Filterblasen, Fake News und neue Medienöffentlichkeiten

An den Strukturen bilden sich Blasen

Der US- amerikanische Wahlkampf, die Erfolge und die Methoden von Rechtspopulisten haben Diskussionen zum Manipulationspotential im Social Web angefacht. Drei Begriffe treten dabei hervor: Filterblase, Fake News und postfaktisch. 
“Im Internet schenken viele Menschen anderen Meinungen als ihrer eigenen keinen Glauben mehr. Das liegt daran, dass in ihren Social-Media-Kanälen fast nur noch Meldungen auftauchen, die ihrer Einstellung entsprechen – sie leben in sogenannten Filterblasen.” Schließlich werde selbst der grösste Quatsch zur gefühlten Wahrheitso die Meinung der öffentlich- rechtlichen TagesschauDass Social Media eine Rolle bei der politischen Meinungsbildung spielen ist unbestritten, inwieweit aber Filterblasen sogar eine Gefahr für die Demokratie sein sollen, ist sehr fraglich.
Das Social Web von heute ist nicht mehr das Web 2.0 von 2007. Plattformen wie Facebook, youtube, die selber keine Inhalte produzieren, dominieren das Netz. Musste man sich zu den Zeiten des Web 2.0 noch selber eine Menge an Kenntnissen aneignen, bündelt Facebook Funktionen des Social Web und macht sie für jeden auf einfache Weise zugänglich. Die Timeline ist der Einstieg in die digitalen Kanäle, ein personalisiertes Portal, bequem wie eine TV- Fernbedienung. Sie verbindet private, meist spontane Kommunikation  mit Medienangeboten, und bindet die Teilnehmer des Social Web in die Online- Werbewirtschaft ein. Was angezeigt wird, berechnet ein Algorithmus nach den verfügbaren Daten (“Freunde“, gelikete Sites).
Nicht mehr TV- Programme oder Zeitschriftentitel konkurrieren untereinander um Aufmerksamkeit, sondern persönliche Kontakte aller Art mit Informationskanälen aller Art. Dass sich Menschen die Kanäle wählen, die ihrer Weltsicht entsprechen und denen sie sich verbunden fühlen, ist naheliegend. Filterblasen hat es in allen Medienepochen gegeben, meist verstärkt durch den sozialen Druck, sich an bestimmten normativen Mustern zu orientieren.

Digitale Medienöffentlichkeiten sind “volatil”

Tatsächlich verändert hat sich die Genese von Öffentlichkeiten und Formen der Vergemeinschaftung.
Medienöffentlichkeiten waren  lange Zeit fast nur als Sender-zu-Empfänger Figurationen verbreitet. Von der Verbreitung der Zeitung im 19. Jh., des Radios seit den 20er Jahren und später des Fernsehens als Massenmedien. Das Berufsbild des Journalisten mit einer Verpflichtung zu Objektivität und der Prüfung von Tatsachen hat sich daran herausgebildet. Viele Subkulturen kannten hingegen immer Medienöffentlichkeiten mit wechselnden Rollen.
Digitale Medienöffentlichkeiten schwanken in ihren Zusammensetzungen. Consozialität ist ein Prinzip: Menschen, die gemeinsame Interessen oder Leidenschaften teilen, finden und verbinden sich – ein gemeinsamer #hashtag. Das Social Web verbindet jede, in anderen Zusammenhängen minoritäre Position, vermittelt das Gefühl mit seiner Ansicht nicht allein zu stehen. Digitale Medienöffentlichkeiten folgen den Mustern von Konnektivität und Personalisierung. Konnektivität ist Voraussetzung: die Möglichkeit, dass sich jeder Teilnehmer des Social Web mit jedem anderen und auch jeder anderen Teilöffentlichkeit verbinden kann. Personalisierung bedeutet deren jeweils passende Adressierung – meist von Algorithmen gesteuert.
Im Netz gibt es keine Instanz, die die Wahrhaftigkeit von Nachrichten überprüft, Gerüchte und Fake News können sich auf viralem Wege verbreiten, dort, wo sie ihren Boden finden. Genauso vertreten sind aber auch die Medienmarken, öffentlich- rechtliche und das Quartett Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ, im deutschsprachige Raum überraschend wenige ohne langjährigen Offline- Medien Hintergrund. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, die Plausibilität von Nachrichten und Einschätzungen zu prüfen. Wo gezielte Fehlinformationen, Verleumdung und Verhetzung stattfinden, greift zivilgesellschaftliches Handeln – letztlich auch die Justiz.

Bleibt postfaktisch – ob das Wort die aktuelle Diskussion überlebt ist eine Frage. Soziale Medien machen die öffentliche Kommunikation direkter, spontaner, persönlicher – damit steigt die Bedeutung der gefühlten Lage. Subjektive, gefühlte Wirklichkeit wird zum ThemaUnd es entwickeln sich daran politische Strategien, die austesten, was gesagt, behauptet und als gefühlte Tatsache eingebracht werden kann.
Dass Soziale Medien eine politische Spaltung verschärfen ist eine steile Behauptung. Nachgelassen hat jedenfalls die Bindungskraft der grossen Organisationen: Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und auch der lange Zeit vorherrschenden, redaktionellen Medien – Gesellschaft ist volatiler geworden.

Digitale Figurationen

Digitale Verbindungen

Soziologische Konzepte und Theorien sind dazu da, gesellschaftliche Vorgänge und Entwicklungen verstehbar zu machen. Bereits einige male hatte ich hier auf die Soziologie von Norbert Elias aufmerksam gemacht. Man kann sich fragen, was denn Norbert Elias mit der Digitalisierung zu tun habe? Mit den Lebensdaten 1897 – 1990 hatte er nur im hohen Alter den Beginn  der Digitalisierung erlebt; bekannt ist er für sein Hauptwerk Der Prozeß der Zivilisation und Die höfische Gesellschaft.
Bei Elias geht es zum einen um langfristige Entwicklungen, um die Herausbildung des Habitus, um die wechselseitige Entwicklung von Individuum und Gesellschaft. Es gibt einige Parallelen zu Karl Polanyi (1886 – 1964), der mit The Great Transformation den Begriff der Transformation prägte. Zur Transformation lassen sich die Abstufungen – Konvergenz (parallele Entwicklung einzelner Elemente), Emergenz (Herausbildung neuer Strukturen) und schließlich die Transformation – auslesen*. Letztlich geht auch Digitale Transformation darauf zurück.
Figuration führte Elias erst in seinem Spätwerk als begriffliches Werkzeug ein. Gemeint sind dynamische soziale Geflechte in Verbindung stehender Individuen – damit sollte ein Gegensatz Individuum – Gesellschaft überwunden werden (vgl. Machtbalance, Figuration und Digitaler Wandel). In den 80er Jahren gab es Ansätze zu einer Figurationssoziologie, die aber nur wenig Verbreitung fanden. Seit einigen Jahren existiert an der Universität Bremen das Forschungsprogramm Kommunikative Figurationen, ausgerichtet auf medienübergreifende kommunikative Verflechtungen, ebenso wie auf medial zusammengehaltene Organisationen.
Was macht dieses Konzept für die digitale Gesellschaft interessant – und was kann Digitale Figurationen bedeuten?

Medienöffentlichkeiten figurieren sich neu
Medienöffentlichkeiten figurieren sich neu

Digitale Social Media haben die Medienöffentlichkeiten revolutioniert. Zunächst experimentell (Cyberspace), später verbanden sie im Web 2.0 die sog. Netzszene miteinander. Unterdessen haben sie sich in den meisten Milieus der Gesellschaft durchgesetzt. Was wir lange Zeit als Medienöffentlichkeiten kannten, hat sich sich in den Möglichkeiten und dann in der Nutzung radikal verändert. Die weiteren Auswirkungen beginnen wir zu  spüren.
Medienöffentlichkeiten im halbwegs modernen Sinne kennen wir seit der Zeitschriftenkultur des 18. Jahrhundert: Medien verbinden Menschen in einer gemeinsamen Öffentlichkeit miteinander, weitgehend unabhängig von räumlicher Entfernung  – translokal. Sie transportieren Wissen, Stil, Ideen und Meinungen – und sie befördern die Meinungs- und Geschmacksbildung.
Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhundert dominierten Massenmedien, beginnend mit dem Radio, später dem Fernsehen, dazu eine Vielfalt von Presseerzeugnissen. Sender und Empfänger sind klar voneinander getrennt, die Produktion der Inhalte professionalisiert. Große Medienöffentlichkeiten wurden bestimmend für eine Mehrheitsgesellschaft. Daneben  existierten immer auch kleinere, anders strukturierte, meist mit subkulturellem Charakter.
Digitale Medienöffentlichkeiten folgen den Mustern von Konnektivität und Personalisierung, wie wir sie immer wieder in digitalisierten Umgebungen finden. Konnektivität bedeutet die Möglichkeit, dass sich jeder Teilnehmer des Social Web sich mit jedem anderen und auch jeder anderen Teilöffentlichkeit verbinden kann. Personalisierung bedeutet deren jeweils passende Auswahl – ob frei gewählt oder von Algorithmen gesteuert. Das bedeutet eine Vielzahl von Verflechtungszusammenhängen – Figurationen.
Neben die Medienöffentlichkeiten treten die über Plattformen vermittelten Verflechtungen, von Dating zu Kreditvermittlung und Leistungen unterschiedlichster Art. Es bilden sich Netzwerke von Individuen, die durch Interaktionen soziale Entitäten bilden, aber kaum bislang üblichen Formen von Organisiertheit entsprechen. Sie scheinen oft informell, oft random – folgen aber zumindest ähnlichen Mustern. Auf alle diese Verflechtungen kann man  den Begriff “Digitale Figurationen” anwenden. Verwandt ist das Konzept der Tribes, das Gruppen von Menschen, die über gemeinsame Interessen und Praktiken miteinander verbunden sind, bezeichnet.

Bildquellen:.:oben: aussi97 / photocase.de; unten: bna / photocase.de


SideMenu