Digitale Zivilisation

auch Texte zur Digitalisierung erscheinen doch meist als gedrucktes Buch; Quelle: kallejipp/photocase.de

8/11/18 kmjan
Nach einer Reihe von Rezensionen, nun ein Entwurf dazu, Ansätze und Begriffe in eine Perspektive zu richten.
In den Debatten zur Digitalisierung heisst es immer wieder “In Wirtschaft und Gesellschaft“, es geht dann um Digitale Transformation um Disruptionen,  viel agile und manchmal fällt der etwas seltsame Begriff Gesellschaft 4.0 (4.0 bei Dirk Baecker ist übrigens etwas völlig anderes) der so klingt, als sei Gesellschaft ein weicher Standortfaktor aus dem Aktenkoffer von Unternehmensberatern. Hinter dem Bild des Update steht die Ableitung der Gesellschaft von der Industrie. Letztlich geht es dann zumeist um die Kontinuität von Organisationen in einer veränderten Umgebung, um die Effizienz einer Volkswirtschaft,  um Managementaufgaben.

Warum jetzt Zivilisation? Kultur und Zivilisation überschneiden sich in ihrer Bedeutung und haben einen weiten Bedeutungsspielraum. Zivilisation kann man als das Dach bzw. Fundament einer Gesellschaft verstehen, als das, was sie zusammenhält:  die unverhandelbaren Werte ebenso, wie der Konsens zu Konfliktlösungen und zur Aushandlung sich wandelnder Werte, die akzeptierten Umgangsformen und die  individuellen Spielräume.
Zivilisation ist im ständigem Wandel. Angelehnt an Norbert Elias geht es um Gesellschafts – wie auch Persönlichkeitsstrukturen, das sich immer wieder verändernde und neu prägende Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Ausformung des Habitus. Zentral ist dabei das Konzept der Interdependenz, bestimmt durch Machtbalancen.

Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft; Bild: kallejipp/photocase.de

Kontrollgesellschaft löst Disziplinargesellschaft ab – die Begriffe gehen auf Gilles Deleuze und Michel Foucault zurück. Disziplinargesellschaft (Foucault) erinnert an das Stahlharte Gehäuse der Hörigkeit (Max Weber), sie bedeutet(e) die Einbindung des einzelnen in sich anschliessende, hierarchisch organisierte geschlossene Systeme: (patriarchalische) Familien, Schulen, Kasernen, Fabriken etc.; Religion bzw. parareligiöse Weltanschauungen sorgten für eine Überhöhung.  Macht wurde persönlich und strukturell von oben nach unten ausgeübt. Menschen wurden geschliffen, um eine vorgesehene Funktion zu erfüllen. Disziplinargesellschaften gipfelten in den Phantasien der Formation eines Neuen Menschen in totalitären Systemen und wurden in den Reform- und Konsumgesellschaften gemildert. Sie brachten aber auch Ausgleichs- und Gegenbewegungen hervor.  Der Gestus des Rebellischen und sein Zeichenrepertoire zählen seitdem zum Fundus der Alltagskultur.
In der Kontrollgesellschaft ist Macht nicht mehr in den hierarchischen Stufen personalisiert, in ihrer Wirkung aber ebenso präsent. Selbstkontrolle ersetzt Außenkontrolle. Jeder wird selbst zu seinem eigenen, kleinen Unternehmen. Die Eroberung des Marktes geschieht durch Kontrollergreifung und nicht mehr durch Disziplinierung … der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch” (Deleuze, 1993).
Deutlicher wird das Konzept mit der These vom Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft (Dirk Baecker, Luhmann folgend). Die Struktur der Gesellschaft wird auch auf den Möglichkeiten der elektronischen Rechner. Wir müssen uns eine Kultur zurechtlegen, die nicht mehr nur kontrolliert, was wir hören und sagen, aufschreiben und lesen, verbreiten und rezipieren, sondern auch kontrolliert, welche Art von Daten zu welchen unserer Praktiken alltäglicher und beruflicher Art Zugang erhält  (Baecker 2014).

Eines der anschaulichsten Bilder zur Digitalen Gesellschaft ist dasder Granularität von Christoph Kucklick (Die Granulare Gesellschaft, 2016). Granularität bedeutet ein Maß der Neuvermessung von Gesellschaft in feinkörniger Auflösung. Mehr und mehr Details werden vermessen und ausgedeutet. Im Online- Marketing sind wir mittlerweile an personalisierte Werbung gewöhnt – das stört die meisten Menschen nicht weiter.
Ausdeutung beschränkt sich nicht auf Konsumpräferenzen. Das Wesen des Digitalen ist die Übersetzung aller verfügbaren Informationseinheiten in miteinander verrechenbare Daten und deren Steuerung durch Algorithmen. Das schließt die Ausdeutung menschlichen Verhaltens ein, Identitäten lassen sich rasch entschlüsseln. Die Verteilung von Chancen wird wesentlich beeinflusst. Wirklich gefährlich wird die Verfügung über Daten in der Verbindung mit ausführender Macht in  einer einzelnen Hand.
Den Begriff der Datenreichen Märkte (Ramge & Mayer- Schönberger) setzt eine positive Perspektive der Datenwirtschaft – unter der Bedingung einer politischen und gesellschaftlichen Gestaltung der Datenökonomie und ihrer Rahmenbedingungen. Man kann den Begriff um den der “Datenreichen Gesellschaft” ergänzen. Der Gewinn darf nicht allein den großen Datenmonopolisten zugute kommen, Zielvorstellung ist eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Vom Bild der Granularität ist es nicht weit zum Begriff der SingularisierungDas bedeutet weder Vereinzelung/ Atomisierung noch einen überbordenden Individualismus, sondern im wesentlichen ein neues Ordnungsprinzip. Einst sehr wesentliche Mechanismen der Vergesellschaftung haben an Einfluß verloren. Der einzelne ist weniger Teil einer organisierten Gruppe oder eines gegliederten Milieus, als über die Vielzahl seiner Merkmale# vernetzt – darüber ist er als Individuum adressierbar. Es sind v.a. die großen Organisationen mit Funktionärsapparat, die an Einfluß verlieren. 

Sind es die Techniken und Medien, die gesellschaftlichen Wandel verursachen? – Oder bringen die Gesellschaften die ihnen gemässen Techniken und Medien hervor? Eine Henne & Ei Frage. Der Begriff Technogenese soll die parallele Entwicklung von Technologie und Gesellschaft verdeutlichen. Die Verbreitung neuer Techniken und Medien führt immer wieder zu Schüben von Veränderungen. Keine Renaissance, keine Reformation ohne Buchdruck, keine Arbeiterklasse ohne Industrielle Revolution, keine Globalisierung ohne die entsprechenden Medien.
Über die direkten Effekte hinaus verändert Digitalisierung die Textur, die Granularität der Gesellschaft.  Digitalisierung findet global statt und trifft auf ganz unterschiedliche Gesellschaften mit unterschiedlichen  Wertvorstellungen. Weltweit gibt fast keinen Ort mehr, der nicht von digitalen Medien ausgeleuchtet wird,  keine last frontier auf diesem Planeten. Die Macht ist fluide, ob sie eher oligarchisch in den großen Unternehmen des Datenkapitalismus verbleibt oder immer wieder neu ausgehandelt wird, ist die Frage.  Die Ausformung einer Gesellschaft, die dem allen Rechnung trägt, könnte man Digitale Zivilisation nennen.

 

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt.. Merve Verlag, Leipzig 2018.  272 S. Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679; 283 S., 18 €; Christoph Kucklick:  Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. 2016,. 268 S.   Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ; Victor Mayer- Schönberger  & Thomas Ramge: Das Digital -Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, München 2017, 304 S.  Timo Daum:  Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie. Edition Nautilus, Hamburg 09/2017.  268 S.