The Art of Coding – Weltkulturerbe Demoscene?

Demoscene -The Art of Coding

Weltkulturerbe, Unesco-zertifiziert  ist eine ganz besondere, global wahrgenommene Auszeichnung. Zunächst verbindet man damit charismatische Stätten wie die Akropolis, Venedig, Versailles oder das Bauhaus, die man einmal im Leben gesehen haben will. Oft sind es touristische Mega- Attraktionen. Andere Monumente erhielten erst mit dem Status  grössere Aufmerksamkeit bzw. eine Neubewertung, wie die Zeche Zollverein in Essen  oder die  Kulturlandschaft Mittelrhein. Jedenfalls verweisen Städte und Regionen mit grossem Stolz darauf.

Weniger bekannt ist die 2003 ins Leben gerufene Liste des Immateriellen Kulturerbes. Gemeint ist hier lebendiges und an Menschen gebundenes Kulturerbe, das kreativ weiterentwickelt wird und gesellschaftlichen Transformationen unterliegt (s. Dt. Unesco- Kommission). Zunächst  sammelten sich in dieser Liste  die einem Volkskultur. So der Geigenbau in Cremona, Yoga aus Indien, weltweit Tänze, Lieder, Rituale und Handwerkstechniken – die sehr oft genau definierten Traditionen folgen. Bisher wenig vertreten sind weniger traditionelle Popularkulturen, enthalten sind z.B. afroamerikanische Musikstile wie der Reggae aus Jamaica, Rumba aus Kuba und der Frevo aus Nordost- Brasilien. Ein weiter gefasster Kulturbegriff zeigt sich bei einigen kulturellen Traditionen, so bei der Mittelmeerküche und dem französischen gastronomischen Mahl (5- Gänge Menü). Vorschläge zum Immateriellen Kulturerbe können von einzelnen, wie auch gemeinsam von mehreren Mitgliedsländern eingebracht werden (vgl. Unesco- Übereinkommen).
Deutschland trat dem Abkommen erst 10 Jahre später bei, und bis jetzt wird das immaterielle Kulturerbe durch den Orgelbau, den Blaudruck und die Falknerei, d.h. bewahrenswertes, aber kaum gesellschaftlich prägendes Kulturerbe, vertreten  – daraus hervor sticht das Genossenschaftswesen – und in der Bewerbungsliste steht die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Eine Ebene unter dem Weltkulturerbe gibt es ein bundesweites Verzeichnis  lebendiger kultureller Traditionen und Ausdrucksformen, die in Deutschland praktiziert und weitergegeben werden. 97 Einträge sind darin enthalten, darunter der Rheinische Karneval mit all seinen Varianten, die deutsche Brotkultur, das Skatspiel, als einzige popkulturelle Form hat es der deutschsprachige Poetry-Slam in die Liste geschafft.

Digitale oder auch popkulturelle Kulturen sind ansonsten bisher nicht vertreten.  Das soll sich mit der Bewerbung der Demoscene nun ändern –  auf der Gamescom Konferenz im August in Köln wurde der Antrag vorgestellt – übrigens eine international getragene Bewerbung von Finnland und Deutschland.
Warum gerade die Demoscene?  Wer einmal auf einem Event der Demoscene, wie der Evoke (s. Video Evoke 2016) war, dem fällt neben der sehr nerdigen Festivalatmosphäre v.a. die weitgehende Überschneidung von Publikum und Wettbewerb auf der Bühne auf: anarchisch – kooperativ. Die Szene geht zurück auf das frühe  Computerzeitalter von C64 und Amiga, die immer noch Werkzeuge der Wahl sind. Eine kulturelle Praxis, in der technische Fähigkeiten und gestalterische Phantasie im Digitalen entwickelt werden.

Ein möglichst knapper Code, bei eindrucksvoller optischer Wirkung, gilt als Königsklasse, 4 KB als ein Limit. Der Wettbewerb ist Schaulaufen mit der Ambition des Codens als Kunstform: Was gezeigt wird, kann man als Kompositionen in Code bezeichnen. “Es geht darum den Rechner dazu zu bringen, das coolste machen zu lassen was man je einen Rechner hat machen lassen sehen.” Ist es denn Kunst oder Codehandwerk? Kann es ebenso sein, wie Werke aus Sprache, Tönen oder Bewegung/Tanz – aber das ist eine andere Diskussion. Es geht um gelebte Kultur, die kreativ weiterentwickelt wird.
Kommerzielle Ziele spielen kaum eine Rolle, allerdings werden durchaus beachtliche Preisgelder gezahlt. Es geht um den spielerischen Umgang mit technischen Möglichkeiten bei der Kreation audiovisueller Objekte. Um wirklich teilzunehmen, braucht es einige entwickelte Fertigkeiten, die Begeisterung und ein längeres Engagement voraussetzen. Ein Freestyle von Programmierern, aber eben auch Kompetenzreservoir der Kreativwirtschaft (Games).
Was bedeutet ein digitales Kulturerbe? Ein Bewusstsein davon, dass Digitalisierung ebenso kulturell gestaltet werden kann, wie andere Ausdrucksmittel. Der Begriff Weltkulturerbe ist populär und medienwirksam.

Die Initiatoren selber fassen die Bewerbung so zusammen:  The Demoscene, which is born at the heart of the home computer revolution, has been showing how skills and creativity can be stimulated and implemented in a dynamic cultural practice adopted to digital contexts. Many of its techniques and mindsets became core techniques and influences of the digital change, and are still vibrant today. Seven decades after the invention of computers we think it’s time to push for the next step to take born-digital culture seriously as part of our cultural heritage, starting an initiative to bring the demoscene onto the list of the UNESCO intangible world cultural heritage. So we invite all sceners and non-sceners to join us and support the initiative in the upcoming years.” Andreas Lange & Tobias Kopka  Quelle: http://demoscene-the-art-of-coding.net/


Als Beispiel das Video *YouShould by Haujobb* das auch Einladung zur Evoke 2010 war –  zum download.

 

 



“Tribes” in der globalen Zivilisation

Wenn es um neue, digitale Formen von Öffentlichkeit und Vergemeinschaftung geht, sind historische und archaische Sprachbilder immer wieder beliebt. So etwa das auf McLuhan zurückgehende Bild vom globalen Dorf, der digitale Salon und das digitale Lagerfeuer, verächtlich ist digitale Hordenbildung. Im neuen Buch von Christoph Türcke heisst es Digitale Gefolgschaft. Und immer wieder die tribale Metapher.
Neotribalismus, davon abgeleitet Digitaler Tribalismus, ist als Begriff seit längerem etabliert und geht auf den französischen Soziologen Michel Maffesoli zurück. In den Cultural Studies, von dort zu Netnographie, in die Marktforschung bis ins Tribal Marketing hat sich der Begriff verbreitet – und war hier im Blog schon mehrmals Thema (s. Stämme im Netz, Consumer Tribes, Tribes im Social Web). Darüber hinaus verbreitet sich der Begriff in einem erweiterten Sinne für gesellschaftliche und politische Strömungen auf der  Basis gefühlter gemeinsamer Identität.

Tribes? Bild: rclassen.photocase.de

Digitale Medien und die damit erweiterten Kommunikations- räume begünstigen zwar Bildung und Verbreitung solcher Tribes, sind aber nicht deren Auslöser. Grob gesagt, sind es  Formen von Vergemeinschaftung, die auf Individualisierung folgen. Letztere ist eine der Triebkräfte der nachlassenden Bindung an kollektive Identitäten und traditionelle, normsetzende Instanzen. In der industriellen Moderne dominierten grosse identitätsvermittelnde Organisationen mit einem Geflecht von Nebenorganisationen ihre Milieus – so etwa das gewerkschaftsnahe oder das katholische Milieu – oder auch grosse Unternehmen, die ganze Landstriche dominier(t)en. Bindungen an solche Milieus, Region und daran angepasste Arbeits- und Firmenkulturen prägten den Habitus. Neotribalismus füllt zumindest eine Lücke, die die schwindende Bindungskraft bis zum Substanzverlust grosser Organisationen (z. B. katholische Kirche, SPD) lässt.
Kein Zufall, dass sich gerade in popkulturellen Subkulturen, die neue öffentliche Kommunikation früh verbreitete.
Massimiliano Livi, Soziologe und Betreiber des Blog Tribes beschreibt Neotribalismus durchgehend als Metapher. Neo-Tribes sind informell, sie bestehen »in no other form but the symbolically and ritually manifested commitment of their members« (vgl. Livi, 2018). Vergemeinschaftung geschieht nicht aufgrund demographischer Merkmale, es sind “flüssige” Vergemeinschaftungen aufgrund von ästhetischen, emotionalen und manchmal auch von Konsum geprägten Bindungen. Menschen, die dieselben Lebensstrategien gewählt haben und dieselben Erfahrungen machen, suchen und leben ihre subjektive Identität in ähnlichen Mustern (Livi, 2017). 

Es gibt eine ganze Reihe von Konzepten, die sich mit dem der Neo- Tribes überschneiden.  Seit den 90er Jahren prägte Ronald Hitzler die nüchternere Bezeichnung Posttraditionale Vergemeinschaftungen und fasst sie so zusammen: “Gemeinsamkeit bzw. Übereinstimmung von Neigun­gen, Vorlieben, Leidenschaften und bestimmten, als ‚rich­tig’ angesehenen Verhaltensweisen” (2018). Cornelia Koppetsch stellt in “Die Gesellschaft des  Zorns” (162 – 168) v.a. die rechtspopulistischen  Neo- Gemeinschaften als Formen kollektiver Vergewisserung hervor.  Diese bieten einen moralischen Kompass, solidarische Bindungen und einen Gegenentwurf zur individualisierten Lebensführung (165).  Auch das wiederbelebte Konzept der Massen (Gebauer & Rücker, ) passt in diesen Rahmen, mit der Besonderheit, dass sich diese performativ – in der Aktion – zeigen.   Michael Seemann schließlich bringt Digitalen Tribalismus in Verbindung mit Fake News der Segregation der Öffentlichkeit in viele atomistische Suböffentlichkeiten und schliesst an den (eher umstrittenen) Aufsatz zu Memetic Tribes of Cultural War an. Christoph Türcke, emeritierter Philosophieprofessor in Leipzig, schlägt in eine andere Kerbe. Auch er bedient sich der Stammesmetapher: die Weltgesellschaft als Stammesgesellschaft mittels Telekommunikation. Skeptisch macht mich die These von suchtbasierten  Gefolgschaften globaler Plattformen (186), die  Abhängigkeit von Followern.  Google und Facebook stehen zu ihren Nutzern wie Dealer und Drogenabhängige. Da ist einiges gegenzusetzen: Plattformen haben viel Macht, aber nicht die alleinige Strukturierungsmacht. Das ist nicht alles in diesem Buch,  evtl. folgt eine Rezension.

Das Bild der Tribes/Stämme ist beliebt, lassen sich doch damit soziale Formationen in eine Perspektive bringen, die ansonsten kaum fassbar sind. Oft bestehen sie nur gefühlt.  Der Focus der Vergemeinschaftung kann ganz unterschiedlich sein: Schönes Beispiel ist etwa die Critical Mass, eine monatlich wiederkehrende Fahrraddemo, die Begeisterung für  Schokolade – genauso können es aber auch gemeinsame Ressentiments, der Glaube an Nachrichten, ob sie nun wahr oder falsch sind, sein. Menschen suchen Gemeinschaft dort, wo ihre Gedanken und Interessen anschlussfähig sind, sie emotional Resonanzen erleben können und wo sie Solidarität erleben.
Das Bild hat allerdings seine Grenzen, archaische Stämme können wohl sehr unterschiedlich, streng hierarchisch bis partizipativ  strukturiert sein, sie haben aber einen kaum beschränkten Zugriff auf die Person. Neo- Tribes sind kaum verpflichtend.  Stattdessen sind es allesamt mehr oder weniger fluide soziale Formationen innerhalb einer globalen Zivilisation mit imperialen Zügen. Das wird in der gesamten Diskussion kaum thematisiert.  Auch wenn sie diese Zivilisation ablehnen, existieren sie doch in deren technischer und sozialer Infrastruktur.  Es gibt zwar unzählige atomistische Suböffentlichkeiten, aber es sind eben nur Teil- Öffentlichkeiten.

 

Christoph Türcke: Digitale Gefolgschaft. Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft    Verlag C.H. Beck, München 2019.  250 S.  –  Massimiliano Livi: Neo-Tribes und TrIBES: Eine Einführung (2018) . Neotribalismus als Metapher und Modell. Konzeptionelle Überlegungen zur Analyse emotionaler und ästhetischer Vergemeinschaftung in posttraditionalen Gesellschaften. In: Archiv für Sozialgeschichte 57, 2017,  S. 365 – 383. – Michael Seemann: Memetischer Tribalismus – atomistische Suböffentlichkeiten im digitalen Kulturkampf. Peter N. Limberg & Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0. How their rise made in-fighting the norm — and how we can navigate the resulting culture war



Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im Globalen Zeitalter (Rezension)

Die Gesellschaft des Zorns – Rechtspopulismus im globalen Zeitalter von Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt) erschien in diesem Frühjahr, war schnell vergriffen und wurde im Juli als Sachbuch des Monats ausgezeichnet.  Das macht deutlich, wie aktuell das Thema und wie gross der Bedarf nach Erklärungen ist.
Kernthese der Autorin ist, dass Rechtspopulismus einen emotionalen Reflex auf den Epochenbruch zur Globalen Moderne darstellt. Die Reaktion zeigt sich in den Forderungen nach Re-Nationalisierung, Re- Souveränisierung und Re-Vergemeinschaftung (24/25). Re-Nationalisierung stellt sich gegen supranationale Organisationen und Vereinbarungen – my country fírstRe- Souveränisierung fordert eine Wiederherstellung der moralischen Werte und der Vorrechte einer sich als bedroht fühlenden Mehrheit; Re-Vergemeinschaftung ist als Reaktion auf individualistische Markt- und Selbstverwirklichungskulturen zu verstehen und  bezieht sich auf das Volk als Gemeinschaft exklusiver Zugehörigkeit. Solidaritätsbeziehungen sollen in diesem Rahmen verbleiben, der Sozialstaat war immer an den Nationalstaat gebunden.
Eine gesellschaftliche Spaltungslinie verläuft zwischen den transnational/kosmopolitisch Ausgerichteten und den davon Abgekoppelten, die an den nationalen Strukturen der Industriemoderne  ausgerichtet bleiben. Beide Hälften folgen ganz anderen Erzählungen von Gesellschaft/Narrativen.

Diagonale Spaltungslinie: Wählermilieus von Modernisierungsbefürwortern und -skeptikern. Graphik erscheint nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster. Quelle: s.u.

Populäre Erklärungsmuster zum Rechtspopulismus sind die Hypothese von den ökonomischen Globalisierungsverlierern und die kulturelle Backlash- These. Zwar liegt der AfD- Anteil im Sinus- Milieu ‘prekär‘ bei 28%, die Wähler von AfD & ihrer internationalen Entsprechungen kommen hingegen aus allen Schichten. Drei Viertel der AfD- Wählerschaft sind Angestellte, Beamte und Selbstständige, ein Drittel der Sympathisierenden zählen gar zu den reichsten 20% der Bevölkerung (99). Nach der Backlash- These ist die Ablehnung kosmopolitischer und postmaterialistischer Werte entscheidend (101), die Umkehrung des sich seit den 70er Jahren verbreitenden Wertewandels.
Bleibt man im Bild der Sinus- Milieus rekrutiert sich die Anhängerschaft v.a. aus konservativer Oberschicht, traditioneller Mittelschicht und prekärem Milieu. Dabei spielen jeweils eigene Motivationen eine bes. Rolle: die Verteidigung sozialer Privilegien, ein kultureller Allgemeinvertretungs-anspruch, zuletzt Verteilungskonflikte. Nicht in den Milieus erkennbar sind besondere Gruppen, wie Evangelikale, Burschenschaften und offen, oft strategisch handelnde Rechtsradikale.
Übergreifende Klammer und Mobilisierungsthemen sind v.a. Islam und Migration (135). Ebenso, aber in geringerem Maße, die Ablehnung von Gender- Themen und Homo-Ehe.

In den acht Kapiteln geht es nicht um Rechtspopulismus als isoliertes Phänomen, sondern um dessen thematische Einbindung in die Kontexte gesellschaftlicher Transformationen: Die Neu- Figuration des politischen Raumes incl. der Transformation der Parteienlandschaft; die Transnationalisierung der Sozialräume, wie Märkte, Unternehmen, Bildungs- und Kultureinrichtungen, persönliche Netzwerke etc., und ebenso die  Wandlungsprozesse im Umgang mit Emotionen und Identität. Neo- Gemeinschaften und die politischen und kulturellen Dimensionen von Heimat werden ausgiebig behandelt.
Wie so oft beginnt die Gesellschaftsdiagnose mit dem Niedergang des korporatistischen Modells der Volksparteien und der mit ihnen verbundenen Organisationen. Durchgesetzt hat sich ein doppelter Liberalismus mit den beiden Säulen des  wirtschaftsradikalen, deregulierten Wettbewerbs und der kulturliberalen Säule von Vielfalt, Toleranz und Selbstbestimmung, Leitbegriff Diversity. Dieser doppelte Liberalismus ist mittlerweile Konsens über ein breites politisches und gesellschaftliches Spektrum.

Theoriegeleitete Empathie
(31, 33) so bezeichnet Koppetsch ihre Methodik – bedeutet zum einen kontrolliertes Fremdverstehen, die Bereitschaft zur Befremdung der eigenen Sichtweise (etwa durch konträre Gesellschaftserzählungen/Narrative), zum anderen eine Erweiterung der Perspektive, um den jeweiligen Realitätsgehalt zu überprüfen – Gesellschaft soll über den Container hinaus gedacht werden. Ausdrücklich setzt sie sich von einer Haltung ab, die AfD- Wähler auf eine Rolle als Symptomträger autoritärer und rassistischer  Haltungen reduziert (32).
Koppetsch verbindet Beobachtungen und Einschätzungen zum Rechtspopulismus mit den soziologischen Debatten zur Zweiten Moderne (Ulrich Beck), und v.a. mit der Distinktionstheorie  von Pierre Bourdieu und mit der Zivilisationstheorie von Norbert Elias, einschliesslich der  Fortschreibung der Linien des Zivilisationsprozesses durch die  Informalisierungsthese von  Cas Wouters.  Sehr ausführlich wird u. a. die hybride Kultur der Neubürgerlichkeit und deren Verhaltenscodes beschrieben (hybrid weil sie auf klassische bürgerliche Kultur, wie auch Gegenkultur zurückgeht).  Immer wieder hat man den Eindruck, es ginge im Buch genauso um die Herausbildung des kosmopolitischen Habitus. Es lohnt sich übrigens, diese Entwicklung als eigenes Thema zu behandeln – eines der folgenden Themen im Blog.

Rechtspopulismus hat ein anderes Modell von Gesellschaft. Nicht eine plurale, diverse, auf Ausgleich bedachte Gesellschaft, sondern eine kulturell weitgehend homogen gedachte Gemeinschaft von Nation, Religionsgemeinschaft oder ethnischer Gruppe (49, 168). Volkswille soll unmittelbar in politische Praxis umgesetzt werden. Immer wieder inszenieren sich Rechtspopulisten als Regelbrecher gegenüber dem Mainstream/Establishment. Erstaunlich, denn diese Begriffe bezeichneten vor nicht allzu langer Zeit eine konservative Machtstruktur. Wird hier ein Machtverlust beklagt? Gleicht man die Zielvorstellungen mit den Scenarios der Zukunftsinitiative  D2030  ab, gelangt zum Scenario Alte Grenzen – Vorwärts in die Vergangenheit.
Rechtspopulismus ist eine global auftretende Reaktion auf die globale Moderne, nicht einheitlich, sondern in jeweils eigenen, aber oft ähnlichen Ausprägungen. Parallele Entwicklungen zeigen sich im Islamismus. Dort sollen -oft archaische – Regeln der Religion über allgemeinen liberalen Werten, ja sogar den Menschenrechten stehen.

Es lassen sich noch etliche Einzelthemen, die im Buch behandelt werden erwähnen oder auch ergänzen. So etwa die Rolle von Social Media, De-Zivilisierung  und eine Vulgarisierung politischer Kommunikation. Es bleibt auch ein 20% Anteil (der Gesamtbevölkerung) mit dem Syndrom  gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, eine Zahl aus den Leipziger Autoritarismus- Studien, die seit langem konstant bleibt (97). Was Die Gesellschaft des Zorns auszeichnet, ist die detailreiche und tiefenscharfe Darstellung von Rechtspopulismus im Kontext  gesellschaftlicher Transformationen.
Der Titel des Buches selber geht auf Peter Sloterdijk (2008) zurück.  Zornunternehmer bedeutet, dass populistische Rechtsparteien Narrative erarbeiten, in denen individuelle Zornpotentiale in den Dienst ihrer Ziele gestellt werden können – ein gefühlte Bündnis der Betrogenen (30, 154).

Ein paar Anmerkungen: So bestechend die Konvergenz beider Liberalismen ist, und so deutlich sie häufig im Habitus erkennbar ist – sind denn tatsächlich dieselben weltoffenen Kosmopoliten auch die Träger von Werten wie Vielfalt und Toleranz? Gemeint ist eine Schicht, die auch ökonomisch in der Lage ist, sich abzugrenzen. Auch wenn Werte sich in Entscheidungseliten verbreitet haben bzw. dort eingefordert werden, macht es diese nicht gleich zu deren Trägern.
Und kann man die Obsession Feindbild Islam tatsächlich mit dem klassischen Antisemitismus vergleichen (62)?

Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.    Transcript Verlag, Bielefeld 2019.  283 S. ISBN: 978-3-8376-48138-6.
Graphik zur  Verteilung der Wahlberechtigten:  Populäre Wahlen. Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus bei der Bundestagswahl 2017  . Robert Vehrkamp und Klaudia Wegschaider. Bertelsmann- Stiftung. S. 15



Individualisierte Massen- Rez. Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen

Der Titel lässt an ganz aktuelle Ereignisse denken: mit den Gelbwesten in Frankreich ist der Sog der Massen zurück auf der Straße. Videos erschüttern Machtgefüge und machen die Neue Macht der Einzelnen deutlich: eine der tragenden grossen Organisationen wirkt hilflos gegenüber einem youtube-Blogger, Massenkommunikation funktioniert mittlerweile eben anders.
Gunter Gebauer und Sven Rücker geht es darum, das Konzept Masse als einer sozialen Formation in die Diskussion zurückzuführen. Dabei nehmen sie Bezug auf eine ganze Reihe – nicht nur gesellschaftsanalytischer – Autoren, insbesondere auf Elias Canetti (Masse und Macht, 1960), aber auch E.T.A. Hoffmann und Edgar Allen Poe,  Ortega y Gasset, Heidegger und Oswald Spengler, Norbert Elias und Pierre Bourdieu, Andy Warhol und v. m..
Massen steht nicht nur für grössere Ansammlungen von Menschen, auch für einen virulenten, dynamischen sozialen und psychischen Zustand, der enorme politische Wirkungen hervorzurufen vermag. Wenn sich eine Masse bildet, entsteht zwischen den Individuen ein neuer sozialer und psychischer Zustand (74).
Massen sind eine historische Kraft, die oft mit plötzlicher Wucht auftaucht, aber sie sind als solche keine handelnden Subjekte mit strategisch verfolgten Absichten und Zielen (vgl. 73). Merkmale, die  Massen auszeichnen  werden beschrieben: (neben weiteren) Mobilisierung, Intentionalität, Emotionalität, Spontaneität, Abgrenzung und eine relative Offenheit   (28-32).  Masse ist ein performatives Konzept (310), d.h. ihre Existenz zeigt sich in der AktionDer Satz “Das gerichtete Miteinander vieler Menschen und deren Übereinstimmung von Aktion, Haltung und Stimmung” (21), kann als knappe Definition gelten. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit als Folge eines Auflösens sozialer Distanzen (34).  

Drei historisch abgrenzbare Phasen werden beschrieben, in denen Massen eine jeweils spezifische Erscheinung annahmen und auch jeweils anders wahrgenommen wurden.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Massen ein beherrschendes Thema in Politik und Gesellschaft. Seit der Franz. Revolution wurde die Macht der Massen deutlich, die Kriegsbegeisterung von 1914 ist ein anderes Beispiel. Geprägt wurde der Begriff von Gustave Le Bon in dem 1895 erschienenen Psychologie der Massen, mit einer weitreichenden Wirkung u.a. auf Max Weber und Sigmund Freud in einer Zeit beschleunigter technischer und kultureller Innovationen.
Massen wurden oftmals als bedrohliche Freisetzung destruktiver Kräfte  gesehen, als Unterschichtsphänomen. Aristokraten und Bildungsbürger, die sich als Eliten verstanden, sahen sie als Bedrohung, störten sich an ihrer Gewöhnlichkeit. Die Spontaneität und die Wucht ihrer Aktionen weckte Begierden ihrer Instrumentalisierung, so in den Einparteiendiktaturen mit einer autoritären Formatierung und einer Choreographie von Massen. So wurde der Begriff Massen in der Folge oft pejorativ und mit Verachtung verwendet.

Teilhabe am Massenwohlstand

Zweite Phase einer Massen-gesellschaft wurde die Teilhabe am Massenwohlstand, zuerst verwirklicht in der American Middle Class  (16ff). Etwas ähnliches bedeutete Nivellierter Mittelstand. In der Sozialen Marktwirtschaft wurde die Teilhabe am Wohlstand gar zur Gründungslegende der BRD.  Zusammenhalt wurde nicht mehr in Massenveranstaltungen (Ausnahme: Sport), sondern über Massenmedien synchronisiert. Der Einzelne verliert sich nicht mehr in der Masse, sondern arbeitet am sozialen Aufstieg innerhalb einer Massengesellschaft mit ausgeformten Regeln. Die Steuerung der Systeme geschieht durch grosse Organisationen: Volksparteien, grosse Verbände und Unternehmen, an deren Spitze sich die Macht ballt. Kennzeichnend für diese Phase ist ein ausgeprägter Konformismus, bereits geringförmige Varianten im Konsum sollten Individualität hervorheben. Diversität war kein Thema. Erste Wandlungsprozesse zeigten sich vom Rande:   In der beginnenden Popkultur wurde individuelle Rebellion zu einem Modell  (Kérouac und Rebel without a cause werden genannt). Popkultur wurde mehr und mehr zu einer bestimmenden Massenkultur, Individualismus in der folgenden Phase zum Massenphänomen.

festival crowd

Dritte Phase  und Schwerpunkt des Buches ist die Gesellschaft der individualisierten Massen -eine Formulierung, die widersprüchlich erscheint,  in etwa entspricht sie der These der Gesellschaft der  Singularitäten. Zumindest in pluralistischen Gesellschaften  haben viel mehr Menschen als jemals zuvor die Chance, dass ihre Stimme gehört wird. Wahrscheinlich sind sich zudem viele erst jetzt der Rechte und Möglichkeiten bewusst, die ihnen eine Demokratie bietet. Die Massenkultur von heute verspricht allen ihr eigenes Selbst (245), jeder kann seinen eigenen Habitus entwickeln. 
Als alleinstehender Begriff verschwand Masse immer mehr, lebt aber in den Komposita weiter: Massen- kommunikation und Massenmedien, Massenkultur, Massenkonsum- und produktion, Massentourismus, Massenuniversität etc. Sie werden mal abwertend, mal neutral- beschreibend verwendet.  Die grossen gesellschaftlichen Systeme, voran die Kommunikationssysteme funktionieren nur aufgrund massenhafter Beteiligung (vgl. 103), in den klassischen Massenmedien als Publikum, mehr noch auf den Social Media Plattformen, wo sie auch die Inhalte bestimmen. Die neue Massenkommunikation des Internet ermöglicht eine nie geahnte Ausdehnung des Wirkungsraum des Einzelnen (237), vgl. Rezo oder Greta Thunberg.
Spricht man heute von Massengesellschaft, bezieht sich das auf Konsum, Alltagsverhalten und Lebensstil, Geschmackswahl. Man nimmt an den Öffentlichkeiten teil, die dem Habitus entsprechen.  Pluralisierung führt nicht zu einer Atomisierung der Gesellschaft, sondern zu einer Vielfalt neuer Zusammenschlüsse (312). Der alte Traum einer Masse der untereinander Gleichen erscheint in neuer technischer Gestalt (224).

Neun Kapitel gehen die Autoren durch die Bedeutungsebenen und Verwendungen des Konzepts Masse. Zwei wecken aktuell ein besonderes Interesse: IV zu Populismus und VII zu – hier so genannt- Virtuellen Massen. Populismus bedeutet das, sich im Namen einer Masse zu legitimieren, die als “das Volk” ausgegeben wird (136). Und mit diesem wird gern direkt (unverblümt) und ohne die Vermittlung von Medien- und legitimen Vertretungsinstanzen gesprochen.
Virtuelle Massen klingt etwas veraltet, nach Cyberspace der 90er Jahre, meint die Massen in den Social Media Netzwerken, in den Kommentarspalten, Blogs und Chat- Rooms. Massen, die sich zudem mit technischen Mitteln (bots) erweitern und verstärken lassen. Die Grenze zwischen solchen Fakes und tatsächlichen Massen (wobei es gleich ist, ob diese on- oder offline bestehen) wird nicht thematisiert. Sie zu erkennen zählt zur digitalen Medienkompetenz.

Der Text liest sich zwar meist flüssig und immer wieder stösst man auf sehr treffende, zitierfähige Sätze. Er enthält aber auch eine fast übergrosse Fülle an Beschreibungen einzelner Phänomene, Bezüge, Beispiele und Details, die sich oft kaum überschauen lässt. Immer wieder werden die unterschiedlichsten Seitenthemen nacherzählt bzw. weit ausgebreitet, wie etwa eine Passage zu Kunst- und Kampflied von Hanns Eisler. So hinterlässt die Lektüre ein etwas ambivalentes Gefühl. Was auffällt: Luhmann und Systemtheorie kommen nicht vor.
Das Konzept der Masse erschliesst wenig strukturierte Formen von Sozialität, überschneidet sich mit anderen Konzepten, wie Figurationen (die eine Relation zueinander bezeichnen), Tribes, Consozialität. Im Buch genannt werden Multitude, Schwärme, Sphären, Crowd – eigentlich nur die englische Entsprechung (neben mass), der sich über Crowdfunding und Crowdsourcing verbreitet hat.

Gunter Gebauer & Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen. DVA, München 2019.  345 S. ISBN: 978-3-421-04813-4. Bildquelle Festival Crowd:  doubleju / photocase.de



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