Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Macht Radfahren glücklich?

manchmal fühlt sich Radfahren an wie Fliegen … (eigenes Bild)

Wenn das Gehen die ursprünglichste Fortbewegung ist – dann bedeutet das Radfahren die ergiebigste Erweiterung des Bewegungsspielraums mit demselben Einsatz von Muskelkraft. Radfahren ist vieles: Mobilität, Sport und Training, aber auch Straßenverkehr, Konsum, eine Branche, im besten Falle ein Flow im runden Tritt.
Lange galt Radfahren als Nische, etwas für diejenigen, die sich kein Auto leisten konnten, zu jung oder zu alt dafür waren.  Ansonsten etwas für Freizeit und Naherholung, sportlich oder gemütlich, Rennmaschine oder bequemes Tourenrad – als Verkehrsmittel aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon gar nicht für den Eindruck beim professionellen Auftritt.

Die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich wurde das Fahrrad aufgewertet, in der Nutzung, wie im Status.  Als Standard von Mobilität gilt  immer noch das Auto, wenn auch verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland war das Auto mit Verbrennungsmotor identitätsstiftend – und ist es wohl immer noch. Made in Germany steht  für eine Kultur des Funktionierens, Beleg für Ingenieurskunst und war jahrzehntelang Exportschlager.

Das Auto und insbes. der Verbrenner ist eingebettet in Infrastrukturen und Nutzungskontexte, die über Jahrzehnte gewachsen sind und in die genauso lange  investiert wurde: Autobahnen und der Umbau von Städten, die Netze von Tankstellen und Werkstätten, das Dienstwagenprivileg und die Pendlerpauschale. Die richtige Marke ist immer noch als Statussymbol die Nummer Eins auf dem Firmenparkplatz.
Autofahren ist heute reglementierter als jemals zuvor. Kein Wunder, von den 60er bis in die 90er Jahre hatte sich der Bestand vervielfacht (von 4,5 Mill 1960 bis 30,7 Mill. 1990 in der alten BRD, seitdem nur leicht steigend), damit auch die beanspruchte Verkehrsfläche.
Der emotionale (Singularitäts-) Wert von Modellen hat nachgelassen. Die Designs sind gleichförmiger, bestimmt von Sicherheitsauflagen und Effizienzoptimierung.  Die Zeiten, als das Auto für Freiheit stand – on the road, Roadmovies, die Geschichten, die darin und damit erlebt wurden – sind vorbei.
Der Raum- und Ressourcenbedarf des Autoverkehrs, die schiere Masse der Automobile ist zum Problem geworden. 

In Großstädten fühlte sich Radfahren lange Zeit wie zwischen Guerilla und Graswurzel an: an die Ränder gedrängt, vom dominierenden System mehr als Störung denn als Alternative gesehen.
Als ernstzunehmende Form von Mobilität wurde bzw. wird das Fahrrad erst mit den Diskussionen zur Mobilitätswende entdeckt – als Bestandteil von Konzepten, die Formen von E- Mobilität, ÖPNV, etc. miteinander integrieren. Das Fahrrad verursacht keine gravierenden Umwelt- und Klimaschäden, braucht wenig Platz, dient der Gesundheit, kostet relativ wenig, für die Fahrer*innen wie für die Bereitstellung der Infrastruktur. Im engeren Radius von bis zu 10 km die oft schnellste Verbindung.
Radfahren ist nicht länger eine Nische, sondern ein wesentliches Element urbaner Erneuerung. Kein Konzept zur urbanen Erneuerung kommt mittlerweile ohne das Fahrrad aus. Es geht um eine Umverteilung des urbanen Raumes. Allerdings gibt es auch erhebliche Widerstände dagegen.

Christian Stegbauer, Soziologe in Frankfurt, hat  ein Buch zur Soziologie des Radfahrens  geschrieben: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel,  mit einem Vorwort von Roland Girtler, dem Doyen der deutschsprachigen Ethnographie.
Der Untertitel Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone spricht an, was das Fahrrad für seine Nutzer sein kann, steht für die ethnographische Ausrichtung des Buches, das die Dimensionen von Nutzung und Wirkung soziologisch ausleuchtet.
Soziologie aus dem Sattel enthält fast alles, was sich zum Radfahren und den zugehörigen Erlebnissen sagen lässt, es liest sich gut, die Inhalte sind stimmig aufgebaut. Ich wollte eine Rezension schreiben, aber es wäre eine Inhaltsangabe geworden. Stattdessen habe ich einzelne Gedanken aufgegriffen und mit eigenen Eindrücken und Überlegungen verbunden. 

Es beginnt mit der Kernkompetenz des Radfahrens, sich selbst auszubalancieren, ohne dabei umzufallen. Eine körperliche Erfahrung, die Basis ist für ein individuelles Fahrgefühl  und den beschriebenen Flow, den runden Tritt. 
Auf den Verkehr zu achten gilt für alle, die daran teilnehmen, für Autofahrer,  Radfahrer wie Fussgänger.  Sie sind aber Gefahren in unterschiedlicher Weise ausgesetzt – Autofahrer sitzen in einer geschützten Kapsel, viele Risiken werden durch Karosserie,  Airbags und Assistenzsysteme abgefedert.
Radfahrer sind Gefahren unmittelbarer ausgesetzt. Wahrscheinliche Fehler anderer Verkehrsteilnehmer müssen frühzeitig erkannt werden, jede Fehlwahrnehmung hat direkte körperliche Folgen. Geübte Radfahrer entwickeln einen Sinn dafür, das Verhalten anderer vorauszusehen. 

Zwischen Auto und Fahrrad gibt es keine Augenhöhe, Masse und Geschwindigkeit liegen zu weit auseinander. So prallen oft zwei Logiken aufeinander.  Der motorisierte Verkehr folgt möglichst klaren, formalen Regeln, Radfahrer orientieren sich dagegen oft situativ. Das bringt den Ruf ein, opportunistisch zu handeln – wie es gerade passt. Dem liegt die Maxime des  Selbstschutzes zu Grunde. Dem Ideal eines gegenseitigen Mitdenkens auf Augenhöhe steht die physische Realität entgegen, in der die Verwundbarkeit des einen auf die Masse des anderen trifft.

Radfahrer teilen Erfahrungen als Verkehrsteilnehmer, aber sie sind keine homogene Gruppe. Wer heute Radfahrer ist, kann morgen Autofahrer sein, Fussgänger sowieso.
Vergemeinschaftungen bilden sich am ehesten  in den sportlichen Varianten, Stegbauer nennt sie Mikrokulturen, anderswo werden sie als Tribes beschrieben. Es geht um geteilte Begeisterung und Leidenschaft, die mit  zeitlichem und finanziellem Einsatz und mit sportlichem Ehrgeiz verbunden sind.
Auffällig verbreitet sind fast schon klischeehafte Bilder und Konsummuster, die mit dem Fahrrad verbunden sind. Neben sportlichem Ehrgeiz steht das Rennrad oft für einen Hip Consumerism. Das Trio Rennrad, Siebträgermaschine und aufgeklapptes MacBook steht geradezu iconisch für einen Konsum- und Lebensstil, der Agilität und Kreativität für sich beansprucht.
Lastenräder stehen für eine neue Form von Familiarität – ein Gegenmodell zum SUV.  Es ist ein Statement, denn hier übernimmt das Rad Funktionen, die es vorher nicht hatte.
E- Bikes gibt es in vielen Varianten, von dezenter Erweiterung bis zu wuchtigen Modellen, die eher als Kleinkrafträder anzusehen sind. Fährt man auf touristisch attraktiven Radstrecken in Deutschland, sind die E-Bike Rentner  kein Klischee. Bevorzugt werden die wuchtigen Modelle, komplett mit Helm und Sicherheitsweste.

Was von den Eindrücken ist allgemeingültig, was eher persönlich?  Gelernt habe ich das Radfahren als Fünfjähriger auf einem alten Damenrad, wo der Sattel zu hoch war, um darauf sitzen zu können. Ohne viele Vorübungen, schneller als ich das Schwimmen lernte oder das Klettern in den Kirschbaum. Ein eigenes Rad kam erst später, als der Schulweg weiter wurde.
Das Fahrrad war immer selbstverständlich in der Gegend nördlich des Ruhrgebietes, zwischen Münsterland und Niederrhein; eine überraschend weiträumige Landschaft, durchzogen von Pättkes (befahrbare Feld- und Wirtschaftswege).
Selber habe ich nie wirklich zur Autogesellschaft gehört. Bis auf einen alten VW- Käfer, eine 2 – monatige USA- Durchquerung und etliche Umzugswagen war ich selten aktiv dabei. Langstrecken mit viel Landschaft habe ich genossen, so wie selbsterlebte Road Movies.

Die besten und die schlechtesten Erfahrungen? Nichts geht über Abfahrten 😉  die Belohnung nach der Anstrengung, grandios die vom Engadin in der    Schweiz herunter zum Comer See, vom alpinen ins mediterrane,  1.500 m herunter in einem Stück. Mit kurzer Anreise aber auch vom Hohen Venn herunter oder im Westerwald. Landschaftserfahrung mit dem Rad ist intensiver, sicher anstrengender – es kommt aber auf die Distanzen an.  
Negativ: der Dooring- Unfall auf dem Heimweg. Nicht vom parkenden Auto, sondern vom Taxi, das den Fahrgast in der zweiten Reihe aussteigen liess. Gebremst in der letzten Sekunde, Aufprall mit dem Knie auf der Strasse,  statt in die geöffnete Tür,  Kreuzbandriss. Ohne das Bremsen in letzter Sekunde wäre ich mit  Kopf und Oberkörper in die Tür gestürzt, mit anderen Verletzungen. Der Fahrgast ist übrigens über mich hinweg gestiegen.

Macht Radfahren denn nun glücklich? Ein entspannter Straßenverkehr würde schon einmal helfen. Radfahren lässt Endorphine wirken, frische Luft und Bewegung sind immer gut 😉 Aber es geht um mehr als persönliches Wohlbefinden. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Rad- und Autofahrern, sondern zwischen der Verkehrslogik der vergangenen Dekaden  und den neuen Mobilitätsformen. Die laufende Diskussion zum Verbrenner-Aus macht deutlich, wie weitreichend der Wandel ist. Das Fahrrad hat Grenzen in der Reichweite, es ist nicht die Lösung, sondern ein relativ einfach umzusetzender Teil davon. 

Christian Stegbauer: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel. Das Fahrrad als Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone.2025 . Ulrich Syberg, Melissa Gomez & Saskia Ellenbeck: Der Hidden Champion – oder wie der Radverkehr vom Nischenthema zum Problemlöser wird. In: Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte. 2021



Fünfzehn Jahre Blog – Digitaler Wandel als Zeitgeschichte

Durchblick – Bild: unsplash +

Fünfzehn Jahre sind ein Abschnitt der Zeitgeschichte. Solange betreibe ich jetzt diesen Blog – mittlerweile sind es knapp 200 Beiträge. Startpunkt war das Netnocamp bei der IHK Köln im September 2010.
Vorausgegangen war eine mit  Dreamweaver erstellte Website,  noch im Tabellen- Layout,  einige ältere  Texte (hier zu lesen) von dort habe ich übernommen .
Blogs waren einmal ein Kernstück der neuen digitalen Öffentlichkeit, man sprach von einer Netzkultur, bevor Social Media Plattformen diese Öffentlichkeiten übernahmen. 
Blogs bedeuten aber weiterhin die Unabhängigkeit, eigene Themen zu setzen, eine Personenmarke aufzubauen. Im besten Falle ein Autorenmedium, das eigenständige Publikation mit der Möglichkeit von  Vernetzung,  Diskussion und Akquise verbindet.
Den Titel Netnographie & Digitaler Wandel hatte ich damals adhoc vergeben. Die Themen haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, abhängig von der Entwicklung der digitalen Welt und den eigenen Schwerpunkten. Durch den ganzen Blog zieht sich ein differenzierter soziologischer Blick auf die mit technischen Innovationen verbundene gesellschaftliche Entwicklung der  letzten Jahrzehnte – geschrieben in  einem essayistischen Stil.

Netnographie war 2008 / 2010 ein Thema der Stunde und schien als die der neuen Digitalen Öffentlichkeit angemessene Forschungsmethode.
Popularkultur hatte sich ins Internet verlagert. Digitale Subkulturen, neue Formen von Vergemeinschaft und ihre Bedeutung für das Marktverhalten standen im Vordergrund. Das Interesse an Netnographie entwickelte sich in diesem Zusammenhang rasch. Im Handbuch der Online- Forschung (2014) konnte ich einen längeren Beitrag dazu veröffentlichen. Eine Reihe kleinerer Beispiele (so zu Vegan, Overtourismus, Fairtrade) sind im Blog dokumentiert.
Fun- Fact: eine Zeitlang wurde ich oft von Studenten zu ihrer Abschlussarbeit kontaktiert, aber nie aus der Soziologie oder verwandten Fächern, so gut wie  immer aus der BWL.
Ganz durchsetzen konnte sich Netnographie in der deutschsprachigen Forschungslandschaft nicht. Der Name weckt Erwartungen auf einfache Art Consumer Insights zu gewinnen – eine eher technische, instrumentelle Sichtweise. Die Unterscheidung zum Monitoring, heute meist Listening genannt, fällt in der Praxis oft schwer, obwohl Monitoring auf datenbasierte Sammlung abzielt und Netnographie auf kulturelle Analyse.
Netnographie entstammt der Kulturanthropologie– ethnographic fieldwork im digitalen Raum. Mit einer Verankerung in den Diskursen der Consumer Culture Theory bzw. der Cultural Studies. Im deutschsprachigen Raum fehlt dieser Kontext oft.
Netnographie fällt so etwas zwischen die Stühle: Zu weich für datengetriebene Marktforschung, zu anwendungsorientiert für reine Kulturwissenschaft, zu anthropologisch für die deutsche Soziologie.
Die Entwicklung von Netnographie verfolge ich weiter, der aktuelle Stand ist nachzulesen.

Bild: Getty Images- unsplash+ +

Digitaler Wandel  und Digitale Transformation werden oft gleichgesetzt, bezeichnen aber Unterschiedliches. Wandel ist der allgemeinere Begriff für Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. Transformation hingegen meint tiefgreifende, strukturelle Umbrüche, bei denen Systeme, Institutionen und Praktiken neu gestaltet werden. Beide Begriffe markieren Leitlinien der Zeitgeschichte, in der technologischer, medialer und gesellschaftlich-kultureller Wandel eng miteinander verflochten sind.

Schübe der Digitalisierung wurden nicht erst mit dem Internet spürbar.  Bereits  Desktop- Publishing (etwa um 1990) war ein Schlüsselimpuls der digitalen Revolution im Medienbereich. Der Cyberspace, wie man damals das Internet nannte, wurde als experimenteller  Raum erlebt.
Zumindest zeitweise setzte sich das freie Internet der offenen Standards gegenüber einem Internet der Konzerne (damals das Netz der Portale) durch. Es blieb prägend für eine Kultur der Digitalität, in der sich die  Vorstellung eines gemeinsamen, dezentralen gesellschaftlichen Projektes herausbildete.  Das Web 2.0 war mit einer basisdemokratischen Aufbruchsstimmung verbunden, auf die bis heute immer wieder bezug genommen wird.

Seitdem haben eine ganze Reihe technischer Innovationen die digitale Entwicklung angetrieben, Das mobile Internet veränderte die Alltagskommunikation massiv, und ist heute kaum noch wegzudenken. Social Media kanalisierte die online- Kommunikation, machte  sie auslesbar.
Das Metaverse (2021/22) wurde v.a. von Konzernen angetrieben, fand aber letztlich in dieser Form keine ausreichende Resonanz. Der Entwurf eines räumlichen Internet setzt sich aber im Spatial Computíng fort. KI ist seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 ein dominierendes Thema –  mit  noch nicht überschaubaren Wirkungen und Folgeerscheinungen.

Die Pandemie 2020/ 21  bedeutete einen grossen Einschnitt.  Unter welchen Bedingungen konnten sich digitale Medien mehr bewähren, als unter denen einer physischen Kontaktsperre? Ohne digitale Medien, wie Videochats, Live- Streaming etc. hätte sich kaum eine öffentliche Sphäre aufrecht erhalten lassen. Der kurzlebige Hype um Clubhouse im Corona- Winter 2021 verdeutlichte um so mehr eine Sehnsucht nach Austausch und Vernetzung, gerade in medienaffinen Branchen.

Der wahrscheinlich entscheidendste Einschnitt der letzten 15 Jahre war aber nicht Corona, auch nicht KI und sicher nicht das Metaverse, sondern die Landnahme der Plattformen, (sehr gut beschrieben von Michael Seemann in  Die Macht der Plattformen).  Sie bedeutete den Wechsel von einer offenen, dezentralen Innovationslogik (bottom-up) hin zu einer stärker kontrollierten, durchplanten und von wenigen zentralen Akteuren dominierten Struktur (top-down).
Es entstand ein – eingeschränkt – globaler Informationsraum mit zentraler Infrastruktur. Plattformen agieren darin als Intermediäre – sie vermitteln zwischen Nutzern und Anbietern und regulieren Zugang, Sichtbarkeit und Interaktion. Diesen Intermediären – den Big Tech-Giganten ebenso wie zunehmend den großen KI-Systemen – kommt faktisch eine Ordnungsmacht zu. Entscheidend ist die umfassende Erhebung, Auswertung und algorithmische Verarbeitung aller verfügbaren Daten.

Der Wandel bedeutet nicht den Übergang in einen neuen, stabilen Zustand, sondern verläuft kontinuierlich weiter – mit neuen Chancen und neuen Konfliktlinien. Wenig vorhersehbar in seinen konkreten Ausprägungen, aber in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen erklärbar.

Der Begriff Transformation geht zurück auf Karl Polanyis Konzept der Großen Transformation (1944) in dem  gesellschaftliche Umbrüche nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als politische und kulturelle Prozesse verstanden werden Diese kontinuierliche Transformation ist durch die Verzahnung technischer, kultureller und politischer Entwicklungen gekennzeichnet.  Polanyi wie auch Norbert EliasProzesssoziologie  können als fruchtbare Ansätze dienen, die sich auf aktuelle Entwicklungen übertragen lassen. Sie zeigen, wie sich in langfristigen Prozessen technologische Innovationen, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wechselseitig bedingen.

Mit der Prozesssoziologie von Norbert Elias hatte ich mich  seit dem Studium befasst, immer wieder fasziniert von dem Gedanken, sie auf laufende Entwicklungen zu beziehen. Neben die bei Elias herausgestellten Prozesse der Sozio- und Psychogenese – der Herausbildung von Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen lässt sich Technogenese hinzufügen – die wechselseitige Prägung von Technik und Kultur. Technische Infrastruktur/ Technokultur haben heute eine ganz andere Bedeutung für die gesellschaftliche Binnenstruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Diese Prozesshaftigkeit – nicht die Wirkung einzelner Technologien, sondern ihre gesellschaftliche Einbettung – ist das eigentliche Über- Thema dieses Blogs. 

Die Relevanz soziologischer Theorien für das Verständnis der digitalen  Gegenwart habe ich in einem (verlinkten) Beitrag zusammengestellt. Darunter  auch  solche, die sich auf die Luhmannsche Systemtheorie beziehen, sowie die  Arbeiten von Andreas Reckwitz. Hinzuzufügen wäre noch die Bedeutung von Michel Maffesoli für das Konzept der Online- Tribes

Im letzten Jahr dominierten zwei Themen: KI/ AI und  die politischen Verwerfungen seit November 2024. Bei letzteren verweise ich auf meine Rezension zum Cyberlibertarismus und den  ausführlichen Text Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem.

KI ist  seit knapp 3 Jahren ein geradezu epochales Thema. KI wird in der Breite genutzt, wahrscheinlich von vielen mehr, als offen zugegeben wird. Gleichzeitig ist sie ein boomendes Feld der Beratungs- und Fortbildungswirtschaft, steht aber auch in der Kritik als Piraterie des Wissens, Vermüllung des Internet und als Instrument neo- autoritativer Herrschaft. Im Unterschied zum Internet, das sich, zumindest zeitweise, bottom- up verbreitete, ging KI  von vornherein von einzelnen, grossen Konzernen aus. Die Perspektive der Anwender und Betroffenen – eine Sicht von unten– findet in der Debatte wenig Raum.
Das Buch von Frank Witt vermittelte mir mit dem markanten Bild der Sozialisation von Maschinen eine neue Sichtweise auf KI.  Mit dem Autor konnten wir kürzlich eine Buchvorstellung im Kölner Startplatz veranstalten, an die sich möglicherweise eine weitere Zusammenarbeit anschließen kann.

In meiner eigenen Arbeit habe ich zwei Begriffe zugespitzt:  Automatisierte Singularisierung soll die Paradoxie fassen, wie KI-Systeme massenhaft die gewünschten Einmaligkeiten produzieren – angelehnt an die Theorie der Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz. Gemeint ist die gezielte Erzeugung individueller Produkte und Erlebnisse auf Basis von Verhaltensdaten und Präferenzen. In eine ähnliche Richtung geht die derzeit viel diskutierte Erzeugung synthetischer Daten in der Marktforschung.
Der Begriff Consociality/ dt. Consozialität  stammt nicht von mir, aber ich habe ihn gern aufgegriffen. Gemeint ist etwas, was es schon immer gab, aber erst in der digitalen Sozialität  zentrale Bedeutung erlangt: Die Verbindung einzelner Menschen über punktuelle Übereinstimmungen und Interessen – situative digitale Ko-Präsenz jenseits stabiler Gemeinschaften. Ein Kollege nannte es  scherzhaft #Hashtag Soziologie, als ich das Konzept damit erläuterte. 

Soziologie löst keine Probleme, legt aber Zusammenhänge offen und macht so gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Entwicklungen erklärbar.
Genau darin liegt ihr Nutzen: Entwicklungen der Zeitgeschichte erklärbar zu machen, Aha-Erlebnisse zu erzeugen und zum Weiterdenken anzuregen – nicht durch Vereinfachungen, sondern durch begriffliche Schärfung. Gefreut hat mich, dass 2x Beiträge aus dem Blog den Weg in Schulbücher fanden – nicht für Sozialwissenschaften, sondern für Deutsch in der Oberstufe – eine Anerkennung der sprachlichen Qualität.

Die selbstverständliche Nutzung von Blogs zur Diskussion hat nachgelassen. Sie ist längst abgewandert in Social Media, v.a. zu LinkedIn. Deshalb hier mein Account: https://www.linkedin.com/in/kjanowitz/
Der Titel Netnographie & Digitaler Wandel war anfangs eine pragmatische Benennung – ob er bleibt oder sich ändert, hängt davon ab, welcher Begriff künftig am besten  trifft.



Automatisierte Singularisierung – KI und die Herstellung von Einmaligkeit

Singularität:In der Soziologie eine kulturell entstandene Einmaligkeit   – Technologisch ein hypothetischer Punkt, an dem KI die menschliche Intelligenz übertrifft und sich selbst verbessert – bishin zu einem “Point of no Return” Bild: Midjourney

Singularisierung ist ein Konzept aus der Soziologie, das mit Andreas Reckwitz und seinem (Haupt-) werk Die Gesellschaft der Singularitäten  (2017) verbreitet wurde. Vorweg: Der soziologischer Begriff Singularität unterscheidet sich von dem in der KI – Technologie – (s.u. und vgl. die Bildunterschrift re.).

Singularisierung als Gesellschaftslogik der Spätmoderne

Reckwitz beschrieb die Transformation moderner Gesellschaften von der industriellen Moderne zur  Spätmoderne.
Er spricht von einem kulturellen Kapitalismus, in dem sich eine Öffnung der Lebensformen mit wachsender Bedeutung symbolischer Güter und individueller Selbstentwürfe verbindet.
Historischer Rahmen ist der Wandel der von Massenproduktion geprägten industriellen Gesellschaft zur postindustriellen Ökonomie, in der sich nicht nur die Arbeitswelt transformiert.
Märkte differenzieren sich zunehmend entlang von Lebensstilen, Geschmack,  kulturellen Präferenzen und den entsprechenden Zielgruppen.
Insbesondere in den innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix.
Die Technik und die Organisation der Industriegesellschaft wirkt standardisierend, die digitale Technologie der Spätmoderne singularisierend.

Massenproduktion, Vereinheitlichung, Normierung, das Streben nach Effizienz bestimmt die Logik der Standardisierung in der Industriegesellschaft.  Individuelle Präferenzen werden an das verfügbare Angebot angepasst, nicht umgekehrt. Auf individueller Ebene gilt Anpassungsdruck mit entsprechenden Verhaltenserwartungen.

In der Logik der Singularisierung werden Einzigartigkeit, Authentizität und individuelle Bedeutung zu zentralen Werten. Aber erst die Digitalisierung schafft die technischen Voraussetzungen für ihre massenhafte Verbreitung – dazu im weiteren mehr. Produkte, Erlebnisse und Identitäten werden mit symbolischer Bedeutung aufgeladen und in Narrative eingebunden – Storytelling wird etwa zum typischen Marketing-Element.
Diese Logik wirkt auf vielen gesellschaftlichen Ebenen: Sie zeigt sich im individualisierten Konsum- und Reiseverhalten, aber auch im Wandel sozialer Strukturen, wie sie sich z.B. im langsamen Verschwinden klassischer Milieus, bis hin zu dem der Bürgerlichen Mitte Reckwitz bezieht sich dabei immer wieder auf die Sinus- Milieus.
Ein anderes, einfaches Beispiel sind ehemals kollektive Medienerlebnisse, nicht nur Fussball WM und Mondlandungen, auch Serien und TV- Shows waren in vergangenen Jahrzehnten oft Strassenfeger, die einen Grossteil der Gesellschaft an einem, oft so genannten Lagerfeuer vereinten.
Heute kommen solche kollektiven Gemeinschaftserlebnisse evtl. noch bei grossen Fussballmatches vor. Medienöffentlichkeiten sind ansonsten
weitgehend fragmentiert. Verbindende Momente finden sich eher in spezifischen, meist wenig beständigen Interessensgruppen (vgl. Tribes).

Serielle Singularitäten: Ein neues Spannungsfeld zwischen Masse und Einmaligkeit

Reckwitz’ Gesellschaftsanalyse, ihre längerfristige Gültigkeit und Anschlussfähigkeit an andere Theorien soll jetzt nicht weiter vertieft werden (vgl. dazu die Verweise unten). Es geht um das Konzept der Singularitäten und die Wirksamkeit ihrer Logik in den Zeiten von KI. Wie entsteht Einmaligkeit unter diesen Voraussetzungen, wie wird sie erlebt, wie wird sie hergestellt und wie wirkt sie?
Der Begriff Serielle Singularitäten benennt diese Spannung zwischen Masse und Einzigartigkeit  präzise. Reckwitz erwähnt ihn zwar kurz (S. 135 – tatsächlich im Zusammenhang mit Serien wie Downton Abbey oder Breaking Bad),– führt ihn aber nicht weiter aus. In einem Podcast von 2021 Digitalisierung und Singularisierung thematisiert er den Zusammenhang,  seither hat sich das Phänomen jedoch erheblich ausdifferenziert – und es stellt sich die Frage, ob KI-basierte Systeme neue Formen automatisierter Einmaligkeit erzeugen.

Von der Anpassung zur Gestaltung: Wie Daten Einmaligkeit generieren

Singularisierung kann sich auf Dinge/ Produkte, Prozesse und Personen, auch auf Erlebnisse beziehen. Entscheidend ist das Erlebnis der Einmaligkeit (**vgl. die Definition unten).
Singularität in ihrer traditionellen Form bleibt allerdings personalintensiv und damit teuer – sei es als handwerklich erzeugtes Unikat, in Form individuell zugeschnittener Beratungsleistungen etc.  Sie ist nur begrenzt verfügbar und wird oft als besonderes Privileg wahrgenommen.
Singularitäten sind nicht zwangsläufig mit Status verbunden. Vielmehr geht es um die symbolische Aufladung von Objekten oder Prozessen – die Valorisierung in den Augen des Einzelnen und seiner sozialen Umgebung. Nach Bourdieu gesehen, zeigt sich so die Dimension des kulturellen Kapitals –das nicht mit Statusgütern identisch ist, sich aber mit ihnen überschneiden kann.
Anschauliche Beispiele für ein Revival handwerklich erzeugter singulärer Produkte finden sich als Craft Beer- Brauereien,  Kaffeeröstereien, Bäckereien, die sich auf wenige ausgewählte Produkte beschränken etc. –  manchmal werden sie als einer Hipster Kultur zugehörig zusammengefasst.
Singularisierung zeigt sich nicht nur in diesen Nischenmärkten sondern auch in der Differenzierung von Massenprodukten.

Automatisierte Singularisierung koppelt die soziologische Gesellschaftsdiagnose mit den technischen Möglichkeiten der digitalen bzw. der KI- Ära. Erst Digitalisierung bietet die technischen Voraussetzungen für die massenhafte Verbreitung der Singularisierungslogik – ohne die digitale Vermessung der Welt ist sie nicht denkbar.
Digitalisierung macht das Einzigartige messbar und verwertbar. Die Einmaligkeiten/ Besonderheiten  einzelner Menschen werden adressierbar. Aus jeder individuellen Präferenz, aus jedem besondere Verhalten werden Daten generiert, die wiederum neue Formen von Singularisierung ermöglichen. Der digitale Fußabdruck wird selbst zum Marker der Einzigartigkeit.
In der digitalen Ökonomie wird Singularisierung zur Geschäftsgrundlage: Daten über individuelle Präferenzen ermöglichen zielgerichtete Werbung und die Vermarktung einzigartiger Erlebnisse. Digitalisierung macht Singularisierung skalierbar und eröffnet neue Geschäftsfelder – genauso ermöglicht sie neue Gestaltungen.  Die Weiterentwicklung ist eine politische Frage.

KI als Generator singulärer Interaktionen

Während die bislang vorherrschenden Plattformen hauptsächlich auf gesammelte Daten reagieren, schaffen KI-gestützte Tools hochgradig personalisierte Erlebnisse durch Datenanalyse und das Lernen aus  Nutzerverhalten. KI kann Präferenzen antizipieren, bevor diese bewusst geäußert werden – ein standardisiertes System, das auf Millionen von Parametern basiert.

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt. Bild: unsplash unlimited-  Gustavo Reyes

Nirgends kommt man dem Konzept der automatisierten Singularisierung näher, als in einem Chat- oder Gesprächsverlauf mit KI. Jede Antwort entsteht neu, basierend auf einem spezifischen Input: die Nuancen der Fragen, die Denkweise des Nutzers – all das fließt in die Antworten ein und schafft eine individuell zugeschnittene, singuläre Interaktion.

In der Aufmerksamkeitsökonomie  treten Singularitäten miteinander in den Wettbewerb.  Es kommt darauf an, jedem Nutzer das Gefühl zu geben, besonders adressiert zu werden.  KI-basierte Anwendungen ermöglichen es, spezifische Prozesse zu automatisieren, indem sie individuell angepasste Lösungen bieten, die gezielt auf die Präferenzen und Verhaltensmuster der Nutzer eingehen. So entsteht die Wahrnehmung einer  einzigartigen Ansprache – eine Verstärkung der Singularisierungslogik durch die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung. Social Media Plattformen werden zu Bühnen  des Personal Brandings und des Storytelling.

Lange Zeit war Digitalisierung in den Zukunftsdebatten eindeutig positiv besetzt. Die Vorstellung, dass Technologie und ihre Gestaltung das Leben verbessert und alle Menschen daran gleichberechtigt teilhaben können, dominierte die Diskussion.

Heute  überwiegt ein skeptischerer Blick. Das hat sicherlich mit Machtballungen – Stichwort BigTech – und den politischen Verwerfungen v. a. des letzten Jahres zu tun. Es sind aber zwei Verhalte: Die technisch/ gesellschaftlichen Möglichkeiten und ihre Aneignung.
Automatisierte Singularisierung ist kein neutraler technischer Prozess, sondern ein politisch umkämpftes Feld. Die Frage ist nicht, ob sie stattfindet, sondern wer sie kontrolliert und zu welchen Zwecken sie eingesetzt wird. Das macht die gesellschaftspolitische Dimension des Konzepts deutlich.

Automatisierte Singularisierung oder Singularisierte Automatisierung?

Der Begriff lässt sich drehen – und damit gelangen differenzierte Bedeutungen in den Vordergrund. In der Variante Singularisierte Automatisierung, geht es um die Anpassung bestehender Prozesse,  in denen Automatisierungsprozesse individuell und singulär gestaltet werden.  Automatisierung wird nicht mehr als Massenphänomen verstanden, sondern als eine individuell zugeschnittene, unverwechselbare Lösung.
Automatisierte Singularisierung beschreibt hingegen eine neue Qualität, in der mit technischen Systeme aktiv Singularitäten generiert werden. Diese Form der Automatisierung schafft nicht nur maßgeschneiderte Prozesse, sondern stellt die Produktion von Einmaligkeit selbst in den Mittelpunkt.

Letztlich bietet Automatisierte Singularisierung eine größere analytische Reichweite für gesellschaftliche Transformationsprozesse. Gemeint ist hier, dass das technische System aktiv Einzigartigkeit stiftet, also gesellschaftliche, kulturelle oder individuelle Besonderheit algorithmisch hervorbringt.

Zur Übersicht: Eine KI-generierte Gegenüberstellung von automatisierter Singularisierung und standardisierter Automatisierung als ihrem Gegenmodell:

Mass Customization ist keine Singularisierung

Mass Customization, ein Schlüsselkonzept der Industrie 4.0, ähnelt auf den ersten Blick der Logik der Singularisierung – bleibt jedoch auf der Produktebene und im Rahmen standardisierter Prozesse.
Bekannt ist das Prinzip etwa von Websites mit Konfiguratoren: Nutzer:innen können Produkte nach individuellen Vorlieben anpassen – etwa Regalsysteme, Küchenzeilen, Sneakers mit variabler Sohle, Schnürung und Farbgebung oder der individuelle Mix zur Haartönung. Auch passgenaue Versicherungsangebote oder modular zusammensetzbare Reisepakete folgen diesem Muster.
Im Zentrum steht die automatisierte Kombination vorgegebener Module: eine wunschgemäße Rekombination vordefinierter Bestandteile bzw. flexibler Tarifstrukturen.

VR und emotionale Echtzeit-Singularität

Singuläre Erlebnisse in VR? Bild: unsplashed+

Lässt sich das Konzept Automatisierte Singularisierung auch auf  VR- Realitäten  anwenden? Singuläre Erlebnisse müssen mehr leisten als nur das automatisierte Bereitstellen vordefinierter Inhalte oder vorstrukturierter Programme. VR kann über die bisherige Personalisierung hinausgehen, indem es nicht nur Inhalte individualisiert, sondern ganze Erfahrungsräume. Die narrative Aufladung ist zentral: VR ermöglicht es, dass Nutzer nicht nur passive Empfänger sind, sondern aktiv Bedeutung schaffen.  Entscheidungen im virtuellen Raum werden zu persönlichen Erzählungen.
Moderne VR-Systeme können tatsächlich biometrische Daten wie Herzschlag, Augenbewegungen oder Stresslevel in Echtzeit erfassen und die virtuelle Erfahrung darauf anpassen.
Das stellt eine besonders fortgeschrittene Form der automatisierten Singularisierung dar – eine, die nicht nur Vorlieben oder Profile, sondern unmittelbare emotionale Zustände berücksichtigt. Der Nutzer kann so vom Konsumenten zum Gestalter seiner eigenen, einzigartigen Geschichte werden. Letztlich zählt auch hier am Ende das Erlebnis.

Warum der Begriff den Unterschied macht

Automatisierte Singularisierung öffnet als Begriff neue und kompakte Einsichten.  Er verbindet soziologische Gesellschaftsanalyse mit aktuellen Diskursen zu Technologie  und KI.  Er macht komplexe gesellschaftliche Transformationen in einem Konzept greifbar. Statt vage von Individualisierung oder Personalisierung zu sprechen, präzisiert er den spezifisch technologischen Charakter der Entstehung von Singularität. Automatisiert macht den Unterschied zu früheren Formen der Individualisierung deutlich.

Rezensionen zu Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), Das Ende der Illusionen (2019)  und Soziologie im Duett – Reckwitz & Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? – Eine Kurzfassung der Gesellschaft der Singularitäten ist im  Journal für politische Bildung 1/2019 nachzulesen.
**Singularisierung kann sich auf Dinge, Prozesse und Personen beziehen, die nicht mehr nicht mehr als austauschbare Exemplare einer Kategorie behandelt werden, sondern als einzigartige Entitäten, die innerhalb sozialer Praktiken als besonders wahrgenommen und bewertet werden. (vgl. Reckwitz, 2017)
Nils Kumkar und Uwe Schimank: Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der »Spätmoderne«
Diagnose der »Spätmoderne« Leviathan, 49. Jg., S. 7-32, 2021 und Researchgate.



SideMenu