Digitale Zivilisation

auch Texte zur Digitalisierung erscheinen doch meist als gedrucktes Buch; Quelle: kallejipp/photocase.de

Ein Zwischenschritt: Nach einer Reihe von Rezensionen, nun ein Entwurf dazu, Ansätze und Begriffe in eine Perspektive zu richten.
In den Debatten zur Digitalisierung heisst es immer wieder “In Wirtschaft und Gesellschaft“, es geht dann um Digitale Transformation um Disruptionen,  viel agile und manchmal fällt der etwas seltsame Begriff Gesellschaft 4.0 (4.0 bei Dirk Baecker ist übrigens etwas völlig anderes) der so klingt, als sei Gesellschaft ein weicher Standortfaktor aus dem Aktenkoffer von Unternehmensberatern. Hinter dem Bild des Update steht die Ableitung der Gesellschaft von der Industrie. Letztlich geht es dann zumeist um die Kontinuität von Organisationen in einer veränderten Umgebung, um die Effizienz einer Volkswirtschaft,  um Managementaufgaben.

Warum jetzt Zivilisation? Kultur und Zivilisation überschneiden sich in ihrer Bedeutung und haben einen weiten Bedeutungsspielraum. Zivilisation kann man als das Dach bzw. Fundament einer Gesellschaft verstehen, als das, was sie zusammenhält:  die unverhandelbaren Werte ebenso, wie der Konsens zu Konfliktlösungen und zur Aushandlung sich wandelnder Werte, die akzeptierten Umgangsformen und die  individuellen Spielräume.
Zivilisation ist im ständigem Wandel. Angelehnt an Norbert Elias geht es um Gesellschafts – wie auch Persönlichkeitsstrukturen, das sich immer wieder verändernde und neu prägende Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Ausformung des Habitus. Zentral ist dabei das Konzept der Interdependenz, bestimmt durch Machtbalancen.

Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft; Bild: kallejipp/photocase.de

Kontrollgesellschaft löst Disziplinargesellschaft ab – die Begriffe gehen auf Gilles Deleuze und Michel Foucault zurück. Disziplinargesellschaft (Foucault) erinnert an das Stahlharte Gehäuse der Hörigkeit (Max Weber), sie bedeutet(e) die Einbindung des einzelnen in sich anschliessende, hierarchisch organisierte geschlossene Systeme: (patriarchalische) Familien, Schulen, Kasernen, Fabriken etc.; Religion bzw. parareligiöse Weltanschauungen sorgten für eine Überhöhung.  Macht wurde persönlich und strukturell von oben nach unten ausgeübt. Menschen wurden geschliffen, um eine vorgesehene Funktion zu erfüllen. Disziplinargesellschaften gipfelten in den Phantasien der Formation eines Neuen Menschen in totalitären Systemen und wurden in den Reform- und Konsumgesellschaften gemildert. Sie brachten aber auch Ausgleichs- und Gegenbewegungen hervor.  Der Gestus des Rebellischen und sein Zeichenrepertoire zählen seitdem zum Fundus der Alltagskultur.
In der Kontrollgesellschaft ist Macht nicht mehr in den hierarchischen Stufen personalisiert, in ihrer Wirkung aber ebenso präsent. Selbstkontrolle ersetzt Außenkontrolle. Jeder wird selbst zu seinem eigenen, kleinen Unternehmen. Die Eroberung des Marktes geschieht durch Kontrollergreifung und nicht mehr durch Disziplinierung … der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch” (Deleuze, 1993).
Deutlicher wird das Konzept mit der These vom Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft (Dirk Baecker, Luhmann folgend). Die Struktur der Gesellschaft wird auch auf den Möglichkeiten der elektronischen Rechner. Wir müssen uns eine Kultur zurechtlegen, die nicht mehr nur kontrolliert, was wir hören und sagen, aufschreiben und lesen, verbreiten und rezipieren, sondern auch kontrolliert, welche Art von Daten zu welchen unserer Praktiken alltäglicher und beruflicher Art Zugang erhält  (Baecker 2014).

Eines der anschaulichsten Bilder zur Digitalen Gesellschaft ist das der Granularität von Christoph Kucklick (Die Granulare Gesellschaft, 2016). Granularität bedeutet ein Maß der Neuvermessung von Gesellschaft in feinkörniger Auflösung. Mehr und mehr Details werden vermessen und ausgedeutet. Im Online- Marketing sind wir mittlerweile an personalisierte Werbung gewöhnt – das stört die meisten Menschen nicht weiter.
Ausdeutung beschränkt sich nicht auf Konsumpräferenzen. Das Wesen des Digitalen ist die Übersetzung aller verfügbaren Informationseinheiten in miteinander verrechenbare Daten und deren Steuerung durch Algorithmen. Das schließt die Ausdeutung menschlichen Verhaltens ein, Identitäten lassen sich rasch entschlüsseln. Die Verteilung von Chancen wird wesentlich beeinflusst. Wirklich gefährlich wird die Verfügung über Daten in der Verbindung mit ausführender Macht in  einer einzelnen Hand.
Den Begriff der Datenreichen Märkte (Ramge & Mayer- Schönberger) setzt eine positive Perspektive der Datenwirtschaft – unter der Bedingung einer politischen und gesellschaftlichen Gestaltung der Datenökonomie und ihrer Rahmenbedingungen. Man kann den Begriff um den der “Datenreichen Gesellschaft” ergänzen. Der Gewinn darf nicht allein den großen Datenmonopolisten zugute kommen, Zielvorstellung ist eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Vom Bild der Granularität ist es nicht weit zum Begriff der SingularisierungDas bedeutet weder Vereinzelung/ Atomisierung noch einen überbordenden Individualismus, sondern im wesentlichen ein neues Ordnungsprinzip. Einst sehr wesentliche Mechanismen der Vergesellschaftung haben an Einfluß verloren. Der einzelne ist weniger Teil einer organisierten Gruppe oder eines gegliederten Milieus, als über die Vielzahl seiner Merkmale# vernetzt – darüber ist er als Individuum adressierbar. Es sind v.a. die großen Organisationen mit Funktionärsapparat, die an Einfluß verlieren. 

Sind es die Techniken und Medien, die gesellschaftlichen Wandel verursachen? – Oder bringen die Gesellschaften die ihnen gemässen Techniken und Medien hervor? Eine Henne & Ei Frage. Der Begriff Technogenese soll die parallele Entwicklung von Technologie und Gesellschaft verdeutlichen. Die Verbreitung neuer Techniken und Medien führt immer wieder zu Schüben von Veränderungen. Keine Renaissance, keine Reformation ohne Buchdruck, keine Arbeiterklasse ohne Industrielle Revolution, keine Globalisierung ohne die entsprechenden Medien.
Über die direkten Effekte hinaus verändert Digitalisierung die Textur, die Granularität der Gesellschaft.  Digitalisierung findet global statt und trifft auf ganz unterschiedliche Gesellschaften mit unterschiedlichen  Wertvorstellungen. Weltweit gibt fast keinen Ort mehr, der nicht von digitalen Medien ausgeleuchtet wird,  keine last frontier auf diesem Planeten. Die Macht ist fluide, ob sie eher oligarchisch in den großen Unternehmen des Datenkapitalismus verbleibt oder immer wieder neu ausgehandelt wird, ist die Frage.  Die Ausformung einer Gesellschaft, die dem allen Rechnung trägt, könnte man Digitale Zivilisation nennen.

 

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt.. Merve Verlag, Leipzig 2018.  272 S. Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679; 283 S., 18 €; Christoph Kucklick:  Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. 2016,. 268 S.   Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ; Victor Mayer- Schönberger  & Thomas Ramge: Das Digital -Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, München 2017, 304 S.  Timo Daum:  Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie. Edition Nautilus, Hamburg 09/2017.  268 S.



4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt (Rezension)

Immer wieder 4.0 … und ausgerechnet  von  einem Soziologen, aber hier gilt eine ganz andere Zählweise: 4.0 ist keine Etappe der industriellen Revolution, sondern weit ausgreifend die 4.  Medienepoche der Menschheitsgeschichte. Zuerst war die Sprache und die Stammesgesellschaft, dann die Schrift und die antike Gesellschaft, später kam der Buchdruck und die moderne Gesellschaft und jetzt eben Digitalisierung mit den elektronischen Medien und der Nächsten Gesellschaft (entlehnt von Next Society nach Peter Drucker). Gesellschaften waren von Beginn an von ihrer Medialität geprägt, angefangen mit der Sprache.

Verbreitungsmedien lösen sich nicht ab, sondern es treten neue hinzu:  Neue Verbreitungsmedien bedeuten neue Möglichkeiten der Verknüpfung von Kommunikation, die man vorher noch nicht kannte, sie sind bestimmend für die Struktur und Kultur einer Gesellschaft, eine Art prägende Textur. Soweit ist die Einteilung einleuchtend – bis auf eine Lücke zwischen 3.0 und 4.0  (dazu später).
Die Nächste Gesellschaft, das ist die Computer- bzw. digitale Gesellschaft, hat die Moderne schon hinter sich. Von dieser unterscheidet sie sich wie die Elektrizität von der Mechanik (14). Moderne meint hier die Medienepoche, die die demokratische, industrielle, und pädagogische Revolution hervorgebracht hat.  
Bereits 2007 hatte Baecker Studien zur Nächsten Gesellschaft veröffentlicht, daraus entstanden später (2011) 16 Thesen zur Zukunftsfähigkeit der Nächsten Gesellschaft, mittlerweile sind daraus 26 geworden (nachzulesen in seinem Blog).
Die Theorie darf nicht schlüssiger auftreten als die Gesellschaft, der sie gilt“ (12) – so besteht Baecker auf dem kursorisch- essayistischen, manchmal vorsichtigen und manchmal sehr detailliert definierenden Charakter des Buches. Der Aufbau ist dann überraschend schematisch. Die 26 Thesen entsprechen 26 Themen, die in den 26 Kapiteln abgehandelt werden. Ganz zum Schluß steht dann eine ziemlich erstaunliche tabellarische Übersicht (270/271). Dort kann man ablesen, wie einzelne Themen in den vier Medienepochen bewältigt wurden: Zu Wirtschaft findet man bspw. aufsteigend von der tribalen zur nächsten Gesellschaft Erfahrung, Besitz, Kapital, Daten; Organisation beginnt erst mit der zweiten (antiken) Gesellschaft als Institution, wird in der Moderne zur formalen Organisation, schließlich zur agilen Plattform.

Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft;  Bild: kallejipp/photocase.de

Weniger schematisch sind die  Texte der einzelnen Kapitel selber. Vorab sind die jeweiligen Thesen ausformuliert, manchmal in geradezu aphorismischen Worten. Fast jedes der Kapitel würde sich, weiter ausgearbeitet, für einen eigenen Buchtitel eignen: “Das Individuum, vergesellschaftet”,  “Überwachte Gesundheit”, “Konsum mit Stil”, “Agiles Mißtrauen und organisierte Arbeit”, “Das Recht der Daten”, “Moral und Ethik des Guten Lebens”, “Der Tod als Löschvorgang” etc. – es sind Themen, die uns oft sehr konkret und aktuell interessieren. Hier enthält das Buch immer wieder neue Beobachtungen, Einsichten, zahlreiche  Referenzen (dass Luhmann beim Systemtheoretiker Baecker oft erwähnt wird, wundert nicht), die insgesamt das Thema Digitale Transformation neu (und sehr reflexiv) beleuchten.
In Summa geht es um die einzelnen gesellschaftliche Felder, wie Konsum, Sport, Religion, Recht, Liebe, Kunst, Arbeit, Technik, Management, künstliche Intelligenz etc., in denen durchgespielt wird, welche Antworten frühere Gesellschaften darauf gefunden haben und welche die nächste Gesellschaft  finden kann. Die Phänomene, um die es geht sind die der Digitalisierung: “Die Automatisierung der Industrie, die politischen Möglichkeiten der Überwachung, die massenmediale Bereitstellung von Plattformen für Arbeit, Konsum und Unterhaltung …”  – es wird deutlich, dass digitale Transformation der Gesellschaft, etwas viel weitgehenderes ist, als der immer wieder gehörte Spruch “in Wirtschaft und Gesellschaft” denken lässt.    

Merken sollte man sich den Kontrollüberschuss der digitalen Gesellschaft, der dem Kritiküberschuss der Moderne oder dem Referenzüberschuss der Sprache entspricht – Überschusssinn “bedeutet jeweils, dass ein Medium der Kommunikation mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als je aktuell wahrgenommen werden können” (Baecker 2016).  Auch diese Begriffe gehen letztlich auf Niklas Luhmann “Verweisungsüberschuss von Sinn” zurück.

Das Sprachbild der Versionsnummern (4.0) scheint unwiderstehlich zu sein, wenn es um Digitale Transformation geht. Ob Ironie zur Industrie 4.0 und ihren zahlreichen Ableitungen versteckt ist, wer weiß?, erwähnt wird das andere 4.0 nirgends.

Wirklich klar, bzw. historisch fassbar wird eine Trennlinie zwischen der modernen und der nächsten Gesellschaft allerdings nicht. Baecker betont immer wieder die Zugehörigkeit der audiovisuellen Verbreitungsmedien (Kino, Radio, TV, Telefon, Fotografie) zu den elektronischen Medien der nächsten Gesellschaft. Heute sind diese in den digitalen Medien miteinander verschmolzen, haben aber in ihrer analogen Form das 20. Jahrhundert geprägt. Es ist diese Medienepoche, aus der  wir kommen.

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt.. Merve Verlag, Leipzig 2018.  272 S. ISBN: 978-3-96273-012-3



Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie (Rezension)

Das Kapital sind wir von Timo Daum erschien bereits im Herbst 2017, aber erst auf der re-publica 18 wurde ich darauf aufmerksam.  Das Buch hält weitgehend, was der Titel verspricht – zudem ist es so flüssig geschrieben, dass man es an beinahe jeder Stelle aufschlagen und in den Text einsteigen kann.
Der Kapitalismus hat sich als Digitaler Kapitalismus neu erfunden. Ein neues Akkumulationsmodell hat sich herausgebildet und das fordistische Modell von Massenproduktion und -komsum abgelöst. Dem neuen Modell  gelingt es,  die gesamte Gesellschaft mit ihren Gedanken und Tätigkeiten in den Dienst zu nehmen und mit Information, Algoritmen und User Generated Content Geld zu verdienen (21/22). Freier Austausch wird ermöglicht – und gleichzeitig kommerziell als Rohstoff genutzt. Soweit bekannt, und so in etwa der Einstieg.

Ähnlich wie Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge in Das Digital nimmt Timo Daum bezug auf Karl Marx. Was hätte Marx zum Digitalen Kapitalismus gesagt? steht als rhetorische Frage im Hintergrund.
Bei Ramge und Mayer- Schönberger steht das Konzept der Datenreichen Märkte als Voraussetzung der Nutzung und Verbreitung von KI im Vordergrund – eine Perspektive, die grundlegend bejaht wird. Problem bleibt das Ungleichgewicht bei der Verteilung der Digitalen Dividende.

Die Digitale Vermessung der Welt erfasst immer mehr Lebensbereiche (Bild: kallejipp photocase.de)

Daum greift die ganze Breite von Themen auf, die seit längerem zum Netz, zur Digitalisierung und dem damit verbundenen Wandel diskutiert werden. Sharing Economy, Kreativwirtschaft und die Digitale Bohème, der Solo- Kapitalist (Solopreneur), das bedingungslose Grundeinkommen etc., samt der jeweils mehr oder weniger ideologischen Begleitmusik (so in der Sharing Economy oder der Weltverbesserungsagenda von Facebook, S. 131).
Die digitale Vermessung der Welt stellt immer mehr Lebensäußerungen in ihren Dienst, die vormaligen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen.  Arbeit und Einkommen entkoppeln sich, der Begriff von Arbeit an sich verändert sich.
Daum versteht sich als Linker, wer aber eine rundum- Kritik am digitalen Kapitalismus erwartet, wird enttäuscht. So etwa die Rezensenten der Buchvorstellung in Hamburg, die geradezu entsetzt sind über die überraschend versöhnliche Haltung zum Kapitalismus.
Denn ganz so kritisch sieht Daum den Digitalen Kapitalismus nicht: der freie und kostenlose Zugang zu Informationen und Diensten ist ihm zu verdanken (236). Dem alten fossilen, konsumorientierten Kapitalismus ist hingegen nicht nachzutrauern (241). Arbeiterbewegung und Gewerkschaften hatten darin über die Jahrzehnte Rechte, Sicherheiten und Teilhabe erkämpft, eine Tradition zu der eine Parallele in der digitalen Gesellschaft noch fehlt.
Unternehmen des Digitalen Kapitalismus übernehmen Aufgaben globaler Dimension. Erst mit den Inhalten der Nutzer (Prosumer) werden die Plattformen zum Leben gebracht. Ein treffendes Bonmot: Der Digitale Kapitalismus schafft es, frei verfügbares Wissen zu kolonisieren, als proprietären Service neu zu verpacken und diesen wiederum zu verwerten (235).
Wenn es eine abschließende Aussage zum Digitalen Kapitalismus gibt, dann ist sie dezent platziert: Der Kapitalismus ist keine fremde, uns knechtende Macht: Wir selbst sind der Kapitalismus. Wir schaffen selbst die Abstraktionen, von denen wir uns beherrschen lassen (123).

Ein Ausblick: Der digitale Kapitalismus dringt in neue Bereiche vor: Mobilität, Energie, Transport, Logistik. Wir brauchen eine kostenlose Grundversorgung für die digitale Stadt, einen New Deal, bei dem die Bewohnerinnen ihre Daten beisteuern (241), und eine algoritmische Alphabetisierung. Digitaler Kapitalismus wäre vom Standpunkt des Neuen, Möglichen zu kritisieren – nicht von dem des Alten.

Timo Daum: Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie. Edition Nautilus, Hamburg 09/2017.  268 S. ISBN: 978-3-96054-058-8



Die Gesellschaft der Singularitäten (Rez.)

Soziologische Monographien der letzten Jahrzehnte  erschienen bezeichnenderweise immer wieder unter Titeln, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge spätmoderner Gesellschaften aufrollen: Risiko-, Erlebnis-, Multioptions-, Abstiegs- gesellschaft, Resonanz als Weltbeziehung etc. – bei Andreas Reckwitz geht es nun um Singularitäten als solche. Mit einigen Abstrichen befassen sich alle diese Titel mit Erscheinungen des Übergangs von der klassischen  Industriegesellschaft zur Spätmoderne, bei Ulrich Beck (Risikogesellschaft) z. B. Erste und Zweite Moderne genanntReckwitz’  Thema ist die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Vorausgegangen war „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2013).

Kernthese des jetzt (10/2017) erschienenen Buches ist ein Bedeutungsverlust des Allgemeinen (d.h. auch des Konformen und Konventionellen) gegenüber dem Besonderen. An die Stelle normbildender Gleichheit, die sich vielfältig niedergeschlagen hatte, so “in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur(Die Zeit, 4.10.17), ist das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt, getreten. Träger ist die mit der Bildungsexpansion gewachsene akademisch gebildete Neue Mittelschicht mit dem Anspruch an ein gutes Leben. Kennzeichnend sind die Suche nach authentischen Erfahrungen in Beruf, Privatleben und Freizeit und einem ästhetischen und ethischen Anspruch an das eigene Leben.

Singularitätsmarkt CraftBeer

Singularisierung ist mit Kulturalisierung verbunden, d.h. Güter und Dienstleistungen werden mit Wert bedacht – valorisiert, erhalten eine narrativ- hermeneutische Dimension. Am augenfälligsten sind Singularisierungen in Lebensstil und Konsum. So beim Essen – ein Connaisseurtum wird nicht nur beim Wein gepflegt. Genuß- und andere Lebensmittel wie CraftBier, Kaffee, SchokoladeBeef, Ethnic Food etc. bieten Gelegenheit dazu. Bausteine eines singularistischen Lebensstils finden sich in den meisten Lebensbereichen: Wohnen, Reisen, Mode, in allen Sparten von Kultur und Sport, im gesellschaftlichen Engagement – und im Verhältnis zum eigenen Körper. Der Kulturbegriff ist längst so weitgefasst, dass er alle Formen von Hoch- und Popularkultur genauso umfasst, wie Alltagskulturen jeglicher Herkunft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Bogen reicht von Paläo- Diät  zu Industriekultur, Fußball- und Games- bis etwa zur Sneakerkultur, entscheidend ist der Anschluß an Narrationen. Handwerkliche Herstellung, Manufakturwaren erleben ein Revival. Im Kulturkapitalismus wird die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital (172).

Singularisierte Arbeit im Projektteam Bild: time. / photocase.de

In der postindustriellen (= spätmodernen) Gesellschaft transformiert sich die Arbeitswelt. In innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix. Dieser Arbeitsmarkt fordert ein möglichst einzigartiges Profil von Kompetenzen und Potentialen (182) – und deren Umsetzung in einer angemessenen Performance. Intrinsische Motivation wird erwartet. Der Mitarbeiter/Selbstunternehmer hat beständig an seiner Arbeitsmarktfähigkeit/Employability zu arbeiten. Markterfolg ist abhängig von seiner Performance mit einer in sich stimmigen Besonderheit – erstrebenswert ist eine gelungene Balance zwischen Konzentration und Lässigkeit im AuftrittHR Management kommt die Identifizierung und Förderung von Besonderheiten zu. Nebendem bestehen routinisierte und zunehmend automatisierte – profane –  Arbeiten weiter:  “Die Arbeit ist profan, wenn der Arbeitnehmer austauschbar ist (und sich selbst auch so wahrnimmt), und sie ist singulär, wenn das nicht der Fall ist” (185). Lovely Jobs und Lousy Jobs liegen oft nahe beieinander.

Von der industriellen Moderne zur Kreativ- und Wissensökonomie in der Spätmoderne

Inwieweit wird “Die Gesellschaft der Singularitäten” dem Anspruch als Zeitdiagnose gerecht? Die Erosion der industriellen Logik, Individualisierung, der Abschied von einer Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen, Konvergenzen von Neoliberalismus und Gegenkultur, die „Creative Economy“ sind seit einigen Dekaden Thema.
Reckwitz bezieht sich immer wieder auf letztere, erweitert als experience economy, als der treibenden Kraft der postindustriellen Wirtschaft. Neben der Kreativ- und Wissensökonomie (incl. der Digitalwirtschaft) im engeren Sinne fallen Sport, Tourismus, Entertainment, Gastronomie etc., auch Teile von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, Gesundheitswirtschaft, das Umfeld von Beratern, Start-Ups, Influencern, Solopreneuren aller Art, darunter – soweit sie der Logik der kulturellen Singularitätsgüter entsprechen: Authenzitätsanspruch, Erlebnisqualität, maßgeschneiderte Produkte und Problemlösungen. Kulturkapitalismus bzw. Kulturökonomisierung hat hier seinen Ursprung. Akteure und Unternehmen entstammen oft lokalen oder subkulturellen  Inkubationszentren.

Im Konzept der Singularitäten fügen sich ganz unterschiedliche Phänomene der Spätmoderne zusammen: in Lebensstil und Konsum, auf den Märkten und dem Arbeitsmarkt, in der Erziehung und im Wettbewerb. Auf der individuellen Ebene z.B., wenn die eigene Arbeit und die eigene Performance beständig valorisiert und abgeglichen werden. Konzepte wie New Work oder Storytelling erscheinen neu beleuchtet. Ein schöner Satz: Im Modus der Singularität wird das Leben nicht einfach gelebt, sondern kuratiert(9). Gesellschaftliche Prozesse, die seit einigen Jahrzehnten stattfinden,  verstärken und beschleunigen sich sich mit der Digitalisierung (vgl. Kultur der Digitalität von F. Stalder).
Recknitz stellt die einzelnen Felder äußerst detailreich dar, manchmal erscheinen seine Ausführungen etwas überakzentuiert.  Ein Buch das Zeit braucht, immerhin knapp 500 Seiten.

Weniger folgen kann ich ihm dort, wo er von einer Neuen Klassengesellschaft spricht (FAZaS, 22.10.17), zumindest in der Form, in der die Neue Mittelklasse einer Alten Mittelklasse und einer Neuen Unterschicht gegenübersteht – und er dazu die (kleine) vermögende Oberschicht der Neuen Mittelklasse zuschlägt. Recknitz stuft den Anteil der Neuen Mittelklasse auf ca. 1/3 der Bevölkerung  ein –  in Anlehnung an vier der Sinus- Milieus. Kulturelle Bruchlinien sind wohl zu erkennen, doch sind Gemeinsamkeiten zunächst begrenzt: kulturelles Kapital, ein Ideal der Selbstverwirklichung, Zugang zu den öffentlichen Diskursen, eine mehr oder minder expressive Performance. Das Risiko der Prekarität, des Sich-Durchwurschtelns (Muddling through) trifft nicht nur eine Unterklasse. New Work schafft Macht in Unternehmen und Organisation nicht ab. Auch die Creative Economy ist zumindest entzaubert. Reale Machtunterschiede treten immer wieder hervor, so etwa auf dem Immobilienmarkt.
Gelegentlich wird von einem Auseinanderfallen, gar einer Atomisierung der Gesellschaft gesprochen. Für die großen normsetzenden Organisationen und Milieus mag das gelten – und Reckwitz spricht beinahe nostalgisch vom Verschwinden der sozial angepassten Persönlichkeit (9), des klassischen Kleinen Mannes. Was sich verändert hat, ist die Figuration von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Charakteristisch sind z.B. interessenbestimmte Neogemeinschaften und sich immer wieder neu nach jeweils singulären Merkmalen zusammenfügende Teilöffentlichkeiten. Und wer danach fragt: Es wird auch weiterhin Raum für ein sozial angepasstes Leben geben.
Es hat den Anschein, dass die Forderungen der sog. Künstlerkritik, die sich gegen Entfremdung im fordistischen Kapitalismus richtete – Freiheit, Autonomie, Sinn, Authentizität und auch Spaß einforderte – zumindest partiell zu einem Leitbild wurden. Kein entfremdeter Konsum und keine entfremdete Arbeit, sondern kuratierter Konsum und kuratierte Arbeit. Demgegenüber steht die Sozialkritik, die Solidarität, Sicherheit und Gleichheit einfordert.
Merken sollte man sich einige Begriffe und Konzepte: die Valorisierung kultureller Praxis im weitesten Sinne. Valorisierung bedeutet zunächst eine Wertzumessung ästhetischer, ethischer oder körperlich erfahrbarer Art (Einbindung in eine Narration/Storytelling zählt dazu), schließt eine kommerzielle Verwertung aber nicht aus. Man kennt es aus der Markenbildung, von Stadtmarketing, Eventgastronomie etc.
Ebenso Serielle Singularitäten (135) – dieser Begriff kommt bei Reckwitz zwar nur am Rande vor, trifft aber die algorithmisch geschaffenen Singularitäten. Im Plural werden Singularitäten nicht zu Massengütern – sondern zu personalisierten seriellen Singularitäten.

Politische Planungs- und Steuerungsphantasien, wie sie noch die industrielle Moderne prägten, prallen an der Gesellschaft der Singularitäten ab (442), Politik wird immer öfter zur Moderation.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017    



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