Die Fundamentalopposition zu KI und ihre Grenzen

Digitale Antifa?  Bild: joshua-koblin; unsplash+

Die beiden folgenden Texte setzen eine Reihe von Beiträgen zur Debatte Ko-Evolution von Mensch und KI  fort. Eine Auseinandersetzung mit der Fundamentalopposition gegen KI ist der Ausgangspunkt. Im zweiten Teil geht es dann um die “Landnahme der generativen KI” – und den Versuch der Deutung als einen Prozess der Technogenese. 

Die Faschismuskeule ist das gröbste Geschütz  in der öffentlichen Debatte. Es geht nicht darum, eine Fehlentwicklung zu korrigieren — es ist eine Totaldiagnose, die die politische Reaktion auf Verweigerung und Widerstand eingrenzt und dabei jede Aushandlung ausschließt.

Jürgen Geuter, bekannt als @tante, holt sie in seinem Rant AI as a Fascist Artifact (26.04.26) gegenüber KI hervor. Nicht als Warnung vor Missbrauch, nicht als Beschreibung einer Tendenz, sondern als Strukturdiagnose: KI sei inhärent faschistisch, ihre Technologie auf faschistischen Ideen gegründet, ihr gesellschaftlicher Effekt die strukturelle Unterstützung faschistischen Denkens – klare Kante¹.

Geuters Text ist keine Analyse, sondern als Intervention zu verstehen. Ein Rant,  der Zuspitzung bewusst als Stilmittel nutzt. Das ist nicht neu. Als @tante hatte er sich mit einer vernichtenden Kritik am Hype um Web3 (“das Internet, das es zu verhindern gilt”) und die Blockchain-Ökonomie einen Namen gemacht. Eine Kritik, die dazu beitrug, Web3 als nicht tragfähig zu delegitimieren.
Der aktuelle Text richtet sich gegen Positionen, die KI regulieren, demokratisieren, zumindest gesellschaftlich einhegen wollen. Also gegen die Vorstellung, die Technologie könne von ihren Machtstrukturen getrennt und politisch zurückgewonnen werden.

Geuter stützt sich dabei vor allem auf zwei Bezugspunkte. Zum einen auf die Definition des  KI-Kritikers Ali Alkhatib (vgl. Destroy AI) – der KI nicht als Technologie mit politischen Eigenschaften versteht, sondern als politisches Projekt schlechthin:
I think we should shed the idea that AI is a technological artifact with political features and recognize it as a political artifact through and through. AI is an ideological project to shift authority and autonomy away from individuals, towards centralized structures of power. Projects that claim to “democratize” AI routinely conflate “democratization” with “commodification“.
Zum anderen bezieht er sich auf einen Text des Technikphilosophen Langdon Winner Do Artifacts Have Politics?  (1980).  Ihm zufolge sind Technologien keine neutralen Werkzeuge, sondern tragen eine inhärente Politik in sich: Ihre Gestaltung, ihre Infrastruktur und die Ziele ihrer Entwickler setzen bestimmte politische oder soziale Strukturen voraus und fördern diese.

Die analytischen Grenzen der Fundamentalopposition

Rainer Mühlhoff vermeidet zwar in Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus eine Gleichsetzung von KI und Faschismus, hebt aber eine ideologische und technologische Affinität hervor. In der Rezension hatte ich seine Grundthese ausdrücklich geteilt: Aus der Verbindung von Alt-Right-Politik und elitistischen Tech-Ideologien erwächst ein faschistisches Potential. Skeptisch bleibe ich jedoch gegenüber der weitergehenden Annahme, KI selbst besitze eine besondere Nähe zum Faschismus.

Präemption – die Vorwegnahme und Steuerung zukünftigen Verhaltens – ist ein Schlüsselbegriff seiner Argumentation. Im Extremfall wird KI zur Menschensortier-Technologie, die Chancen und gesellschaftliche Teilhabe vorab verteilt. Entscheidungen werden so nicht auf der Grundlage konkreten Handelns, sondern aufgrund statistischer Erwartungen an zukünftiges Verhalten getroffen.
Geuter wie Mühlhoff führen im weiteren Argumente an, die auf koloniale, rassistische, überwiegend westlich geprägte Grundlagen vieler Trainingsdaten verweisen. Generell ein Mangel an Diversität, damit verbunden  eine Ausgabe  entsprechender Ergebnisse.
Reicht diese Argumentation, eine Technologie als faschistisch zu deklarieren, ihr zumindest eine besondere Affinität zu attestieren?  Sieht man von Grok ab, das von Eigentümer Musk aktiv politisch gelenkt wird, sind LLMs nicht faschistischer als die Welt, aus der sie sich bedienen und in die sie eindringen. LLMs verhalten sich so, wie in Compliance- und Markenrichtlinien festgelegt wurde. 

Der Kern ihrer Kritik, bei Mühlhoff explizit als zentrale These (S.18) genannt, richtet sich gegen eine Ideologie der Disruption, die in Tech-Eliten und -Communities fest verankert ist: die Vorstellung, dass Technologie Gesellschaft grundlegend transformiert. Eine Disruption die Tech-Libertäre herbeisehnen – und die von rechten Kräften strategisch genutzt wird.
KI erscheint so als eine Machttechnologie, die sich ideal für autoritäre oder gar faschistische Zwecke eignet (vgl. Mühlhoff, S 12 u. 18),  als ein soziotechnisches Phänomen in den Händen weniger Oligopole, die es – top-down –  für ihre politischen Ziele einsetzen. In diesem Kontext gewinnt das berüchtigte Zitat des Tech-Milliardärs Peter Thiel – “I no longer believe that freedom and democracy are compatible“ – und das Wirken seiner Netzwerke eine verstörende  Relevanz.

An dieser Einschätzung baut sich die Haltung der Fundamentalopposition auf, die sich mit dem  Zitat KI ist fundamental unvereinbar mit emanzipierten, egalitären und freiheitlichen Gesellschaften. Dabei handelt es sich nicht um einen Designfehler, sondern sie ist so gedacht (Malte Engeler in der taz vom 20.06.)  als Selbstdefinition beschreiben lässt.

Der Rohstoff und die materielle Dimension von KI

Die Bereitstellung generativer KI ist, einschliesslich ihrer kompletten Lieferkette,  ein extrem ressourcenintensiver Prozess. Grundrohstoff ist das in binäre Daten bzw. statistisch nutzbare Muster zerlegte online und offline gesammelte Wissen: LLM systems scrape vast amounts of publicly available digital data—spanning text, images, code, and media—to train proprietary models (Kate Crawford). 
Der analoge Anteil wurde eingescannt und eingespielt. Online sammeln Crawler ein, was es zu holen gibt: Datenmassen aus dem Social Web, Texte, Bilder, Code-Datenbanken – den Fundus des Wissens, der Stile, der Bedeutungen und der Interaktionen. Gesellschaftliche Kommunikation und kulturelle Produktion werden dabei zum Rohstoff einer Industrie.  Aus diesem Rohstoff entstehen Modelle, die nicht wissen, sondern gelernt haben, die Muster menschlicher Kommunikation erstaunlich gut nachzuahmen.

Das ist nicht alles: manuelle menschliche Arbeit bleibt erforderlich.  Datenkennzeichnung und -bereinigung, wie Labeling, Qualitätsfilterung, Ethik-Checks, oft Klickarbeit genannt, ist zumeist in Niedriglohnländer ausgelagert.
Hinzu kommt ein enormer Verbrauch an Energie und Wasser, sowie erhebliche CO₂-Emissionen.

Der Atlas of AI  von Kate Crawford erschien schon vor dem KI-Hype(2021), ist aber  immer noch die beste Übersicht zur materiellen Dimension von KI. Crawford widerlegt die Vorstellung von KI als immaterieller Cloud-Software, indem sie den enormen physischen und gesellschaftlichen Ressourcenverbrauch nachweist, der mit der Technologie verbunden ist. Sie beleuchtet die politische und ökonomische Verankerung von KI, sowie die damit verbundenen sozialen und ökologischen Kosten. Crawford nennt KI  eine Kultur der Extraktion, die auf der Abschöpfung von Zulieferungen materieller, operativer und ideeller Art beruht.

Der aktuelle politische Hintergrund

Neuer Faschismus oder Verklumpung von Macht? – Screenshot: youtube Trump hosts tech CEOs at White House 4.09.25

In der politischen Diskussion seit Ende 2024 wirkt der Schock des Schulterschlusses zwischen der MAGA-Bewegung und Tech-Oligarchen weiter. Die Bilder von der Trump-Inauguration, begleitet von Tech-Oligarchen, haben sich eingeprägt.
Die Gleichzeitigkeit von technologischer Entwicklung, Monopolisierung von Infrastrukturen, wachsendem Einfluss rechter Netzwerke und einer unvorhersehbaren Machtpolitik haben zu einer Verschärfung politischer und kultureller Konflikte, sowie zu einer aggressiveren öffentlichen  Kommunikation geführt.

Wie geschlossen und gefestigt ist ein solches Machtsystem? Der Begriff  Verklumpung beschreibt ein unspezifisches Machtsystem das sich um – auf je eigene  Weise – charismatische Zentren ballt, und dabei institutionelle und zivilisatorische Standards unterläuft, die lange als selbstverständlich galten. Weniger ein stabiles System, als eine opportunistische Konstellation, die sich rasch in ihrer Form ändern oder auch wieder zerfallen  kann.

Der Faschismusvorwurf benennt zwar reale Gefahren – aber er erklärt nicht den Prozess der Entstehung, Verbreitung und gesellschaftlichen Aneignung. Der Widerstand gegen Generative KI  lässt sich als Teil eines gesamten Prozesses verstehen.
Monopolisierung strukturell relevant gewordener Dienste bedeutet eine Gefährdung der Demokratie, letztlich ist es eine Frage der Machtbalance. Noch bedrohlicher ist  eine Autokratie, die sich ihrer als Herrschaftsinstrument bedient.

Der nachfolgende Text an schliesst hier an. Er versucht,  die Landnahme generativer KI als einen Prozess der Technogenese  zu verstehen, nicht als abschliessende Analyse, sondern als Beitrag zur Debatte. 

 

Jürgen Geuter: AI as a Fascist Artifact. dt.: KI als faschistisches Artefakt. 21.04.2026. – deutsch: KI als faschistisches Artefakt.  auch: : Gareth Watkins; AI: The New Aesthetics of Fascism  9.02.2025- Rainer Mühlhoff : Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag Juli 2025. – The Scale-at-All-Costs AI Trap . Interview mit Karen Hao —  Ali Alkhatib: Destroy AI 24.06.2024. Langdon Winner: Do Artifacts Have Politics? MIT Press 1980. Kate Crawford: Atlas of AI. Yale University Press. 2021. 327 S. – Valerie Wirtschafter & Nitya Nadgir: Is the politicization of generative AI inevitable?    ¹  In anderen Texten drückt sich Geuter relativierender aus: „Ich würde nicht sagen, dass diese Systeme grundsätzlich vollständig faschistisch sind. Aber sie funktionieren sehr gut in faschistischer Logik – auch besser als in anderen Logiken”. t3n 26.12.25 oder aktuell (16.6.26) in dem Blogbeitrag „KI“-Effizienzversprechen und der Niedergang der Demokratie.
² Malte Engeler: Denken wie das verbreitete Mittelmaß – Taz  16.06.2026 –

 

 

 


Palantir und das neue amerikanische Projekt: Technologie, Macht und Aggression

Alexander Karp. CEO von Palantir – Screenshot aus der Dokumentation “Watching You”

Im vorherigen Text ging es um die Aneignung des Digitalen Fortschrittsversprechens und seine Ausweitung bis hin zur militärischen Innovation im Kontext von American Dynamism.
Silicon Valley richtet sich strategisch neu aus, hin zu Hard Tech, jenseits der Ausrichtung auf Consumer Culture. Palantir steht geradezu prototypisch dafür.

Palantir und sein CEO Alexander Karp zählen aktuell zu den umstrittendsten Akteuren des Silicon Valley.
Verstörend ist v.a. die Diskrepanz zwischen der Selbstinszenierung Karps,  einigen seiner Äusserungen und dem strategischen und ökonomischen Gewicht von Palantir.
Karp inszeniert sich als reflektierter Intellektueller mit philosophischer Ausbildung und verweist gern auf seine Frankfurter Studienjahre. Ihm werden Intelligenz und chaotische Unstrukturiertheit zugeschrieben. Gleichzeitig führt er ein Unternehmen, das autonome Waffensysteme, Massenüberwachung und politische Targeting-Technologie entwickelt.

Palantir lässt sich als datenalytisches Rüstungsunternehmen verstehen. Technisch basiert es auf einer neue Stufe der digitalen Vermessung: die Integration heterogener Datenbestände zur Erkennung strategischer Muster, vermarktet als eine neutrale Infrastruktur. Durch Palantir wird staatliche Gewaltausübung von privaten Unternehmen infrastrukturell ausgeführt.
Palantir steht aktuell als hochprofitables Softwareunternehmen da,  dessen größter Wachstumstreiber staatliche Aufträge sind. Im zweiten Quartal 2025 erzielte es einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar – 49% Wachstum im Regierungsbereich, 47% im kommerziellen Bereich.
Kunden sind etwa die israelischen Streitkräfte – Palantir wird bei Angriffen auf Ziele im Gazastreifen eingesetzt –, das US-Verteidigungs- (jetzt Kriegs-) Ministerium nutzt es zur Drohnenanalyse, DOGE nutzte es für den Aufbau einer zentralen Einwanderungsdatenbank sowie ICE zur Echtzeitverfolgung von Migrantenbewegungen.

Mit der (unter diesem Link zugänglichen) Dissertation Karps liegt ein zeitgeschichtlich ungewöhnliches Dokument vor.  Eine deutschsprachige  Arbeit, eingereicht an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Frankfurt im Jahre 2002.
Karps Dissertation Aggression in der Lebenswelt  (vollständig: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur)  verbindet Parsons’ strukturfunktionale Theorie mit Habermas’ Lebenswelt‑Konzept und psychoanalytischen Motiven.  Anknüpfend an Parsons beschreibt Karp Kultur, Persönlichkeit und soziales System als Ebenen, auf denen Triebe durch Sozialisation in nachvollziehbare Motivationen übersetzt werden.
Eine, auch in seinem späteren Handeln erkennbare Schlussfolgerung ist für ihn, dass Aggression unter Bedingungen von Unsicherheit und Konflikt gesellschaftlich organisiert, geregelt und produktiv genutzt werden muss.
Heute, (als CEO von Palantir) versteht Karp Datenanalyse und KI  ausdrücklich als Werkzeuge zur Stabilisierung westlicher Institutionen unter Bedrohungs- und Krisenlagen. Den politischen Umgang mit Gewalt, Sicherheit und Kontrolle begreift er als zentrale Aufgabe seiner Technologie.

Mit ca. 130 Seiten ist die Dissertation vergleichsweise kurz, 110 Seiten fallen  auf die  Literaturaufbereitung, 15 Seiten auf die Fallstudie, anhand derer er den eigentlichen Gegenstand der Analyse konkretisiert. In diesem Falle die  sog. Paulskirchenrede von Martin Walser 1998.  Walser sprach von der Moralkeule  Auschwitz und löste damit eine der schärfsten Debatten der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit aus. 

Immer wieder wird in den Raum gestellt, Karp wäre ein Schüler von Jürgen Habermas. Promoviert hat er jedoch bei Karola Brede am Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt.
Wenige Tage nach dem Tod von Habermas (15.03.2026) erschien am 18.03.  in dem Online-Magazin Le Grand Continent ein Interview mit  Karola Brede  unter dem Titel War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Zur Eingangsfrage: Karp besuchte Seminare von Habermas und nutzte dessen Werk als zentralen Referenzrahmen. Für sein Dissertationsprojekt verwies Habermas ihn jedoch an Brede; darin lässt sich zumindest eine gewisse Distanz gegenüber Karps Vorhaben erkennen.
Im weiteren geht es im Interview um Karps Habermas‑Rezeption, speziell um den Begriff des Jargons, den Karp in seine Aggressionstheorie integriert und den Bruch mit der akademischen Karriere hin zu seiner anschliessenden Tätigkeit als CEO von Palantir.
Brede äussert sich insgesamt sehr verständnisvoll, fast fürsorglich über Karp.  Selbst problematische Positionen erscheinen ihr eher als Ausdruck biografischer Spannungen denn als moralisches Versagen. Karps Hang zur Grenzüberschreitung deutet sie als Eigenart eines Intellektuellen, der Regeln prinzipiell quer liest.
Über seine unternehmerische Tätigkeit habe er dann Gedanken entwickelt, mit technologischer Macht eine bessere Gesellschaft entwerfen zu können. Die im Buch Technological Republic erkennbare Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft sei jedoch in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie aufgehoben – in diesem Rahmen interpretiert sie sein Wirken als CEO von Palantir.
Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ordnet Brede als Hintergrund einer bellizistischen Radikalisierung ein. Die aggressive Kriegsführung Israels sei – auch von Karp – mit einer tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst begründet worden.

Habermas steht für gesellschaftliche Aushandlung, für kommunikative Rationalität und Verständigung als Bedingungen legitimer Ordnung. Karp setzt dem eine andere Perspektive entgegen: Aggression erscheint bei ihm nicht als Störung, sondern als konstitutive Kraft sozialer Identität.

Kritischer fällt die Analyse von Karps wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Nachwirkung bei Palantir  in dem Essay Palantir Goes to the Frankfurt School von  Moira Weigel aus. Der Text stammt von Juli 2020, die aktuellen Verwicklungen, v.a. seit der 2. Trumpwahl, sind also nicht berücksichtigt. Den Bezug zu Habermas nennt Weigel eine Tech industry legend –  die gern als eine Art genealogischer Eindruck genutzt wird. Karps Interesse am Thema Aggression, stammte nicht von Habermas, sondern von Wissenschaftlern des Freud-Instituts, wo sie jahrzehntelang ein Schwerpunkt der Forschung und der öffentlichen Debatte war.
Moira Weigel liest Karps Dissertation als Schlüssel zum Verständnis eines rechts-konträren Netzwerks aus Tech-Eliten (u. a. Thiel, Palantir), das den liberalen Mainstream im Silicon Valley angreift, zugleich aber selektiv auf Kritische Theorie zurückgreift. Das Emanzipationsversprechen der Frankfurter Schule wird dabei aufgegeben.
Die Mechanismen, die Weigel 2020  beschreibt, haben sich seitdem  in  eine andere Dimension gehoben. In den Geschäftsinteressen von Palantir sah Weigel bereits damals eine Nähe zum Trumpismus, obschon Karp bis zur Wahl 2024 die Demokraten mit Kamala Harris unterstützte. Übrigens war David Golumbia, der Autor von  Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology,  einer der Gutachter ihres Textes.

Nach außen hin erscheint Karp als die prägende Figur: er spricht, rechtfertigt, erklärt, ist das Gesicht von Palantir. Die grundlegende strukturelle Setzung – warum es dieses Unternehmen überhaupt gibt – stammt von Peter Thiel. Thiel holte Karp in die Gründung von Palantir, weil er ihn als fähig einschätzte, komplexe Datenanalyse in operative, politisch sensible Anwendungen zu übersetzen. Zwischen Karps Dissertation von 2002 und seinem Eintritt als CEO bei Palantir 2004 liegen keine zwei Jahre; dazwischen gab es nur eine kurze Tätigkeit im Investmentmanagement in London.
Thiel erscheint als der strukturelle Pate von BigTech: Nicht immer sichtbar, aber omnipräsent, vernetzend, ideologisch prägend – jemand, der Kapital, Gründer und staatliche Macht dauerhaft zusammenführt.

Das öffentliche Interesse an Palantir und Karp hat sich seit 2020 verstärkt. Palantir ist vom kontroversen Outsider zum zentralen KI-Infrastrukturanbieter des Pentagon, zum technischen Ermöglicher militärischer Operationen  geworden. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell (3/26) bei rund 320 Mrd. €. Karps Rhetorik wechselte von akademischer Reflexion zu expliziter Machtpolitik.
Sein eigenes Buch The Technological Republic, die Biographie von Michael Steinberger und der Dokumentarfilm Watching You von Klaus Stern stellen Karps Rolle als CEO des grössten Defense Tech Konzerns in ein breites öffentliches Licht.
Im eigenen Buch präsentiert sich Karp als Vordenker einer Neuorientierung des Silicon Valley, weg vom Consumermarkt des Online-Targeting und der  Videoplattformen, hin zu einer Neuverbindung nationaler Ambitionen mit dem Potential von Technologie. Das amerikanische Projekt brauche ein gemeinsames Zielbewusstsein – people want and need a sense of belonging and feeling a part of some thing meaningful that is larger than themselves –  und das bedeute eine enge Zusammenarbeit mit Regierung und Militär.
Palantir hat seine Marke und seinen Ruf über all die Jahre aufgebaut, die Fähigkeit entwickelt, viel Kritik abzuwehren mit der zentralen Aussage, westliche Werte zu unterstützen. Palantir stellt die datenanalytische Infrastruktur bereit, auf deren Basis militärische und sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen werden.

Karp formuliert diese Verschiebungen mit einer ihm eigentümlichen Direktheit: Technologie ist für ihn kein neutraler Fortschritt mehr, sondern Teil geopolitischer Machtbildung – und Unternehmen wie Palantir sind deren operative Infrastruktur.
Der Machtanspruch wird  in einigen Zitaten deutlich, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen:
We are not a commodity. We do not want our customers to be commodities — we want them to be individual titans that are dominating their industry or the battlefield.
Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world, and when it’s necessary to scare our enemies and, on occasion, kill them.
The most important software companies are the ones whose products, as Karp has put it, “power the West to its obvious, innate superiority” and “bring violence and death to our enemies.
Die beiden ersten Zitate stammen nicht aus Interviews, sondern aus verifizierten Investorengesprächen und Earnings Calls; sie wurden von Bobby Allyn (s. u.) aus dem Transkript aus  einem Investorengespräch zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch, und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet.

 Transkript eines Investorengesprächs zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet

Die gleiche Grundlage – dieselben Algorithmen, die Krankheitsmuster und Konsumverhalten erkennen – identifiziert auch Verdächtige. Die Ambivalenz ist kein Konstruktionsfehler – sie ist das Geschäftsmodell.
Eine gesellschaftliche Aushandlung darüber, welche Verwendung legitim ist, findet nicht statt: Die Systeme sind installiert, bevor die Frage danach gestellt wird. Das bedeutet eine präemptive (vorweggenommene) Unterlaufung gesellschaftlicher Aushandlung – nicht als Nebeneffekt, sondern als Strategie. Präemptive Unterlaufung bedeutet schließlich, dass Palantirs Systeme faktisch implementiert werden, bevor öffentlich verhandelt ist, welche Anwendungen demokratisch legitim sind.
Palantir operationalisiert, was ich andernorts als automatisierte Singularisierung beschrieben hatte – die algorithmische Erzeugung von Einzigartigkeit aus Massendaten. Im Konsumkontext erzeugt das personalisierte Werbung, im militärischen Kontext Zieldaten. Derselbe Mechanismus mit unterschiedlichen Konsequenzen.

In fact, the phases of the AI kill chain used to execute targets in warfare, as described in the Targeting Manual of the US Air Force  —  to find, fix, track, target, engage, and assess  —  are generally analogous to the steps many tech companies use to help deploy data surveillance and AI models on (or for) their customers.. (aus: : Zig, „The Guernica of AI“,zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

Palantir ist kein Sonderfall, sondern Vorreiter einer Entwicklung, in der sich technologischer Fortschritt, staatliche Macht und politische Mobilisierung zu einem gemeinsame amerikanischen Projekt nationaler Grösse verdichten. American Dynamism wirkt dabei als Sammlungsbewegung des Venture Capitals. Technologie wird zur Ressource staatlicher Macht. Der Staat ist nicht mehr übergriffiger Gegner, wie im Cyberlibertarismus, sondern Kunde, Partner oder Medium nationaler Größe. Die Verbindung zur populistischen MAGA scheint so konsistenter als zunächst gedacht.
Mit einem Zitat aus Moira Weigels Analyse der Frankfurter Dissertation Karps lässt sich so schliessen:
Algorithms take the histories of oppression embedded in training data and project them into the future, via predictions that powerful institutions then act on.

 

vgl.  Alexander Karp:  Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur . Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe Universität zu Frankfurt am Main . – The Technological Republic.: Deutsche Ausgabe.  Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. Juli 2025 

Moira Weigel. Palantir Goes to the Frankfurt School– b2o: boundary 2 online. 10.07.2020.  Michael Steinberger: Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat . 11/2025. Dt. Ausgabe. — Paul Morrison: Book Review: The Philosopher in the Valley    – Sebastian Moll: Philosoph des Cyberkriegs. Wie Palantir-Chef Alex Karp, der Neo-Marxist des Silicon Valley, mit KI, Militär und Big Data die Welt neu gestaltet  Jüdische Allgemeine. 3.04.2025 —Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era. 3.05.2025. Stefanie Buzmaniuk: War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Ein Gespräch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede – Le grand Continent  18.03.2026 – Juan Sebastián Pinto: Das Guernica der KI. A warning from a former Palantir employee in a new American crisis . 18.02.2025. –  (Mike in Medium) Palantir’s Techno-Nationalist World View and the Philosophy of Power.  5.11.2025 – Jack McCordick. Alex Karp’s War for the West. The New Republic. 28.02.2025   Tom Nickel: Review: The Technological Republic. Medium 21.05.2025

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp. Dokumentarfilm ARD-Mediathek (bis 1.04.2026) von  Klaus Stern

 



Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis BrühlDer Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



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