Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis BrühlDer Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



Who is building a brain for the world?

Sam Altman,  der CEO von Open AI, hat einen programmatischen Text mit dem Titel The Gentle Singularity  online gestellt. Kurz darauf gab er seinem Bruder Jack Altman ein Videointerview: The Future of AI. 

Wenn der CEO eines BigTech– Unternehmens, wie Open AI, seine Zukunftsvisionen teilt, kann man davon ausgehen, dass Inhalt und Rhetorik strategisch auf ihre Wirkung hin durchdacht sind.

Das Interview zeigt Sam Altman im vertrauten Gespräch mit seinem Bruder auf dessen YouTube-Kanal. Moderne PR lebt davon, Entscheidungsträger von ihrer menschlichen Seite zu zeigen – als nahbare Persönlichkeiten. In diesem Fall verbindet sich ein persönlicher Gesprächsrahmen – eine Art familiäres Kamingespräch – mit einer maximalen globalen Öffentlichkeit.
Der Podcast A World with AGI*  in der Reihe Uncapped with Jack Altman #13 überschneidet sich inhaltlich mit dem Video-Interview, hebt jedoch einige Aspekte hervor, so etwa Altmans Meinungen zum Konkurrenten Meta.

Im Blogpost The Gentle Singularity geht es um nichts weiter als den Übergang zu einem neuen Zeitalter – dem einer Digitalen SuperintelligenzSam Altman beginnt mit Pathos, kündigt die Überschreitung eines Horizontes an, der sich der Menschheit eröffnet.  Er schreibt im  pluralen Wir – und dieses Wir steht für die Menschheit – der er die Furcht vor diesem Zeitalter nehmen will.
Es soll  ein sanfter/ gentle Wandel sein, eine allmählich entstehende Superintelligenz, die nicht plötzlich, sondern schrittweise Realität wird. Versprochen wird viel:  Intelligenz und Energie, Ideen und die Fähigkeit diese umzusetzen, werden im Überfluss vorhanden sein. Wissenschaftlicher Fortschritt beschleunige die Produktivität, KI lasse die Lebensqualität enorm steigen. Die KI soll für jeden leicht zu bedienen sein und bis in Details an persönliche Bedürfnisse angepasst werden können.

Wer aber diese Ressourcen kontrolliert bzw. verteilt, wird nicht genannt.  Im Kontext von KI bezeichnet Singularity eine maschinelle Intelligenz, die menschliche Intelligenz übertrifft – grundsätzlich ein radikaler Bruch, in den Auswirkungen alles andere als sanft. Das Adjektiv gentle/sanft stellt diese potenziell disruptivste Technologie als einen weichen Übergang, als sanfte Evolution dar –  ein Widerspruch in sich.

Der Text liest sich als Entwurf eines Cyber- Utopia: This is how the singularity goes: wonders become routine, and then table stakes.
Ein weichgespülter Techno- Utopismus, der die Risiken und die Fragen von Machtverteilung und -ausgleich auslässt. So ungebrochen habe ich schon lange nicht mehr von der Gleichsetzung von digitalem und gesellschaftlichem  Fortschritt gelesen.
Im Gespräch der beiden Brüder geht es um persönliche Einstellungen, v.a. aber um die Haltung zu den Mitbewerbern – in erster Linie Meta.  Altman plaudert von dessen Versuch, Mitarbeitende mit hohen Prämien abzuwerben und nennt dies ein schlechtes Zeugnis einer Unternehmens- und Innovationskultur.
Für  OpenAI spräche das beste Kompliment, das er je gehört habe. Es sei die einzige Tech Company, die den User nicht nervt und manipuliert: Google versuche, Nutzern schlechtere Suchergebnisse und Werbung zu zeigen, Meta versuche, das Gehirn zu manipulieren und Nutzer zum Doom-Scrolling zu bringen, Apple bombardiere Nutzer mit Benachrichtigungen. 

Die Kernaussage von Blogpost und Interview: Die Entwicklung einer digitalen Superintelligenz ist unvermeidlich – und das ist gut so. Altman präsentiert OpenAI als Forschungsunternehmen für Superintelligenz, sich selbst als einen Anführer der guten Sache. Im Vergleich zu anderen CEOs von BigTech-Unternehmen wirkt er wie der Hobbit unter den Oligarchen.

The Brain for the World? (steve-johnson-KI .unsplashed+)

We are building a brain for the world – ein Satz, der mit dem imperialen Wir anmassend erscheint und erschreckt.  Gemeint ist die gesamte Branche, nicht Open AI allein.
Ist die Tech- Branche dazu ermächtigt, Wissensgewinn, Kreativität und Kommunikation für uns alle neu zu gestalten?  Es geht um einen exponentiellen technologischen Wandel, um eine Landnahme. Letzteres bedeutet die Einnahme und Monopolisierung des durch die Wirkung neuer Technologien entstehenden Raumes.
Vorgestellt wird es uns als eine  natürliche Entwicklung, der wir vertrauensvoll folgen, die sanft genug ist, uns ihr problemlos anpassen zu können. Es klingt, als sei diese Entwicklung natürlich und notwendig und dass ihre Führung in guten Händen liegt.

In einem früheren Blogpost (2/25) heisst es, dass die Mission darin bestünde, sicherzustellen, dass AGI- Artificial General Intelligence* der gesamten Menschheit zugute kommt. Was die Tech-Industrie plant, wird als zwangsläufiger Fortschritt dargestellt.
Verstehen lassen sich diese Sätze als Ausdruck eines dominanten Gestaltungsanspruchs der Tech-Industrie. We are building a brain for the world ist eine solche archetypische Aussage aus dem Silicon Valley – eine klassische Aneignung von Zukunft, futures appropriation. BigTech betreibt World-Building und stilisiert sich als Vollbringer des menschlichen Fortschritts.

Gesellschaftlicher Wandel ist niemals, technologischer Wandel selten  kontinuierlich oder monokausal. Beide sind miteinander verbunden und es gibt eine Reihe von Erklärungsmodellen, darunter das der Technogenese (der Prozess, in dem technologische Innovationen nicht isoliert, sondern immer in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Strukturen und Kräften entstehen).
Eine Innovation, wie die von AGI bzw. einer Superintelligenz löst zwangsläufig  gesellschaftliche und politische Dynamiken von unbestimmten Ausmass aus.

Das Herauswachsen des Internet von experimentellen Inseln zu einer globalen Infrastruktur brauchte einige Jahrzehnte, verlief in mehreren Schüben und war von vielfältigen Diskussionen begleitet.
Mit dem Internet war lange Zeit die Vorstellung von Dezentralisierung und Demokratisierung verbunden, zu Recht, vorhergehende Machtverhältnisse wurden gelockert.
Es brauchte  20 oder mehr Jahre zur Herausformung der spezifischen, auf algorithmischer Kontrolle beruhenden Machtverhältnisse, die oft Überwachungskapitalismus genannt oder unter digitaler Oligarchie zusammengefasst werden. KI ist jetzt schon oligarchisch dominiert.
Superintelligenz ist immer noch Speculative Future. Die heutige KI, die sich etwa seit der Jahreswende 22/23 verbreitet hat, ist archivbasiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. Daten, die oft genug geklaut sind – d.h. ohne Zustimmung von Produzenten und Rechteinhabern verwendet werden. In den allermeisten aktuellen Diskussionen geht es um diese archivbasierte KI.
Die Resonanz reicht von fundamentaler Kritik zu oft abwägender Zustimmung. Die Nutzung ist zum einen effizienzgetrieben, zur Erledigung stark formalisierter Aufgaben – oft aber auch zur Konzeptentwicklung in etwa als  Sparring- Partner.

Altmans Postings und das Interview lassen sich als eine Image-Kampagne für die Positionierung von OpenAI in einem zukünftigen, technokratisch- geführten System lesen. Sie zielen darauf ab, eine hegemoniale Kontrolle über die Entwicklung von KI als unvermeidlich, unbestreitbar und gentle darzustellen. Allerdings stoßen diese Visionen auf starke Widerstände – werden teils als ein Pitch to the entrepreneurial class¹ beschrieben, als Versuch,  unternehmerische Eliten für diese Zukunftsvision zu gewinnen. Ein wenig erinnern sie an Googles Motto dont’be evil in der Vergangenheit.

Im Jahre 2025 liegen jedenfalls Erfahrungen zurück, die uns gegenüber gross angelegten Zukunftsvisionen von BigTech Unternehmen skeptisch machen. Es geht auch um  Machtverschiebungen. Das Recht der Stärkeren – wir tun es, weil wir es tun können –  ist wieder vermehrt Teil unserer Wirklichkeit, zu Lasten einer breiten Aushandlung.

Sam Altman: The Gentle Singularity:  (Blog 10.06.25) – KI-Training ist Urheberrechtsverletzung. ¹Virginia Backaitis: Why Sam Altman Is One of the Most Dangerous Men Alive,  11.06.25  David Golumbia: Cyberlibertarians’ Digital Deletion of the Left.  * AGI: Artificial General Intelligence- eine Form künstlicher Intelligenz, die nicht nur auf spezifische Aufgaben beschränkt ist, sondern über allgemeine kognitive Fähigkeiten verfügt – also Probleme in unterschiedlichsten Bereichen flexibel, selbstständig und auf menschlichem Niveau oder darüber hinaus lösen kann.

 

 



Trumpismus- Muskismus

Mehr Musk wagen? Meint Ex- Finanzminister Christian Lindner

An politisch agressivere Zeiten kann ich mich kaum erinnern. In schneller Folge eskalieren Konflikte, die man vor noch kurzer Zeit nicht für möglich gehalten hatte.
Dazu gibt es passende Bilder, passende Gesten und Sprüche.
In den USA eine Übernahme im Rekordtempo, ein autokratischer Umbau. Agressivität nach aussen, selbst gegen Verbündete wie Kanada und Dänemark. Nach innen sog. Disruption, was irgendwie nach schöpferischer Innovation klingen soll – gemeint ist aber die Zerstörung, zumindest die massive Schwächung der konstitutionellen demokratischen Infrastruktur.

Die Berichte überschlagen sich nochmals seit dem 4.02., als DOGE- Department of Government Efficiency, die eigens für Musk geschaffene Behörde in strategisch zentrale institutionelle Bereiche  eindrang.
So der Übergriff auf Finanzsysteme, die Bundeszahlungen abwickeln, incl  persönlicher Angaben zu Sozialversicherungsleistungen, Steuerrückerstattungen, Gehältern und Rentenzahlungen. USAID – die Agentur für internationale Entwicklung – stand in erster Linie des Angriffs. Die Agentur musste unter anderem klinische Studien und Entwicklungsprojekte abbrechen.
Beobachter nennen es einen administrativen Staatsstreich*, einen Angriff auf das Gesetz selbst
, a trojan horse for Elon Musk to gut labor, consumer, and environmental protections².
Trumps formale Regierungsmacht gewährt dem nicht gewählten Tech- Milliardär Musk direkte Kontrolle über staatliche Institutionen – auch jene, die seine Unternehmen regulieren und ihnen Aufträge erteilen. Ein nicht gewählter Milliardär lässt eine Kolonne ihm ergebener, junger Anhänger in die Behörden einrücken.  DOGE setzt sich über gesetzliche Beschränkungen und Beschlüsse des Kongresses hinweg.  Musk beeinflusst nicht nur die Politik, sondern auch Personalentscheidungen(vgl. NYT 4.02.). 
There is not one single entity holding Musk accountable. It’s a harbinger of the destruction of our basic institutions¹.

Die erste Trump- Präsidentschaft 2017 – 2020 liess sich als entgleiste Episode verstehen – die noch von intakten Institutionen austariert werden konnte.  Spätestens mit dem Sturm auf das Kapitol am 6.01.21 wurde die Missachtung konstitutioneller Regeln deutlich – bis zur Gewaltbereitschaft. Es war ein Zivilisationsbruch – Donald Trump ist der Alptraum an Machtbesessenheit, vor dem die Gründerväter einst warnten (SZ).

Der Schulterschluss mit den Oligarchen aus BigTech bringt eine neue Dimension, schafft eine neue Form autoritärer Herrschaft. Wie soll man sie nennen – dieses MashUp aus zwei Strömungen sehr verschiedener  Herkunft – adhoc- generisch  TrumpismusMuskismus?
Trumpismus hat bereits einen Eintrag im Gabler – Wirtschaftslexikon aufbauend auf einer Beschreibung des New Yorker Soziologen Jeff Goodwin. Schlüsselelemente sind demnach sozialer Konservatismus, neoliberaler Kapitalismus, ökonomischer Nationalismus, – gegen Migranten gerichteter – Nativismus und weißer Nationalismus. Die Verbreitung von Fake- News, zusammengefasst als Flood the zone with shit (Steve Bannon)– mit der Absicht die öffentliche Meinung zu verschieben, ist eine wesentliche Strategie.  

Die MakeAmericaGreatAgain Bewegung führt ein nostalgisches Narrativ, ausgerichtet an vergangene Glanzzeiten, bereits im Namen. Es geht um die Rückeroberung nationaler Souveränität und die Abkehr von Globalisierungsprozessen.
Die  Klientel geht über das hinaus, was in Analysen von Populismus bisher beschrieben wurde, neben Konservativen und Evangelikalen zählen auch Anteile von Gebildeten, Erstwählern, Latinos dazu. Ein Brückenideologie ist die Gegnerschaft zu Emanzipationsbewegungen – Wokismus ist ein klar verankertes Feindbild.

Auch der Begriff Muskismus wurde schon einige male genannt – zuerst als ein Universum für Superreiche, als ein Zusammenwirken von Technologiegläubigkeit und Turbokapitalismus.  
Musk
lässt sich in den cyberlibertären Strömungen der Tech Branche verorten. Der Umfang und die Breite seines Konglomerats sprengt aber mittlerweile den Rahmen. Es verbindet ökonomische, technologische und mediale Macht.
Trump und Musk eint der unbedingte Machtwille, eine stark narzisstische  Selbstinszenierung als Selfmademen und Disruptoren/ Störer des Systems. Beide betreiben die systematische Delegitimierung demokratischer Institutionen.
Gemeinsam verfügen sie über ein Fülle an Machtquellen: neben der formalen Regierungsmacht Trumps, die finanziellen und technologischen Ressourcen, von Musk, im weiteren das Mobilisierungspotential der MAGA- Bewegung. They don’t want to govern, they want to rule (Steven Levitsky). 

Hugo Drax – Elon Musk

Nicht nur der Astrophysiker Harald Lesch vergleicht Musk mit Hugo Drax, dem  Schurken aus dem James Bond Film Moonraker**.
Die reale wie die fiktionale Figur sind die jeweils reichsten Männer der Welt mit weltumspannenden  technologischen und politischen Visionen und Machtambitionen – incl. dem Ausgriff ins All.
Was den Vergleich so naheliegend macht, ist der Aufbau eines privaten Imperiums, das der Menschheit die eigene Version von Fortschritt aufdrängen will. Der Ausbau des Konglomerats folgt so Strategien, die weit über klassische Unternehmensziele hinausgehen.
Die Expansionen in Raumfahrt, Transport, KI, social Media, Neurotechnologie, incl. der Sammlung nutzbarer Daten – und seine ungehemmte Tatbereitschaft, deuten auf den Machtausbau hin. Jetzt kommt die Verbindung zur formal legitimierten Macht hinzu. Finale Ziele und Taktiken bleiben undurchsichtig. Dem Populismus haftet etwas Clowneskes, dem Faschismus etwas Dämonisches an³.
Musk sticht als solitärer Cyberlibertarian heraus – ihm hat Trump seinen Wahlsieg zu verdanken. Aber wie ist die Rolle der anderen Tech- Milliardäre zu sehen? Ihr Auftritt (+ ihre üppigen Spenden) bei der Trump’schen Inauguration bot ein iconisches Bild, das eine neue Allianz von technologischer, ökonomischer und politischer Macht zeigt.
Auch Marc Zuckerberg geht es um visionäre Langfristziele. Mit dem  Metaverse soll eine neue digitale Realität erschaffen werden, die über die klassische Social-Media-Welt hinausgeht – ein digitales Paralleluniversum, das Nutzer an eine von Meta gesteuerte Umgebung bindet.
Googles Leitspruch war einmal don’t be evil –   das gilt schon lange nicht mehr. Google/ Alphabet hat sich zu einem technokratischen Imperium entwickelt, das durch seine Dominanz in Suche, KI und digitaler Infrastruktur Kontrolle über den Zugang zu Information ausübt.
Jeff Bezos hat mit Amazon ein Handelsimperium geschaffen, das mittlerweile von Cloud-Computing (AWS) bis hin zu Logistik und Medien reicht. Er agiert als klassischer Monopolkapitalist, der Regulierung vermeidet und systematisch Marktmacht konzentriert.
Microsoft setzt auf institutionelle Einbindung und präsentiert sich als ‘verantwortungsvoller’ Partner. Apple hat ein geschlossenes Ökosystem aufgebaut, das Nutzer durch Hardware, Software und Services maximal bindet.”
Alle genannten Konzerne bzw. Milliardäre verfügen in ihren Geschäftsfeldern über de Facto- Monopole incl. der Kontrolle über entscheidende Infrastrukturen – was ein jeweils eigenes Problem der Macht von BigTech ist.
Ihre Haltung zu einer Disruption der Demokratie lässt sich in Stufen einteilen: Musk ist mit seinem Konglomerat ihr primärer Betreiber. Zuckerberg und Bezos lassen sich als opportunistische Mitläufer einstufen. 
Was sie verbindet, ist die Vision einer tech-gesteuerten Gesellschaft, in der gesellschaftlich kontrollierte demokratische Institutionen zunehmend durch privatwirtschaftlich betriebene digitale Monopole verdrängt werden. An  einem Punkt zogen sie bisher mit, dem Ende von Minderheitenschutz un Diversitätsprogrammen. 

LinkedIn Posting vom 30.01.25

Was in den USA geschieht hat direkte Rückwirkungen auf andere Länder. In Deutschland fällt die Zuspitzung der Situation mit dem Bruch der Ampelkoalition zusammen, wobei Musks direkte Einmischung zugunsten der AfD die Parallelen noch verstärkt.
So stehen die Ereignisse und Diskussionen in Deutschland unter dem Eindruck der in den USA.  Im Mittelpunkt der letzten Wochen stand die  symbolpolitische Öffnung der politischen Arithmethik nach rechts. Migration wurde in plakativer Weise zum zentralen Thema, ohne jede Differenzierung zwischen Flucht und Arbeitsmigration. Die Schliessung von Grenzen als Abschied von der europäischen Öffnung. Dazu wäre noch viel zu sagen, aber ist ein weiteres Thema …
Was bleibt, ist eine Spaltungslinie, die sich bis in private Umgebungen zieht.  Vorbereitet wurde die Polarisierung durch oft schrille Bashing- Kampagnen. Wokeness wurde als bewusst konstruiertes Feindbild importiert.

Zweimal ist bei mir in den letzten Monaten ein Grundvertrauen zersprungen: Zum einen das in den Digitalen Fortschritts, der bei allen Umwegen immer wieder neue Möglichkeiten offen hält, die sich gestalten lassen. Jetzt ist die Möglichkeit eines digitalen Faschismus hinzugekommen -und das ist ernst zu nehmen.
Das zweite Grundvertrauen war das in einen langjährig gewachsenen gesellschaftlichen Konsens, Probleme einverständlich lösen zu können – dabei die andere Position als das  legitime andere zu sehen und zu respektieren. 
.  

¹Was Inside Musk’s Aggressive Incursion Into the Federal Government. The New York Times 3.02.25.  Harald Lesch: Was Elon Musk mit einem Bond-Bösewicht gemeinsam hat. SZ 3.02.25  ²Robert Reich, Professor of Public Policy at UC Berkeley. *Annika Brockschmidt: Trump & Musk: Staatsstreich in den USA & keiner kriegt es hier mit? Volksverpetzer. 6.02.2025 *Timothy Snyder: Of course it’s a coup. Miss the obvious, lose your republic. 4.02.25  *Mark Schieritz: Sie sagen Disruption und meinen Staatsstreich. Die Zeit 4.02.2025. Jill Lepore: Muskismus – ein Universum für Superreiche. Philosophie heute 16.12.21,. Lorenz Blumenthaler: Musk, Trump und die digitale Gegenaufklärung   ³Marcel Lewandowsky in Was Populisten wollen, 2024



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