Technogenese – Sinn und Nutzen des Konzepts

Die digitale Technogenese in frühen Jahren. Bild: unsplash+

Digitale Revolution – Technik  als Zeitgeschichte 

Die digitale Revolution kam nicht aus dem Nichts. Sie traf auf bereits veränderte kulturelle Dispositionen. Die komplette Kultur- und Zeitgeschichte des späten 20. und des laufenden 21. Jahrhunderts lässt sich nicht ohne die Geschichte der Digitalisierung erzählen – und Digitalisierung wiederum nicht ohne die kulturellen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen, die sie ermöglicht und geformt haben.

Techniken setzen sich nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen¹. Sie verbreiten sich nicht allein über technische Überlegenheit, sondern über ihre Anschlussfähigkeit. Sie setzen sich durch, weil sie an bereits vorhandene gesellschaftliche Dispositionen, Bedürfnisse oder Machtstrukturen anschliessen. Technik wird dann wirksam, wenn sie alltagspraktisch nützlich, sozial anschlussfähig und kulturell begehrenswert wird.
Die digitale Revolution war nie nur eine technische Angelegenheit. Sie verbreitete sich mit einem bestimmten kulturellen Habitus. Vernetzung, Flexibilisierung, permanente Innovation wurden zu Leitbildern einer neuen digitalen Kultur. Sie öffnete den frühen Anwendern ein Freiheitsfenster, bestehende Hierarchien und deren Gatekeeper zu umgehen. Genau diese wechselseitigen Prozesse der Formung von Technik und Gesellschaft sind gemeint, wenn im folgenden von Technogenese die Rede ist.

Von der Gegenkultur zum Machtzentrum

Zwischen den digitalen Utopien der Gegenkulturen und Silicon Valley als Machtzentrum gibt es mehr Kontinuität, als viele wahrhaben wollen. Ohne die kulturelle Ausstrahlungskraft (vgl: Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht) der Popular- und Subkulturen ist dessen Aufstieg nicht zu verstehen.
Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung².
Die neuen Möglichkeiten einer vernetzten Gesellschaft beflügelten mehrere Generationen, global. Sicher war es nicht allein das kulturelle Kapital,  aber ohne dieses wäre nicht in solchem Maße Venture Capital zugeflossen.  Ein Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung bildete sich heraus, das sich in der Folge zu einem neuen Machtpol verdichtete.

Spätestens als digitale Infrastrukturen so zentral wurden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen konnten, nach denen sich andere richten mussten, entstand eine neue Form struktureller Macht.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte heran. Heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem Grössenwahn. In diesem Klima schnell wachsender ökonomischer und struktureller Macht verbreiteten sich Ideologien,  die oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst werden.  Cyberlibertarismus kann als deren  Basis gesehen werden.

Was als emanzipatorisches Versprechen begann – mehr Demokratie, mehr Teilhabe, mehr Möglichkeiten  durch Vernetzung – ist heute in offene Konfrontation mit einer autoritären Modernisierung gekippt: Oligarchen, geopolitische Konkurrenz um KI-Infrastrukturen und die Instrumentalisierung digitaler Macht für nationale Machtprojektionen sind nicht mehr abstrakt, sondern Teil der politischen Gegenwart.

Soweit eine grobe Skizze zum Verlauf der digitalen Revolution – deren weiterer Verlauf noch offen ist. Revolution meint hier kein punktuelles Ereignis, sondern eine langfristige Umwälzung technologischer und gesellschaftlicher Grundlagen, ähnlich der industriellen Revolution. Dabei verändern sich Kommunikation, Öffentlichkeit, Vergemeinschaftung, Arbeit, Wissen und die Machtverhältnisse in komplexen Wechselwirkungen, nicht entlang einfacher Kausalitäten, oft als unerwartete Ergebnisse.
KI in Form der LLMs ist die bislang neueste Stufe dieser Entwicklung. Sie ist in den Alltag eingedrungen – und ihre Wirkung auf Machtkonzentration ist nicht mehr zu übersehen.

Selten zuvor wurden technologische Umwälzungen derart  verdichtet, die Geschwindigkeit digitaler Umformung so beschleunigt erlebt, wie jetzt. Debatten zu den Folgen und Wirkungen der Verbreitung von KI und generell dazu, welche Richtung, die Umwälzungen nehmen, werden derzeit auf vielen Ebenen geführt – bis hin zur päpstlichen Enzyklika Magnifica humanitas. 

Interdependenzen: Ko-Evolution von Mensch und Technik – wechselseitige Veränderung durch Nutzung und Anpassung.  Bild: unsplash+

Ko-Evolution – eine Debatte und ihre Ebenen

Mit dem Beitrag  Ko-Evolution von Mensch und KI von Klaus Burmeister begann Ende 2025 eine offene Debatte, auf die ich mich in mehreren Beiträgen in diesem Blog bezogen habe.
Ko-Evolution, die wechselseitige Veränderung von Mensch und Maschine, ist dabei die intuitive erste Beschreibung einer Erfahrung, die viele teilen. Wer regelmäßig mit Sprachmodellen arbeitet, verändert sich, seine Fragen, seine Denkroutinen, seine Erwartungen. Und die Technologie verändert sich durch ihre Nutzung (Klaus Burmeister). Ko-Evolution benennt die wechselseitige Veränderung ohne Determinismus  – genau das macht es zum produktiven Einstieg für Debatten, die sonst oft in Technikeuphorie oder Gefahrenbeschwörung enden.

Bemerkenswert an dieser Debatte ist die Verbindung verschiedener Beobachtungsebenen: die unmittelbare Erfahrung mit Sprachmodellen, als Außenbeobachtung und als Selbstversuch, die Frage nach gesellschaftlichen Wirkungsmechanismen und schließlich die längerfristige kultur- und gesellschaftstheoretische Einordnung. Genau diese Verbindung ist der Kern von Technogenese als Perspektive.
Ein erstes Ergebnis dieser Debatte ist die funktionale Sequenz synthetische Intermediaritätplausible Konfabulationkognitive Ratifikation eine Trias, die beschreibt, wie aus technischen Operationen gesellschaftlich wirksames Handeln wird.
Kognitive Ratifikation bedeutet nicht nur die unmittelbare Zustimmung zu KI-generierten Ergebnissen. Jedes automatisierte System, jeder Algorithmus und jeder Bot mit den jeweiligen Zielen, Regeln und Einsatzbereichen wurde irgendwann  von  menschlichen Entscheidern definiert, freigegeben oder akzeptiert. Selbst dort, wo technische Systeme scheinbar autonom operieren, beruht ihre gesellschaftliche Wirksamkeit auf vorhergehender menschlicher Ratifikation.

 Begriff und Konzept Technogenese

Den Begriff Technogenese hatte ich seit einigen Jahren immer wieder hervorgehoben (vgl. Technogenese – technische Innovation und gesellschaftlicher Wandel). Breitere Resonanz findet er allerdings erst jetzt im Kontext der aktuellen KI-Debatten. Der Begriff wirkt zunächst beinahe selbsterklärend und tatsächlich erschließt sich seine Grundidee oft intuitiv: Technik verändert Gesellschaft, Gesellschaft verändert Technik. Seine eigentliche analytische Stärke liegt jedoch darin, diese Wechselwirkungen nicht kausal als einzelne Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern als langfristige interdependente Prozesse zu beschreiben.

Der Begriff bzw. das Konzept Technogenese ist nicht neu. Woher der Begriff stammt und warum er passt, habe ich in einem früheren Beitrag ausgeführt:  von  Bernard Stieglers medientheoretischer Grundlegung zur kognitionswissenschaftlichen Weiterentwicklung bei Katherine Hayles  und der  Einbeziehung in das Forschungsprogramm  Netnographie bei  Robert Kozinets.
Hayles
beschreibt Technogenese als einen Prozess wechselseitiger Anpassung, als Technogenetic Spiral:   human cognitive adaptations to digital media create conditions for more sophisticated AI systems, which in turn generate new forms of human-machine coupling³. Hier wird deutlich, dass technische Entwicklung und menschliche Veränderung nicht getrennt voneinander verstanden werden können.

Die entscheidende Verschiebung in der hier verwendeten begrifflichen Fassung von Technogenese liegt in der Anlehnung an Norbert Elias’ Prozesssoziologie und die Konzepte der Sozio- und Psychogenese. Damit erschließt sich das volle gesellschaftsanalytische Potential, das über die medientheoretischen Ansätzen hinausgeht.
Technogenese verbindet so Ebenen, die sonst getrennt diskutiert werden:  Technik, Kultur, Gesellschaft, Macht, Habitus. Gespräche über KI, über Regulierung, Bildung,  Demokratie- generell mittel- bis langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen können so in einen gemeinsamen Rahmen gestellt werden.

Medienbruch und gesellschaftlicher Wandel 

Gunnar Sohn verwies, innerhalb der Debatte, auf den Medientheoretiker Friedrich Kittler. Von diesem stammt der Begriff von Technik als Diskontinuitätsmaschine. Früh hatte er darauf hingewiesen, dass technische Medien nicht nur Inhalte transportieren, sondern die Bedingungen von Wahrnehmung, Kommunikation und Wissen selbst strukturieren.
Technogenese knüpft daran an, erweitert die Perspektive jedoch um die langfristigen gesellschaftlichen und habituellen Veränderungsprozesse, die aus dieser Wechselwirkung hervorgehen. Daran ergeben sich Anschlussfragen. Warum setzen sich bestimmte Medien überhaupt durch? Warum in dieser gesellschaftlichen Form – und v.a. welche Wirkungen haben sie auf gesellschaftliche Strukturen, auf Institutionen, auf Alltag, Konsum und Erwerbsbiographien? Warum konnte sich z.B. das Metaverse nicht in dieser Form durchsetzen – verbreitet sich Virtual Reality aber über andere Wege?

Technogenese ist somit keine in sich geschlossene Theorie, sondern eine Perspektive – der Versuch, die wechselseitige Verflechtung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung mit ihren unerwarteten Effekten, Beschleunigungen und Brüchen sichtbar zu machen.
Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich oft zuerst in den Alltags- und Popularkulturen – lange Zeit war es Popmusik (heute nachlassend),  in der sich Trends früh abzeichneten, heute mehr digitale Formate von Games bis  instagram Reels. Es sind die Seismographen der digitalen Alltagskultur des  21. Jahrhundert.

Antrieb und Anspruch

Persönlich ist es mir seit langem ein Anliegen, eine prozesssoziologische Perspektive auf die gesellschaftlichen Dynamiken der letzten Jahrzehnte anzuwenden. Elias Analysen behandelten den historischen Zivilisationsprozess. Arbeiten, die methodisch daran anschliessen sind rar, die Informalisierungsthese von Cas Wouters ist zu nennen. Aber auch diese endet spätestens mit der Jahrtausendwende, genau dort, wo die Dynamik der digitalen Transformation beginnt, Gesellschaft grundlegend umzuformen. Diese Lücke zu schließen ist für mich der eigentliche Antrieb hinter dem Begriff Technogenese. Ambitioniert ausgedrückt: als Motor des Zivilisationsprozesses im 21.Jahrhunderts.

Dabei steht der Begriff nicht allein. Zahlreiche Arbeiten und Analysen sind anschlussfähig – von Manuel Castells‘ Netzwerkgesellschaft über die Consumer Culture Theory zu den medientheoretischen Ansätzen von Kittler und Hayles. Technogenese beansprucht nicht, diese Ansätze zu ersetzen, sondern sie prozesssoziologisch zu rahmen – als langfristige Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, die mehrere Ebenen gleichzeitig sichtbar macht. 

Welche Themen sich im weiteren anschließen, hängt auch von der Resonanz der laufenden Debatte ab – Technogenese ist ein offener Begriff, der sich im Gebrauch weiterentwickelt.

 

vgl. u.a.: ¹zitiert nach: Deutschlandfunk, Armin Nassehi: ‚Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 19.10.2019  ²Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. In: agora 42.  Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026.  ³ zitiert nach: Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future–  LinkedIn. 3.08.2025 —   Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.-   Klaus Burmeister: Das Beobachterproblem der Ko-Evolution. LinkedIn 16.05.2026  Gunnar Sohn: Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler. 25.04.2026  —  Interview mit Douglas RushkoffEinige Tech-Milliardäre sehen sich als höhere Spezies.  In: Surplus Magazin:. 28.03. 2025



Intermediarität – Konfabulation – Ratifikation: Wie KI gesellschaftlich wirksam wird

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Sich mit Maschinen unterhalten zu können ist in höchstem Maße irritierend und faszinierend zugleich, und zwar in einem viralen Ausmass.¹
Maschinen als ein antwortendes Gegenüber sind eine neue Erfahrung, sie sind weder Werkzeug noch Medium im bisherigen Sinne. Das ist neu in der Technikgeschichte und wirft grundlegende Fragen nach Wissen, emotionaler Wirkung und  gesellschaftlicher Macht auf.

Generative KI als Erwartungstechnologie und Resonanzmaschine

Generative KI hat sich nicht als Technologie, die ein bestimmtes Problem löst, verbreitet. Sie verbreitet sich nicht deshalb, weil sie bereits klar definierte Probleme zuverlässig löst. Sie zirkuliert eher als eine Art universelle Erwartungstechnologie. Wer mit Sprachmodellen arbeitet, nutzt sie nicht nur instrumentell, sondern beginnt, ihre Möglichkeiten als dialogische und kognitive Resonanzmaschine zu erkunden.

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Die Erwartungen sind sehr breit gestreut. Das antwortende Gegenüber passt sich an, es widerspricht selten, es verweigert sich kaum. Sprachmodelle sollen recherchieren, formulieren, sortieren, koordinieren, Entscheidungen vorbereiten oder ersetzen. Es gibt die üblichen Erwartungen an Effizienzgewinne durch die Automatisierung von Routinen – die sich dann oft als schwieriger als erwartet erweisen. Für Unternehmen oder auch die öffentliche Verwaltung lassen sich LLMs nicht umstandslos für ihren Bedarf nutzen. Ihre Ausgaben auf sprachliche Eingaben hin sind nur bedingt  vertrauenswürdig. Es fehlt ihnen eine maschinenhafte Zuverlässigkeit.¹

KI als Sparrings- oder Denkpartner benennt eine häufige Nutzungserfahrung, die oft am Beginn reflektierter systematischer Beobachtungen steht. Der eigentliche Nutzen beginnt nicht dort, wo die KI fertige Lösungen liefert, sondern dort, wo sie reagiert. Wo sie nicht einfach abarbeitet, sondern Denkbewegungen sichtbar macht. Das ist unbequemer als ein klassisches Tool – aber auch nachhaltiger.³

Diese und andere Nutzungserfahrungen bilden den Hintergrund einer Debatte, die der Zukunftsforscher Klaus Burmeister seit Ende 2025 angestoßen hat: Gemeint ist ein Prozess wechselseitiger Beeinflussung und Veränderung zwischen Mensch und KI. Die regelmäßige Arbeit mit KI verändert die Fragen, Erwartungen und  Denkroutinen².
Im Raum steht das Leitbild einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung, die die unterschiedlichen Dimensionen des technischen und gesellschaftlichen Wandels einbezieht – im Gegensatz zu reaktiven Erklärungsmodellen und Technikfolgeabschätzungen.

Wie werden technische Operationen gesellschaftlich wirksam?

In den vorhergehenden Beiträgen wurde der Begriff Technogenese entwickelt – als prozesssoziologischer Rahmen für eine wechselseitige Veränderung von Technik und Gesellschaft.
Wie wird aus technischen Operationen gesellschaftlich wirksames Handeln? Und wie wirken deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Ordnungen zurück?Darüber hat sich in der Debatte mittlerweile ein Konsens herausgebildet.

Ein Ergebnis dieser Debatte ist die funktionale Sequenz von Synthetischer Intermediarität, Plausibler Konfabulation und Kognitiver Ratifikation. Diese Trias beschreibt nicht KI allgemein, sondern aktuelle Funktionsweisen und die  kulturelle Praxis: wie Menschen gegenwärtig mit KI umgehen – und wie daraus gesellschaftlich wirksames Handeln wird.

Synthetische Intermediarität ist die Basisleistung der Denkmaschine. Sie erzeugt kontextabhängige Synthesen aus dem Wissensmaterial, das ihr zugeführt wurde – nicht aus eigenem Verstehen, sondern aus statistischen Mustern übernommener Wissensbestände.
Sprachmodelle rufen Wissen nicht ab wie ein Archiv, und sie sind auch kein Werkzeug im klassischen Sinn. Sie sind Vermittlungsinstanzen, die aus angeeignetem, nicht selbst erworbenem Wissen kontextabhängige Synthesen erzeugen. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre strukturelle Grenze.

Plausible Konfabulation ist die Arbeitsweise der Denkmaschine. Sie erzeugt Antworten, die kohärent und überzeugend klingen – nicht weil sie wahr, sondern weil sie plausibel sind und den statistischen Mustern des angeeigneten Wissens entsprechen.
Der Begriff ersetzt den der Halluzination. Letzterer benennt eine wahrgenommene Fehlfunktion, wenn wahre Antworten erwartet werden. Konfabulation ist der Standardmodus der KI. Der Begriff stammt aus der Neuropsychologie und bezeichnet dort das unbewusste Füllen von Gedächtnislücken – die Parallele passt, weil auch die Maschine nicht weiß, dass sie Lücken füllt. Ergebnisse sind nicht wahr, sondern plausibel – gesteuert durch die Eingaben der Nutzer, begrenzt durch das Modell.

Kognitive Ratifikation ist die soziale Bestätigung der Ausgaben der Denkmaschine,  eine Art Qualitätsabnahme, und damit der Beginn ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Erst mit ihrer Anerkennung, Übernahme und Weiterverarbeitung wird aus der technischen Operation ein gesellschaftlich wirksames Ergebnis.
Bereits heute lässt sich beobachten, dass Menschen beginnen, ihre Kommunikation und ihre Denkweisen an die Interaktion mit Sprachmodellen anzupassen.

Genealogie einer Wissensmaschine

Generative KI ist ein Kind des Social Web. Ohne die Digitalisierung kollektiven Wissens, die Datenfülle sozialer Plattformen und die massenhafte Speicherung alltäglicher Kommunikation gäbe es sie nicht.  Die systematische Verknüpfung, Verdichtung und Automatisierung dieses Wissens ist nahezu zwangsläufige Folge der technischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Digitalisierung.
Das Social Web strukturierte Öffentlichkeit neu – ein Thema, das uns mit seinen Folgen seitdem beschäftigt. Der Anschub des Social Web (Web 2.0)  wirkte demokratisierend, mit einem Freiheitsfenster neuer Möglichkeiten. Mit der Konzentration auf wenige Plattformen verstärkten sich oligarchische Strukturen.
Generative KI reorganisiert den Zugang zu Wissen selber. Der niederschwellige Zugang wird oft als Empowerment erlebt, Sprachmodelle erleichtern Recherche, Formulierung und kognitive Organisation.

Die Aneignung kultureller Leistungen

Generative KI-Modelle werden in großem Umfang mit Werken trainiert, für die kein explizites Einverständnis der Urheber eingeholt wurde. Der Vorwurf illegitimer Aneignung kultureller Leistungen begleitet die Entwicklung der Technologie von Beginn an.
Kumulation (Anhäufung) von Wissen ist eine Grundlage menschlicher Zivilisation. Wissen kann gesammelt, weitergegeben und aufgebaut werden. Die Verfügung über erworbenes Wissen ist ein wirtschaftliches Gut und eine  wesentliche Einkommensquelle von Wissens- und Kreativarbeitern. Dieser ökonomische Wert wird durch Rechte gesichert – und durch generative KI strukturell unterhöhlt: Kollektiv produziertes Wissen wird angeeignet, verdichtet und als kostenpflichtiger Dienst zurückgegeben.

Hype als Geschäftsmodell

Der gegenwärtige KI-Boom wird nicht allein durch technische Möglichkeiten und ihre Akzeptanz angetrieben, sondern durch eine Ökonomie der Zukunftserwartungen. Venture Capital finanziert weniger konkrete Problemlösungen als die Aussicht auf zukünftige infrastrukturelle Dominanz. Der Hype ist nicht bloß Begleiterscheinung der Entwicklung, sondern selbst Teil des Geschäftsmodells.

Technogenese – eine  prozessoziologische Rahmung

Digitale Technologien verändern Wahrnehmung, Wissen und Machtverhältnisse, nicht punktuell, sondern als langfristiger gesellschaftlicher Prozess. Genau hier schliesst der Begriff Technogenese an, ohne eine bestimmte Fortschrittslogik zu übernehmen. Der Begriff beschreibt keinen linearen Prozess und kein technisches Heilsversprechen. Nutzungserfahrungen, Wissensaneignung, Kapitallogiken und gesellschaftliche Erwartungen wirken nicht getrennt voneinander, sondern in gegenseitiger Wechselwirkung –  in Interdependenz. Ist man sich dessen bewusst, wird klarer, dass die Gestaltung von Zukunft ein langer, oft konfliktreicher Prozess von Aushandlungen ist – und nur selten zwangsläufig verläuft.

Dieser Text entstand im Rahmen der Debatte Ko-Evolution von Mensch und Maschine. Er spiegelt die Wahrnehmung von Wissensarbeitern – jenen, die den Dialog mit der Maschine selbst führen und reflektieren. Anderswo übernehmen Dienstleister die Implementation von KI, Nutzer haben es dann mit abgeschlossenen Produkten zu tun.

 

vgl.: ²Klaus Burmeister: Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten Ko-Evolution und fünf Notizen.- Eine Zwischenbilanz.  LinkedIn 12.04.2026.  Athanasios Karafillidis Containment eines Laborunfalls. Über die Regulierung Künstlicher Intelligenz. Lizenziert für merkur-zeitschrift.de – 04/2026 — ³ Markus Schall: Mit KI dialogisch denken lernen: Warum gute Fragen wichtiger sind als gute Modelle Kate Crawford: Atlas of AI. Yale University Press. 2021. 327 S. de: Atlas der KI . Übers: Frank Lachmann 8/24 

Im Blog: KI als Intermediär – Plausible Konfabulation  (01/26) ; Die Sozialisation von Maschinen – Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft . (Rez.zu Frank Witt – 04/25). – 


Technogenese in der Diskussion – Ein Zwischenstand

Bild: unsplash+

Digitale Technologien verschieben unsere Wahrnehmung, den Zugang zu Wissen und Machtverhältnisse – als langfristiger gesellschaftlicher Prozess, der sich nur unzureichend mit etablierten analytischen Kategorien fassen lässt.

Die letzten beiden Texte Technogenese als Perspektive¹ und Ko-Evolution und Intermediarität² haben einige  bemerkenswerte Resonanzen, von medientheoretischen Zuspitzungen bis zu Fragen nach künftiger Gesellschaftsforschung,  ausgelöst, die die Diskussion  weiterführen und zugleich schärfen.

Ausgangspunkt war die von Klaus Burmeister (Zukunftsforscher bei D2030) seit November 2025  angestossene Debatte zur Ko-Evolution von Mensch und Maschine. Die gesamte Debatte lässt sich in mehreren Artikeln auf LinkedIn verfolgen. Der einfachste Zugang ist über den aktuellsten Artikel Sieben Erkenntnisse aus 18 Monaten. Ko-Evolution und fünf Notizen (04/26) – darüber sind die anderen Beiträge verlinkt.
Burmeister hatte u.a. auch das Leitbild einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung genannt: Weg von der klassischen Technikfolgenabschätzung, die Risiken im Nachhinein bewertet, hin zu einer Forschung, die als Navigator in ungewissen Zukünften dient. Das bedeutet eine offene Exploration von gesellschaftlichen Ordnungen, Praktiken und Verhandlungsräumen, die sich mit aufkommenden Technologien (z.B. KI, Plattformkapitalismus, Energieinfrastruktur) konstituieren – also nicht nur auf Folgen, sondern auf Ko‑Evolution von Technik und Gesellschaft.

Meine beiden Texte schliessen an die Debatte an –  der eine mit Blick auf die konkret erlebte Funktionsweise von KI, der andere mit einer Weiterführung zu einer langfristigen Perspektive mit einem Anschluss an die Prozesssoziologie von Norbert Elias. Technogenese fasst diese Perspektive begrifflich.

Für die Mikroebene der KI erweist sich der Begriff der Intermediarität als angemessen. Sprachmodelle rufen Wissen nicht einfach ab wie ein Archiv, und sie sind auch kein Werkzeug im klassischen Sinn. Sie fungieren als Vermittlungsinstanzen, die aus gespeicherten Daten kontextabhängige Synthesen erzeugen. Der Begriff des Konfabulationsraums macht deutlich: Ergebnisse sind nicht wahr, sondern plausibel – gesteuert durch die Eingaben der Nutzer und begrenzt durch das Modell.

Für die Funktionsweise von KI ergibt sich eine begriffliche Sequenz:
Intermediarität (Strukturprinzip: KI synthetisiert, statt abzurufen)→ plausible Konfabulation  (Operationsmodus: Ergebnisse sind plausibel, nicht wahr)→ kognitive Ratifikation (Gesellschaftliche Wirkung: Menschen übernehmen, ohne zu durchdringen)
Erst mit der kognitiven Ratifikation – also der sozialen Anerkennung und Übernahme eines erzielten Ergebnisses – wird aus einer technischen Operation gesellschaftlich wirksames Handeln.

Gunnar Sohn führt in seinem Text Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler die Arbeiten des Medientheoretikers Friedrich Kittler in die Diskussion ein.  Kittlers medientheoretische Arbeiten (Aufschreibesysteme 1800/1900, Grammophon, Film, Typewriter) markieren die radikale These, dass Aufschreibesysteme und Medientechnologien nicht nur Kommunikationswege bereitstellen, sondern Wahrnehmungsordnungen, Wissensformen und Machtverhältnisse mitkonstituieren. Technik ist die operative Grammatik dessen, was eine Gesellschaft speichern, übertragen, zählen, befehlen und erinnern kann.
Sohn kritisiert, dass Interdependenz zu harmonisch klinge; Mediengeschichte sei kein Gleichgewicht, sondern eine Folge technischer Zumutungen, die Speicherformen, Kanäle und Adressierungen radikal umstellen.
Interdependenz meint jedoch kein harmonisches Gleichgewicht, sondern – im Anschluss an Norbert Elias – ein Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten, in dem sich Machtverhältnisse ausbilden und verschieben. Macht ist hier ein Beziehungsbegriff: Machtbalancen entstehen überall dort, wo funktionale Abhängigkeiten, d.h. Interdependenzen zwischen Menschen bestehen – sie sind selten stabil, oft asymmetrisch und ständig in Bewegung. Interdependenz klingt nur dann harmonisch, wenn Macht ausgeblendet wird.

Kittlers Diagnosen sind für das Verständnis von Technogenese unverzichtbar, aber sie bilden kein prozesssoziologisches Modell. Sie markieren die medientechnischen Bedingungen des Sozialen – nicht dessen langfristige Entwicklungsdynamik.

Technogenese beschreibt nicht nur eine Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, sondern – wie Frank Witt (Autor Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft) ausführt – die technische Reorganisation gesellschaftlicher Kognition, Selektion und Koordination. Technik ist nicht extern, sondern verdichtete Sozialität. Gesellschaft lagert kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen aus – und verändert damit ihre eigene Ordnung. Maschinen „übernehmen“ Gesellschaft nicht, vielmehr externalisiert Gesellschaft aber immer mehr kognitive Leistungen in technische Infrastrukturen und verändert damit ihre eigenen Strukturen.

Die wechselseitige Abhängigkeit technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ist keine neue Erkenntnis, sie  gehört zum Erfahrungsschatz der meisten Menschen.  Frühere Generationen erlebten technische Innovationen vor allem im Alltag der Lebensführung: Waschmaschine, Herd, Kühlschrank. Diese Technologien veränderten den Alltag tiefgreifend und setzten zahllose Möglichkeiten frei.
Der digitale Wandel setzte anders an. Zunächst betraf er die Medien. Mit dem Internet und später Social Media wurde Öffentlichkeit neu organisiert – Kommunikation, Sichtbarkeit und Teilhabe verschoben sich grundlegend.
Zunächst brachte der Wandel neue Freiheitsräume; lange Zeit herrschte die Ansicht vor, digitaler Fortschritt gehe notwendig mit mehr Demokratie und Beteiligung einher. Technische Innovationen können jedoch bestehende Machtsysteme ebenso unterhöhlen wie sie neue hervorbringen können.

Technogenese ist kein neuer Sammelbegriff für Technik-Sozial-Theorien, sondern ein Versuch, langfristige technosoziale Dynamiken  präzise zu beschreiben – das ist anschlussfähig an Elias’ Prozesslogik, darüber hinaus offen für unterschiedliche theoretische Zugänge.
Technologie verändert Interdependenzen, Habitus und Selbstmanagement, ohne statische Strukturen zu übersetzen.
Mit der gegenwärtigen Verbreitung von KI zeichnet sich eine weitere Verschiebung ab: der Zugang zu Wissen selbst wird zunehmend technisch vermittelt und strukturiert.
Genau hier setzt der Anspruch einer vorausschauenden Gesellschaftsforschung an: nicht nachträglich zu bilanzieren, sondern Orientierung in offenen Zukünften zu ermöglichen.

Technogenese gewinnt ihr analytisches Potential damit, dass sie technische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht getrennt betrachtet, sondern als zusammenhängenden, langfristigen Prozess sichtbar macht – ohne diesen vorschnell zu schließen oder normativ festzulegen.

Der hier skizzierte Stand versteht sich ausdrücklich als Zwischenstand einer laufenden Diskussion. Er bündelt bereits erarbeitete Anschlussstellen und begriffliche Klärungen und markiert damit eine gemeinsame Ausgangsbasis. Auf dieser Grundlage kann die Debatte weitergeführt und erweitert werden – auch durch Perspektiven, die bislang nicht beteiligt waren. Entscheidend ist nicht die Schließung des Begriffs, sondern seine weitere Präzisierung im offenen Diskursfeld langfristiger technosozialer Dynamiken.

¹ und  ²: komplett sind es die beiden Titel Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität und Ko-Evolution und Intermediarität – Wie KI Wissen organisiert



Technogenese als Perspektive – Interdependenz statt Kausalität

Interdependenzen. Bild: unsplash+

In  vorhergehenden Beiträgen hatte ich den Begriff Technogenese propagiert. Gemeint ist die ko-evolutionäre Verbindung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung.

Die digitale Gegenwart ist geprägt von technischen Innovationen, deren gesellschaftliche Tragweite wir oft kaum verstehen. Neue Techniken lösen immer wieder Hypes aus und stossen Veränderungsdynamiken an. Plattformen strukturieren Arbeit, Kommunikation und Öffentlichkeit neu. KI verändert, wie Wissen organisiert wird. Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, Kredit, Zugänge. Virtual Reality verschiebt Grenzen zwischen physischen und digitalen Räumen.

Technogenese verstehe ich als langfristigen historischen Prozess, nicht als linearen Fortschrittsverlauf. Zugleich als eine Perspektive, die diesen Prozess überhaupt erst als zusammenhängendes Gefüge sichtbar macht.
Technogenese knüpft an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias an und erweitert ihre Sicht um die Dimension technischer Entwicklung als eigenständigen, aber nicht isolierten Faktor gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Analog zu Elias’ Konzepten der Sozio– und Psychogenese lässt sich Technogenese als Ausdruck wechselseitiger Abhängigkeiten – Interdependenzen – zwischen Technik, Gesellschaft und individuellen Handlungsformen verstehen.

Woher der Begriff kommt – und warum er passt

Zuerst verwendet wurde der Begriff Technogenese von dem Medientheoretiker Bernard Stiegler (2012). In Anlehnung an Anthropogenese beschreibt er Technik als konstitutiv für das Menschsein selbst. Menschliches Leben entsteht demnach nicht unabhängig von technischen und kulturellen Ausdifferenzierungen – etwa durch Werkzeuge, Schrift oder mediale Ordnungen. Technik prägt Individuation, Aufmerksamkeit, Kultur und Gesellschaft, diese wiederum produzieren neue Techniken.

In der medientheoretischen Diskussion wurde der Begriff unter anderem von Katherine Hayles weitergeführt. Sie versteht Technogenese als Ko-Evolution von menschlicher Kognition und technischen Systemen – the idea that humans and technics have coevolved together¹. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Formen des Denkens verändern sich im Zusammenspiel mit medialen Infrastrukturen. Technische Umwelten sind damit nicht nur Anpassungsbedingungen, sondern greifen direkt in kognitive Prozesse ein (2012).
Auch im Forschungsprogramms Netnographie wurde der Begriff seit 2015 von  Robert Kozinets aufgegriffen. Er nutzt Technogenese, um zu beschreiben, wie sich Menschen in dynamischen digitalen Umgebungen verändern – und wie umgekehrt diese Umgebungen durch Nutzung und kulturelle Praktiken geprägt werden. Technogenese fungiert hier als theoretischer Hintergrund für die Analyse dieser wechselseitigen Anpassungsprozesse.
Im deutschsprachigen Kontext tauchte der Begriff bislang eher sporadisch auf – meist als Anschlussbegriff in post- und transhumanistischen Diskussionen.

Technogenese und der Prozess der Zivilisation 

Technogenese -eine weitere Dimension des ZIvilisationsprozesses?

Sein volles gesellschaftsanalytisches Potential entfaltet Technogenese  erst im Anschluss an Norbert Elias Zivilisationstheorie. Erst in dieser Perspektive wird sie zu einem eigenständigen Analysebegriff, der über medientheoretische oder anthropologische Deutungen hinausgeht.
Elias beschrieb in im Prozess der Zivilisation langfristige Prozesse über Jahrhunderte – Affektkontrolle, Verhaltensstandards, Herrschaftsstrukturen. Dazu führte er die Begriffe Psychogenese (Wandel von Persönlichkeitsstrukturen) und Soziogenese (Wandel von Gesellschaftsstrukturen) ein. Seine Analysen sind brillant und sie wurden – mit etwas Verspätung – zu Klassikern der Soziologie. Die technische Dimension blieb jedoch weitgehend ausgeblendet.
Nicht weil Elias sie für unwichtig hielt, sondern weil sein Interesse den Affekt- und Verhaltensstrukturen galt. Er stützte sich auf Tischsitten und aufgezeichnete Verhaltensregeln, um Wandlungsprozesse zu beschreiben. Heute sind es eher Popularkulturen – Musik, Mode, Essen, Reisen, Konsumpräferenzen – an denen sich solche Prozesse beobachten lassen. Hier wird die Verschiebung der empirischen Grundlage sichtbar. Was bei Elias über kodifizierte Verhaltensnormen erschlossen wurde, zeigt sich heute in alltagskultureller Praxis.
Genau diese Lücke füllt Technogenese. Sie ergänzt Elias’ Konzepte um die materielle Dimension der Zivilisation. Als empirisch-soziologischer Begriff steht Technogenese für die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft – parallel zu Psycho- und Soziogenese.

Was diese Perspektive dauerhaft fruchtbar macht, ist die Verbindung von Habitus und gesellschaftlicher Struktur. Technogenese knüpft daran an: Nicht die Erklärung von Wachstum oder Fortschritt steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Elias’ – die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Was Technogenese sichtbar macht: Interdependenz statt Kausalität

Die Perspektive der Technogenese lässt sich an unterschiedlichen theoretischen und empirischen Beispielen  verdeutlichen.
Gunnar Sohn hat kürzlich in seinem Text Technik als Geschichte überraschender Wirkungen im Anschluss an Friedrich Kittler darauf hingewiesen, dass Technologien nie nur Werkzeuge sind, sondern immer auch Kräfte, die Wahrnehmung, Wissen und Gesellschaft neu ordnen. Sie erzeugen Seiteneffekte, Rückkopplungen, Verwerfungen.
So veränderte die Schreibmaschine nicht nur das Schreiben, sondern die soziale Ordnung des Büros. Die Telefonie überträgt nicht nur Stimmen, sondern reorganisiert Arbeit, Körper und Macht. Der Computer ist nicht einfach ein weiteres Medium, sondern ein Metamedium, das Text, Bild, Ton und Video in einem universellen Operationsraum zusammenführt.  Das ist Technogenese auf der Ebene der Medien, aber der Begriff schliesst  mehr ein.: Produktionsweisen, Infrastrukturen, algorithmische Systeme etc.

Dass technologische Entwicklung als zentraler Treiber langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen verstanden wird, ist in den letzten Jahren breit anschlussfähig geworden. Arbeiten wie The Journey of Humanity (Oded Galor) oder Power and Progress (Acemoglu/Johnson) beschreiben solche Dynamiken als langfristige Wechselwirkungen von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft.
Technogenese schließt daran an, ohne eine Fortschrittslogik zu übernehmen. Nicht die Erklärung von Wachstum steht im Vordergrund, sondern die Analyse von Interdependenzketten im Sinne Norbert Elias’ – also die wechselseitige Formung von Technik, sozialen Strukturen und individuellen Dispositionen.

Technogenese bedeutet nicht, dass technische und gesellschaftliche Entwicklung kongruent verlaufen oder gemeinsam Fortschritt erzeugen. Sie beschreibt wechselseitige Formung – die auch in Krisen, Sackgassen oder Rück-Entwicklungen wie Re-Feudalisierung münden können.

Auch bei Niklas Luhmann finden sich anschlussfähige Überlegungen, wenn Technik als evolutionäre Errungenschaft² unter Bedingungen steigender Komplexität verstanden wird². Technik erscheint damit nicht als linearer Fortschritt, sondern als Ergebnis selektiver Bewährung. Zugleich warnt Luhmann vor totalisierenden Deutungen, die Gesellschaft insgesamt als technisch bestimmen.
Diese Perspektive ergänzt den Begriff der Technogenese um eine wichtige Einsicht: Technische Entwicklungen folgen keiner einheitlichen Logik, sondern entstehen in Prozessen differenzierter Anpassung und Abkopplung.

Technogenese als Perspektive 

Technogenese ist kein neuer Name für technischen Fortschritt. Der Begriff bezeichnet eine Perspektive, die technische Entwicklungen als Teil langfristiger, interdependenter Wandlungsprozesse – im Anschluss an Elias’ Zivilisationstheorie –  begreift. Elias sprach von Wandlungsprozessen – ein Begriff, der sich vom heute verbreiteten Transformationsbegriff durch seine stärkere Betonung langfristiger, ungeplanter Entwicklungen unterscheidet.
Der analytische Gewinn liegt darin, dass sie weder in technologische Determinismen noch in sozialkonstruktivistische Verkürzungen verfällt, sondern die wechselseitige/ interdependente Formung von Technik, Gesellschaft und menschlichem Habitus sichtbar macht.
Gerade unter den Bedingungen beschleunigter Innovationen lässt sich erkennen, dass technischer Wandel keine eindeutige Richtung hat, sondern ein offener, konflikthafter Prozess bleibt, dessen Verlauf und dessen Ergebnisse gesellschaftlich ausgehandelt werden.

Technischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt. Noch bis vor einem Jahrzehnt war diese Überzeugung verbreitet. Inzwischen ist dieses Fortschrittsverständnis  brüchig geworden.

vgl. u.a.: Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .¹Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.- Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future-  LinkedIn. 3.08.2025. Kozinets, Robert V.: Netnography Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015),  S. 49 ff – Netnography. The Essential Guide to Qualitative Social Media Research.. Third Edition 2020, S. 113 ff. —  ²Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaften, Kap.  IX. Technik, S. 235 ff. Daron Acemoglu & Simon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity. 546 S. London, 223
Werner RammertTechnik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik. 2006


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