KI 2025 – und die Einstellungen dazu

geprompted, nicht gezeichnet: KI-Titel der Neuausgabe des Zauberberg von  Thomas Mann

Auch im dritten Jahr nach ChatGPT bleibt generative KI ein vorrangiges Thema. Aus dem Stadium des Hype entsprechend dem Gartner Hype Cycle™ ist KI längst herausgewachsen, bleibt aber eine mit Innovationsversprechen verbundene gesellschaftliche Obsession.
Die Diskussion  ist von Nutzungserfahrungen, aber ebenso von politischen Einschätzungen bestimmt, die oft schwer zu überschauen sind.

Generative KI ist ein Kind des Social Web. Ohne dessen Datenfülle und die Digitalisierung des verfügbaren menschlichen Wissens gäbe es sie nicht. Die systematische Verknüpfung, Verdichtung und Automatisierung dieses Wissens war technisch eine logische Weiterentwicklung der Digitalisierung.

Das Chatfenster ist die Benutzeroberfläche, natürliche Sprache – vorausgesetzt man versteht Prompting-Befehle als solche – dient als Betriebssystem. Wir können mit der KI chatten, sie auffordern, ein Buchcover zu Literaturklassikern (s.o.) zu gestalten – oder einen Essay dazu zu schreiben.  Die KI liefert uns Ergebnisse, doch bis diese unseren Vorstellungen entsprechen, ist es ein Weg mit vielen Arbeitsschritten. Der Mensch füttert und steuert die KI, und entscheidet, wofür sie eingesetzt wird.
Manche Dinge kann die KI aus dem Stand: Übersetzungen, Wissensabfrage, Code- Snippets, Transkriptionen etc. KI automatisiert primär das, was ohnehin schon standardisiert war. Bei allem anderen bleibt sie Werkzeug, nicht Ersatz.

Wie schlagen sich drei Jahre generative KI in den Haltungen und Einstellungen nieder? Welche positiven und welche negativen Einschätzungen haben sich verfestigt?
Die Einstellungen zu KI  hängen von den Erfahrungsebenen  ab: Als aktives Werkzeug wird sie meist positiv erlebt; als fremdgesteuertes System erzeugt sie Abhängigkeit. Autonom ist KI nie – sie führt stets menschlich gesetzte Regeln aus, deren Bewertung wiederum von der Perspektive der Betroffenen abhängt.
Carsten Rossi, Agenturchef aus Köln, fasste in einem Video auf LinkedIn seine Nutzungserfahrung zusammen, die für viele Kreativarbeiter stehen kann: KI ist keine Wahrheitsmaschine. Ihre Stärke liegt im divergenten Denken, also in der Generierung einer Vielzahl von Ideen und Lösungswegen für ein Problem.
Divergentes Denken öffnet den Raum für multiple Lösungswege und Innovation, während konvergentes Denken zu einer einzigen, korrekten Antwort führt. Der Mensch als Nutzer bleibt für Angemessenheit (Appropriateness) verantwortlich.
Ähnliche Erfahrungen werden von Journalisten genannt.
KI wird als nützliches Werkzeug erlebt und verstanden, wird in der Breite und auch mit Spass dabei eingesetzt. Generell wird KI als Erweiterung kreativer Möglichkeiten erlebt. 

Andere Nutzungserfahrungen gibt es in anderen Branchen. KI reorganisiert bestehende  Wissensbestände, macht sie auf neue Weise zugänglich. In manchen Branchen gibt es messbaren Nutzen  (Rechtsdatenbank-Durchsuchung, Radiologie-Auswertung, Code-Debugging) und eine jeweils entsprechende, meist positive Resonanz. In Branchen mit interpretativen Aufgaben (Marktforschung, Personalauswahl, kreative Beratung) bleibt die Resonanz  ambivalent. Entscheidend ist letztlich, wie sinnvoll die  einzelnen Lösungen erlebt werden.
KI ist längst nicht nur Technik, sondern auch ein Markt, der sich selbst antreibt. KI- Experten profilieren sich mit Wissens- und Erfahrungsvorsprüngen.  Konferenzen/ Events zu KI, Beratung und  Fortbildung boomen.

Das Chatfenster ist nur das eine Gesicht der KI das andere ist zunehmend Embedded AI in technischen Systemen (z. B. Autos, Kameras, Industrieanlagen) bzw. implementierte KI. Letztere ist selten sichtbar, sie kommt nicht als große neue Maschine daher, sondern wird unauffällig in bestehende Systeme eingebaut – von HR-Software über Kreditscoring, dynamische Preisgestaltung bis hin zu Predictive Policing. Sie folgen eindeutigen Algorithmen ohne Raum für kreative Exploration.
Es ist dieses – kontrollierende – Gesicht, das Unbehagen verursacht. Der amerikanische Soziologe George Ritzer meinte dazu: The control exercised by AI is more insidious than that of other non-human technologies because it is largely invisible*

Standardwerk zur materiellen Dimension von KI – mit Klick gelangt man zur Rezension

Eine ausführlich begründete und wohl formulierte Kritik liefert Kate Crawford mit dem Atlas of AI.  Sie beschreibt KI als Metamaschine und zugleich als extraktive Industrie. Auch vier Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe (2021) bleibt  der Atlas ein Schlüsselwerk zur Diskussion der strukturellen, sozialen und ökologischen Dimensionen von KI. Die von Crawford aufgezeigten physischen und gesellschaftlichen Kosten haben sich seither nicht relativiert, sondern verstärkt. Alle von ihr identifizierten Problembereiche haben an Intensität gewonnen – von der Umweltbelastung über die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen bis hin zur Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen weniger Konzerne (vgl. Rezension).

An die materielle Extraktion schliesst die kulturelle Extraktion an: LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models – so die Autorin 2023 in einem Interview.

Rohstoff von KI –  Anthropic umging die Lizenzfrage mit dem händischen Einscannen von Millionen gebrauchter Bücher. Bild: unsplash unlimited- Gustavo Reyes

KI-Systeme werden mit immensen Beständen an Texten, Bildern, Musikstücken, Memes und anderen kulturellen Artefakten trainiert – von gemeinfrei bis urheberrechtlich geschützt. Fast das gesamte Internet mit seinen gesammelten kollektiven Wissen und kulturellen Ressourcen  wurde verfüttert. KI produziert aus ihnen neue (oft exklusive und kommerziell verwertbare) Bedeutungen.
Die Opposition gegen die Aneignung durch kulturelle Extraktion  differenziert sich nach Branchen: abgesehen von literarischen Werken haben Texte selten Werkcharakter, Textarbeiter nutzen zudem KI oft selber,  der Widerstand ist gering. Photos und Illustrationen sind stärker mit Autorenschaft und Stil verbunden und klarer urheberrechtlich geschützt. V. a. der Markt für Stockphotos- und illustrationen wird von KI verdrängt.
Musiker und Komponisten sind am stärksten von direkten Lizenzeinnahmen abhängig, ihre Einkommenslage am unmittelbarsten von KI bedrängt. So gibt es hier den ausgeprägtesten organisierten Widerstand.

Die Logik der Extraktion –  materiell und kulturell – führt direkt in die politische Dimension.  Datenhoheit ist Machtfaktor.
Seit der zweiten Trump-Wahl, dem Aufstieg des Populismus und dem Sturz der Ampel hat sich das politische Klima verschärft und polarisiert. Diese Polarisierung begünstigt radikale Diagnosen und Zuspitzungen. Ein übergreifender Konsens zwischen politischen  Lagern  schwindet.
In den USA entsteht ein neues oligarchisches Machtsystem – eine Verklumpung aus Rechtspopulismus, digitalem Kapitalismus und technokratischer Macht, angereichert mit diffusen Zukunftstheorien und reichlich persönlichem Narzissmus.
Der Auftritt der Tech-CEOs bei der Amtseinführung Trumps wurde international als Bekenntnis zu diesem neuen Machtsystem verstanden – auch wenn die Ansichten darüber auseinandergehen, wie geschlossen dieses System tatsächlich ist.

Ein Machtsystem, in dem man faschistoide Tendenzen erkennen kann. Ich habe es als Mash- Up/ Verklumpung beschrieben – seine Bestandteile sind (noch) zu konfus, um es als konsistentes Herrschaftssystem zu erkennen. Die Demokratie wird zwar angegriffen, besteht aber weiterhin.
Faschismus ist ein schwerwiegendes Wort, eine Keule, Ausdruck von Unvereinbarkeit, eine Art Exkommunikation aus der Gemeinschaft der Demokraten.
Keine Frage, dass die Verklumpung ein faschistisches Potential beinhaltet, das Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologie nutzt, um den Rechtsstaat auszuschalten. Eine technokratische Vision ist ein schlanker, auf Automatisierung und Präemption basierender Apparat. Ein intransparenter Einsatz von Algorithmen funktioniert  dabei als Herrschaftswerkzeug.
Eine fundamentale Kritik an KI ist in ihren Aussagen radikaler geworden. Zwar distanziert sich etwa Rainer Mühlhoff in Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus  (vgl. Rez.), von einer zwangsläufigen Entwicklung zu einem technokratischen bis faschistischen Staatswesen,  doch wird KI häufig eine ideologische und technologische Affinität zum  Faschismus zugeschrieben.
AI is a perfect example for the capitalism-to-fascism pipeline. It embodies capitalism and carries the seed of fascism –  so fasst es Malte Engeler, Jurist und Digital- Aktivist zusammen. KI ist technologisch nicht neutral, sondern spiegelt die Bedingungen und Ideologien ihrer Betreiber. KI gilt in dieser Argumentation  als totale Mobilisierung des Kapitalismus.
Die Kritik richtet sich insbesondere gegen Präemption, die Logik der Vorwegnahme von Entscheidungen. Im schlimmsten Falle eine Menschensortier-Technologie mit folgender Ungleichbehandlung, die gesellschaftliche Teilhabe so selektiert.

So berechtigt diese Kritiken im Detail sein mögen – sie vermengen Technologie- und Machtkritik. Präemption ist zweifellos ein mögliches Einsatzfeld von KI. Doch rechtfertigt dies die Dämonisierung einer Technologie, die in anderen Bereichen als nützlich und sinnvoll erlebt wird?  Technologie ist Macht, KI wahrscheinlich in besonderem Maße. Eine fundamentale Ablehnung bedeutet auch einen Rückzug aus den Gestaltungsmöglichkeiten.

In der Debatte um eine Superintelligenz/ AGI (Artificial General Intelligence)vermengen sich technische Spekulation, kommerzielle Interessen und endzeitliche Phantasien. Rainer Mühlhoff sieht darin eine absichtliche Überzeichnung von KI-Möglichkeiten und -Risiken, die im weiteren eine anti-demokratische Überhöhung von Technologie bedeutet – im utopischen als auch im apokalyptischen Sinne. Mit der technischen Realität von KI hat AGI  nichts zu tun.

Anders als frühere Digitalisierungsschübe ist KI nicht mit einer breiten sozialen Bewegung verbunden. Die Verbreitung des Internet war von partizipatorischen Visionen getragen, die oft auch Diskurshoheit gewannen. Technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt wurden als Einheit erlebt. KI erscheint dagegen als Top-Down-Durchsetzung ohne demokratische Partizipation.

Ein Blick in die US-Tech-Szene zeigt ähnliche Radikalisierungen: Auf der einen Seite Evangelisten, Start-up-Gründer und Longtermisten, die Superintelligenz als unausweichlich predigen. Auf der anderen Seite Kritiker, die Chatbots als stochastic parrots oder racist piles of linear algebra abtun und deren Zusammenbruch voraussagen. Zwischen diesen auseinander drängenden Haltungen bleibt wenig Raum für die Auseinandersetzung mit den realen KI-Effekten: Effizienz- und Kreativitätsgewinne vs Umweltkosten, sozialer Ungleichheit, extraktiver Raubbau.

Ein Gedanke kam mir beim Schreiben immer wieder: Vielleicht braucht KI eine ästhetische Durchdringung – etwas wie Andy Warhols Pop Art, die Konsumkultur kulturell verfügbar machte. Eine KI-Kunst, die weder die Technologie dämonisiert noch vergötzt, sondern ihre Möglichkeiten und Grenzen kreativ auslotet. So kann aus  einer technologisch und polarisiert- politischen Debatte eine gesellschaftliche werden.

Abschliessend ein Veranstaltungshinweis:
Diskussions- und Vortragsveranstaltung zum Buch von Frank Witt  Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft am Donnerstag dem 28.08.2025 im Startplatz Mediapark 5 Köln 19:30
Anmeldung beim Startplatz.
Ich freue mich, einige meiner Leser zu sehen 😉

vgl auch:  Rezension zu Rainer Mühlhoff : Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag  Juli 2025. : David GolumbiaCyberlibertarians’ Digital Deletion of the Left.  und Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem (in diesem Blog) ** vgl.: LOOPS Fascist AI with Malte Engeler and Tante. Aufzeichnung vom 3.07.25 , Berlin  * George Ritzer: McDonaldization and Artificial Intelligence 4/2024 Matteo Wang: The AI Industry Is Radicalizing. The tech industry and its critics occupy parallel universes. The Atlantic 12.07.25

 



Automatisierte Singularisierung – KI und die Herstellung von Einmaligkeit

Singularität:In der Soziologie eine kulturell entstandene Einmaligkeit   – Technologisch ein hypothetischer Punkt, an dem KI die menschliche Intelligenz übertrifft und sich selbst verbessert – bishin zu einem “Point of no Return” Bild: Midjourney

Singularisierung ist ein Konzept aus der Soziologie, das mit Andreas Reckwitz und seinem (Haupt-) werk Die Gesellschaft der Singularitäten  (2017) verbreitet wurde. Vorweg: Der soziologischer Begriff Singularität unterscheidet sich von dem in der KI – Technologie – (s.u. und vgl. die Bildunterschrift re.).

Reckwitz beschrieb die Transformation moderner Gesellschaften von der industriellen Moderne zur  Spätmoderne.
Er spricht von einem kulturellen Kapitalismus, in dem sich eine Öffnung der Lebensformen mit wachsender Bedeutung symbolischer Güter und individueller Selbstentwürfe verbindet.
Historischer Rahmen ist der Wandel der von Massenproduktion geprägten industriellen Gesellschaft zur postindustriellen Ökonomie, in der sich nicht nur die Arbeitswelt transformiert.
Märkte differenzieren sich zunehmend entlang von Lebensstilen, Geschmack,  kulturellen Präferenzen und den entsprechenden Zielgruppen.
Insbesondere in den innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix.
Die Technik und die Organisation der Industriegesellschaft wirkt standardisierend, die digitale Technologie der Spätmoderne singularisierend.

Massenproduktion, Vereinheitlichung, Normierung, das Streben nach Effizienz bestimmt die Logik der Standardisierung in der Industriegesellschaft.  Individuelle Präferenzen werden an das verfügbare Angebot angepasst, nicht umgekehrt. Auf individueller Ebene gilt Anpassungsdruck mit entsprechenden Verhaltenserwartungen.

In der Logik der Singularisierung werden Einzigartigkeit, Authentizität und individuelle Bedeutung zu zentralen Werten. Aber erst die Digitalisierung schafft die technischen Voraussetzungen für ihre massenhafte Verbreitung – dazu im weiteren mehr. Produkte, Erlebnisse und Identitäten werden mit symbolischer Bedeutung aufgeladen und in Narrative eingebunden – Storytelling wird etwa zum typischen Marketing-Element.
Diese Logik wirkt auf vielen gesellschaftlichen Ebenen: Sie zeigt sich im individualisierten Konsum- und Reiseverhalten, aber auch im Wandel sozialer Strukturen, wie sie sich z.B. im langsamen Verschwinden klassischer Milieus, bis hin zu dem der Bürgerlichen Mitte Reckwitz bezieht sich dabei immer wieder auf die Sinus- Milieus.
Ein anderes, einfaches Beispiel sind ehemals kollektive Medienerlebnisse, nicht nur Fussball WM und Mondlandungen, auch Serien und TV- Shows waren in vergangenen Jahrzehnten oft Strassenfeger, die einen Grossteil der Gesellschaft an einem, oft so genannten Lagerfeuer vereinten.
Heute kommen solche kollektiven Gemeinschaftserlebnisse evtl. noch bei grossen Fussballmatches vor. Medienöffentlichkeiten sind ansonsten
weitgehend fragmentiert. Verbindende Momente finden sich eher in spezifischen, meist wenig beständigen Interessensgruppen (vgl. Tribes).

Reckwitz’ Gesellschaftsanalyse, ihre längerfristige Gültigkeit und Anschlussfähigkeit an andere Theorien soll jetzt nicht weiter vertieft werden (vgl. dazu die Verweise unten). Es geht um das Konzept der Singularitäten und die Wirksamkeit ihrer Logik in den Zeiten von KI. Wie entsteht Einmaligkeit unter diesen Voraussetzungen, wie wird sie erlebt, wie wird sie hergestellt und wie wirkt sie?
Der Begriff Serielle Singularitäten benennt diese Spannung zwischen Masse und Einzigartigkeit  präzise. Reckwitz erwähnt ihn zwar kurz (S. 135 – tatsächlich im Zusammenhang mit Serien wie Downton Abbey oder Breaking Bad),– führt ihn aber nicht weiter aus. In einem Podcast von 2021 Digitalisierung und Singularisierung thematisiert er den Zusammenhang,  seither hat sich das Phänomen jedoch erheblich ausdifferenziert – und es stellt sich die Frage, ob KI-basierte Systeme neue Formen automatisierter Einmaligkeit erzeugen.

Singularisierung kann sich auf Dinge/ Produkte, Prozesse und Personen, auch auf Erlebnisse beziehen. Entscheidend ist das Erlebnis der Einmaligkeit (**vgl. die Definition unten).
Singularität in ihrer traditionellen Form bleibt allerdings personalintensiv und damit teuer – sei es als handwerklich erzeugtes Unikat, in Form individuell zugeschnittener Beratungsleistungen etc.  Sie ist nur begrenzt verfügbar und wird oft als besonderes Privileg wahrgenommen.
Singularitäten sind nicht zwangsläufig mit Status verbunden. Vielmehr geht es um die symbolische Aufladung von Objekten oder Prozessen – die Valorisierung in den Augen des Einzelnen und seiner sozialen Umgebung. Nach Bourdieu gesehen, zeigt sich so die Dimension des kulturellen Kapitals –das nicht mit Statusgütern identisch ist, sich aber mit ihnen überschneiden kann.
Anschauliche Beispiele für ein Revival handwerklich erzeugter singulärer Produkte finden sich als Craft Beer- Brauereien,  Kaffeeröstereien, Bäckereien, die sich auf wenige ausgewählte Produkte beschränken etc. –  manchmal werden sie als einer Hipster Kultur zugehörig zusammengefasst.
Singularisierung zeigt sich nicht nur in diesen Nischenmärkten sondern auch in der Differenzierung von Massenprodukten.

Automatisierte Singularisierung koppelt die soziologische Gesellschaftsdiagnose mit den technischen Möglichkeiten der digitalen bzw. der KI- Ära. Erst Digitalisierung bietet die technischen Voraussetzungen für die massenhafte Verbreitung der Singularisierungslogik – ohne die digitale Vermessung der Welt ist sie nicht denkbar.
Digitalisierung macht das Einzigartige messbar und verwertbar. Die Einmaligkeiten/ Besonderheiten  einzelner Menschen werden adressierbar. Aus jeder individuellen Präferenz, aus jedem besondere Verhalten werden Daten generiert, die wiederum neue Formen von Singularisierung ermöglichen. Der digitale Fußabdruck wird selbst zum Marker der Einzigartigkeit.
In der digitalen Ökonomie wird Singularisierung zur Geschäftsgrundlage: Daten über individuelle Präferenzen ermöglichen zielgerichtete Werbung und die Vermarktung einzigartiger Erlebnisse. Digitalisierung macht Singularisierung skalierbar und eröffnet neue Geschäftsfelder – genauso ermöglicht sie neue Gestaltungen.  Die Weiterentwicklung ist eine politische Frage.
Während die bislang vorherrschenden Plattformen hauptsächlich auf gesammelte Daten reagieren, schaffen KI-gestützte Tools hochgradig personalisierte Erlebnisse durch Datenanalyse und das Lernen aus  Nutzerverhalten. KI kann Präferenzen antizipieren, bevor diese bewusst geäußert werden – ein standardisiertes System, das auf Millionen von Parametern basiert.

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt. Bild: unsplash unlimited-  Gustavo Reyes

Nirgends kommt man dem Konzept der automatisierten Singularisierung näher, als in einem Chat- oder Gesprächsverlauf mit KI. Jede Antwort entsteht neu, basierend auf einem spezifischen Input: die Nuancen der Fragen, die Denkweise des Nutzers – all das fließt in die Antworten ein und schafft eine individuell zugeschnittene, singuläre Interaktion.

In der Aufmerksamkeitsökonomie  treten Singularitäten miteinander in den Wettbewerb.  Es kommt darauf an, jedem Nutzer das Gefühl zu geben, besonders adressiert zu werden.  KI-basierte Anwendungen ermöglichen es, spezifische Prozesse zu automatisieren, indem sie individuell angepasste Lösungen bieten, die gezielt auf die Präferenzen und Verhaltensmuster der Nutzer eingehen. So entsteht die Wahrnehmung einer  einzigartigen Ansprache – eine Verstärkung der Singularisierungslogik durch die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung. Social Media Plattformen werden zu Bühnen  des Personal Brandings und des Storytelling.

Lange Zeit war Digitalisierung in den Zukunftsdebatten eindeutig positiv besetzt. Die Vorstellung, dass Technologie und ihre Gestaltung das Leben verbessert und alle Menschen daran gleichberechtigt teilhaben können, dominierte die Diskussion.

Heute  überwiegt ein skeptischerer Blick. Das hat sicherlich mit Machtballungen – Stichwort BigTech – und den politischen Verwerfungen v. a. des letzten Jahres zu tun. Es sind aber zwei Verhalte: Die technisch/ gesellschaftlichen Möglichkeiten und ihre Aneignung.
Automatisierte Singularisierung ist kein neutraler technischer Prozess, sondern ein politisch umkämpftes Feld. Die Frage ist nicht, ob sie stattfindet, sondern wer sie kontrolliert und zu welchen Zwecken sie eingesetzt wird. Das macht die gesellschaftspolitische Dimension des Konzepts deutlich.

Automatisierte Singularisierung oder Singularisierte Automatisierung? Der Begriff lässt sich drehen – und damit gelangen differenzierte Bedeutungen in den Vordergrund. In der Variante Singularisierte Automatisierung, geht es um die Anpassung bestehender Prozesse,  in denen Automatisierungsprozesse individuell und singulär gestaltet werden.  Automatisierung wird nicht mehr als Massenphänomen verstanden, sondern als eine individuell zugeschnittene, unverwechselbare Lösung.
Automatisierte Singularisierung beschreibt hingegen eine neue Qualität, in der mit technischen Systeme aktiv Singularitäten generiert werden. Diese Form der Automatisierung schafft nicht nur maßgeschneiderte Prozesse, sondern stellt die Produktion von Einmaligkeit selbst in den Mittelpunkt.

Letztlich bietet Automatisierte Singularisierung eine größere analytische Reichweite für gesellschaftliche Transformationsprozesse. Gemeint ist hier, dass das technische System aktiv Einzigartigkeit stiftet, also gesellschaftliche, kulturelle oder individuelle Besonderheit algorithmisch hervorbringt.

Zur Übersicht: Eine KI-generierte Gegenüberstellung von automatisierter Singularisierung und standardisierter Automatisierung als ihrem Gegenmodell:

Mass Customization, ein Schlüsselkonzept der Industrie 4.0, ähnelt auf den ersten Blick der Logik der Singularisierung – bleibt jedoch auf der Produktebene und im Rahmen standardisierter Prozesse.
Bekannt ist das Prinzip etwa von Websites mit Konfiguratoren: Nutzer:innen können Produkte nach individuellen Vorlieben anpassen – etwa Regalsysteme, Küchenzeilen, Sneakers mit variabler Sohle, Schnürung und Farbgebung oder der individuelle Mix zur Haartönung. Auch passgenaue Versicherungsangebote oder modular zusammensetzbare Reisepakete folgen diesem Muster.
Im Zentrum steht die automatisierte Kombination vorgegebener Module: eine wunschgemäße Rekombination vordefinierter Bestandteile bzw. flexibler Tarifstrukturen.

Singuläre Erlebnisse in VR? Bild: unsplashed+

Lässt sich das Konzept Automatisierte Singularisierung auch auf  VR- Realitäten  anwenden? Singuläre Erlebnisse müssen mehr leisten als nur das automatisierte Bereitstellen vordefinierter Inhalte oder vorstrukturierter Programme. VR kann über die bisherige Personalisierung hinausgehen, indem es nicht nur Inhalte individualisiert, sondern ganze Erfahrungsräume. Die narrative Aufladung ist zentral: VR ermöglicht es, dass Nutzer nicht nur passive Empfänger sind, sondern aktiv Bedeutung schaffen.  Entscheidungen im virtuellen Raum werden zu persönlichen Erzählungen.
Moderne VR-Systeme können tatsächlich biometrische Daten wie Herzschlag, Augenbewegungen oder Stresslevel in Echtzeit erfassen und die virtuelle Erfahrung darauf anpassen.
Das stellt eine besonders fortgeschrittene Form der automatisierten Singularisierung dar – eine, die nicht nur Vorlieben oder Profile, sondern unmittelbare emotionale Zustände berücksichtigt. Der Nutzer kann so vom Konsumenten zum Gestalter seiner eigenen, einzigartigen Geschichte werden. Letztlich zählt auch hier am Ende das Erlebnis.

Automatisierte Singularisierung öffnet als Begriff neue und kompakte Einsichten.  Er verbindet soziologische Gesellschaftsanalyse mit aktuellen Diskursen zu Technologie  und KI.  Er macht komplexe gesellschaftliche Transformationen in einem Konzept greifbar. Statt vage von Individualisierung oder Personalisierung zu sprechen, präzisiert er den spezifisch technologischen Charakter der Entstehung von Singularität. Automatisiert macht den Unterschied zu früheren Formen der Individualisierung deutlich.

Rezensionen zu Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), Das Ende der Illusionen (2019)  und Soziologie im Duett – Reckwitz & Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? – Eine Kurzfassung der Gesellschaft der Singularitäten ist im  Journal für politische Bildung 1/2019 nachzulesen.
**Singularisierung kann sich auf Dinge, Prozesse und Personen beziehen, die nicht mehr nicht mehr als austauschbare Exemplare einer Kategorie behandelt werden, sondern als einzigartige Entitäten, die innerhalb sozialer Praktiken als besonders wahrgenommen und bewertet werden. (vgl. Reckwitz, 2017)
Nils Kumkar und Uwe Schimank: Eine Auseinandersetzung mit Andreas Reckwitz’ Diagnose der »Spätmoderne«
Diagnose der »Spätmoderne« Leviathan, 49. Jg., S. 7-32, 2021 und Researchgate.



Digitale Renaissance, Digitale Diktatur, oder was?

Blick durch ein Freiheitsfenster? Bild: unplash.com unlimited

Die Zeiten, in denen digitaler Fortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleichgesetzt wurde, sind passé.
Es gab die Zeit, in der digitale Techniken ein Freiheitsfenster öffneten: Demokratisierung des Wissens, neue Möglichkeiten von Kreativität und Kreation, Freiheiten der Publikation, die Bildung von Netzwerken und neuen Gemeinschaften.
Digitale Techniken und neu entstehende digitale Öffentlichkeiten unterliefen die Kontrollgewalt von Gatekeepern und brachen das bestehende Mediensystem auf.

In gewisser Weise bestehen die Freiheiten weiter, sind aber durch ein neues Machtsystem überdacht. Im digitalen Kapitalismus wird der mediale Raum durch Algorithmen kontrolliert. Ein Thema, das in den Diskussionen der letzten Jahre, auch in diesem Blog, im Vordergrund stand. Stichworte sind die Macht der Plattformen, Landnahme, Überwachungskapitalismus und in den letzten zwei Jahren Digitale Oligarchie.

Renaissance meint die Wiedergeburt alter Ideen in einem neuen Kontext  und steht für eine Zeit künstlerischer Innovationen und kultureller Blüte. Historisch sind Renaissance und Humanismus eng miteinander verbunden. Metaphorisch wurde die Bezeichnung von der italienischen Renaissance des 15. und 16.Jh. immer wieder auf andere Epochen übertragen – vom imperialen Rückgriff der  karolingischen Renaissance Karls des Großen bis zur Harlem Renaissance afroamerikanischer Kultur in den 1920er Jahren.

Digitale Renaissance tauchte als Begriff bereits in den 90er Jahren auf und ist seitdem mit dem Autor Douglas Rushkoff verbunden. Rushkoff nutzt und prägt seitdem den Begriff Digitale Renaissance als Leitmetapher für die kreative, partizipative und transformative Kraft digitaler Technologien. Seine Deutung ist bis heute zentral für die Verwendung des Begriffs im Kontext der digitalen Kultur.
Nach Rushkoff war die digitale Revolution nur scheinbar disruptiv – sie ersetzte lediglich die alte Elite durch eine neue crew of mostly male, white, libertarian technologists. Die Regeln von Startups und Venture Capital blieben weitgehend dieselben wie zuvor und unterstützten die gleichen Ungleichheiten und deren kulturellen Werte.
Digitale Renaissance bedeutet für Rushkoff die kreative Wiederbelebung menschlichen Potentials in einer vernetzten Welt. Menschen sollen durch Technologie ermächtigt, nicht kontrolliert werden. Seine Einsichten sind in den Essays The Digital Renaissance (2002) und Renaissance Now (2017/2021) übersichtlich zusammengefasst.

Die Matrix zu Systemstabilität und – disruption (Felser und Wagner, 2025) – volle Auflösung nach Klick

Marc Wagner und Winfried Felser haben den Begriff der Digitalen Renaissance kürzlich in einem  (LinkedIn) Beitrag mit dem überlangen Titel Digitale Renaissance oder “Digitale Diktatur und “Digitale Anarchie” – die Zukunft hängt von unserem Bild vom Menschsein in Zeiten der KI ab!  aufgegriffen. Rushkoff wird zwar nicht erwähnt, die Begriffsverwendungen lassen sich aber vereinbaren. Erklärte Absicht ist es, nicht von der Technologie auszugehen, sondern umgekehrt vom neu gedachten Zielbild, die Autoren nennen es ein neues Menschsein in Zeiten der KI.

Was den Text interessant macht, ist seine Eignung als Basis für weiterführende Diskussionen und Gedankenspiele. In der Matrix mit den Achsen System-Stabilität vs. System-Disruption und Technologische Dominanz vs. Menschlich-kooperative Balance werden vier 4 Zukunfts- Szenarien sichtbar. Es sind Denkmodelle, die man in der Reinform nicht für realistisch halten muss.

Die verwendeten Begriffe gehen auf mehrere Quellen zurück, so Homo Deus auf das gleichnamige Buch von Yuval Harari (2015), ein technikverstärkter optimierter Menschentypus, der überflüssig gewordene  Homo Obsoletus geht auf den norwegischen Autor Anders Indset zurück. Der Homo Eco Economicus/ Transformans ist der bewusst gestaltende ökonomisch denkende Akteur. Capokratie, angelehnt an die Capos der Mafia, eine Demokratie im Abstieg, Ecokratie im Wieder- Aufstieg.

Eine digitale Diktatur würde sich in vielem von den ideologischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Der neue Autoritarismus kommt ohne Ideologie aus, aber mit imperialem Anspruch. Machtbasis wäre in erster Linie die Kontrolle der digitalen Infrastruktur, damit über Kommunikation, Handel, Arbeit, Gesundheitswesen und grundlegende Dienstleistungen, sogar soziale Kontakte. Daten und KI werden zur neuen Governance, obsolete Menschen zu Datenschatten. Digitale Diktatur breitet sich aus in einer schleichenden Machtergreifung durch eine Oligarchie, langsam, mit einer Erosion demokratischer Normen.

Ein origineller Gedanke ist der des Homo Furens, des wütenden Menschen.  Sinnverlust und Systemverachtung sind die Antriebskräfte. Dieser Homo Furens ist nicht nur der Abgehängte, sondern oft der Hochgebildete, nicht nur der Abseitige, sondern eben auch der scheinbar Integrierte (Felser).  Radikalisiert und technologisch ermächtigt stellt er eine Gefahr dar, mit ideologischem und physischem Terror. 

Der Text steht nicht allein, sondern in einer Serie von Beiträgen derselben Autoren, die sich von einer betriebswirtschaftlichen Optimierung (Fokus auf den Wirtschaftsstandort) hin zu einer gesellschaftlichen Systembetrachtung (Matrix mit Gesellschaftsbildern) bewegen. Rushkoff und sein Konzept der Digitalen Renaissance werden nirgends erwähnt (unbekannt?), obgleich sich die Texte zum Ende hin diesem Konzept nähern.

Der erste der Reihe  (01/25) der den Titel Digitale Renaissance verwendet bezieht sich auf Darron Acemoglu mit seinen beiden Werken Why nations fall/ Warum Nationen scheitern und Power and Progress. Im ersteren geht es um den Erfolg oder Misserfolg von Nationen im historischen Wandel, der zweite Titel räumt mit der Vorstellung Technology-equals-progress (vgl. Rez.) auf. Acemoglu, Wirtschafts- Nobelpreisträger 2024, hatte den Gedanken, dass technischer  Fortschritt nicht zugleich gesellschaftlichen  Fortschritt bedeutet, auch in der Wirtschaftspresse verbreitet.
Der erste Text knüpft an ein Deutschland als führender Industrienation und Land des Wirtschaftswunders an. Das Narrativ des
Deutschland, in dem alles funktioniert – in dem die Gesellschaft der Wirtschaft folgt, wird so wachgerufen. Kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen werden zwar angesprochen, sie dienen aber dem Zweck einer Company Renaissance.
So bleibt dieser Text Unternehmensberaterprosa.
Im Ernst: Wäre ein kultureller Rückbezug auf die Zeit des Wirtschaftswunders attraktiv? Es wäre nicht Renaissance, sondern Restauration. Wirtschaftswachstum ja – aber mit einer patriarchalen  Gesellschaftsstruktur: autoritär, mit nur formellen Frauenrechten, homophob, voller Altnazis in Führungspositionen.

Nimmt man den Begriff Digitale Renaissance ernst, ist eine kulturelle und intellektuelle Umwälzung damit verbunden. Eine echte Digitale Renaissance bedeutet eine kulturelle Transformation, nicht technische Effizienzsteigerung. Alte und neue Ideen sollten sich so verbinden, dass Menschen mit den neuen technischen Möglichkeiten zu aktiven Gestaltern und Autoren ihrer kulturellen Umgebung werden, nicht nur zu Nutzern oder Zielgruppen. Es geht um Teilhabe, demokratische Gestaltung, kreative Selbstermächtigung und kulturellen Pluralismus.

Die entscheidende Frage ist heute nicht, was Technologie kann, sondern wie wir sie nutzen. Felser & Wagner nennen es schließlich – etwas pathetischwas Menschsein in Zeiten der KI heißen soll. Rushkoff hatte seit den 90ern das Konzept einer Digitalen Renaissance geprägt. Dahinter steht der Gedanke, das kreative, partizipative und transformative Potential digitaler Technologien als Grundlage auch des wirtschaftlichen Handelns zu sehen. Der Gedanke ist grundsätzlich naheliegend und tritt in solchen oder anderen Bezeichnungen vielfach hervor.

Technischer Fortschritt hatte lange Zeit gesellschaftliche Entwicklung angetrieben, zumindest weitgehend unsere Handlungsspielräume erweitert. Mittlerweile sind auch digitale Diktaturen vorstellbar, nicht nur als SF- Dystopie. Digitale Oligarchien gibt es bereits.  In einer beschleunigten Welt mit mächtiger KI, ökologischen Kipppunkten und gesellschaftlichen Brüchen brauchen wir tragfähige Bilder vom Menschsein mit Individualität und Gemeinsinn, auch als Gegenentwürfe zu einer Verbindung von technischer Innovation und restaurativem Denken.

Die aktuellen gesellschaftlichen und zunehmend auch politischen Verwerfungen folgen den Digitalisierungswellen der 2010er Jahre: Digitaler Plattformkapitalismus, Smartphone-Durchdringung, algorithmische Medien.
KI steht noch in einer frühen Phase – gesellschaftliche, kulturelle und politische Wirkungen sind noch begrenzt. Machtverschiebungen und die  Möglichkeit KI- basierter Formen politischer Kontrolle und Manipulation lassen sich bereits abschätzen.
Erkennbar sind vorerst z.B. Arbeitsplatzveränderungen in Wissensdienstleistungen, aber auch das breite Ausloten der kreativen Nutzung. Es geht um Interaktion statt Automation. Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von digitaler Zivilisation entwickeln wir?

Douglas Rushkoff: The Digital Renaissance 29.03.02  – Renaissance Now! 5 .08. 2017 The Model Isn’t the Territory, Either Digital complexity doesn’t mean it’s reality. Darren Acemoglu: Power and Progress, Winfried Felser & Marc Wagner:Digitale Renaissance” oder “Digitale Diktatur” und “Digitale Anarchie“. – The Digital Renaissance: How Companies Can Become Future-Ready Through New AI and Company Rebuilding. Drucker-Forum 



Who is building a brain for the world?

Sam Altman,  der CEO von Open AI, hat einen programmatischen Text mit dem Titel The Gentle Singularity  online gestellt. Kurz darauf gab er seinem Bruder Jack Altman ein Videointerview: The Future of AI. 

Wenn der CEO eines BigTech– Unternehmens, wie Open AI, seine Zukunftsvisionen teilt, kann man davon ausgehen, dass Inhalt und Rhetorik strategisch auf ihre Wirkung hin durchdacht sind.

Das Interview zeigt Sam Altman im vertrauten Gespräch mit seinem Bruder auf dessen YouTube-Kanal. Moderne PR lebt davon, Entscheidungsträger von ihrer menschlichen Seite zu zeigen – als nahbare Persönlichkeiten. In diesem Fall verbindet sich ein persönlicher Gesprächsrahmen – eine Art familiäres Kamingespräch – mit einer maximalen globalen Öffentlichkeit.
Der Podcast A World with AGI*  in der Reihe Uncapped with Jack Altman #13 überschneidet sich inhaltlich mit dem Video-Interview, hebt jedoch einige Aspekte hervor, so etwa Altmans Meinungen zum Konkurrenten Meta.

Im Blogpost The Gentle Singularity geht es um nichts weiter als den Übergang zu einem neuen Zeitalter – dem einer Digitalen SuperintelligenzSam Altman beginnt mit Pathos, kündigt die Überschreitung eines Horizontes an, der sich der Menschheit eröffnet.  Er schreibt im  pluralen Wir – und dieses Wir steht für die Menschheit – der er die Furcht vor diesem Zeitalter nehmen will.
Es soll  ein sanfter/ gentle Wandel sein, eine allmählich entstehende Superintelligenz, die nicht plötzlich, sondern schrittweise Realität wird. Versprochen wird viel:  Intelligenz und Energie, Ideen und die Fähigkeit diese umzusetzen, werden im Überfluss vorhanden sein. Wissenschaftlicher Fortschritt beschleunige die Produktivität, KI lasse die Lebensqualität enorm steigen. Die KI soll für jeden leicht zu bedienen sein und bis in Details an persönliche Bedürfnisse angepasst werden können.

Wer aber diese Ressourcen kontrolliert bzw. verteilt, wird nicht genannt.  Im Kontext von KI bezeichnet Singularity eine maschinelle Intelligenz, die menschliche Intelligenz übertrifft – grundsätzlich ein radikaler Bruch, in den Auswirkungen alles andere als sanft. Das Adjektiv gentle/sanft stellt diese potenziell disruptivste Technologie als einen weichen Übergang, als sanfte Evolution dar –  ein Widerspruch in sich.

Der Text liest sich als Entwurf eines Cyber- Utopia: This is how the singularity goes: wonders become routine, and then table stakes.
Ein weichgespülter Techno- Utopismus, der die Risiken und die Fragen von Machtverteilung und -ausgleich auslässt. So ungebrochen habe ich schon lange nicht mehr von der Gleichsetzung von digitalem und gesellschaftlichem  Fortschritt gelesen.
Im Gespräch der beiden Brüder geht es um persönliche Einstellungen, v.a. aber um die Haltung zu den Mitbewerbern – in erster Linie Meta.  Altman plaudert von dessen Versuch, Mitarbeitende mit hohen Prämien abzuwerben und nennt dies ein schlechtes Zeugnis einer Unternehmens- und Innovationskultur.
Für  OpenAI spräche das beste Kompliment, das er je gehört habe. Es sei die einzige Tech Company, die den User nicht nervt und manipuliert: Google versuche, Nutzern schlechtere Suchergebnisse und Werbung zu zeigen, Meta versuche, das Gehirn zu manipulieren und Nutzer zum Doom-Scrolling zu bringen, Apple bombardiere Nutzer mit Benachrichtigungen. 

Die Kernaussage von Blogpost und Interview: Die Entwicklung einer digitalen Superintelligenz ist unvermeidlich – und das ist gut so. Altman präsentiert OpenAI als Forschungsunternehmen für Superintelligenz, sich selbst als einen Anführer der guten Sache. Im Vergleich zu anderen CEOs von BigTech-Unternehmen wirkt er wie der Hobbit unter den Oligarchen.

The Brain for the World? (steve-johnson-KI .unsplashed+)

We are building a brain for the world – ein Satz, der mit dem imperialen Wir anmassend erscheint und erschreckt.  Gemeint ist die gesamte Branche, nicht Open AI allein.
Ist die Tech- Branche dazu ermächtigt, Wissensgewinn, Kreativität und Kommunikation für uns alle neu zu gestalten?  Es geht um einen exponentiellen technologischen Wandel, um eine Landnahme. Letzteres bedeutet die Einnahme und Monopolisierung des durch die Wirkung neuer Technologien entstehenden Raumes.
Vorgestellt wird es uns als eine  natürliche Entwicklung, der wir vertrauensvoll folgen, die sanft genug ist, uns ihr problemlos anpassen zu können. Es klingt, als sei diese Entwicklung natürlich und notwendig und dass ihre Führung in guten Händen liegt.

In einem früheren Blogpost (2/25) heisst es, dass die Mission darin bestünde, sicherzustellen, dass AGI- Artificial General Intelligence* der gesamten Menschheit zugute kommt. Was die Tech-Industrie plant, wird als zwangsläufiger Fortschritt dargestellt.
Verstehen lassen sich diese Sätze als Ausdruck eines dominanten Gestaltungsanspruchs der Tech-Industrie. We are building a brain for the world ist eine solche archetypische Aussage aus dem Silicon Valley – eine klassische Aneignung von Zukunft, futures appropriation. BigTech betreibt World-Building und stilisiert sich als Vollbringer des menschlichen Fortschritts.

Gesellschaftlicher Wandel ist niemals, technologischer Wandel selten  kontinuierlich oder monokausal. Beide sind miteinander verbunden und es gibt eine Reihe von Erklärungsmodellen, darunter das der Technogenese (der Prozess, in dem technologische Innovationen nicht isoliert, sondern immer in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Strukturen und Kräften entstehen).
Eine Innovation, wie die von AGI bzw. einer Superintelligenz löst zwangsläufig  gesellschaftliche und politische Dynamiken von unbestimmten Ausmass aus.

Das Herauswachsen des Internet von experimentellen Inseln zu einer globalen Infrastruktur brauchte einige Jahrzehnte, verlief in mehreren Schüben und war von vielfältigen Diskussionen begleitet.
Mit dem Internet war lange Zeit die Vorstellung von Dezentralisierung und Demokratisierung verbunden, zu Recht, vorhergehende Machtverhältnisse wurden gelockert.
Es brauchte  20 oder mehr Jahre zur Herausformung der spezifischen, auf algorithmischer Kontrolle beruhenden Machtverhältnisse, die oft Überwachungskapitalismus genannt oder unter digitaler Oligarchie zusammengefasst werden. KI ist jetzt schon oligarchisch dominiert.
Superintelligenz ist immer noch Speculative Future. Die heutige KI, die sich etwa seit der Jahreswende 22/23 verbreitet hat, ist archivbasiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. Daten, die oft genug geklaut sind – d.h. ohne Zustimmung von Produzenten und Rechteinhabern verwendet werden. In den allermeisten aktuellen Diskussionen geht es um diese archivbasierte KI.
Die Resonanz reicht von fundamentaler Kritik zu oft abwägender Zustimmung. Die Nutzung ist zum einen effizienzgetrieben, zur Erledigung stark formalisierter Aufgaben – oft aber auch zur Konzeptentwicklung in etwa als  Sparring- Partner.

Altmans Postings und das Interview lassen sich als eine Image-Kampagne für die Positionierung von OpenAI in einem zukünftigen, technokratisch- geführten System lesen. Sie zielen darauf ab, eine hegemoniale Kontrolle über die Entwicklung von KI als unvermeidlich, unbestreitbar und gentle darzustellen. Allerdings stoßen diese Visionen auf starke Widerstände – werden teils als ein Pitch to the entrepreneurial class¹ beschrieben, als Versuch,  unternehmerische Eliten für diese Zukunftsvision zu gewinnen. Ein wenig erinnern sie an Googles Motto dont’be evil in der Vergangenheit.

Im Jahre 2025 liegen jedenfalls Erfahrungen zurück, die uns gegenüber gross angelegten Zukunftsvisionen von BigTech Unternehmen skeptisch machen. Es geht auch um  Machtverschiebungen. Das Recht der Stärkeren – wir tun es, weil wir es tun können –  ist wieder vermehrt Teil unserer Wirklichkeit, zu Lasten einer breiten Aushandlung.

Sam Altman: The Gentle Singularity:  (Blog 10.06.25) – KI-Training ist Urheberrechtsverletzung. ¹Virginia Backaitis: Why Sam Altman Is One of the Most Dangerous Men Alive,  11.06.25  David Golumbia: Cyberlibertarians’ Digital Deletion of the Left.  * AGI: Artificial General Intelligence- eine Form künstlicher Intelligenz, die nicht nur auf spezifische Aufgaben beschränkt ist, sondern über allgemeine kognitive Fähigkeiten verfügt – also Probleme in unterschiedlichsten Bereichen flexibel, selbstständig und auf menschlichem Niveau oder darüber hinaus lösen kann.

 

 



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