Netnographie 2024 – Community vs Consociality

Netnography is about obtaining cultural understandings of human experiences from online social interaction and/or content, and representing them as a form of research (* längere Definition, 2022, s.u.).

Netnographie blickt bereits  auf drei Dekaden zurück, in denen sich online social interaction (and/or content) ebenso veränderte, wie das Netz selber. Die kurze Definition aus dem Jahre 2015  ist ebenso einprägsam, wie sie einen weitgezogenen Rahmen absteckt – und damit auch den Anspruch als Forschungsprogramm der Wahl für ein sich ständig weiter entwickelndes, umfangreiches Forschungsfeld.

Ein kurzer Rückblick: Virtual Communities waren das Einstiegsfeld in eine online practice of ethnography. Im Grunde eine Erweiterung des Forschungsfeldes um ein field behind the screen. Naheliegend war es bestehende Methoden auf die neuen Räume sozialer Interaktion anzuwenden: Ethnographie umfasst einen weitgefassten Methoden- und Anwendungskoffer – basierend auf Beobachtung, Ko- Präsenz und Teilnahme. Angewandt in der eigenen Gesellschaft geht es um soziale und kulturelle Differenzierungen und auch darum, wie diese geteilte Gegenwart hergestellt, aufrecht erhalten und verändert wird.

Research zu Virtual Communities passte sich ein in Konzepte, die sich mit Lebenswelten in den zeitgenössischen, oft als postraditionell bezeichneten Gesellschaften befassen: Cultural Studies – the whole way of life of a group of people –  befassen sich oft mit Sub- und Popularkulturen als Teil des sozialen, politischen und ökonomischen Gefüges;  das  Konzept Consumer Culture betrachtet Konsum als Ausformung populärer Kultur; das Modell der Tribes, Vergemeinschaftungen gefühlter gemeinsamer Identität- wurde mehrfach in diesem Blog beschrieben – u.a. Consumer Tribes
Brand Communities (1995ff) verweisen  auf  vergemeinschaftende Effekte von  Konsum. Einige Beispiele werden immer wieder genannt: Apple, Nike, manche sog. Kultmarken. Der Aufbau einer Brand Community gilt als Erfolgsziel des Marketing.

Ethnographische Ansätze wurden  mehrfach, oft auch ad-hoc,  auf Online- Welten angewandt. Neben Netnographie hat dabei Virtual Ethnography der britischen Soziologin Christine Hine Verbreitung erlangt.
Was Netnographie vor den anderen Ansätzen auszeichnet, ist die über drei Jahrzehnte gewachsene Kontinuität als adaptive Forschungspraxis, die den Wandel der technologischen und kulturellen – technokulturellen – Infrastruktur spiegelt. Vorangetrieben wurde Netnographie seit Beginn  von dem kanadischen Kulturanthropologen und Marketer Robert Kozinets – gelegentlich etwas scherzhaft als Godfather of Netnography tituliert.
Netnographie hat sich seitdem international verbreitet, so findet Ende Mai 2024 die Netnocon- Conference in Mailand statt. Im deutschsprachigen Raum weniger, bekannt ist die  Münchner Firma Hyve mit einem auf Netnography Insights basierenden Workflow zur Produktentwicklung (verbunden mit dem Ansatz Open Innovation nach Eric v. Hippel). Einige Marktforschungs- Institute führen Netnographie in ihrem Portfolio auf.

Online- Kommunikations- Welten verändern und entwickeln sich ständig – von technologischer, sozial/ kultureller wie von kommerzieller Entwicklung angetrieben. Vom experimentellen  Cyberspace zum Netz der  Forum- typed Online Communities,  vom partizipatorischen Web 2.0 zur Landnahme und Dominanz der Social Media Plattformen, bis hin zum heutigen Netz mit seiner vielschichtigen Integration mit der physischen Welt.
Das frühe Internet fühlte sich irgendwie subkulturell an – von Nerds und zahllosen Communities belebt, die sich um Fantum jeder Art, gemeinsamen Interessen und Leidenschaften bildeten.  In den späteren Entwicklungsstufen wurde das Netz  immer mehr zu einer übergreifenden  Infrastruktur der Gesamtgesellschaft.

Seit etwa Beginn der 10er Dekade, verstärkt in den letzten Jahren, wurde diese Veränderung thematisiert: Online- Communities blieben lange Zeit das Modell, Online- Sozialität zu verstehen. Damit verbunden ist die Vorstellung von wechselseitigen Interaktionen, Teilhabe incl. einem Beziehungsaufbau. Die Frage ist immer, was eine Community zusammengebracht hat – bzw., was sie zusammenhält.
Digitale Interaktionen sind oft situativ, auf einzelne Funktionen bezogen, sozial instabil, generell variabel. Mit dem Konzept Community lassen sich viele dieser digitalen  sozialen Erfahrungen nicht beschreiben.
Als Gegenstück zum Konzept Community hat sich das Konzept Consociality herausgebildet -es wird definiert als the physical and/or virtual co-presence of social actors in a network, providing an opportunity for social interaction between them. 

Die schwedischen Autoren Pernilla Jonsson & Fredrik Hanell unterscheiden demnach zwei Ausformungen von Netnographie (vgl. Hanell, F.  &  Jonsson Severson 2022 u. 2023):
Community-based Netnography, using the notion of community, focused on
interactions characterized by (lasting) communal ties and practices. Consociality-based Netnography, using the notion of consociality, focusing on interactions characterized by (fleeting) connections in contextual fellowships.

Netnography Procedures. aus: Netnography evolved. Kozinets 2023 (s.u.) – nach Klick in voller Auflösung

Netnographie kann viele Formen annehmen, unterschiedliche Methoden der Datenerhebung und unterschiedliche Analyse- und Interpretationsmethoden anwenden.
Die nebenstehende Graphik zeigt einen – prototypischen – Ablauf, Stand  von 2023,  ausgehend von der Initiation incl. der entscheidenden Forschungs-frage.
Kurz zusammengefasst bedeuten die einzelnen Schritte: Initiation (ausgehend von einer Forschungsfrage) konzentriert die Recherche auf ein ausgewähltes Thema/Phänomen; Immersion, meint den Prozess des Erlebens, Beobachtens, Nachdenkens und Aufzeichnens; Investigation: Recherche und Sammlung vorhandener Quellen,  konzentrierte und selektive Suche; Interaktion, einschließlich Datenerhebung; Integration, meint die Verbindung von Analyse und Interpretation schliesslich Incarnation, der Akt der Darstellung und Präsentation  von Ergebnissen. (vgl.: Kozinets, R. V., 2023.  Netnography evolved s.u.).. Entsprechend den Fieldnotes der physischen Ethnographie wird ein immersion journaling – Aufzeichnung empfohlen.
Diese genannten Schritte sind als Orientierungsvorgaben zu verstehen – jede einzelne Netnographie ist  hand- tailored – den Quellen, dem beabsichtigten Umfang und v.a. der Forschungsfrage entsprechend, die eben das definiert, was man wissen will.

Ein nützliches Pairing ergibt Netnographie + Social Intelligence Software (vormals  Social Media Monitoring, später – Listening), wie sie die Softwaredienstleiter Linkfluence, Talkwalker, Brandwatch anbieten.
Die Software ermöglicht den Zugriff auf – öffentlich verbreitete – Online- Kommunikationsdaten, die bis auf mehrere Jahre zurückreichen können. Die Datenquellen lassen sich – entsprechend dem Forschungsinteresse – nach Vorgaben filtern und auswählen. Quellen können so schnell ausfindig gemacht, Verbindungen entdeckt werden.  Social Intelligence Software ist meist für die Begleitung und Erfolgsmessung von Social Media Kampagnen optimiert, incl.  Sentimentanalyse*.
Netnographie + Social Intelligence Software erleichtert vor allem eine Consociality- based Netnographie. So kann zu häufig diskutierten Fragen oft sehr effektiv recherchiert werden. Etwa die Verbreitung von  Einstellungsmustern, der Akzeptanz von Veränderungen: Wo, wie häufig werden Themen diskutiert, welche Einstellungen sind verbreitet, welcher Tenor herrscht dabei vor  etc.
Die Such- Ergebnisse bedeuten allerdings längst keine automatisierten Forschungsergebnisse. Nicht alle aufgefundenen Quellen sind im jeweiligen Zusammenhang  aussagekräftig.  Kommunikation in Social Media unterliegt  oft bestimmten Absichten, strategisch konzipierte Marketing- Kommunikation. Es bedarf einer skilled interpretation. Eine nützliche Variante ist die Exploration eines Themas als Vorstudie, die dann mit den jeweils geeigneten gewählten Methoden fortgesetzt werden kann.

Der Gegenstand bzw. das Forschungsfeld von Netnographie kann sehr vielfältig sein, von relativ einfachen Recherchen bis zu aufwändigeren (und damit teureren) Studien.
Ein spannendes Feld sind thematische Cluster, die sich über ein gemeinsames Interesse und Engagement bilden. Solche, die Erzeuger, Handel und Konsumenten umfassen. Man findet sie dort, wo Konsum, Identität und/ oder Engagement für eine Sache zusammenkommen: Beispielsweise zu den Themen  vegan und Fairtrade  – besonders zu den Zeiten, als sie in den Mainstream einsickerten. Zu Genussmitteln wie Kaffee, Schokolade, Craft Beer oder Vin Naturel, besonders, da wo sie neu erlebt werden, im weiteren  Style- Communities, wie etwa New Heritage. Insbesondere  Tourismus und Sportarten mit hohem Engagement sind Felder, die vielfältig mit Social Media bzw. Online- Kulturen verbunden sind.

Immersive Netnographievon Kozinets bereits in einem Paper entworfen, ist ein Vorgriff auf bislang höchstens ansatzweise bestehende soziale Umgebungen in einem erweiterten technokulturellen Raum – Virtual Reality, Augmented Reality, Spatial Reality – mögliche Metaverse– Kontexte.  Wo Menschen miteinander interagieren, machen sie soziale Erfahrungen – ob in einem physischen, einem medial vermittelten, oder in rein virtuellen Räumen. Technologisch vermittelte Welten sind Teile der Lebenswelt: Identitäten werden konstruiert, Verbindungen aufgebaut, Verhaltensmuster bilden sich heraus – und es gibt ein kommerzielles Interesse daran, wie sich diese in Konsummustern niederschlagen. Das Konzept von Ethnographie, als Beobachtung der Lebenswelt ist darauf genauso übertragbar, wie es der Cyberspace der 90er Jahre war  (vgl.: Kozinets, R. V., 2022.  Immersive netnography, s.u.).

Soweit eine kurze Aktualisierung von Netnographie unter Berücksichtigung aktueller Veröffentlichungen. Viele einzelne Punkte sind angesprochen- wird fortgesetzt ….

Überarbeitet 16. Februar

Definition ¹aus Netnography Evolved, 2023:  Qualitative research approach for gaining cultural understanding that involves the systematic, immersive, and multimodal use of observations, digital traces, and/or elicitations. It is based on a set of guidelines combined with flexible procedures that emphasize researcher engagement, ethical considerations, and contextualization.
* Sentiment: positiver bzw. negativer Tenor von Aussagen

Gambetti, R. C., & Kozinets, R. V. (2022). Agentic Netnography. New Trends in Qualitative Research, 10.: Weijo, H., et al., New insights into online consumption communities and netnography, Journal of Business Research (2014). Hanell, F.  &  Jonsson Severson, P.: An open educational resource for doing netnography in the digital arts and humanities. In:  Education for Information · 6/2023.  Hanell, F.  &  Jonsson Severson, P.:Netnography: Two Methodological Issues and the Consequences for Teaching and Practice. The 6th Digital Humanities in the Nordic and Baltic Countries Conference, Uppsala, Sweden,  3/ 2022 Kozinets, Robert V.: Netnography. The Essential Guide to Qualitative Social Media Research.. 3d Edition 2019, SAGE Publications Ltd. 460 S.  ¹Kozinets, R. V. Netnography evolved: New contexts, scope, procedures and sensibilities. In: Annals of Tourism Research · December 2023 Kozinets, R. V. (2022). Immersive netnography: a novel method for service experience research in virtual reality, augmented reality and metaverse contexts. Journal of Service Management, 34(1), 100-125..  Kozinets, R. V. (2021): Netnography Explained. Kozinets, R. V. Everyday activism: an AI-assisted netnography of a digital consumer movement. In: Journal of Marketing Management 01/2024.  Kozinets, R., (2022). How to Conduct Netnography: Using an Immersion Journal SAGE Publications 2022
Kaoukaou, M.: Netnography: towards a new sociological approach of qualitative research in the digital age. https://doi.org/10.1051/shsconf/202111901006
Chris Barker & Emma. A. Jane: Cultural Studies. Theory and Practice, Sage Publ. 2016, 760 S, 


Tendenzen 2024 – Landnahmen, Hypes, Konflikte & Konsens

2024 by Adobe Firefly

Die Saison der Jahresrückblicke ist fast vorüber. Zu 2023 wurde das meiste gesagt: Die Krisen wie im Jahr zuvor – von denen eine – Corona –  immerhin überwunden scheint. Zu dem einen Krieg kam ein zweiter,  Klima- und andere Umweltkrisen, wie das Artensterben,  gehen weiter voran.

Der Hype zu KI setzt sich fort, mit der  Verbreitung ihrer Funktionen wächst der Einfluss der beteiligten Konzerne.  Digitale Infrastrukturen strukturieren die gesellschaftliche Kommunikation incl. der Konflikte und Konsense. Dazu – etwas lose miteinander verbunden – Tendenzen für 2024.

In der digitalen Welt  sprach man v.a. von Hypes:  Der Hype zu KI/ Chat GPT überlagerte und verdrängte die Vorgänger  Blockchain bzw. Web3 und Metaverse.
Allen drei Hypes gemeinsam war bzw. ist die Perspektive einer neuen Infrastruktur und damit der Entwurf einer neuen Zukunft – Futures Appropriation ist der Begriff, der eine solche Aneignung von Zukunft ausdrückt, immer wieder  erkennbar am Halbsatz  …  ist die Zukunft.
Web3 mit Blockchain, NFTs und Tokens wurde als folgerichtig nächste Stufe des Internet propagiert, als eine dezentrale Erneuerung. Ist seit längerem als anarchokapitalistische Zockerbude abgehakt.
Der Hype zum Metaverse ist eher gesundgeschrumpft. Das zu Meta umetikettierte Social- Media Imperium (Facebook, instagram, WhatsApp) hat sich mit Verlusten zurückgezogen. Metaverse beinhaltete immer – wenn auch oft unausgesprochen – die Vorstellung einer parallelen Welt, einer durchgängigen virtuellen Erfahrung, ein begehbares Internet. Dezentrales, interoperables, beständiges, mit allen Sinnen wahrnehmbares digitales Ökosystem mit unbegrenzter Nutzerkapazität* – so lautete die Definition eines Social Metaverse.
Davon ist keine Rede mehr, stattdessen von immersiven Medien bzw. dem von Apple propagierten Spatial Computing. Letzteres meint die Interaktion mittels physischer Signale wie Gesten, Stimme, Blickrichtungen, die als Eingaben für interaktive digitale Mediensysteme funktionieren.
Der einmal verbreitete Begriff Metaverse lebt weiter, so im Industriellen Metaverse, das derzeit von Siemens propagiert wird: Zielgerichtete Anwendungsfälle in Unternehmen, die auf reale Herausforderungen und Geschäftsanforderungen ausgerichtet sind (vgl).
Immersive Medien bleiben auf nützliche und einige besondere Anwendungen beschränkt: Trainings, Simulationen von geplanten Projekten, in Architektur, Verkehr, im medizinischen Bereich, bei Produktpräsentationen bis hin zu Einrichtungsentwürfen, hinzu kommen besondere Unterhaltungsangebote  und ganz sicher  Games.
Die Vorstellung einer parallelen Welt zählt – genauso wie die einer nicht- menschlichen Intelligenz – zu den immer wiederkehrenden, archetypischen Erzählungen. Die Möglichkeit der technischen Verwirklichung hat eine besondere Anziehungskraft, bewirkt ebensolche Aufmerksamkeit und setzt Gestaltungsphantasien frei. 

Der Hype zu KI/ Chat GPT hat breitere Wurzeln geschlagen. Manchen Quellen nach war der Erfolg nicht erwartet worden. Nutzung und Verbreitung wurden aber schnell  so umfangreich, dass der Client und das Interesse daran kaum wieder verschwinden werden. Das ganze Jahr über konnte man fast Woche für Woche Veranstaltungen dazu besuchen – ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr und in welcher Breite generative KI Menschen beschäftigt.
Mit der Volksausgabe Chat GPT konnte jeder herumexperimentieren, so hat generative KI in vielen Lebensbereichen und Professionen Fuss gefasst, als (versuchte) Automation, wie als eine Art thinking companion, Denkbegleiter: bei Schülern und Studenten, in Anwaltskanzleien, in der Finanz- und der Werbewirtschaft u.v.m.  – und sie wird als wichtigste Neuerung seit iPhone und Social Media erlebt.
Vor wenigen Tagen (10.01.23) öffnete der Chat GPT Store. So werden allseits Parallelen zum iPhone gezogen. Ein Schritt zur Plattformisierung? Angeboten werden allerdings ziemlich einfach zu erstellende Clients.  Ein wirkliches Geschäftsmodell scheint damit noch nicht verbunden.
Ihre Kraft bezieht generative KI aus den Ressourcen, mit denen sie gefüttert wird. Genug davon ist urheberrechtlich geschützt. Ein Stoff für Konflikte mit den Eignern von Urheberrechten. Die grösseren davon, werden ihre Interessen bewahren können- zu vielversprechend sind die Geschäfte. Was man beobachten wird, ist die sog. (digitale) Landnahme der KI, in welchen  Funktionen sie sich weiter verbreitet – und wer den letztendlichen Nutzen daraus zieht.

Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worse – so lautete ein Essay in der New York Times im Juni 23.   Ganz wie Big Tech – oder noch mehr – konzentriert sich eine zentrale Infrastruktur in den  Händen weniger Konzerne – in diesem Falle Microsoft und Google.
Plattformen sind zweiseitige Märkte: Zuerst behandeln sie  ihre Nutzer sehr gut; dann instrumentalisieren sie ihre Nutzer, um die Dinge für ihre Geschäftskunden besser zu machen; schließlich instrumentalisieren sie diese Geschäftskunden, um den gesamten Profit für sich selbst zu behalten. Dann sterben sie. So sieht es in etwa der kanadische Autor Cory Doctorow¹. Eine Gesetzmässigkeit? Haben Social Media ein Verfallsdatum? Doctorow bedient sich dabei des drastischen Ausdrucks Enshittification – was sich etwa mit Beschissenwerdung übersetzen lässt. 
Dieser Prozess lässt sich derzeit bei Twitter/ X, aber auch anderswo beobachten. Haben Unternehmen zuviel an Macht werden sie zu herrschaftlichen Institutionen. 

Social Media waren lange Zeit ein überraschend stabiles System, dass sich um eine Handvoll zentraler Plattformen und Dienste dreht. Twitter nahm dabei einen besonderen Platz ein: In seinen Anfängen bedeutete Twitter ein enorm spürbares Empowerment seiner Nutzer – richtig eingesetzt, ermöglichte es vorher ungeahnte Reichweiten. Nicht nur in der Weite, auch in der Schnelligkeit und der Möglichkeit der gezielten (@)Adressierung und der thematischen #Bündelung. Ein Twitteraccount mit vielen Followern bedeutete medialen Einfluss – ein Status, der erarbeitet werden musste.
In den besten Momenten war es eine globale Öffentlichkeit – Ereignisse liessen sich in Echtzeit mitverfolgen. Zumindest im deutschsprachigen Raum war Twitter vorwiegend Ort der politischen Kommunikation. Journalisten, Politiker – Meinungsinfluencer gaben den Ton an. Eine Geldmaschine war Twitter nie, trotz aller medialen Aufmerksamkeit blieb es eine Plattform in der Nische.

Was folgt? Neben Twitter/X stehen drei Plattformen im Blickfeld: Bluesky hat wohl die Anmutung des alten Twitter, viele Funktionen fehlen aber noch. Mastodon stammt aus der Open Source Bewegung- manchen Nutzern zu nerdig, kann damit das sog. Fediverse an Einfluss gewinnen?  Threads, der Kurznachrichtendienst von Meta  Imperiums konnte mit der Kopplung an Instagram gleich mit der grössten Nutzerzahl starten. Von vielen Nutzern werden seine Möglichkeiten begrüsst – auf mich macht es den Eindruck eines ergänzenden Feldes der von Meta anvisierten Influencer- und Creatorökonomie.

Verschärfen sich gesellschaftliche Konflikte? In den ersten beiden Wochen 2024 konnte man den Eindruck gewinnen.
Dem gegenüber stehen zentrale Ergebnisse aus  TriggerpunkteKonsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft.  Der manche überraschende und beruhigende Befund ist, dass in großen Fragen, wie Ungleichheit, Diversity,  Klimakrise, Migration ein zumindest vermittelbarer Konsens herrscht. An den Rändern arbeiten aber Kräfte an der Verschärfung und Polarisierung von Konflikten. Fazit der Autoren: Konflikte: vorhanden, Polarisierung: kaum, politisierte und radikalisierte Ränder ja.
Eine Conclusio
: Mit Social Media hat sich die Lautstärke und die Affektivität politischer Konflikte verändert. Gesellschaftliche Diskurse sind weniger strukturiert. Veröffentlichungen, Zirkulation und Rezeption folgen einer anderen Logik.
Neue Infrastrukturen haben oft unerwartete Nebenwirkungen. Über die  Triggerpunkte bin ich auch auf eine bislang wenig beachtete Studie² gestossen, mit u.a. folgender Aussage:  In Autokratien und werdenden Demokratien können sie (Social Media) zu einer Zunahme der politischen Partizipation führen, während es in etablierten Demokratien wahrscheinlicher ist, dass politisches Vertrauen verloren geht und die Polarisierung verschärft wird.

vgl,:  ¹Cory Doctorow: Pluralistic: Tiktok’s Enshittifications.: Here is how platforms die: first, they are good to their users; then they abuse their users to make things better for their business customers; finally, they abuse those business customers to claw back all the value for themselves. Then, they die.  —Und:  The Internet Con.  How to Seize the Meansof Computation. Verso. London & New York, 2023.  79 S. 
* so Carsten Rossi vom BVDW (Bundesverband Digitale Wirtschaft) – Johannes Franzen: Die Beschissenwerdung des Internets. Wie Plattformen langsam verrotten. Kultur und Kontroverse 4/23. David Karpf: ChatGPT’s FarmVille Moment. The immediate future of generative AI looks a little bit like Facebook’s past. The Atlantic. 12.01.2024. Damon Beres: Chat GPT is Turning the Internet into Plumbing. What does life online look like filtered through a bot. The Atlantic. 13.12.2023.  Daron Acemoglu & Simon Johnson:  Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worse. In: New York Times (9.06.23). Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser: Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Suhrkamp Verlag 10/2023  Matthias Quent: Deutschland kippt nach rechts In: Republik.ch 13.12.23.  Michael Seemann: Künstliche Intelligenz, Large Language Models, ChatGPT und die Arbeitswelt der Zukunft. Hans- Böckler- Stiftung 9/23 download. — ² Philipp Lorenz- Spreen et al:  Modelling opinion dynamics under the impact of influencer and media strategies. In Nature. Human Behaviour 7/1 (2023)



Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Rez.)

Triggerpunkte sind maximal verspannte Punkte, Muskelverhärtungen, von denen andauerndes  Schmerzempfinden anderswo in Körper ausgehen kann. Im Röntgenbild sind sie nicht zu sehen, aber gut zu ertasten und zu behandeln, so dass Schmerzen schnell gelindert werden können. Triggerpunkttherapie ist eine Methode der Physiotherapie*.
Emotionale Trigger rufen vergangene, oft traumatische Erfahrungen wieder zurück:  Wut, Angst, Traurigkeit, Schmerz – seelische Verletzungen aus der Vergangenheit werden durch Auslöser – Trigger – plötzlich wieder präsent.
Triggerwarnungen haben sich in Social Media verbreitet. Einstellungen für sensible Inhalte heisst es etwa bei instagram und TikTok – sie warnen vor Auslösern, gemeint sind meist Gewalt, Drogen, sexuelle Darstellungen.
Umgangssprachlich ist getriggert– sein ein mittlerweile weit verbreiteter Anglizismus. Ein plötzlicher Auslöser heftiger emotionaler Reaktionen – meist negativer, in manchen Verwendungen aber auch positiver Art – wenn etwas ganz besonders anspricht, emotional nicht in Ruhe lässt. Getriggert tritt an Bedeutungsstellen etwa von es nervt oder es macht mich an.

Triggerpunkte der Gesellschaft sind die neuralgischen Stellen, an denen Meinungsverschiedenheiten hochschiessen, an denen Konsens, Akzeptanz oder auch Indifferenz in deutlichen Dissens oder gar Gegnerschaft umschlagen (245/46). Bestimmte Debatten werden mit grossem Erregungsüberschuss geführt,  ein emotionalisiertes Geht gar nicht setzt eine Schranke. Kleine Themen mit grossem Erregungspotential sind etwa Gender*sternchen, Lastenfahrräder, das Tempolimit oder SUVs. Reizpunkte einer Gesellschaft werden deutlich.

Triggerpunkte. Konsens und Konflikte in der Gegenwartsgesellschaft –  von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (HU Berlin) ist zunächst eine Antwort auf und zugleich Entkräftung von Polarisierungsthesen zum Auseinanderdriften der Gesellschaft und der dazu gehörenden Formel von der Spaltung der Gesellschaft. Selber verstehen die Autoren ihre Studie als eine politische Soziologie der sozialen Ungleichheit (38/39).
Es geht um Revisionen verbreiteter Thesen, so denen zur Spaltung und Polarisierung der deutschen Gesellschaft in zwei entgegengesetzte Lager- etwa nach US- amerikanischen Muster. Damit verbunden ist die These, dass in den westlichen Demokratien klassenbasierte von identitätsbasierten Konflikten abgelöst worden seien – eine oft verbreitete Entgegensetzung von Klassen- und Identitätspolitik (32/33).
Gewinner und Verlierer in einem Transformationsprozess werden immer wieder klischeehaft gegenübergestellt: auf der einen Seite Träger des Wandels als linksliberal, universalistisch, kosmopolitisch – abwertend als  abgehobene Eliten – auf der anderen Seite kommunitaristisch, nationalstaatlich orientierte Traditionalisten mit einem Mangel an Toleranz – mit einem Schwerpunkt in der ostdeutschen Provinz.
Auch wenn es manchmal Beispiele gibt, die dem entsprechen, eine gleichzeitig materielle, kulturelle und politische Spaltung in neue Grossgruppen mit sich auseinander entwickelnden Werten und Interessen (12) ist nicht erkennbar.  Nebenbei: materiellen Verlierern wird damit auch noch eine kulturelle, fast verhärmte Rückständigkeit unterstellt.

Solche verbreiteten Gegenwartsbilder – und einige mehr – stehen im Hintergrund. Die Krisenhaftigkeit mancher Entwicklungen wird nicht abgestritten, der grundlegende Tenor der Studie ist nuancierter – was bei der umfangreichen empirischen Basis zu erwarten ist. In dieser empirischen Breite liegt dann auch die Bedeutung des Buches zur Gegenwartsdiagnose.
Neben einer bundesweiten Umfrage mit 2.530 Teilnehmern, zählen Fokusgruppen aus Berlin und Essen, dazu spezielle Krisisgruppen d.h. nach konträren Wertorientierungen ausgewählte Gruppen, die aufeinander prallen – (man könnte Krawall- Fokusgruppen sagen) – zu dieser Basis.

Vier Themenfelder und ihr Konfliktpotential stehen im Vordergrund: Vermögensungleichheit, Migration, Diversität/ sexuelle Selbstbestimmung, Klimakrise.  Die Themen sind sog. Arenen zugeordnet – gemeint sind damit die sozialen Räume der Öffentlichkeit, in denen sich Einstellungen und Loyalitäten herausbilden. Bezeichnet werden sie alle –  nicht unmittelbar verständlich – als Arenen der Ungleichheiten: zunächst die Ungleichheit, die im allg. als solche bezeichnet wird, die Vermögensungleichheit; das Thema Migration fällt in die Innen- Aussen Ungleichheit; Sexuelle Selbstbestimmung/ Diversität in Wie- Sie Ungleichheit; das Klimathema in Heute- Morgen Ungleichheit (vgl. 407 ff).  

Taxonomie der Trigger (276) – nach Klick in voller Ansicht

Vier typische Trigger schälen sich heraus, die die Affekte auslösen:  Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstösse, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen.  – Menschen fühlen sich getriggert, wenn immer spezifische Erwartungen der Egalität, der Normalität, der Kontrolle und der Autonomie verletzt werden (248). Rote Linien werden erreicht, wenn stillschweigende Grunderwartungen gebrochen werden. Entscheidend ist, ob man sich selber als Manövriermasse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse – oder als deren Mit- Gestalter*Innen erlebt (271).

Die Beschreibung und Interpretation der der empirischen Ergebnisse nimmt einen weiten Teil der 420 Seiten (+111 S. Anmerkungen) ein – das bedeutet zahllose Details – und Argumentationsmaterial.
Ein paar davon  seien erwähnt: Trotz wachsender Vermögensungleichheit  taucht diese kaum in der  politischen Diskussion  auf. Ungleichheit wird weitgehend als positiver Anreiz gesehen, der zu wertvollen Anstrengungen anstachelt (85). (Einkommens-) Ungleichheit wird im Leistungsprinzip hochgehalten.  Jeder ist für sein Fortkommen selbst verantwortlich. Die stärkste Zustimmung findet diese Sichtweise übrigens in einkommensschwächeren Schichten. Tief verankert sind eine  Erwartung von Gleichbehandlung, verbunden mit der Akzeptanz eines neolíberalen Erfolgsmythos. Egalitär- meritokratische Moralökonomie, die ein fundamentales Gleichbehandlungsgebot mit Verdientheitsunterscheidungen paart – so heisst es in ausgeprägt soziologischer Sprache (87).

Es  tauchen auch immer wieder  Beobachtungen auf, die Ansätze für neue Überlegungen bieten: So etwa, dass sich Konflikte zwischen Klassen oder zumindest Statusgruppen auf einen verschärften  Wettbewerb von Individuen verlagern (117).

Triggerpunkte. Konsens und Konflikte in der Gegenwartsgesellschaft hat seit dem Erscheinen im Oktober 23 die grosse Runde durch Feuilletons, Podcasts, Video- und Rezensionsportale gemacht. In der FAZ gab es gleich zwei Rezensionen (14.10 u. 21.11.).  Wahrscheinlich ist es schon jetzt die meistbeachtete  Gesellschaftsanalyse der letzten Jahre, zumindest seit Reckwitz Gesellschaft der Singularitäten 2017, oder bis hin zur Risikogesellschaft von Ulrich Beck 1986. Dank des detaillierten empirischen Fundaments wird sie in den kommenden Jahren wohl immer wieder zur Argumentation herangezogen werden.
Das Buch wurde weitgehend mit Beruhigung aufgenommen: Die gespaltene Gesellschaft gibt es nicht – so oder ähnlich lauteten mehrere Überschriften. Stattdessen eine Mehrheit der Gesellschaft, in der in vielen Fragen weitgehender Konsens herrscht, in der sich Liberalisierungsprozesse verbreitet haben. Konfrontation und Polarisierung wird von den Rändern aus betrieben. Die Autoren fassen selber in einer Mikro- Quintessenz zusammen: Konflikte: vorhanden, Polarisierung: kaum, politisierte und radikalisierte Ränder ja (380).
Die Trigger, die Aufreger kennt man sowohl aus der öffentlichen Diskussion, wie aus dem eigenem Erleben bis ins private Umfeld. Triggerpunkte ist alsTitel  eingängig, hat das Potential vielfacher Verwendung – als Schlagwort in Diskussionen bis in die Alltagssprache, bestens geeignet um Zumutungen einzuleiten und zu kommentieren – im Sinne von etwa und was sind so Ihre Triggerpunkte?  
Manchmal erscheinen Trigger als ritualisierte, mindestens
memefizierte¹ Abfolgen. Wenn auf Reizworte die immer selben Reaktionen erfolgen. Mit Social Media hat sich die Lautstärke und die Affektivität politischer Konflikte  (334) verändert. Gesellschaftliche Diskurse sind weniger strukturiert. Veröffentlichungen, Zirkulation und Rezeption folgen einer anderen Logik.
Beachtenswert ist ein Verweis auf eine andere Studie zur Auswirkung von Social Media auf Gesellschaften: In Autokratien und werdenden Demokratien können sie (Social Media) zu einer Zunahme der politischen Partizipation führen, während es in etablierten Demokratien wahrscheinlicher ist, dass politisches Vertrauen verloren geht und die Polarisierung verschärft wird (335)².
Schliesslich beschreiben die Autoren Polarisierungsunternehmer*innen, die sich über den Ausbau von Triggern und politischer Frontenbildung bis hin zur Entzivilisierung von Diskursen profilieren (375 ff). Zugenommen haben explizit rechte Einstellungen nicht, aber sie werden erfolgreicher mobilisiert. Was sich in anderen westlichen Ländern oft schon eher verbreitete, konstatieren Beobachter³ mittlerweile auch hierzulande: einen klaren Rechtsruck in den öffentlichen Diskussion. So etwa wird woke geradezu zu einem rechten Kampfbegriff frisiert.
Soziale Konflikte sind nie einfach nur da, sie werden auch gesellschaftlich hergestellt: entfacht, angeheizt, getriggert.

Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser: Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Suhrkamp Verlag 10/2023 *  Getriggert? Ein Psychologe erklärt, warum Trigger nicht bloß ein Meme sind  Spiegel online, 19.03.2019 -* s. Therapiezentrum-Waldheim.      ¹ – memefiziert- von Meme: ein Phänomen aus Social Media – ²vgl. Philipp Lorenz- Spreen et al: A systematic review of worldwide causal and correlational evidence on digital media and democracy. In Nature. Human Behaviour 7/1 (2023) ³ Matthias Quent: Deutschland kippt nach rechts In: Republik.ch 13.12.23.



Power and Progress – Big Tech Is Bad. Will Big A.I. Be Worse?

Die  FAZ am Sonntag (28.06.23) schlug es als Wirtschaftsbuch des Jahres 2023 vor: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity – seit 9/23 unter dem Titel Macht und Fortschritt auch auf Deutsch.
Es geht um das – im Laufe des letzten Jahrtausends – immer wiederkehrende Thema, wem der Nutzen am technischen Fortschritt zukommt. Dazu werden Beispiele aus der Geschichte  herangeholt – Europa hatte auch vor der Industrialisierung immer wieder Schübe technischen Fortschritts erlebt – Nutzen und Gewinne kamen oft kaum in der breiten Bevölkerung an. Entscheidend für die Konstitution von Macht war  immer auch die Kontrolle über Informationen.
Vor diesen Hintergründen  wird das Narrativ Technology-equals-progress – angezweifelt: Die Gleichsetzung von Technologie und Fortschritt. Nach diesem Verständnis  ist es die Technologie, die die Geschichte vorantreibt, und alles, was sie behindert, sind Irrläufer.  Noch weiter zugespitzt: Ist Big Tech Vollstrecker von Geschichte?
Dieses Narrativ macht es Tech- Firmen leicht, so aufzutreten, als sei das was gut für sie selber ist, auch gut für die Welt. So leitet etwa Google aktuell mit den Sätzen KI – zum Wohle der Gesellschaft – Künstliche Intelligenz ist eine der prägenden Technologien unserer Zeit – eine Selbstdarstellung ein, wo es zum Thema Regulierung geht.
Technischer Fortschritt war unentbehrlich für die verbesserten Lebensumstände in den vergangenen 250 Jahren – wir leben gesünder und länger.  Ein breiter  Wohlstand  war aber nicht das Ergebnis automatischer, garantierter Gewinne des technologischen Fortschritts, er wurde erkämpft bzw ausgehandelt. 

Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worseso übertitelte das Autorenduo (Acemoglu & Johnson) einen Essay in der New York Times vom 9.06.23. Ganz wie Big Tech – oder noch mehr – ist die Technologie für AI in den Händen weniger Konzerne.   Zudem nutzen sie die Quellen unserer gesamten Zivilisation bei der Errichtung eines neuen Datenmonopols.

Das Buch wurde in den USA geschrieben und bezieht sich – was den aktuellen Part betrifft – auf die dortigen Entwicklungen – und es ist eine politische Stellungnahme gegen die Deregulierungsideologie seit den 80er Jahren. Digitale Technologien haben in den USA ihr Epizentrum, die international dominierenden GAFAM- Konzerne ihren Sitz – und der Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern ist grösser als anderswo – der Gedanke einer Shared Prosperity weniger entwickelt.
Im Schlusskapitel Redirecting Technology werden dann kritische Schritte genannt, die eine Demokratie unternehmen muss, damit der Nutzen der weiteren technologischen Entwicklung der gesamten Gesellschaft zu Gute kommt. Dazu zählen etwa Privacy Protection and Data Ownership, Tax Reform, Investing in Workers.  Mit Breaking up Big Tech liegen die Autoren auf einer Linie mit dem Rant gegen Digitale Monopole Big Tech muss weg von Martin Andree, der die deutschen und europäischen Verhältnisse beleuchtet.  Zentral ist die Beschränkung der Macht von Big Tech.
Im Hintergrund stellt sich die Frage: Haben uns die GAFAM den digitalen Fortschritt gebracht – oder haben sie sich ihn angeeignet? Big Tech/ Big AI kontrolliert die Felder, die Zukunftsthemen genannt werden – aber auch die Dimension von World Building haben.
Eine wesentliche Erkenntnis ist unauffällig, aber entscheidend: Wer die Macht hat, bestimmt die Erzählung. Das ist der Grund, warum Banken als too big to fail  gelten oder warum es „verrückt“ ist, die Macht der Technologie in Frage zu stellen

Von Harald Welzer stammt der Spruch  ohne positives Narrativ und die Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft gäbe es keinen gesellschaftlichen Konsens, der diese herbeiführen könnte* – ist diese Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft weiterhin an technischen Fortschritt gebunden?  – oder ist dieser als positives Narrativ verbraucht? Und es gibt das Konzept der Technogenese – das die evolutionäre Verbindung von technischem und gesellschaftlichem Wandel benennt.  Fortlaufendes Ergebnis ist die Herausbildung der materiellen und gesellschaftlichen Zivilisation.

Zum Start der Next Economy Open 23 am 7.12. – einer von Gunnar Sohn, Wirtschaftsblogger und Live- Streaming Pionier, veranstalteten Online- Konferenz zu Wirtschaft und digitaler Transformation – diskutiere ich mit Gunnar und Lutz Becker vor der Folie von Power and Progress über die Themen des Jahres 2023 – KI/AI und der dazugehörige Hype waren ganz sicher eine der bestimmendsten.  Das vorliegende Werk enthält auf 422 Seiten (+ bibliographischer Anhang) etliche weitere diskussionswürdige Passagen – soweit aber als Hintergrund zur morgigen Diskussion.

Daron Acemoglu & Simon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity.  546 S. London, 223 – Deutsch: Macht und Fortschritt: Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand. Campus Verlag 2023 – 34 €-   Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worse. In: New York Times (9.06.23). Rezension in The Guardian (7.05.23): Power and Progress review – why the tech-equals-progress narrative must be challenged – FAZ a S (28.06.23) : Wie zähmt man die Tech-Giganten?  * vgl . Beitrag Buzzword Zukunft (12/20)



Klaus Janowitz (klausmjan)

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