Journalismus.Online. Das Handbuch zum Online-Journalismus (Rezension)

Handbücher dienen dazu das Wissen zu einem Themenfeld, zu einer Branche in übersichtlicher, nachschlagbarer Form verfügbar zu machen. Handbücher zum Journalismus gibt es eine Reihe, und auch zum Online- Journalismus ist Journalismus.online von Hektor Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, nicht das erste. Online war zunächst ein zusätzlicher Veröffentlichungskanal, eine  freizugängliche Spielwiese ohne Gatekeeper.  Online verlockte zum experimentieren – und wurde von Medienunternehmen lange Zeit nicht wirklich ernst genommen. Noch in dem oft als Standardwerk genannten Handbuch von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue (Nr. 1198 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. 3. Auflage 2012)  nannte man den Status der Online- Mitarbeiter bescheiden: wenig geachtet, schlecht bezahlt, hoch belastet (31, Schneider/Raue)

Journalismus ist heute digital und online. Er ist es vollumfänglich, in allen Bereichen, Produktionsschritten und Ausspielwegen (34); Bildquelle: przemekklos / photocase.de

Digitalisierung hat auch den Journalismus generell verändert. Heute gibt es keinen Journalismus mehr, der nicht am Computer hergestellt und immer häufiger auch an irgendeiner Form von Computer rezipiert wird (27). Das gilt für alle Formate. Medieninhalte (Content) werden digital produziert: Texte mit der Tastatur; Bilder, Ton, Video/Film werden digital aufgenommen und bearbeitet. Medieninhalte/Content kann ebenso gut online wie gedruckt bzw. über einen Rundfunksender  (der ebenfalls digitalisiert sendet) verbreitet werden. Unterscheidet sich “Online-Journalismus” noch von anderen journalistischen Verbreitungsformen? Hat der Begriff überhaupt noch eine Berechtigung? Die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung, die zeitsynchrone Begleitung von Ereignissen – Prozess-Journalismus –  lässt sich nur online weitergeben.  In diesem Sinne sind journalistische Texte heute „permanent beta“(21), veränderungs- und verbesserungsfähig. Wer heute online publiziert, muss auch lernen zuzugeben, dass er nicht alles weiß (Jeff Jarvis, 21).
Eine Leitfrage des Handbuchs ist dann auch die,
wie der Computer und die Digitalisierung den Journalismus inhaltlich, aber auch handwerklich verändert hat (12).

In weiten Teilen folgt das Handbuch einer Reise. Der Autor besuchte Online- Redaktionen, Media- Agenturen und Medienprojekte quer durchs Land:  die Ableger der “Qualitätspresse” und des Boulevard, die Krautreporter und netzpolitik.org, Rundfunksender wie die Deutsche Welle, Bayern2, und n-tv, war bei Opendatacity, dbate und bei Vice, bei taz, FAZ, spon und bild-online. Die überall dort geführten Gespräche wurden transkribiert und bilden eine Grundlage des Textes.
Unter den Online-Angeboten mit den meisten Besuchern gibt es kaum Neugründungen, auch die deutsche Ausgabe der Huffington Post schloß vor zwei Wochen (31.03.19). Bestimmend bleiben seit langem bekannte Medienmarken, die auch ungefähr das bieten, was man von ihnen erwartet. Mehrere Gründe  lassen sich dafür anführen,  generell erwarten Leser/Hörer/Zuschauer von Medienmarken eine bestimmte Ausrichtung, einen Qualitätsanspruch, einen Stil, unabhängig vom Ausgabeformat. Fast alle davon führen Bezahlmodelle für weitergehenden Zugang.

Journalismus online bleibt unvollständig ohne Blogs. Blogosphäre klingt heute seltsam, sehr nach Web 2.0 und 0er Jahren – darauf geht aber eine publizistische Erneuerung zurück, die mehr als andere die Vernetzungsmöglichkeiten nutzt. Im stärker kommerzialisierten Feld haben sich Reise-, Koch- und Modeblogs verbreitet, seit jeher konsumnahe Themen.
Anderswo wurden eigene publizistische Formate entwickelt, die unterschiedliche Plattformen nutzen. Genannt werden hier u.a. Floid und Tilo Jung mit dem YouTube-Kanal Jung & Naiv.
Aus dem eigenen Umfeld kann ich den Bonner Wirtschaftsblogger und Live- Streaming Pionier Gunnar Sohn, der mittlerweile eine ganze Reihe von Live-Formaten sendet, die in der Folge u.a. auf youtube abrufbar sind – oder auch das 2016 eingestellte Projekt Nerdhub von Thomas Riedel nennen.

Als Handbuch, das eben auch zum Nachschlagen gedacht ist, enthält das Buch einen umfangreichen Serviceteil. Infoboxen und Checklisten zu zahlreichen relevanten Themen, wie Nutzerdaten, zu Google Analytics, hyperlokalem Journalismus, Story- und Scrollytelling, zu Podcasts,  zur Medienkonvergenz, mobile Reporting u.v.m. erleichtern die Übersicht. Für diejenigen, die sich seit Jahren in der digitalen Öffentlichkeit bewegen ist wohl einiges nicht neu  – das Buch richtet sich aber auch an Studenten und Einsteiger.
Ob Details zu wordpress, eine Einführung in html und CSS in einem Handbuch für Journalisten sinnvoll sind ist Ansichtssache. Immerhin gibt es dazu gedruckt und im Netz eine kaum überschaubare Auswahl.

Die Krise des Journalismus ist seit längerem Thema. Diese Krise ist aber vorrangig die des Geschäftsmodells von Zeitungsverlagen: mit der Verlagerung der Werbewirtschaft sind Gewinne aus dem Anzeigengeschäft weggebrochen.  Finanzierungsmodelle sind aber höchstens am Rande Thema des Handbuchs.
Das Netz bündelt die Möglichkeiten und Eigenschaften der vordem dominierenden Medien Presse, Radio, TV, Video. Darüber wird übertragen und gespeichert. Aktuelle Nachrichten verbreiten sich heute nicht über 20h Nachrichten, die Tageszeitung oder eine Homepage. Mit Twitter oder News- Ticker ist man mit dem SmartPhone live dabei.
Das Wortspiel von Journalismus zum yournalismus, das sich durch das Buch zieht, verweist auf die Entwicklung von einer frontalen Berichterstattung nach Redaktionsschluss zu einer personalisierten Mediennutzung. Es leitet in die Diskussion dazu über, wie sich Öffentlichkeit in digitalen Zeiten konstituiert.

Hektor Haarkötter: Journalismus.online. Das Handbuch zum Online-Journalismus. Herbert von Halem Verlag, Köln 2019.  426 S. ISBN: 978-3-7445-1108-7



Mediengenerationen und Digitale Biographie

prägen Medienrealitäten ein Leben lang? – Bildquelle: photocase.de/herr_specht

Digital Natives, Digital Immigrants, Generationen X, Y, Z, Golf, dazu kommen immer wieder Neuschöpfungen wie Generation Selfie oder Generation Burnout,  sind oft und gern gebrauchte Begriffe – fast inflationär werden sie benutzt, um damit Trends (+ vermeintliche) zu beschreiben. Zuerst war wohl die Vorstellung, dass Mediennutzung und -aneignung eine Frage der Generation sei, und dass es Generationen sind, die Medieninnovationen vorantreiben. Mit einem Begriff werden Alterskohorten umfasst, denen man dann bestimmte gemeinschaftliche Erfahrungen und Kompetenzen zuschreibt bzw. unterstellt. Was als Aufhänger o.k. und evtl. unterhaltsam war, wird befremdlich, wenn damit gesellschaftliche Debatten geführt und Kriterien zur Mitarbeitersuche entwickelt werden. Mit sozialwissenschaftlicher Erklärung, mit dem Verstehen unterschiedlichen Medienhandelns hat das nichts zu tun (vgl. dazu Beck, Büder, Schumann: Mediengenerationen, S. 8).
In der Zeit  konstatiert der Marburger Soziologe Martin Schröder, dass es die besonderen Unterschiede zwischen diesen Generationen nicht gibt. Bisherige Studien zu Generationen basieren auf fragwürdigen Annahmen und Methoden und enthalten  Formulierungen wie in Horoskopen (z.B. sie  – die Generation – lege viel Wert auf Emotionen und wolle die Strategien der Zukunft neu definieren).

Ein weniger plakatives Modell Digitaler Generationen stellte Kai Heddergott aus Münster auf dem Media Camp NRW vor. Dabei werden nach dem Personas– Ansatz prototypische Vertreter von Mediengenerationen (1960 bis 2020) mit der zur jeweiligen Zeit vorherrschenden Medienrealität entworfen. Medienrealität umfasst dabei alle zu Information, Unterhaltung, technischen Umsetzung und der Aufrechterhaltung sozialer Netzwerke verfügbaren Medien (incl. des pers. Gesprächs) – und diese prototypischen Medienrealitäten werden schließlich auf einer Zeitschiene als ebenso prototypische  Medienbiographien gegenübergestellt (vgl.. Medienzeitreise mit Medienwolken, Slide 15).
Bei diesem  Modell geht es v.a. um die Einbindung der vorhandenen digitalen Kompetenz von Mitarbeitern aller Generationen in Unternehmen. Darüber hinaus bringt das Konzept der Medien- bzw.  Digitalbiographie eine neue Sicht auf Mediengenerationen mit sich. Digitale Biographien beginnen mit den Einstiegspunkten in digitale Medien, vom Betriebssystem  zu Bild, Ton, Video und Games.

Jeder “state of the art” von Medienrealitäten ist irgendwann überholt

Wer heute 35, 40, 50 oder 60 Jahre alt ist, hat mehrere Jahrzehnte von Medien- bzw. Digitalem Wandel hinter sich – und es ist nicht abzusehen, dass sich Medienrealitäten nicht weiterhin wandeln. Medienkompetenz beinhaltet kommunikative, technische, performative Fähigkeiten und zählt in einer zunehmend – kommerziell – medialisierten Welt zu den beruflichen Schlüsselqualifikationen wie zu den zentralen kommunikativen Kompetenzen im Alltag. Und sie wird biographisch erworben – es gibt keine finale Kompetenz – Aus- und Fortbildungen sind in der Regel schnell überholt. Was vor einigen Jahrzehnten noch Medienprofis vorbehalten war, wird mehr und mehr  zu einer Voraussetzung der Teilnahme an der Gesellschaft.
Medienrealitäten sind immer mit  einer Kultur verbunden. Die Medienrealität der Nachkriegsjahrzehnte  war von der Verbreitung von TV und Telefon geprägt. Fernsehen brachte die Welt ins Haus, aber so, wie sie von den Programmverantwortlichen gestaltet worden war. Das Telefon erweiterte den Radius der Kommunikation, aber ausserhalb des Ortstarifs tickte der Zähler. Beide waren stark reglementiert, so sehr, dass etwa die Einführung des Tastentelefons als Veränderung wahrgenommen wurde.
Das Aufbrechen dieser Medienrealität seit den 80er Jahren war wohl ein entscheidender Anstoß im Wandel. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre dann die Durchsetzung des Internet, gleichzeitig mit der Mobiltelefonie und der Integration von Bild, Ton, später Video (damals Multimedia genannt). Gut 10 Jahre später der Durchmarsch des SmartPhone und der Social Media, wie wir sie heute kennen. Die Verbindung  über eine technische Plattform, wie dem Internet, erleichtert immer wieder die Verbreitung  neuer  Funktionalitäten

Sicher gibt es  kollektive Erinnerungen jeder Generation, etwa an TV- Serien, an Formen der Medienpraxis, wie der Zusammenstellung von Musikkassetten, an den C 64, Updates von Betriebssystemen oder das Geräusch des Einwahlmodems. Aber es sind eher die anheimelnden Ach- Effekte von Mediennostalgie, vergleichbar mit den Erinnerungen an Popsongs, Moden, Frisuren und dem Design von Konsumgütern.
Dass dieselben Medientechniken auf die jüngeren Generationen grundlegend andere Auswirkungen haben als auf andere Generationen, zeigt sich nicht.

vgl. auch: Klaus Beck, Till Büser, Christiane Schubert : Mediengenerationen. Biografische und kollektivbiografische Muster des Medienhandelns. UVK Verlag  2016, ISBN: 978-3-7445-0882-7;  202 S. 



Öffentlichkeit als geteilte Aufmerksamkeit – (zur Diskussion)

Welche Faktoren bestimmen heute das Zustandekommen von öffentlicher Meinung? Sind es immer noch die klassischen Massenmedien – oder welchen Anteil haben die personalisierten Teil- Öffentlichkeiten der sozialen Medien? Unter dem Titel “Öffentlichkeit als geteilte Aufmerksamkeit – wie sich öffentliche Meinung(en) in der digitalen Welt neu konstruieren” haben wir (das sind Live- Streaming Pionier Gunnar Sohn  und ich) eine Session auf dem Media Camp NRW in Oberhausen am kommenden Samstag vorgeschlagen. Wir wollen die Diskussion dazu anschieben bzw. wieder beleben.

Das Thema ist nicht neu, aber in den Hintergrund gerückt. Über das demokratische Potential des Social Web wird mittlerweile seltener gesprochen, mehr über die Macht der Intermediäre – der Datenkraken, über Filterblasen und Echokammern, über Datenskandale, den Datenkapitalismus und  Destabilisierungskampagnen. Unübertroffen ist das Social Web in der Bündelung von Aufmerksamkeit nach #Themen und #Interessen – der Schaffung von Consozialität, der Verbindung von Menschen nach gemeinsamen Interessen und auch Meinungen.
Vor 15 Jahren, im Dezember 2003, veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung einen Kongress mit viel Prominenz (u.a. Frank Schirrmacher, Dirk Bäcker, Sabine Christiansen) zum Thema Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0.  Mobiles Internet und Social Media gab es damals höchstens in rudimentärer Form, den klassischen Massenmedien war aber bereits eine neue Form von Öffentlichkeit an die Seite getreten. Eine These dieser Tagung sollte man heute zurückholen: Die sog. Zivilgesellschaft wird zur Fünften Macht im Staate. Sie wird die Hauptgewinnerin der digitalen Revolution sein (Volker Grassmuck). Inwieweit hat sich dies seitdem bestätigt?

Strukturwandel der Öffentlichkeit ist ein zentraler Begriff der Veränderung der Bedingungen und Formen öffentlicher Kommunikation und knüpft direkt an eines der wesentlichen Theoriegebäude zum Thema an, an das von Habermas.
Es ist das Modell der an eine sozialstaatlich verfasste Industriegesellschaft gebundenen Massenmedien mit dem Anspruch einer Durchdringung der gesamten Gesellschaft. Aufmerksamkeit war selbstverständlich und gerne bezeichneten sich die Massenmedien als Vierte Gewalt, Garant der Demokratie.
Ein ganz anderer Zugang zur Herausbildung öffentlicher Meinung waren die Thesen zur Schweigespirale von Noelle- Neumann in den 70er Jahren, mit Bedeutung v.a. in der Demoskopie. Demnach orientieren sich viele Menschen an der Einschätzung des Meinungsklimas. Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so hält man sich zurück. Implizit wird hier von Meinungsführerschaften ausgegangen, die das Meinungsklima bestimmen.
Im Dezember erschien in der FAZ*  ein Beitrag mit zwei sehr interessanten Ergebnissen (s. G. Sohn): Die Verteilung der Bedeutung von Sozialen Netzwerken, Öff- rechtl. TV und Lokalpresse bei der Information über Politik und aktuelle Ereignisse nach Altersgruppen wie zu erwarten absteigend nach Altersgruppen, manche Einschätzungen bestätigend eine höhere Affinität zu Sozialen Netzwerken bei Anhängern der AfD . … mehr dazu bei G. Sohn …
Es wäre verwunderlich, wenn eine Strömung die Möglichkeiten nicht nutzen würde, die Social Media bieten. Selektive Nutzung von Medien gibt es solange es Medien gibt. Das Social Web als neues Verbreitungsmedien bedeutet neue Möglichkeiten der Verknüpfung von Kommunikation, die man vorher noch nicht kannte – und eine immer grösser werdende Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Das führt manchmal zum schnellen Verschleiß von Themen, zu Buzzwords.  Wer in der Schnelligkeit nicht mithalten kann, zelebriert eben Entschleunigung als Vorteil.

Das Monopol der Nachrichtenübermittlung haben die klassischen Massenmedien verloren. Nachrichten von historischem Ausmass (wo warst Du am 11. Sept.?, Trump- Wahl, Brexit) verbreiten sich ohnehin als Selbstläufer, andere nach Ausrichtung der Aufmerksamkeit.  Wer TV- Nachrichten einschaltet, eine Zeitung aufschlägt will professionell aufbereitete Hintergründe erfahren – und vielleicht liebt man auch das Format. Die meisten Regionalzeitungen drucken allerdings ohnehin Agenturmeldungen oder übernehmen gleich einen Mantelteil.

Sieht man  Öffentliche Meinung als eine mentale Dimension des Zusammenhaltes von Gesellschaften ( F. Tönnies) an, dann  ist die Frage ihrer Bildung zentral.

*FAZ  20.12.2018: Die Meinungsblase der AfD-Anhänger, Thomas Petersen, Allensbach Institut; Angaben gründen sich auf Umfrage vom 1. bis 12. Dezember 2018, 1295 Befragte, gerundete Angaben. https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/soziale-netzwerke-die-meinungsblase-der-afd-anhaenger-15950157.html?premium



Öffentliche Meinung in der Digitalen Welt – Zur Diskussion

Res publica – die öffentliche Sache. Bildquelle: rarrarorro/photocase.de

Die Vorstellung von Öffentlichkeit ist oft von Bildern begleitet – von der Agora und der res publica, vom Caféhaus, dem Salon, dem Boulevard und der Piazza. Orte einer gleichzeitig visuellen  wie diskursiven Kultur. Blickkontakt, das Sehen und Gesehenwerden, fordern Stil und Habitus, im Diskurs entwickelt sich eine – öffentliche – Meinung zu dem, was schön ist, was richtig und angemessen. Öffentliche Meinung ist seit dem 18. Jh. ein Begriff. Eine bürgerliche Öffentlichkeit in der Bildung Voraussetzung war und nicht von zentraler Herrschaft und Religion bestimmt. Soweit zum Ursprung.  Wir brauchen solche Orte, die eben nicht in erster Linie funktional sind. Sie werden immer wieder zitiert und – mehr oder weniger gelungen – inszeniert.

In der modernen Gesellschaft wurde Öffentlichkeit zur Medienöffentlichkeit. Das Berufsbild von Journalisten mit einer Verpflichtung zu Objektivität und der Prüfung von Tatsachen hat sich daran herausgebildet. Es gibt zwar Vorgänger, das Zeitalter der Massenmedien begann aber erst dann, als sie auch die Massen erreichten. Und es waren lange Zeit nach “Stand” und Bildung getrennte Öffentlichkeiten.  Erstes wirkliches Massenmedium war das Radio, später das Fernsehen, dazu die sich stärker differenzierende Presselandschaft. Schließlich wird das Wissen und die Meinung von der Welt ganz überwiegend über Massenmedien vermittelt. Medienmacht konzentriert sich bei wenigen Akteuren,  den öffentlich- rechtlichen Anstalten und Medienhäusern mit zwar unterschiedlichen Ausrichtungen, aber ähnlichen  wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Verflechtungen.
Neben die dominierenden Massenmedien, die oft als Meinungskartell verstanden wurden, treten später sich selbst so verstehende Gegenöffentlichkeiten.  Mit einer Reichweite wenig mehr als der eigenen Szene, aber mit dem Anspruch wesentliche, in der veröffentlichten Meinung nicht vertretene Sichtweisen zu verbreiten, haben sie zur Entwicklung von Zivilgesellschaft beigetragen.  Medienmacht wurde aber auch durchgesetzt: Noch die Bundespost der 80er Jahre verteidigte ihr Fernmeldemonopol mit strafrechtlichen Mitteln gegenüber Freien Radios.

Öffentliche Meinung

Von Ferdinand Tönnies stammt die Beschreibung der Öffentlichen Meinung als einer mentalen Dimension des Zusammenhaltes.
In den Diskussionen der letzten Jahrzehnte hatten v.a. drei theoretische Modelle Bedeutung:  Das von Habermas (Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962, 1990) als ein normsetzendes Idealmodell, das Offenheit des Zugangs für alle gesellschaftlichen Gruppen einfordert. Öffentliche Meinung ist hier das Produkt der Diskussion, der Aushandlungsprozesse. Nach Luhmann (Die Realität der Massenmedien, 1998) strukturieren Massenmedien  die Aufmerksamkeit, sie geben der öffentlichen Meinung ihre Form. Wie die Wirtschaft sind sie ein in sich geschlossenes System.  Die Realität, die sie täglich verbreiten, erzeugen sie selber. Während die Öffentlichkeit als der Spiegel der Gesamtgesellschaft angesehen wird, stellt die öffentliche Meinung einen Spiegel für Politik dar. Nach Noelle-Neumann (Die Schweigespirale) ist die Bereitschaft, die eigene Meinung auch zu vertreten abhängig vom Meinungsklima. Öffentliche Meinung hat die Funktion zur Integration der Gesellschaft, die durch empirische Sozialforschung/Demoskopie  überprüft werden kann. Die These der Schweigespirale der Anpassung an eine (evtl. vermeintliche) Mehrheitsmeinung wird  mittlerweile obsolet sein, die des doppelten Meinungsklimas – dass tatsächliche und vermeintliche Mehrheitsmeinung auseinanderfallen, nicht.

der Cyberspace bot einen Freiraum

Das Internet bedeutete zunächst einen gewaltigen Freiraum der Publizität. Erstmals war der Zugang zu Medienöffentlichkeit nicht von Gatekeepern oder durch allzu großen finanziellen Aufwand beschränkt.  Der Cyberspace  bot allen Gegen- und Subkulturen (Tribes), Nerds  und Jungakademikern eine Heimstatt, neue Kommunikationsstrukturen konnten ausgelotet werden. In der entstehenden Netzkultur (bzw. Netzszene) entwickelte sich ein Anspruch als Öffentliche Meinung eben dieser sozialen Umgebung aufzutreten. Das Web 2.0, Blogs, die Piratenpartei, Konferenzen wie die re:publica und Barcamps sind bzw. waren allesamt Erscheinungen einer sich formierenden Netz- Sozialität.

Die neue Digitale Medienöffentlichkeit entstand mit der Verbreitung des Social Web als eines “formatierten” Internet. Erst damit wurde es massentauglich, erreichte die gesellschaftliche Breite. Die Struktur ist von Intermediären, den Zuträgern zu Information und Meinung, Inhalten und Angeboten, bestimmt. Das sind in erster Linie Google als Suchmaschine, Facebook als Social Network, youtube, im Handel haben Preisfinder Bedeutung. Die Timeline, das Suchergebnis sind Ausgangspunkt der Mediennutzung.  Im Marketing spricht man von Touchpoint und Customer Journey – parallele Begriffe dazu zu entwickeln, böte sich an.
Meinungsmacht der Intermediäre ist nicht dadurch gegeben, dass sie offensive Meinungen vertreten. Sie folgen geschäftlichen Interessen, sowie einem ausgeprägtem Behaviorismus. Einfluß erfolgt durch Gewichtungen und insbesondere Strukturmacht. Relevanz von Inhalten wird durch den Intermediären eigene Algorithmen strukturiert, Nutzerdaten sind Handelsware auf dem Werbemarkt.
So treffen im Social Web sehr unterschiedliche Strukturen aufeinander: In personalisierten Öffentlichkeiten konkurrieren private Kommunikation, redaktionelle Medienangebote und Angebote der Unterhaltungswirtschaft um Aufmerksamkeit. Redaktionelle Medien sind zu einem großen Teil bekannte Medienmarken, die Meinungsführerschaft/ Deutungshoheit beanspruchen, auf dem Pressemarkt aber an verkaufter Auflage verloren haben. Ausgenommen sind die öffentlich-rechtlichen Medien, deren Finanzierung durch Gebühren gesichert ist.

In personalisierten Öffentlichkeiten werden strittige Themen anders bewertet und gedeutet als in redaktionellen Massenmedien und in politischen Institutionen. Die Dynamik sozialer Netzwerken ist weniger von tradierten Hierarchien und Rollenmustern geprägt, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen (Axel Maireder). Ein plurizentrisches Meinungsklima kann sich entwickeln. Ein Auseinander-Driften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor kommt immer häufiger vor.  Was bedeutet der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit und was bringt er mit sich?

Öffentliche Meinung war historisch aus einer bürgerlichen Öffentlichkeit gewachsen, später wurde sie von den Massenmedien verkündet.  Im Netz ist sie zunächst volatil. Wahrscheinlich zeigt sich die Öffentliche Meinung am klarsten von der anderen Seite: dann,  wenn etwas nicht gegen sie durchzusetzen ist.

vgl: Frank Lobigs & Christoph Neuberger: Meinungsmacht im Internet und die Digitalstrategien von Internetunternehmen. Schriftenreihe der Landesmedienanstalten 51.; Gunnar Sohn: https://ichsagmal.com/   Konrad Lischka & Christian Stöcker: Digitale Öffentlichkeit – Wie algorithmische Prozesse den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen



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