Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im Globalen Zeitalter (Rezension)

Die Gesellschaft des Zorns – Rechtspopulismus im globalen Zeitalter von Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt) erschien in diesem Frühjahr, war schnell vergriffen und wurde im Juli als Sachbuch des Monats ausgezeichnet.  Das macht deutlich, wie aktuell das Thema und wie gross der Bedarf nach Erklärungen ist.
Kernthese der Autorin ist, dass Rechtspopulismus einen emotionalen Reflex auf den Epochenbruch zur Globalen Moderne darstellt. Die Reaktion zeigt sich in den Forderungen nach Re-Nationalisierung, Re- Souveränisierung und Re-Vergemeinschaftung (24/25). Re-Nationalisierung stellt sich gegen supranationale Organisationen und Vereinbarungen – my country fírstRe- Souveränisierung fordert eine Wiederherstellung der moralischen Werte und der Vorrechte einer sich als bedroht fühlenden Mehrheit; Re-Vergemeinschaftung ist als Reaktion auf individualistische Markt- und Selbstverwirklichungskulturen zu verstehen und  bezieht sich auf das Volk als Gemeinschaft exklusiver Zugehörigkeit. Solidaritätsbeziehungen sollen in diesem Rahmen verbleiben, der Sozialstaat war immer an den Nationalstaat gebunden.
Eine gesellschaftliche Spaltungslinie verläuft zwischen den transnational/kosmopolitisch Ausgerichteten und den davon Abgekoppelten, die an den nationalen Strukturen der Industriemoderne  ausgerichtet bleiben. Beide Hälften folgen ganz anderen Erzählungen von Gesellschaft/Narrativen.

Diagonale Spaltungslinie: Wählermilieus von Modernisierungsbefürwortern und -skeptikern. Graphik erscheint nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster. Quelle: s.u.

Populäre Erklärungsmuster zum Rechtspopulismus sind die Hypothese von den ökonomischen Globalisierungsverlierern und die kulturelle Backlash- These. Zwar liegt der AfD- Anteil im Sinus- Milieu ‘prekär‘ bei 28%, die Wähler von AfD & ihrer internationalen Entsprechungen kommen hingegen aus allen Schichten. Drei Viertel der AfD- Wählerschaft sind Angestellte, Beamte und Selbstständige, ein Drittel der Sympathisierenden zählen gar zu den reichsten 20% der Bevölkerung (99). Nach der Backlash- These ist die Ablehnung kosmopolitischer und postmaterialistischer Werte entscheidend (101), die Umkehrung des sich seit den 70er Jahren verbreitenden Wertewandels.
Bleibt man im Bild der Sinus- Milieus rekrutiert sich die Anhängerschaft v.a. aus konservativer Oberschicht, traditioneller Mittelschicht und prekärem Milieu. Dabei spielen jeweils eigene Motivationen eine bes. Rolle: die Verteidigung sozialer Privilegien, ein kultureller Allgemeinvertretungs-anspruch, zuletzt Verteilungskonflikte. Nicht in den Milieus erkennbar sind besondere Gruppen, wie Evangelikale, Burschenschaften und offen, oft strategisch handelnde Rechtsradikale.
Übergreifende Klammer und Mobilisierungsthemen sind v.a. Islam und Migration (135). Ebenso, aber in geringerem Maße, die Ablehnung von Gender- Themen und Homo-Ehe.

In den acht Kapiteln geht es nicht um Rechtspopulismus als isoliertes Phänomen, sondern um dessen thematische Einbindung in die Kontexte gesellschaftlicher Transformationen: Die Neu- Figuration des politischen Raumes incl. der Transformation der Parteienlandschaft; die Transnationalisierung der Sozialräume, wie Märkte, Unternehmen, Bildungs- und Kultureinrichtungen, persönliche Netzwerke etc., und ebenso die  Wandlungsprozesse im Umgang mit Emotionen und Identität. Neo- Gemeinschaften und die politischen und kulturellen Dimensionen von Heimat werden ausgiebig behandelt.
Wie so oft beginnt die Gesellschaftsdiagnose mit dem Niedergang des korporatistischen Modells der Volksparteien und der mit ihnen verbundenen Organisationen. Durchgesetzt hat sich ein doppelter Liberalismus mit den beiden Säulen des  wirtschaftsradikalen, deregulierten Wettbewerbs und der kulturliberalen Säule von Vielfalt, Toleranz und Selbstbestimmung, Leitbegriff Diversity. Dieser doppelte Liberalismus ist mittlerweile Konsens über ein breites politisches und gesellschaftliches Spektrum.

Theoriegeleitete Empathie
(31, 33) so bezeichnet Koppetsch ihre Methodik – bedeutet zum einen kontrolliertes Fremdverstehen, die Bereitschaft zur Befremdung der eigenen Sichtweise (etwa durch konträre Gesellschaftserzählungen/Narrative), zum anderen eine Erweiterung der Perspektive, um den jeweiligen Realitätsgehalt zu überprüfen – Gesellschaft soll über den Container hinaus gedacht werden. Ausdrücklich setzt sie sich von einer Haltung ab, die AfD- Wähler auf eine Rolle als Symptomträger autoritärer und rassistischer  Haltungen reduziert (32).
Koppetsch verbindet Beobachtungen und Einschätzungen zum Rechtspopulismus mit den soziologischen Debatten zur Zweiten Moderne (Ulrich Beck), und v.a. mit der Distinktionstheorie  von Pierre Bourdieu und mit der Zivilisationstheorie von Norbert Elias, einschliesslich der  Fortschreibung der Linien des Zivilisationsprozesses durch die  Informalisierungsthese von  Cas Wouters.  Sehr ausführlich wird u. a. die hybride Kultur der Neubürgerlichkeit und deren Verhaltenscodes beschrieben (hybrid weil sie auf klassische bürgerliche Kultur, wie auch Gegenkultur zurückgeht).  Immer wieder hat man den Eindruck, es ginge im Buch genauso um die Herausbildung des kosmopolitischen Habitus. Es lohnt sich übrigens, diese Entwicklung als eigenes Thema zu behandeln – eines der folgenden Themen im Blog.

Rechtspopulismus hat ein anderes Modell von Gesellschaft. Nicht eine plurale, diverse, auf Ausgleich bedachte Gesellschaft, sondern eine kulturell weitgehend homogen gedachte Gemeinschaft von Nation, Religionsgemeinschaft oder ethnischer Gruppe (49, 168). Volkswille soll unmittelbar in politische Praxis umgesetzt werden. Immer wieder inszenieren sich Rechtspopulisten als Regelbrecher gegenüber dem Mainstream/Establishment. Erstaunlich, denn diese Begriffe bezeichneten vor nicht allzu langer Zeit eine konservative Machtstruktur. Wird hier ein Machtverlust beklagt? Gleicht man die Zielvorstellungen mit den Scenarios der Zukunftsinitiative  D2030  ab, gelangt zum Scenario Alte Grenzen – Vorwärts in die Vergangenheit.
Rechtspopulismus ist eine global auftretende Reaktion auf die globale Moderne, nicht einheitlich, sondern in jeweils eigenen, aber oft ähnlichen Ausprägungen. Parallele Entwicklungen zeigen sich im Islamismus. Dort sollen -oft archaische – Regeln der Religion über allgemeinen liberalen Werten, ja sogar den Menschenrechten stehen.

Es lassen sich noch etliche Einzelthemen, die im Buch behandelt werden erwähnen oder auch ergänzen. So etwa die Rolle von Social Media, De-Zivilisierung  und eine Vulgarisierung politischer Kommunikation. Es bleibt auch ein 20% Anteil (der Gesamtbevölkerung) mit dem Syndrom  gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, eine Zahl aus den Leipziger Autoritarismus- Studien, die seit langem konstant bleibt (97). Was Die Gesellschaft des Zorns auszeichnet, ist die detailreiche und tiefenscharfe Darstellung von Rechtspopulismus im Kontext  gesellschaftlicher Transformationen.
Der Titel des Buches selber geht auf Peter Sloterdijk (2008) zurück.  Zornunternehmer bedeutet, dass populistische Rechtsparteien Narrative erarbeiten, in denen individuelle Zornpotentiale in den Dienst ihrer Ziele gestellt werden können – ein gefühlte Bündnis der Betrogenen (30, 154).

Ein paar Anmerkungen: So bestechend die Konvergenz beider Liberalismen ist, und so deutlich sie häufig im Habitus erkennbar ist – sind denn tatsächlich dieselben weltoffenen Kosmopoliten auch die Träger von Werten wie Vielfalt und Toleranz? Gemeint ist eine Schicht, die auch ökonomisch in der Lage ist, sich abzugrenzen. Auch wenn Werte sich in Entscheidungseliten verbreitet haben bzw. dort eingefordert werden, macht es diese nicht gleich zu deren Trägern.
Und kann man die Obsession Feindbild Islam tatsächlich mit dem klassischen Antisemitismus vergleichen (62)?

Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.    Transcript Verlag, Bielefeld 2019.  283 S. ISBN: 978-3-8376-48138-6.
Graphik zur  Verteilung der Wahlberechtigten:  Populäre Wahlen. Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus bei der Bundestagswahl 2017  . Robert Vehrkamp und Klaudia Wegschaider. Bertelsmann- Stiftung. S. 15



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