spruch stay hungry, stay foolish, eine Verbindung, die Apple unter Jobs meisterhaft für sein Marketing nutzte. Sie sprach insbesondere ein Klientel an, das sich selbst als kreative Elite verstand.

Das Ecosystem: Kultureller Kitt und ökonomische Macht

Die Gegenkultur bzw. Cyberculture ist die eine Seite. Eine Geschichte,  die das Silicon Valley selbst gern erzählt und auf die es gern zurückgreift. Mit Nachwirkungen im Stil und im Selbstverständnis, als Referenz in Marketingkampagnen. Die damit verbundene Ästhetik der Rebellion wird gerne hervorgehoben – sie passt zu gut zur Inszenierung als kreative Rebellen.
Ein kultureller Kitt, der das Ecosystem des Silicon Valley zusammenhält. Dieses Ecosystem besteht aus mehreren Elementen: der Talent-Pipeline der Universitäten (Stanford, Berkeley), dem Venture Capital, einer Infrastruktur spezialisierter Dienstleister – und eben jenem kulturellen Mythos, in dem Rebellion zur Corporate Identity wurde und sich langsam zum Gestus der Disruption wandelte.
Dieser Mythos wirkt wie ein Magnet für Talente weltweit und kaschiert gleichzeitig die harten ökonomischen Abhängigkeiten.

Um zu einem Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung zu werden brauchte es gewaltige finanzielle Mittel, die zunächst u.a. aus dem Verteidigungshaushalt der USA stammten und die Forschungslandschaft der führenden Universitäten. Börsengänge spielten seit den 1980er Jahren eine wachsende Rolle, und ab einem bestimmten Zeitpunkt war es das aggressive Risikokapital, das die Ausrichtung der Industrie bestimmte.

Der Kipppunkt: Wenn die digitale Ordnung die Macht übernimmt

Damit verändert sich die Struktur der Macht selber. Digitale Infrastrukturen werden selber zur Ordnung der Macht.  Sichtbarkeit, Relevanz, Zugänglichkeit, Einfluss und Wert werden neu sortiert. Macht liegt nicht mehr zwingend in Befehlsgewalt, sondern in der Fähigkeit, Relationen zu strukturieren.
Ein Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende – wenn digitale Infrastrukturen so zentral werden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen, nach denen sich andere richten müssen.
Sichtbar wurde dieser Kipppunkt etwa mit dem Verschwinden der Maxime Don’t be evil  aus dem Verhaltenskodex von Google (2015).

Cyberlibertarismus: Von der Utopie zur Oligarchie

Seit der Allianz von MAGA und Tech-Eliten gibt es einen besonderen Erklärungsbedarf – wie konnten aus techno-utopischen Ideen oligarchische Machtstrukturen wachsen?

Vor einem Jahr hatte ich unter dem direkten Eindruck der Ereignisse rund um die Trump’sche Inauguration Cyberlibertarianism -The Right-Wing Politics of Digital Technology von David Golumbia gelesen und besprochen (Link zur Rezension). In seinem Kern gründet Cyberlibertarismus auf der Überzeugung, dass digitale Technologie außerhalb der Kontrolle demokratischer Regierungen stehen sollte – also auch jenseits demokratisch legitimierter politischer Souveränität.
Golumbias Werk ist ein Schlüsseltext zu den zunächst widersprüchlich erscheinenden Freiheitsbegriffen rund um die Techkultur. Freiheit wird als Abwesenheit von Regulierung, nicht als Fähigkeit zur Teilhabe verstanden.

Einige Elemente der frühen Cyberculture führen heute ein Eigenleben – mit umgekehrten Vorzeichen. Die radikale Ablehnung staatlicher Einmischung, wie sie sich etwa in Declaration of the Independence of Cyberspace (1996) zeigt, richtete sich gegen Regierungen, die ein marginales Internet regulieren wollten. Heute richtet sich dieselbe Rhetorik  (vgl. das Techno-Optimist Manifesto von Marc Andreessen, 2023) gegen demokratische Kontrolle von Unternehmen, die nach globalen Monopolen streben.
Aus den Free Speech Activists wurde die Parole Free Speech. Erstere meinten das Bürgerrecht, gehört werden zu können – den Zugang zum öffentlichen Raum. Heute nutzen Tech-Oligarchen den Slogan Free Speech als Argument, um Regulierung durch ( demokratisch legitimierte) Staaten zu verhindern.

Geek-Kultur: Vom Außenseitertum zum globalen Resonanzraum

In Le Pouvoir des Geeks von Damien Leloup, Tech-Journalist bei Le Monde, geht es um den Aufstieg der Geek-Kultur von einer randständigen Subkultur zu einer prägenden Kraft, die mittlerweile in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft angekommen ist.
Ursprünglich waren Nerds und Geeks³ eher das Gegenteil von cool. Ihr Habitus war nicht rebellisch, eher markiert durch soziale Ungeschicklichkeit, Regelbefolgung, einen Rückzug ins Technische oder Fiktionale.

Erst in der Tech-Kultur wurden Geeks cool, nicht trotz, sondern wegen dieser Eigenschaften. Geek-Kultur entwickelte sich als Habitus, der in den  Ecosystemen der Digitalwirtschaft – nicht nur im Silicon Valley, sondern weltweit – sein Habitat fand: intensive Beschäftigung mit Coding, Gaming und komplexen Systemen, eine hohe Toleranz gegenüber Unfertigem, experimentellen und spekulativen Entwürfen, eine starke Verbindung zu fiktiven Welten. Ein Habitus, der zu den Strukturen von Startups, Venture Capital und Plattformökonomie passt.
Geek-Kulturen werden so zum Labor technischer Innovationen. Was hier akzeptiert wird – etwa VR-Gadgets, neue Interfaces oder spekulative KI-Anwendungen – gilt als kulturell anschlussfähig. Aus Spielerei wird Möglichkeit, aus Exzentrik Marktwert. Dass Risikokapitalfirmen diese Kulturen aufmerksam beobachten, ist kein Zufall.

Leloup, der sich selber in der Geek-Kultur verankert sieht, versteht Geeks als eine Meta-Gemeinschaft, vereint durch Begeisterung für Technik, Fantasie, intellektuelle Neugier und Toleranz, sichtbar nach außen in einem typischen Style – Hoodie statt Anzug, Nerd-Chic, Symbolik aus Games und Fiktion – und zugleich getragen von einem Habitus, der Machtunterschiede verschleiert: Der Milliardär im Hoodie, wie etwa Marc Andreessen, ein Prototyp des Alpha-Geek inszeniert sich als Aussenseiter, obwohl er die Regeln des Spiels bestimmt.
Tech-Oligarchen wie Elon Musk, Peter Thiel, Alexander Karp stilisieren sich nicht als Kapitalisten, sondern als Sonderlinge mit Vision. Leloup beschreibt Musks Selbstinszenierung treffend als le petit face au grand, obwohl er der reichste Mensch der Welt ist.
Meta-Chef Marc Zuckerberg lässt sich nur bedingt einreihen, zwar ebenso in der Geek-Kultur verwurzelt, ist seine Haltung weitaus mehr von Opportunismus bestimmt. 

Tech-Oligarchen lassen sich nicht ohne die Geek-Kulturen verstehen, die ihre Persönlichkeiten, Werte, Ängste und Träume geformt haben. Leloup vermerkt, dass auch die Neue Rechte erkannt hat, dass diese Kulturen eine Machtbasis darstellen und dass bestimmte Elemente innerhalb dieser Gemeinschaften für politische Zwecke nutzbar sind.
Steve Bannon hat sich mehrfach explizit über zentrale Referenzen der Geek‑Culture definiert: Er bezeichnete sich selbst als Darth Vader und sprach davon, dass Trump von working class hobbits and deplorables gewählt worden sei.

Das bedeutet nicht, dass Geek-Kulturen einem bestimmten politischen Lager zuzuordnen ist. Sie bilden vielmehr einen kulturellen Referenzraum, der weit über einzelne Werke oder Franchises² hinausgeht. Es ist Geflecht aus technischen Praktiken (Coding, Gaming), ästhetischen Codes (Sci-Fi-Ästhetik, Nerd Chic, Hoodie statt Anzug) undsozialen Formationen (Fan-Communities, Conventions).
Dass Science Fiction, ebenso wie VR-Welten auf Begeisterung stossen ist naheliegend. Auffallend ist dagegen der ausgeprägten Bezug zu Großmythologien wie Der Herr der Ringe oder Star Wars. 
Zusammengenommen entsteht daraus ein sehr spezifisches kulturelles Kapital, das Sinn, Identität und Legitimation stiftet. Dass Firmen wie Palantir oder Mithril Capital ihre Namen direkt aus Tolkiens Mythologie entlehnen, ist ein Ausdruck dieses Referenzraums.

Mythen und Endzeit-Theorien

AGI als technologischer Mythos. Bild: Steve Johnson unsplash +

Diese Mythen liefern nicht nur ästhetische Motive, sondern auch Erzählungen von Macht, Ordnung, Ausnahme und Sendungsbewusstsein, die in der digitalen Elite anschlussfähig sind.  Star Wars und Herr der Ringe sind beides Grosserzählungen, die im 20.Jahrhundert konstruiert wurden- bombastisch, wabernd, überwältigend, Mythen der Macht. In ihrer Art und Wirkung erinnern sie an Wagner-Opern, die im 19. und 20. Jahrhundert die politische Imagination beeinflussten.

Die Macht der Tech-Oligarchie erwächst aus der ökonomischen Aneignung von technischem Fortschritt. Aber auch aus der kulturellen Aneignung von Zukunft. Der Begriff Futures Appropriation, übersetzbar als vereinnahmte Zukünfte, markiert den Anspruch, dass Tech, vermittelt durch Digitalkonzerne,  Zukunft gestaltet, die Lösung anstehender  Probleme sichert.
Bombastische Mythen aus dem  20. Jahrhunderts, angesiedelt in der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft – Tolkien, Star Wars – liefern  narrative Grundmuster: Auserwählte, dunkle Mächte, technische Artefakte mit der Kraft zur  Weltveränderung, finale Schlachten.
AGI –  Artificial General Intelligence fügt dieser Reihe einen neuen Eintrag hinzu: die denkende Maschine als ultimatives Artefakt. In ihr bündeln sich frühere Technikmythen, nun verdichtet zur Erzählung vom Endpunkt kognitiver Evolution. Ob realisierbar oder nicht, ihre kulturelle Wirkung ist bereits mythisch. Die Vertiefung bleibt einem eigenen Text vorbehalten.

Neo-Philosophien, die im Silicon Valley kursieren (oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst), liefern eine scheinbar rationale Übersetzung. Mythen und Theorien operieren mit denselben Strukturen: apokalyptischer Zeitlichkeit (der Bruch steht bevor), elitäre Auserwähltheit (wir sind die, die es verstehen), Weltveränderung durch Technologie (nicht durch demokratische Politik), Entwertung der Gegenwart zugunsten eines transzendenten Ziels.

Eine Gegenüberstellung der Neo-Philosophien, wie sie u.a. als Akzelerationismus (Geschichte als unaufhaltsamer Zwangslauf in Richtung technologischer Eskalation),  Solutionismus (Komplexe soziale Probleme werden auf technisch lösbare Aufgaben reduziert) oder Longtermismus (Legitimation gegenwärtiger Opfer zugunsten einer fernen, höheren Zukunft) in Umlauf sind, würde den Rahmen dieses Formats sprengen. es ist ein neues, eigenes Thema.
Was sie jedoch mit den beschriebenen Mythologien verbindet, ist ein gemeinsamer Effekt: die Erzeugung von Überwältigung. Es sind Narrative von solcher Totalität, dass Widerspruch nicht als Kritik erscheint, sondern als Unverständnis.

Warum interessiert uns diese Entwickung so sehr? 

Es ist unsere Zeitgeschichte, eine Ko-Evolution von digitaler Technik, gesellschaftlicher Entwicklung und populärer Kultur. Digitaler Fortschritt prägt seit fast 50 Jahren unsere Welt in immer neuen Schüben, erweiterte Möglichkeiten, eröffnete Lebensentwürfe, verschiebt Machtverhältnisse.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte, heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem  Grössenwahn.
Computer versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung (Nosthoff). Entstanden sind neue Organisationsformen mit Machtanhäufung. Die Struktur ist neu – Plattformen, Algorithmen, digitale Ecosysteme. Aber nicht als  demokratische  Traummaschine, sondern als Konzentration von Macht in oligarchischen Händen.
Das heißt nicht, Zukunft oligarchischen Unternehmen zu überlassen, sondern sie zu gestalten. Technik ist kein Naturgesetz, sondern sozialer Aushandlungsprozess (vgl. Dreher). Digitale Technik ist kein externer Faktor, sondern Teil langfristiger gesellschaftlicher Prozesse. Zukunft entsteht nicht durch technologische Überwältigung, sondern durch demokratische Aushandlung und Gestaltung.

 

David Golumbia: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. (Rezension – 27.01.2025)11/2024. Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. Marc Dreher: Zwischen Code und Kultur. Das Silicon Valley alsMythos und Machtmaschine,  – beide in: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026 – Technik. Damien Leloup : Le Pouvoir des Geeks. Comment la contre-culture est devenue une arme politique. Les Arènes 01/2025 . Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026 . ¹Annekathrin Kohout: Nerds – Eine Popkulturgeschichte., München 2022. 272 S. Embracing the Outliers: How Tech Geeks Reshape Modern Business and Cultural Landscapes.
²im Kontext der Geek Culture bedeutet Franchise ein erweitertes Medienuniversum, das aus einem ursprünglichen Werk (z. B. Film, Buch oder Spiel) hervorgeht und durch Lizenzen in zahlreiche Ableitungen expandiert.
³ Nerds und Geeks sind zwei unterschiedliche Ner- und Geek-Kultur unterscheiden sich vor allem in ihrer Ausprägung von Fachwissen, Sozialverhalten und Lebensstil. Nerds gelten oft als tief in einem Nischenthema versunkene Introvertierte, während Geeks diese Leidenschaft extrovertierter und sozialer ausleben.



Macht Radfahren glücklich?

manchmal fühlt sich Radfahren an wie Fliegen … (eigenes Bild)

Wenn das Gehen die ursprünglichste Fortbewegung ist – dann bedeutet das Radfahren die ergiebigste Erweiterung des Bewegungsspielraums mit demselben Einsatz von Muskelkraft. Radfahren ist vieles: Mobilität, Sport und Training, aber auch Straßenverkehr, Konsum, eine Branche, im besten Falle ein Flow im runden Tritt.
Lange galt Radfahren als Nische, etwas für diejenigen, die sich kein Auto leisten konnten, zu jung oder zu alt dafür waren.  Ansonsten etwas für Freizeit und Naherholung, sportlich oder gemütlich, Rennmaschine oder bequemes Tourenrad – als Verkehrsmittel aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon gar nicht für den Eindruck beim professionellen Auftritt.

Die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich wurde das Fahrrad aufgewertet, in der Nutzung, wie im Status.  Als Standard von Mobilität gilt  immer noch das Auto, wenn auch verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland war das Auto mit Verbrennungsmotor identitätsstiftend – und ist es wohl immer noch. Made in Germany steht  für eine Kultur des Funktionierens, Beleg für Ingenieurskunst und war jahrzehntelang Exportschlager.

Das Auto und insbes. der Verbrenner ist eingebettet in Infrastrukturen und Nutzungskontexte, die über Jahrzehnte gewachsen sind und in die genauso lange  investiert wurde: Autobahnen und der Umbau von Städten, die Netze von Tankstellen und Werkstätten, das Dienstwagenprivileg und die Pendlerpauschale. Die richtige Marke ist immer noch als Statussymbol die Nummer Eins auf dem Firmenparkplatz.
Autofahren ist heute reglementierter als jemals zuvor. Kein Wunder, von den 60er bis in die 90er Jahre hatte sich der Bestand vervielfacht (von 4,5 Mill 1960 bis 30,7 Mill. 1990 in der alten BRD, seitdem nur leicht steigend), damit auch die beanspruchte Verkehrsfläche.
Der emotionale (Singularitäts-) Wert von Modellen hat nachgelassen. Die Designs sind gleichförmiger, bestimmt von Sicherheitsauflagen und Effizienzoptimierung.  Die Zeiten, als das Auto für Freiheit stand – on the road, Roadmovies, die Geschichten, die darin und damit erlebt wurden – sind vorbei.
Der Raum- und Ressourcenbedarf des Autoverkehrs, die schiere Masse der Automobile ist zum Problem geworden. 

In Großstädten fühlte sich Radfahren lange Zeit wie zwischen Guerilla und Graswurzel an: an die Ränder gedrängt, vom dominierenden System mehr als Störung denn als Alternative gesehen.
Als ernstzunehmende Form von Mobilität wurde bzw. wird das Fahrrad erst mit den Diskussionen zur Mobilitätswende entdeckt – als Bestandteil von Konzepten, die Formen von E- Mobilität, ÖPNV, etc. miteinander integrieren. Das Fahrrad verursacht keine gravierenden Umwelt- und Klimaschäden, braucht wenig Platz, dient der Gesundheit, kostet relativ wenig, für die Fahrer*innen wie für die Bereitstellung der Infrastruktur. Im engeren Radius von bis zu 10 km die oft schnellste Verbindung.
Radfahren ist nicht länger eine Nische, sondern ein wesentliches Element urbaner Erneuerung. Kein Konzept zur urbanen Erneuerung kommt mittlerweile ohne das Fahrrad aus. Es geht um eine Umverteilung des urbanen Raumes. Allerdings gibt es auch erhebliche Widerstände dagegen.

Christian Stegbauer, Soziologe in Frankfurt, hat  ein Buch zur Soziologie des Radfahrens  geschrieben: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel,  mit einem Vorwort von Roland Girtler, dem Doyen der deutschsprachigen Ethnographie.
Der Untertitel Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone spricht an, was das Fahrrad für seine Nutzer sein kann, steht für die ethnographische Ausrichtung des Buches, das die Dimensionen von Nutzung und Wirkung soziologisch ausleuchtet.
Soziologie aus dem Sattel enthält fast alles, was sich zum Radfahren und den zugehörigen Erlebnissen sagen lässt, es liest sich gut, die Inhalte sind stimmig aufgebaut. Ich wollte eine Rezension schreiben, aber es wäre eine Inhaltsangabe geworden. Stattdessen habe ich einzelne Gedanken aufgegriffen und mit eigenen Eindrücken und Überlegungen verbunden. 

Es beginnt mit der Kernkompetenz des Radfahrens, sich selbst auszubalancieren, ohne dabei umzufallen. Eine körperliche Erfahrung, die Basis ist für ein individuelles Fahrgefühl  und den beschriebenen Flow, den runden Tritt. 
Auf den Verkehr zu achten gilt für alle, die daran teilnehmen, für Autofahrer,  Radfahrer wie Fussgänger.  Sie sind aber Gefahren in unterschiedlicher Weise ausgesetzt – Autofahrer sitzen in einer geschützten Kapsel, viele Risiken werden durch Karosserie,  Airbags und Assistenzsysteme abgefedert.
Radfahrer sind Gefahren unmittelbarer ausgesetzt. Wahrscheinliche Fehler anderer Verkehrsteilnehmer müssen frühzeitig erkannt werden, jede Fehlwahrnehmung hat direkte körperliche Folgen. Geübte Radfahrer entwickeln einen Sinn dafür, das Verhalten anderer vorauszusehen. 

Zwischen Auto und Fahrrad gibt es keine Augenhöhe, Masse und Geschwindigkeit liegen zu weit auseinander. So prallen oft zwei Logiken aufeinander.  Der motorisierte Verkehr folgt möglichst klaren, formalen Regeln, Radfahrer orientieren sich dagegen oft situativ. Das bringt den Ruf ein, opportunistisch zu handeln – wie es gerade passt. Dem liegt die Maxime des  Selbstschutzes zu Grunde. Dem Ideal eines gegenseitigen Mitdenkens auf Augenhöhe steht die physische Realität entgegen, in der die Verwundbarkeit des einen auf die Masse des anderen trifft.

Radfahrer teilen Erfahrungen als Verkehrsteilnehmer, aber sie sind keine homogene Gruppe. Wer heute Radfahrer ist, kann morgen Autofahrer sein, Fussgänger sowieso.
Vergemeinschaftungen bilden sich am ehesten  in den sportlichen Varianten, Stegbauer nennt sie Mikrokulturen, anderswo werden sie als Tribes beschrieben. Es geht um geteilte Begeisterung und Leidenschaft, die mit  zeitlichem und finanziellem Einsatz und mit sportlichem Ehrgeiz verbunden sind.
Auffällig verbreitet sind fast schon klischeehafte Bilder und Konsummuster, die mit dem Fahrrad verbunden sind. Neben sportlichem Ehrgeiz steht das Rennrad oft für einen Hip Consumerism. Das Trio Rennrad, Siebträgermaschine und aufgeklapptes MacBook steht geradezu iconisch für einen Konsum- und Lebensstil, der Agilität und Kreativität für sich beansprucht.
Lastenräder stehen für eine neue Form von Familiarität – ein Gegenmodell zum SUV.  Es ist ein Statement, denn hier übernimmt das Rad Funktionen, die es vorher nicht hatte.
E- Bikes gibt es in vielen Varianten, von dezenter Erweiterung bis zu wuchtigen Modellen, die eher als Kleinkrafträder anzusehen sind. Fährt man auf touristisch attraktiven Radstrecken in Deutschland, sind die E-Bike Rentner  kein Klischee. Bevorzugt werden die wuchtigen Modelle, komplett mit Helm und Sicherheitsweste.

Was von den Eindrücken ist allgemeingültig, was eher persönlich?  Gelernt habe ich das Radfahren als Fünfjähriger auf einem alten Damenrad, wo der Sattel zu hoch war, um darauf sitzen zu können. Ohne viele Vorübungen, schneller als ich das Schwimmen lernte oder das Klettern in den Kirschbaum. Ein eigenes Rad kam erst später, als der Schulweg weiter wurde.
Das Fahrrad war immer selbstverständlich in der Gegend nördlich des Ruhrgebietes, zwischen Münsterland und Niederrhein; eine überraschend weiträumige Landschaft, durchzogen von Pättkes (befahrbare Feld- und Wirtschaftswege).
Selber habe ich nie wirklich zur Autogesellschaft gehört. Bis auf einen alten VW- Käfer, eine 2 – monatige USA- Durchquerung und etliche Umzugswagen war ich selten aktiv dabei. Langstrecken mit viel Landschaft habe ich genossen, so wie selbsterlebte Road Movies.

Die besten und die schlechtesten Erfahrungen? Nichts geht über Abfahrten 😉  die Belohnung nach der Anstrengung, grandios die vom Engadin in der    Schweiz herunter zum Comer See, vom alpinen ins mediterrane,  1.500 m herunter in einem Stück. Mit kurzer Anreise aber auch vom Hohen Venn herunter oder im Westerwald. Landschaftserfahrung mit dem Rad ist intensiver, sicher anstrengender – es kommt aber auf die Distanzen an.  
Negativ: der Dooring- Unfall auf dem Heimweg. Nicht vom parkenden Auto, sondern vom Taxi, das den Fahrgast in der zweiten Reihe aussteigen liess. Gebremst in der letzten Sekunde, Aufprall mit dem Knie auf der Strasse,  statt in die geöffnete Tür,  Kreuzbandriss. Ohne das Bremsen in letzter Sekunde wäre ich mit  Kopf und Oberkörper in die Tür gestürzt, mit anderen Verletzungen. Der Fahrgast ist übrigens über mich hinweg gestiegen.

Macht Radfahren denn nun glücklich? Ein entspannter Straßenverkehr würde schon einmal helfen. Radfahren lässt Endorphine wirken, frische Luft und Bewegung sind immer gut 😉 Aber es geht um mehr als persönliches Wohlbefinden. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Rad- und Autofahrern, sondern zwischen der Verkehrslogik der vergangenen Dekaden  und den neuen Mobilitätsformen. Die laufende Diskussion zum Verbrenner-Aus macht deutlich, wie weitreichend der Wandel ist. Das Fahrrad hat Grenzen in der Reichweite, es ist nicht die Lösung, sondern ein relativ einfach umzusetzender Teil davon. 

Christian Stegbauer: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel. Das Fahrrad als Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone.2025 . Ulrich Syberg, Melissa Gomez & Saskia Ellenbeck: Der Hidden Champion – oder wie der Radverkehr vom Nischenthema zum Problemlöser wird. In: Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte. 2021



Das politische Jahr 2025 und seine Bilder

Wie kommt man dazu, einen Jahresrückblick zu schreiben,  wenn gerade erst die Blätter gefallen sind?

Der Capo und die Oligarchen: America’s tech leaders can’t stop praising Donald Trump 

Das politische Jahr 2025 begann mit der 2. Trump-Wahl am 5. Nov. 2024, gleich am nächsten Abend liess die FDP die Ampel platzen.
Zwei Einschnitte an einem Tag, die seitdem mit der Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts verbunden sind.

Der Machtwechsel in den USA brachte einen Bruch in der Substanz und im Stil: Angriffe auf Institutionen, autoritäre Machtdemonstrationen, einen Abbau demokratischer Konventionen und Spielregeln,   Provokationen  gegen Verbündete.
In Lateinamerika nennt man es Autogolpe/Selbstputsch, wenn ein legal gewählter Politiker schrittweise die demokratischen Institutionen untergräbt.
Ein gewählter Amtsträger nutzt legale/semi-legale Mittel, um demokratische Checks and Balances auszuhebeln. Die Erosion demokratischer Institutionen erfolgt von innen.
Die USA haben ein anderes Gewicht.  Ihr Status als Weltmacht gründet sich – neben wirtschaftlicher und militärischer Dominanz – auf das kulturelle Modell einer liberalen Demokratie. Ihr Imperialismus war, bei aller Kritik daran, darin eingebunden. Auch der Aufbau der digitalen Kultur wurzelte in einem utopisch-emanzipatorischen Selbstverständnis.
Eine entscheidende Rolle im Richtungswechsel spielt Cyberlibertarismus,  eine Ideologie, in der techno-utopische mit marktradikalen Ideen zu einer Fundamental- Opposition gegen jede Form gesellschaftlicher Regulierung des Internet verwuchsen (vgl. Text).
Aus einem sendungsbewussten Selbstverständnis der City upon the Hill wird ein Imperialismus ohne zivilisatorische Mission.  Peter Thiel, einer der einflussreichsten BigTech Oligarchen, konstatierte:  Most importantly, I no longer believe that freedom and democracy are compatible.

Im Frühjahr hatte ich in einer ausführlichen Analyse die gegenseitige Überlagerung von  Rechtspopulismus und digitalem Kapitalismus, zwischen Maga und BigTech als ein Mash-Up bzw. eine Verklumpung dargestellt. Eine Analyse, die auch zum Jahresende weitgehend zutrifft.
Das Bündnis besteht über Einzelpersonen hinaus. Elon Musk nahm zu Beginn eine zentrale Stellung ein.  Der Konflikt zwischen Trump und Musk war absehbar, beide verkörpern narzisstische Machtansprüche, die gegeneinander kollidieren.

Flood the world with Shit -Der Präsident im Königskostüm nimmt den Slogan wörtlich

Die Einschnitte zeigen sich drastisch in Bildern, die um die Welt gingen. Entscheidend waren die von Trumps Inauguration, die eine Bündelung politischer, wirtschaftlicher und medialer Macht vor Augen führten. Tech-Oligarchen huldigten dem Präsidenten, als wären sie Höflinge eines neuen Königtums.
Ähnliche Bilder gab es nochmals Anfang September bei einem Dinner mit den versammelten Tech CEOs (s. Bild oben). Alle waren erschienen, auch Bill Gates, Tim Cook von Apple und Sam Altman von Open AI, denen man nicht unbedingt eine Nähe zum Trumpismus nachsagt. Ein skurriles Szenario: Die versammelten CEOs, die den mächtigsten Konzernen der Geschichte vorstehen, werden von Trump – der wie ein Capo der Mafia auftritt – herumdirigiert. Und sie können nicht aufhören, ihn zu preisen. So sieht ein Machtsystem aus (Link zum Video).
Dazu passt Trumps pompöse Stilwelt mit Gold und Marmor, die an Autokraten wie Putin und Erdogan erinnert.

Würdelos zeigte sich Trump in seiner Reaktion auf Proteste gegen ihn. Der Präsident der westlichen Führungsmacht generiert ein KI-Video, auf dem er mit Königskrone auf dem Kopf einen Jet steuert und sein Volk mit Exkrementen beschiesst! Der Slogan Flood the zone with shit wird wörtlich genommen. Ein markantes Beispiel von Dezivilisierung.
Es sind solche Bilder, die sich eingeprägt haben. Trump, der als scheidender Präsident den Sturm auf das Kapitol – das Monument der US-amerikanischen Demokratie – anfeuerte, wurde mit tatsächlicher Mehrheit zu ihrem obersten Repräsentanten gewählt.

Herrenrunde mit Portionsfläschchen und Konferenzgebäck

Ganz anders sind die Bilder aus Deutschland, denen jede pompöse Inszenierung fehlt – sieht man etwa vom Video-Auftritt  Elon Musks beim AfD- Parteitag ab.
Gerade in seiner piefigen Schlichtheit erregte ein Bild aus der Führungsriege der Union Aufsehen. Sechs Männer, keine Frau, an einem Konferenztisch, wie er tausendfach in Büroetagen steht. Portionsfläschchen, Konferenzgebäck, Mappen. Ein Selbstverständnis, das gar nicht inszeniert werden muss.
CDU und CSU haben diese Bundesrepublik geprägt – 52 Jahre Regierungszeit, Unterbrechungen gelten als Ausnahme. Ohne jeden Zweifel sehen sie sich als legitime Inhaber der Macht. So schlicht das Bild wirkt, führt dieser Politikwechsel zu einer Agenda, die v.a. das rückgängig machen will, was nicht in ihre Kontinuität passt. Man kann es  Gegenreformation oder Restauration nennen.
Träger dieser Politik ist in erster Linie der rechte Flügel der Union, eingezwängt zwischen einer erstarkenden AfD und  einem noch vorhandenen liberalen Flügel. Von der SPD ist kaum etwas zu bemerken. Betrachtet man die Lage genauer, erscheint das deutsche Parteiensystem instabiler denn je. 

Eine autoritäre Wende gibt es nicht, aber immer wieder Schwenks zu rechtspopulistischen  Positionen. Die verbalen Aggressionen richten sich gegen die Grünen und die mit ihnen verbundenen Programmpunkte, so sehr, dass Zusammenarbeit mit ihnen schwer vorstellbar wird. Simple Themen wie Gendern und vegane Produkte werden ideologisch aufgebauscht. Konzepte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tech-Ethik werden nicht explizit zu feindlicher Ideologie erklärt, aber grundsätzlich angegriffen.  Einfluss und Lobbyarbeit der fossilen Energiewirtschaft sind deutlich spürbar. Das Gesellschaftsverständnis ist eher das einer Standortgemeinschaft.
Auf europäischer Ebene kam es zu ersten Zusammenarbeiten mit Rechtsradikalen. 

Bildquelle: Sumaid pal Singh Unsplash+

KI ist 2025 weiterhin das dominierende Thema – wenn nicht noch mehr als in den Jahren 2023 und 2024.  Die spekulativen Phasen des Hype sind  allerdings vorüber. Die Diskussionen wurden konkreter. KI ist weniger Projektion als eine vielfach präsente und genutzte Technologie. An Chatbots in der Kundenkommunikation, Coding mit KI, Anwendungen im Gesundheitswesen, in  Bildung, Verkehr und Verwaltung hat man sich gewöhnt.
Verbreitet gibt es eine pragmatische Einstellung, eine abwägende Zustimmung. Die meisten Nutzer haben Erfahrungen gemacht, wann KI nützlich ist und ihre Möglichkeiten ausprobiert.  Die Perspektiven auf KI sind differenzierter geworden: breite Nutzung, mehr Anwendungen, aber auch scharfe Kritik.
Social Media haben das Konzept Öffentlichkeit verändert – von einer medial synchronisierten Realität zu parallelen Realitätsblasen. KI verändert wie wir Wissen produzieren und darauf zugreifen, – mit noch nicht absehbaren Folgen.

.Generative KI ist ein Konzentrat des öffentlich zugänglichen Internets – hauptsächlich text-basiert, überwiegend englischsprachig, westlich dominiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. KI steht heute für eine neue Stufe von Intermediarität – eine Vermittlungsinstanz zwischen den Teilnehmern der digitalen Informationssphäre. Ein qualitativ neuer Datenrohstoff entsteht: das Aggregat aus allem digital Verfügbaren. Texte, Bilder, Code verschmelzen zu einem statistischen Magma, aus dem KI neu synthetisiertes Wissen generiert – ohne Rückbezug auf Quellen, nur Rekombination von Mustern. Nicht nur sinnvolle Inhalte, sondern auch massenhaft produzierter Slop/ Müll

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt

Grundsätzliche Kritik gibt es v. a. auf zwei Ebenen. Zum einen die Aneignung von Kultur und Wissen. Kreative Kulturproduzenten sprechen vom größten Diebstahl der Menschheitsgeschichte – und gemessen am Datenvolumen ist das nicht übertrieben. Generative KI hat sich das Wissen der Welt einverleibt: Texte, Bilder, Musik, Code – alles wird zu Trainingsdaten. Ohne zu fragen, ohne zu zahlen, ohne Urheber zu nennen. Aus diesem angeeigneten Material generieren LLMs neue Werke, die mit den Originalen konkurrieren. Illustratoren, Texter, Programmierer sehen ihre Arbeit entwertet. Im weiteren die Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Generative KI ist nicht neutral. Sie kann leicht von autoritären und faschistoiden Bewegungen vereinnahmt werden – und wird es bereits.

KI hat einen Börsen-Hype erzeugt, aber es wurde noch kein profitables Geschäftsmodell aufgebaut. Big-Tech-Konzerne haben in zwei Jahren über 500 Milliarden Dollar investiert, die Einnahmen liegen bei 35 Milliarden. Die Blase kann platzen – die Infrastruktur bleibt – aber in wessen Händen?

Seit November 2024 hat sich das politische Klima massiv nach rechts verschoben, global, in den USA, in Europa, in Deutschland. Trump folgt dem Muster illiberaler Autokraten wie Orbán oder Erdoğan. Demokratische Institutionen bestehen formal weiter, werden aber gezielt entkernt. Die USA haben aber stärkere institutionelle Schutzmechanismen,  Föderalismus, eine Rechtskultur, eine lebendige Zivilgesellschaft, entscheidend ist deren tatsächliche Widerstandsfähigkeit
Tech-Unternehmen verfolgen einen Imperialismus ohne Staat – eine  extraterritoriale Macht durch digitale Infrastruktur. Ihre Allianz mit autoritären politischen Kräften ist nicht zufällig, sie folgt gemeinsamen Interessen.
Die tatsächliche Widerstandsfähigkeit hängt von fragilen Faktoren ab: politischer Kultur, der Bereitschaft der Zivilgesellschaft zum Widerstand, der Unabhängigkeit der Justiz – und dem Willen, diese zu verteidigen.

vgl. die Blogbeiträge zu Cyberlibertarismus, Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem , KI und Neuer Faschismus  und KI und der Wert von Kulturarbeit. — Nach Klick werden alle Bilder in voller Grösse auf einer neuen Seite angezeigt  



Fünfzehn Jahre Blog – Digitaler Wandel als Zeitgeschichte

Durchblick – Bild: unsplash +

Fünfzehn Jahre sind ein Abschnitt der Zeitgeschichte. Solange betreibe ich jetzt diesen Blog – mittlerweile sind es knapp 200 Beiträge. Startpunkt war das Netnocamp bei der IHK Köln im September 2010.
Vorausgegangen war eine mit  Dreamweaver erstellte Website,  noch im Tabellen- Layout,  einige ältere  Texte (hier zu lesen) von dort habe ich übernommen .
Blogs waren einmal ein Kernstück der neuen digitalen Öffentlichkeit, man sprach von einer Netzkultur, bevor Social Media Plattformen diese Öffentlichkeiten übernahmen. 
Blogs bedeuten aber weiterhin die Unabhängigkeit, eigene Themen zu setzen, eine Personenmarke aufzubauen. Im besten Falle ein Autorenmedium, das eigenständige Publikation mit der Möglichkeit von  Vernetzung,  Diskussion und Akquise verbindet.
Den Titel Netnographie & Digitaler Wandel hatte ich damals adhoc vergeben. Die Themen haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, abhängig von der Entwicklung der digitalen Welt und den eigenen Schwerpunkten. Durch den ganzen Blog zieht sich ein differenzierter soziologischer Blick auf die mit technischen Innovationen verbundene gesellschaftliche Entwicklung der  letzten Jahrzehnte – geschrieben in  einem essayistischen Stil.

Netnographie war 2008 / 2010 ein Thema der Stunde und schien als die der neuen Digitalen Öffentlichkeit angemessene Forschungsmethode.
Popularkultur hatte sich ins Internet verlagert. Digitale Subkulturen, neue Formen von Vergemeinschaft und ihre Bedeutung für das Marktverhalten standen im Vordergrund. Das Interesse an Netnographie entwickelte sich in diesem Zusammenhang rasch. Im Handbuch der Online- Forschung (2014) konnte ich einen längeren Beitrag dazu veröffentlichen. Eine Reihe kleinerer Beispiele (so zu Vegan, Overtourismus, Fairtrade) sind im Blog dokumentiert.
Fun- Fact: eine Zeitlang wurde ich oft von Studenten zu ihrer Abschlussarbeit kontaktiert, aber nie aus der Soziologie oder verwandten Fächern, so gut wie  immer aus der BWL.
Ganz durchsetzen konnte sich Netnographie in der deutschsprachigen Forschungslandschaft nicht. Der Name weckt Erwartungen auf einfache Art Consumer Insights zu gewinnen – eine eher technische, instrumentelle Sichtweise. Die Unterscheidung zum Monitoring, heute meist Listening genannt, fällt in der Praxis oft schwer, obwohl Monitoring auf datenbasierte Sammlung abzielt und Netnographie auf kulturelle Analyse.
Netnographie entstammt der Kulturanthropologie– ethnographic fieldwork im digitalen Raum. Mit einer Verankerung in den Diskursen der Consumer Culture Theory bzw. der Cultural Studies. Im deutschsprachigen Raum fehlt dieser Kontext oft.
Netnographie fällt so etwas zwischen die Stühle: Zu weich für datengetriebene Marktforschung, zu anwendungsorientiert für reine Kulturwissenschaft, zu anthropologisch für die deutsche Soziologie.
Die Entwicklung von Netnographie verfolge ich weiter, der aktuelle Stand ist nachzulesen.

Bild: Getty Images- unsplash+ +

Digitaler Wandel  und Digitale Transformation werden oft gleichgesetzt, bezeichnen aber Unterschiedliches. Wandel ist der allgemeinere Begriff für Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. Transformation hingegen meint tiefgreifende, strukturelle Umbrüche, bei denen Systeme, Institutionen und Praktiken neu gestaltet werden. Beide Begriffe markieren Leitlinien der Zeitgeschichte, in der technologischer, medialer und gesellschaftlich-kultureller Wandel eng miteinander verflochten sind.

Schübe der Digitalisierung wurden nicht erst mit dem Internet spürbar.  Bereits  Desktop- Publishing (etwa um 1990) war ein Schlüsselimpuls der digitalen Revolution im Medienbereich. Der Cyberspace, wie man damals das Internet nannte, wurde als experimenteller  Raum erlebt.
Zumindest zeitweise setzte sich das freie Internet der offenen Standards gegenüber einem Internet der Konzerne (damals das Netz der Portale) durch. Es blieb prägend für eine Kultur der Digitalität, in der sich die  Vorstellung eines gemeinsamen, dezentralen gesellschaftlichen Projektes herausbildete.  Das Web 2.0 war mit einer basisdemokratischen Aufbruchsstimmung verbunden, auf die bis heute immer wieder bezug genommen wird.

Seitdem haben eine ganze Reihe technischer Innovationen die digitale Entwicklung angetrieben, Das mobile Internet veränderte die Alltagskommunikation massiv, und ist heute kaum noch wegzudenken. Social Media kanalisierte die online- Kommunikation, machte  sie auslesbar.
Das Metaverse (2021/22) wurde v.a. von Konzernen angetrieben, fand aber letztlich in dieser Form keine ausreichende Resonanz. Der Entwurf eines räumlichen Internet setzt sich aber im Spatial Computíng fort. KI ist seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 ein dominierendes Thema –  mit  noch nicht überschaubaren Wirkungen und Folgeerscheinungen.

Die Pandemie 2020/ 21  bedeutete einen grossen Einschnitt.  Unter welchen Bedingungen konnten sich digitale Medien mehr bewähren, als unter denen einer physischen Kontaktsperre? Ohne digitale Medien, wie Videochats, Live- Streaming etc. hätte sich kaum eine öffentliche Sphäre aufrecht erhalten lassen. Der kurzlebige Hype um Clubhouse im Corona- Winter 2021 verdeutlichte um so mehr eine Sehnsucht nach Austausch und Vernetzung, gerade in medienaffinen Branchen.

Der wahrscheinlich entscheidendste Einschnitt der letzten 15 Jahre war aber nicht Corona, auch nicht KI und sicher nicht das Metaverse, sondern die Landnahme der Plattformen, (sehr gut beschrieben von Michael Seemann in  Die Macht der Plattformen).  Sie bedeutete den Wechsel von einer offenen, dezentralen Innovationslogik (bottom-up) hin zu einer stärker kontrollierten, durchplanten und von wenigen zentralen Akteuren dominierten Struktur (top-down).
Es entstand ein – eingeschränkt – globaler Informationsraum mit zentraler Infrastruktur. Plattformen agieren darin als Intermediäre – sie vermitteln zwischen Nutzern und Anbietern und regulieren Zugang, Sichtbarkeit und Interaktion. Diesen Intermediären – den Big Tech-Giganten ebenso wie zunehmend den großen KI-Systemen – kommt faktisch eine Ordnungsmacht zu. Entscheidend ist die umfassende Erhebung, Auswertung und algorithmische Verarbeitung aller verfügbaren Daten.

Der Wandel bedeutet nicht den Übergang in einen neuen, stabilen Zustand, sondern verläuft kontinuierlich weiter – mit neuen Chancen und neuen Konfliktlinien. Wenig vorhersehbar in seinen konkreten Ausprägungen, aber in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen erklärbar.

Der Begriff Transformation geht zurück auf Karl Polanyis Konzept der Großen Transformation (1944) in dem  gesellschaftliche Umbrüche nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als politische und kulturelle Prozesse verstanden werden Diese kontinuierliche Transformation ist durch die Verzahnung technischer, kultureller und politischer Entwicklungen gekennzeichnet.  Polanyi wie auch Norbert EliasProzesssoziologie  können als fruchtbare Ansätze dienen, die sich auf aktuelle Entwicklungen übertragen lassen. Sie zeigen, wie sich in langfristigen Prozessen technologische Innovationen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wechselseitig bedingen.

Mit der Prozesssoziologie von Norbert Elias hatte ich mich  seit dem Studium befasst, immer wieder fasziniert von dem Gedanken, sie auf laufende Entwicklungen zu beziehen. Neben die bei Elias herausgestellten Prozesse der Sozio- und Psychogenese – der Herausbildung von Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen lässt sich Technogenese hinzufügen – die wechselseitige Prägung von Technik und Kultur. Technische Infrastruktur/ Technokultur haben heute eine ganz andere Bedeutung für die gesellschaftliche Binnenstruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Diese Prozesshaftigkeit – nicht die Wirkung einzelner Technologien, sondern ihre gesellschaftliche Einbettung – ist das eigentliche Über- Thema dieses Blogs. 

Die Relevanz soziologischer Theorien für das Verständnis der digitalen  Gegenwart habe ich in einem (verlinkten) Beitrag zusammengestellt. Darunter  auch  solche, die sich auf die Luhmannsche Systemtheorie beziehen, sowie die  Arbeiten von Andreas Reckwitz. Hinzuzufügen wäre noch die Bedeutung von Michel Maffesoli für das Konzept der Online- Tribes

Im letzten Jahr dominierten zwei Themen: KI/ AI und  die politischen Verwerfungen seit November 2024. Bei letzteren verweise ich auf meine Rezension zum Cyberlibertarismus und den  ausführlichen Text Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem.

KI ist  seit knapp 3 Jahren ein geradezu epochales Thema. KI wird in der Breite genutzt, wahrscheinlich von vielen mehr, als offen zugegeben wird. Gleichzeitig ist sie ein boomendes Feld der Beratungs- und Fortbildungswirtschaft, steht aber auch in der Kritik als Piraterie des Wissens, Vermüllung des Internet und als Instrument neo- autoritativer Herrschaft. Im Unterschied zum Internet, das sich, zumindest zeitweise, bottom- up verbreitete, ging KI  von vornherein von einzelnen, grossen Konzernen aus. Die Perspektive der Anwender und Betroffenen – eine Sicht von unten– findet in der Debatte wenig Raum.
Das Buch von Frank Witt vermittelte mir mit dem markanten Bild der Sozialisation von Maschinen eine neue Sichtweise auf KI.  Mit dem Autor konnten wir kürzlich eine Buchvorstellung im Kölner Startplatz veranstalten, an die sich möglicherweise eine weitere Zusammenarbeit anschließen kann.

In meiner eigenen Arbeit habe ich zwei Begriffe zugespitzt:  Automatisierte Singularisierung soll die Paradoxie fassen, wie KI-Systeme massenhaft die gewünschten Einmaligkeiten produzieren – angelehnt an die Theorie der Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz. Gemeint ist die gezielte Erzeugung individueller Produkte und Erlebnisse auf Basis von Verhaltensdaten und Präferenzen. In eine ähnliche Richtung geht die derzeit viel diskutierte Erzeugung synthetischer Daten in der Marktforschung.
Der Begriff Consociality/ dt. Consozialität  stammt nicht von mir, aber ich habe ihn gern aufgegriffen. Gemeint ist etwas, was es schon immer gab, aber erst in der digitalen Sozialität  zentrale Bedeutung erlangt: Die Verbindung einzelner Menschen über punktuelle Übereinstimmungen und Interessen – situative digitale Ko-Präsenz jenseits stabiler Gemeinschaften. Ein Kollege nannte es  scherzhaft #Hashtag Soziologie, als ich das Konzept damit erläuterte. 

Soziologie löst keine Probleme, legt aber Zusammenhänge offen und macht so gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Entwicklungen erklärbar.
Genau darin liegt ihr Nutzen: Entwicklungen der Zeitgeschichte erklärbar zu machen, Aha-Erlebnisse zu erzeugen und zum Weiterdenken anzuregen – nicht durch Vereinfachungen, sondern durch begriffliche Schärfung. Gefreut hat mich, dass 2x Beiträge aus dem Blog den Weg in Schulbücher fanden – nicht für Sozialwissenschaften, sondern für Deutsch in der Oberstufe – eine Anerkennung der sprachlichen Qualität.

Die selbstverständliche Nutzung von Blogs zur Diskussion hat nachgelassen. Sie ist längst abgewandert in Social Media, v.a. zu LinkedIn. Deshalb hier mein Account: https://www.linkedin.com/in/kjanowitz/
Der Titel Netnographie & Digitaler Wandel war anfangs eine pragmatische Benennung – ob er bleibt oder sich ändert, hängt davon ab, welcher Begriff künftig am besten  trifft.



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