Digitale Monopole – Big Tech muss weg – Rezension

Plakativer gehen  Titel  und  Cover  kaum:  BIG TECH muss weg klingt wie eine Schlagzeile des Boulevard: knallig und eindimensional – und ist von Autor und Verlag genauso harsch gemeint.  Es geht um die Korrektur der feindlichen Übernahme des freien Internet, um einen  Aufruf das Netz zu befreien und Digitalkonzerne in die Schranken zu weisen. Das Ganze so engagiert geschrieben, dass man es zumindest mit einer gewissen Zuversicht aus der Hand legt.

Die Dominanz der grossen Digitalkonzerne war im vergangenen Jahrzehnt immer wieder Thema- und einige Bücher können als Standardwerke dazu gelten. Shoshana Zuboff beschrieb  in Zeitalter des Überwachungskapitalismus eine neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre kommerziellen Operationen nutzt.  Eine wohl noch grössere   Leserzahl erreichte Jaron Lanier mit Wem gehört die Zukunft (2014) und dem nachgelegten Rant (Wutrede) 10 Gründe (2018).
Keine Kampfschrift, sondern eine Analyse der Landnahme der Digitalkonzerne ist Michael Seemanns Macht der Plattformen (2021). Er konstatiert: Plattformen sind mehr als Unternehmen, sie sind Herrschaftszentren unserer Zeit.  Autor Andree legt nach: die wahrscheinlich grössten (aktuell) existierenden Akkumulationen von Macht und Reichtum in der westlichen Welt (240).

Zum Thema ist viel gesagt worden – die genannten Titel sind nicht die einzigen – aber wenig folgenreich. Geschäftsprozesse und Machtverhältnisse sind erklärt,  Zusammenhänge bekannt – auch bei der Breite der Nutzer. Der mit zahllosen Zukunftsvisionen belegte virtuelle Raum, wird von wenigen Konzernen dominiert. Von Zeit zu Zeit gibt es Wellen der Empörung, zuletzt nach der  Übernahme von Twitter durch Elon Musk. Eingetreten ist aber -mehr oder weniger – eine gesellschaftliche Gewöhnung daran.
Ein entscheidender Faktor steckt in dem von Shoshana Zuboff verwendeten Begriff Verhaltensüberschuss: Digitale Verhaltensdaten enthalten mehr Informationen, als für Betrieb und Verbesserung von Diensten und Plattformen erforderlich. Sie wurden zur Grundlage, zum Rohstoff der algoritmisch gesteuerten  digitalen Werbewirtschaft, wie wir sie heute kennen. Verwiesen sei auch auf den Überschusssinn bei Dirk Baecker:  Medien der Kommunikation stellen mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereit, als aktuell jeweils  wahrgenommen werden könnenin den elektronischen Medien ist es ein Kontrollüberschuss (vgl. D. Baecker, 2016* u. 2018).

Autor Martin Andree ist Medienwissenschaftler, Mitherausgeber des Atlas der digitalen Welt (2020). Die Erfahrungen bei der Kartierung des Internet und der digitalen Marktkonzentrationen, waren Auslöser zum Buch. Das Problem sind nicht einzelne Praktiken und Wirkungen wie Überwachung und Monetarisierung des Verhaltensüberschusses, Fake- News, Hate Speech, Zwang zur Selbstdarstellung –  das Kernproblem ist die drohende Übernahme unseres Mediensystems (10). Und es sind harte Vorhaltungen: Digitalkonzerne zerstören die politische und die wirtschaftliche Freiheit zugleich (11).
Seit 20/21 sind digitale Medien die Leitmedien – nimmt man den Werbemarkt  als Indikator, übertreffen sie seitdem alle analogen Medienformate zusammen genommen. Der Point of no Return sei voraussichtlich 2029 erreicht – werbeabhängige, redaktionelle Medien werden immer mehr abgedrängt, irgendwann trocken gelegt.  Weiterhin dominieren die wenigen Plattformen den Online-Traffic (30ff) – der long tail wird schnell dünn (vgl. Graphik u.). Nicht nur Blogs,  auch Websites grosser Markenkonzerne spielen nur eine marginale Rolle. Plattformen haben den Grossteil des User Generated Content an sich gebunden. Big Tech beherrscht gleich mehrere Ebenen des sog. Sales Funnel (115ff) – von der Erzeugung von Aufmerksamkeit bis zum Kaufentscheid.
Neue Technologiesprünge versprechen keine Änderung – BigTech hat die Mittel jeden denkbaren aufzukaufen. Generative KI – das Thema des Jahres 2023 – ist so ein weiterer Beschleuniger. Sie ist nur so gut, wie sie trainiert wurde. Wesentlicher Rohstoff ist der nutzergenerierte Content auf den Plattformen (100).

Plattformen nennen sich selbst nicht Medienunternehmen – sie beteuern immer wieder “nur” Intermediäre zu sein – was letztlich eine neue Umschreibung für Medien ist (144) – aber Schutz vor Zugriffen des Medienrechts in Form der Verbreiterhaftung gewährt.  Sie pflegen einen Narrativ das, das was gut ist, gut für sie selber und gut für die Welt ist. Man spricht gern von  Diversity und Nachhaltigkeit, von Empowerment und bringing people together. Tatsächlich sind es Mega- Medien, die die Kapazitäten der analogen Massenmedien sprengen – und sie sind es, die mit ihren Geschäftsbedingungen ihre Nutzer regieren. Amazon Marketplaces bindet so als Intermediär zwischen Händlern und Käufern unabhängige Shops an sich,  Instagram sammelt zahllose Content Creator ein, youtube ist die einzige nennenswerte Video- Plattform. Auch wenn manche Nutzer mit dem Status Quo zufrieden sind – für eine demokratische Öffentlichkeit und einen freien Markt sind Monopole, die die digitale Infrastruktur beherrschen, schädlich.

Grundsätzlich hält das Medienrecht Handlungsweisen gegen Monopole bereit. Gegenüber den Plattformen besteht  eine rechtliche Lücke (Ausschluss von der Verbreiterhaftung). Fühlen sich Konzerne unbehelligt, gewöhnen sie sich hoheitliche Kompetenzen an.  Für Andree ist es eine Frage des politischen Willens, aber auch der Agilität von Regulierern.  
BigTech pflegt wie die gesamte Digitalbranche einen eher lässigen Habitus.  Ob nun Big Tech tatsächlich im Erbe einer Hippie- und Nerdkultur steht, ist eine kultur- und popularhistorische Frage – bestimmender ist wohl das Investitionskapital, das in BigTech geflossen ist.  Man bedient sich aber gern bei nonkonformistischen Narrativen oder gibt sich informell. Milliardäre im T- Shirt, aber mit Yacht und abgezäunten Ländereien. Es geht um die Freiheit des maximalen Geldverdienens gegen jede denkbare Einschränkung zu verteidigen (222). Und manchmal bricht es durch: Machtfülle bietet Raum für Grössenwahn, für einen Anarcho- Kapitalismus mit dem Recht des Stärkeren. 

Dominanz der Monopole – no long tail (250)
Die Vision des freien Internet (250)

Im Buch geht es nicht nur um eine Abrechnung mit BigTech – dem gegenüber steht eine Vision des freien Internet, wie sie seit den frühen Jahren des Internet viele Menschen beflügelte.    Zielvorstellung ist ein Netz, in dem sich die Angebote nicht mehr auf wenige Monopole konzentrieren – Anbietervielfalt. Am Ende des Buches  stehen 15 einfache Schritte, wie das Netz von den Tech- Riesen befreit werden kann (256 – 261) – genannt sei die Allgemeine Durchsetzung offener Standards und Interoperabilität – gegenüber geschlossenen Standards, die Nutzer an bestimmte Anbieter binden. Letztlich ist es eine Frage des politischen Willens digitale Souveränität zurück zu gewinnen. Ansonsten werden wir von BigTech reguliert (271ff).

Das Buch ist äusserst detailreich, berührt zahlreiche weitere Punkte, die hier nicht alle angesprochen werden können. Eine breite Resonanz hat es bislang gefunden – bleibt zu wünschen auch in der politischen Willensbildung.
Für alle, die lange Texte schrecken: Das Buch ist nicht einfach bebildert – sondern geradezu graphisch durcherzählt, so ist die Kommunikations-designerin Verena Bönniger mehr als Illustratorin, sondern Co- Autorin.

Ein Blick in den langfristigen,  historischen Kontext schliesst sich an: In Power and Progress von D. Acemoglu und S. Johnson geht es um das Spannungsverhältnis zwischen Technologie, Ökonomie und Gesellschaft im Laufe des letzten Jahrtausends. Technologie hat keine vorherbestimmte Richtung und wenig davon ist unvermeidlich.
Was ist Fortschritt? Technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt bedeuten nicht dasselbe. Die enormen Fortschritte der digitalen Technologien im letzten Halb- Jahrhundert können wirksame Werkzeuge von Empowerment und Demokratisierung sein – aber nicht, wenn die wesentlichen Entscheidungen in den Händen einiger weniger exponierter Führer von Tech-Konzernen liegen.
Auch hier steht am Abschluss eine Liste kritischer Schritte,  was Demokratien unternehmen müssen, um sicherzustellen, dass die Erträge der nächsten Technologiewelle allgemeiner unter ihrer Bevölkerung geteilt werden.  demnächst mehr dazu

Die Digitalisierung hat Machtgefüge verschoben. Es braucht Gegenkräfte, um den Nutzen der technologischen Fortschritte und Erfolge zu verteilen. Ein Fazit  lässt sich erkennen: It’s all about the Balance of Power– Es ist immer wieder eine Frage der Machtbalance.

Martin Andree: BIG TECH muss weg. Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft. Wir werden sie stoppen. Campus Verlag. 2023. Harald Stamm: Holt Euch das Netz zurück! (Rez.) FAZ am Sonntag, 13,08.23 – S. 39  Daron Acemoglu & Símon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity (2023) . John Naughton: Power and Progress review – why the tech-equals-progress narrative must be challenged The Guardian 7.05.23. Shoshana Zuboff (Übs: Bernhard Schmid): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Campus Verlag, Frankfurt/New York 10/2018. – Rezension in diesem Blog. Michael Seemann: Die Macht der Plattormen, Links Verlag, 2021. Rezension in diesem Blog — Vgl auch: * Dirk Baecker, 9/2016. Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn. In: Digitale Erleuchtung (booklet) Frankfurt: Zukunftsinstitut (9/2016). Website zum Buch: https://bigtechmussweg.de/ 

 



Anpassung vs Fortschritt (Rezension zu: Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft)

Ohne den Podcast Future Histories von Jan Groos wäre ich an diesem Buch vorbeigegangen: Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft von Philipp Staab – ein leicht verstörend und damit provokanter Titel. Gemeint ist eine Gesellschaft, die sich vom Leitmotiv der Selbstentfaltung zu dem des Selbsterhaltskollektiv und individuell – bewegt. Nicht Steuerung und Gestaltung von  Fortschritt und Selbstentfaltung sondern das Zurechtkommen steht im Zentrum – die Anpassung an Krisen, der Erhalt eines gefährdeten Status Quo.
Zwei der drei aktuellen Krisen – Corona und die Klima- Krise – sind der Hintergrund. Die dritte Krise – Ukraine- Invasion  und ihre Folgen –  kommt im Buch erst vereinzelt vor, umso mehr in den die Veröffentlichung begleitenden Podcasts und Essays.
Ein Ausgangspunkt des Buches sind empirische Befunde aus narrativen Interviews mit sog. systemrelevanten Beschäftigten aus den Branchen Gesundheit, Bildung/Erziehung, Sicherheit und materiellen Infrastrukturen (143 ff) im Rahmen eines Seminars Die Gesellschaft der  Anpassung 2021/22 an der HU Berlin.

In der Moderne dominierte der Glaube, die Welt liesse sich gestalten und der Fortschritt sorge quasi automatisch für ein besseres Morgen … (Klappentext)  so beginnt das Buch mit einer Abkehr vom Fortschrittsglauben der Moderne. Moderne in zwei Ausprägungen – die  Industrielle Moderne mit ihrem Glauben an die technische Beherrschbarkeit der Welt und die Spätmoderne mit dem Impetus  der freien Selbstentfaltung des Individuums. Der Klimawandel steht nach Staab in direktem Zusammenhang mit dem Selbstentfaltungsprogramm der individuellen Entfaltung – im  Konsum.
Der Optimismus der Moderne(n) ist erschüttert, heute geht es darum, Krisen abzuschwächen, die Gegenwart überhaupt zukunftsfähig zu machen (77). Anpassung meint Strategien zum Erhalt von Handlungsfähigkeit und der Sicherung bestehender Zustände  in einer Nachmoderne.  Als Leitmotiv verschiebt Anpassung die  Perspektive von einem modernen Emanzipationsprogramm auf ein einstweilen noch unbestimmtes Adaptionsprogramm (32). Die Pandemie lässt sich als Generalprobe für zukünftige Adaptionskrisen verstehen – Anschauungsmaterial, wie zeitgenössische Gesellschaften auf akute Krisen reagieren. Ein konkreter Ausdruck sozialer Folgen  ökologischen Notstands (141).  Aus dem Material der (oben erwähnten) narrativen Interviews erschliesst sich eine Gesellschaftskritik, die sich vorwiegend auf drei Punkte bezieht:  eine Narzissmus prämierende Kultur, eine ausschliesslich profitorientierte Wirtschaftsweise und eine handlungsunfähige, schwache Staatlichkeit (144).
Anpassung umfasst auch Resilienz (ausf, der Begriff, der sich  in den Diskussionen seit Corona weit mehr als Anpassung verbreitet hat.

Die sechs (incl. Einleitung) aufeinander aufbauenden Kapitel sind allesamt einprägsam übertitelt: (3) Ent-täuschung der Moderne wendet sich ab von  einer gesellschaftlich zu schaffenden Zukunft (72) im Sinne des Fortschrittsbbegriff der Aufklärung. Unter (4) Adaptive Rebellion fallen etwa die Fridays for Future mit dem wissenschaftsgläubigen Slogan Listen to Science. Staab folgert einen positiven Begriff evidenzbasierter Technokratie (131). Unter (5) Avantgarden der Anpassung finden sich v.a. die erwähnten  “systemrelevanten  Beschäftigten“, wo effektive, evidenzbasiertepolitische Steuerung mit Demokratiedefizit umindest angedacht werden (174). In (6) Protektive Technokratie  geht es um eine politische Imagination adaptiver Gesellschaften (182), Demokratie vs Expertenherrschaft mit Unterstützung digitaler Steuerungstechnologie,  eine Hypothese  rationaler Technologie des Überlebens. Soweit sehr verkürzt zusammengefasst.
In einem Beitrag in der Zeit vom 12.10. fasst Staab seine These bündig zusammen: Das Projekt des Fortschritts und der Selbstentfaltung ist zu einem Problem für die Selbsterhaltung geworden – individuell, gesellschaftlich, planetar. Es weiterhin zu predigen, verfestigt den Eindruck einer Politik, deren Deutungsangebote an der Realität der Menschen vorbeigehen. … weiter: Dabei könnte Anpassung als eigenständiges gesellschaftliches Projekt auch in einem positiven Sinne zum Leitmotiv politischen Handelns taugen. 

Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft lässt sich als – manchmal  spekulative, teilweise empirische Exploration zu Selbsterhaltungkrisen und zur nächsten Gesellschaft, verstehen.  Die Grundgedanken des Buches werden schnell klar und sind innerhalb ihres Rahmens einleuchtend. Staab dokumentiert, benennt, beschreibt erkennbare Motive, Einstellungen, Tendenzen und Strategien, vermittelt Momentaufnahmen, stellt sie in Zusammenhänge und entwickelt im letzten Kapitel eine Hypothese technik- und expertisegestützter Herrschaftsformate. Er bezieht  sich u.a. auf Andreas Reckwitz, Robert K. Merton (1910-2003), auf Boltanski/Chiapello und immer wieder auf die Risikogesellschaft von Ulrich Beck (1986), schliesslich auch Schumpeter (187).

Es geht aber auch immer um den Gegensatz Fortschritt vs  Anpassung. Ersterer ist eine treibende, letztere beharrende, angleichende Kraft. Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die sich mit Nachdruck vom Fortschrittsbegriff verabschiedet (108)? Man kann diese Frage als Gedankenspiel annehmen – aber ist eine Gesellschaft ohne Fortschritt überhaupt denkbar? Beide Begriffe, im Gefolge auch Selbstentfaltung und Emanzipation, werden in einem sehr verengten Sinne verwendet. Damit kann ich mich wenig anfreunden.
Ist Anpassung ein passendes Leitmotiv? Anpassung kann taktisch, strategisch, opportunistisch sein, das sich Einfügen als das Rädchen im Getriebe, sie kann sich am Markt, an Machtverhältnissen, an Krisen ausrichten, ohne Anpassung gibt es keine Evolution, weder genetisch noch sozial. Die geläufige Redewendung “mit dem Fortschritt gehen” drückt nichts anderes aus, als Anpassung an den Fortschritt. Allen Verwendungen ist eine defensive, manchmal passiv- aggressive, Haltung gemein. Ein Begriff, der unterschiedlichste Lesarten ermöglicht und mit vielen Konnotationen daherkommt – und so in die populäre Diskussion einsickert:  Kürzlich warf Markus Lanz (9.11.) in seiner Talkshow einer Aktivistin von „Letzte Generation“ Anpassung als zurechtweisendes Schlagwort entgegen. Ich vermute,  die Redaktion hatte das Buch gesichtet. So gelangen Begriffe – beliebig angepasst –  in die populäre Diskussion.

Weit mehr irritiert mich sein Begriff von Fortschritt, damit verbunden von Selbstentfaltung, Emanzipation.
Die Irritationen sind beabsichtigt, wie im Podcast begründet.
Der Fortschrittsbegriff scheint sich auf den des ewigen Wachstums in einer Welt endlicher Ressourcen zu beschränken. Emanzipation und Selbstentfaltung werden so erwähnt, als gäbe es sie v.a.  in vulgär- materialistischer Ausführung.
Mal ist von Zumutungen der Selbstentfaltung die Rede ist und man denkt an  eine  Distinktionshölle zwanghaften Konsums. Sicher gibt es Symbiosen mit der Konsumwirtschaft, in erster Linie bedeutet Selbstentfaltung aber die Gestaltung der Lebensführung.
Fortschritt wurde und wird immer wieder von verschiedenen Seiten für sich reklamiert: ästhetisch von Avantgarden, politisch sah sich die Linke meist als Lager des Fortschritts, emanzipativ von sozialen Bewegungen, Fortschritt wurde in Wirtschaftsdaten gemessen.  Von Beginn an war wissenschaftlicher und technischer Fortschritt der Antrieb. Letztlich entschärfte (bio-) technischer Fortschritt in Form der Entwicklung neuer Vakzine –   – und nicht Anpassungsleistungen – die Pandemie. Und auch Autor Staab (Prof < 40) arbeitet mit seinem Buch am Fortschreiten seiner Karriere.
Das Weiterführen einer  linearen, ungebrochenen Vorstellung von Fortschritt und Selbstentfaltung hat wohl irgendwann seltsame Konsequenzen:  Libertär bedeutete einst einen radikal- heroischen Bruch mit gesellschaftlichen Zwängen, heute wird damit (u.a.) die schrankenlose, anarcho- kapitalistische  Selbstentfaltung  von Oligarchen verbunden. Genauso berufen sich Querdenker auf das Freiheitsversprechen der Spätmoderne wie Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey – in Gekränkte Freiheit: Aspekte des libertären Autoritarismus (10/2022) herausstellen. Aber macht das das Freiheitsversprechen obsolet?

Was eine Gesellschaft zusammenhält, ist v.a. die geteilte Vorstellung einer guten Gesellschaft bzw lebenswerter Zukunft. Wie diese aussehen soll ist ein zivilisatorischer Prozess. Und auch die Vorstellung von Fortschritt durch Wissenschaft und Technik gehört zu einer gesellschaftlich zu schaffenden Zukunft, die Selbsterhalt und Selbstentfaltung verbindet: We need a vision of progress and a grand narrative about why it all matters.

Philipp Staab: Anpassung . Leitmotiv der nächsten Gesellschaft 198 S. + Anmerkungen 240 S,..  edition suhrkamp 2779, 10/2022, 18 € –Jan Groos: Future HistoriesDer Podcast zur Erweiterung unserer Vorstellung von Zukunft.  Philipp Staab: Wie Gesellschaften stabil bleiben. Selbstentfaltung wird zum Problem für die Selbsterhaltung. Die Zeit. 12. 10. 2022  — vgl. auch: Future sapiens: Ewiges Wachstum – Untergang der Menschheit oder Motor des Fortschritts?

 



Metamodernism – The Future of Theory (Rez.)

Metamodern zum Zweiten. Bekannt wurde mir der Begriff erst vor einigen Wochen. Ein Begriff unter dem kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen, die nach der Postmoderne auftreten, verhandelt werden.  Ein Terminus für das Denken im 21. Jahrhundert?
Metamodernism. The Future of Theory von Jason A. Storm (7/2021) wurde in etlichen Kommentaren und Reviews (English only)  geradezu enthusiastisch gefeiert:
It’s a long time, since I’ve had such a vigorous – and rigorous – intellectual work- out. Metamodernism is not only an astute diagnosis of the confusions and contradictions of contemporary thought; it also offers compelling alternatives. Ambitious, lucid and erudite, this is a book that demands to be read and argued over.“ Der Kommentar der Autorin Rita Felski (Autorin von The Limits of Critique, 2015) steht für viele und so geht es weiter. Es wundert dann etwas, dass bislang kaum deutschsprachige Resonanz vorliegt – jedenfalls habe ich keine gefunden – so bin ich wohl einer der ersten. So eingestimmt geht man an den Titel heran.  Ursprünglich hatte der Autor den Titel Absolute Disruption. Theory after Postmodernism vorgesehen, ein  Titel, der ebenso den Anspruch verdeutlicht, eine erneuerte Theorie der sozialen Welt zu formulieren – mit der Ambition  als Leitfaden zukünftiger (Human-) Wissenschaft. Ein –ism(us) sollte es sein,  Post-postmodernism/us wäre ein Verlegenheitsbegriff, das Präfix Meta trifft anscheinend den Zeitgeist: I should own that likely some of the same zeitgeist that made me think Metamodernism sounded cool perhaps contributed to why Zuckerberg might have thought Meta Platforms sounded cool.

Der Denker präsentiert sein Werk: Jason A. Storm

Metamordernism – The Future of Theory ist als Manifest in den Human Sciences/ Humanwissenschaften – bei Storm der Dachbegriff für alle Geistes – und Sozialwissenschaften – zu  verstehen.
Philosophie ist nicht mein Fach, die Begrifflichkeiten weniger vertraut, Epistemologie und Ontologie  muss ich z.B. nachschlagen. Philosophie zeichnet und formuliert aber Grundlagen, die auch in anderen Fächern gelten,  hier ist es ein Big Picture der Human Sciences. Ist nach 40 Jahren der Abschied von der verblassenden Postmoderne, eine Neubestimmung entscheidender Fragestellungen überfällig? In den 1980er Jahren sprach man oft vom Paradigmenwechsel.  Damals ging es um den Abschied vom linearen Fortschrittsdenken und den Zukunftsvorstellungen der Moderne. Die aufkommende Postmoderne formulierte den Verlust von Gewissheit, die Auflösung von Sicherheiten und gewachsenen Identitäten. In der Wahrnehmung stand sie oft in Verbindung mit einem skeptischen Dekonstruktivismus.
Storm schreibt von einer umfassenden philosophischen Methode, die versucht, die Natur der sozialen Welt zu erklären – das Buch trägt den Anspruch Grosser Theorie, incl. einer ethischen und politischen Wirkung und einer eigenen Moralität. Der Autor nennt es selber ein hopeful monster (25) mit Wurzeln  in queer, feminist, and critical race theory, resistent gegenüber vereinfachendem Moralisieren und ausgerichtet auf eine emanzipatorische, nicht-relativistische, kosmopolitische Ökologie des Wissens (25).

Das Buch ist in vier Teile + Opening, Conclusion und Notes (60 S.) und insges. sieben Kapitel gegliedert. Part I Metarealism, Part II  Process Social Ontology, Part III Hylosemiotics, Part IV Knowledge and Value. Kapitel 7 The Revaluation of Values/ Neubewertung von Werten (236 – 275) ist der politischste Teil, es geht um die Rolle von Moral und ethischen Werten in den  Human Sciences und der Gesellschaft insgesamt.
Einige Begriffe und Konzepte fallen ins Auge, so die zunächst generisch scheinenden, in Metamodernism zentralen Social kinds: beschrieben, nicht definiert als 1) socially constructed, 2) dynamic clusters of powers 3) which are demarcated by the casual processes that anchor the relevant clusters  (111).  Social Kinds are made uo of power-clusters and the processes, that anchor them. Powers belong to a system of relations, not a specific entity of its own (140). Solche Sätze und auch die Thematisierung von Interdependenzen lassen zumindest an Konzepte von Machtbalancen in der Soziologie denken.
Storm nennt diverse Features von Process Social Kinds (94-96), wie high- entropic, cross- cutting, normative. Social Kinds dienen ihm dazu, die soziale Welt als dynamisch, prozessual zu rekonzeptualisieren. Unsere Moral sollte ähnlich verstanden sein und danach streben, die Vielfalt des empfindungsfähigen Lebens und der Gesellschaften, die es hervorbringt, zu kultivieren.

Das Buch wirklich durchzuarbeiten ist eine längere Aufgabe, der Text ist komplex, schwierig zusammenzufassen und in einer kurzen Besprechung auch nur annähernd kaum wieder zu geben. Gibt es nicht in den Sozialwissenschaften überzeugendere Modelle Prozesse, die soziale Konstruktion von Machtverhältnissen etc. zu beschreiben als die etwas dünnen Social Kinds?  Auch wenn man daran gewöhnt ist, Texte auf Englisch zu lesen, braucht es mehr Zeit, die Texteinschläge wirken zu lassen – Nietzsche philosophierte mit dem Hammer– Storm sagt von sich to philosophize with lightning (5). Blitze sind geballte Energie – zerstörend wie erhellend.  Oft erinnert sein Gestus an den eines Rockstars.
Metamodern passt in den Zeitgeist. Ein Begriff, der endlich die Postmoderne ablösen soll, deren Dekonstruktionen berechtigt waren, es  aber  keinen Sinn macht, länger darin zu verharren. Die Moderne war die These, der sich die Antithese der Postmoderne entgegenstellte und in diesem Konflikt bildet sich mit der Metamoderne eine neue Synthese heraus – wenn man es mit einem gängigen Modell erklären will.
Metamodern ist allerdings kein einheitliches Label: Lene Andersens Metamodernity (2019) wird bei Storm (2021) gar nicht, die Werke des Autoren- Duos Hanzi Freinacht nur kurz erwähnt. Was überzeugt: Die Erfahrungen des 21. Jahrhunderts werden nicht ein weiteres mal neu erklärt, sie werden als bekannt vorausgesetzt. Um die Welt zu verändern, müssen wir sie verstehen und darüber hinaus ein Bild davon haben, was sie sein könnte: It’s not postmodern, it’s not modernist. It isn’t really new materialist.  Instead of describing a paradigm shift, I was actually trying to produce a paradigm shift.

Einige einfache, jeder/m verständliche Sätze bringen die Moralität von Metamodernism auf den Punkt: Most of us want to be happy — Most of us want to be psychical and physical well- being — most of us do not want to suffer unnecessarily –.most of us want to live a life worth having lived, a meaningful life (257) – das sind die Grundlagen eines Sets ethischer Normen und daraus abgeleiteten politischen Handelns: We need a vision of progress and a grand narrative about why it all matters (Thomas Harper).

Schliesslich: Gibt es denn einen Bezug zum Metaverse – was die Namensgebung nahelegt? Im Buch nicht, aber in seinem Blog Absolute Disruption (11/21) nimmt Storm darauf bezug – zu Facebooks Rebranding Meta bemerkt er spöttisch, das Unternehmensziel des Zuckerverse sei die Monetarisierung von Eskapismus. Er empfiehlt (ein von wenigen Unternehmen  dominiertes) Metaverse zu hacken, zu unterwandern, umzufunktionieren und umzugestalten, um sein emanzipatorisches Potenzial freizusetzen und die Macht zurückzuerobern.

vgl.: Jason Ananda Josephson Storm:  Metamodernism. The Future of Theory. Chicago 9/2021. 360S. Blog: Absolute Disruption Podcasts: Metamodernism – The Future of Theory: an interview with Prof. Jason Ā. Josephson Storm. Sunday in the parc with theory: Podcast with Jason Ā. Josephson Storm (18 April 2022)

 



König von Deutschland – Blaupausen für Zukünfte

 König von Deutschland war ein Popsong  des späten Rio Reiser (✝1996) und wahrscheinlich sein einziger, der zum Gassenhauer wurde.
#KönigvonDeutschland- ist hier titelgebendes Motto bzw. Rahmenerzählung einer Sammlung von insges. 18 Gesprächen, geführt zwischen 2017 und 2020, die zuerst als Podcast, dann als Buch erschienen ist.  Drei Fragen waren jedem Gespräch vorangestellt: Was bewegt Dich? Welche Zukunft siehst Du? und Was würdest Du tun, wenn Du König von Deutschland wärst? Die gesprochene Sprache des Podcast wurde transkribiert,  die Gespräche lesen sich ganz anders als mehrfach redigierte Texte, Momente sind weit stärker eingefangen. Vor einigen Wochen gab es dazu bereits einen Online- Themenabend incl. Exkursen zur Science- Fiction. Die Herausgeber Gunnar Sohn, Live- Streamer, und Lutz Becker, HS Fresenius, beide Ökonomen, haben  mir ein Exemplar zur Rezension zugeschickt, hier ist sie nun.

Einige der Gesprächspartner sind mir persönlich bekannt, andere dem Namen nach,  und es sind einige prominente Politiker, wie Marina Weisband und Uwe  Schneidewind dabei, dazu auch der Science- Fiction Spezialist Hans Esselborn. Utopien sind hier nicht freischwebende Weltentwürfe, sie bleiben pragmatisch auf einem Boden und dienen als Blaupause eines positiven Zustands in der Zukunft (14). Themen, die im Rahmen der Transformationsdiskurse diskutiert werden, kommen mehrfach zur Sprache,  so Mobilitätswende, Ressourcenbewirtschaftung, ökologische Erneuerung; insgesamt  geht es aber vorrangig um die Rolle der Ökonomie als einer Gestaltungswissenschaft für einen demokratischen Kapitalismus.
Immer wieder wird die Perspektive von Ökonomen, die mit der in der Mainstream- Ökonomie vorherrschenden Kennzahlen- Orientierung hadern, deutlich. Gleich im ersten Gespräch mit Reinhard Pfriem (vgl. Rez.) “Neue Ökonomie mit mehr demokratischer Beteiligung” geht es um die Öffnung der Ökonomie zu einer Möglichkeitswissenschaft, die Wege  dahin öffnet, wie denn eine Gesellschaft und eine Wirtschaft der Zukunft aussehen könnten (27). In Es fehlen die Utopien mit dem Ökonomen Frank Witt fliessen Thomas Pikettys  Kapital und Ideologie, an anderen Stellen immer wieder Joseph Schumpeter in die Diskussion ein, auch die Freiburger Thesen der FDP von 1971.  Weltverbesserungskompetenz und Demokratie 4.0 (199) sind autretende Schlagwörter.  Science Fiction wird nach Zukunftserzählungen abgeklopft.
Gegenpole, das was man nicht, bzw nicht mehr will, sind  Überwachungskapitalismus und Big Nudging, das chinesische Scoring- Modell, das heute dominierende Finanzwirtschaftssystem, die Durchsetzung des sog. Neoliberalismus,  die Stories vom anarchischen Silicon Valley (239), die oft als  freche Hacker- Kultur inszeniert werden, die monokausalen Erklärungsmodelle und Fallstudien der BWL (241).  Sind Utopien die Brücke zu Innovationen? Wahrscheinlich, als vorausgedachte Entwicklung und Veränderung. Ich mag selber das Wort Innovationen nicht mehr, zu oft ist damit reines Effizienzstreben verbunden.

Dem Klappentext der Rückseite nach richtet sich das Buch an Leser, die sich für Utopische Weltentwürfe  interessieren. Man kann es so sagen …  viel mehr aber geben die Gespräche einen Einstieg in Diskussionen, hin zu  – durchaus realistischen – Zukunftsvisionen eines demokratischen Kapitalismus (188). Ganz sicher auch für die Lehre – oder besser gesagt, in die Bildungsanteile, die einer Normierung des Denkens entgegenwirken, ob in Schule, Universität und Business Schools oder Weiterbildung. Die Gesprächsform macht die Themen zugänglicher, über 500- 1000 Seiten Piketty oder Schumpeter können immer noch folgen.  Ein wenig regionallastig sind die Beiträge: Wuppertal und das Bergische Land sind mehrfach der geographische Ausgangspunkt – liegt es nur an Herkunft und Verbundenheiten eines der Autoren (Lutz Becker)- oder doch an der längsten Industriegeschichte Deutschlands? Soweit – nicht jeder Beitrag eines Sammelbandes kann erwähnt werden, aber alle bieten sie einen Einstieg in eine spezifische Sicht.

Schliesst man dann den Bogen zurück zu Rio Reiser und den Scherben, war der #König von Deutschland der Song, der ihm von Fans als kommerziell vorgeworfen wurde – von den Scherben erwartete man Solidaritätsauftritte. Sie waren der Soundtrack zu Demos, Hausbesetzungen, von erkämpften Utopien und Freiräumen, gerne illegal. Ein Soundtrack mit einer Radikalität des Herzens und dem Stinkefinger gegenüber Staatsgewalt und Kapital – in der Zeit, als man noch nicht von Zivilgesellschaft sprach.  Heute gehören sie zum kulturellen Erbe.

Lutz Becker & Gunnar Sohn : Was würdest Du machen, wenn de “König von Deutschland” wärst? – Utopische Gespräche. Klingen Verlag, Solingen, 2021. 391 S.



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