Die Unübersichtlichkeit der Ungleichheit – Was der Streit um den ZEIT-Essay über die Soziologie verrät

In der Soziologie wird gestritten

Der Essay Ist die Soziologie zu links? (vgl den vorhergehenden Beitrag) von Armin Nassehi und Irmhild Saake im Feuilleton der ZEIT hat eine Reihe kritischer Repliken, darüber hinaus eine  weiterreichende Debatte ausgelöst.

Es geht nicht nur um den Inhalt. Es geht um die Wirkung des provokanten  Aufreissers, die  gewählte Öffentlichkeit und um die schwache empirische Belastbarkeit der Quellen. Was als gut belegte These diskutabel wäre,  fordert auf der grossen publizistischen Bühne Widerspruch.

Der Essay in der ZEIT ist im Grunde ein Rant – systemtheoretische Begrifflichkeiten und launig-pauschalisierende Zuspitzungen vermengen sich darin. Bloss der Adressat bleibt vage. Genannt wird ein großer Teil der Sozialwissenschaften – welcher grosse Teil nun gemeint ist, wird nicht weiter deutlich. Gezeichnet wird das Bild einer moralisierten Soziologie, die ihr Genügen darin findet, Ungleichheit zu monieren und in diesem Empörungsmodus eine sinngebende Nische gefunden hat. Die Reizwörter Wokeness, oder Agendawissenschaft  kommen zwar nicht vor – aber die Klischees dazu werden aktiviert.
Was weiter hinter dem Rant steckt, lässt sich nur vermuten; jedenfalls geht es um die Verteidigung eines Privilegs echter Wissenschaftlichkeit, das die Autoren – unausgesprochen – in erster Linie der eigenen Denkschule zusprechen.
Nassehi ist bekannt als virtuoser Anwender der Luhmann’schen Systemtheorie, als einer derjenigen, der sie seit den 90er Jahren weiterentwickelt hat.
Systemtheorie versteht sich als Universaltheorie – mit dem  Anspruch, alles, incl. sich selbst im Sozialen vollständig beschreiben zu können. Dazu hat sie ein eigenes Vokabular entwickelt, das weit über gängige Fachsprachen hinausgeht. Die Bedeutung von Wörtern wie Störung, Katastrophe, Moral, die Entstehung von Ordnung oder auch Ungleichheit ist nicht dieselbe wie in der Alltagssprache.

Nassehi ist einer der öffentlich präsentesten Vertreter, eines der Gesichter des Faches.  Seine Expertise  wird oft herangezogen, auf Podien, in Talk-Shows, im Feuilleton, deren Formate er bedient. Gleich welches Phänomen, ob Pandemie, Digitalisierung, KI, Gender Studies etc. , die Erklärungsmuster bleiben gleich: Konflikte werden mit Funktionslogiken erklärt und in ein systemtheoretisches Vokabular übersetzt – in Differenz, in Code, in Programm, in strukturelle Kopplung.
Das schafft eine beobachtende Distanz, die sich betont von Moralisierung fernhält. Was aber zunächst überraschend und erhellend klingt, wirft nach mehrfacher Wiederholung die Frage auf, ob hier erklärt oder übersetzt wird. Das systemtheoretische Vokabular ist an praktisch jedes Phänomen anschlussfähig. Wenn die systemtheoretische Rahmung in erster Linie eine Übersetzung ist, bleibt der Erkenntnisgewinn schwer zu bemessen – im Extremfall wird daraus keine Erklärung mehr, die sich bewahrheiten oder auch scheitern kann, sondern eine sich selbst referenzierende Welterklärungsmaschine.

Ungleichheit taucht im ZEIT-Essay auffällig oft (>25x) auf – fast so, als würde das Wort selbst einen fehlenden analytischen Zugriff darauf kompensieren.
Im systemtheoretischen Begriffsuniversum spielt Ungleichheit tatsächlich eine nachgeordnete Rolle: Soziale Ungleichheit habe heute ihre zentrale strukturelle Bedeutung verloren; moderne Gesellschaften seien durch einen Primat funktionaler Differenzierung gekennzeichnet und in Abhängigkeit davon rücke soziale Ungleichheit in den Hintergrund.* – so referiert Thomas Schwinn* (s.u.) eine Aussage Luhmanns.
Für Schwinn sind Ungleichheitstheorie und Differenzierungstheorie – letztere eines der Fundamente von Luhmanns Systemtheorie – die beiden wichtigsten Konzepte, mit denen sich moderne Gesellschaften analysieren lassen; nur laufen beide Forschungstraditionen seit Jahrzehnten weitgehend beziehungslos nebeneinander her – Schwinn spricht sogar von zwei Soziologien.
Nassehi argumentiert im Grunde, als verteidige er neutrale Wissenschaft gegen moralisierenden Aktivismus; dass sich Ungleichheit ebenso nüchtern erforschen lässt wie funktionale Differenzierung, bleibt dabei unausgesprochen.

Von der Replik zur Perspektive 

Bild: smitty OSSG. unsplash.com

In den Repliken und anderen Kommentaren wurde bereits viel  gesagt – es gab auch zustimmende Kommentare – der Verlauf kann über die Übersichten mit den verlinkten Beiträgen auf dem Blog von Serdar Günes und dem Portal Wissenschaftskommunikation.de nachverfolgt werden.

Ein Schlagabtausch. Im weiteren – und das macht die Diskussion dann doch fruchtbar – geht es um die Ausrichtung der Soziologie, ihre öffentliche Wirkung und die Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Eine Gelegenheit, auszuformulieren, welche Erklärungs- und Erkenntnismöglichkeiten die Soziologie für das Verständnis aktueller Entwicklungen bietet – Möglichkeiten, die sich auch für die eigene Arbeit nutzen lassen, abseits von Methodendebatten.

Moderne Gesellschaften versprechen Gleichheit und produzieren zugleich massive Ungleichheit. Formale, rechtliche und politische Gleichheit ist verfassungsrechtlich geschützt – was nicht Machtgleichheit bedeutet.  Hierarchische Ungleichheiten, wie sie die Industriegesellschaft bis in die 90er Jahre und darüber hinaus prägten, sind heute weniger ausgeprägt, ohne dass sie verschwinden. Am stärksten wirkt Ungleichheit in der  Vermögensverteilung – und den  damit verbundenen Gestaltungschancen.
Ungleichheiten lassen sich heute präziser als Machtungleichheiten bzw. sich verschiebende Machtbalancen verstehen. Macht ist in diesem Sinne keine einseitig dominante Position, sondern eine Balance, die beständig ausgehandelt wird. Die miteinander vernetzten Medien sind eine der Arenen, in denen diese Machtbalancen ausgehandelt werden.

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie entstehen immer wieder neu. Gesellschaftliche, ökonomische und technologische Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt.
Gleichheit – und Freiheit – sind nicht beliebige Werte unter vielen. Es sind normative Grundbedingungen der demokratischen Moderne, deren Gewichtung immer wieder austariert werden muss – das ist soziologisch und politisch ernst zu nehmen. Freiheit allein führt zu libertärem Individualismus. Eine absolute Setzung von Gleichheit nimmt den Menschen die Möglichkeiten  individueller Entfaltung.  

In einem der Kommentare zum ZEIT- Essay fiel mir die Beobachtung auf,  dass wahrscheinlich die Hälfte der Artikel (der Zeit) in irgendeiner Weise auf soziologische Expertise zurückgreift. Ein Eindruck, der auf ein breites Interesse und einen Bedarf an soziologisch fundierter Erläuterung von gesellschaftlichem Wandel aufmerksam macht – jedenfalls mehr, als in vergangenen Jahrzehnten.
Was Soziologie kann, ist auch entfernte Wirkungszusammenhänge zu erkennen und zu beschreiben. Technologischer, kultureller und ökonomischer Wandel sind eng miteinander verbunden, durchdringen den Alltag und beeinflussen die Lebenschancen jedes einzelnen. Zentrale individuelle Erfahrungen, wie  Identitätsentwicklung, Berufsbiographien und die Formen von Vergemeinschaftung sind davon betroffen. Die Verknüpfung gesellschaftlicher und  technologischer Entwicklungen kann als Technogenese gedeutet werden.
Die digitale Revolution brachte zunächst ein Empowerment der Individuen mit sich, um dann die Bildung neuer Monopole zu begünstigen,  bekannt unter Konzepten wie der  Macht der Plattformen oder Überwachungsgesellschaft. Die aktuelle Situation – KI-Konzerne, die massiv neue Asymmetrien erzeugen, eine zerfallende progressiv-neoliberale Koalition, Silicon Valley im Wandel vom progressiven Lager zu einem  Cyberlibertarismus – ist genau eine Situation schnellen, konkreten, historisch spezifischen Wandels.

Luhmann entwarf die Systemtheorie in den 1960er – 1990er Jahren, einer Zeit der Blüte der funktional ausdifferenzierten Industriegesellschaft der Bonner Republik. Einer Epoche, die von stabilen Großorganisationen und Institutionen getragen wurde. Funktionale Systemzwänge waren damals unmittelbar spürbar und sind im Rückblick gut nachvollziehbar. Heute erleben wir die Erosion ihrer tragenden Organisationen – ganz aktuell etwa bei den Bindungsverlusten von Parteien wie der CDU und der Krise korporativer Industriegiganten wie  VW.
Bei aller beanspruchten universellen Gültigkeit und trotz  ihren nachträglichen Aktualisierungen trägt Luhmanns Systemtheorie unverkennbar die Handschrift dieser Epoche. Ihre Erklärungskraft entfaltete sie  am besten vor diesem histor ischen Hintergrund. Systemtheorie ist ein mächtiges Werkzeug mit einer umfangreichen Wirkungsgeschichte – einen Alleingültigkeitsanspruch verdient sie deshalb nicht. Ihre Erklärungskraft muss sie gegenüber anderen Ansätzen behaupten, u.a. einer Prozesssoziologie, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht aus geschlossenen Funktionslogiken, sondern aus Interdependenzen und sich verschiebenden Machtbalancen heraus beschreibt.
Frank Witt hat dafür in der Debatte die treffende Formel gefunden: Soziologische Selbstanalyse müsse dafür sorgen, dass sie an andere Wissenschaften anschlussfähig bleibt und sich im Wettbewerb erklärungskräftiger Forschungsprogramme bewährt.
Das gilt ebenso für die Anwendung soziologischer Erklärungsmuster in journalistischen Texten: Auch sie müssen in erster Linie anschlussfähig bleiben – verständlich genug, um im jeweiligen Kontext zu tragen.

Gesellschaftliche Ordnung ist kein starrer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das ständig ausgehandelt wird. Gesellschaftliche Wirklichkeit ist vielschichtig, historisch pfadabhängig und durch Akteure, Technik sowie Machtstrukturen bestimmt. Soziologie ist keine Sozialphysik, sondern eine  offene Erfahrungswissenschaft, die einen Theorienpluralismus erfordert. 

Ohne Angst verschieden zu sein – dieser Satz von Adorno, den Nies und Lessenich  in ihrer Replik aufgreifen, gilt als Leitbild für Diversität – und kann ebenso für den Anspruch an das Gleichheitsversprechen demokratischer Gesellschaften stehen.

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Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  – Tom Levold: Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften. Systemag – Online-Journal für systemische Entwicklungen. 11.08.2026
Übersichten zur Debatte: Serdar Günes: . Die Krisen der Soziologie. Zu Links oder politisiert? Die Artikelsammlung zur Debatte. Anna  Henschel & Sabrina Schröder:   Soziolog*innen streiten über ihr Fach   –  Wissenschaftskommunikation.de.
*Thomas Schwinn: Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. 2. Auflage 2011 



Ist die Soziologie zu links? Eine irritierte Replik

Eine Replik auf eine Schlagzeile

Ist die Soziologie zu links? Wo Soziologen und Soziologie-Studierende hinschauen, sehen sie in der Gesellschaft Ungleichheit. Und die halten viele von ihnen grundsätzlich für schlecht. Unter diesem Titel veröffentlichte Die Zeit am 25.07. einen Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, beide Professoren an der Münchner LMU.

Titel und die prominente Platzierung haben mich irritiert – und die Irritation ist geblieben, als ich den Text gelesen hatte. Warum publiziert eine Wochenzeitung, die sich als ein Leitmedium versteht  und ein öffentlich sehr präsenter Soziologieprofessor diese Schlagzeile?

Der Text stützt sich auf ein grobes Deutungsschema, seine empirische Grundlage ist schwach. Was als eine aufsehenerregende Studie vorgestellt wird, ist der massenhafte Abgleich von Abstracts mit den Maßstäben einer Skala, die sich auf KI-generierte Typisierungen  stützt.
Weiter gibt es ein diffuses, leicht herablassendes Missbehagen an den eigenen Studierenden, das sich anscheinend bei einer anderswo dokumentierten Langzeitstudie zu Flüchtlingen herausgebildet hat: Mit Gleichheitsversprechen kann man jungen Leuten, die die Welt verbessern wollen, etwas anbieten, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht. Man hat so den Eindruck, dass den Autoren die Haltung der eigenen Studierenden öfters auf die Nerven geht.

Eine KI-Studie als Bezugsrahmen

Bezugsrahmen ist die Studie  The ideological orientation of academic social science research 1960–2024 von James Manzi, veröffentlicht im März dieses Jahres. Erklärtes Ziel dieser Studie ist es, eine langfristige ideologische Ausrichtung von Forschungsergebnissen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen abzuschätzen.
Datenbasis sind die auf der Plattform Open Alex zugänglichen Abstracts sozialwissenschaftlicher Studien in englischer Sprache, exakt 599.194. Eine derart gigantische Masse an Material lässt sich in vertretbarer Zeit nur maschinell  (mit KI) verarbeiten.
Die Abstracts entstammen auch nicht allein der Soziologie, sondern aus insgesamt 11 Disziplinen: Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Ökonomie, Ethnic Studies, Gender Studies, Politikwissenschaft, Psychologie, Public Administration, Public Health und Soziologie.

Die Breite spiegelt das speziell US-amerikanische Fächerspektrum, von denen Ethnic und Gender Studies per se mit identitätspolitischen Fragestellungen verbunden sind, (Kultur-) Anthropologie spielt eine weit grössere Rolle im Fächerkanon. Ökonomie und Psychologie sind auch in den USA eigenständige Fakultäten mit enormen gesellschaftlichen Einfluss.

Was heißt hier „links“?  – Progressiver Neoliberalismus 

Die von Manzi genutzte Skala von 0 (Far Right) bis 10 {Far Left) – erscheint nach Klick in voller Auflösung auf neuer Seite

In 180.311 der Abstracts wird von der KI eine Nähe zu politischen Positionen gemessen. 90% ordnet sie dem linken Spektrum zuLinks bedeutet hier links auf einer Skala (0 =  Far Right, 10 = Far Left), die von der KI  anhand von aktuellen (aus dem Jahre 2025) Positionen im U.S. political spectrum (vgl. abb.) – angelegt wurde – eine Messung von Ideologie auf dem Stand eines Jahres in dem der US-amerikanische Kulturkampf mit der Präsidentschaft Trump II einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Für jedes Fach wurde ein Durchschnittswert bestimmt. Bei der Soziologie liegt er bei 6,9 – was etwa der Verortung der New York Times, einem bürgerlich-liberalen Leitmedium, entspricht. Auf diesem einen Wert beruht letztlich die reisserische Schlagzeile Ist die Soziologie zu links

Ein Text von 1965 wird  an einer im Jahre 2025 fixierten Skala als ideologisch gemessen.  Rekonstruiert wird nicht, wie sich Autorinnen und Autoren historisch selbst verstanden hätten, sondern wie ihre Texte auf dieser heutigen US‑Skala wirken würden. Blickt man zurück, waren die 60er Jahre in den USA das entscheidende Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung. Gemessen am angesetzten Maßstab, war dies eine linke Bewegung.
Neben etwa Racial Justice und Gender/sexuality Research hat, so Manzi, wohl auch Forschung zum Klimawandel zum wachsenden Umfang  links kodierter Inhalte beigetragen.

Links im Sinne der Manzi-Studie meint fast ausschliesslich links in soziokulturellen, kaum in ökonomischen Fragen. Die erfasste Orientierung lässt sich daher eher dem Feld dessen zuordnen, was Nancy Fraser als progressiven Neoliberalismus beschrieben hat: eine Verbindung liberaler Hauptströmungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Umweltschutz, LGBTQ+-Rechte)  mit den dynamischsten Sektoren der US-Wirtschaft (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood)  verbindet ( vgl. Nancy Fraser, 2019). Ob sich etwa Silicon Valley heute, im Zeichen eines Cyberlibertarismus,  noch als soziokulturell progressiv bezeichnen lässt, ist mehr als zweifelhaft.
Nassehi & Saake übernehmen eine statistische Kennzahl aus einem völlig anderen Kontext und machen sie zum als Maßstab für eine steile Aussage, die die Wissenschaftlichkeit der eigenen  Disziplin anzweifelt. 

Soziologie und Gleichheit

Dass das Fach Soziologie innerhalb des Fächerkanons in einer eher linken, sich  progressiv verstehenden Tradition steht, entsprechende Studenten anzieht und sich dadurch neu rekrutiert, gilt als ein Allgemeinplatz. Entsprechendes lässt sich in anderer Weise über andere Fächer sagen. So interessieren sich angehende Juristen, neben den Berufsaussichten, eher für normative Ordnung, Institutionen und Recht; BWL-Studenten für Effizienz und Management.
Soziologie hat sich als Wissenschaft zu einer Zeit konstituiert, als gesellschaftliche Ordnung nicht mehr als (gott-) gegeben akzeptiert wurde.  Soziale Ungleichheiten wurden als sozial erzeugt analysiert, in der Folge  ihre Legitimation in Frage gestellt. Die Hinterfragung von Ungleichheit zählt seitdem zu den Kernkompetenzen des Faches.
Gleichheit ist keine normative Vorliebe der Soziologie, sie ist positives Verfassungsrecht, im deutschen Grundgesetz ebenso wie im 14. Verfassungszusatz der USA. Von einzelnen Gruppen musste sie oft erst in langen Auseinandersetzungen erkämpft werden.

Co- Autorin Irmhild Saake hatte im Juni (2026) am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst einen Vortrag mit dem Titel  Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus? Warum gesellschaftliche Unterschiede (manchmal) wichtig sind gehalten.
Eine legitime Akzentuierung – Saake verweist auf funktionale und temporäre Ungleichheiten, bzw. Asymmetrien, auf nötige Hinterfragungen, thematisiert diskriminierende Formen, wendet sich aber gegen einen aktivistischen Jargon. Ihre grundsätzliche Kritik gilt einem geradezu reflexhaften Umgang mit Ungleichheit in der Soziologie. Die Thematisierung von Ungleichheit müsse von der Schuldfrage gelöst werden.
Weniger folgen kann ich ihr etwa bei der Einstufung von Identität/Selbstbeschreibung – zwar ist Identität eine Ungleichheit, aber nicht im Sinne einer Machtasymmetrie. 

Wenn Lehrveranstaltungen scheitern

Der aktuelle Erfahrungshintergrund ist ein Seminar im Masterstudiengang, das an einer grundsätzlich abwehrenden Haltung der Studierenden gegenüber einer funktionalen Sichtweise auf Ungleichheit scheiterte – Wir kriegen sie einfach nicht dahin. Die funktionale Sicht der Lehrenden trifft auf die normative der Lernenden.
Es sind nicht die inhaltlichen Positionen, die mich irritieren, sondern die durchgehende Zeichnung der eigenen Studenten als einer naiven und ideologisch verblendeten Kohortesie verallgemeinern gerne, beliebtes Thema seien etwa Human-Animal Studies, ehe man sich versieht, reden sie nur noch darüber. In der Aufzeichnung lässt es sich nachverfolgen.

In den Kommentaren zum Vortrag finden sich dann Aussagen, die daran anschliessend,  gängige Narrative bedienen: Im Kern geht es doch darum, dass in den Sozialwissenschaften und im Journalismus Aktivisten tätig sind, die junge Menschen mit Pseudowissenschaft und Propaganda in einem Maß indoktrinieren, dass diese für ‘echtes’ soziologisches Wissen, Denken und Arbeiten teils überhaupt nicht und teils nur sehr schwer erreichbar sind.

Lehrveranstaltungen können scheitern. Lehrende mit Venia Legendi und Lernende im Hauptstudium sollten in der Lage sein, die Gründe dafür intern zu klären. Nassehi und Saake sprechen als Insider mit Deutungshoheit über das eigene Fach – und nutzen genau diese herausgehobene Stellung, die sie darin einnehmen, für eine öffentliche Diagnose.
Neben der methodisch fragwürdigen Manzi-Studie dient die Erfahrung mit den eigenen Studenten als (diffuser) zweiter empirischer Anker für die Schlagzeile. Die schmale empirische Basis trägt die provokante These der ZEIT-Schlagzeile nicht. Sie lieferte eher einen Anlass, ein offenbar länger gehegtes Ressentiment öffentlich wirksam zu präsentieren.

Die funktionale Perspektive

Worum es Nassehi und Saake im Kern geht, ist eine funktionale, gegenüber normativen Gleichheitsurteilen distanzierte Sicht auf Gesellschaft – eine systemtheoretisch geprägte Perspektive, die an den Funktionalismus von Talcott Parsons anschließt und bei Niklas Luhmann ihre heute dominierende Ausarbeitung gefunden hat. Gesellschaft erscheint dann weniger als ein einheitliches politisches Handlungsfeld denn als Zusammenhang verschiedener Funktionssysteme, die nach je eigenen Kriterien operieren.

In ihrer Rezension zu Triggerpunkte von Steffen Mau et al. formulieren Nassehi und Saake einen ähnlichen Gedanken: Die Soziologie dürfe sich nicht darauf beschränken, im Streit um ungleiche Positionen die Rolle einer normativen Anwältin zu übernehmen. Sie müsse auch untersuchen, nach welchen unterschiedlichen Kriterien gesellschaftliche Bereiche ihre Entscheidungen treffen.  Das ist in systemtheoretischer Perspektive legitim – problematisch wird es erst dort, wo dieser Ansatz zum einzig gültigen Maßstab erhoben wird.

Machtasymmetrien und gesellschaftliche Gestaltbarkeit

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, die immer wieder neu entsteht. Gesellschaftliche Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was  Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt. Die Systemtheorie sieht hier Funktionslogiken, die Moralkritik schafft eine Perspektive der Schuld, von Tätern und Opfern.
Selber spreche ich lieber von  Machtasymmetrien bzw. Machtbalancen. Macht ist relational, keine eindeutig vergebene Position, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge. Dieser Perspektivwechsel öffnet der Soziologie einen  Blick auf die Dynamik von  Konflikten und ihre gesellschaftliche Gestaltbarkeit. Wer ungleich behandelt wird, ist nicht in einer passiven Opferrolle gefangen, sondern Teil eines veränderbaren Beziehungsgefüges.

Ist die Soziologie zu links? – Warum hält die ZEIT gerade jetzt diese Frage für publizistisch relevant? Co-Chefredakteur Jochen Wegner meinte beim Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten – Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person.  Die ZEIT habe hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können. Knapp seien aber etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen. (vgl. Newsroom.de, 27.04.2026)

Es bleibt ein Verweis auf eine andere Replik zu demselben Text im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Stephan Lorenz.

 

Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  -.Über und unter der Oberfläche  -(Rez.:zu Triggerpunkte) –  Irmhild Saake: Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus?  15.06.2026 youtube Sighart Neckel:  Warum linke Einstellungen die Sozialwissenschaft nicht gefährden. FAZ . 9.07.2026. Jannis Koltermann: Die Sozialwissenschaft tickt links – das ist ein Problem FAZ 28.05.2026.  James Manzi: The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory &  Society 55, 25 (2026).  Nancy Fraser: ,The Old Is Dying and the New Cannot Be Born Verso Books, 2019  — Stephan Lorenz: Anmerkungen zum Beitrag „Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake.  SozBlog – Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) 3.08.2026



Technogenese – die digitale Revolution als Zivilisationsprozess

Die digitale Technogenese in frühen Jahren. Bild: unsplash+

Digitale Revolution – Technik  als Zeitgeschichte 

Die digitale Revolution kam nicht aus dem Nichts. Sie traf auf bereits veränderte kulturelle Dispositionen. Die komplette Kultur- und Zeitgeschichte des späten 20. und des laufenden 21. Jahrhunderts lässt sich nicht ohne die Geschichte der Digitalisierung erzählen – und Digitalisierung wiederum nicht ohne die kulturellen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen, die sie ermöglicht und geformt haben.

Techniken setzen sich nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen¹. Sie verbreiten sich nicht allein über technische Überlegenheit, sondern über ihre Anschlussfähigkeit. Sie setzen sich durch, weil sie an bereits vorhandene gesellschaftliche Dispositionen, Bedürfnisse oder Machtstrukturen anschliessen. Technik wird dann wirksam, wenn sie alltagspraktisch nützlich, sozial anschlussfähig und kulturell begehrenswert wird.
Die digitale Revolution war nie nur eine technische Angelegenheit. Sie verbreitete sich mit einem bestimmten kulturellen Habitus. Vernetzung, Flexibilisierung, permanente Innovation wurden zu Leitbildern einer neuen digitalen Kultur. Sie öffnete den frühen Anwendern ein Freiheitsfenster, bestehende Hierarchien und deren Gatekeeper zu umgehen. Genau diese wechselseitigen Prozesse der Formung von Technik und Gesellschaft sind gemeint, wenn im folgenden von Technogenese die Rede ist.

Von der Gegenkultur zum Machtzentrum

Zwischen den digitalen Utopien der Gegenkulturen und Silicon Valley als Machtzentrum gibt es mehr Kontinuität, als viele wahrhaben wollen. Ohne die kulturelle Ausstrahlungskraft (vgl: Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht) der Popular- und Subkulturen ist dessen Aufstieg nicht zu verstehen.
Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung².
Die neuen Möglichkeiten einer vernetzten Gesellschaft beflügelten mehrere Generationen, global. Sicher war es nicht allein das kulturelle Kapital,  aber ohne dieses wäre nicht in solchem Maße Venture Capital zugeflossen.  Ein Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung bildete sich heraus, das sich in der Folge zu einem neuen Machtpol verdichtete.

Spätestens als digitale Infrastrukturen so zentral wurden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen konnten, nach denen sich andere richten mussten, entstand eine neue Form struktureller Macht.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte heran. Heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem Grössenwahn. In diesem Klima schnell wachsender ökonomischer und struktureller Macht verbreiteten sich Ideologien,  die oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst werden.  Cyberlibertarismus kann als deren  Basis gesehen werden.

Was als emanzipatorisches Versprechen begann – mehr Demokratie, mehr Teilhabe, mehr Möglichkeiten  durch Vernetzung – ist heute in offene Konfrontation mit einer autoritären Modernisierung gekippt: Oligarchen, geopolitische Konkurrenz um KI-Infrastrukturen und die Instrumentalisierung digitaler Macht für nationale Machtprojektionen sind nicht mehr abstrakt, sondern Teil der politischen Gegenwart.

Soweit eine grobe Skizze zum Verlauf der digitalen Revolution – deren weiterer Verlauf noch offen ist. Revolution meint hier kein punktuelles Ereignis, sondern eine langfristige Umwälzung technologischer und gesellschaftlicher Grundlagen, ähnlich der industriellen Revolution. Dabei verändern sich Kommunikation, Öffentlichkeit, Vergemeinschaftung, Arbeit, Wissen und die Machtverhältnisse in komplexen Wechselwirkungen, nicht entlang einfacher Kausalitäten, oft als unerwartete Ergebnisse.
KI in Form der LLMs ist die bislang neueste Stufe dieser Entwicklung. Sie ist in den Alltag eingedrungen – und ihre Wirkung auf Machtkonzentration ist nicht mehr zu übersehen.

Selten zuvor wurden technologische Umwälzungen derart  verdichtet, die Geschwindigkeit digitaler Umformung so beschleunigt erlebt, wie jetzt. Debatten zu den Folgen und Wirkungen der Verbreitung von KI und generell dazu, welche Richtung, die Umwälzungen nehmen, werden derzeit auf vielen Ebenen geführt – bis hin zur päpstlichen Enzyklika Magnifica humanitas. 

Interdependenzen: Ko-Evolution von Mensch und Technik – wechselseitige Veränderung durch Nutzung und Anpassung.  Bild: unsplash+

Ko-Evolution – eine Debatte und ihre Ebenen

Mit dem Beitrag  Ko-Evolution von Mensch und KI von Klaus Burmeister begann Ende 2025 eine offene Debatte, auf die ich mich in mehreren Beiträgen in diesem Blog bezogen habe.
Ko-Evolution, die wechselseitige Veränderung von Mensch und Maschine, ist dabei die intuitive erste Beschreibung einer Erfahrung, die viele teilen. Wer regelmäßig mit Sprachmodellen arbeitet, verändert sich, seine Fragen, seine Denkroutinen, seine Erwartungen. Und die Technologie verändert sich durch ihre Nutzung (Klaus Burmeister). Ko-Evolution benennt die wechselseitige Veränderung ohne Determinismus  – genau das macht es zum produktiven Einstieg für Debatten, die sonst oft in Technikeuphorie oder Gefahrenbeschwörung enden.

Bemerkenswert an dieser Debatte ist die Verbindung verschiedener Beobachtungsebenen: die unmittelbare Erfahrung mit Sprachmodellen, als Außenbeobachtung und als Selbstversuch, die Frage nach gesellschaftlichen Wirkungsmechanismen und schließlich die längerfristige kultur- und gesellschaftstheoretische Einordnung. Genau diese Verbindung ist der Kern von Technogenese als Perspektive.
Ein erstes Ergebnis dieser Debatte ist die funktionale Sequenz synthetische Intermediaritätplausible Konfabulationkognitive Ratifikation eine Trias, die beschreibt, wie aus technischen Operationen gesellschaftlich wirksames Handeln wird.
Kognitive Ratifikation bedeutet nicht nur die unmittelbare Zustimmung zu KI-generierten Ergebnissen. Jedes automatisierte System, jeder Algorithmus und jeder Bot mit den jeweiligen Zielen, Regeln und Einsatzbereichen wurde irgendwann  von  menschlichen Entscheidern definiert, freigegeben oder akzeptiert. Selbst dort, wo technische Systeme scheinbar autonom operieren, beruht ihre gesellschaftliche Wirksamkeit auf vorhergehender menschlicher Ratifikation.

 Begriff und Konzept Technogenese

Den Begriff Technogenese hatte ich seit einigen Jahren immer wieder hervorgehoben (vgl. Technogenese – technische Innovation und gesellschaftlicher Wandel). Breitere Resonanz findet er allerdings erst jetzt im Kontext der aktuellen KI-Debatten. Der Begriff wirkt zunächst beinahe selbsterklärend und tatsächlich erschließt sich seine Grundidee oft intuitiv: Technik verändert Gesellschaft, Gesellschaft verändert Technik. Seine eigentliche analytische Stärke liegt jedoch darin, diese Wechselwirkungen nicht kausal als einzelne Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern als langfristige interdependente Prozesse zu beschreiben.

Der Begriff bzw. das Konzept Technogenese ist nicht neu. Woher der Begriff stammt und warum er passt, habe ich in einem früheren Beitrag ausgeführt:  von  Bernard Stieglers medientheoretischer Grundlegung zur kognitionswissenschaftlichen Weiterentwicklung bei Katherine Hayles  und der  Einbeziehung in das Forschungsprogramm  Netnographie bei  Robert Kozinets.
Hayles
beschreibt Technogenese als einen Prozess wechselseitiger Anpassung, als Technogenetic Spiral:   human cognitive adaptations to digital media create conditions for more sophisticated AI systems, which in turn generate new forms of human-machine coupling³. Hier wird deutlich, dass technische Entwicklung und menschliche Veränderung nicht getrennt voneinander verstanden werden können.

Die entscheidende Verschiebung in der hier verwendeten begrifflichen Fassung von Technogenese liegt in der Anlehnung an Norbert Elias’ Prozesssoziologie und die Konzepte der Sozio- und Psychogenese. Damit erschließt sich das volle gesellschaftsanalytische Potential, das über die medientheoretischen Ansätzen hinausgeht.
Technogenese verbindet so Ebenen, die sonst getrennt diskutiert werden:  Technik, Kultur, Gesellschaft, Macht, Habitus. Gespräche über KI, über Regulierung, Bildung,  Demokratie- generell mittel- bis langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen können so in einen gemeinsamen Rahmen gestellt werden.

Medienbruch und gesellschaftlicher Wandel 

Gunnar Sohn verwies, innerhalb der Debatte, auf den Medientheoretiker Friedrich Kittler. Von diesem stammt der Begriff von Technik als Diskontinuitätsmaschine. Früh hatte er darauf hingewiesen, dass technische Medien nicht nur Inhalte transportieren, sondern die Bedingungen von Wahrnehmung, Kommunikation und Wissen selbst strukturieren.
Technogenese knüpft daran an, erweitert die Perspektive jedoch um die langfristigen gesellschaftlichen und habituellen Veränderungsprozesse, die aus dieser Wechselwirkung hervorgehen. Daran ergeben sich Anschlussfragen. Warum setzen sich bestimmte Medien überhaupt durch? Warum in dieser gesellschaftlichen Form – und v.a. welche Wirkungen haben sie auf gesellschaftliche Strukturen, auf Institutionen, auf Alltag, Konsum und Erwerbsbiographien? Warum konnte sich z.B. das Metaverse nicht in dieser Form durchsetzen – verbreitet sich Virtual Reality aber über andere Wege?

Technogenese ist somit keine in sich geschlossene Theorie, sondern eine Perspektive – der Versuch, die wechselseitige Verflechtung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung mit ihren unerwarteten Effekten, Beschleunigungen und Brüchen sichtbar zu machen.
Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich oft zuerst in den Alltags- und Popularkulturen – lange Zeit war es Popmusik (heute nachlassend),  in der sich Trends früh abzeichneten, heute mehr digitale Formate von Games bis  instagram Reels. Es sind die Seismographen der digitalen Alltagskultur des  21. Jahrhundert.

Antrieb und Anspruch

Persönlich ist es mir seit langem ein Anliegen, eine prozesssoziologische Perspektive auf die gesellschaftlichen Dynamiken der letzten Jahrzehnte anzuwenden. Elias Analysen behandelten den historischen Zivilisationsprozess. Arbeiten, die methodisch daran anschliessen sind rar, die Informalisierungsthese von Cas Wouters ist zu nennen. Aber auch diese endet spätestens mit der Jahrtausendwende, genau dort, wo die Dynamik der digitalen Transformation beginnt, Gesellschaft grundlegend umzuformen. Diese Lücke zu schließen ist für mich der eigentliche Antrieb hinter dem Begriff Technogenese. Ambitioniert ausgedrückt: als Motor des Zivilisationsprozesses im 21.Jahrhunderts.

Dabei steht der Begriff nicht allein. Zahlreiche Arbeiten und Analysen sind anschlussfähig – von Manuel Castells‘ Netzwerkgesellschaft über die Consumer Culture Theory zu den medientheoretischen Ansätzen von Kittler und Hayles. Technogenese beansprucht nicht, diese Ansätze zu ersetzen, sondern sie prozesssoziologisch zu rahmen – als langfristige Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, die mehrere Ebenen gleichzeitig sichtbar macht. 

Welche Themen sich im weiteren anschließen, hängt auch von der Resonanz der laufenden Debatte ab – Technogenese ist ein offener Begriff, der sich im Gebrauch weiterentwickelt.

 

vgl. u.a.: ¹zitiert nach: Deutschlandfunk, Armin Nassehi: ‚Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 19.10.2019  ²Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. In: agora 42.  Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026.  ³ zitiert nach: Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future–  LinkedIn. 3.08.2025 —   Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.-   Klaus Burmeister: Das Beobachterproblem der Ko-Evolution. LinkedIn 16.05.2026  Gunnar Sohn: Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler. 25.04.2026  —  Interview mit Douglas RushkoffEinige Tech-Milliardäre sehen sich als höhere Spezies.  In: Surplus Magazin:. 28.03. 2025



Technogenese in der Diskussion – Ein Zwischenstand

Bild: unsplash+

Digitale Technologien verschieben unsere Wahrnehmung, den Zugang zu Wissen und Machtverhältnisse – als langfristiger gesellschaftlicher Prozess, der sich nur unzureichend mit etablierten analytischen Kategorien fassen lässt.

Die letzten beiden Texte Technogenese als Perspektive¹ und Ko-Evolution und Intermediarität² haben einige  bemerkenswerte Resonanzen, von medientheoretischen Zuspitzungen bis zu Fragen nach künftiger Gesellschaftsforschung,  ausgelöst, die die Diskussion  weiterführen und zugleich schärfen.

Ausgangspunkt war die von Klaus Burmeister (Zukunftsforscher bei D2030) seit November 2025  angestossene Debatte zur Ko-Evolution von Mensch und Maschine. Die gesamte Debatte lässt sich in mehreren Artikeln auf LinkedIn verfolgen. Der einfachste Zugang ist über den aktuellsten Artikel Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten. Ko-Evolution und fünf Notizen (04/26) – darüber sind die anderen Beiträge verlinkt.
Burmeister hatte u.a. auch das Leitbild einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung genannt: Weg von der klassischen Technikfolgenabschätzung, die Risiken im Nachhinein bewertet, hin zu einer Forschung, die als Navigator in ungewissen Zukünften dient. Das bedeutet eine offene Exploration von gesellschaftlichen Ordnungen, Praktiken und Verhandlungsräumen, die sich mit aufkommenden Technologien (z.B. KI, Plattformkapitalismus, Energieinfrastruktur) konstituieren – also nicht nur auf Folgen, sondern auf Ko‑Evolution von Technik und Gesellschaft.

Meine beiden Texte schliessen an die Debatte an –  der eine mit Blick auf die konkret erlebte Funktionsweise von KI, der andere mit einer Weiterführung zu einer langfristigen Perspektive mit einem Anschluss an die Prozesssoziologie von Norbert Elias. Technogenese fasst diese Perspektive begrifflich.

Für die Mikroebene der KI erweist sich der Begriff der Intermediarität als angemessen. Sprachmodelle rufen Wissen nicht einfach ab wie ein Archiv, und sie sind auch kein Werkzeug im klassischen Sinn. Sie fungieren als Vermittlungsinstanzen, die aus gespeicherten Daten kontextabhängige Synthesen erzeugen. Der Begriff des Konfabulationsraums macht deutlich: Ergebnisse sind nicht wahr, sondern plausibel – gesteuert durch die Eingaben der Nutzer und begrenzt durch das Modell.

Für die Funktionsweise von KI ergibt sich eine begriffliche Sequenz:
Intermediarität (Strukturprinzip: KI synthetisiert, statt abzurufen)→ plausible Konfabulation  (Operationsmodus: Ergebnisse sind plausibel, nicht wahr)→ kognitive Ratifikation (Gesellschaftliche Wirkung: Menschen übernehmen, ohne zu durchdringen)
Erst mit der kognitiven Ratifikation – also der sozialen Anerkennung und Übernahme eines erzielten Ergebnisses – wird aus einer technischen Operation gesellschaftlich wirksames Handeln.

Gunnar Sohn führt in seinem Text Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler die Arbeiten des Medientheoretikers Friedrich Kittler in die Diskussion ein.  Kittlers medientheoretische Arbeiten (Aufschreibesysteme 1800/1900, Grammophon, Film, Typewriter) markieren die radikale These, dass Aufschreibesysteme und Medientechnologien nicht nur Kommunikationswege bereitstellen, sondern Wahrnehmungsordnungen, Wissensformen und Machtverhältnisse mitkonstituieren. Technik ist die operative Grammatik dessen, was eine Gesellschaft speichern, übertragen, zählen, befehlen und erinnern kann.
Sohn kritisiert, dass Interdependenz zu harmonisch klinge; Mediengeschichte sei kein Gleichgewicht, sondern eine Folge technischer Zumutungen, die Speicherformen, Kanäle und Adressierungen radikal umstellen.
Interdependenz meint jedoch kein harmonisches Gleichgewicht, sondern – im Anschluss an Norbert Elias – ein Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten, in dem sich Machtverhältnisse ausbilden und verschieben. Macht ist hier ein Beziehungsbegriff: Machtbalancen entstehen überall dort, wo funktionale Abhängigkeiten, d.h. Interdependenzen zwischen Menschen bestehen – sie sind selten stabil, oft asymmetrisch und ständig in Bewegung. Interdependenz klingt nur dann harmonisch, wenn Macht ausgeblendet wird.

Kittlers Diagnosen sind für das Verständnis von Technogenese unverzichtbar, aber sie bilden kein prozesssoziologisches Modell. Sie markieren die medientechnischen Bedingungen des Sozialen – nicht dessen langfristige Entwicklungsdynamik.

Technogenese beschreibt nicht nur eine Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, sondern – wie Frank Witt (Autor Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft) ausführt – die technische Reorganisation gesellschaftlicher Kognition, Selektion und Koordination. Technik ist nicht extern, sondern verdichtete Sozialität. Gesellschaft lagert kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen aus – und verändert damit ihre eigene Ordnung. Maschinen „übernehmen“ Gesellschaft nicht, vielmehr externalisiert Gesellschaft aber immer mehr kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen und verändert damit ihre eigenen Strukturen.

Die wechselseitige Abhängigkeit technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ist keine neue Erkenntnis, sie  gehört zum Erfahrungsschatz der meisten Menschen.  Frühere Generationen erlebten technische Innovationen vor allem im Alltag der Lebensführung: Waschmaschine, Herd, Kühlschrank. Diese Technologien veränderten den Alltag tiefgreifend und setzten zahllose Möglichkeiten frei.
Der digitale Wandel setzte anders an. Zunächst betraf er die Medien. Mit dem Internet und später Social Media wurde Öffentlichkeit neu organisiert – Kommunikation, Sichtbarkeit und Teilhabe verschoben sich grundlegend.
Zunächst brachte der Wandel neue Freiheitsräume; lange Zeit herrschte die Ansicht vor, digitaler Fortschritt gehe notwendig mit mehr Demokratie und Beteiligung einher. Technische Innovationen können jedoch bestehende Machtsysteme ebenso unterhöhlen wie sie neue hervorbringen können.

Technogenese ist kein neuer Sammelbegriff für Technik-Sozial-Theorien, sondern ein Versuch, langfristige technosoziale Dynamiken  präzise zu beschreiben – das ist anschlussfähig an Elias’ Prozesslogik, darüber hinaus offen für unterschiedliche theoretische Zugänge.
Technologie verändert Interdependenzen, Habitus und Selbstmanagement, ohne statische Strukturen zu übersetzen.
Mit der gegenwärtigen Verbreitung von KI zeichnet sich eine weitere Verschiebung ab: der Zugang zu Wissen selbst wird zunehmend technisch vermittelt und strukturiert.
Genau hier setzt der Anspruch einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung an: nicht nachträglich zu bilanzieren, sondern Orientierung in offenen Zukünften zu ermöglichen.

Technogenese gewinnt ihr analytisches Potential damit, dass sie technische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht getrennt betrachtet, sondern als zusammenhängenden, langfristigen Prozess sichtbar macht – ohne diesen vorschnell zu schließen oder normativ festzulegen.

Der hier skizzierte Stand versteht sich ausdrücklich als Zwischenstand einer laufenden Diskussion. Er bündelt bereits erarbeitete Anschlussstellen und begriffliche Klärungen und markiert damit eine gemeinsame Ausgangsbasis. Auf dieser Grundlage kann die Debatte weitergeführt und erweitert werden – auch durch Perspektiven, die bislang nicht beteiligt waren. Entscheidend ist nicht die Schließung des Begriffs, sondern seine weitere Präzisierung im offenen Diskursfeld langfristiger technosozialer Dynamiken.

¹ und  ²: komplett sind es die beiden Titel Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität und Ko-Evolution und Intermediarität – Wie KI Wissen organisiert



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