Die Landnahme der KI als Technogenese – Zur Diskussion

Der folgende Text knüpft direkt an den vorhergehenden Text Die Fundamentalopposition zu KI und ihre Grenzen an.
Technologie und Gesellschaft prägen sich  gegenseitig. Akzeptanz und  Widerstand, aber auch der Drang zur monopolistischen Macht sind dabei bestimmend. Ich greife das Konzept der “digitalen Landnahme” bei der Verbreitung von KI auf. “Technogenese” wird als tragender Begriff der wechselseitigen Dynamik weitergeführt. 

Hype-Zyklus: Warum KI sich stabilisiert hat

Bild: Steve Johnson unsplash +

Die Verbreitung  generativer KI seit Ende 2022 steht in einer Folge von Hypes: Krypto/Web3 und das Metaverse. All diesen Hypes ist gemeinsam, dass sie als DIE ZUKUNFT angepriesen wurden.
Ausgelöst wurden sie weniger durch technische Innovationen oder  gesellschaftliche Nachfrage, sondern in erster Linie durch fluides Venture Capital auf der Suche  nach einem new big thing.
Krypto/Web3 wurde als die neue Evolutionsstufe des Internet inszeniert. Ein dezentrales Netz, in dem Daten und Anwendungen auf der Blockchain verwaltet werden, Intermediäre überflüssig erscheinen und das Internet demokratisiert werden sollte – mit Token als Eigentumsrechten und Kryptowährungen als Transaktionsbasis..
Letztlich verstanden nur wenige das sehr komplexe Konzept. In der Realität bedeutete Web3 nicht Demokratisierung, sondern entwickelte sich zu einem Spielkasino, in dem sich einige wenige bereicherten, während der völlig überzogene Energieverbrauch massiven ökologischen Schaden anrichtete.

Das Metaverse versprach ein immersives, mit allen Sinnen erlebbares Netz. Was an realer Umsetzung erkennbar wurde, blieb aber weit hinter den visionären Erwartungen zurück. Dennoch gab es einer aufstrebenden VR-Branche einen Anschub.

Im Gegensatz zu den Vorgängern stiess der KI-Hype auf ausreichende gesellschaftliche Resonanz, um sich zu stabilisieren. Generative KI kam nicht als Lösung eines Problems, sondern als Basistechnologie für multiple Anwendungen.
Der niederschwellige Zugang machte den Einstieg einfach – kein teures Zusatzgerät war nötig, die Möglichkeiten ausgiebig zu erkunden oder lästige Alltagsaufgaben erledigen zu lassen. Auf diesem Wege verbreitete sich die Logik des Umgangs: Wie erziele ich für mich sinnvolle Ergebnisse? 
Was spielerisch erprobt wurde, fand bald den Weg in professionelle Anwendungen. 

Social Media – die Entdeckung der Datenströme als Rohstoff 

Ohne Social Media keine generative KI. Quelle: fredcavazza.net – Creative Commons  nach Klick in voller Auflösung auf neuer Seite

Ohne Social Media gäbe es keine generative KI. Die öffentliche digitale Kommunikation ist eingehegt in Strukturen der Verwertung – alles, was im Gedächtnis der Gesellschaft digital abrufbar ist, kann zu einer industriell verwertbaren Ressource werden. Aber auch bestehende kulturelle Güter (soweit digitalisierbar), sind Rohstoff.
Ein wesentlicher Unterschied: Das Social Web war nicht von Konzernen erfunden. Es war mit einem partizipativen, basisdemokratischen Aufbruch verbunden, man sprach von einer Netzkultur und einer Netzgemeinschaft.  Bis  heute ist dieser Aufbruch eine Referenz für gesellschaftliche Beteiligung.
Generative KI war dagegen von Beginn an ein Projekt der Konzerne. Niemand anders konnte die nötigen Investitionen stemmen.
Die Landnahme der Konzerne im Social Web geschah erst nachträglich mit dem Ausbau der Plattformen. Die Datenströme der öffentlichen Kommunikation wurden als Rohstoff entdeckt – ihre Verwertung bildete eine Grundlage des Aufstiegs der heutigen Digitalkonzerne. So gelang ein  Machtausbau in digitalen Räumen, vorbei an gesellschaftlicher Kontrolle und staatlicher Regulierung.
Aus genau dieser Position des Wissens über die Kommunikationsströme und der damit angesammelten finanziellen Mittel, begann der Ausgriff auf die Digitalisierung des Wissens. OpenAI, Anthropic etc.  entstanden in diesem BigTech-Ökosystem, nicht außerhalb davon. 

Die Landnahme der KI

Rund drei Jahre nach dem Start von Chat GPT durchdringt generative KI als universeller Dienstleister das gesamte Internet und ist mittlerweile in vielen, wenn nicht den meisten Branchen in Arbeitsabläufen integriert. Die höchste Durchdringung ist wohl in der Tech-Branche selbst. KI-Coding Assistenten sind flächendeckend im Einsatz.
Oft genannte Beispiele sind so unterschiedliche Dinge wie Vertragsprüfung, personalisierte Kundenansprache oder Bilddiagnostik im Gesundheitswesen. In der Marktforschung verbreiten sich Umfragen mit KI-Personas bzw. simulierten Teilnehmern. KI ist Teil gesellschaftlicher Infrastrukturen geworden, beschleunigt und strukturiert Prozesse. Dahinter  kaum zurückspulen lässt – das wichtigste Ziel der Konzerne.

In den debattierenden Branchen, wie Journalismus, Zukunfts- und Trendforschung und den kreativen Berufen bleibt KI weiterhin ein vorrangiges Diskussionsthema – wie verändert sie Vorstellungen von Autorenschaft und Authentizität?  Wie sehr verletzt sie Urheberrechte? Was ist ihr Nutzen als Assistenz, was bleibt als eigene Leistung? KI kann Schreib- und Denkprozesse stützen, aber begriffliche Arbeit nicht ersetzen.

Landnahme. Bild: valerie-v. unsplash.com

Digitale Landnahme³ (digital landgrab) greift das historische Bild der physischen Landnahme auf und überträgt es auf die Expansion digitaler Techniken, damit auch der Digitalkonzerne, samt ihrem Zugriff auf Funktionen und Märkte. Frühere Beispiele waren etwa die Ausbreitung von Airbnb und Uber. Komplexer ist die als Graphnahme⁴ (entlang sozialer Graphen) bezeichnete Einnahme bereits existierender Beziehungsnetzwerke und digitaler Interaktionsräume.
Es geht darum, knappe digitale Ressourcen bzw. gesellschaftliche Einflusszonen zu sichern, bevor staatliche Regulierungen oder Konkurrenten dies verhindern. Im Kontext der KI-Entwicklung sind v.a. Rechte an spezifischen Datenbeständen knapp geworden, seien es Verlagsarchive, wissenschaftliche Datenbanken oder Plattformen mit historisch gewachsenen  internen Datenströmen.
Die Landnahme der KI verläuft strategisch. Es gilt KI-Funktionen so schnell und tief in essenzielle Prozesse einzubetten, dass sie schlicht unverzichtbar werden.  Es können neue Funktionen sein, die es bis dahin noch nicht gab – oder es sind bestehende, die von ihr übernommen werden. Es gilt, generative KI in  Schnittstellen von Systemen zu bringen und sie dort unersetzlich zu machen. KI wird vom nützlichen, optionalen Werkzeug zur unsichtbaren Bedingung der Ausführung von Arbeit.

Die Maschine als ein antwortendes Gegenüber ist eine historische Neuheit  der Technikgeschichte – ein Erlebnis, das sich dem Nutzer unverzüglich einprägt. Sie wird in vielfacher Form genutzt. So als begleitendes Denkwerkzeug, unterstützender Sparringspartner, als Tutor oder  synthetische PersonasAI Companionship bezeichnet darüber hinaus eine neue Form sozialer Mensch-Maschine-Interaktion.

Landnahme der KI bedeutet auch Einnahme des Wissens. Bild: elisa calvet. unsplash.com

Ein wesentliches Ziel der Landnahme ist epistemische Autorität, das Etablieren der Maschine als  Instanz der Wissensvermittlung selbst. Dabei bleibt generative KI technisch determiniert – sie führt aus,  was Menschen in ihre Architektur und  ihr Training gelegt haben – das setzt ihre Grenzen.
Zur anerkannten Instanz wird sie erst durch menschliche Ratifizierung.
Ein Indiz erfolgter Landnahme ist die zunehmende Akzeptanz von KI-generierten Antworten. Von vielen Nutzern wird sie trotz ihrer Limits ohne Einschränkung für zuverlässig und legitimiert gehalten. Kritiklose Übernahme ist bereits eine Form der Autorisierung.

Social Media bedeutete eine Digitalisierung der öffentlichen digitalen Kommunikation, Generative KI die des verfügbaren Wissens – binär zerlegt und rekombinierbar. Eine globale Infrastruktur aus dem kollektiven Wissen in den Händen weniger Konzerne ist ein Einschnitt von historischen Dimensionen. Die Konzerne sind zu Machtakteuren eigener Ordnung mit hegemonialen Ambitionen geworden.
Heute geht es darum, möglichst viele Positionen zu besetzen und mit aller Kraft zu expandieren. Es ist dasselbe Modell, wie es die vormachten. Die Landnahme ist dem Märkte zu sichern , es ist dasselbe Prinzip des  wie  sie  und die Geschäftsmodelle später zu klären – ähnlich wie die Social Media Konzerne vor anderthalb Jahrzehnten.  

Karen Hao, Autorin von Empire of AI fasste es in einem Interview zusammen: These companies are not competing on behalf of their countries. They are racing for their own dominance. Sie attestiert den Konzernen den Willen zum Wachstum um jeden Preis:  Moving fast and leaving ethical dilemmas behind. 

KI-generiert bedeutet nicht automatisch gut oder schlecht. KI führt das aus, was Menschen ihr anweisen. Sie erzeugt kontextabhängige Synthesen aus dem Wissensmaterial, das ihr zugeführt wurde – nicht aus eigenem Verstehen, sondern aus den statistischen Mustern übernommener Wissensbestände. Die Antworten klingen oft kohärent und überzeugend – nicht weil sie wahr, sondern weil sie plausibel sind und den statistischen Mustern des angeeigneten Wissens entsprechen.
Gesellschaftlich wirksam werden KI-Ergebnisse erst durch ihre soziale Bestätigung – ein Zusammenhang, den ich an anderer Stelle als Intermediarität, Konfabulation und Ratifikation beschrieben habe:

Die Trias der gesellschaftlichen Wirksamkeit von KI – (Eigene Graphik: Lizenz: CC-BY-NC 4.0) 

Grenzen für die Menge des Ausstosses gibt es nicht. Das Netz wird überschwemmt mit Slop, generiertem visuellen Müll. Wo Inhalte beliebig generiert und simuliert werden können, entstehen neue Möglichkeiten von Manipulation und Desinformation, sie unterhöhlen das Wahrheitsverständnis. KI erweitert insbesondere die manipulativen Möglichkeiten  visueller Desinformation

 

Technogenese – die wechselseitigen Wirkungen von Technologie und Gesellschaft

Die wechselseitigen Wirkungen von Technologie und Gesellschaft lassen sich mit all ihren Folgen und Abhängigkeiten nicht annähernd in einem Text von  ca.  2000-Wörtern darstellen.
Möglich ist jedoch der Entwurf einer Perspektive, die aktuelle Entwicklungen als Resultat dieser Dynamik verständlich macht.  Gesellschaftliche Prozesse verlaufen nicht als lineare Kausalketten – Gesellschaft formt Technologie – und Technologie formt Gesellschaft.

Den Begriff Technogenese hatte ich in den letzten Beiträgen in die Debatte zur Ko-Evolution von Mensch und Maschine eingebracht. Technogenese beschreibt nicht nur die Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, sondern auch einen grundlegenden, generationenübergreifenden Prozess der Auslagerung von Gedächtnis und Handlungswissen in technische Formate.

Erstmals verwendet wurde der Begriff Technogenese von dem französischen Medienphilosophen Bernard Stiegler. Ihm zufolge verändert die  Entwicklung technischer Systeme nicht nur unsere Werkzeuge, sondern unsere Denkweisen,  Erinnerungsstrukturen und deren kollektive Organisation. Schrift externalisiert Gedächtnis, Druck vervielfältigt es, Photographie und Film  konservieren es visuell.
Mit der Digitalisierung, noch mehr mit  generativer KI, radikalisieren sich diese Prozesse.  Es geht nicht mehr nur um die Auslagerung von Handlungswissen, sondern um die Automatisierung kognitiver und kreativer Operationen selbst. Technogenese wird zur politischen Frage: Wer nimmt den neu entstandenen Raum des externalisierten Denkens ein? Wer kontrolliert diese technischen Formate –  und damit, was als Wissen, als Wahrheit, als Gedächtnis zählt?

Digitalisierung verläuft zumeist disruptiv – sie übersetzt etablierte Praktiken in digitale Logiken. Das Lexikon wird zur Wikipedia, lokale Vermietung zur globalen Plattform, der Wandel der Tonträger vom Vinyl bis hin zum Streaming wurde oftmals als prototypisch beschrieben. Dass diese Transformationen weit mehr als rein technologische Innovationen sind, zeigt sich exemplarisch im Falle der digitalen Photographie.
Während analoge Photographie im Consumer-Bereich ein privates Erinnerungsmedium war, ist die Smartphone-Photographie heute eine visuelle Grundlage öffentlicher Kommunikation,  nahezu unbegrenzt und ohne zeitliche Verzögerung verfügbar. Die private Nutzung – das Festhalten von Momenten – besteht zwar weiter, Photographie ist aber in einen neuen Kommunikationsraum integriert, der durch gänzlich andere Formen der Selbstdarstellung geprägt ist. Nicht nur die Technik, ebenso ihre soziale Einbindung wandelte sich fundamental.

Die Beispiele liessen sich fortsetzen. Technologien und ihre spezifischen Anwendungen greifen in bestehende soziale Handlungssysteme ein – aber nicht alle setzen sich durch, entweder finden sie keine Anknüpfung an Handlungsmuster, oder sie stossen  auf Ablehnung.
Man denke etwa an KI-Brillen mit integrierter Kamera – technisch machbar, stossen sie auf soziale Abwehr. Sie erleichtern Übergriffe so sehr, dass sie das geschützte Gut der Privatsphäre verletzen.
Akzeptanz und Ablehnung bzw. Widerstand wirken
als Korrektive technologischer Entwicklung.

Wie tief Technologien in die Lebenswelt eindringen, zeigt etwa das Beispiel Online-Dating. Ein soziales Verhalten, das von Zufällen, emotionalen Impulsen und Ritualen  bestimmt ist, wird in eine algorithmische Logik übersetzt. Manche Nutzer schätzen die Auswahl und die Effizienz, andere lehnen die Vermessung der Gefühle ab. Beide Haltungen sind Teil des Prozesses von Akzeptanz und Ablehnung.
Viele der technologischen Innovationen verbreiten sich dann rasch, wenn sie den Nutzern einen spürbaren Mehrwert, eine soziale Dividende, bieten. Meist sind es radikal erleichterte Zugänge: zu Wissen, Mobilität oder auch Gemeinschaft.
Anders die ökonomische Dividende: die Abschöpfung der Gewinne ermöglichte privatwirtschaftlichen Unternehmen den Aufbau marktbeherrschender Monopole. 

Generative KI ist keine externe Innovation, die von aussen eindringt,  sondern eine folgerichtige Erweiterung – eine Radikalisierung des digitalen Kapitalismus. Es geht nicht mehr darum, dass ein Prozess oder ein Geschäftsfeld disruptiert wird, sondern um die Disruption von Prozessen der  Wissensgenerierung selber.

Technologie tritt nicht als neutraler Faktor von aussen hinzu, sondern organisiert  Sozialität, Wahrnehmung und Kognition neu. So wie sich mit der industriellen Revolution eine Logik der Effizienz verbreitete, verbreitet sich heute eine digitale Logik: binäre Zerlegung und algorithmische Neukombination – nach gesetzten Vorgaben. Entscheidend ist, wer diese setzt.
Die großen Konzerne eignen sich Infrastrukturen, Datenbestände und Kommunikationsräume an und verschieben damit Machtasymmetrien. Das ist digitale Landnahme. Der gesellschaftliche Wille, sie einzuhegen, ist vorhanden, muss sich aber politisch durchsetzen.

Das Konzept Technogenese öffnet die Perspektive darauf, wie technische Formate entstehen, warum sie in bestimmte soziale Ordnungen passen, welche Wirkungen sie entfalten – und wie demokratisch gestaltet werden kann, um Machtasymmetrien zu begrenzen.

 

Valerie Wirtschafter & Nitya Nadgir: Is the politicization of generative AI inevitable?The Scale-at-All-Costs AI Trap . Interview mit Karen Hao aboutdigitalhealth.com— Bernard Stiegler | centre Georges Pompidou, ParisHypomemnesis and Grammatisation   Sascha Dickel: Die Inklusion von Maschinen – Zur Rolle von generativer KI in der Gesellschaft. youtube 5/2026 –
³vgl.:  Andreas Boes, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr (7/2015) Landnahme im Informationsraum. Neukonstituierung gesellschaftlicher Arbeit in der „digitalen Gesellschaft”.WSI-Mitteilungen 2/2015, Seiten 77-85.
⁴ Graphname Facebook  besetzte den Graphen sozialer Verbindungen, (incl. instagram und What’s App), Google den Interest Graph, Amazon den Consumption Graph, Apple und Google teilen sich den Mobilfunkgraph. Das Wissen über die Verbindungen ist Machtfaktor (vgl. Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. 2021)

 

 



Technogenese – die digitale Revolution als Zivilisationsprozess

Die digitale Technogenese in frühen Jahren. Bild: unsplash+

Digitale Revolution – Technik  als Zeitgeschichte 

Die digitale Revolution kam nicht aus dem Nichts. Sie traf auf bereits veränderte kulturelle Dispositionen. Die komplette Kultur- und Zeitgeschichte des späten 20. und des laufenden 21. Jahrhunderts lässt sich nicht ohne die Geschichte der Digitalisierung erzählen – und Digitalisierung wiederum nicht ohne die kulturellen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen, die sie ermöglicht und geformt haben.

Techniken setzen sich nur dann durch, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen¹. Sie verbreiten sich nicht allein über technische Überlegenheit, sondern über ihre Anschlussfähigkeit. Sie setzen sich durch, weil sie an bereits vorhandene gesellschaftliche Dispositionen, Bedürfnisse oder Machtstrukturen anschliessen. Technik wird dann wirksam, wenn sie alltagspraktisch nützlich, sozial anschlussfähig und kulturell begehrenswert wird.
Die digitale Revolution war nie nur eine technische Angelegenheit. Sie verbreitete sich mit einem bestimmten kulturellen Habitus. Vernetzung, Flexibilisierung, permanente Innovation wurden zu Leitbildern einer neuen digitalen Kultur. Sie öffnete den frühen Anwendern ein Freiheitsfenster, bestehende Hierarchien und deren Gatekeeper zu umgehen. Genau diese wechselseitigen Prozesse der Formung von Technik und Gesellschaft sind gemeint, wenn im folgenden von Technogenese die Rede ist.

Von der Gegenkultur zum Machtzentrum

Zwischen den digitalen Utopien der Gegenkulturen und Silicon Valley als Machtzentrum gibt es mehr Kontinuität, als viele wahrhaben wollen. Ohne die kulturelle Ausstrahlungskraft (vgl: Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht) der Popular- und Subkulturen ist dessen Aufstieg nicht zu verstehen.
Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung².
Die neuen Möglichkeiten einer vernetzten Gesellschaft beflügelten mehrere Generationen, global. Sicher war es nicht allein das kulturelle Kapital,  aber ohne dieses wäre nicht in solchem Maße Venture Capital zugeflossen.  Ein Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung bildete sich heraus, das sich in der Folge zu einem neuen Machtpol verdichtete.

Spätestens als digitale Infrastrukturen so zentral wurden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen konnten, nach denen sich andere richten mussten, entstand eine neue Form struktureller Macht.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte heran. Heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem Grössenwahn. In diesem Klima schnell wachsender ökonomischer und struktureller Macht verbreiteten sich Ideologien,  die oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst werden.  Cyberlibertarismus kann als deren  Basis gesehen werden.

Was als emanzipatorisches Versprechen begann – mehr Demokratie, mehr Teilhabe, mehr Möglichkeiten  durch Vernetzung – ist heute in offene Konfrontation mit einer autoritären Modernisierung gekippt: Oligarchen, geopolitische Konkurrenz um KI-Infrastrukturen und die Instrumentalisierung digitaler Macht für nationale Machtprojektionen sind nicht mehr abstrakt, sondern Teil der politischen Gegenwart.

Soweit eine grobe Skizze zum Verlauf der digitalen Revolution – deren weiterer Verlauf noch offen ist. Revolution meint hier kein punktuelles Ereignis, sondern eine langfristige Umwälzung technologischer und gesellschaftlicher Grundlagen, ähnlich der industriellen Revolution. Dabei verändern sich Kommunikation, Öffentlichkeit, Vergemeinschaftung, Arbeit, Wissen und die Machtverhältnisse in komplexen Wechselwirkungen, nicht entlang einfacher Kausalitäten, oft als unerwartete Ergebnisse.
KI in Form der LLMs ist die bislang neueste Stufe dieser Entwicklung. Sie ist in den Alltag eingedrungen – und ihre Wirkung auf Machtkonzentration ist nicht mehr zu übersehen.

Selten zuvor wurden technologische Umwälzungen derart  verdichtet, die Geschwindigkeit digitaler Umformung so beschleunigt erlebt, wie jetzt. Debatten zu den Folgen und Wirkungen der Verbreitung von KI und generell dazu, welche Richtung, die Umwälzungen nehmen, werden derzeit auf vielen Ebenen geführt – bis hin zur päpstlichen Enzyklika Magnifica humanitas. 

Interdependenzen: Ko-Evolution von Mensch und Technik – wechselseitige Veränderung durch Nutzung und Anpassung.  Bild: unsplash+

Ko-Evolution – eine Debatte und ihre Ebenen

Mit dem Beitrag  Ko-Evolution von Mensch und KI von Klaus Burmeister begann Ende 2025 eine offene Debatte, auf die ich mich in mehreren Beiträgen in diesem Blog bezogen habe.
Ko-Evolution, die wechselseitige Veränderung von Mensch und Maschine, ist dabei die intuitive erste Beschreibung einer Erfahrung, die viele teilen. Wer regelmäßig mit Sprachmodellen arbeitet, verändert sich, seine Fragen, seine Denkroutinen, seine Erwartungen. Und die Technologie verändert sich durch ihre Nutzung (Klaus Burmeister). Ko-Evolution benennt die wechselseitige Veränderung ohne Determinismus  – genau das macht es zum produktiven Einstieg für Debatten, die sonst oft in Technikeuphorie oder Gefahrenbeschwörung enden.

Bemerkenswert an dieser Debatte ist die Verbindung verschiedener Beobachtungsebenen: die unmittelbare Erfahrung mit Sprachmodellen, als Außenbeobachtung und als Selbstversuch, die Frage nach gesellschaftlichen Wirkungsmechanismen und schließlich die längerfristige kultur- und gesellschaftstheoretische Einordnung. Genau diese Verbindung ist der Kern von Technogenese als Perspektive.
Ein erstes Ergebnis dieser Debatte ist die funktionale Sequenz synthetische Intermediaritätplausible Konfabulationkognitive Ratifikation eine Trias, die beschreibt, wie aus technischen Operationen gesellschaftlich wirksames Handeln wird.
Kognitive Ratifikation bedeutet nicht nur die unmittelbare Zustimmung zu KI-generierten Ergebnissen. Jedes automatisierte System, jeder Algorithmus und jeder Bot mit den jeweiligen Zielen, Regeln und Einsatzbereichen wurde irgendwann  von  menschlichen Entscheidern definiert, freigegeben oder akzeptiert. Selbst dort, wo technische Systeme scheinbar autonom operieren, beruht ihre gesellschaftliche Wirksamkeit auf vorhergehender menschlicher Ratifikation.

 Begriff und Konzept Technogenese

Den Begriff Technogenese hatte ich seit einigen Jahren immer wieder hervorgehoben (vgl. Technogenese – technische Innovation und gesellschaftlicher Wandel). Breitere Resonanz findet er allerdings erst jetzt im Kontext der aktuellen KI-Debatten. Der Begriff wirkt zunächst beinahe selbsterklärend und tatsächlich erschließt sich seine Grundidee oft intuitiv: Technik verändert Gesellschaft, Gesellschaft verändert Technik. Seine eigentliche analytische Stärke liegt jedoch darin, diese Wechselwirkungen nicht kausal als einzelne Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern als langfristige interdependente Prozesse zu beschreiben.

Der Begriff bzw. das Konzept Technogenese ist nicht neu. Woher der Begriff stammt und warum er passt, habe ich in einem früheren Beitrag ausgeführt:  von  Bernard Stieglers medientheoretischer Grundlegung zur kognitionswissenschaftlichen Weiterentwicklung bei Katherine Hayles  und der  Einbeziehung in das Forschungsprogramm  Netnographie bei  Robert Kozinets.
Hayles
beschreibt Technogenese als einen Prozess wechselseitiger Anpassung, als Technogenetic Spiral:   human cognitive adaptations to digital media create conditions for more sophisticated AI systems, which in turn generate new forms of human-machine coupling³. Hier wird deutlich, dass technische Entwicklung und menschliche Veränderung nicht getrennt voneinander verstanden werden können.

Die entscheidende Verschiebung in der hier verwendeten begrifflichen Fassung von Technogenese liegt in der Anlehnung an Norbert Elias’ Prozesssoziologie und die Konzepte der Sozio- und Psychogenese. Damit erschließt sich das volle gesellschaftsanalytische Potential, das über die medientheoretischen Ansätzen hinausgeht.
Technogenese verbindet so Ebenen, die sonst getrennt diskutiert werden:  Technik, Kultur, Gesellschaft, Macht, Habitus. Gespräche über KI, über Regulierung, Bildung,  Demokratie- generell mittel- bis langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen können so in einen gemeinsamen Rahmen gestellt werden.

Medienbruch und gesellschaftlicher Wandel 

Gunnar Sohn verwies, innerhalb der Debatte, auf den Medientheoretiker Friedrich Kittler. Von diesem stammt der Begriff von Technik als Diskontinuitätsmaschine. Früh hatte er darauf hingewiesen, dass technische Medien nicht nur Inhalte transportieren, sondern die Bedingungen von Wahrnehmung, Kommunikation und Wissen selbst strukturieren.
Technogenese knüpft daran an, erweitert die Perspektive jedoch um die langfristigen gesellschaftlichen und habituellen Veränderungsprozesse, die aus dieser Wechselwirkung hervorgehen. Daran ergeben sich Anschlussfragen. Warum setzen sich bestimmte Medien überhaupt durch? Warum in dieser gesellschaftlichen Form – und v.a. welche Wirkungen haben sie auf gesellschaftliche Strukturen, auf Institutionen, auf Alltag, Konsum und Erwerbsbiographien? Warum konnte sich z.B. das Metaverse nicht in dieser Form durchsetzen – verbreitet sich Virtual Reality aber über andere Wege?

Technogenese ist somit keine in sich geschlossene Theorie, sondern eine Perspektive – der Versuch, die wechselseitige Verflechtung von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung mit ihren unerwarteten Effekten, Beschleunigungen und Brüchen sichtbar zu machen.
Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich oft zuerst in den Alltags- und Popularkulturen – lange Zeit war es Popmusik (heute nachlassend),  in der sich Trends früh abzeichneten, heute mehr digitale Formate von Games bis  instagram Reels. Es sind die Seismographen der digitalen Alltagskultur des  21. Jahrhundert.

Antrieb und Anspruch

Persönlich ist es mir seit langem ein Anliegen, eine prozesssoziologische Perspektive auf die gesellschaftlichen Dynamiken der letzten Jahrzehnte anzuwenden. Elias Analysen behandelten den historischen Zivilisationsprozess. Arbeiten, die methodisch daran anschliessen sind rar, die Informalisierungsthese von Cas Wouters ist zu nennen. Aber auch diese endet spätestens mit der Jahrtausendwende, genau dort, wo die Dynamik der digitalen Transformation beginnt, Gesellschaft grundlegend umzuformen. Diese Lücke zu schließen ist für mich der eigentliche Antrieb hinter dem Begriff Technogenese. Ambitioniert ausgedrückt: als Motor des Zivilisationsprozesses im 21.Jahrhunderts.

Dabei steht der Begriff nicht allein. Zahlreiche Arbeiten und Analysen sind anschlussfähig – von Manuel Castells‘ Netzwerkgesellschaft über die Consumer Culture Theory zu den medientheoretischen Ansätzen von Kittler und Hayles. Technogenese beansprucht nicht, diese Ansätze zu ersetzen, sondern sie prozesssoziologisch zu rahmen – als langfristige Ko-Evolution von Technik und Gesellschaft, die mehrere Ebenen gleichzeitig sichtbar macht. 

Welche Themen sich im weiteren anschließen, hängt auch von der Resonanz der laufenden Debatte ab – Technogenese ist ein offener Begriff, der sich im Gebrauch weiterentwickelt.

 

vgl. u.a.: ¹zitiert nach: Deutschlandfunk, Armin Nassehi: ‚Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 19.10.2019  ²Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. In: agora 42.  Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026.  ³ zitiert nach: Raymond Uzwyshyn: The Ghost in the AI Machine: N. Katherine Hayles, Technogenesis and Our Posthuman Future–  LinkedIn. 3.08.2025 —   Norbert Elias  Über den  Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen,  1938 u. 1969. Band 1 u. 2.  .Katherine Hayles:  How We Think: Digital Media and Contemporary Technogenesis. University of Chicago Press, 2012.-   Klaus Burmeister: Das Beobachterproblem der Ko-Evolution. LinkedIn 16.05.2026  Gunnar Sohn: Aufschreibesysteme statt Interdependenzen: Eine soziologische Zuspitzung nach Klaus Janowitz und Friedrich Kittler. 25.04.2026  —  Interview mit Douglas RushkoffEinige Tech-Milliardäre sehen sich als höhere Spezies.  In: Surplus Magazin:. 28.03. 2025



Palantir und das neue amerikanische Projekt: Technologie, Macht und Aggression

Alexander Karp. CEO von Palantir – Screenshot aus der Dokumentation “Watching You”

Im vorherigen Text ging es um die Aneignung des Digitalen Fortschrittsversprechens und seine Ausweitung bis hin zur militärischen Innovation im Kontext von American Dynamism.
Silicon Valley richtet sich strategisch neu aus, hin zu Hard Tech, jenseits der Ausrichtung auf Consumer Culture. Palantir steht geradezu prototypisch dafür.

Palantir und sein CEO Alexander Karp zählen aktuell zu den umstrittendsten Akteuren des Silicon Valley.
Verstörend ist v.a. die Diskrepanz zwischen der Selbstinszenierung Karps,  einigen seiner Äusserungen und dem strategischen und ökonomischen Gewicht von Palantir.
Karp inszeniert sich als reflektierter Intellektueller mit philosophischer Ausbildung und verweist gern auf seine Frankfurter Studienjahre. Ihm werden Intelligenz und chaotische Unstrukturiertheit zugeschrieben. Gleichzeitig führt er ein Unternehmen, das autonome Waffensysteme, Massenüberwachung und politische Targeting-Technologie entwickelt.

Palantir lässt sich als datenalytisches Rüstungsunternehmen verstehen. Technisch basiert es auf einer neue Stufe der digitalen Vermessung: die Integration heterogener Datenbestände zur Erkennung strategischer Muster, vermarktet als eine neutrale Infrastruktur. Durch Palantir wird staatliche Gewaltausübung von privaten Unternehmen infrastrukturell ausgeführt.
Palantir steht aktuell als hochprofitables Softwareunternehmen da,  dessen größter Wachstumstreiber staatliche Aufträge sind. Im zweiten Quartal 2025 erzielte es einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar – 49% Wachstum im Regierungsbereich, 47% im kommerziellen Bereich.
Kunden sind etwa die israelischen Streitkräfte – Palantir wird bei Angriffen auf Ziele im Gazastreifen eingesetzt –, das US-Verteidigungs- (jetzt Kriegs-) Ministerium nutzt es zur Drohnenanalyse, DOGE nutzte es für den Aufbau einer zentralen Einwanderungsdatenbank sowie ICE zur Echtzeitverfolgung von Migrantenbewegungen.

Mit der (unter diesem Link zugänglichen) Dissertation Karps liegt ein zeitgeschichtlich ungewöhnliches Dokument vor.  Eine deutschsprachige  Arbeit, eingereicht an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Frankfurt im Jahre 2002.
Karps Dissertation Aggression in der Lebenswelt  (vollständig: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur)  verbindet Parsons’ strukturfunktionale Theorie mit Habermas’ Lebenswelt‑Konzept und psychoanalytischen Motiven.  Anknüpfend an Parsons beschreibt Karp Kultur, Persönlichkeit und soziales System als Ebenen, auf denen Triebe durch Sozialisation in nachvollziehbare Motivationen übersetzt werden.
Eine, auch in seinem späteren Handeln erkennbare Schlussfolgerung ist für ihn, dass Aggression unter Bedingungen von Unsicherheit und Konflikt gesellschaftlich organisiert, geregelt und produktiv genutzt werden muss.
Heute, (als CEO von Palantir) versteht Karp Datenanalyse und KI  ausdrücklich als Werkzeuge zur Stabilisierung westlicher Institutionen unter Bedrohungs- und Krisenlagen. Den politischen Umgang mit Gewalt, Sicherheit und Kontrolle begreift er als zentrale Aufgabe seiner Technologie.

Mit ca. 130 Seiten ist die Dissertation vergleichsweise kurz, 110 Seiten fallen  auf die  Literaturaufbereitung, 15 Seiten auf die Fallstudie, anhand derer er den eigentlichen Gegenstand der Analyse konkretisiert. In diesem Falle die  sog. Paulskirchenrede von Martin Walser 1998.  Walser sprach von der Moralkeule  Auschwitz und löste damit eine der schärfsten Debatten der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit aus. 

Immer wieder wird in den Raum gestellt, Karp wäre ein Schüler von Jürgen Habermas. Promoviert hat er jedoch bei Karola Brede am Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt.
Wenige Tage nach dem Tod von Habermas (15.03.2026) erschien am 18.03.  in dem Online-Magazin Le Grand Continent ein Interview mit  Karola Brede  unter dem Titel War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Zur Eingangsfrage: Karp besuchte Seminare von Habermas und nutzte dessen Werk als zentralen Referenzrahmen. Für sein Dissertationsprojekt verwies Habermas ihn jedoch an Brede; darin lässt sich zumindest eine gewisse Distanz gegenüber Karps Vorhaben erkennen.
Im weiteren geht es im Interview um Karps Habermas‑Rezeption, speziell um den Begriff des Jargons, den Karp in seine Aggressionstheorie integriert und den Bruch mit der akademischen Karriere hin zu seiner anschliessenden Tätigkeit als CEO von Palantir.
Brede äussert sich insgesamt sehr verständnisvoll, fast fürsorglich über Karp.  Selbst problematische Positionen erscheinen ihr eher als Ausdruck biografischer Spannungen denn als moralisches Versagen. Karps Hang zur Grenzüberschreitung deutet sie als Eigenart eines Intellektuellen, der Regeln prinzipiell quer liest.
Über seine unternehmerische Tätigkeit habe er dann Gedanken entwickelt, mit technologischer Macht eine bessere Gesellschaft entwerfen zu können. Die im Buch Technological Republic erkennbare Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft sei jedoch in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie aufgehoben – in diesem Rahmen interpretiert sie sein Wirken als CEO von Palantir.
Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ordnet Brede als Hintergrund einer bellizistischen Radikalisierung ein. Die aggressive Kriegsführung Israels sei – auch von Karp – mit einer tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst begründet worden.

Habermas steht für gesellschaftliche Aushandlung, für kommunikative Rationalität und Verständigung als Bedingungen legitimer Ordnung. Karp setzt dem eine andere Perspektive entgegen: Aggression erscheint bei ihm nicht als Störung, sondern als konstitutive Kraft sozialer Identität.

Kritischer fällt die Analyse von Karps wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Nachwirkung bei Palantir  in dem Essay Palantir Goes to the Frankfurt School von  Moira Weigel aus. Der Text stammt von Juli 2020, die aktuellen Verwicklungen, v.a. seit der 2. Trumpwahl, sind also nicht berücksichtigt. Den Bezug zu Habermas nennt Weigel eine Tech industry legend –  die gern als eine Art genealogischer Eindruck genutzt wird. Karps Interesse am Thema Aggression, stammte nicht von Habermas, sondern von Wissenschaftlern des Freud-Instituts, wo sie jahrzehntelang ein Schwerpunkt der Forschung und der öffentlichen Debatte war.
Moira Weigel liest Karps Dissertation als Schlüssel zum Verständnis eines rechts-konträren Netzwerks aus Tech-Eliten (u. a. Thiel, Palantir), das den liberalen Mainstream im Silicon Valley angreift, zugleich aber selektiv auf Kritische Theorie zurückgreift. Das Emanzipationsversprechen der Frankfurter Schule wird dabei aufgegeben.
Die Mechanismen, die Weigel 2020  beschreibt, haben sich seitdem  in  eine andere Dimension gehoben. In den Geschäftsinteressen von Palantir sah Weigel bereits damals eine Nähe zum Trumpismus, obschon Karp bis zur Wahl 2024 die Demokraten mit Kamala Harris unterstützte. Übrigens war David Golumbia, der Autor von  Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology,  einer der Gutachter ihres Textes.

Nach außen hin erscheint Karp als die prägende Figur: er spricht, rechtfertigt, erklärt, ist das Gesicht von Palantir. Die grundlegende strukturelle Setzung – warum es dieses Unternehmen überhaupt gibt – stammt von Peter Thiel. Thiel holte Karp in die Gründung von Palantir, weil er ihn als fähig einschätzte, komplexe Datenanalyse in operative, politisch sensible Anwendungen zu übersetzen. Zwischen Karps Dissertation von 2002 und seinem Eintritt als CEO bei Palantir 2004 liegen keine zwei Jahre; dazwischen gab es nur eine kurze Tätigkeit im Investmentmanagement in London.
Thiel erscheint als der strukturelle Pate von BigTech: Nicht immer sichtbar, aber omnipräsent, vernetzend, ideologisch prägend – jemand, der Kapital, Gründer und staatliche Macht dauerhaft zusammenführt.

Das öffentliche Interesse an Palantir und Karp hat sich seit 2020 verstärkt. Palantir ist vom kontroversen Outsider zum zentralen KI-Infrastrukturanbieter des Pentagon, zum technischen Ermöglicher militärischer Operationen  geworden. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell (3/26) bei rund 320 Mrd. €. Karps Rhetorik wechselte von akademischer Reflexion zu expliziter Machtpolitik.
Sein eigenes Buch The Technological Republic, die Biographie von Michael Steinberger und der Dokumentarfilm Watching You von Klaus Stern stellen Karps Rolle als CEO des grössten Defense Tech Konzerns in ein breites öffentliches Licht.
Im eigenen Buch präsentiert sich Karp als Vordenker einer Neuorientierung des Silicon Valley, weg vom Consumermarkt des Online-Targeting und der  Videoplattformen, hin zu einer Neuverbindung nationaler Ambitionen mit dem Potential von Technologie. Das amerikanische Projekt brauche ein gemeinsames Zielbewusstsein – people want and need a sense of belonging and feeling a part of some thing meaningful that is larger than themselves –  und das bedeute eine enge Zusammenarbeit mit Regierung und Militär.
Palantir hat seine Marke und seinen Ruf über all die Jahre aufgebaut, die Fähigkeit entwickelt, viel Kritik abzuwehren mit der zentralen Aussage, westliche Werte zu unterstützen. Palantir stellt die datenanalytische Infrastruktur bereit, auf deren Basis militärische und sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen werden.

Karp formuliert diese Verschiebungen mit einer ihm eigentümlichen Direktheit: Technologie ist für ihn kein neutraler Fortschritt mehr, sondern Teil geopolitischer Machtbildung – und Unternehmen wie Palantir sind deren operative Infrastruktur.
Der Machtanspruch wird  in einigen Zitaten deutlich, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen:
We are not a commodity. We do not want our customers to be commodities — we want them to be individual titans that are dominating their industry or the battlefield.
Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world, and when it’s necessary to scare our enemies and, on occasion, kill them.
The most important software companies are the ones whose products, as Karp has put it, “power the West to its obvious, innate superiority” and “bring violence and death to our enemies.
Die beiden ersten Zitate stammen nicht aus Interviews, sondern aus verifizierten Investorengesprächen und Earnings Calls; sie wurden von Bobby Allyn (s. u.) aus dem Transkript aus  einem Investorengespräch zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch, und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet.

 Transkript eines Investorengesprächs zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet

Die gleiche Grundlage – dieselben Algorithmen, die Krankheitsmuster und Konsumverhalten erkennen – identifiziert auch Verdächtige. Die Ambivalenz ist kein Konstruktionsfehler – sie ist das Geschäftsmodell.
Eine gesellschaftliche Aushandlung darüber, welche Verwendung legitim ist, findet nicht statt: Die Systeme sind installiert, bevor die Frage danach gestellt wird. Das bedeutet eine präemptive (vorweggenommene) Unterlaufung gesellschaftlicher Aushandlung – nicht als Nebeneffekt, sondern als Strategie. Präemptive Unterlaufung bedeutet schließlich, dass Palantirs Systeme faktisch implementiert werden, bevor öffentlich verhandelt ist, welche Anwendungen demokratisch legitim sind.
Palantir operationalisiert, was ich andernorts als automatisierte Singularisierung beschrieben hatte – die algorithmische Erzeugung von Einzigartigkeit aus Massendaten. Im Konsumkontext erzeugt das personalisierte Werbung, im militärischen Kontext Zieldaten. Derselbe Mechanismus mit unterschiedlichen Konsequenzen.

In fact, the phases of the AI kill chain used to execute targets in warfare, as described in the Targeting Manual of the US Air Force  —  to find, fix, track, target, engage, and assess  —  are generally analogous to the steps many tech companies use to help deploy data surveillance and AI models on (or for) their customers.. (aus: : Zig, „The Guernica of AI“,zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

Palantir ist kein Sonderfall, sondern Vorreiter einer Entwicklung, in der sich technologischer Fortschritt, staatliche Macht und politische Mobilisierung zu einem gemeinsame amerikanischen Projekt nationaler Grösse verdichten. American Dynamism wirkt dabei als Sammlungsbewegung des Venture Capitals. Technologie wird zur Ressource staatlicher Macht. Der Staat ist nicht mehr übergriffiger Gegner, wie im Cyberlibertarismus, sondern Kunde, Partner oder Medium nationaler Größe. Die Verbindung zur populistischen MAGA scheint so konsistenter als zunächst gedacht.
Mit einem Zitat aus Moira Weigels Analyse der Frankfurter Dissertation Karps lässt sich so schliessen:
Algorithms take the histories of oppression embedded in training data and project them into the future, via predictions that powerful institutions then act on.

 

vgl.  Alexander Karp:  Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur . Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe Universität zu Frankfurt am Main . – The Technological Republic.: Deutsche Ausgabe.  Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. Juli 2025 

Moira Weigel. Palantir Goes to the Frankfurt School– b2o: boundary 2 online. 10.07.2020.  Michael Steinberger: Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat . 11/2025. Dt. Ausgabe. — Paul Morrison: Book Review: The Philosopher in the Valley    – Sebastian Moll: Philosoph des Cyberkriegs. Wie Palantir-Chef Alex Karp, der Neo-Marxist des Silicon Valley, mit KI, Militär und Big Data die Welt neu gestaltet  Jüdische Allgemeine. 3.04.2025 —Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era. 3.05.2025. Stefanie Buzmaniuk: War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Ein Gespräch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede – Le grand Continent  18.03.2026 – Juan Sebastián Pinto: Das Guernica der KI. A warning from a former Palantir employee in a new American crisis . 18.02.2025. –  (Mike in Medium) Palantir’s Techno-Nationalist World View and the Philosophy of Power.  5.11.2025 – Jack McCordick. Alex Karp’s War for the West. The New Republic. 28.02.2025   Tom Nickel: Review: The Technological Republic. Medium 21.05.2025

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp. Dokumentarfilm ARD-Mediathek (bis 1.04.2026) von  Klaus Stern

 



Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



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