Die Unübersichtlichkeit der Ungleichheit – Was der Streit um den ZEIT-Essay über die Soziologie verrät

In der Soziologie wird gestritten

Der Essay Ist die Soziologie zu links? (vgl den vorhergehenden Beitrag) von Armin Nassehi und Irmhild Saake im Feuilleton der ZEIT hat eine Reihe kritischer Repliken, darüber hinaus eine  weiterreichende Debatte ausgelöst.

Es geht nicht nur um den Inhalt. Es geht um die Wirkung des provokanten  Aufreissers, die  gewählte Öffentlichkeit und um die schwache empirische Belastbarkeit der Quellen. Was als gut belegte These diskutabel wäre,  fordert auf der grossen publizistischen Bühne Widerspruch.

Der Essay in der ZEIT ist im Grunde ein Rant – systemtheoretische Begrifflichkeiten und launig-pauschalisierende Zuspitzungen vermengen sich darin. Bloss der Adressat bleibt vage. Genannt wird ein großer Teil der Sozialwissenschaften – welcher grosse Teil nun gemeint ist, wird nicht weiter deutlich. Gezeichnet wird das Bild einer moralisierten Soziologie, die ihr Genügen darin findet, Ungleichheit zu monieren und in diesem Empörungsmodus eine sinngebende Nische gefunden hat. Die Reizwörter Wokeness, oder Agendawissenschaft  kommen zwar nicht vor – aber die Klischees dazu werden aktiviert.
Was weiter hinter dem Rant steckt, lässt sich nur vermuten; jedenfalls geht es um die Verteidigung eines Privilegs echter Wissenschaftlichkeit, das die Autoren – unausgesprochen – in erster Linie der eigenen Denkschule zusprechen.
Nassehi ist bekannt als virtuoser Anwender der Luhmann’schen Systemtheorie, als einer derjenigen, der sie seit den 90er Jahren weiterentwickelt hat.
Systemtheorie versteht sich als Universaltheorie – mit dem  Anspruch, alles, incl. sich selbst im Sozialen vollständig beschreiben zu können. Dazu hat sie ein eigenes Vokabular entwickelt, das weit über gängige Fachsprachen hinausgeht. Die Bedeutung von Wörtern wie Störung, Katastrophe, Moral, die Entstehung von Ordnung oder auch Ungleichheit ist nicht dieselbe wie in der Alltagssprache.

Nassehi ist einer der öffentlich präsentesten Vertreter, eines der Gesichter des Faches.  Seine Expertise  wird oft herangezogen, auf Podien, in Talk-Shows, im Feuilleton, deren Formate er bedient. Gleich welches Phänomen, ob Pandemie, Digitalisierung, KI, Gender Studies etc. , die Erklärungsmuster bleiben gleich: Konflikte werden mit Funktionslogiken erklärt und in ein systemtheoretisches Vokabular übersetzt – in Differenz, in Code, in Programm, in strukturelle Kopplung.
Das schafft eine beobachtende Distanz, die sich betont von Moralisierung fernhält. Was aber zunächst überraschend und erhellend klingt, wirft nach mehrfacher Wiederholung die Frage auf, ob hier erklärt oder übersetzt wird. Das systemtheoretische Vokabular ist an praktisch jedes Phänomen anschlussfähig. Wenn die systemtheoretische Rahmung in erster Linie eine Übersetzung ist, bleibt der Erkenntnisgewinn schwer zu bemessen – im Extremfall wird daraus keine Erklärung mehr, die sich bewahrheiten oder auch scheitern kann, sondern eine sich selbst referenzierende Welterklärungsmaschine.

Ungleichheit taucht im ZEIT-Essay auffällig oft (>25x) auf – fast so, als würde das Wort selbst einen fehlenden analytischen Zugriff darauf kompensieren.
Im systemtheoretischen Begriffsuniversum spielt Ungleichheit tatsächlich eine nachgeordnete Rolle: Soziale Ungleichheit habe heute ihre zentrale strukturelle Bedeutung verloren; moderne Gesellschaften seien durch einen Primat funktionaler Differenzierung gekennzeichnet und in Abhängigkeit davon rücke soziale Ungleichheit in den Hintergrund.* – so referiert Thomas Schwinn* (s.u.) eine Aussage Luhmanns.
Für Schwinn sind Ungleichheitstheorie und Differenzierungstheorie – letztere eines der Fundamente von Luhmanns Systemtheorie – die beiden wichtigsten Konzepte, mit denen sich moderne Gesellschaften analysieren lassen; nur laufen beide Forschungstraditionen seit Jahrzehnten weitgehend beziehungslos nebeneinander her – Schwinn spricht sogar von zwei Soziologien.
Nassehi argumentiert im Grunde, als verteidige er neutrale Wissenschaft gegen moralisierenden Aktivismus; dass sich Ungleichheit ebenso nüchtern erforschen lässt wie funktionale Differenzierung, bleibt dabei unausgesprochen.

Von der Replik zur Perspektive 

Bild: smitty OSSG. unsplash.com

In den Repliken und anderen Kommentaren wurde bereits viel  gesagt – es gab auch zustimmende Kommentare – der Verlauf kann über die Übersichten mit den verlinkten Beiträgen auf dem Blog von Serdar Günes und dem Portal Wissenschaftskommunikation.de nachverfolgt werden.

Ein Schlagabtausch. Im weiteren – und das macht die Diskussion dann doch fruchtbar – geht es um die Ausrichtung der Soziologie, ihre öffentliche Wirkung und die Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Eine Gelegenheit, auszuformulieren, welche Erklärungs- und Erkenntnismöglichkeiten die Soziologie für das Verständnis aktueller Entwicklungen bietet – Möglichkeiten, die sich auch für die eigene Arbeit nutzen lassen, abseits von Methodendebatten.

Moderne Gesellschaften versprechen Gleichheit und produzieren zugleich massive Ungleichheit. Formale, rechtliche und politische Gleichheit ist verfassungsrechtlich geschützt – was nicht Machtgleichheit bedeutet.  Hierarchische Ungleichheiten, wie sie die Industriegesellschaft bis in die 90er Jahre und darüber hinaus prägten, sind heute weniger ausgeprägt, ohne dass sie verschwinden. Am stärksten wirkt Ungleichheit in der  Vermögensverteilung – und den  damit verbundenen Gestaltungschancen.
Ungleichheiten lassen sich heute präziser als Machtungleichheiten bzw. sich verschiebende Machtbalancen verstehen. Macht ist in diesem Sinne keine einseitig dominante Position, sondern eine Balance, die beständig ausgehandelt wird. Die miteinander vernetzten Medien sind eine der Arenen, in denen diese Machtbalancen ausgehandelt werden.

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie entstehen immer wieder neu. Gesellschaftliche, ökonomische und technologische Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt.
Gleichheit – und Freiheit – sind nicht beliebige Werte unter vielen. Es sind normative Grundbedingungen der demokratischen Moderne, deren Gewichtung immer wieder austariert werden muss – das ist soziologisch und politisch ernst zu nehmen. Freiheit allein führt zu libertärem Individualismus. Eine absolute Setzung von Gleichheit nimmt den Menschen die Möglichkeiten  individueller Entfaltung.  

In einem der Kommentare zum ZEIT- Essay fiel mir die Beobachtung auf,  dass wahrscheinlich die Hälfte der Artikel (der Zeit) in irgendeiner Weise auf soziologische Expertise zurückgreift. Ein Eindruck, der auf ein breites Interesse und einen Bedarf an soziologisch fundierter Erläuterung von gesellschaftlichem Wandel aufmerksam macht – jedenfalls mehr, als in vergangenen Jahrzehnten.
Was Soziologie kann, ist auch entfernte Wirkungszusammenhänge zu erkennen und zu beschreiben. Technologischer, kultureller und ökonomischer Wandel sind eng miteinander verbunden, durchdringen den Alltag und beeinflussen die Lebenschancen jedes einzelnen. Zentrale individuelle Erfahrungen, wie  Identitätsentwicklung, Berufsbiographien und die Formen von Vergemeinschaftung sind davon betroffen. Die Verknüpfung gesellschaftlicher und  technologischer Entwicklungen kann als Technogenese gedeutet werden.
Die digitale Revolution brachte zunächst ein Empowerment der Individuen mit sich, um dann die Bildung neuer Monopole zu begünstigen,  bekannt unter Konzepten wie der  Macht der Plattformen oder Überwachungsgesellschaft. Die aktuelle Situation – KI-Konzerne, die massiv neue Asymmetrien erzeugen, eine zerfallende progressiv-neoliberale Koalition, Silicon Valley im Wandel vom progressiven Lager zu einem  Cyberlibertarismus – ist genau eine Situation schnellen, konkreten, historisch spezifischen Wandels.

Luhmann entwarf die Systemtheorie in den 1960er – 1990er Jahren, einer Zeit der Blüte der funktional ausdifferenzierten Industriegesellschaft der Bonner Republik. Einer Epoche, die von stabilen Großorganisationen und Institutionen getragen wurde. Funktionale Systemzwänge waren damals unmittelbar spürbar und sind im Rückblick gut nachvollziehbar. Heute erleben wir die Erosion ihrer tragenden Organisationen – ganz aktuell etwa bei den Bindungsverlusten von Parteien wie der CDU und der Krise korporativer Industriegiganten wie  VW.
Bei aller beanspruchten universellen Gültigkeit und trotz  ihren nachträglichen Aktualisierungen trägt Luhmanns Systemtheorie unverkennbar die Handschrift dieser Epoche. Ihre Erklärungskraft entfaltete sie  am besten vor diesem histor ischen Hintergrund. Systemtheorie ist ein mächtiges Werkzeug mit einer umfangreichen Wirkungsgeschichte – einen Alleingültigkeitsanspruch verdient sie deshalb nicht. Ihre Erklärungskraft muss sie gegenüber anderen Ansätzen behaupten, u.a. einer Prozesssoziologie, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht aus geschlossenen Funktionslogiken, sondern aus Interdependenzen und sich verschiebenden Machtbalancen heraus beschreibt.
Frank Witt hat dafür in der Debatte die treffende Formel gefunden: Soziologische Selbstanalyse müsse dafür sorgen, dass sie an andere Wissenschaften anschlussfähig bleibt und sich im Wettbewerb erklärungskräftiger Forschungsprogramme bewährt.
Das gilt ebenso für die Anwendung soziologischer Erklärungsmuster in journalistischen Texten: Auch sie müssen in erster Linie anschlussfähig bleiben – verständlich genug, um im jeweiligen Kontext zu tragen.

Gesellschaftliche Ordnung ist kein starrer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das ständig ausgehandelt wird. Gesellschaftliche Wirklichkeit ist vielschichtig, historisch pfadabhängig und durch Akteure, Technik sowie Machtstrukturen bestimmt. Soziologie ist keine Sozialphysik, sondern eine  offene Erfahrungswissenschaft, die einen Theorienpluralismus erfordert. 

Ohne Angst verschieden zu sein – dieser Satz von Adorno, den Nies und Lessenich  in ihrer Replik aufgreifen, gilt als Leitbild für Diversität – und kann ebenso für den Anspruch an das Gleichheitsversprechen demokratischer Gesellschaften stehen.

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Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  – Tom Levold: Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften. Systemag – Online-Journal für systemische Entwicklungen. 11.08.2026
Übersichten zur Debatte: Serdar Günes: . Die Krisen der Soziologie. Zu Links oder politisiert? Die Artikelsammlung zur Debatte. Anna  Henschel & Sabrina Schröder:   Soziolog*innen streiten über ihr Fach   –  Wissenschaftskommunikation.de.
*Thomas Schwinn: Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. 2. Auflage 2011 



Ist die Soziologie zu links? Eine irritierte Replik

Eine Replik auf eine Schlagzeile

Ist die Soziologie zu links? Wo Soziologen und Soziologie-Studierende hinschauen, sehen sie in der Gesellschaft Ungleichheit. Und die halten viele von ihnen grundsätzlich für schlecht. Unter diesem Titel veröffentlichte Die Zeit am 25.07. einen Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, beide Professoren an der Münchner LMU.

Titel und die prominente Platzierung haben mich irritiert – und die Irritation ist geblieben, als ich den Text gelesen hatte. Warum publiziert eine Wochenzeitung, die sich als ein Leitmedium versteht  und ein öffentlich sehr präsenter Soziologieprofessor diese Schlagzeile?

Der Text stützt sich auf ein grobes Deutungsschema, seine empirische Grundlage ist schwach. Was als eine aufsehenerregende Studie vorgestellt wird, ist der massenhafte Abgleich von Abstracts mit den Maßstäben einer Skala, die sich auf KI-generierte Typisierungen  stützt.
Weiter gibt es ein diffuses, leicht herablassendes Missbehagen an den eigenen Studierenden, das sich anscheinend bei einer anderswo dokumentierten Langzeitstudie zu Flüchtlingen herausgebildet hat: Mit Gleichheitsversprechen kann man jungen Leuten, die die Welt verbessern wollen, etwas anbieten, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht. Man hat so den Eindruck, dass den Autoren die Haltung der eigenen Studierenden öfters auf die Nerven geht.

Eine KI-Studie als Bezugsrahmen

Bezugsrahmen ist die Studie  The ideological orientation of academic social science research 1960–2024 von James Manzi, veröffentlicht im März dieses Jahres. Erklärtes Ziel dieser Studie ist es, eine langfristige ideologische Ausrichtung von Forschungsergebnissen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen abzuschätzen.
Datenbasis sind die auf der Plattform Open Alex zugänglichen Abstracts sozialwissenschaftlicher Studien in englischer Sprache, exakt 599.194. Eine derart gigantische Masse an Material lässt sich in vertretbarer Zeit nur maschinell  (mit KI) verarbeiten.
Die Abstracts entstammen auch nicht allein der Soziologie, sondern aus insgesamt 11 Disziplinen: Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Ökonomie, Ethnic Studies, Gender Studies, Politikwissenschaft, Psychologie, Public Administration, Public Health und Soziologie.

Die Breite spiegelt das speziell US-amerikanische Fächerspektrum, von denen Ethnic und Gender Studies per se mit identitätspolitischen Fragestellungen verbunden sind, (Kultur-) Anthropologie spielt eine weit grössere Rolle im Fächerkanon. Ökonomie und Psychologie sind auch in den USA eigenständige Fakultäten mit enormen gesellschaftlichen Einfluss.

Was heißt hier „links“?  – Progressiver Neoliberalismus 

Die von Manzi genutzte Skala von 0 (Far Right) bis 10 {Far Left) – erscheint nach Klick in voller Auflösung auf neuer Seite

In 180.311 der Abstracts wird von der KI eine Nähe zu politischen Positionen gemessen. 90% ordnet sie dem linken Spektrum zuLinks bedeutet hier links auf einer Skala (0 =  Far Right, 10 = Far Left), die von der KI  anhand von aktuellen (aus dem Jahre 2025) Positionen im U.S. political spectrum (vgl. abb.) – angelegt wurde – eine Messung von Ideologie auf dem Stand eines Jahres in dem der US-amerikanische Kulturkampf mit der Präsidentschaft Trump II einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Für jedes Fach wurde ein Durchschnittswert bestimmt. Bei der Soziologie liegt er bei 6,9 – was etwa der Verortung der New York Times, einem bürgerlich-liberalen Leitmedium, entspricht. Auf diesem einen Wert beruht letztlich die reisserische Schlagzeile Ist die Soziologie zu links

Ein Text von 1965 wird  an einer im Jahre 2025 fixierten Skala als ideologisch gemessen.  Rekonstruiert wird nicht, wie sich Autorinnen und Autoren historisch selbst verstanden hätten, sondern wie ihre Texte auf dieser heutigen US‑Skala wirken würden. Blickt man zurück, waren die 60er Jahre in den USA das entscheidende Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung. Gemessen am angesetzten Maßstab, war dies eine linke Bewegung.
Neben etwa Racial Justice und Gender/sexuality Research hat, so Manzi, wohl auch Forschung zum Klimawandel zum wachsenden Umfang  links kodierter Inhalte beigetragen.

Links im Sinne der Manzi-Studie meint fast ausschliesslich links in soziokulturellen, kaum in ökonomischen Fragen. Die erfasste Orientierung lässt sich daher eher dem Feld dessen zuordnen, was Nancy Fraser als progressiven Neoliberalismus beschrieben hat: eine Verbindung liberaler Hauptströmungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Umweltschutz, LGBTQ+-Rechte)  mit den dynamischsten Sektoren der US-Wirtschaft (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood)  verbindet ( vgl. Nancy Fraser, 2019). Ob sich etwa Silicon Valley heute, im Zeichen eines Cyberlibertarismus,  noch als soziokulturell progressiv bezeichnen lässt, ist mehr als zweifelhaft.
Nassehi & Saake übernehmen eine statistische Kennzahl aus einem völlig anderen Kontext und machen sie zum als Maßstab für eine steile Aussage, die die Wissenschaftlichkeit der eigenen  Disziplin anzweifelt. 

Soziologie und Gleichheit

Dass das Fach Soziologie innerhalb des Fächerkanons in einer eher linken, sich  progressiv verstehenden Tradition steht, entsprechende Studenten anzieht und sich dadurch neu rekrutiert, gilt als ein Allgemeinplatz. Entsprechendes lässt sich in anderer Weise über andere Fächer sagen. So interessieren sich angehende Juristen, neben den Berufsaussichten, eher für normative Ordnung, Institutionen und Recht; BWL-Studenten für Effizienz und Management.
Soziologie hat sich als Wissenschaft zu einer Zeit konstituiert, als gesellschaftliche Ordnung nicht mehr als (gott-) gegeben akzeptiert wurde.  Soziale Ungleichheiten wurden als sozial erzeugt analysiert, in der Folge  ihre Legitimation in Frage gestellt. Die Hinterfragung von Ungleichheit zählt seitdem zu den Kernkompetenzen des Faches.
Gleichheit ist keine normative Vorliebe der Soziologie, sie ist positives Verfassungsrecht, im deutschen Grundgesetz ebenso wie im 14. Verfassungszusatz der USA. Von einzelnen Gruppen musste sie oft erst in langen Auseinandersetzungen erkämpft werden.

Co- Autorin Irmhild Saake hatte im Juni (2026) am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst einen Vortrag mit dem Titel  Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus? Warum gesellschaftliche Unterschiede (manchmal) wichtig sind gehalten.
Eine legitime Akzentuierung – Saake verweist auf funktionale und temporäre Ungleichheiten, bzw. Asymmetrien, auf nötige Hinterfragungen, thematisiert diskriminierende Formen, wendet sich aber gegen einen aktivistischen Jargon. Ihre grundsätzliche Kritik gilt einem geradezu reflexhaften Umgang mit Ungleichheit in der Soziologie. Die Thematisierung von Ungleichheit müsse von der Schuldfrage gelöst werden.
Weniger folgen kann ich ihr etwa bei der Einstufung von Identität/Selbstbeschreibung – zwar ist Identität eine Ungleichheit, aber nicht im Sinne einer Machtasymmetrie. 

Wenn Lehrveranstaltungen scheitern

Der aktuelle Erfahrungshintergrund ist ein Seminar im Masterstudiengang, das an einer grundsätzlich abwehrenden Haltung der Studierenden gegenüber einer funktionalen Sichtweise auf Ungleichheit scheiterte – Wir kriegen sie einfach nicht dahin. Die funktionale Sicht der Lehrenden trifft auf die normative der Lernenden.
Es sind nicht die inhaltlichen Positionen, die mich irritieren, sondern die durchgehende Zeichnung der eigenen Studenten als einer naiven und ideologisch verblendeten Kohortesie verallgemeinern gerne, beliebtes Thema seien etwa Human-Animal Studies, ehe man sich versieht, reden sie nur noch darüber. In der Aufzeichnung lässt es sich nachverfolgen.

In den Kommentaren zum Vortrag finden sich dann Aussagen, die daran anschliessend,  gängige Narrative bedienen: Im Kern geht es doch darum, dass in den Sozialwissenschaften und im Journalismus Aktivisten tätig sind, die junge Menschen mit Pseudowissenschaft und Propaganda in einem Maß indoktrinieren, dass diese für ‘echtes’ soziologisches Wissen, Denken und Arbeiten teils überhaupt nicht und teils nur sehr schwer erreichbar sind.

Lehrveranstaltungen können scheitern. Lehrende mit Venia Legendi und Lernende im Hauptstudium sollten in der Lage sein, die Gründe dafür intern zu klären. Nassehi und Saake sprechen als Insider mit Deutungshoheit über das eigene Fach – und nutzen genau diese herausgehobene Stellung, die sie darin einnehmen, für eine öffentliche Diagnose.
Neben der methodisch fragwürdigen Manzi-Studie dient die Erfahrung mit den eigenen Studenten als (diffuser) zweiter empirischer Anker für die Schlagzeile. Die schmale empirische Basis trägt die provokante These der ZEIT-Schlagzeile nicht. Sie lieferte eher einen Anlass, ein offenbar länger gehegtes Ressentiment öffentlich wirksam zu präsentieren.

Die funktionale Perspektive

Worum es Nassehi und Saake im Kern geht, ist eine funktionale, gegenüber normativen Gleichheitsurteilen distanzierte Sicht auf Gesellschaft – eine systemtheoretisch geprägte Perspektive, die an den Funktionalismus von Talcott Parsons anschließt und bei Niklas Luhmann ihre heute dominierende Ausarbeitung gefunden hat. Gesellschaft erscheint dann weniger als ein einheitliches politisches Handlungsfeld denn als Zusammenhang verschiedener Funktionssysteme, die nach je eigenen Kriterien operieren.

In ihrer Rezension zu Triggerpunkte von Steffen Mau et al. formulieren Nassehi und Saake einen ähnlichen Gedanken: Die Soziologie dürfe sich nicht darauf beschränken, im Streit um ungleiche Positionen die Rolle einer normativen Anwältin zu übernehmen. Sie müsse auch untersuchen, nach welchen unterschiedlichen Kriterien gesellschaftliche Bereiche ihre Entscheidungen treffen.  Das ist in systemtheoretischer Perspektive legitim – problematisch wird es erst dort, wo dieser Ansatz zum einzig gültigen Maßstab erhoben wird.

Machtasymmetrien und gesellschaftliche Gestaltbarkeit

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, die immer wieder neu entsteht. Gesellschaftliche Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was  Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt. Die Systemtheorie sieht hier Funktionslogiken, die Moralkritik schafft eine Perspektive der Schuld, von Tätern und Opfern.
Selber spreche ich lieber von  Machtasymmetrien bzw. Machtbalancen. Macht ist relational, keine eindeutig vergebene Position, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge. Dieser Perspektivwechsel öffnet der Soziologie einen  Blick auf die Dynamik von  Konflikten und ihre gesellschaftliche Gestaltbarkeit. Wer ungleich behandelt wird, ist nicht in einer passiven Opferrolle gefangen, sondern Teil eines veränderbaren Beziehungsgefüges.

Ist die Soziologie zu links? – Warum hält die ZEIT gerade jetzt diese Frage für publizistisch relevant? Co-Chefredakteur Jochen Wegner meinte beim Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten – Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person.  Die ZEIT habe hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können. Knapp seien aber etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen. (vgl. Newsroom.de, 27.04.2026)

Es bleibt ein Verweis auf eine andere Replik zu demselben Text im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Stephan Lorenz.

 

Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  -.Über und unter der Oberfläche  -(Rez.:zu Triggerpunkte) –  Irmhild Saake: Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus?  15.06.2026 youtube Sighart Neckel:  Warum linke Einstellungen die Sozialwissenschaft nicht gefährden. FAZ . 9.07.2026. Jannis Koltermann: Die Sozialwissenschaft tickt links – das ist ein Problem FAZ 28.05.2026.  James Manzi: The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory &  Society 55, 25 (2026).  Nancy Fraser: ,The Old Is Dying and the New Cannot Be Born Verso Books, 2019  — Stephan Lorenz: Anmerkungen zum Beitrag „Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake.  SozBlog – Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) 3.08.2026



KI und der Schreibprozess – was bleibt, wenn die Maschine mitschreibt

Texte entstehen zuerst im Kopf, egal wo und wie sie aufgezeichnet werden

Was bleibt an eigener Leistung, wenn die Texte aus der Maschine kommen? Was bedeutet es für Journalismus und generell für das Schreiben von Texten, die eine öffentliche Wirkung beanspruchen?

Niederschwelliger Zugang, weitreichende  Folgen

Generative KI ist keine Technologie, die sich verbreitet hat, um ein klar definiertes Problem zuverlässig zu lösen. Sie ist eine folgerichtige Weiterführung der Digitalisierung des Wissens und der Kommunikation – KI trägt die Datenmassen des Social Web in sich, dazu einen Grossteil des digital verfügbaren Wissens. Das Social Web bedeutete eine Digitalisierung der öffentlichen digitalen Kommunikation, generative KI die des verfügbaren Wissens – binär zerlegt und rekombinierbar.
KI verarbeitet das, was digital zirkuliert, Informationen werden algorithmisch verdichtet und als synthetisierte Sprache wieder ausgegeben.

Verbreitet hat sich generative KI v.a. über den niederschwelligen Zugang. Dass die Möglichkeiten einer antwortenden, interagierenden Maschine von Beginn an gerade von Journalisten und Wissensarbeitern ausgiebig getestet wurden, war eine Selbstverständlichkeit. Die schrittweise Übernahme einzelner Funktionen war selten das Ergebnis einer grundsätzlichen Entscheidung. Was Arbeitsabläufe erleichtert und sich sinnvoll automatisieren lässt, setzt sich langfristig durch.

Content und Autorenschaft

In einer Auflistung von Tätigkeiten, die KI überflüssig machen würde, aufgestellt in den ersten Monaten des Hypes (Anfang 2023), stand der Content-Autor weit oben. Content fasst den namenlos publizierten Inhalt im digitalen Raum zusammen, meist funktionale Texte und Beschreibungen, die  einen Zweck erfüllen sollen. Content ist auf Durchsatz, nicht auf Rezeption angelegt.  Er lässt sich zumeist  mit einigen Vorgaben mit KI automatisieren – bedauert wird es von denen, die bisher davon gelebt haben, ansonsten wird es kaum problematisiert. 

Will man eine klare Grenze ziehen, sind Texte mit  Anspruch auf Autorenschaft auf Rezeption angelegt, auf die Wirkung, die sie hinterlassen – durch den Informationsgehalt, ihre Haltung und ihre sprachliche Gestaltung, daran werden sie gemessen. Autorentexte sind persönlich gezeichnet, sei es durch den eigenen Namen oder durch redaktionelle Autorisierung, mit der für den Inhalt eingestanden wird.
KI kann in allen Fällen genutzt werden, aber je differenzierter das erwünschte Ergebnis ausfallen soll  – so differenzierter muss auch die KI  instruiert werden.

Reputation als Schutzwall – Leitlinien und die verschleppte Diskussion

Erst in diesem Sommer wurde die Nutzung generativer KI zum Thema von Leitlinien in Leitmedien – zumindest von Grundsätzen, die sich als solche verstehen lassen.
Leitlinien machen die professionellen Maßstäbe sichtbar, die Redaktionen setzen – für die Reputation von Medienmarken und Autoren unerlässlich.

Die SZ verbreitet ein Statement, das als Selbstverpflichtung gelten kann (s. Abb. links).
Die Taz  hatte sich bereits vor drei Jahren KI-Leitlinien verordnet (vgl. Unsere KI-Leitlinien). Aktuell (20.06.) verweist Chefredakteurin Barbara Junge auf die Nutzung als Recherchetool,  Inspiration für einen Vortrag oder als Analyse-Instrument, als sprachliche Hilfsinstanz, als „intelligenter” Begleiter.
Die FAZ positioniert sich inhaltlich ähnlich, verbreitet ihre Sicht aber extern mit dem auf LinkedIn veröffentlichten Beitrag Die perfekte Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI. KI wird darin nicht als Ersatz des Denkens verstanden, sondern als Kritiker und Verstärker des eigenen Denkens. Die KI übernimmt Routineaufgaben – vom Zusammenfassen bis zum Gegenprüfen –, ohne dass die geistige Reibung ausgelagert wird, an der Kompetenz erst entsteht: das Erinnern, Gewichten, Vergleichen und Widersprechen.

Die offene Diskussion über die Nutzung von KI war lange vermieden worden. Frühere Positionierungen hätten sicherlich Rechtfertigungszwänge mit sich gebracht. Für Medienmarken, insbesondere, wenn sie sich als Leitmedien verstehen, ist ihre Reputation essentiell – kaum etwas ist rufschädigender als Fälschungen und Plagiate. Der Stern hat sich nie von den gefaketen Hitler-Tagebüchern (1983!) erholt. Der Relotius-Skandal (12/2018) wirft noch immer einen Schatten auf den Spiegel.
In wissenschaftlichen Texten ist die Offenlegung der Quellen ein absolutes Kriterium. Verstösse dagegen werden rigoros sanktioniert und führten – seitdem sie einfacher zu entdecken waren – zu zahlreichen Skandalen. Der Plagiatsjäger Stefan Weber machte daraus ein Geschäftsmodell.
Im Journalismus gelten pragmatischere Konventionen. Zitate müssen gekennzeichnet, Quellen zumindest nachvollziehbar sein. Als Quelle ist KI nicht belastbar, ihre ungeprüfte Übernahme ist immer ein redaktioneller Fehler. KI  kann Informationen konfabulieren, die zwar plausibel erscheinen, aber schlicht nicht stimmen.

Die Ursünde der KI — ein Exkurs

Vorgelagert bleibt eine andere Frage von grosser Tragweite, nämlich die, wie die Maschine selbst zu ihrem Wissen gekommen ist. KI-Modelle wurden auf Terabytes von Daten aus dem Netz trainiert – darunter unzählige urheberrechtlich geschützte Artikel, Bücher und Recherchen, ohne Erlaubnis oder Vergütung gescraped. Man kann darin die Ursünde der KI sehen, auf der die gesamte Technologie aufbaut. Ohne das jahrelange, ungefragte Absaugen des Netzes gäbe es keine Large Language Models. Ihr komplettes Funktionieren baut darauf auf, die Schöpfungsmuster menschlicher Autoren, Künstler und Wissenschaftler, aber auch der gewöhnlichen Nutzer des Social Web statistisch zu verarbeiten.
Diese Frage reicht weit über das Thema Schreibprozess hinaus und verlangt eine eigene, ausführlichere Behandlung an anderer Stelle.

Der gesetzliche Rahmen: EU AI Act

Auslöser der aktuellen Diskussionen sind die zum 2.08. in Kraft tretenden Transparenzpflichten des EU AI Acts. Sie verlangen die Offenlegung direkter Kommunikation via Chatbots, von Deepfakes, wie etwa synthetisch erzeugten Audio-, Bild- und Videoinhalten. Für Texte von öffentlichem Interesse gilt die Kennzeichnungspflicht nur eingeschränkt: sobald sie von einer Redaktion oder einem Autor geprüft und autorisiert werden, sind sie davon enthoben – eine Form von Ratifikation, wie sie bereits in einem vorhergehenden Text beschrieben wurde.

Gleichzeitig gab es eine Reihe von Veröffentlichungen, an denen sich die Debatten zur KI-Nutzung festmachten. Darunter der exemplarisch  misslungene Text des thüringischen MP Voigt, komplett an die KI delegiert und nicht auf die Richtigkeit der Quellen überprüft.
Springer-Chef Döpfner veröffentlichte als Replik einen komplett von KI verfassten, polemischen Kommentar – innerhalb der Debatte ist er aber weniger der Vertreter eines Mediums, das öffentlichen Debatten einen Raum gibt, sondern CEO eines Konzerns mit eigenständigen wirtschaftlichen und auch politischen Zielen. 

Fünf Stufen der Delegation (Modell von Mirko Lange)

Was lässt sich im einzelnen an eine KI delegieren? Der Kommunikationsberater Mirko Lange hat vor einigen Wochen in einem bei LinkedIn veröffentlichtem Text ein sehr brauchbares Modell vorgestellt, dass die Nutzung von  KI-generierten Texten in fünf Stufen einteilt.
Nur in der erste Stufe der Vollständigen Delegation greift der EU-Act – in der Praxis eine eher  experimentelle Randerscheinung.
Was Lange in den Stufen 3 – Eigener Rohtext, maschinelle Überarbeitung und 4 – Menschlicher Text, punktuelle Hilfe beschreibt, entspricht den oben genannten Leitlinien von SZ, Taz und FAZ. Eine solche Art der Nutzung kann ich auch im eigenen Umfeld beobachten, es wird auch von anderen – von Redaktionsleitlinien bis zu einzelnen Praktikern – bestätigt.
Empirisch belastbare Ergebnisse dazu liegen noch nicht vor, wären aber aufschlussreich. Der Eindruck bleibt: Textarbeiter und Autoren haben sich mit dieser Arbeitsteilung eingerichtet, weitgehend zufrieden mit dem, was ihnen die Maschine als Assistenz abnimmt.

Il Foglio:  Vollständige Delegation als Experiment

Wie eine gelungene, wenn auch experimentelle, vollständige Delegation aussehen kann, zeigt das Beispiel der italienischen Zeitung Il Foglio. Seit etwas mehr als einem Jahr wird jeden Dienstag eine Beilage (link) komplett von KI erstellt. Mit der Zeit habe man gelernt, Prompts so präzise nachzuschärfen, dass die Maschine weder ins Uferlose konfabuliert noch bloßen Mainstream reproduziert.
In kreativen Prozessen agiert die KI, wie Chefredakteur Cerasa betont, wie ein Scharfschütze: Sie trifft exakt das Ziel, auf das man sie ansetzt, erzeugt von sich aus aber keine neue Reibung (taz 20.07.2026). Auf den Fall Voigt angesprochen, verweist er auf eine pragmatische Parallele: Für Politiker, die seit jeher mit Ghostwritern arbeiten, sei nicht entscheidend, wie ein Text handwerklich entsteht – sondern einzig, wer am Ende die Unterschrift darunter setzt und dafür haftet.

Die eigene Schreibstimme als Trainingsdata

Nicht berücksichtigt im Stufenmodell sind die von Autoren selbst trainierten Modelle, digitale Spiegelungen der eigenen Schreibstimme, gefüttert mit eigenen Texten, Büchern, Essays und Notizen. Die KI konfabuliert dann nicht mehr im Rahmen des allgemein verfügbaren Datenbestandes, sondern im vorgegeben eigenen Stil. Die Ratifikation entspricht der Stufe 3 oder 4 – der Autor steht ein, die Substanz folgt den spezifischen Satzarchitekturen, Metaphernwelten, Rhythmen und stilistischen Eigenheiten.

Ki-Detektoren und die Skandalierungsfalle

Seit einiger Zeit gibt es KI-Detektoren, die den KI-generierten Anteil von Texten einschätzen – mit unterschiedlicher Zuverlässigkeit. Problematischer als die technische Trefferquote ist die Skandalisierung, die sich daran hängt. So meldete der Spiegel vor einigen Wochen (30.06.) den Verdachtsfall, Wirtschaftsministerin Reiche habe für mehrere Gastartikel in der FAZ und im Handelsblatt KI genutzt. Es gibt viele gute Gründe, Reiches Politik zu kritisieren – aber welchen Sinn macht es, KI-Nutzung in abgezeichneten, verantworteten Texten als Täuschungsversuch zu rahmen?

Das ist die falsche Kategorie. Der entscheidende Punkt ist Ratifikation: Wer  namentlich einen Text zeichnet, übernimmt die Haftung für seinen Inhalt — unabhängig davon, mit welchem Werkzeug er entstanden ist. Die Debatte um Manipulation und Täuschung durch generative KI ist berechtigt. Aber sie trifft hier das falsche Ziel.

Was bleibt

Das führt zurück zur  Einstiegsfrage Was bleibt an eigener Leistung, wenn die Texte aus der Maschine kommen? Die in den vorhergehenden Beiträgen eingeführte Trias (s. Graphik)  der gesellschaftlichen Wirksamkeit von KI hilft bei der Einordnung: Synthetisierende Intermediarität — beschreibt die KI als vermittelndes Werkzeug zwischen Datenbasis und Ausgabe. Plausible Konfabulation — benennt die stochastische Natur der Maschine, die zwar plausibel klingt, aber von Fakten nichts weiß.
Ratifikation schließlich teilt sich in zwei Stufen auf: Die individuelle kognitive Ratifikation beschreibt den epistemischen Moment, in dem der Autor die Ausgabe der  KI prüft, als eigenen Gedanken übernimmt, internalisiert und weiterdenkt – noch ohne rechtliche Konsequenz. Die redaktionelle Ratifikation bildet den finalen Schritt: Sie ist der auch rechtlich wirksame Akt der Publikation, des Einstandnehmens, der Verantwortung konstituiert – unabhängig vom handwerklichen Herstellungsweg.

Was bleibt, ist das Entscheidende: Guter Text soll den Leser erreichen, Informationen müssen stimmen, Quellen geprüft sein. Schreiben ist nicht nur Formulierung, sondern auch ein Denkprozess, eine gedankliche Durchdringung. Gute Texte verdichten Erfahrungen, Beobachtungen und Urteile zu einer eigenen Stimme. Diese begriffliche Arbeit — das Einordnen und Gewichten — lässt sich nicht delegieren. Sie bleibt beim Autor, auch wenn KI den Schreibprozess erleichtern kann.

p.s. Dieser Text steht in einem Zusammenhang, an dem ich weiter arbeite —  Technogenese, der langfristige Prozess, in dem Technologie und Gesellschaft sich wechselseitig formen. Mehr dazu: Technogenese – die digitale Revolution als Zivilisationsprozess

Eigene Grafik: Die Trias der gesellschaftlichen Wirksamkeit von KI bleibt gültig– Lizenz: CC-BY-NC 4.0

 

Die perfekte Arbeitsteilung zwischen Mensch und KIFAZ – LinkedIn 13.07.2027 –   Barbara Junge: Ist da Wer? KI und Journalismus. Taz 20.06.2026  Ambros Waibel: Künstliche Intelligenz ist wie ein Scharfschütze – Interview mit Claudio Cerasa. Taz. 20.07.2026- Märzinger, Marina: Begleitung des Denk- und Schreibprozesses durch KI-basierte Werkzeuge – In: Magazin Erwachsenenbildung.at 19 (2025) 55, S. 29-37- Mirko Lange: Der Beginn einer Hexenjagd auf KI-Texte?  LinkedIn. 17.06.2026   



Die Landnahme der KI als Technogenese – Zur Diskussion

Der folgende Text knüpft direkt an den vorhergehenden Text Die Fundamentalopposition zu KI und ihre Grenzen an.
Technologie und Gesellschaft prägen sich  gegenseitig. Akzeptanz und  Widerstand, aber auch der Drang zur monopolistischen Macht sind dabei bestimmend. Ich greife das Konzept der “digitalen Landnahme” bei der Verbreitung von KI auf. “Technogenese” wird als tragender Begriff der wechselseitigen Dynamik weitergeführt. 

Hype-Zyklus: Warum KI sich stabilisiert hat

Bild: Steve Johnson unsplash +

Die Verbreitung  generativer KI seit Ende 2022 steht in einer Folge von Hypes: Krypto/Web3 und das Metaverse. All diesen Hypes ist gemeinsam, dass sie als DIE ZUKUNFT angepriesen wurden.
Ausgelöst wurden sie weniger durch technische Innovationen oder  gesellschaftliche Nachfrage, sondern in erster Linie durch fluides Venture Capital auf der Suche  nach einem new big thing.
Krypto/Web3 wurde als die neue Evolutionsstufe des Internet inszeniert. Ein dezentrales Netz, in dem Daten und Anwendungen auf der Blockchain verwaltet werden, Intermediäre überflüssig erscheinen und das Internet demokratisiert werden sollte – mit Token als Eigentumsrechten und Kryptowährungen als Transaktionsbasis..
Letztlich verstanden nur wenige das sehr komplexe Konzept. In der Realität bedeutete Web3 nicht Demokratisierung, sondern entwickelte sich zu einem Spielkasino, in dem sich einige wenige bereicherten, während der völlig überzogene Energieverbrauch massiven ökologischen Schaden anrichtete.

Das Metaverse versprach ein immersives, mit allen Sinnen erlebbares Netz. Was an realer Umsetzung erkennbar wurde, blieb aber weit hinter den visionären Erwartungen zurück. Dennoch gab es einer aufstrebenden VR-Branche einen Anschub.

Im Gegensatz zu den Vorgängern stiess der KI-Hype auf ausreichende gesellschaftliche Resonanz, um sich zu stabilisieren. Generative KI kam nicht als Lösung eines Problems, sondern als Basistechnologie für multiple Anwendungen.
Der niederschwellige Zugang machte den Einstieg einfach – kein teures Zusatzgerät war nötig, die Möglichkeiten ausgiebig zu erkunden oder lästige Alltagsaufgaben erledigen zu lassen. Auf diesem Wege verbreitete sich die Logik des Umgangs: Wie erziele ich für mich sinnvolle Ergebnisse? 
Was spielerisch erprobt wurde, fand bald den Weg in professionelle Anwendungen. 

Social Media – die Entdeckung der Datenströme als Rohstoff 

Ohne Social Media keine generative KI. Quelle: fredcavazza.net – Creative Commons  nach Klick in voller Auflösung auf neuer Seite

Ohne Social Media gäbe es keine generative KI. Die öffentliche digitale Kommunikation ist eingehegt in Strukturen der Verwertung – alles, was im Gedächtnis der Gesellschaft digital abrufbar ist, kann zu einer industriell verwertbaren Ressource werden. Aber auch bestehende kulturelle Güter (soweit digitalisierbar), sind Rohstoff.
Ein wesentlicher Unterschied: Das Social Web war nicht von Konzernen erfunden. Es war mit einem partizipativen, basisdemokratischen Aufbruch verbunden, man sprach von einer Netzkultur und einer Netzgemeinschaft.  Bis  heute ist dieser Aufbruch eine Referenz für gesellschaftliche Beteiligung.
Generative KI war dagegen von Beginn an ein Projekt der Konzerne. Niemand anders konnte die nötigen Investitionen stemmen.
Die Landnahme der Konzerne im Social Web geschah erst nachträglich mit dem Ausbau der Plattformen. Die Datenströme der öffentlichen Kommunikation wurden als Rohstoff entdeckt – ihre Verwertung bildete eine Grundlage des Aufstiegs der heutigen Digitalkonzerne. So gelang ein  Machtausbau in digitalen Räumen, vorbei an gesellschaftlicher Kontrolle und staatlicher Regulierung.
Aus genau dieser Position des Wissens über die Kommunikationsströme und der damit angesammelten finanziellen Mittel, begann der Ausgriff auf die Digitalisierung des Wissens. OpenAI, Anthropic etc.  entstanden in diesem BigTech-Ökosystem, nicht außerhalb davon. 

Die Landnahme der KI

Rund drei Jahre nach dem Start von Chat GPT durchdringt generative KI als universeller Dienstleister das gesamte Internet und ist mittlerweile in vielen, wenn nicht den meisten Branchen in Arbeitsabläufen integriert. Die höchste Durchdringung ist wohl in der Tech-Branche selbst. KI-Coding Assistenten sind flächendeckend im Einsatz.
Oft genannte Beispiele sind so unterschiedliche Dinge wie Vertragsprüfung, personalisierte Kundenansprache oder Bilddiagnostik im Gesundheitswesen. In der Marktforschung verbreiten sich Umfragen mit KI-Personas bzw. simulierten Teilnehmern. KI ist Teil gesellschaftlicher Infrastrukturen geworden, beschleunigt und strukturiert Prozesse. Dahinter  kaum zurückspulen lässt – das wichtigste Ziel der Konzerne.

In den debattierenden Branchen, wie Journalismus, Zukunfts- und Trendforschung und den kreativen Berufen bleibt KI weiterhin ein vorrangiges Diskussionsthema – wie verändert sie Vorstellungen von Autorenschaft und Authentizität?  Wie sehr verletzt sie Urheberrechte? Was ist ihr Nutzen als Assistenz, was bleibt als eigene Leistung? KI kann Schreib- und Denkprozesse stützen, aber begriffliche Arbeit nicht ersetzen.

Landnahme. Bild: valerie-v. unsplash.com

Digitale Landnahme³ (digital landgrab) greift das historische Bild der physischen Landnahme auf und überträgt es auf die Expansion digitaler Techniken, damit auch der Digitalkonzerne, samt ihrem Zugriff auf Funktionen und Märkte. Frühere Beispiele waren etwa die Ausbreitung von Airbnb und Uber. Komplexer ist die als Graphnahme⁴ (entlang sozialer Graphen) bezeichnete Einnahme bereits existierender Beziehungsnetzwerke und digitaler Interaktionsräume.
Es geht darum, knappe digitale Ressourcen bzw. gesellschaftliche Einflusszonen zu sichern, bevor staatliche Regulierungen oder Konkurrenten dies verhindern. Im Kontext der KI-Entwicklung sind v.a. Rechte an spezifischen Datenbeständen knapp geworden, seien es Verlagsarchive, wissenschaftliche Datenbanken oder Plattformen mit historisch gewachsenen  internen Datenströmen.
Die Landnahme der KI verläuft strategisch. Es gilt KI-Funktionen so schnell und tief in essenzielle Prozesse einzubetten, dass sie schlicht unverzichtbar werden.  Es können neue Funktionen sein, die es bis dahin noch nicht gab – oder es sind bestehende, die von ihr übernommen werden. Es gilt, generative KI in  Schnittstellen von Systemen zu bringen und sie dort unersetzlich zu machen. KI wird vom nützlichen, optionalen Werkzeug zur unsichtbaren Bedingung der Ausführung von Arbeit.

Die Maschine als ein antwortendes Gegenüber ist eine historische Neuheit  der Technikgeschichte – ein Erlebnis, das sich dem Nutzer unverzüglich einprägt. Sie wird in vielfacher Form genutzt. So als begleitendes Denkwerkzeug, unterstützender Sparringspartner, als Tutor oder  synthetische PersonasAI Companionship bezeichnet darüber hinaus eine neue Form sozialer Mensch-Maschine-Interaktion.

Landnahme der KI bedeutet auch Einnahme des Wissens. Bild: elisa calvet. unsplash.com

Ein wesentliches Ziel der Landnahme ist epistemische Autorität, das Etablieren der Maschine als  Instanz der Wissensvermittlung selbst. Dabei bleibt generative KI technisch determiniert – sie führt aus,  was Menschen in ihre Architektur und  ihr Training gelegt haben – das setzt ihre Grenzen.
Zur anerkannten Instanz wird sie erst durch menschliche Ratifizierung.
Ein Indiz erfolgter Landnahme ist die zunehmende Akzeptanz von KI-generierten Antworten. Von vielen Nutzern wird sie trotz ihrer Limits ohne Einschränkung für zuverlässig und legitimiert gehalten. Kritiklose Übernahme ist bereits eine Form der Autorisierung.

Social Media bedeutete eine Digitalisierung der öffentlichen digitalen Kommunikation, Generative KI die des verfügbaren Wissens – binär zerlegt und rekombinierbar. Eine globale Infrastruktur aus dem kollektiven Wissen in den Händen weniger Konzerne ist ein Einschnitt von historischen Dimensionen. Die Konzerne sind zu Machtakteuren eigener Ordnung mit hegemonialen Ambitionen geworden.
Heute geht es darum, möglichst viele Positionen zu besetzen und mit aller Kraft zu expandieren. Es ist dasselbe Modell, wie es die vormachten. Die Landnahme ist dem Märkte zu sichern , es ist dasselbe Prinzip des  wie  sie  und die Geschäftsmodelle später zu klären – ähnlich wie die Social Media Konzerne vor anderthalb Jahrzehnten.  

Karen Hao, Autorin von Empire of AI fasste es in einem Interview zusammen: These companies are not competing on behalf of their countries. They are racing for their own dominance. Sie attestiert den Konzernen den Willen zum Wachstum um jeden Preis:  Moving fast and leaving ethical dilemmas behind. 

KI-generiert bedeutet nicht automatisch gut oder schlecht. KI führt das aus, was Menschen ihr anweisen. Sie erzeugt kontextabhängige Synthesen aus dem Wissensmaterial, das ihr zugeführt wurde – nicht aus eigenem Verstehen, sondern aus den statistischen Mustern übernommener Wissensbestände. Die Antworten klingen oft kohärent und überzeugend – nicht weil sie wahr, sondern weil sie plausibel sind und den statistischen Mustern des angeeigneten Wissens entsprechen.
Gesellschaftlich wirksam werden KI-Ergebnisse erst durch ihre soziale Bestätigung – ein Zusammenhang, den ich an anderer Stelle als Intermediarität, Konfabulation und Ratifikation beschrieben habe:

Die Trias der gesellschaftlichen Wirksamkeit von KI – (Eigene Graphik: Lizenz: CC-BY-NC 4.0) 

Grenzen für die Menge des Ausstosses gibt es nicht. Das Netz wird überschwemmt mit Slop, generiertem visuellen Müll. Wo Inhalte beliebig generiert und simuliert werden können, entstehen neue Möglichkeiten von Manipulation und Desinformation, sie unterhöhlen das Wahrheitsverständnis. KI erweitert insbesondere die manipulativen Möglichkeiten  visueller Desinformation

 

Technogenese – die wechselseitigen Wirkungen von Technologie und Gesellschaft

Die wechselseitigen Wirkungen von Technologie und Gesellschaft lassen sich mit all ihren Folgen und Abhängigkeiten nicht annähernd in einem Text von  ca.  2000-Wörtern darstellen.
Möglich ist jedoch der Entwurf einer Perspektive, die aktuelle Entwicklungen als Resultat dieser Dynamik verständlich macht.  Gesellschaftliche Prozesse verlaufen nicht als lineare Kausalketten – Gesellschaft formt Technologie – und Technologie formt Gesellschaft.

Den Begriff Technogenese hatte ich in den letzten Beiträgen in die Debatte zur Ko-Evolution von Mensch und Maschine eingebracht. Technogenese beschreibt nicht nur die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, sondern auch einen grundlegenden, generationenübergreifenden Prozess der Auslagerung von Gedächtnis und Handlungswissen in technische Formate.

Erstmals verwendet wurde der Begriff Technogenese von dem französischen Medienphilosophen Bernard Stiegler. Ihm zufolge verändert die  Entwicklung technischer Systeme nicht nur unsere Werkzeuge, sondern unsere Denkweisen,  Erinnerungsstrukturen und deren kollektive Organisation. Schrift externalisiert Gedächtnis, Druck vervielfältigt es, Photographie und Film  konservieren es visuell.
Mit der Digitalisierung, noch mehr mit  generativer KI, radikalisieren sich diese Prozesse.  Es geht nicht mehr nur um die Auslagerung von Handlungswissen, sondern um die Automatisierung kognitiver und kreativer Operationen selbst. Technogenese wird zur politischen Frage: Wer nimmt den neu entstandenen Raum des externalisierten Denkens ein? Wer kontrolliert diese technischen Formate –  und damit, was als Wissen, als Wahrheit, als Gedächtnis zählt?

Digitalisierung verläuft zumeist disruptiv – sie übersetzt etablierte Praktiken in digitale Logiken. Das Lexikon wird zur Wikipedia, lokale Vermietung zur globalen Plattform, der Wandel der Tonträger vom Vinyl bis hin zum Streaming wurde oftmals als prototypisch beschrieben. Dass diese Transformationen weit mehr als rein technologische Innovationen sind, zeigt sich exemplarisch im Falle der digitalen Photographie.
Während analoge Photographie im Consumer-Bereich ein privates Erinnerungsmedium war, ist die Smartphone-Photographie heute eine visuelle Grundlage öffentlicher Kommunikation,  nahezu unbegrenzt und ohne zeitliche Verzögerung verfügbar. Die private Nutzung – das Festhalten von Momenten – besteht zwar weiter, Photographie ist aber in einen neuen Kommunikationsraum integriert, der durch gänzlich andere Formen der Selbstdarstellung geprägt ist. Nicht nur die Technik, ebenso ihre soziale Einbindung wandelte sich fundamental.

Die Beispiele liessen sich fortsetzen. Technologien und ihre spezifischen Anwendungen greifen in bestehende soziale Handlungssysteme ein – aber nicht alle setzen sich durch, entweder finden sie keine Anknüpfung an Handlungsmuster, oder sie stossen  auf Ablehnung.
Man denke etwa an KI-Brillen mit integrierter Kamera – technisch machbar, stossen sie auf soziale Abwehr. Sie erleichtern Übergriffe so sehr, dass sie das geschützte Gut der Privatsphäre verletzen.
Akzeptanz und Ablehnung bzw. Widerstand wirken
als Korrektive technologischer Entwicklung.

Wie tief Technologien in die Lebenswelt eindringen, zeigt etwa das Beispiel Online-Dating. Ein soziales Verhalten, das von Zufällen, emotionalen Impulsen und Ritualen  bestimmt ist, wird in eine algorithmische Logik übersetzt. Manche Nutzer schätzen die Auswahl und die Effizienz, andere lehnen die Vermessung der Gefühle ab. Beide Haltungen sind Teil des Prozesses von Akzeptanz und Ablehnung.
Viele der technologischen Innovationen verbreiten sich dann rasch, wenn sie den Nutzern einen spürbaren Mehrwert, eine soziale Dividende, bieten. Meist sind es radikal erleichterte Zugänge: zu Wissen, Mobilität oder auch Gemeinschaft.
Anders die ökonomische Dividende: die Abschöpfung der Gewinne ermöglichte privatwirtschaftlichen Unternehmen den Aufbau marktbeherrschender Monopole. 

Generative KI ist keine externe Innovation, die von aussen eindringt,  sondern eine folgerichtige Erweiterung – eine Radikalisierung des digitalen Kapitalismus. Es geht nicht mehr darum, dass ein Prozess oder ein Geschäftsfeld disruptiert wird, sondern um die Disruption von Prozessen der  Wissensgenerierung selber.

Technologie tritt nicht als neutraler Faktor von aussen hinzu, sondern organisiert  Sozialität, Wahrnehmung und Kognition neu. So wie sich mit der industriellen Revolution eine Logik der Effizienz verbreitete, verbreitet sich heute eine digitale Logik: binäre Zerlegung und algorithmische Neukombination – nach gesetzten Vorgaben. Entscheidend ist, wer diese setzt.
Die großen Konzerne eignen sich Infrastrukturen, Datenbestände und Kommunikationsräume an und verschieben damit Machtasymmetrien. Das ist digitale Landnahme. Der gesellschaftliche Wille, sie einzuhegen, ist vorhanden, muss sich aber politisch durchsetzen.

Das Konzept Technogenese öffnet die Perspektive darauf, wie technische Formate entstehen, warum sie in bestimmte soziale Ordnungen passen, welche Wirkungen sie entfalten – und wie demokratisch gestaltet werden kann, um Machtasymmetrien zu begrenzen.

 

Valerie Wirtschafter & Nitya Nadgir: Is the politicization of generative AI inevitable?The Scale-at-All-Costs AI Trap . Interview mit Karen Hao aboutdigitalhealth.com— Bernard Stiegler | centre Georges Pompidou, ParisHypomemnesis and Grammatisation   Sascha Dickel: Die Inklusion von Maschinen – Zur Rolle von generativer KI in der Gesellschaft. youtube 5/2026 –
³vgl.:  Andreas Boes, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr (7/2015) Landnahme im Informationsraum. Neukonstituierung gesellschaftlicher Arbeit in der „digitalen Gesellschaft”.WSI-Mitteilungen 2/2015, Seiten 77-85.
⁴ Graphname Facebook  besetzte den Graphen sozialer Verbindungen, (incl. instagram und What’s App), Google den Interest Graph, Amazon den Consumption Graph, Apple und Google teilen sich den Mobilfunkgraph. Das Wissen über die Verbindungen ist Machtfaktor (vgl. Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. 2021)

 

 



Klaus Janowitz (klausmjan)

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