Intermediarität – Konfabulation – Ratifikation: Wie KI gesellschaftlich wirksam wird

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Sich mit Maschinen unterhalten zu können ist in höchstem Maße irritierend und faszinierend zugleich, und zwar in einem viralen Ausmass.¹
Maschinen als ein antwortendes Gegenüber sind eine neue Erfahrung, sie sind weder Werkzeug noch Medium im bisherigen Sinne. Das ist neu in der Technikgeschichte und wirft grundlegende Fragen nach Wissen, emotionaler Wirkung und  gesellschaftlicher Macht auf.

Generative KI als Erwartungstechnologie und Resonanzmaschine

Generative KI hat sich nicht als Technologie, die ein bestimmtes Problem löst, verbreitet. Sie verbreitet sich nicht deshalb, weil sie bereits klar definierte Probleme zuverlässig löst. Sie zirkuliert eher als eine Art universelle Erwartungstechnologie. Wer mit Sprachmodellen arbeitet, nutzt sie nicht nur instrumentell, sondern beginnt, ihre Möglichkeiten als dialogische und kognitive Resonanzmaschine zu erkunden.

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Die Erwartungen sind sehr breit gestreut. Das antwortende Gegenüber passt sich an, es widerspricht selten, es verweigert sich kaum. Sprachmodelle sollen recherchieren, formulieren, sortieren, koordinieren, Entscheidungen vorbereiten oder ersetzen. Es gibt die üblichen Erwartungen an Effizienzgewinne durch die Automatisierung von Routinen – die sich dann oft als schwieriger als erwartet erweisen. Für Unternehmen oder auch die öffentliche Verwaltung lassen sich LLMs nicht umstandslos für ihren Bedarf nutzen. Ihre Ausgaben auf sprachliche Eingaben hin sind nur bedingt  vertrauenswürdig. Es fehlt ihnen eine maschinenhafte Zuverlässigkeit.¹

KI als Sparrings- oder Denkpartner benennt eine häufige Nutzungserfahrung, die oft am Beginn reflektierter systematischer Beobachtungen steht. Der eigentliche Nutzen beginnt nicht dort, wo die KI fertige Lösungen liefert, sondern dort, wo sie reagiert. Wo sie nicht einfach abarbeitet, sondern Denkbewegungen sichtbar macht. Das ist unbequemer als ein klassisches Tool – aber auch nachhaltiger.³

Diese und andere Nutzungserfahrungen bilden den Hintergrund einer Debatte, die der Zukunftsforscher Klaus Burmeister seit Ende 2025 angestoßen hat: Gemeint ist ein Prozess wechselseitiger Beeinflussung und Veränderung zwischen Mensch und KI. Die regelmäßige Arbeit mit KI verändert die Fragen, Erwartungen und  Denkroutinen².
Im Raum steht das Leitbild einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung, die die unterschiedlichen Dimensionen des technischen und gesellschaftlichen Wandels einbezieht – im Gegensatz zu reaktiven Erklärungsmodellen und Technikfolgeabschätzungen.

Wie werden technische Operationen gesellschaftlich wirksam?

In den vorhergehenden Beiträgen wurde der Begriff Technogenese entwickelt – als prozesssoziologischer Rahmen für eine wechselseitige Veränderung von Technik und Gesellschaft.
Wie wird aus technischen Operationen gesellschaftlich wirksames Handeln? Und wie wirken deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Ordnungen zurück?Darüber hat sich in der Debatte mittlerweile ein Konsens herausgebildet.

Ein Ergebnis dieser Debatte ist die funktionale Sequenz von Synthetischer Intermediarität, Plausibler Konfabulation und Kognitiver Ratifikation. Diese Trias beschreibt nicht KI allgemein, sondern aktuelle Funktionsweisen und die  kulturelle Praxis: wie Menschen gegenwärtig mit KI umgehen – und wie daraus gesellschaftlich wirksames Handeln wird.

Synthetische Intermediarität ist die Basisleistung der Denkmaschine. Sie erzeugt kontextabhängige Synthesen aus dem Wissensmaterial, das ihr zugeführt wurde – nicht aus eigenem Verstehen, sondern aus statistischen Mustern übernommener Wissensbestände.
Sprachmodelle rufen Wissen nicht ab wie ein Archiv, und sie sind auch kein Werkzeug im klassischen Sinn. Sie sind Vermittlungsinstanzen, die aus angeeignetem, nicht selbst erworbenem Wissen kontextabhängige Synthesen erzeugen. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre strukturelle Grenze.

Plausible Konfabulation ist die Arbeitsweise der Denkmaschine. Sie erzeugt Antworten, die kohärent und überzeugend klingen – nicht weil sie wahr, sondern weil sie plausibel sind und den statistischen Mustern des angeeigneten Wissens entsprechen.
Der Begriff ersetzt den der Halluzination. Letzterer benennt eine wahrgenommene Fehlfunktion, wenn wahre Antworten erwartet werden. Konfabulation ist der Standardmodus der KI. Der Begriff stammt aus der Neuropsychologie und bezeichnet dort das unbewusste Füllen von Gedächtnislücken – die Parallele passt, weil auch die Maschine nicht weiß, dass sie Lücken füllt. Ergebnisse sind nicht wahr, sondern plausibel – gesteuert durch die Eingaben der Nutzer, begrenzt durch das Modell.

Kognitive Ratifikation ist die soziale Bestätigung der Ausgaben der Denkmaschine,  eine Art Qualitätsabnahme, und damit der Beginn ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Erst mit ihrer Anerkennung, Übernahme und Weiterverarbeitung wird aus der technischen Operation ein gesellschaftlich wirksames Ergebnis.
Bereits heute lässt sich beobachten, dass Menschen beginnen, ihre Kommunikation und ihre Denkweisen an die Interaktion mit Sprachmodellen anzupassen.

Genealogie einer Wissensmaschine

Generative KI ist ein Kind des Social Web. Ohne die Digitalisierung kollektiven Wissens, die Datenfülle sozialer Plattformen und die massenhafte Speicherung alltäglicher Kommunikation gäbe es sie nicht.  Die systematische Verknüpfung, Verdichtung und Automatisierung dieses Wissens ist nahezu zwangsläufige Folge der technischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Digitalisierung.
Das Social Web strukturierte Öffentlichkeit neu – ein Thema, das uns mit seinen Folgen seitdem beschäftigt. Der Anschub des Social Web (Web 2.0)  wirkte demokratisierend, mit einem Freiheitsfenster neuer Möglichkeiten. Mit der Konzentration auf wenige Plattformen verstärkten sich oligarchische Strukturen.
Generative KI reorganisiert den Zugang zu Wissen selber. Der niederschwellige Zugang wird oft als Empowerment erlebt, Sprachmodelle erleichtern Recherche, Formulierung und kognitive Organisation.

Die Aneignung kultureller Leistungen

Generative KI-Modelle werden in großem Umfang mit Werken trainiert, für die kein explizites Einverständnis der Urheber eingeholt wurde. Der Vorwurf illegitimer Aneignung kultureller Leistungen begleitet die Entwicklung der Technologie von Beginn an.
Kumulation (Anhäufung) von Wissen ist eine Grundlage menschlicher Zivilisation. Wissen kann gesammelt, weitergegeben und aufgebaut werden. Die Verfügung über erworbenes Wissen ist ein wirtschaftliches Gut und eine  wesentliche Einkommensquelle von Wissens- und Kreativarbeitern. Dieser ökonomische Wert wird durch Rechte gesichert – und durch generative KI strukturell unterhöhlt: Kollektiv produziertes Wissen wird angeeignet, verdichtet und als kostenpflichtiger Dienst zurückgegeben.

Hype als Geschäftsmodell

Der gegenwärtige KI-Boom wird nicht allein durch technische Möglichkeiten und ihre Akzeptanz angetrieben, sondern durch eine Ökonomie der Zukunftserwartungen. Venture Capital finanziert weniger konkrete Problemlösungen als die Aussicht auf zukünftige infrastrukturelle Dominanz. Der Hype ist nicht bloß Begleiterscheinung der Entwicklung, sondern selbst Teil des Geschäftsmodells.

Technogenese – eine  prozessoziologische Rahmung

Digitale Technologien verändern Wahrnehmung, Wissen und Machtverhältnisse, nicht punktuell, sondern als langfristiger gesellschaftlicher Prozess. Genau hier schliesst der Begriff Technogenese an, ohne eine bestimmte Fortschrittslogik zu übernehmen. Der Begriff beschreibt keinen linearen Prozess und kein technisches Heilsversprechen. Nutzungserfahrungen, Wissensaneignung, Kapitallogiken und gesellschaftliche Erwartungen wirken nicht getrennt voneinander, sondern in gegenseitiger Wechselwirkung –  in Interdependenz. Ist man sich dessen bewusst, wird klarer, dass die Gestaltung von Zukunft ein langer, oft konfliktreicher Prozess von Aushandlungen ist – und nur selten zwangsläufig verläuft.

Dieser Text entstand im Rahmen der Debatte Ko-Evolution von Mensch und Maschine. Er spiegelt die Wahrnehmung von Wissensarbeitern – jenen, die den Dialog mit der Maschine selbst führen und reflektieren. Anderswo übernehmen Dienstleister die Implementation von KI, Nutzer haben es dann mit abgeschlossenen Produkten zu tun.

 

vgl.: ²Klaus Burmeister: Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten Ko-Evolution und fünf Notizen.- Eine Zwischenbilanz.  LinkedIn 12.04.2026.  Athanasios Karafillidis Containment eines Laborunfalls. Über die Regulierung Künstlicher Intelligenz. Lizenziert für merkur-zeitschrift.de – 04/2026 — ³ Markus Schall: Mit KI dialogisch denken lernen: Warum gute Fragen wichtiger sind als gute Modelle Kate Crawford: Atlas of AI. Yale University Press. 2021. 327 S. de: Atlas der KI . Übers: Frank Lachmann 8/24 

Im Blog: KI als Intermediär – Plausible Konfabulation  (01/26) ; Die Sozialisation von Maschinen – Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft . (Rez.zu Frank Witt – 04/25). – 


Technogenese in der Diskussion – Ein Zwischenstand

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Digitale Technologien verschieben unsere Wahrnehmung, den Zugang zu Wissen und Machtverhältnisse – als langfristiger gesellschaftlicher Prozess, der sich nur unzureichend mit etablierten analytischen Kategorien fassen lässt.

Die letzten beiden Texte Technogenese als Perspektive¹ und Ko-Evolution und Intermediarität² haben einige  bemerkenswerte Resonanzen, von medientheoretischen Zuspitzungen bis zu Fragen nach künftiger Gesellschaftsforschung,  ausgelöst, die die Diskussion  weiterführen und zugleich schärfen.

Ausgangspunkt war die von Klaus Burmeister (Zukunftsforscher bei D2030) seit November 2025  angestossene Debatte zur Ko-Evolution von Mensch und Maschine. Die gesamte Debatte lässt sich in mehreren Artikeln auf LinkedIn verfolgen. Der einfachste Zugang ist über den aktuellsten Artikel Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten. Ko-Evolution und fünf Notizen (04/26) – darüber sind die anderen Beiträge verlinkt.
Burmeister hatte u.a. auch das Leitbild einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung genannt: Weg von der klassischen Technikfolgenabschätzung, die Risiken im Nachhinein bewertet, hin zu einer Forschung, die als Navigator in ungewissen Zukünften dient. Das bedeutet eine offene Exploration von gesellschaftlichen Ordnungen, Praktiken und Verhandlungsräumen, die sich mit aufkommenden Technologien (z.B. KI, Plattformkapitalismus, Energieinfrastruktur) konstituieren – also nicht nur auf Folgen, sondern auf Ko‑Evolution von Technik und Gesellschaft.

Meine beiden Texte schliessen an die Debatte an –  der eine mit Blick auf die konkret erlebte Funktionsweise von KI, der andere mit einer Weiterführung zu einer langfristigen Perspektive mit einem Anschluss an die Prozesssoziologie von Norbert Elias. Technogenese fasst diese Perspektive begrifflich.

Für die Mikroebene der KI erweist sich der Begriff der Intermediarität als angemessen. Sprachmodelle rufen Wissen nicht einfach ab wie ein Archiv, und sie sind auch kein Werkzeug im klassischen Sinn. Sie fungieren als Vermittlungsinstanzen, die aus gespeicherten Daten kontextabhängige Synthesen erzeugen. Der Begriff des Konfabulationsraums macht deutlich: Ergebnisse sind nicht wahr, sondern plausibel – gesteuert durch die Eingaben der Nutzer und begrenzt durch das Modell.

Für die Funktionsweise von KI ergibt sich eine begriffliche Sequenz:
Intermediarität (Strukturprinzip: KI synthetisiert, statt abzurufen)→ plausible Konfabulation  (Operationsmodus: Ergebnisse sind plausibel, nicht wahr)→ kognitive Ratifikation (Gesellschaftliche Wirkung: Menschen übernehmen, ohne zu durchdringen)
Erst mit der kognitiven Ratifikation – also der sozialen Anerkennung und Übernahme eines erzielten Ergebnisses – wird aus einer technischen Operation gesellschaftlich wirksames Handeln.

Gunnar Sohn führt in seinem Text Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler die Arbeiten des Medientheoretikers Friedrich Kittler in die Diskussion ein.  Kittlers medientheoretische Arbeiten (Aufschreibesysteme 1800/1900, Grammophon, Film, Typewriter) markieren die radikale These, dass Aufschreibesysteme und Medientechnologien nicht nur Kommunikationswege bereitstellen, sondern Wahrnehmungsordnungen, Wissensformen und Machtverhältnisse mitkonstituieren. Technik ist die operative Grammatik dessen, was eine Gesellschaft speichern, übertragen, zählen, befehlen und erinnern kann.
Sohn kritisiert, dass Interdependenz zu harmonisch klinge; Mediengeschichte sei kein Gleichgewicht, sondern eine Folge technischer Zumutungen, die Speicherformen, Kanäle und Adressierungen radikal umstellen.
Interdependenz meint jedoch kein harmonisches Gleichgewicht, sondern – im Anschluss an Norbert Elias – ein Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten, in dem sich Machtverhältnisse ausbilden und verschieben. Macht ist hier ein Beziehungsbegriff: Machtbalancen entstehen überall dort, wo funktionale Abhängigkeiten, d.h. Interdependenzen zwischen Menschen bestehen – sie sind selten stabil, oft asymmetrisch und ständig in Bewegung. Interdependenz klingt nur dann harmonisch, wenn Macht ausgeblendet wird.

Kittlers Diagnosen sind für das Verständnis von Technogenese unverzichtbar, aber sie bilden kein prozesssoziologisches Modell. Sie markieren die medientechnischen Bedingungen des Sozialen – nicht dessen langfristige Entwicklungsdynamik.

Technogenese beschreibt nicht nur eine Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, sondern – wie Frank Witt (Autor Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft) ausführt – die technische Reorganisation gesellschaftlicher Kognition, Selektion und Koordination. Technik ist nicht extern, sondern verdichtete Sozialität. Gesellschaft lagert kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen aus – und verändert damit ihre eigene Ordnung. Maschinen „übernehmen“ Gesellschaft nicht, vielmehr externalisiert Gesellschaft aber immer mehr kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen und verändert damit ihre eigenen Strukturen.

Die wechselseitige Abhängigkeit technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ist keine neue Erkenntnis, sie  gehört zum Erfahrungsschatz der meisten Menschen.  Frühere Generationen erlebten technische Innovationen vor allem im Alltag der Lebensführung: Waschmaschine, Herd, Kühlschrank. Diese Technologien veränderten den Alltag tiefgreifend und setzten zahllose Möglichkeiten frei.
Der digitale Wandel setzte anders an. Zunächst betraf er die Medien. Mit dem Internet und später Social Media wurde Öffentlichkeit neu organisiert – Kommunikation, Sichtbarkeit und Teilhabe verschoben sich grundlegend.
Zunächst brachte der Wandel neue Freiheitsräume; lange Zeit herrschte die Ansicht vor, digitaler Fortschritt gehe notwendig mit mehr Demokratie und Beteiligung einher. Technische Innovationen können jedoch bestehende Machtsysteme ebenso unterhöhlen wie sie neue hervorbringen können.

Technogenese ist kein neuer Sammelbegriff für Technik-Sozial-Theorien, sondern ein Versuch, langfristige technosoziale Dynamiken  präzise zu beschreiben – das ist anschlussfähig an Elias’ Prozesslogik, darüber hinaus offen für unterschiedliche theoretische Zugänge.
Technologie verändert Interdependenzen, Habitus und Selbstmanagement, ohne statische Strukturen zu übersetzen.
Mit der gegenwärtigen Verbreitung von KI zeichnet sich eine weitere Verschiebung ab: der Zugang zu Wissen selbst wird zunehmend technisch vermittelt und strukturiert.
Genau hier setzt der Anspruch einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung an: nicht nachträglich zu bilanzieren, sondern Orientierung in offenen Zukünften zu ermöglichen.

Technogenese gewinnt ihr analytisches Potential damit, dass sie technische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht getrennt betrachtet, sondern als zusammenhängenden, langfristigen Prozess sichtbar macht – ohne diesen vorschnell zu schließen oder normativ festzulegen.

Der hier skizzierte Stand versteht sich ausdrücklich als Zwischenstand einer laufenden Diskussion. Er bündelt bereits erarbeitete Anschlussstellen und begriffliche Klärungen und markiert damit eine gemeinsame Ausgangsbasis. Auf dieser Grundlage kann die Debatte weitergeführt und erweitert werden – auch durch Perspektiven, die bislang nicht beteiligt waren. Entscheidend ist nicht die Schließung des Begriffs, sondern seine weitere Präzisierung im offenen Diskursfeld langfristiger technosozialer Dynamiken.

¹ und  ²: komplett sind es die beiden Titel Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität und Ko-Evolution und Intermediarität – Wie KI Wissen organisiert



Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität

Interdependenzen. Bild: unsplash+

In  vorhergehenden Beiträgen hatte ich den Begriff Technogenese propagiert. Gemeint ist die ko-evolutionäre Verbindung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung.

Die digitale Gegenwart ist geprägt von technischen Innovationen, deren gesellschaftliche Tragweite wir oft kaum verstehen. Neue Techniken lösen immer wieder Hypes aus und stossen Veränderungsdynamiken an. Plattformen strukturieren Arbeit, Kommunikation und Öffentlichkeit neu. KI verändert, wie Wissen organisiert wird. Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, Kredit, Zugänge. Virtual Reality verschiebt Grenzen zwischen physischen und digitalen Räumen.

Technogenese verstehe ich als langfristigen historischen Prozess, nicht als linearen Fortschrittsverlauf. Zugleich als eine Perspektive, die diesen Prozess überhaupt erst als zusammenhängendes Gefüge sichtbar macht.
Technogenese knüpft an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias an und erweitert ihre Sicht um die Dimension technischer Entwicklung als eigenständigen, aber nicht isolierten Faktor gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Analog zu Elias’ Konzepten der Sozio– und Psychogenese lässt sich Technogenese als Ausdruck wechselseitiger Abhängigkeiten – Interdependenzen – zwischen Technik, Gesellschaft und individuellen Handlungsformen verstehen.

Woher der Begriff kommt – und warum er passt

Zuerst verwendet wurde der Begriff Technogenese von dem Medientheoretiker Bernard Stiegler (2012). In Anlehnung an Anthropogenese beschreibt er Technik als konstitutiv für das Menschsein selbst. Menschliches Leben entsteht demnach nicht unabhängig von technischen und kulturellen Ausdifferenzierungen – etwa durch Werkzeuge, Schrift oder mediale Ordnungen. Technik prägt Individuation, Aufmerksamkeit, Kultur und Gesellschaft, diese wiederum produzieren neue Techniken.

In der medientheoretischen Diskussion wurde der Begriff unter anderem von Katherine Hayles weitergeführt. Sie versteht Technogenese als Ko-Evolution von menschlicher Kognition und technischen Systemen – the idea that humans and technics have coevolved together¹. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Formen des Denkens verändern sich im Zusammenspiel mit medialen Infrastrukturen. Technische Umwelten sind damit nicht nur Anpassungsbedingungen, sondern greifen direkt in kognitive Prozesse ein (2012).
Auch im Forschungsprogramms Netnographie wurde der Begriff seit 2015 von  Robert Kozinets aufgegriffen. Er nutzt Technogenese, um zu beschreiben, wie sich Menschen in dynamischen digitalen Umgebungen verändern – und wie umgekehrt diese Umgebungen durch Nutzung und kulturelle Praktiken geprägt werden. Technogenese fungiert hier als theoretischer Hintergrund für die Analyse dieser wechselseitigen Anpassungsprozesse.
Im deutschsprachigen Kontext tauchte der Begriff bislang eher sporadisch auf – meist als Anschlussbegriff in post- und transhumanistischen Diskussionen.

Technogenese und der Prozess der Zivilisation 

Technogenese -eine weitere Dimension des ZIvilisationsprozesses?

Sein volles gesellschaftsanalytisches Potential entfaltet Technogenese  erst im Anschluss an Norbert Elias Zivilisationstheorie. Erst in dieser Perspektive wird sie zu einem eigenständigen Analysebegriff, der über medientheoretische oder anthropologische Deutungen hinausgeht.
Elias beschrieb in im Prozess der Zivilisation langfristige Prozesse über Jahrhunderte – Affektkontrolle, Verhaltensstandards, Herrschaftsstrukturen. Dazu führte er die Begriffe Psychogenese (Wandel von Persönlichkeitsstrukturen) und Soziogenese (Wandel von Gesellschaftsstrukturen) ein. Seine Analysen sind brillant und sie wurden – mit etwas Verspätung – zu Klassikern der Soziologie. Die technische Dimension blieb jedoch weitgehend ausgeblendet.
Nicht weil Elias sie für unwichtig hielt, sondern weil sein Interesse den Affekt- und Verhaltensstrukturen galt. Er stützte sich auf Tischsitten und aufgezeichnete Verhaltensregeln, um Wandlungsprozesse zu beschreiben. Heute sind es eher Popularkulturen – Musik, Mode, Essen, Reisen, Konsumpräferenzen – an denen sich solche Prozesse beobachten lassen. Hier wird die Verschiebung der empirischen Grundlage sichtbar. Was bei Elias über kodifizierte Verhaltensnormen erschlossen wurde, zeigt sich heute in alltagskultureller Praxis.
Genau diese Lücke füllt Technogenese. Sie ergänzt Elias’ Konzepte um die materielle Dimension der Zivilisation. Als empirisch-soziologischer Begriff steht Technogenese für die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft – parallel zu Psycho- und Soziogenese.

Was diese Perspektive dauerhaft fruchtbar macht, ist die Verbindung von Habitus und gesellschaftlicher Struktur. Technogenese knüpft daran an: Nicht die Erklärung von Wachstum oder Fortschritt steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Elias’ – die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Was Technogenese sichtbar macht: Interdependenz statt Kausalität

Die Perspektive der Technogenese lässt sich an unterschiedlichen theoretischen und empirischen Beispielen  verdeutlichen.
Gunnar Sohn hat kürzlich in seinem Text Technik als Geschichte überraschender Wirkungen im Anschluss an Friedrich Kittler darauf hingewiesen, dass Technologien nie nur Werkzeuge sind, sondern immer auch Kräfte, die Wahrnehmung, Wissen und Gesellschaft neu ordnen. Sie erzeugen Seiteneffekte, Rückkopplungen, Verwerfungen.
So veränderte die Schreibmaschine nicht nur das Schreiben, sondern die soziale Ordnung des Büros. Die Telefonie überträgt nicht nur Stimmen, sondern reorganisiert Arbeit, Körper und Macht. Der Computer ist nicht einfach ein weiteres Medium, sondern ein Metamedium, das Text, Bild, Ton und Video in einem universellen Operationsraum zusammenführt.  Das ist Technogenese auf der Ebene der Medien, aber der Begriff schliesst  mehr ein.: Produktionsweisen, Infrastrukturen, algorithmische Systeme etc.

Dass technologische Entwicklung als zentraler Treiber langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen verstanden wird, ist in den letzten Jahren breit anschlussfähig geworden. Arbeiten wie The Journey of Humanity (Oded Galor) oder Power and Progress (Acemoglu/Johnson) beschreiben solche Dynamiken als langfristige Wechselwirkungen von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft.
Technogenese schließt daran an, ohne eine Fortschrittslogik zu übernehmen. Nicht die Erklärung von Wachstum steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Norbert Elias’ – also die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Technogenese bedeutet nicht, dass technische und gesellschaftliche Entwicklung kongruent verlaufen oder gemeinsam Fortschritt erzeugen. Sie beschreibt wechselseitige Formung – die auch in Krisen, Sackgassen oder Rück-Entwicklungen wie Re-Feudalisierung münden können.

Auch bei Niklas Luhmann finden sich anschlussfähige Überlegungen, wenn Technik als evolutionäre Errungenschaft² unter Bedingungen steigender Komplexität verstanden wird². Technik erscheint damit nicht als linearer Fortschritt, sondern als Ergebnis selektiver Bewährung. Zugleich warnt Luhmann vor totalisierenden Deutungen, die Gesellschaft insgesamt als technisch bestimmen.
Diese Perspektive ergänzt den Begriff der Technogenese um eine wichtige Einsicht: Technische Entwicklungen folgen keiner einheitlichen Logik, sondern entstehen in Prozessen differenzierter Anpassung und Abkopplung.

Technogenese als Perspektive 

Technogenese ist kein neuer Name für technischen Fortschritt. Der Begriff bezeichnet eine Perspektive, die technische Entwicklungen als Teil langfristiger, interdependenter Wandlungsprozesse – im Anschluss an Elias’ Zivilisationstheorie –  begreift. Elias sprach von Wandlungsprozessen – ein Begriff, der sich vom heute verbreiteten Transformationsbegriff durch seine stärkere Betonung langfristiger, ungeplanter Entwicklungen unterscheidet.
Der analytische Gewinn liegt darin, dass sie weder in technologische Determinismen noch in sozialkonstruktivistische Verkürzungen verfällt, sondern die wechselseitige/ interdependente Formung von Technik, Gesellschaft und menschlichem Habitus sichtbar macht.
Gerade unter den Bedingungen beschleunigter Innovationen lässt sich erkennen, dass technischer Wandel keine eindeutige Richtung hat, sondern ein offener, konflikthafter Prozess bleibt, dessen Verlauf und dessen Ergebnisse gesellschaftlich ausgehandelt werden.

Technischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt. Noch bis vor einem Jahrzehnt war diese Überzeugung verbreitet. Inzwischen ist dieses Fortschrittsverständnis  brüchig geworden.

vgl. u.a.: Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .¹Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.- Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future-  LinkedIn. 3.08.2025. Kozinets, Robert V.: Netnography Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015),  S. 49 ff – Netnography. The Essential Guide to Qualitative Social Media Research.. Third Edition 2020, S. 113 ff. —  ²Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap.  IX. Technik, S. 235 ff. Daron Acemoglu & Simon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity. 546 S. London, 223
Werner RammertTechnik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006


Ko-Evolution und Intermediarität – Wie KI Wissen organisiert

AI/ KI unter der Oberfläche. Bild: Unsplash+

KI/AI bleibt ein dominierendes Thema der Zeitgeschichte. Nicht mehr als spekulative Zukunftserzählung – die Durchdringung des Alltags und auch spektakuläre Anwendungen sind längst Realität.
Das Tempo und die Intensität, mit der sich KI verbreitet, macht eine Transformation von grundsätzlicher gesellschaftlicher Bedeutung mit Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche, wie auf die gesamte technische und kulturelle Zivilisation, deutlich.
KI verändert Prozesse, in denen wir denken, schreiben, arbeiten, publizieren und programmieren – die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht.

KI werde noch disruptiver als die industrielle Revolution meinte der US‑amerikanische Zeithistoriker Walter Russell Mead in einem Interview in der Zeit. Und dabei könne einiges schiefgehen. Mead befürchtet, dass die KI-Revolution Staatlichkeit, Bürokratie, Arbeitsmärkte und politische Stabilität erschüttert, bis hin zum Staat selbst.

Sozialisierte Maschinen – erste begriffliche Ansätze

Wie KI gesellschaftliche Praxis tatsächlich verändert – und mit welchen Begriffen sich diese Veränderung angemessen beschreiben lässt – ist damit allerdings längst nicht entschieden. Genau hier setzt die Frage nach einem geeigneten Erklärungsrahmen an.
Mit der Verbreitung von KI hat – naheliegend – auch die Forschung zu ihrer Wirkung zugenommen. Im Zentrum steht dabei meist die Organisation von Arbeit und die Verteilung von Macht. In der Arbeitsforschung wird KI etwa als Technik untersucht, die Tätigkeiten zerlegt, standardisiert, überwacht oder neu koordiniert, so in Verwaltung, Plattformarbeit oder Forschung. In den gesellschaftspolitischen Diskussionen steht die Konzentration von Infrastrukturmacht und Datenextraktion im Vordergrund – Themen, die auch in diesem Blog ausführlich behandelt wurden.

Was bislang fehlt sind überzeugende Begriffe, die die mit KI verbundenen Strukturtransformationen bündeln. Wahrscheinlich auch deshalb, weil bisher kein dezidiert soziologischer Begriff von KI vorliegt.
Was es gibt, sind erste Ansätze. So wird KI etwa als sozialisierte Maschine gefasst – ein Begriff, der unabhängig voneinander bei Fabian Anicker (Sozialisierte Maschinen. Zur gesellschaftlichen Funktion von Künstlicher Intelligenz) und bei Frank Witt (In: Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft)  auftaucht.
Anicker beschreibt, wie KI in kommunikative Erwartungen eingepasst wird – sie übernimmt Rollen, die zuvor Menschen innehatten, wird mit Erwartungen belegt und strukturiert soziale Abläufe.
Frank Witt nennt KI in seinem Buch Die Sozialisation von Maschinen eine Basistechnologie eines neuen, zweiten Maschinenzeitalters. An anderer Stelle spricht er von einer Umbildung der Kommunikationsordnung: KI ordnet zunehmend, was sichtbar wird, welche Entscheidungen vorbereitet werden und welche Deutungen anschlussfähig bleiben.
Beide verstehen KI als Teil sozialer Ordnungen, nicht als isolierte Technologie. Als Entität, die in soziale Praktiken eingebunden wird, funktionsnotwendiges implizites Wissen inkorporiert und menschliche Tätigkeiten strukturell ersetzt.

Ko-Evolution – Eine Auto-Ethnographie

Klaus Burmeister, Zukunftsforscher bei D 2030, hat seit November 25 auf LinkedIn eine Diskussion über eine Ko-Evolution von Mensch und KI angestossen. In einer Serie von fünf Texten, er nennt sie Notizen, zeichnet er auf, was sich als Auto-Ethnographie oder protokollierte Nutzungserfahrung eines Wissensarbeiters verstehen lässt.

Der Kipppunkt auf der Wippe – Mensch vs AI/KI.  Bildquelle: Unsplash+

Der Begriff Ko-Evolution war bewusst gewählt, um einen  längerfristigen, wechselseitigen Transformationsprozess zwischen Mensch und KI zu benennen, in dem sich beide Seiten verändern. Burmeister schreibt: Wer regelmäßig mit KI arbeitet, verändert sich — seine Fragen, seine Erwartungen, seine Denkroutinen. Und die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind weder rein menschlich noch rein maschinell. Es entsteht etwas Drittes.

Burmeisters Interesse gilt dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine. Im Kern geht es ihm um die Frage, wie sich menschliche Souveränität – das Recht, über das eigene Leben zu bestimmen – erhalten lässt, wenn Maschinen in immer mehr Bereichen schneller, umfassender und ausdauernder operieren als wir. Die Textreihe beginnt als Logbuch eines Selbstversuchs zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. 

Sein Buchprojekt trägt den Titel Nie ohne Grund – angelehnt an einen Dialog mit einer KI, die den Satz formulierte: Gegen dich – wenn’s sein muss. Aber nie ohne Grund. Für Burmeister wurde dieser Satz zum Ausgangspunkt der Frage: Wer entscheidet, ob die Gründe der Maschine ausreichen? Seine Haltung ist ein trotziges Dennoch – die Weigerung, den gemeinsamen Streit um Zukunft aufzugeben, auch wenn der Mensch kognitiv zunehmend  unter Druck gerät.

Seine Aufzeichnungen protokollieren eine erlebte Wirkung – und zugleich eine Projektion. Die Formulierung Die Maschine formulierte die Möglichkeit, gegen den Menschen zu handeln schreibt der KI eine Intentionalität zu, die sie nicht hat. Was Burmeister erlebt, ist die Konfabulation eines Sprachmodells, das auf seinen Input reagiert – nicht die Selbstbehauptung eines Akteurs. Das ist keine Kritik an der existenziellen Ernsthaftigkeit seiner Frage. Aber es ist eine begriffliche Präzisierung.
Die Maschine hat keinen Grund,  keinen Willen. und sie hat keine Perspektive als Erste Person. Der allbekannte Satz von Descartes Ich denke, also bin ich, markiert wohl am besten die menschliche Selbstermächtigung zu dieser Perspektive.

Technogenese – Ko-Evolution auf lange Sicht 

Was ich ausdrücklich teile, ist die Aufforderung zu einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung: Weg von der klassischen Technikfolgenabschätzung, die Risiken im Nachhinein bewertet, hin zu einer Forschung, die als Navigator in ungewissen Zukünften dient.

Ko-Evolution beschreibt etwas Reales: die erlebte, angepasste Benutzeroberfläche der KI. Wer täglich mit Claude, ChatGPT, Mistral oder anderen Systemen arbeitet, erfährt tatsächlich eine Form wechselseitiger Anpassung, Auf dieser Ebene kann die Sprachmaschine wie ein Dialogpartner wirken, gestützt auf gespeicherte Kontexte und Formen der Personalisierung, die sich in den einzelnen Modellen unterscheiden.
Was sich verändert, ist der Nutzer, der sein Verhalten und Vorgehen danach ausrichtet,  nicht das System.
Auf der Modellebene – dem eigentlichen KI-System – gilt: Hersteller berücksichtigen Kundenerfahrungen (RLHF*, Feedback-Schleifen), aber das ist klassische Produktentwicklung, keine Ko-Evolution.
KI passt sich nicht an Menschen an – sie wird von Menschen entwickelt. Von Unternehmen mit Geschäftsinteressen, wie  Anthropic, OpenAI oder Google. Mit dem Einsatz von Trainingsdaten, Designentscheidungen.Grundlage  natürlicher Ressourcen, Treibstoff und menschlicher Arbeit, wie es Kate Crawford  im Atlas der KI (2021) eindrucksvoll beschrieben  hat.

Als stimmig sehe ich den Begriff der Ko-Evolution in langfristiger Perspektive, im Sinne des Konzepts der Technogenese. Gemeint ist damit die parallele Entwicklung, die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft.
Den Begriff Technogenese favorisiere ich seit langem, da er an Elias’ Zivilisationstheorie anschließt und deren Konzepte der Sozio- und Psychogenese um die materielle Dimension der Technik ergänzt. Gesellschaftliche Entwicklung lässt sich ohne diese Dimension nicht angemessen verstehen. Technische Zivilisation ist kein Begleitphänomen, sondern ein ko-evolutiver, strukturprägender Faktor.
Rückblickend erscheinen dann einzelne Stufen als Momentaufnahmen eines Zivilisationsprozesses, der in der Gegenwart weiterläuft und sich fortschreibt.

Intermediarität – Synthese statt Abruf

Anfang dieses Jahres hatte ich mich mit dem Blogpost KI als Intermediär – Plausible Konfabulation in die Diskussion eingebracht. Dabei eine Sichtweise entwickelt, die KI als eine Vermittlungsinstanz begreift, die synthetisiertes Wissen hervorbringt.
Intermediarität ist – vorerst – der Begriff, der mir am präzisesten erscheint, um zu beschreiben, wie KI Wissen organisiert. Als Medienintermediäre kennen wir Plattformen und Suchmaschinen des Social Web, wie Instagram, Youtube, Google. Sie erstellen keine eigenen Inhalte, sondern aggregieren, selektieren und empfehlen fremde Inhalte über Algorithmen, Feeds oder Suchergebnisse.

KI ruft Wissen nicht ab, sondern synthetisiert aus gesammelten Daten. Bild: Logan Voss – Unsplash+

KI als Intermediär unterscheidet sich von diesen darin, dass KI Wissen nicht aus Archiven abruft, sondern  aus gespeicherten Daten neu (singulär) synthetisiert.
KI-Modelle sind nicht die Urheber des Wissens, das sie ausgeben, sie erzeugen jeweils kontextabhängige Synthesen auf Basis vorhandener Datenbestände. Die Maschine produziert in einem Konfabulations-raum, einen Möglichkeitsraum plausibler, aber nicht notwendig zutreffender Aussagen, der durch die Eingaben gesteuert wird. Sie synthetisiert; die Entscheidung über Relevanz bleibt beim Menschen. Das ist nicht trivial,  es ist die Bedingung der Möglichkeit sinnvoller Nutzung.
Aus Massendaten werden situativ zugeschnittene Angebote mit entsprechenden Deutungs- und Anschlussmöglichkeiten. Ob daraus kognitiver Reichtum oder kognitive Verarmung  entsteht, ist keine technische, sondern eine kulturelle Frage.

Diese Intermediarität ist die beobachtbare Mikro‑Ebene, auf der wir mit KI interagieren. Als Nutzer lernen wir, jeweils funktionale Vorgehensweisen zu entwickeln. Die Frage, ob KI als Werkzeug bezeichnet werden kann, bleibt dabei ambivalent. Sie ist kein Werkzeug im Sinne eines Hammers, aber auch kein Instrument, das sich einfach über Knöpfe bedienen lässt. Eher handelt es sich um ein System, für das Nutzer Vorgehensweisen, Taktiken und ein spezifisches Gespür entwickeln müssen, um verlässliche Ergebnisse zu erzielen. Die Maschine kann dabei wie ein Gegenüber wirken, liefert jedoch nur dessen Simulation.

Was die Maschine leistet, ist die Synthese bzw. die Extraktion von Wissen aus einem vorhandenen Bestand. Sie erzeugt kontextabhängige Ergebnisse, die wie ihre Gedanken erscheinen, ohne dass sie selbst deren Urheber ist.
Sie gibt singuläre Ergebnisse aus, was nicht ausschließt, dass standardisierte Abfragen in standardisierten Kontexten auch standardisierte Resultate hervorbringen.
Technogenese.
ist der makro‑historische Rahmen, der diese Verschiebungen in eine längerfristige Entwicklung von Zivilisation, Medienumgebungen und Arbeitsformen einordnet.

Der Prozess der Digitalisierung,  mit ihm die Diffusion von KI,  erweist sich nicht als eingleisiger Pfad eines demokratischen Digitalen Fortschritts.
Es zeichnet sich ein konflikthaftes Feld ab. KI verändert nicht nur die Organisation von Wissen, sondern verschiebt auch die Bedingungen, unter denen gesellschaftliche Ordnung entsteht. Fragen von Macht, Ungleichheit und demokratischer Kontrolle stellen sich neu.
Technogenese ist kein linearer Fortschrittsprozess, sondern eine ungleichzeitige, spannungsreiche Entwicklung.

 

vgl.: Klaus Burmeister: Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten Ko-Evolution und fünf Notizen.- Eine Zwischenbilanz.  LinkedIn 12.04.2026 – Interview mit Walter Russell Mead KI wird noch disruptiver als die i trielle Revolution“. Die Zeit 18.03.2026. Frank H. Witt: Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft-UVK Verlag , 220 S. ,April  2025. Fabian Anicker: Sozialisierte Maschinen. Zur gesellschaftlichen Funktion von Künstlicher Intelligenz. Zeitschrift für Theoretische Soziologie 1/2023; S. 79-105  – Kelly Joyce, Taylor M. Cruz & al.: A Sociology of Artificial Intelligence: Inequalities, Power, and Data Justice  3.09.2024;  Im Blog: KI als Intermediär – Plausible Konfabulation  (01/26) ; Die Sozialisation von Maschinen – Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft . (Rez.zu Frank Witt – 04/25). – 

*RLHF (Reinforcement Learning from Human Feedback) bezeichnet ein Verfahren, bei dem KI-Modelle mithilfe menschlicher Bewertungen an gewünschte Antworten und Verhaltensweisen angepasst werden.



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