Singulärer- vs Massenkonsum/ Experience Economy

Aldi in der Markthalle Neun

In der Markthalle Neun in Berlin – Kreuzberg gibt es das passende Bild: Mittendrin im foodporn der Markthalle steht eine ALDI Filiale, eingekapselt im Container.  Markthalle Neun ist ein geradezu iconisches Projekt der neuen Esskultur – mit allem was dazugehört: CraftBeer, Vin Naturel, die Metzgerei Kumpel & Keule, Patisserie fine, Pizza & Focaccia, Ethno-Food aus Peru, Marokko, eine Maultaschenmanufaktur – kaum irgendwo passt der Spruch vom Essen als dem Neuen Pop besser als hier. Sicherlich deutlich teurer als beim Discounter, ein 1 1/2  Pfund Brotlaib zu 5 € ist kaum noch Grundnahrungsmittel. Verglichen mit echten Luxusmeilen bleiben die Preise aber moderat.
Wahrscheinlich überschneiden sich beide Kundenkreise viel mehr, als es zunächst erscheint – auch Hipster kaufen beim Discounter ein.
Sichtbar wird die Trennlinie zwischen zwei Konsummustern: Beim Discounter  preisoptimiert bis ins letzte Detail, von den Lieferketten bis zur Ablage im Regal. In die Markthalle geht man – insbesondere an den Streetfood– Abenden – wie in einen Club. Ein Konzept, das Handel und Gastronomie verbindet. Bei allen Lebensmitteln die grösstmögliche Auswahl – in der Saison zehn Sorten Kartoffeln oder Tomaten. Handwerklich produzierter Käse, Wein und Bier, Öl und Essig, Brot und Pasta in allen Varianten.

Singulärer Konsum?

Der Unterschied zwischen singulärem–  und Massenkonsum zeigt sich bei Lebensmitteln besonders deutlich. In der Fläche verschwinden die handwerklichen Bäckereien und Metzgereien, die noch vor ein, zwei Jahrzehnten zur Grundversorgung gehörten. Stattdessen breiten sich Backstationen und Grillfleisch aus Massentierhaltung in der Kühltheke  aus – industriell vorgefertigt bzw. im industriellen Maßstab erzeugt.  Handwerklich erzeugte Lebens- und Genussmittel bedeuten (meist) höhere Qualität. Wissen darüber ist oft Angelpunkt von Kommunikation, nicht zuletzt bildeten sich um Kaffee, Schokolade, Craftbeer frühe online- Communities.

Begrifflichkeiten zu Singularitäten stammen von Andreas Reckwitz, Gesellschaft der Singularitäten –  die Ausführungen im Buch sind anschlussfähig an Themen und Diskussionen, die zu Konsum und Marketing einer  Experience Economy  geführt werden.
Die spätmoderne Ökonomie ist mehr und mehr an singulären Dingen, Diensten und Ereignissen ausgerichtet, und die Güter, die sie produziert, sind zunehmend solche, die nicht mehr rein funktional, sondern auch oder allein kulturell konnotiert sind und affektive Anziehungskraft ausüben. (Reckwitz, 2017, S. 7)

Was für den Lebensmittelmarkt gilt, findet man ebenso in anderen Märkten. Massengüter werden über Baumärkte, Textilketten, Möbelhäuser etc. – online und offline  verkauft – alle diese Märkte sind hochkonzentriert mit nur wenigen Akteuren.  Traditionelle Fachgeschäfte in den Innenstädten und Kaufhäuser verschwinden hingegen immer mehr.
Singularisierter Konsum bedeutet kulturell valorisierten Konsum. Dahinter findet sich der Wunsch nach Authentizität, sicherlich ein Bedarf an Distinktion, im weiteren spielen Kriterien der Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle. Das bedeutet u.a. die Nachvollziehbarkeit von Produktions- und Lieferketten, z.B. in der Textilproduktion vom Anbau der Baumwolle über alle Verarbeitungsschritte von Garnen und Stoffen zu Labeling und Verkauf.
Kulturell valorisierter Konsum kann Formen von Vergemeinschaftung bedeuten, flüssige Vergemeinschaftungen = Tribes, die auf gemeinsamer Ästhetik bzw. Überschneidungen im Lebensstil beruhen. Als Fans begehrter bis bewunderter Güter (das gelang Apple lange Zeit),  oder in einer Form, in der Erzeuger, Handel und Konsumenten so sehr miteinander vernetzt sind, dass sie sich als Gemeinschaft bzw. Community verstehen.

Infrastrukturen des Besonderen

Massenproduktion standardisierter Produkte entspricht der Technologie der industriellen Moderne.  Je grösser die Produktion, desto niedriger die Stückkosten. Wachstum und Wohlstand beruhten lange Zeit darauf, die  gesamte Gesellschaft mit diesen Gütern auszustatten.
Die digitalen Technologien der Spätmoderne bringen ganz neue Möglichkeiten der Produktion und der  Bereitstellung von Dienstleistungen mit sich. Reckwitz schreibt von „Infrastrukturen des Besonderen“, gemeint sind die Möglichkeiten Einzigartigkeit sichtbar zu machen und sie automatisiert zu fabrizieren (2017; S. 73).
Datengetriebene Geschäftsmodelle beruhen auf diesen Möglichkeiten automatisierter Personalisierung. Und ganz sicher ist die Möglichkeit, Güter und Dienstleistungen personalisiert in Serien bereitzustellen, eine der entscheidenden Grundlagen digitaler Ökonomie. KI braucht dafür die Daten, möglichst viele.
Zumindest weitgehend, überschneidet sich dies mit dem Ansatz der Experience Economy bzw. Erlebnisökonomie, in der es im Wettbewerb um Aufmerksamkeit vorrangig darum geht, Erfahrungen zu inszenieren, reibungslose Erlebnisse zu vermitteln.  Kunden sollen in den entscheidenden Mikro-Momenten datengesteuert mit relevanten, personalisierten Inhalten angesprochen werden (vgl. WuV 13.05.20).
Experience Economy hat einen Beigeschmack – den eines tendenziell übergriffigen Marketing. So heisst es gleich zu Beginn des Standardwerks  if you get customers to spend more time with your business then they will spend more money on your offerings. Ein Satz wie Work is theatre and every business a stage – mag wohl oft genug zutreffen,  eine solche Haltung widerspricht sich aber mit Erwartungen an Authentizität.
Salopp gesagt eine Trigger- Ökonomie, in der Unternehmen sich als Vermittler von Erlebnissen einrichten. Das kann oft gelingen, etwa bei Sportartikelherstellern, im Tourismus. Allerdings wollen wohl die meisten Menschen ihre Erlebnisse und Erfahrungen selber machen – sie wollen zuverlässige, gute und authentische Produkte, aber nicht in einem Erlebnispark mit begehbaren Marketingkonzepten leben. Wer selber kocht, will gute Lebensmittel und Küchenwerkzeuge – aber wohl keine Vermittlung von Convenience Produkten.

Online und Offline ist keine Trennlinie zwischen den Konsummustern – es werden alle auf beiden Wegen vermarktet. Dass Erlebnisse entscheidend sind, keine Frage. Auch Wochenmärkte mit vielfältigen Angeboten sind urbane Attraktionen. Ursprungsmuster stammen von der sog. Creative Economy:   „Für die Güter der creative economy gilt, dass sich das klassische ökonomische Dreieck von Produzent, Produkt und Konsument nun in jene Trias von Autor, Werk und Rezipient/Publikum verwandelt hat, wie man sie aus dem Feld der Künste kennt” (Reckwitz., 117).

P.S.: Das Bild in der Markthalle entstand im Herbst 2019 – damals stand ein Pächterwechsel zu dm- Markt in der Diskussion  

vgl.: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017  + Rezension —- Experience Economy: Ohne Daten geht es nicht.  WuV 13,.05.20  — Pine, J. & Gilmore, J. The Experience Economy, Competing for Customer Time, Attention, and Money  Neuauflage 12/ 2019



Inside Facebook (Rez.)

Gegenüber dem nüchterneren Original Facebook – The Inside Story klingt der deutsche Titel Facebook- Weltmacht am Abgrund reisserisch, hält manche wohl eher vom Kauf ab. Das Buch erschien  im Februar 2020, kurz vor der Corona- Krise. Autor Stephen Levy ist Technik-Redakteur, Kolumnist und Senior Editor (Wired, Newsweek).
Das Buch (688 S.) beruht v.a. auf über 300 Interviews, die Levy mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern von Facebook geführt hat, darunter sieben mit CEO Mark Zuckerberg – aber auch mit Wettbewerbern, Gesetzgebern, Kritikern etc. Der weitreichende Zugang zu Interna wurde ihm in der amerikanischen Rezeption vorgehalten:  In short, don’t believe everything you read—especially when written by journalists who boast about years of access to billionaires and their accomplices. Access journalism isn’t journalism, it’s corporate propaganda, and this is sadly no different (so FB- Kritiker Aaron Greenspan).  Genauso das Gegenteil: Levy cannot write for more than a few pages without hurling insults at Facebook, Zuck, or any of its many employees. Seriously – open up and read any few pages at random to see for yourself. There’s nothing objective about this writing; a smear campaign, at best (anon./amazon)

Tatsächlich liest sich das Buch als kritisch- analytische Geschichte des – oft aggressiven- Wachstums vom StartUp im Universitäts- Umfeld zum global agierenden so-gut-wie Monopolisten. Dass ein solcher Aufstieg nicht ohne Konflikte, Skandale und ein beträchtliches Macht- und Sendungsbewusstsein gelingt, versteht sich.
Von Beginn an war für die Entwickler klar, dass FB eine Anwendung ist, die für jeden Menschen auf der Welt infrage käme. Allerdings galt dies grundsätzlich für die Möglichkeiten des Web 2.0 – FB ist es gelungen, sie zu bündeln, Konkurrenten auszuspielen und kommerziell zu verwerten. FB wurde zum globalen Gebilde, zum Netz im Netz. Nutzer brauchten kaum mehr technische Kenntnisse, um daran teilzunehmen.

Grossen Raum nehmen die Jahre des Aufstiegs und des unbedingten Willens zum Wachstum bis ca. 2012/13 ein. Move fast and break things ist das Motto dieser Jahre,  die Arbeitshaltung wird als The Hacker- Way beschrieben.  Hacker im Sinne davon, Dinge möglichst schnell auf den Markt zu bringen, um sie später zu verbessern. Liessen sich Konkurrenten nicht kaufen, kopierte man die Funktionen.
Offene Registrierung und der persönliche Newsfeed – mit einem möglichst stetigen Stream von Ereignissen – waren von Beginn an charakteristische Kennzeichen. Einige Merkmale kamen hinzu: der Like- Button, der schnell zum weltbekannten Logo wurde, die Vorschlagsliste people you may know (PYMK) – und damit verbunden die Sammlung von Informationen zu Nicht- Nutzern, sog. Schattenprofile. Hinweise darauf, dass FB mehr Informationen sammelt, als wissentlich mitgeteilt werden.
Wer nicht zahlt, wird selber zum Produkt – ein oft wiederholter Satz. Wahrscheinlich lässt sich das Geschäftsmodell FB am besten als Dreiecksgeschäft beschreiben: je mehr FB von seinen Nutzern weiss, desto besser lässt sich personalisierte Werbung verkaufen. Ohne Mehrwert für Nutzer funktioniert das Geschäft aber nicht. Der Mehrwert ist v..a. Convenience – die einfache Nutzung der Möglichkeiten des Social Web: eine Gruppe anzulegen und Diskussionen anzustossen, Veranstaltungen zu bewerben, live streamen, der Zugang zu (Teil-) Öffentlichkeiten ohne weiteren Aufwand u.v.m – Social Web unter einem Dach.  Werbetreibende Unternehmen kaufen genau diese Zugänge zu klar umrissenen Zielgruppen ein. Darüber wurde  FB- Marketing zu einer neuen (Teil-) Branche des Marketing.

In den frühen Jahren des Social Web standen die demokratischen Effekte der Vernetzung im Vordergrund der Wahrnehmung. So wurde FB als ein Motor des arabischen Frühlings gefeiert. Das Bild änderte sich. Die Marketingmaschine FB kann genauso gut politische Propaganda zielgenau auf ein empfängliches Publikum richten – bei der Trump- Wahl 2016 konnte  dessen Team die Möglichkeiten perfekt nutzen. Die Teilöffentlichkeiten  des Netzwerks sind nicht nur Orte des Austauschs mit Respekt: Hasskommentare, Desinformation/Fake News, simple vulgäre Pöbelei treten immer wieder hervor. Die Datenskandale, v.a. Cambridge Analytica – werden im Buch ausführlich behandelt.
Zu FB gehören der als App ausgelagerte Messenger und die Zukäufe instagram und What’s App, die sich in den letzten Jahren beide besser als die Mutterfirma entwickelt haben. Alle sind sie Teil der Alltags – bzw. Popularkultur geworden.  Instagram  blieb bis jetzt relativ eigenständig, soll in Zukunft stärker integrierte werden. What’s App läuft meist unter dem Radar  und spielt eine enorme Rolle in der Alltagskommunikation und als Treiber von digitalem Tribalismus. In der Kritik steht v.a. das Auslesen der Kontaktlisten von Nutzern.

Facebook ist das jüngste der GAFAM*-Imperien und Mark Zuckerberg der jüngste im Kreise ihrer Herrscher, der einzige aus der Generation, die selber mit dem Computer aufgewachsen ist. FB ging als The winner takes it all des Web 2.0 hervor, 3 Milliarden Menschen nutzen täglich die Dienste des Konzerns zum Kommunikationsaustausch. Macht und Einfluss von FB beruhen auf der Adressierbarkeit von Personen und Zielgruppen im Rahmen der Struktur, die FB bietet.
Thema des Schlusskapitels ist die im März  2019 verkündete Strategie The Next Facebook als Paradigmenwechsel  zu A Privacy Focused Vision for Social Networking. Levy sieht sie zumindest kritisch. Dahinter steht sicher die Frage, wie Unternehmen, die sich in  einer Medienrevolution rasend schnell entwickelten, ihre Bedeutung in einer Welt halten,. die ja nicht  aufhört, sich zu verändern.

Das Buch liest sich flüssig, ist detailreich recherchiert und soweit anekdotisch, dass Personen und Atmosphäre vorstellbar werden. Als ein erzählendes Sachbuch steht es irgendwo zwischen Unternehmensbiographie, Langzeitreportage aus Silicon Valley und einer Kulturgeschichte der Gegenwart zum Medienwandel. Personell tritt neben Zuckerberg v.a. Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg hervor.
Die umfangreichen Quellenangaben,  Sach- und Personenregister  machen es einfach im analog gedruckten Text zu navigieren.

Stephen Levy:  Facebook. Weltmacht am Abgrund    Droemer Knaur, München 2020.  687 S.  26,- € – Orig.: Facebook: The Inside Story,   GAFAM = Google/Alphabet, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft

 



Postdigital – wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen … (Rezension)

Wie können intelligente Menschen intelligente Maschinen auf intelligente Weise nutzen? – so das Motto auf der Rückseite.  postdigital  (mit dem langen Untertitel “wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen ohne uns von ihr bevormunden zu lassen”) – ist das dritte Buch von brandeins – Autor Thomas Ramge zum Themenfeld KI in den letzten drei Jahren.  Im Oktober 2017 war Das Digital erschienen, kurz darauf der Reclam- Band Mensch und Maschine.
Postdigital geht zurück auf ästhetische Diskurse zu elektronischer Musik und Medienkunst, wurde bereits 1998 von  Nicholas Negroponte in der Kolumne The Digital Revolution is Over (Wired) im heutigen Sinne verwendet – und bedeutet, dass digitale Technik in ihrer Selbstverständlichkeit nur noch durch ihre Abwesenheit auffällt (155). Ramge verbindet damit eine optimistische Zielvorstellung – in dem Sinne ist Digital das neue Banal – und es kommt darauf an, sie möglichst sinnvoll, nützlich und unauffällig in die Lebenswirklichkeit einzubauen. Digitale Techniken sollen das Leben besser bzw. einfacher machen.

Bis zu dieser Zielvorstellung geht es darum,  wie KI – oder sagt man doch besser “aus Daten lernende Systeme”? – technisch funktioniert und sozial wirkt. Das Wesen von KI ist die Automatisierung von Entscheidungen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen (29-32) umgesetzt wird, immer wieder geht es um das Erkennen von Mustern in grossen Mengen an Daten:  automatisiertes Fahren, Dating- Apps gleichen Profile nach möglichen Matchings ab, in Medizin/Public Health z.B. in der Computertomografie, im Finanzsektor, in der Online- Suche führt sie uns personalisierte Werbung zu – aber auch automatisierte Waffen (so etwa bewaffnete Drohnen) basieren darauf.
KI – darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Techniken – wird ebenso zum Machtausbau – kommerziell wie politisch – genutzt:
Zur Monopolisierung von  Daten, um Renditen zu sichern, zur Manipulation von Individuen, bishin zum strategischen politischen Einsatz zur Absicherung autokratischer Regimes. 

Zweimal werden Szenarien als Erzählungen entworfen. Zum einen ein dystopisches Gedankenspiel (80-83) mit Überwachungs- und Scoringprogrammen incl. der  Incentivierung von Wohlverhalten, wie sie irgendwo auf der Welt heute im Einsatz sind – nicht nur in China.
Im optimistischen Szenario geht es um den Alltag mit einem fiktiven persönlichen KI- Assistenten (129 ff). MyAI, so heisst der fiktionale Assistent im kostenpflichtigen Monats- Abo, stellt Nutzer- vor Anbieterinteressen, integriert die vielen kleinen Alltagsentscheidungen in die grundsätzlichen Lebensentscheidungnden – eine Perspektive unterstützter Selbstoptimierung bzw. KI Nudging, incl. medizinischer Notfall- Kontrolle. 
Ausserdem gibt es den Entwurf einer 2030- Perspektive, beruhend auf den Ergebnissen eines Delphi- Panels mit 28 Thesen zu KI zum Jahre 2030 (102-128). Leser können das Expertenpanel nachspielen, die Thesen sind im Anhang abgedruckt. Nebenbei: eine Software die dabei konstellatorisches Denken fördert, gibt es noch nicht.
Die Ambivalenz von KI und der Bedarf an Regelsetzung (so in Sachen Fairness und Nichtdiskriminierung)  wird thematisiert, dabei fällt u.a. das Wort eines KI – TÜV bzw. einer spezifischen Stiftung, die absichern sollten, dass Nutzer- vor Anbieterinteressen gehen.
Eine bisher wenig beachtete Perspektive tritt hervor: Der Gegensatz von lovely und lousy – zwischen den agilen und kooperativen Jobs mit der Chance der Befreiung von starren Hierarchien, oft remote, in der die Früchte von KI Anwendungen genossen werden, und den ausführenden Servicedienstleistern, die sie als Kontrolle spüren.

Manches kehrt wieder, was in den beiden letzten Büchern bereits vorkam  – so zum Polanyi- Paradox oder der Kitty Hawk Moment im minimalistischen Reclam- Bändchen Mensch und Maschine. Jetzt aber in grosser Schrift und fettem Druck. Die neueste Auflage wurde um ein Update zur Corona- Krise ergänzt. Mit der Krise tauchen neue sinnvolle Einsatzmöglichkeiten auf. Wie nutzen wir den Datenreichtum zu ihrer Bewältigung?

Das  Buch ist flüssig und durchaus kurzweilig geschrieben, oft anekdotisch angereichert, es knüpft an aktuelle Diskurse an und nutzt einige male das Stilmittel der fiktionalen Erzählung. Es liest sich wie ein guter  Artikel in einem Magazin,  longread.  Am besten auf einer längeren Zugfahrt ….  dank des Schriftbildes bequem lesbar für alle Altersgruppen.
Gespannt bin ich auf das nächste Buch, das im Herbst erscheinen soll “Machtmaschinen – Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen“. 

Thomas Ramge: postdigital. wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen ohne uns von ihr bevormunden zu lassen. Murmann Verlag, Hamburg 2020, 163 S. + Anm. u. Quellen.; 20 €, ISBN: 978-3-86774-646-5



Post- Corona – Szenarien für die Zeit danach

Corona, ein Auslöser gesellschaftlichen Wandels?  – oder sogar eine Zeitenwende? Parallel zur Bewältigung der Covid19-Pandemie, sind die Debatten zur Welt nach Corona im auslaufenden Lockdown eröffnet. Die möglichen Zukünfte werden oft anhand von Szenarien diskutiert – dabei treten bestimmte  Modelle immer wieder hervor.
Kurzfristig geht es um das gesellschaftliche Leben mit Corona, ein vorläufiges Neues Normal  –  ohne Gewissheit darüber, für wie lang. Bis dahin bleibt der Alltag trotz Lockerungen davon bestimmt, Tröpfcheninfektionen zu vermeiden. Man arrangiert sich in den Alltagsroutinen. Normal wird sich das Leben aber erst wieder dann anfühlen, wenn grundlegende soziale Bedürfnisse nicht mehr eingeschränkt sind.
Die von Mobilität geprägten Lebensstile und die global vernetzten, auf just in time optimierten Lieferketten prallen auf die Einschränkungen, sind vorläufig ausgesetzt. Branchen und Kulturpraktiken sind ganz unterschiedlich getroffen. Flugverkehr, Tourismus, Gastronomie, Kulturveranstaltungen waren bzw. sind fast komplett eingebrochen. Vieles davon ist gesellschaftlich unverzichtbar, andere Formen und ihre Ausmasse (vgl. Overtourismus) seit längerem in der Kritik.

Vieles, was man wissen sollte für 6,-€; Mai 2020

Die globalisierte Welt hat einen symmetrischen Schock erlitten. Einen mehr oder weniger ausgeprägten Lockdown gab bzw. gibt es in fast allen Ländern. Zugeschlagen hat die Pandemie an einzelnen Orten, Hotspots  –  zunächst verbreitet über die Wege der Globalisierung, des Tourismus, dann durchgesickert zu den Gefährdeten und Minderprivilegierten, in Heime, Notunterkünfte, Schlachthöfe, zu Obdachlosen und Flüchtlingen. Deutschland ist bislang glimpflich davon gekommen, in den Fallzahlen, wie in einem vergleichsweise milden Lockdown. Die Pandemie selber bleibt so zumeist medial vermittelt, spürbar ist sie in den “Massnahmen“, die den Zugriff ausgebremst haben. Der Preis ist hoch, wurde aber akzeptiert. Covid-19 wurde als einschneidendes Ereignis wahrgenommen, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und das Krisenmanagement der Politik wurden eher positiv bewertet, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen  Folgen kritischer gesehen, bzw. stehen noch offen. Persönliche Belastungen fallen nicht nur finanziell ganz unterschiedlich aus: mit Haus, Garten, Lieferdiensten, kann Quarantäne als Cocooning ausfallen, ganz anders in prekären, beengten Verhältnissen.

Digital gewinnt – das gilt für Lieferdienste vs. stationärem Handel, Videokonferenz statt Meeting, Mediennutzung per Online- Abo, Live- Streaming  etc.. Homeoffice bzw. Remote Work wird als praktikable Möglichkeit erlebt – als weiterer Effekt ergibt sich damit eine Verringerung des Pendlerverkehrs. Digitale Medien haben Öffentlichkeit aufrecht erhalten – ein nachhaltiger Schub im Prozess der Digitalisierung.
Nicht alles kann digital substituiert werden. Kultur und Geselligkeit brauchen menschliche Nähe, Gastronomie mit Abstandsregeln ist nur begrenzt attraktiv. Ein ausufernder Tourismus wurde, zumindest zeitweise, ins Aus katapultiert. Waren Fernreisen mehrfach im Jahr, ein Wochenende in der Metropole der Wahl, der Jahreswechsel in Asien, Kreuzfahrten etc. verbreitete Optionen, sind momentan allenfalls bescheidene Wünsche nach Sommerfrische zu verwirklichen. Für manche Menschen ist Chorgesang, Fussball im Stadion, oder der Abend im Theater unverzichtbar, für andere sind Oktoberfest, Karneval oder das Nachtleben in Clubs, Fixpunkte im Leben, die vorerst ausfallen.

Routinen lassen sich niemals leichter aufbrechen, als dann, wenn in Krisen bestehende, als normal empfundene Abläufe und Optionen ausgesetzt werden. In den Diskussionen tritt immer wieder die Erwartung einer gesellschaftlichen Neuausrichtung nach der Krise hervor – zu mehr Nachhaltigkeit, New Work, einem Wandel der Mobilität, sozialem Ausgleich, gesellschaftlicher Transformation von Arbeit, Produktion und Konsum. Nach einer von aussen hereingebrochenen Ausnahmesituation wird ein neues Normal ausgehandelt, in dem in der Gesellschaft herangewachsene Werte erweiterte Chancen der Verwirklichung sehen.
Armin Nassehi (Muster, Theorie der digitalen Gesellschaft, 2019), Mitglied der Leopoldina und derzeit wohl medienpräsentester Soziologe, äusserte sich in verschiedenen Phasen der Krise. Er erwartet keine grundlegende Änderung der Gesellschaft und verweist auf die Macht der Muster und Routinen (NZZ 22.04): «Ich wundere mich, mit welcher Sicherheit manche einen Epochenwechsel ausrufen», und weiter: «Gesellschaften sind träge, sie ändern sich in und nach Katastrophen nicht grundlegend. Die Routinen werden sehr schnell wiederkommen, wenn diese Krise vorbei oder zumindest leichter beherrschbar ist» Kann man das so stehen lassen? Merken sollte man sich seinen Gedanken, man könne nicht mit der Gesellschaft verhandeln, da sie so sehr von Eigendynamik bestimmt sei, immerhin könne man in ihr (der Gesellschaft) verhandeln.

Von der Initiative D2030 waren 2017 Szenarien zur Entwicklung Deutschlands bis 2030 vorgestellt worden. Bereits zum 13. April  hat man die damaligen Ergebnisse mit einer (Experten-) Befragung (Klick auf die Graphik rechts) abgeklopft: Gelten die acht (incl. der Sub-Szenarien) vor drei Jahren vorgestellten Szenarien mit den bildhaften Bezeichnungen in dieser Form auch nach Corona? Alle Zukunftsprojektionen zu den 33 Schlüsselfaktoren (vgl. Graohik) wurden mit vier möglichen Ausgangsszenarien der Corona- Krise (vgl. Übersicht – nicht zu verwechseln mit den Szenarien zu 2030) abgeglichen und neu bewertet. Von den Ausgangsszenarien  wurde mit 61% ein von einer langen COVID-19-Krise ausgelöster, signifikanter Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft als wahrscheinlichster gehalten.
Trotz der verbreiteten Erwartung eines allgemeinen Wohlstandsrückgangs, fällt so die Aktualisierung überraschend positiv aus. Bisher schien Spurtreue Beschleunigung (mit drei Subkategorien), als die realistischste Perspektive. Jetzt erwarten 73%, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft nach einer womöglich längeren COVID-19-Krise in Richtung der „Neue-Horizonte“- Szenarien entwickeln werden – was vor allem ein Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit und Gemeinschaftsorientierung bedeuten würde.
«Unter den Projektionen, deren Erwartungswert in den letzten drei Jahren deutlich zurückgegangen ist, befinden sich auffallend viele traditionelle Entwicklungen oder solche, die lange als Mainstream galten: Traditionelle Lebensführung und Statusdenken, Liberalisierung und Privatisierung (auch und gerade des Wissenschaftssystems), Ausrichtung am Effizienzdenken, Daten-Legasthenie. Auch Abschottung und Abkehr von Europa haben in den letzten drei Jahren an Erwartungskraft verloren.»
(s. Auswertung der Befragung)
Als neue gesellschaftliche Konfliktlinie deutet sich Neue Horizonte vs Alte Grenzen an.

In einem Whitepaper zum Corona- Effekt  stellt das  Zukunftsinstitut vier Zukunftsszenarien zum Ausgang der Corona- Krise vor. Zumindest die ersten beiden Modelle kann man als ein Scheitern von Gesellschaft verstehen: Die totale Isolation: Alle Gegen alle und der System- Crash als permanenter Krisenmodus. (3) Neo-Tribes: Der Rückzug ins Private enthält  zukunftsfähige  Perspektiven, allerdings nur innerhalb gesellschaftlicher Formationen (so New Work,  Wandel von Mobilität etc.).  Das 4. Szenario Adaption: Die resiliente Gesellschaft ist demgegenüber eine gesamtgesellschaftliche Zielvorstellung: Die Weltgesellschaft lernt aus der Krise und entwickelt resiliente, adaptive Systeme. Gesellschaftliche Tiefenströmungen in Richtung Postwachstum, Wir-Kultur, Glokalisierung und  Post-Individualisierung, die bereits vor der Krise existierten, werden durch die kollektive Corona-Erfahrung von der Nische in den Mainstream katapultiert.
Das vierte Szenario entspricht entspricht in etwa dem, was (oben) bei D2030 unter Neue Horizonte zusammengefasst wird – wenn auch etwas dramatischer   ausgedrückt. (zum download des Whitepaper)

Landkarte der Zukunft nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster (3)

Gleich acht Szenarien  werden in einem Arbeitspapier der ScMI AG (Scenario Management International AG, Paderborn)., beschrieben. Die Initiative D2030 war daran beteiligt.
Die Post-Corona-Szenarien – Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nach der Corona- Krise beruhen auf einem  Online-Szenarioprozess, der nach Kriterien der   Methodik des SzenarioManagement ausgeführt wurde, thematische Breite und inhaltliche Offenheit gewährleistend. Auf der “Landkarte der Zukunft” (li.) sind die Szenarien in einem Koordinatenquadrat dargestellt, das zum einen durch eine Diagonale in jeweils eine Hälfte geringerer bzw. verstärkter  Innovation und Digitalisierung geteilt ist, zum anderen bilden zwei Szenarien im inneren Feld (1 u. 4) eine alte bzw. neue Normalität ab.
Die Szenarien 1, 2, 7 und 8 bilden die eher traditionelle Welten mit geringerer Innovation und digitalem Stillstand ab, von denen höchstens “Die goldenen Zwanziger“, die in etwa der Spurtreuen Beschleunigung entsprechen, eine für manche attraktive Perspektive  bieten:  die Wiederherstellung der alten Mobilitäts- und Konsummuster.  Die Szenarien 7 und 8 kann man, wie ihre Bezeichnungen “die kontinuierliche Krise” und “Zerfall der Ordnung” bereits nahelegen, als gescheiterte/verunglückte Gesellschaften begreifen. Vielleicht steht “Zerfall der Ordnung” für das, was wir derzeit in den den USA und Brasilien sehen.
Die Szenarien 3 bis 6 auf der anderen Seite der Diagonale zeigen Umfelder mit starkem Strukturwandel und einer deutlichen Virtualisierung des Alltags. 3 – De-Globalisierung und Konsumverzicht bedeutet wohl einen Strukturwandel zu Nachhaltigkeit, ist als Verzicht aber wenig attraktiv für Mehrheiten.  In Szenario 6 – In Corporate Hands, wird die Entwicklung zunehmend von global orientierten und agierenden Unternehmen gestaltet, die in ihrer Innovationskraft Staaten und multilateralen Organisationen überlegen sind – und damit auch politische  Macht ausüben.  Zumindest als Einflussfaktor zu beachten.

Übersicht zu den Szenarien – erscheint nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster (5)

Betrachtet man die Gesamtheit der acht Szenarien, bleiben drei (incl. der Goldenen Zwanziger) mit einem realistischen Potential, von denen eines besonders hervortritt: Neue globale Dynamik entspricht den Neuen Horizonten und dem Szenario der Adaption und stellt zweifellos eine vielfach erwünschte Zukunft dar, die auch von fast allen  Beteiligten als solche genannt wird. Und tatsächlich ist es eine Art idealer Projektion, eine Ausarbeitung von Zukunfts-vorstellungen: “Herausforderungen wird mit globaler Verantwortung, vor allem aber auch Offenheit und Neugierde begegnet – Freude an Innovation dominiert und Bildung ist essentiell, ebenso wie hochwertige Informationsangebote (6)”.  Eine entscheidende Leitfrage zu diesem Szenario ist: Wie schaffen wir die Überwindung des lediglich auf die alte Normalität zielenden Krisenmodus und erreichen eine Entwicklung in Richtung breiterer Innovation und signifikantem Strukturwandel?
5 – Massive Virtualisierung ist eine Projektion gelungener globaler Digitalisierung: Es “setzen sich digitale Angebote durch und verändern das Wirtschafts- und Arbeitsleben sowie den Alltag. Damit entsteht ein zunehmend globales Bewusstsein; Technologien und Innovationen werden in multilateralen Kooperationen entwickelt (6). Die Frage bleibt: Wie stark wollen wir Arbeit und Leben virtualisieren, und zu welchem Preis?
(zum download des Arbeitspapiers)

Aktuell fallen Entscheidungen, die die Richtung für zukünftige Entwicklungen bestimmen. So wird etwa bei der Forderung nach  Kaufprämien für Neuwagen die Konfliktlinie zwischen zwei Zielrichtungen deutlich: Hier eine starke Lobby für die Restauration von Mobilitäts- und Konsummustern – dagegen die Befürworter eines Strukturwandels. Darin spiegeln sich die genannten Szenarien sehr deutlich. Die Grundstimmung für einen Strukturwandel in Richtung Nachhaltigkeit, Mobilitätswandel etc. ist weit verbreitet: so gaben in einer adhoc- Umfrage während eines Online- Vortrages von Thomas Piketty 75% der Zuhörer an, einen  Strukturwandel zu erwarten. Zu erwarten war es bei diesem Publikum, doch kann man vermuten, dass ein solcher Strukturwandel mittlerweile mehrheitsfähig ist.

Szenarien sind »Denk-Werkzeuge«, die mögliche Zukunftsverläufe aufzeigen  (ScMI). Grosse Bilder von dem, was wir erwarten können, und sie sollen in sich widerspruchsfrei sein. Die Wirklichkeit ist das oft nicht. Gesellschaft ist nicht planbar und sie folgt auch nicht allein Routinen. Es gibt höchst unterschiedliche Kräfte, die auf sie einwirken und Zukunft ist in ihr aushandelbar.  Die neuen 20er  Jahre werden anders aussehen als noch zum Jahreswechsel erwartet.   

D2030Corona-Stresstest der D2030 SzenarienScMI AG – Post-Corona-Szenarien: Gesellschaft , Wirtschaft und Politik nach der Corona-Krise (Abb. oben:  Landkarte der Zukunft, S. 3, Übersicht zu den Szenarien, S. 5, mit freundl. Erlaubnis).  Das Elend des Kapitalismus: Vierfache Krise mit Luhmann, Piketty und Frank H. Witt #SohntrifftBecker,; Armin Nassehi: Das Virus ändert alles, aber es ändert sich nichts. Die Zeit 4.05.2020. über Corona und Routinen: NZZ 24.04Bernhard Steimel: Ein symmetrischer Schock trifft die Weltwirtschaft.  Nikil Mukerji/Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit. Reclam, Mai 2020; 120 ‚.  6 ,- €   Zukunftsinstitut: Der Corona- Effekt. Vier Zukunftsszenarien…



Wer sind die “Neuen Eliten”?

Sehen so Eliten aus? Bild: Gisa / photocase.de

Wer sind überhaupt diese kosmopolitischen liberalen Eliten, von denen immer wieder die Rede ist? Seit dem Aufstieg rechtspopulistischer Strömungen,  spätestens der Trump- Wahl kommt der Begriff in mehreren Varianten immer wieder vor – und dient dabei als Gegenpol,  Grenzen zwischen gesellschaftlichen und politischen Lagern zu markieren. In sozialwissenschaftlicher Forschung  ist  der Begriff  der Eliten grundsätzlich klar: gemeint sind Macht- und Führungspositionen v.a. in der Wirtschaft, dazu Politik, Wissenschaft, Justiz, Medien – diese Elite ist klein und reich (vgl. Hartmann, 2018). Dagegen tauchen zu den Neuen Eliten ganz andere Bestimmungen und Grössenordnungen auf.
Spätestens in der global vernetzten Ökonomie ist ein kosmopolitischer Habitus kulturelle Voraussetzung – und so prägt das iconische  Bild der gut ausgebildeten, kosmopolitisch orientierten Leute aus der Wissens-/ Kreativ-/ Digitalökonomie und auch der Finanzwirtschaft die Vorstellung.  Aber sind sie deshalb gleich alle Elite – und überhaupt als soziale Formation erkennbar?

Elite kann als Auszeichnung verstanden werden, genauso mit Stereotypen von Dünkel, Überheblichkeit und Arroganz belastet sein, oder auch ironisch, sarkastisch bis belustigt verwendet werden, wenn die vermeintliche Elite  sich nur als solche inszeniert.
Zieht man Bourdieu heran, dann macht erst symbolisches und kulturelles Kapital eine Elite aus: Prestige, soziale Anerkennung, Stil und Souverainität im Auftritt. Eliten entwickeln einen Habitus mit Vorbildcharakter, inszenieren sich in einem bestimmten Stil mit erkennbaren Codes, oft dezent mit Understatement und feinen Unterschieden. Liberale Eliten stehen für eine Öffnung des Systems von Privilegien und dem Zugang dazu, konservative für dessen Bewahrung (revolutionäre für die Zerschlagung).

In den USA sind liberale Eliten ein fester Topos, geographisch an den Küsten verortet: Ostküsten-Establishment steht für klassische liberale Eliten, urbane Intellektuelle, die Elite- Universitäten der Ivy League. Mit der Westcoast verbindet man v.a. Hollywood und seit einigen Jahrzehnten Silicon Valley – wo sich ein ganz neuer Habitus von Eliten herausbildet.
Eine sichtlich ungebrochene Vorstellung von Eliten gibt es in Großbritannien und Frankreich. In beiden Ländern hat sich ein ausgeprägter Eliten- Habitus herausgebildet, der in Elite- Einrichtungen weitergegeben wird: Oxford, Cambridge, Grandes écoles.
Im wirtschaftsstolzen Nachkriegsdeutschland traten Eliten kaum durch einen kulturell bestimmten Habitus hervor (was sich auf pers. Ebene sicher überschneiden kann). Zumindest ergab sich daraus ein Freiraum, der zum Teil von einer sich als progressiv verstehenden Kulturszene besetzt wurde.

Andreas Reckwitz schreibt in Gesellschaft der Singularitäten (2017) von einer vom Kulturkosmopolitismus geprägten Neuen Mittelklasse,  in der sich das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, durchgesetzt hat. Der Begriff Elite wird offensichtlich vermieden, erscheint bei ihm erst im folgenden Buch Das Ende der Illusionen (2019) als Fremdzuschreibung seitens des Gegenpols, den kulturessentialistischen Strömungen.  Letztlich treffen Merkmale dieser Neuen Mittelklasse  auf ca. 1/3 der Bevölkerung zu.
Genau diese Neue Mittelklasse scheint in den Diskussionen mit einer liberalen Elite durcheinander zu geraten. Ganz unschuldig ist Reckwitz daran nicht. Der Rahmen der Neuen Mittelklasse ist zunächst sehr weit gezogen und  schliesst  die kleine vermögende  Oberschicht ebenso ein, wie  diejenigen, die mehr oder weniger mit dem Risiko der Prekarität, des Sich-Durchwurschtelns (Muddling through), leben. Erst im Folgeband setzt er die vermögende Oberschicht, die einer klassischen Elite entspricht, deutlich von der Neuen Mittelklasse deutlich ab.

Im Blog Ruhrbarone stellt Stefan Laurin in dem Longread  Die neuen Eliten: Der Dinkelbrötchen kauende Dünkel die Frage, wer und wieviele die liberalen Eliten sind – was sie dazu macht und warum sie als solche angesehen werden. Eine Antwort darauf findet er nicht, schwadroniert dann darüber, wieso auf einmal Lehrer, Sozialarbeiter oder prekär lebenden Kreative zur Elite zählen sollen, und findet dann die Anstifter: “Ein kleiner, ökologisch und kosmopolitisch gesonnener Teil der alten, wohlhabenden Elite hat es geschafft, durch sein Lebensmodell etlichen Menschen in der Kreativwirtschaft, dem Öffentlichen Dienst und den Geisteswissenschaften zum Vorbild zu werden”. Auf dem Kieker hat er v.a. Die Zeit (die Wochenzeitung), die ihre Leserschaft mit Traktaten ökologisch korrekter Lebensweise versorgt, im Merchandising dann Kreuzfahrten und überteuerte Luxusuhren verhökert.
Bei Alexander Grau So weltoffen, so borniert! (Tagesspiegel 26.11.19),  reichen bereits Laptop und Rennrad in einem minimalistischen Raum (Parkett oder Laminat?) um die Lebenswelt einer neuen, globalen Elite zu illustrieren. Grau bezieht sich wohl auf Reckwitz, spricht dann aber nicht von einer Mittelklasse, sondern gleich von einer Elite, deren Status auf kulturellem Kapital beruht und die sich selber als Speerspitze des Fortschritts sieht. Der Elitenanspruch wird  vor allem über Werte, Normen und Lifestyle definiert, so kann auch jener sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen, der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt. Es geht um die kulturelle Deutungshoheit.
Seine besondere Kritik, eigentlich die besondere Abneigung, gilt der Moral dieser Klasse. Eine Moral, die penetrant nach aussen getragen wird und sich für alternativlos hält. Konkrete Beispiele dieser Moral nennt er nicht, aber die Werte auf denen sie beruht – und diese entstammen geradezu einer Mésaillance von Kapitalismus  und linken Emanzipationsbewegungen: Diversität, Flexibilität, Identitätstransformation, Offenheit, Buntheit, Begeisterungsfähigkeit etc.  Diese werden von CEOs, Consultants und Business-Schools ebenso wie von linksliberalen Medien verbreitet  Sicher gibt es Konvergenzen.  Die Thesen wirken allerdings arg konstruiert (dazu auch die Aufzeichnung eines Vortrags)Rechtskonservatives Dandytum fiel mir spontan ein.

Passend zu den Statements von Grau betont Cornelia Koppetsch in Die Gesellschaft des Zorns (das Buch wurde mittlerweile aus dem Handel zurückgezogen), dass die rechtspopulistische Opposition sich nicht gegen die kleine Elite der Superreichen, sondern die kulturelle Vorherrschaft einer relativ breiten akademisch-kosmopolitischen Ober- und Mittelschicht (121) richtet. Gezeigt wird diese Gegnerschaft weniger in ausformulierter Kritik, als in Herabwürdigung und Belustigung von Symbolen kosmopolitischer Gesinnung. An anderer Stelle attestiert Koppetsch Rechtspopulisten einen anti- elitären Impuls.

Carlo Strenger, kürzlich verstorbener israelisch- schweizerischer Philosoph und Psychoanalytiker,  erzählt exemplarische Geschichten aus seiner therapeutischen Praxis.  Das ergibt ein lebensnäheres Bild. Es geht um Menschen aus der gebildeten oberen Mittelschicht, die aus psychologischer Notwendigkeit den Lebenswelten, in denen sie hineingeboren wurden  entfliehen und sich ihre Lebensweise selber erarbeiten.  Sie wollen angesehene und geschätzte Mitglieder von Gruppen sein, deren übrige Mitglieder sie achten und auf deren Urteil sie wert legen (129).

Richard Florida wird immer wieder als Stichwortgeber herangezogen. Auf ihn geht das so wirkungsmächtige Konzept der Creative Class (2002) ebenso zurück, wie deren breite  Auslegung auf 20- 30% der Bevölkerung. Zahllose Wirtschaftsförderungsprogramme, die Städte für die Cluster der Kreativwirtschaft attraktiv machen sollten, haben sich daran orientiert. Mag es damals sinnvoll gewesen sein, Bedeutung und Besonderheiten dieses Clusters zu betonen, werden so nach heutigen Maßstäben sehr inhomogene Welten zusammengefasst.  Ökonomische  Ungleichheiten werden ignoriert. Aus statistischen Gründen umfasst die Creative Class auch Finanz- und Rechtsdienstleistungen, vgl. The New Urban Crisis (2017).

Tummelplatz Neuer Eliten? re:publica in Berlin

Die Beiträge um Neue/liberale Eliten spiegeln die mittlerweile geläufige, oft stereotype,  Erzählung der gesellschaftlichen und politischen Bruchlinie zwischen Progressisten und kulturessentialistischen  Traditionalisten bzw.  Globalisierungs- und Digitalisierungsgewinnern vs. Abgehängte.  Inwieweit diese Grenzziehung berechtigt ist, ist eine weitere Frage – die Wirklichkeit ist unübersichtlicher. Wortführer letzterer entstammen oft konservativen Eliten – oder sind selber global agierende Unternehmer. Knackpunkt aller Diskussionen zum Thema ist die Frage nach den Konvergenzen  beider Liberalismen, des emanzipatorischen Kultur-/Bürgerrechts- und des Wirtschaftsliberalismus. Sind die wirtschaftlich erfolgreichen gleichzeitig auch Träger von Werten, die ihnen vorgehalten werden? Niemand will von Privilegierten auch noch Ratschläge zur richtigen Lebensführung hören.
Das Labeling “Neue Eliten” und seine Erweiterung auf eine Grundgesamtheit mit kulturellem Kapital wirkt schon fast bizarr, ist aber als Teil einer Umdeutung von Begriffen zu verstehen – es geht darum, anti- elitäre Impulse in eine Richtung zu lenken. Kulturelles Kapital bedeutet heute v.a. den Zugang zu Öffentlichkeiten. 

Werte und Haltungen erwachsen aus Grundüberzeugungen. Eine davon ist, dass jedem Menschen die gleichen Rechte zustehen. Nicht nur aus vor dem Gesetz, genauso in den Entwicklungsmöglichkeiten, dem eingeforderten Respekt. Wahrscheinlich wird erst jetzt das ganze Versprechen demokratischer Verfassungen allen bewusst.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017; Das Ende der Illusion. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019. 304 S.   Carlo Strenger: Diese verdammten liberalen Eliten: Wer sie sind und warum wir sie brauchen (edition suhrkamp) 5/2019; Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.    Transcript Verlag, Bielefeld 2019.; Alexander Grau: So weltoffen, so borniert! Tagesspiegel. 26.11.2019. Stefan Laurin: Die neuen Eliten: Der Dinkelbrötchen kauende Dünkel. Ruhrbarone. 3.02.2020,; vgl.: Michael Hartmann: Die Abgehobenen: Wie die Eliten die Demokratie gefährden, 8/2018