Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology

Ein Schlüselwerk der Digitalen Zeitgeschichte

Im gereizten Klima der letzten Wochen – seit der zweiten Trumpwahl, dem Bruch der Ampel, der Parteinahme von Elon Musk für die AfD, dem Kotau Zuckerbergs vor Trump usf. – gibt es ein starkes Interesse an Erklärungsmodellen  zum Schulterschluss von BigTech mit dem autoritären Rechtspopulismus von Trump und seiner Bewegung MakeAmericaGreatAgain.

Die Wurzeln: Von der Gegenkultur zum Marktradikalismus

Demokratisierung des Wissens, Freiheit der Information, der Aufbau digitaler  Gemeinschaften – all das unter Umgehung bestehender Hierarchien – zählten lange Zeit zur Agenda des Digitalen Fortschritts.
Digitaler Fortschritt war und ist in seinen vielfältigen Stationen aufs engste mit der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung im  späten 20. und im 21. Jahrhundert verbunden.
Manche Branchen und Institutionen zerschlug es, insgesamt wurde Digitaler Fortschritt aber mit Zuversicht bis Begeisterung aufgenommen, als Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten und Spielräume.
Jahrzehntelang war das Netz der Ausgangsort von Veränderung. Vom frühen Cyberspace, zum Web 2.0., zu den Social Media etc. – Medienöffentlichkeiten und ihre Möglichkeiten änderten sich immer wieder, sie waren Teil der populären  Kultur. Ganze Generationen wurden mit  bestimmten Formaten medialisiert, ihr Ablauf als persönliche (Medien-) Biographien erlebt. Technologie bot immer wieder die Mittel zur Umgehung bestehender Institutionen und ihrer Restriktionen.

Cyberlibertarianism The Right-Wing Politics of Digital Technology erschien im November 2024. Autor David Golumbia (1963–2023) verstarb kurz vor Vollendung des Buches.  Peer-Reviews waren bereits abgeschlossen, einige noch bestehende Lücken wurden von George Justice anhand von Manuskripten  vervollständigt
Golumbia geht davon aus, dass Right- Wing Politics von Beginn an sowohl in der technischen wie in der sozialen Konstruktion der digitalen Welt angelegt waren. Bereits 2016 hatte er in The Politics of Bitcoin: Software as Right-Wing Extremism: Bitcoin, Digital Culture, and Right-Wing Politics  Verbindungen von rechtspopulistischen und techno-libertären Ideen im Umfeld der Kryptowährungen offengelegt.

Als Begriff tauchte Cyberlibertarismus seit den 90er Jahren auf, so in den Debatten zu J.P. Barlows Declaration of the Independence of Cyberspace (1996). Deklariert wurde damit der Anspruch auf ein sich selbst regierendes Internet und seine Unvereinbarkeit mit staatlichem Zugriff und staatlichen Regulierungen.
Eine passende Beschreibung stammt bereits aus dieser Zeit: a collection of ideas that links ecstatic enthusiasm for electronically mediated forms of living with radical, right-wing libertarian ideas about the proper definition of freedom, social life, economics, and politics (Langdon Winner, 1996).

Libertär stand ursprünglich für eine anti-autoritäre, anti-kapitalistische Haltung, für individuelle Freiheit als Rebellion gegen gesellschaftliche und moralische Beschränkungen.
Eine Umdeutung erfolgte in den USA der Zeit des kalten Krieges hin zum  Marktradikalismus unter dem Einfluss der Chicago school of economics, der Schriften von Ludwig v. Mises, und auch Anarcho- Kapitalisten wie  Murray Rothbard
In den aktuellen Diskussionen bezeichnet libertär meist marktradikale Strömungen, die individuelle Marktfreiheit, radikale und uneingeschränkte Eigentumsrechte sowie oft Vorstellungen von Ungleichwertigkeit vertreten: the shared view is that the most important expression of “individual freedom” is found in the individual’s ability to profit (28).
Im Tech- Kontext verschmolz die Bedeutung mit techno-utopischen Ideen und wuchs zur Fundamental- Opposition gegen jede staatliche Regulierung des Internet. Alle Einschränkungen, wie Anti- Trust Gesetze, Umweltauflagen etc. seien ein Affront gegen die Freiheit. In ihren Extremen, wie man sie etwa bei Peter Thiel sehen  kann, geht es um die Überwindung demokratischer Strukturen zugunsten einer technokratischen Elite.  Auch Elon Musk ist dieser Richtung zuzuordnen,  mehr affektiv als ideologisch unterfüttert. Wie soll man es nennen? vollkommen enthemmten, aber wirkungsbewussten Opportunismus? Ein Milliardär, der austestet, wie weit er gehen kann?

Das zentrale Paradox des Libertarismus: Freiheit für Oligarchen

Cyberlibertär wird hauptsächlich als analytische Fremdbezeichnung verwendet – neben dem Autor Golumbia u.a. von Lincoln Dahlberg und Langdon Winner (s.u.).
Golumbia verweist auf entscheidende Glaubenssätze, die bereits früh angelegt waren:  … the view that ‘centralized authority’ and ‘bureaucracy’ are somehow emblematic of concentrated power, whereas ‘distributed’ and ‘nonhierarchical’ systems oppose that power (61) ).
Diese Einstellung lässt sich oft auf die Ansicht reduzieren, dass demokratische Regierungen das Internet nicht regulieren können oder dürfen – oder, daraus folgernd, dass das Internet ein Ort sein sollte, für den Gesetze nicht gelten.
Dabei stösst man schnell auf das entscheidende Paradox: Cyberlibertarismus lehnt gesellschaftliche Regulierung ab – die doch auf rechtsbasierten Regeln beruht – gleichzeitig wird ein weitgehend unregulierter freier Markt  befürwortet –  auf dem sich zwangsläufig Machtkonzentrationen und hierarchische Strukturen herausbilden. Letztlich bedeutet das freie Hand für Oligarchen.

Cyberlibertarianism lässt sich als unvollständige Ideologie, als Sammlung kulturell gewachsener Denk- und Handlungsmuster, oft als opportunistisch genutzte Legitimation verstehen.
Das Buch spiegelt die kulturelle und politische Geschichte der USA – mit einer Betonung auf Kalifornien und das Silicon Valley –  von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart. Es bietet einen umfassenden Blick auf die Zusammenhänge zwischen der technokulturellen Entwicklung und dem politischem Denken, was aktuell sehr brisant ist – written by the most optimistic pessimist you could ever meet (George Justice im Vorwort). 

Kalifornische Ideologie: hedonistische Gegenkultur und electronic frontier

Symbole der kalifornischen Ideologie: Lady Liberty auf dem Burning Man Festival. Foto: Jeremy Bishop unsplash.con

Californian Ideology ist ein beliebtes Narrativ zu dem, was in der Innovationskultur zusammenkam:  die Gegenkultur der Hippies und die vorhergende der Beatniks, ein ausgeprägter Hedonismus, die neuen Möglichkeiten der Technologie-  dazu eine Landschaft und ein Klima, die alles bieten, weltbekannte Universitäten und Forschungseinrichtungen  und schon früh viel Geld v.a. aus dem Verteidigungsetat. Im gleichnamigen Text wurden bereits 1996 wesentliche Elemente, die auf  Cyberlibertarismus zutreffen, beschrieben (s.u.¹)

Das Internet wurde schliesslich zur Electronic Frontier, zum neuen grenzenlosen Raum individueller Freiheit, frei von staatlicher Kontrolle – unreguliert.  Dazu passt auch das Ideal eines autarken Individuums.
Statt der Freiheitsideen der Hippies verbreiteten sich längerfristig die  genannten wirtschaftlichen Freiheitsideen. Ein spezifischer Habitus und informelles  Auftreten blieben, verweisen aber nicht auf eine Aufweichung von Machtstrukturen.
Zur Expansion der Tech Unternehmen gibt es eine ganze Reihe von Modellen. Das Modell der Landnahme schliesst anschaulich an das der Electronic Frontier an: der Ausbau von Reichweiten, die Erschliessung und Strukturierung des Digitalen Neulands.  Aufbau und Verbreitung der Plattformen ist ein zentrales Ergebnis der digitalen Landnahme. Digitale Sozialformate haben sich daran entwickelt. 

Der zentrale Konflikt zwischen staatlicher bzw. gesellschaftlicher Regulierung vs. der Reichweiten- Macht von BigTech bleibt. Die propagierte Freiheit befördert  letztlich  die Entstehung von Privat-Monopolen.
Der wesentliche Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende. Zunächst werden die Plattformen als neue Möglichkeiten erlebt. Sind sie soweit gewachsen. dass sie unumgehbar für die Teilhabe an Medien, Kultur und Geschäftsmöglichkeiten sind, werden sie zu einem faktischen Monopol.
Hier trifft der Anspruch von demokratisch legitimierten Staaten, Bedingungen zu regulieren, auf die wachsende Macht von Tech-Unternehmen, die inzwischen zu den kapitalstärksten globalen Akteuren gehören.
In libertärer Lesart wird diese Marktmacht jedoch nicht als Problem, sondern als natürliche Folge individueller Freiheit und unternehmerischer Autonomie betrachtet. (Cyber-)libertäre Ideologie wird so zunehmend zur Rechtfertigung der immer stärkeren Präsenz und des Machtanspruchs großer Tech-Unternehmen genutzt. Their freedom doesn’t mean your freedom – heisst es in einem Video zum Thema.
Digitale Konzerne können durch ihre enorme Marktmacht faktisch wie private Gesetzgeber agieren, es entsteht ein Markt- Pseudo-Staat, dessen Regeln weder demokratisch legitimiert noch rechtlich angemessen kontrolliert sind.

Von der Technoutopie zur Tech-Oligarchie

In der Praxis läuft Cyberlibertarismus oft mit technologischem Determinismus zusammen: Plattformen wie Google, Meta oder Amazon propagieren, dass ihre Technologien unaufhaltsame Fortschritte bringen – deterministisch – während sie gleichzeitig betonen, dass diese Fortschritte den Einzelnen und freien Märkten zugutekommen – libertär.
Soweit zu den Grundlinien des Cyberlibertarismus. David
Golumbia beleuchtet in Cyberlibertarianism eine ganze Reihe weiterer Stränge, manchmal esoterischer und kryptischer bis hin zu cyberfaschistischer Art im politischen Denken des Silicon Valley. So finden sich jeweils ausführliche Abschnitte zu  Nick Land and the Cybernetic Roots of Contemporary Fascism (381ff),  zur Alt- Right Bewegung etc. und auch zu Vorstellungen posthumanistischer Welten. 

Einige wesentliche Bezüge ziehen sich durch den ganzen Text:
Surveillance Capitalism von Shoshana Zuboff (2018/19) war die erste massive Kritik an den Geschäftsmodellen von BigTech- sie traf v.a. Google: the human expectation of sovereignty over one’s own life and authorship of one’s own experience” (521)werde von digitalen Technologien bedroht. Als einzige Lösung sieht Zuboff, dass Demokratien über Gesetzgebung und Regulierung wieder Hoheit über den politischen Raum beanspruchen. Zwar schärfte ihre Kritik die öffentliche Diskussion und veränderte die Wahrnehmung von Big Tech, führte jedoch nicht zu grundlegenden Veränderungen.

Überraschend kritisch steht Golumbia zu Julian Assange, dem er vorhält sich als heroische Zentralfigur eines Anti-Establishment-Kampfs zu inszenieren. Seine vermeintlich anarchistischen Positionen habe faktisch rechtspopulistische Narrative unterstützt. Generell sieht er immer wieder in vermeintlich techno-utopischen oder cyber-anarchistischen Positionen ein Einfallstor, das in der Praxis rechten Bewegungen in die Hände spielt.

Der Blick auf das ganze Bild  zeigt eine breite, v.a. in der kalifornischen Bay- Area angesiedelte Szene, die die Möglichkeit hatte, eine neu entstehende digitale Welt zu gestalten. Technisch getrieben, aber auch mit popkulturellen Wurzeln (Verweis auf die Grateful Dead). Angeschoben durch Geldströme  aus staatlicher Förderung und Venture Capital. Hervorgebracht hat sie die Blockchaim, den Überwachungs- Kapitalismus, das Metaverse auf der Wunschliste. Mental oft berauscht durch die Erfolge der Umsetzung.  Schliesslich eine machtbewusste kleine Elite, die sich zunehmend als globaler Machtfaktor sieht.

Vom Silicon Valley zur Trump-Inauguration

Golumbias Urteil ist knapp und vernichtend: An einer Stelle (279) heisst es: Cyberlibertarian politics in a nutshell: antidemocracy portraying itself as both democracy and “above” politics, when it is anything but.
Zusammenfassen lässt sich sein Fazit so:  Demokratische Werte können nur dann behauptet werden wenn wir das Digitale wieder in unseren eigenen Händen verankern. Ansonsten wird es zur Spielwiese weniger Akteure bzw. einer kleinen Elite, die einem neuen Autoritarismus den Weg ebnen.

Oligarchie – Konsequenz des Cyberlibertarismus?

Das Buch ist erst vor zwei Monaten erschienen – der Text von Golumbia war spätestens im Sommer 23 fertig gestellt. Seitdem haben sich Weltlage und der globale Vibe so sehr verändert, wie man es kaum für möglich gehalten hatte.
Exakt während des Lesens und des Schreibens dieser Rezension folgte die nächste Stufe der Eskalation: Trumps Inauguration. Eine Inszenierung von Macht und Geld mit dem Spalier der Milliardäre aus der Tech- Branche. Territorialansprüche werden an verbündete Staaten gestellt.  Der Nazigruss von Elon Musk als inszenierte Provokation.

Offen bleibt, wie stabil die Machtstrukturen sind. Wie stabil ist die Achse von MAGA und Big Tech? Wie stark sind die Protagonisten tatsächlich?  Musk tritt derzeit als globaler Toxiker auf, der massiv wirtschaftliche und mediale Macht politisch einsetzt, dabei auch den deutschen Wahlkampf aufmischt. Wäre etwa ein Metaverse aus dem Hause Meta/Facebook als erweiterter gesellschaftlicher Raum wünschenswert? .

Ein Meinungs- Fundstück zum Nazigruss von Elon Musk:  It was a display of power, and a signal: the tech oligarchy is here, and it will do what it wants.

 

David Golumbia und George Justice: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. 11/2024. David Golumbia: The Politics of Bitcoin. Software as Right- Wing Extremism. University of Minnesota Press. 2016.  Cyberlibertarianism: . Clemson University. 2013 Means TVWhy Is Elon Musk Like That? – Introduction to Cyberliberatarianism – Maik Fielitz & Holger Marcks. Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Duden Verlag, Berlin 2020. Langdon Winner: Cyberlibertarian Myths and the Prospects for Community 1997/2018 Lincoln Dahlberg: Cyber-Libertarianism 2.0: A Discourse Theory/Critical Political Economy Examination. Cyberlibertarianism
¹Information technologies … empower the individual, enhance personal freedom, and radically reduce the power of the nation-state. Existing social, political and legal power structures will wither away to be replaced by unfettered interactions between autonomous individuals and their software. Indeed, attempts to interfere with these elemental technological and economic forces, particularly by the government, merely rebound on those who are foolish enough to defy the primary laws of nature. aus: Barbrook, Richard, and Andy Cameron. 1996. “The Californian Ideology.” Science as Culture 44-72.  



Power and Progress – Big Tech Is Bad. Will Big A.I. Be Worse?

Die  FAZ am Sonntag (28.06.23) schlug es als Wirtschaftsbuch des Jahres 2023 vor: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity – seit 9/23 unter dem Titel Macht und Fortschritt auch auf Deutsch.
Es geht um das – im Laufe des letzten Jahrtausends – immer wiederkehrende Thema, wem der Nutzen am technischen Fortschritt zukommt. Dazu werden Beispiele aus der Geschichte  herangeholt – Europa hatte auch vor der Industrialisierung immer wieder Schübe technischen Fortschritts erlebt – Nutzen und Gewinne kamen oft kaum in der breiten Bevölkerung an. Entscheidend für die Konstitution von Macht war  immer auch die Kontrolle über Informationen.
Vor diesen Hintergründen  wird das Narrativ Technology-equals-progress – angezweifelt: Die Gleichsetzung von Technologie und Fortschritt. Nach diesem Verständnis  ist es die Technologie, die die Geschichte vorantreibt, und alles, was sie behindert, sind Irrläufer.  Noch weiter zugespitzt: Ist Big Tech Vollstrecker von Geschichte?
Dieses Narrativ macht es Tech- Firmen leicht, so aufzutreten, als sei das was gut für sie selber ist, auch gut für die Welt. So leitet etwa Google aktuell mit den Sätzen KI – zum Wohle der Gesellschaft – Künstliche Intelligenz ist eine der prägenden Technologien unserer Zeit – eine Selbstdarstellung ein, wo es zum Thema Regulierung geht.
Technischer Fortschritt war unentbehrlich für die verbesserten Lebensumstände in den vergangenen 250 Jahren – wir leben gesünder und länger.  Ein breiter  Wohlstand  war aber nicht das Ergebnis automatischer, garantierter Gewinne des technologischen Fortschritts, er wurde erkämpft bzw ausgehandelt. 

Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worseso übertitelte das Autorenduo (Acemoglu & Johnson) einen Essay in der New York Times vom 9.06.23. Ganz wie Big Tech – oder noch mehr – ist die Technologie für AI in den Händen weniger Konzerne.   Zudem nutzen sie die Quellen unserer gesamten Zivilisation bei der Errichtung eines neuen Datenmonopols.

Das Buch wurde in den USA geschrieben und bezieht sich – was den aktuellen Part betrifft – auf die dortigen Entwicklungen – und es ist eine politische Stellungnahme gegen die Deregulierungsideologie seit den 80er Jahren. Digitale Technologien haben in den USA ihr Epizentrum, die international dominierenden GAFAM- Konzerne ihren Sitz – und der Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern ist grösser als anderswo – der Gedanke einer Shared Prosperity weniger entwickelt.
Im Schlusskapitel Redirecting Technology werden dann kritische Schritte genannt, die eine Demokratie unternehmen muss, damit der Nutzen der weiteren technologischen Entwicklung der gesamten Gesellschaft zu Gute kommt. Dazu zählen etwa Privacy Protection and Data Ownership, Tax Reform, Investing in Workers.  Mit Breaking up Big Tech liegen die Autoren auf einer Linie mit dem Rant gegen Digitale Monopole Big Tech muss weg von Martin Andree, der die deutschen und europäischen Verhältnisse beleuchtet.  Zentral ist die Beschränkung der Macht von Big Tech.
Im Hintergrund stellt sich die Frage: Haben uns die GAFAM den digitalen Fortschritt gebracht – oder haben sie sich ihn angeeignet? Big Tech/ Big AI kontrolliert die Felder, die Zukunftsthemen genannt werden – aber auch die Dimension von World Building haben.
Eine wesentliche Erkenntnis ist unauffällig, aber entscheidend: Wer die Macht hat, bestimmt die Erzählung. Das ist der Grund, warum Banken als too big to fail  gelten oder warum es „verrückt“ ist, die Macht der Technologie in Frage zu stellen

Von Harald Welzer stammt der Spruch  ohne positives Narrativ und die Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft gäbe es keinen gesellschaftlichen Konsens, der diese herbeiführen könnte* – ist diese Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft weiterhin an technischen Fortschritt gebunden?  – oder ist dieser als positives Narrativ verbraucht? Und es gibt das Konzept der Technogenese – das die evolutionäre Verbindung von technischem und gesellschaftlichem Wandel benennt.  Fortlaufendes Ergebnis ist die Herausbildung der materiellen und gesellschaftlichen Zivilisation.

Zum Start der Next Economy Open 23 am 7.12. – einer von Gunnar Sohn, Wirtschaftsblogger und Live- Streaming Pionier, veranstalteten Online- Konferenz zu Wirtschaft und digitaler Transformation – diskutiere ich mit Gunnar und Lutz Becker vor der Folie von Power and Progress über die Themen des Jahres 2023 – KI/AI und der dazugehörige Hype waren ganz sicher eine der bestimmendsten.  Das vorliegende Werk enthält auf 422 Seiten (+ bibliographischer Anhang) etliche weitere diskussionswürdige Passagen – soweit aber als Hintergrund zur morgigen Diskussion.

Daron Acemoglu & Simon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity.  546 S. London, 223 – Deutsch: Macht und Fortschritt: Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand. Campus Verlag 2023 – 34 €-   Big Tech Is Bad. Big A.I. Will Be Worse. In: New York Times (9.06.23). Rezension in The Guardian (7.05.23): Power and Progress review – why the tech-equals-progress narrative must be challenged – FAZ a S (28.06.23) : Wie zähmt man die Tech-Giganten?  * vgl . Beitrag Buzzword Zukunft (12/20)



Digitale Monopole – Big Tech muss weg – Rezension

Plakativer gehen  Titel  und  Cover  kaum:  BIG TECH muss weg klingt wie eine Schlagzeile des Boulevard: knallig und eindimensional – und ist von Autor und Verlag genauso harsch gemeint.  Es geht um die Korrektur der feindlichen Übernahme des freien Internet, um einen  Aufruf das Netz zu befreien und Digitalkonzerne in die Schranken zu weisen. Das Ganze so engagiert geschrieben, dass man es zumindest mit einer gewissen Zuversicht aus der Hand legt.

Die Dominanz der grossen Digitalkonzerne war im vergangenen Jahrzehnt immer wieder Thema- und einige Bücher können als Standardwerke dazu gelten. Shoshana Zuboff beschrieb  in Zeitalter des Überwachungskapitalismus eine neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre kommerziellen Operationen nutzt.  Eine wohl noch grössere   Leserzahl erreichte Jaron Lanier mit Wem gehört die Zukunft (2014) und dem nachgelegten Rant (Wutrede) 10 Gründe (2018).
Keine Kampfschrift, sondern eine Analyse der Landnahme der Digitalkonzerne ist Michael Seemanns Macht der Plattformen (2021). Er konstatiert: Plattformen sind mehr als Unternehmen, sie sind Herrschaftszentren unserer Zeit.  Autor Andree legt nach: die wahrscheinlich grössten (aktuell) existierenden Akkumulationen von Macht und Reichtum in der westlichen Welt (240).

Zum Thema ist viel gesagt worden – die genannten Titel sind nicht die einzigen – aber wenig folgenreich. Geschäftsprozesse und Machtverhältnisse sind erklärt,  Zusammenhänge bekannt – auch bei der Breite der Nutzer. Der mit zahllosen Zukunftsvisionen belegte virtuelle Raum, wird von wenigen Konzernen dominiert. Von Zeit zu Zeit gibt es Wellen der Empörung, zuletzt nach der  Übernahme von Twitter durch Elon Musk. Eingetreten ist aber -mehr oder weniger – eine gesellschaftliche Gewöhnung daran.
Ein entscheidender Faktor steckt in dem von Shoshana Zuboff verwendeten Begriff Verhaltensüberschuss: Digitale Verhaltensdaten enthalten mehr Informationen, als für Betrieb und Verbesserung von Diensten und Plattformen erforderlich. Sie wurden zur Grundlage, zum Rohstoff der algoritmisch gesteuerten  digitalen Werbewirtschaft, wie wir sie heute kennen. Verwiesen sei auch auf den Überschusssinn bei Dirk Baecker:  Medien der Kommunikation stellen mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereit, als aktuell jeweils  wahrgenommen werden könnenin den elektronischen Medien ist es ein Kontrollüberschuss (vgl. D. Baecker, 2016* u. 2018).

Autor Martin Andree ist Medienwissenschaftler, Mitherausgeber des Atlas der digitalen Welt (2020). Die Erfahrungen bei der Kartierung des Internet und der digitalen Marktkonzentrationen, waren Auslöser zum Buch. Das Problem sind nicht einzelne Praktiken und Wirkungen wie Überwachung und Monetarisierung des Verhaltensüberschusses, Fake- News, Hate Speech, Zwang zur Selbstdarstellung –  das Kernproblem ist die drohende Übernahme unseres Mediensystems (10). Und es sind harte Vorhaltungen: Digitalkonzerne zerstören die politische und die wirtschaftliche Freiheit zugleich (11).
Seit 20/21 sind digitale Medien die Leitmedien – nimmt man den Werbemarkt  als Indikator, übertreffen sie seitdem alle analogen Medienformate zusammen genommen. Der Point of no Return sei voraussichtlich 2029 erreicht – werbeabhängige, redaktionelle Medien werden immer mehr abgedrängt, irgendwann trocken gelegt.  Weiterhin dominieren die wenigen Plattformen den Online-Traffic (30ff) – der long tail wird schnell dünn (vgl. Graphik u.). Nicht nur Blogs,  auch Websites grosser Markenkonzerne spielen nur eine marginale Rolle. Plattformen haben den Grossteil des User Generated Content an sich gebunden. Big Tech beherrscht gleich mehrere Ebenen des sog. Sales Funnel (115ff) – von der Erzeugung von Aufmerksamkeit bis zum Kaufentscheid.
Neue Technologiesprünge versprechen keine Änderung – BigTech hat die Mittel jeden denkbaren aufzukaufen. Generative KI – das Thema des Jahres 2023 – ist so ein weiterer Beschleuniger. Sie ist nur so gut, wie sie trainiert wurde. Wesentlicher Rohstoff ist der nutzergenerierte Content auf den Plattformen (100).

Plattformen nennen sich selbst nicht Medienunternehmen – sie beteuern immer wieder “nur” Intermediäre zu sein – was letztlich eine neue Umschreibung für Medien ist (144) – aber Schutz vor Zugriffen des Medienrechts in Form der Verbreiterhaftung gewährt.  Sie pflegen einen Narrativ das, das was gut ist, gut für sie selber und gut für die Welt ist. Man spricht gern von  Diversity und Nachhaltigkeit, von Empowerment und bringing people together. Tatsächlich sind es Mega- Medien, die die Kapazitäten der analogen Massenmedien sprengen – und sie sind es, die mit ihren Geschäftsbedingungen ihre Nutzer regieren. Amazon Marketplaces bindet so als Intermediär zwischen Händlern und Käufern unabhängige Shops an sich,  Instagram sammelt zahllose Content Creator ein, youtube ist die einzige nennenswerte Video- Plattform. Auch wenn manche Nutzer mit dem Status Quo zufrieden sind – für eine demokratische Öffentlichkeit und einen freien Markt sind Monopole, die die digitale Infrastruktur beherrschen, schädlich.

Grundsätzlich hält das Medienrecht Handlungsweisen gegen Monopole bereit. Gegenüber den Plattformen besteht  eine rechtliche Lücke (Ausschluss von der Verbreiterhaftung). Fühlen sich Konzerne unbehelligt, gewöhnen sie sich hoheitliche Kompetenzen an.  Für Andree ist es eine Frage des politischen Willens, aber auch der Agilität von Regulierern.  
BigTech pflegt wie die gesamte Digitalbranche einen eher lässigen Habitus.  Ob nun Big Tech tatsächlich im Erbe einer Hippie- und Nerdkultur steht, ist eine kultur- und popularhistorische Frage – bestimmender ist wohl das Investitionskapital, das in BigTech geflossen ist.  Man bedient sich aber gern bei nonkonformistischen Narrativen oder gibt sich informell. Milliardäre im T- Shirt, aber mit Yacht und abgezäunten Ländereien. Es geht um die Freiheit des maximalen Geldverdienens gegen jede denkbare Einschränkung zu verteidigen (222). Und manchmal bricht es durch: Machtfülle bietet Raum für Grössenwahn, für einen Anarcho- Kapitalismus mit dem Recht des Stärkeren. 

Dominanz der Monopole – no long tail (250)
Die Vision des freien Internet (250)

Im Buch geht es nicht nur um eine Abrechnung mit BigTech – dem gegenüber steht eine Vision des freien Internet, wie sie seit den frühen Jahren des Internet viele Menschen beflügelte.    Zielvorstellung ist ein Netz, in dem sich die Angebote nicht mehr auf wenige Monopole konzentrieren – Anbietervielfalt. Am Ende des Buches  stehen 15 einfache Schritte, wie das Netz von den Tech- Riesen befreit werden kann (256 – 261) – genannt sei die Allgemeine Durchsetzung offener Standards und Interoperabilität – gegenüber geschlossenen Standards, die Nutzer an bestimmte Anbieter binden. Letztlich ist es eine Frage des politischen Willens digitale Souveränität zurück zu gewinnen. Ansonsten werden wir von BigTech reguliert (271ff).

Das Buch ist äusserst detailreich, berührt zahlreiche weitere Punkte, die hier nicht alle angesprochen werden können. Eine breite Resonanz hat es bislang gefunden – bleibt zu wünschen auch in der politischen Willensbildung.
Für alle, die lange Texte schrecken: Das Buch ist nicht einfach bebildert – sondern geradezu graphisch durcherzählt, so ist die Kommunikations-designerin Verena Bönniger mehr als Illustratorin, sondern Co- Autorin.

Ein Blick in den langfristigen,  historischen Kontext schliesst sich an: In Power and Progress von D. Acemoglu und S. Johnson geht es um das Spannungsverhältnis zwischen Technologie, Ökonomie und Gesellschaft im Laufe des letzten Jahrtausends. Technologie hat keine vorherbestimmte Richtung und wenig davon ist unvermeidlich.
Was ist Fortschritt? Technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt bedeuten nicht dasselbe. Die enormen Fortschritte der digitalen Technologien im letzten Halb- Jahrhundert können wirksame Werkzeuge von Empowerment und Demokratisierung sein – aber nicht, wenn die wesentlichen Entscheidungen in den Händen einiger weniger exponierter Führer von Tech-Konzernen liegen.
Auch hier steht am Abschluss eine Liste kritischer Schritte,  was Demokratien unternehmen müssen, um sicherzustellen, dass die Erträge der nächsten Technologiewelle allgemeiner unter ihrer Bevölkerung geteilt werden.  demnächst mehr dazu

Die Digitalisierung hat Machtgefüge verschoben. Es braucht Gegenkräfte, um den Nutzen der technologischen Fortschritte und Erfolge zu verteilen. Ein Fazit  lässt sich erkennen: It’s all about the Balance of Power– Es ist immer wieder eine Frage der Machtbalance.

Martin Andree: BIG TECH muss weg. Die Digitalkonzerne zerstören Demokratie und Wirtschaft. Wir werden sie stoppen. Campus Verlag. 2023. Harald Stamm: Holt Euch das Netz zurück! (Rez.) FAZ am Sonntag, 13,08.23 – S. 39  Daron Acemoglu & Símon Johnson: Power and Progress. Our Thousand- Year Struggle over Technology and Prosperity (2023) . John Naughton: Power and Progress review – why the tech-equals-progress narrative must be challenged The Guardian 7.05.23. Shoshana Zuboff (Übs: Bernhard Schmid): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Campus Verlag, Frankfurt/New York 10/2018. – Rezension in diesem Blog. Michael Seemann: Die Macht der Plattormen, Links Verlag, 2021. Rezension in diesem Blog — Vgl auch: * Dirk Baecker, 9/2016. Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn. In: Digitale Erleuchtung (booklet) Frankfurt: Zukunftsinstitut (9/2016). Website zum Buch: https://bigtechmussweg.de/ 

 



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