Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität

Interdependenzen. Bild: unsplash+

In  vorhergehenden Beiträgen hatte ich den Begriff Technogenese propagiert. Gemeint ist die ko-evolutionäre Verbindung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung.

Die digitale Gegenwart ist geprägt von technischen Innovationen, deren gesellschaftliche Tragweite wir oft kaum verstehen. Neue Techniken lösen immer wieder Hypes aus und stossen Veränderungsdynamiken an. Plattformen strukturieren Arbeit, Kommunikation und Öffentlichkeit neu. KI verändert, wie Wissen organisiert wird. Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, Kredit, Zugänge. Virtual Reality verschiebt Grenzen zwischen physischen und digitalen Räumen.

Technogenese verstehe ich als langfristigen historischen Prozess, nicht als linearen Fortschrittsverlauf. Zugleich als eine Perspektive, die diesen Prozess überhaupt erst als zusammenhängendes Gefüge sichtbar macht.
Technogenese knüpft an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias an und erweitert ihre Sicht um die Dimension technischer Entwicklung als eigenständigen, aber nicht isolierten Faktor gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Analog zu Elias’ Konzepten der Sozio– und Psychogenese lässt sich Technogenese als Ausdruck wechselseitiger Abhängigkeiten – Interdependenzen – zwischen Technik, Gesellschaft und individuellen Handlungsformen verstehen.

Woher der Begriff kommt – und warum er passt

Zuerst verwendet wurde der Begriff Technogenese von dem Medientheoretiker Bernard Stiegler (2012). In Anlehnung an Anthropogenese beschreibt er Technik als konstitutiv für das Menschsein selbst. Menschliches Leben entsteht demnach nicht unabhängig von technischen und kulturellen Ausdifferenzierungen – etwa durch Werkzeuge, Schrift oder mediale Ordnungen. Technik prägt Individuation, Aufmerksamkeit, Kultur und Gesellschaft, diese wiederum produzieren neue Techniken.

In der medientheoretischen Diskussion wurde der Begriff unter anderem von Katherine Hayles weitergeführt. Sie versteht Technogenese als Ko-Evolution von menschlicher Kognition und technischen Systemen – the idea that humans and technics have coevolved together¹. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Formen des Denkens verändern sich im Zusammenspiel mit medialen Infrastrukturen. Technische Umwelten sind damit nicht nur Anpassungsbedingungen, sondern greifen direkt in kognitive Prozesse ein (2012).
Auch im Forschungsprogramms Netnographie wurde der Begriff seit 2015 von  Robert Kozinets aufgegriffen. Er nutzt Technogenese, um zu beschreiben, wie sich Menschen in dynamischen digitalen Umgebungen verändern – und wie umgekehrt diese Umgebungen durch Nutzung und kulturelle Praktiken geprägt werden. Technogenese fungiert hier als theoretischer Hintergrund für die Analyse dieser wechselseitigen Anpassungsprozesse.
Im deutschsprachigen Kontext tauchte der Begriff bislang eher sporadisch auf – meist als Anschlussbegriff in post- und transhumanistischen Diskussionen.

Technogenese und der Prozess der Zivilisation 

Technogenese -eine weitere Dimension des ZIvilisationsprozesses?

Sein volles gesellschaftsanalytisches Potential entfaltet Technogenese  erst im Anschluss an Norbert Elias Zivilisationstheorie. Erst in dieser Perspektive wird sie zu einem eigenständigen Analysebegriff, der über medientheoretische oder anthropologische Deutungen hinausgeht.
Elias beschrieb in im Prozess der Zivilisation langfristige Prozesse über Jahrhunderte – Affektkontrolle, Verhaltensstandards, Herrschaftsstrukturen. Dazu führte er die Begriffe Psychogenese (Wandel von Persönlichkeitsstrukturen) und Soziogenese (Wandel von Gesellschaftsstrukturen) ein. Seine Analysen sind brillant und sie wurden – mit etwas Verspätung – zu Klassikern der Soziologie. Die technische Dimension blieb jedoch weitgehend ausgeblendet.
Nicht weil Elias sie für unwichtig hielt, sondern weil sein Interesse den Affekt- und Verhaltensstrukturen galt. Er stützte sich auf Tischsitten und aufgezeichnete Verhaltensregeln, um Wandlungsprozesse zu beschreiben. Heute sind es eher Popularkulturen – Musik, Mode, Essen, Reisen, Konsumpräferenzen – an denen sich solche Prozesse beobachten lassen. Hier wird die Verschiebung der empirischen Grundlage sichtbar. Was bei Elias über kodifizierte Verhaltensnormen erschlossen wurde, zeigt sich heute in alltagskultureller Praxis.
Genau diese Lücke füllt Technogenese. Sie ergänzt Elias’ Konzepte um die materielle Dimension der Zivilisation. Als empirisch-soziologischer Begriff steht Technogenese für die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft – parallel zu Psycho- und Soziogenese.

Was diese Perspektive dauerhaft fruchtbar macht, ist die Verbindung von Habitus und gesellschaftlicher Struktur. Technogenese knüpft daran an: Nicht die Erklärung von Wachstum oder Fortschritt steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Elias’ – die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Was Technogenese sichtbar macht: Interdependenz statt Kausalität

Die Perspektive der Technogenese lässt sich an unterschiedlichen theoretischen und empirischen Beispielen  verdeutlichen.
Gunnar Sohn hat kürzlich in seinem Text Technik als Geschichte überraschender Wirkungen im Anschluss an Friedrich Kittler darauf hingewiesen, dass Technologien nie nur Werkzeuge sind, sondern immer auch Kräfte, die Wahrnehmung, Wissen und Gesellschaft neu ordnen. Sie erzeugen Seiteneffekte, Rückkopplungen, Verwerfungen.
So veränderte die Schreibmaschine nicht nur das Schreiben, sondern die soziale Ordnung des Büros. Die Telefonie überträgt nicht nur Stimmen, sondern reorganisiert Arbeit, Körper und Macht. Der Computer ist nicht einfach ein weiteres Medium, sondern ein Metamedium, das Text, Bild, Ton und Video in einem universellen Operationsraum zusammenführt.  Das ist Technogenese auf der Ebene der Medien, aber der Begriff schliesst  mehr ein.: Produktionsweisen, Infrastrukturen, algorithmische Systeme etc.

Dass technologische Entwicklung als zentraler Treiber langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen verstanden wird, ist in den letzten Jahren breit anschlussfähig geworden. Arbeiten wie The Journey of Humanity (Oded Galor) oder Power and Progress (Acemoglu/Johnson) beschreiben solche Dynamiken als langfristige Wechselwirkungen von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft.
Technogenese schließt daran an, ohne eine Fortschrittslogik zu übernehmen. Nicht die Erklärung von Wachstum steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Norbert Elias’ – also die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Technogenese bedeutet nicht, dass technische und gesellschaftliche Entwicklung kongruent verlaufen oder gemeinsam Fortschritt erzeugen. Sie beschreibt wechselseitige Formung – die auch in Krisen, Sackgassen oder Rück-Entwicklungen wie Re-Feudalisierung münden können.

Auch bei Niklas Luhmann finden sich anschlussfähige Überlegungen, wenn Technik als evolutionäre Errungenschaft² unter Bedingungen steigender Komplexität verstanden wird². Technik erscheint damit nicht als linearer Fortschritt, sondern als Ergebnis selektiver Bewährung. Zugleich warnt Luhmann vor totalisierenden Deutungen, die Gesellschaft insgesamt als technisch bestimmen.
Diese Perspektive ergänzt den Begriff der Technogenese um eine wichtige Einsicht: Technische Entwicklungen folgen keiner einheitlichen Logik, sondern entstehen in Prozessen differenzierter Anpassung und Abkopplung.

Technogenese als Perspektive 

Technogenese ist kein neuer Name für technischen Fortschritt. Der Begriff bezeichnet eine Perspektive, die technische Entwicklungen als Teil langfristiger, interdependenter Wandlungsprozesse – im Anschluss an Elias’ Zivilisationstheorie –  begreift. Elias sprach von Wandlungsprozessen – ein Begriff, der sich vom heute verbreiteten Transformationsbegriff durch seine stärkere Betonung langfristiger, ungeplanter Entwicklungen unterscheidet.
Der analytische Gewinn liegt darin, dass sie weder in technologische Determinismen noch in sozialkonstruktivistische Verkürzungen verfällt, sondern die wechselseitige/ interdependente Formung von Technik, Gesellschaft und menschlichem Habitus sichtbar macht.
Gerade unter den Bedingungen beschleunigter Innovationen lässt sich erkennen, dass technischer Wandel keine eindeutige Richtung hat, sondern ein offener, konflikthafter Prozess bleibt, dessen Verlauf und dessen Ergebnisse gesellschaftlich ausgehandelt werden.

Technischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt. Noch bis vor einem Jahrzehnt war diese Überzeugung verbreitet. Inzwischen ist dieses Fortschrittsverständnis  brüchig geworden.

vgl. u.a.: Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .¹Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.- Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future-  LinkedIn. 3.08.2025. Kozinets, Robert V.: Netnography Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015),  S. 49 ff – Netnography. The Essential Guide to Qualitative Social Media Research.. Third Edition 2020, S. 113 ff. —  ²Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap.  IX. Technik, S. 235 ff. Daron Acemoglu & Simon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity. 546 S. London, 223
Werner RammertTechnik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006


Ko-Evolution und Intermediarität – Wie KI Wissen organisiert

AI/ KI unter der Oberfläche. Bild: Unsplash+

KI/AI bleibt ein dominierendes Thema der Zeitgeschichte. Nicht mehr als spekulative Zukunftserzählung – die Durchdringung des Alltags und auch spektakuläre Anwendungen sind längst Realität.
Das Tempo und die Intensität, mit der sich KI verbreitet, macht eine Transformation von grundsätzlicher gesellschaftlicher Bedeutung mit Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche, wie auf die gesamte technische und kulturelle Zivilisation, deutlich.
KI verändert Prozesse, in denen wir denken, schreiben, arbeiten, publizieren und programmieren – die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht.

KI werde noch disruptiver als die industrielle Revolution meinte der US‑amerikanische Zeithistoriker Walter Russell Mead in einem Interview in der Zeit. Und dabei könne einiges schiefgehen. Mead befürchtet, dass die KI-Revolution Staatlichkeit, Bürokratie, Arbeitsmärkte und politische Stabilität erschüttert, bis hin zum Staat selbst.

Sozialisierte Maschinen – erste begriffliche Ansätze

Wie KI gesellschaftliche Praxis tatsächlich verändert – und mit welchen Begriffen sich diese Veränderung angemessen beschreiben lässt – ist damit allerdings längst nicht entschieden. Genau hier setzt die Frage nach einem geeigneten Erklärungsrahmen an.
Mit der Verbreitung von KI hat – naheliegend – auch die Forschung zu ihrer Wirkung zugenommen. Im Zentrum steht dabei meist die Organisation von Arbeit und die Verteilung von Macht. In der Arbeitsforschung wird KI etwa als Technik untersucht, die Tätigkeiten zerlegt, standardisiert, überwacht oder neu koordiniert, so in Verwaltung, Plattformarbeit oder Forschung. In den gesellschaftspolitischen Diskussionen steht die Konzentration von Infrastrukturmacht und Datenextraktion im Vordergrund – Themen, die auch in diesem Blog ausführlich behandelt wurden.

Was bislang fehlt sind überzeugende Begriffe, die die mit KI verbundenen Strukturtransformationen bündeln. Wahrscheinlich auch deshalb, weil bisher kein dezidiert soziologischer Begriff von KI vorliegt.
Was es gibt, sind erste Ansätze. So wird KI etwa als sozialisierte Maschine gefasst – ein Begriff, der unabhängig voneinander bei Fabian Anicker (Sozialisierte Maschinen. Zur gesellschaftlichen Funktion von Künstlicher Intelligenz) und bei Frank Witt (In: Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft)  auftaucht.
Anicker beschreibt, wie KI in kommunikative Erwartungen eingepasst wird – sie übernimmt Rollen, die zuvor Menschen innehatten, wird mit Erwartungen belegt und strukturiert soziale Abläufe.
Frank Witt nennt KI in seinem Buch Die Sozialisation von Maschinen eine Basistechnologie eines neuen, zweiten Maschinenzeitalters. An anderer Stelle spricht er von einer Umbildung der Kommunikationsordnung: KI ordnet zunehmend, was sichtbar wird, welche Entscheidungen vorbereitet werden und welche Deutungen anschlussfähig bleiben.
Beide verstehen KI als Teil sozialer Ordnungen, nicht als isolierte Technologie. Als Entität, die in soziale Praktiken eingebunden wird, funktionsnotwendiges implizites Wissen inkorporiert und menschliche Tätigkeiten strukturell ersetzt.

Ko-Evolution – Eine Auto-Ethnographie

Klaus Burmeister, Zukunftsforscher bei D 2030, hat seit November 25 auf LinkedIn eine Diskussion über eine Ko-Evolution von Mensch und KI angestossen. In einer Serie von fünf Texten, er nennt sie Notizen, zeichnet er auf, was sich als Auto-Ethnographie oder protokollierte Nutzungserfahrung eines Wissensarbeiters verstehen lässt.

Der Kipppunkt auf der Wippe – Mensch vs AI/KI.  Bildquelle: Unsplash+

Der Begriff Ko-Evolution war bewusst gewählt, um einen  längerfristigen, wechselseitigen Transformationsprozess zwischen Mensch und KI zu benennen, in dem sich beide Seiten verändern. Burmeister schreibt: Wer regelmäßig mit KI arbeitet, verändert sich — seine Fragen, seine Erwartungen, seine Denkroutinen. Und die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind weder rein menschlich noch rein maschinell. Es entsteht etwas Drittes.

Burmeisters Interesse gilt dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine. Im Kern geht es ihm um die Frage, wie sich menschliche Souveränität – das Recht, über das eigene Leben zu bestimmen – erhalten lässt, wenn Maschinen in immer mehr Bereichen schneller, umfassender und ausdauernder operieren als wir. Die Textreihe beginnt als Logbuch eines Selbstversuchs zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. 

Sein Buchprojekt trägt den Titel Nie ohne Grund – angelehnt an einen Dialog mit einer KI, die den Satz formulierte: Gegen dich – wenn’s sein muss. Aber nie ohne Grund. Für Burmeister wurde dieser Satz zum Ausgangspunkt der Frage: Wer entscheidet, ob die Gründe der Maschine ausreichen? Seine Haltung ist ein trotziges Dennoch – die Weigerung, den gemeinsamen Streit um Zukunft aufzugeben, auch wenn der Mensch kognitiv zunehmend  unter Druck gerät.

Seine Aufzeichnungen protokollieren eine erlebte Wirkung – und zugleich eine Projektion. Die Formulierung Die Maschine formulierte die Möglichkeit, gegen den Menschen zu handeln schreibt der KI eine Intentionalität zu, die sie nicht hat. Was Burmeister erlebt, ist die Konfabulation eines Sprachmodells, das auf seinen Input reagiert – nicht die Selbstbehauptung eines Akteurs. Das ist keine Kritik an der existenziellen Ernsthaftigkeit seiner Frage. Aber es ist eine begriffliche Präzisierung.
Die Maschine hat keinen Grund,  keinen Willen. und sie hat keine Perspektive als Erste Person. Der allbekannte Satz von Descartes Ich denke, also bin ich, markiert wohl am besten die menschliche Selbstermächtigung zu dieser Perspektive.

Technogenese – Ko-Evolution auf lange Sicht 

Was ich ausdrücklich teile, ist die Aufforderung zu einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung: Weg von der klassischen Technikfolgenabschätzung, die Risiken im Nachhinein bewertet, hin zu einer Forschung, die als Navigator in ungewissen Zukünften dient.

Ko-Evolution beschreibt etwas Reales: die erlebte, angepasste Benutzeroberfläche der KI. Wer täglich mit Claude, ChatGPT, Mistral oder anderen Systemen arbeitet, erfährt tatsächlich eine Form wechselseitiger Anpassung, Auf dieser Ebene kann die Sprachmaschine wie ein Dialogpartner wirken, gestützt auf gespeicherte Kontexte und Formen der Personalisierung, die sich in den einzelnen Modellen unterscheiden.
Was sich verändert, ist der Nutzer, der sein Verhalten und Vorgehen danach ausrichtet,  nicht das System.
Auf der Modellebene – dem eigentlichen KI-System – gilt: Hersteller berücksichtigen Kundenerfahrungen (RLHF*, Feedback-Schleifen), aber das ist klassische Produktentwicklung, keine Ko-Evolution.
KI passt sich nicht an Menschen an – sie wird von Menschen entwickelt. Von Unternehmen mit Geschäftsinteressen, wie  Anthropic, OpenAI oder Google. Mit dem Einsatz von Trainingsdaten, Designentscheidungen, auf der Grundlage  natürlicher Ressourcen, Treibstoff und menschlicher Arbeit, wie es Kate Crawford  im Atlas der KI (2021) eindrucksvoll beschrieben  hat.

Als stimmig sehe ich den Begriff der Ko-Evolution in langfristiger Perspektive, im Sinne des Konzepts der Technogenese. Gemeint ist damit die parallele Entwicklung, die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft.
Den Begriff Technogenese favorisiere ich seit langem, da er an Elias’ Zivilisationstheorie anschließt und deren Konzepte der Sozio- und Psychogenese um die materielle Dimension der Technik ergänzt. Gesellschaftliche Entwicklung lässt sich ohne diese Dimension nicht angemessen verstehen. Technische Zivilisation ist kein Begleitphänomen, sondern ein ko-evolutiver, strukturprägender Faktor.
Rückblickend erscheinen dann einzelne Stufen als Momentaufnahmen eines Zivilisationsprozesses, der in der Gegenwart weiterläuft und sich fortschreibt.

Intermediarität – Synthese statt Abruf

Anfang dieses Jahres hatte ich mich mit dem Blogpost KI als Intermediär – Plausible Konfabulation in die Diskussion eingebracht. Dabei eine Sichtweise entwickelt, die KI als eine Vermittlungsinstanz begreift, die synthetisiertes Wissen hervorbringt.
Intermediarität ist – vorerst – der Begriff, der mir am präzisesten erscheint, um zu beschreiben, wie KI Wissen organisiert. Als Medienintermediäre kennen wir Plattformen und Suchmaschinen des Social Web, wie Instagram, Youtube, Google. Sie erstellen keine eigenen Inhalte, sondern aggregieren, selektieren und empfehlen fremde Inhalte über Algorithmen, Feeds oder Suchergebnisse.

KI ruft Wissen nicht ab, sondern synthetisiert aus gesammelten Daten. Bild: Logan Voss – Unsplash+

KI als Intermediär unterscheidet sich von diesen darin, dass KI Wissen nicht aus Archiven abruft, sondern  aus gespeicherten Daten neu (singulär) synthetisiert.
KI-Modelle sind nicht die Urheber des Wissens, das sie ausgeben, sie erzeugen jeweils kontextabhängige Synthesen auf Basis vorhandener Datenbestände. Die Maschine produziert in einem Konfabulations-raum, einen Möglichkeitsraum plausibler, aber nicht notwendig zutreffender Aussagen, der durch die Eingaben gesteuert wird. Sie synthetisiert; die Entscheidung über Relevanz bleibt beim Menschen. Das ist nicht trivial,  es ist die Bedingung der Möglichkeit sinnvoller Nutzung.
Aus Massendaten werden situativ zugeschnittene Angebote mit entsprechenden Deutungs- und Anschlussmöglichkeiten. Ob daraus kognitiver Reichtum oder kognitive Verarmung  entsteht, ist keine technische, sondern eine kulturelle Frage.

Diese Intermediarität ist die beobachtbare Mikro‑Ebene, auf der wir mit KI interagieren. Als Nutzer lernen wir, jeweils funktionale Vorgehensweisen zu entwickeln. Die Frage, ob KI als Werkzeug bezeichnet werden kann, bleibt dabei ambivalent. Sie ist kein Werkzeug im Sinne eines Hammers, aber auch kein Instrument, das sich einfach über Knöpfe bedienen lässt. Eher handelt es sich um ein System, für das Nutzer Vorgehensweisen, Taktiken und ein spezifisches Gespür entwickeln müssen, um verlässliche Ergebnisse zu erzielen. Die Maschine kann dabei wie ein Gegenüber wirken, liefert jedoch nur dessen Simulation.

Was die Maschine leistet, ist die Synthese bzw. die Extraktion von Wissen aus einem vorhandenen Bestand. Sie erzeugt kontextabhängige Ergebnisse, die wie ihre Gedanken erscheinen, ohne dass sie selbst deren Urheber ist.
Sie gibt singuläre Ergebnisse aus, was nicht ausschließt, dass standardisierte Abfragen in standardisierten Kontexten auch standardisierte Resultate hervorbringen.
Technogenese
 ist der makro‑historische Rahmen, der diese Verschiebungen in eine längerfristige Entwicklung von Zivilisation, Medienumgebungen und Arbeitsformen einordnet.

Der Prozess der Digitalisierung,  mit ihm die Diffusion von KI,  erweist sich nicht als eingleisiger Pfad eines demokratischen Digitalen Fortschritts.
Es zeichnet sich ein konflikthaftes Feld ab. KI verändert nicht nur die Organisation von Wissen, sondern verschiebt auch die Bedingungen, unter denen gesellschaftliche Ordnung entsteht. Fragen von Macht, Ungleichheit und demokratischer Kontrolle stellen sich neu.
Technogenese ist kein linearer Fortschrittsprozess, sondern eine ungleichzeitige, spannungsreiche Entwicklung.

 

vgl.: Klaus Burmeister: Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten Ko-Evolution und fünf Notizen.- Eine Zwischenbilanz.  LinkedIn 12.04.2026 – Interview mit Walter Russell Mead KI wird noch disruptiver als die i trielle Revolution“. Die Zeit 18.03.2026. Frank H. Witt: Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft-UVK Verlag , 220 S. ,April  2025. Fabian Anicker: Sozialisierte Maschinen. Zur gesellschaftlichen Funktion von Künstlicher Intelligenz. Zeitschrift für Theoretische Soziologie 1/2023; S. 79-105  – Kelly Joyce, Taylor M. Cruz & al.: A Sociology of Artificial Intelligence: Inequalities, Power, and Data Justice  3.09.2024;  Im Blog: KI als Intermediär – Plausible Konfabulation  (01/26) ; Die Sozialisation von Maschinen – Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft . (Rez.zu Frank Witt – 04/25). – 

*RLHF (Reinforcement Learning from Human Feedback) bezeichnet ein Verfahren, bei dem KI-Modelle mithilfe menschlicher Bewertungen an gewünschte Antworten und Verhaltensweisen angepasst werden.



Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Macht Radfahren glücklich?

manchmal fühlt sich Radfahren an wie Fliegen … (eigenes Bild)

Wenn das Gehen die ursprünglichste Fortbewegung ist – dann bedeutet das Radfahren die ergiebigste Erweiterung des Bewegungsspielraums mit demselben Einsatz von Muskelkraft. Radfahren ist vieles: Mobilität, Sport und Training, aber auch Straßenverkehr, Konsum, eine Branche, im besten Falle ein Flow im runden Tritt.
Lange galt Radfahren als Nische, etwas für diejenigen, die sich kein Auto leisten konnten, zu jung oder zu alt dafür waren.  Ansonsten etwas für Freizeit und Naherholung, sportlich oder gemütlich, Rennmaschine oder bequemes Tourenrad – als Verkehrsmittel aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon gar nicht für den Eindruck beim professionellen Auftritt.

Die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich wurde das Fahrrad aufgewertet, in der Nutzung, wie im Status.  Als Standard von Mobilität gilt  immer noch das Auto, wenn auch verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland war das Auto mit Verbrennungsmotor identitätsstiftend – und ist es wohl immer noch. Made in Germany steht  für eine Kultur des Funktionierens, Beleg für Ingenieurskunst und war jahrzehntelang Exportschlager.

Das Auto und insbes. der Verbrenner ist eingebettet in Infrastrukturen und Nutzungskontexte, die über Jahrzehnte gewachsen sind und in die genauso lange  investiert wurde: Autobahnen und der Umbau von Städten, die Netze von Tankstellen und Werkstätten, das Dienstwagenprivileg und die Pendlerpauschale. Die richtige Marke ist immer noch als Statussymbol die Nummer Eins auf dem Firmenparkplatz.
Autofahren ist heute reglementierter als jemals zuvor. Kein Wunder, von den 60er bis in die 90er Jahre hatte sich der Bestand vervielfacht (von 4,5 Mill 1960 bis 30,7 Mill. 1990 in der alten BRD, seitdem nur leicht steigend), damit auch die beanspruchte Verkehrsfläche.
Der emotionale (Singularitäts-) Wert von Modellen hat nachgelassen. Die Designs sind gleichförmiger, bestimmt von Sicherheitsauflagen und Effizienzoptimierung.  Die Zeiten, als das Auto für Freiheit stand – on the road, Roadmovies, die Geschichten, die darin und damit erlebt wurden – sind vorbei.
Der Raum- und Ressourcenbedarf des Autoverkehrs, die schiere Masse der Automobile ist zum Problem geworden. 

In Großstädten fühlte sich Radfahren lange Zeit wie zwischen Guerilla und Graswurzel an: an die Ränder gedrängt, vom dominierenden System mehr als Störung denn als Alternative gesehen.
Als ernstzunehmende Form von Mobilität wurde bzw. wird das Fahrrad erst mit den Diskussionen zur Mobilitätswende entdeckt – als Bestandteil von Konzepten, die Formen von E- Mobilität, ÖPNV, etc. miteinander integrieren. Das Fahrrad verursacht keine gravierenden Umwelt- und Klimaschäden, braucht wenig Platz, dient der Gesundheit, kostet relativ wenig, für die Fahrer*innen wie für die Bereitstellung der Infrastruktur. Im engeren Radius von bis zu 10 km die oft schnellste Verbindung.
Radfahren ist nicht länger eine Nische, sondern ein wesentliches Element urbaner Erneuerung. Kein Konzept zur urbanen Erneuerung kommt mittlerweile ohne das Fahrrad aus. Es geht um eine Umverteilung des urbanen Raumes. Allerdings gibt es auch erhebliche Widerstände dagegen.

Christian Stegbauer, Soziologe in Frankfurt, hat  ein Buch zur Soziologie des Radfahrens  geschrieben: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel,  mit einem Vorwort von Roland Girtler, dem Doyen der deutschsprachigen Ethnographie.
Der Untertitel Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone spricht an, was das Fahrrad für seine Nutzer sein kann, steht für die ethnographische Ausrichtung des Buches, das die Dimensionen von Nutzung und Wirkung soziologisch ausleuchtet.
Soziologie aus dem Sattel enthält fast alles, was sich zum Radfahren und den zugehörigen Erlebnissen sagen lässt, es liest sich gut, die Inhalte sind stimmig aufgebaut. Ich wollte eine Rezension schreiben, aber es wäre eine Inhaltsangabe geworden. Stattdessen habe ich einzelne Gedanken aufgegriffen und mit eigenen Eindrücken und Überlegungen verbunden. 

Es beginnt mit der Kernkompetenz des Radfahrens, sich selbst auszubalancieren, ohne dabei umzufallen. Eine körperliche Erfahrung, die Basis ist für ein individuelles Fahrgefühl  und den beschriebenen Flow, den runden Tritt. 
Auf den Verkehr zu achten gilt für alle, die daran teilnehmen, für Autofahrer,  Radfahrer wie Fussgänger.  Sie sind aber Gefahren in unterschiedlicher Weise ausgesetzt – Autofahrer sitzen in einer geschützten Kapsel, viele Risiken werden durch Karosserie,  Airbags und Assistenzsysteme abgefedert.
Radfahrer sind Gefahren unmittelbarer ausgesetzt. Wahrscheinliche Fehler anderer Verkehrsteilnehmer müssen frühzeitig erkannt werden, jede Fehlwahrnehmung hat direkte körperliche Folgen. Geübte Radfahrer entwickeln einen Sinn dafür, das Verhalten anderer vorauszusehen. 

Zwischen Auto und Fahrrad gibt es keine Augenhöhe, Masse und Geschwindigkeit liegen zu weit auseinander. So prallen oft zwei Logiken aufeinander.  Der motorisierte Verkehr folgt möglichst klaren, formalen Regeln, Radfahrer orientieren sich dagegen oft situativ. Das bringt den Ruf ein, opportunistisch zu handeln – wie es gerade passt. Dem liegt die Maxime des  Selbstschutzes zu Grunde. Dem Ideal eines gegenseitigen Mitdenkens auf Augenhöhe steht die physische Realität entgegen, in der die Verwundbarkeit des einen auf die Masse des anderen trifft.

Radfahrer teilen Erfahrungen als Verkehrsteilnehmer, aber sie sind keine homogene Gruppe. Wer heute Radfahrer ist, kann morgen Autofahrer sein, Fussgänger sowieso.
Vergemeinschaftungen bilden sich am ehesten  in den sportlichen Varianten, Stegbauer nennt sie Mikrokulturen, anderswo werden sie als Tribes beschrieben. Es geht um geteilte Begeisterung und Leidenschaft, die mit  zeitlichem und finanziellem Einsatz und mit sportlichem Ehrgeiz verbunden sind.
Auffällig verbreitet sind fast schon klischeehafte Bilder und Konsummuster, die mit dem Fahrrad verbunden sind. Neben sportlichem Ehrgeiz steht das Rennrad oft für einen Hip Consumerism. Das Trio Rennrad, Siebträgermaschine und aufgeklapptes MacBook steht geradezu iconisch für einen Konsum- und Lebensstil, der Agilität und Kreativität für sich beansprucht.
Lastenräder stehen für eine neue Form von Familiarität – ein Gegenmodell zum SUV.  Es ist ein Statement, denn hier übernimmt das Rad Funktionen, die es vorher nicht hatte.
E- Bikes gibt es in vielen Varianten, von dezenter Erweiterung bis zu wuchtigen Modellen, die eher als Kleinkrafträder anzusehen sind. Fährt man auf touristisch attraktiven Radstrecken in Deutschland, sind die E-Bike Rentner  kein Klischee. Bevorzugt werden die wuchtigen Modelle, komplett mit Helm und Sicherheitsweste.

Was von den Eindrücken ist allgemeingültig, was eher persönlich?  Gelernt habe ich das Radfahren als Fünfjähriger auf einem alten Damenrad, wo der Sattel zu hoch war, um darauf sitzen zu können. Ohne viele Vorübungen, schneller als ich das Schwimmen lernte oder das Klettern in den Kirschbaum. Ein eigenes Rad kam erst später, als der Schulweg weiter wurde.
Das Fahrrad war immer selbstverständlich in der Gegend nördlich des Ruhrgebietes, zwischen Münsterland und Niederrhein; eine überraschend weiträumige Landschaft, durchzogen von Pättkes (befahrbare Feld- und Wirtschaftswege).
Selber habe ich nie wirklich zur Autogesellschaft gehört. Bis auf einen alten VW- Käfer, eine 2 – monatige USA- Durchquerung und etliche Umzugswagen war ich selten aktiv dabei. Langstrecken mit viel Landschaft habe ich genossen, so wie selbsterlebte Road Movies.

Die besten und die schlechtesten Erfahrungen? Nichts geht über Abfahrten 😉  die Belohnung nach der Anstrengung, grandios die vom Engadin in der    Schweiz herunter zum Comer See, vom alpinen ins mediterrane,  1.500 m herunter in einem Stück. Mit kurzer Anreise aber auch vom Hohen Venn herunter oder im Westerwald. Landschaftserfahrung mit dem Rad ist intensiver, sicher anstrengender – es kommt aber auf die Distanzen an.  
Negativ: der Dooring- Unfall auf dem Heimweg. Nicht vom parkenden Auto, sondern vom Taxi, das den Fahrgast in der zweiten Reihe aussteigen liess. Gebremst in der letzten Sekunde, Aufprall mit dem Knie auf der Strasse,  statt in die geöffnete Tür,  Kreuzbandriss. Ohne das Bremsen in letzter Sekunde wäre ich mit  Kopf und Oberkörper in die Tür gestürzt, mit anderen Verletzungen. Der Fahrgast ist übrigens über mich hinweg gestiegen.

Macht Radfahren denn nun glücklich? Ein entspannter Straßenverkehr würde schon einmal helfen. Radfahren lässt Endorphine wirken, frische Luft und Bewegung sind immer gut 😉 Aber es geht um mehr als persönliches Wohlbefinden. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Rad- und Autofahrern, sondern zwischen der Verkehrslogik der vergangenen Dekaden  und den neuen Mobilitätsformen. Die laufende Diskussion zum Verbrenner-Aus macht deutlich, wie weitreichend der Wandel ist. Das Fahrrad hat Grenzen in der Reichweite, es ist nicht die Lösung, sondern ein relativ einfach umzusetzender Teil davon. 

Christian Stegbauer: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel. Das Fahrrad als Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone.2025 . Ulrich Syberg, Melissa Gomez & Saskia Ellenbeck: Der Hidden Champion – oder wie der Radverkehr vom Nischenthema zum Problemlöser wird. In: Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte. 2021



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