KI als Intermediär – Plausible Konfabulation

KI als Intermediär – Plausible Konfabulation. Bild:

KI wird immer mehr zu einer kognitiven Infrastruktur, die in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen genutzt wird. Sie automatisiert unzählige Vorgänge, vermittelt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, assistiert bei kreativer Arbeit und ist als alltägliche Instanz für Wissensfragen längst akzeptiert. Daneben wird mit ihr digitaler Schrott – sogenannter Slop – in erschreckend großen Mengen produziert.

Neulich in der Regionalbahn: Zwei Jugendliche, mitten im Gespräch, unsicher über die Richtigkeit einer Idee, zücken ihre Smartphones – Lass uns mal ChatGPT fragen. Rückbezug Nicht Google, nicht Wikipedia. Die Sprachmaschine ist zur Suchmaschine  geworden.  Ein einfaches Beispiel dafür, wie sehr sich die Nutzung von KI im Alltag verbreitet hat.

Ihre Funktion ist die eines Intermediärs. KI verbindet Nutzer mit einem Thesaurus aus Trainingsdaten – gesammeltem Wissen und kreativen Leistungen in Form von Texten, Bildern, Klängen, Code – grundsätzlich allem, was sich digital erfassen liess. Roberto Simanowski nennt sie Sprachmaschine. Sie zitiert nicht aus den Quellen, sie synthetisiert daraus
Der Thesaurus ist kein geordnetes Archiv, er ist ein qualitativ neues Datenreservoir, das sich bildlich als digitales Magma beschreiben lässt – eine aufgelöste Masse aus Texten, Bildern, Code, Meinungen, Fakten und Fiktionen, ohne Hierarchie, ohne Kuratierung.

Woher KI ihre Daten bezieht. Quelle: Semrush Study of 150.000 Citations, June 2025 – nach Klick in voller Auflsung auf neuer Seite

Woher KI ihre Antworten bezieht, zeigt eine Analyse von 150.000 KI-Zitationen (siehe Abb.): An erster Stelle steht Reddit (40,11%), gefolgt von Wikipedia (26,33%), YouTube (23,52%) und Google selbst (23,28%). Erst dann folgen Bewertungsplattformen wie Yelp, Amazon, Tripadvisor.  Was häufig zitiert wird, steigt nach oben. Was selten ist, versinkt.
Das digitale Magma ist nicht identisch mit dem öffentlich zugänglichen Web, aber es wird von ihm dominiert. Zwar fließen auch Wikipedia, wissenschaftliche Preprints, lizenzierte Nachrichtenarchive und – vermutlich illegal – Millionen urheberrechtlich geschützter Bücher, Bilder, Musikstücke in die Trainingsdaten. Doch allein das Volumen des Social Web übertrifft andere Quellen. Zusammengeschafft in gigantischen Web-Crawls – automatisierte Sammlungen von allem, was öffentlich zugänglich war KI ist weniger ein Konzentrat des Weltwissens als eine Quintessenz des Social Web.

Sprachmodelle verarbeiten statistische Muster, nicht Bedeutung, sie kennen keine Referenz ausserhalb ihrer statistischen Verteilungen.
Sie übersetzen Daten in natürliche Sprache,  KI wird zur vermittelnden Instanz, zum Intermediär von Wissen. Selber erzeugt sie kein Wissen und keine Erkenntnis, aber sie organisiert den Zugang zu den digitalen Wissensspeichern. Als Intermediär hat die KI also Einfluss darauf, was wir wahrnehmen und wie wir es verstehen.

Damit verschiebt sich etwas Grundlegendes. Suchmaschinen führten zu den Quellen – zu den Websites, Dokumenten, Publikationen, wo Wissen abrufbar war. Die Bewertung blieb den Nutzern selber überlassen. KI hingegen organisiert den Zugang nicht nach bibliothekarischen oder wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach statistischer Wahrscheinlichkeit. Sie führt nicht zu Quellen, sondern produziert synthetische Plausibilität. Eine vermittelnde Instanz ohne Eigenstandpunkt, ohne Referenz außerhalb ihrer statistischen Verteilungen.

In der Neuropsychologie bezeichnet Konfabulation das schlüssige Erfinden von Zusammenhängen bei fehlendem Wissen, ohne Täuschungsabsicht. Der Patient mit Gedächtnislücken füllt diese nicht bewusst mit Lügen, sondern mit dem, was seinem Hirn plausibel erscheint. KI-Modelle operieren ähnlich: Sie sind darauf trainiert, plausible Fortsetzungen von Texten zu erzeugen. Was statistisch wahrscheinlich klingt, wird zur Antwort.
Der Begriff Plausible Konfabulation ist daher kein Zynismus, keine Polemik, sondern bildliche Beschreibung eines Funktionsprinzips. Und dieses Prinzip lässt sich, bewusst eingesetzt, produktiv nutzen.
Plausible Konfabulation erleichtert den Ausgriff auf spekulative Ideen, auf Möglichkeitsräume jenseits des bereits Gewussten. KI kann als Sparringspartner für Gedanken dienen. Sie füllt Lücken, kombiniert Muster neu, kann divergente Denkräume öffnen, die sich ohne sie vielleicht nicht geöffnet hätten. Sie liefert Input, Varianten, unerwartete Kombinationen – der Nutzer wählt aus, bewertet, verwirft, verfeinert.
Die Stärke liegt im Aufzeigen des Möglichen, nicht in der einzig richtigen Lösung. Assistenz bedeutet hier nicht Automatisierung, sondern digitales Lektorat – ein Gegenüber, das Vorschläge macht, ohne Entscheidungen zu erzwingen. Der Nutzer bleibt Instanz der Bewertung, die KI liefert Material.

Die Wirkung von Konfabulationen unterscheidet sich je nach Anwendungsbereich. In strukturierten, abgegrenzten Domänen kann KI durchaus verlässlich als Wissens-Intermediär fungieren: In juristischen Datenbanken mit definiertem Corpus von Rechtsprechung und Gesetzestexten, in medizinischen Fachdatenbanken mit kuratierten Studien, beim Coding mit formalen Systemen und eindeutigen Regeln. Dort, wo Fragen und Thesaurus präzise aufeinander abgestimmt sind, wo Retrieval-Augmented Generation (RAG) den Zugriff auf verifizierbare Quellen sichert, bleibt die Konfabulation eingegrenzt.

Bei der Generierung von Bild- und Toninhalten, generell bei fiktionalen Inhalten, stellt sich die Frage nach Wahrheit nicht. Dort geht es nicht um Erkenntnis, sondern um ästhetische Plausibilität – um Stil, Stimmigkeit, emotionale Wirkung.  Ein KI-generierter Roman muss nicht wahr sein, der Reiz generierter Bilder liegt oft gerade in ihrer physischen Unmöglichkeit.
Die Probleme sind andere, Urheberschaft, Originalität, die Frage, ob kreative Leistung ohne intentionale Struktur überhaupt als solche gelten kann.
Problematik – die Konfabulation von Fakten, die Vermischung von Wissen und Spekulation – betrifft primär den Einsatz von KI als Wissens-Intermediär: dort, wo sie Suchmaschinen ersetzt, wo sie Produktrecherchen durchführt, wo sie auf Fragen antwortet, bei denen ein Wahrheitsanspruch besteht.

Die Sprachmaschine lässt die Suchmaschine nicht verschwinden, aber hat sie verändert. Google als dominierende Suchmaschine ist nicht mehr nur ein Index, sondern hat sich durch KI-Übersichten (AI Overviews) selbst zu einer synthetisierenden Antwortmaschine entwickelt. Über 60% der Suchanfragen führen mittlerweile nicht mehr zu Klicks auf eine externe Website*.
Das bedeutet ein Ende der gewohnten Intermediarität im Netz, in der Suchmaschinen zu den Anbietern von – meist SEO-optimierten – Inhalten vermittelten. Nutzer geben sich stattdessen mit einer generierten Kurzfassung zufrieden. Zero-Klick-Recherchen entziehen den eigentlichen Urhebern dieser Inhalte die nötige Aufmerksamkeit und damit oft die wirtschaftliche Basis. Inhalte werden destilliert, ohne deren Produzenten zu kompensieren. 

Vor gut einem Monat (5.12.2025) hat Anthropic, die Betreiberfirma der KI Claude Ergebnisse einer von KI-Agenten ausgeführten Studie online gestellt.  Insgesamt sind  1250  Interviewprotokolle zur Nutzung online verfügbar, Bereits der Einblick in eine kleine Auswahl macht deutlich, was funktioniert und was nicht.
KI funktioniert dort, wo strukturierte Aufgaben (Code, Lückentexte, Zusammenfassungen) mit klaren Anweisungen kombiniert werden. Sie scheitert, wo Ton, Stil, emotionale Intelligenz oder faktische Präzision gefordert sind.
Intentionalität ist der Knackpunkt. Menschen erwarten von KI, dass sie ihre Intention versteht und automatisiert umsetzt – so wie sie es von einem kompetenten Mitarbeiter erwarten würden. Genau das kann die KI nicht leisten. Sie hat keine Vorstellung davon, was gemeint ist, nur davon, was statistisch wahrscheinlich folgt.
Es ist nicht einmal ein rein technisches Problem. Das Verständnis der Intention und noch mehr die Ausführung in ihrem Sinne, zählt zu den höchsten Anforderungen in jeder Zusammenarbeit.
Die Erwartung, Aufgaben zu delegieren statt zu assistieren, führt systematisch zu Enttäuschungen.
In den gesichteten Interview-Beispiele finden sich durchweg Hinweise darauf. Die Texterin erhält konfabulierte Montessori-Beispiele, wenn es um Kindergärten geht. Der Architekt bekommt 100 Zeilen funktionierenden Code in kurzer Zeit – aber bei E-Mails wird der Ton nicht getroffen. Die Lehrerin generiert maßgeschneiderte Geschichten für Schüler, scheitert aber selbst beim KI-gestützten Französischlernen. Der Student lässt sich Fachbegriffe erklären, ist aber überzeugt, dass KI nie den emotionalen Vorteil eines menschlichen Arztes” ersetzen kann. Die KI liefert statistische Plausibilität, versteht aber nicht die Intention.

Kreative nutzen KI, um ihre Produktivität zu steigern, trotz der Kritik ihrer Kollegen und Zukunftsängsten. Sie müssen sich sowohl mit der unmittelbaren Stigmatisierung des KI-Einsatzes in kreativen Gemeinschaften als auch mit tieferliegenden Sorgen über wirtschaftliche Verdrängung und den Verlust der menschlichen kreativen Identität auseinandersetzen. **
Wissenschaftler wünschen sich eine Partnerschaft mit KI, vertrauen ihr aber noch nicht für die Grundlagenforschung. Sie äußerten einhellig den Wunsch nach KI, die Hypothesen generieren und Experimente entwerfen kann. Derzeit beschränken sie deren Einsatz jedoch auf Aufgaben wie das Verfassen von Manuskripten oder das Debuggen von Analysecode.**

Der Nutzer bleibt verantwortlich für die Angemessenheit (Appropriateness) des KI-Einsatzes. KI kann nicht entscheiden, wann ihre Konfabulation produktiv ist (bei kreativer Exploration) und wann sie problematisch wird (bei Faktenfragen mit Wahrheitsanspruch). Die Urteilskraft muss beim Menschen bleiben – und setzt voraus, dass er erkennt, wann er es mit Konfabulation zu tun hat.

KI kann ein Werkzeug für divergentes Denken sein. Sie öffnet den Raum für multiple Lösungswege, generiert Varianten, zeigt Möglichkeiten. Die Konvergenz – die Entscheidung für eine Lösung, die Bewertung der Angemessenheit – bleibt Aufgabe des Menschen. Die Maschine exploriert, der Mensch entscheidet.
Strukturierung, Argumentation, Synthese – Kernaufgaben der Wissensarbeit – werden zunehmend zwischen Mensch und Maschine ko-produziert. Die Frage ist nicht mehr, ob KI Teil intellektueller Arbeit wird, sondern wie diese Ko-Produktion gestaltet werden soll – und wer die Kontrolle behält.

Wer die Sprachmaschine nutzt, produziert meist mehr, schneller, glatter. Wer sie nicht nutzt, gerät oft ins Hintertreffen. Und weil (fast) alle sie nutzen, steigt das Tempo weiter. Die Maschine setzt den Takt – der Mensch passt sich an. Nicht unbedingt Fortschritt, oft ein Doping-Effekt. Die versprochene Zeitersparnis mündet in höhere Erwartungen an Geschwindigkeit und Volumen.
Man sollte nicht vergessen, dass der Sinn kreativer Arbeit in ihrer Wirkung auf Menschen liegt. Wenn sie beim Leser, Betrachter, Hörer etwas auslöst, hat sie sich oft schon gelohnt. KI kann für viele Zwecke eingesetzt werden, aber wir sollten entscheiden können, wann und in welchem Sinne.
Keine  Technik ist unschuldig – und KI ist es auch nicht.

vgl.: . Carsten Brosda: Bevor die KI unsere Demokratie verschlingt FAZ. 3.01.26 – *Impact of Generative AI on Search Traffic and Content Visibility. In : beanstalkim.com März 25 – **Anthropic: Introducing Anthropic Interviewer: What 1,250 professionals told us about working with AI – vgl. auch. DocCheck Flexikon: Konfabulation.   Roberto Simanowski:   Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligenz . C.H. Beck 2025,  288 S.   (Rezension) – Klaus Burmeister: .Ein Selbstversuch zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. LinkedIn 25.11.2025.



Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligenz – (Rez.)

Jede Technik hat die Macht, ihren ahnungslosen Nutzern die eigene Logik aufzudrängen – so beginnt es im Klappentext.  Zitierfähige Sätze und wirkungsvolle Sprachbilder gibt es zuhauf in  Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligenz von Roberto Simanowski.
Drei Jahre seit der Verbreitung von generativer KI tritt die Frage nach ihrer Wirkung auf unser Denken in den Vordergrund. Large Language Models wie ChatGPT, Claude, Gemini sind nicht mehr Zukunftstechnologie, sie durchdringen inzwischen die kognitiv-kreativen Bereiche unseres Alltags.
Roberto Simanowski ist Literatur- und Medienwissenschaftler, Medienphilosoph und Autor (Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz, 2020). Bereits 1999 war er Gründer von Dichtung-Digital, einem internationalen Online-Journal für Kunst und Kultur. Mit der digitalen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Wirkung ist er somit bestens vertraut.
Simanowski analysiert einen alltäglichen Souveränitätstransfer zwischen Mensch und Maschine (17). Nach welchen Standards geschieht das? Was geht durch die Automatisierung verloren? Von ‘KI’ spricht er selten; sein zentraler Begriff, die Sprachmaschine, ist bewusst gewählt. Der Begriff markiert eine Algorithmisierung der Kommunikation.

Welche Art von Medium ist die Sprachmaschine? Simanowski beschreibt sie als eine globale Technologie, die als riesiger Umschlagplatz von Werten fungiert (156). Damit verbunden ist eine zentrale Konfliktfrage der Globalisierung: Gleicht diese Technologie die Kulturen einander an, indem sie allen die gleichen Werte vermittelt, oder gleicht sie sich selbst den jeweiligen Kulturen an?
Ihre Funktion ist die eines Intermediärs: Sie verbindet den Nutzer mit einem mit Trainingsdaten gefüllten Thesaurus, dem gesammelten Wissen und  kreativen Leistungen der Welt,  der alles enthält, was sie kriegen kann. Die Maschine zitiert nicht daraus, sondern arbeitet damit. Sie übersetzt Daten in natürliche Sprache, vermittelt zwischen Anfrage und generierter Ausgabe. Dabei produziert sie das, was statistisch am anschlussfähigsten erscheint.

Das große Versprechen der KI-Revolution ist die Automatisierung kognitiver und kreativer Prozesse – auf der Basis von Big Data und auf Bezahlbasis. Simanowski beschreibt die Nutzerlogik: Sie kaufen die Kompetenz, die sie nicht haben und auch nie so effektiv entwickeln könnten, wie es die Sprachmaschine tut (vgl. S. 58).

Die Basis all dessen ist das Training der Sprachmaschine mit möglichst vielen verfügbaren Daten, ein heftig umstrittenes Thema (vgl. Der Wert von Kultur- und Wissensarbeit im Zeitalter von KI).  Simanowskis Haltung dazu ist relativierend, was mich überrascht. Er verweist auf transformative Verwendung und das Fair-Use-Prinzip (S. 57), auf das sich Betreiber beim Training der Modelle berufen können. Den Widerstand von Autoren gegen die unentgeltliche Nutzung ihrer Werke, hält er für verständlich, aber für kontraproduktiv. Ihre Verweigerung senke lediglich die Standards der Sprachmaschinen-Outputs, während ihre Mitwirkung die Qualität heben würde (vgl. S. 59).

Simanowskis Argument beruht auf einer Analogie. Wir alle synthetisieren das, was wir geistig aufnehmen, und geben das Ergebnis – einen Text, ein Bild, einen Song – in die Welt zurück, unter unserem Namen und gegebenenfalls mit Urheberanspruch und finanziellem Interesse (S. 57). Wenn wir Texte schreiben, haben wir andere gelesen; wer malt, hat andere Bilder gesehen; wer komponiert, hat andere Musik gehört. Was Menschen daraus machen, fällt unterschiedlich aus – abhängig von Intention und Ambition. Oft bleibt es bei Reproduktion, manchmal entsteht etwas Neues, evtl. sogar Kunst.

Lässt sich diese Ebene individueller kreativer Synthese mit dem industriellen Ausmaß der KI-Konzerne vergleichen? Die Analogie verdeckt mehr, als sie erhellt. Tech-Konzerne privatisieren gratis gesammelte kulturelle Inhalte (Training) und monetarisieren anschließend die Abhängigkeit der Nutzer von den resultierenden Modellen (Bezahlung). Die Infrastruktur der kognitiven Automatisierung wird somit monopolisiert – ein Vorgang, der mit massiven Machtasymmetrien einhergeht.

Simanowski versteht sein Buch nicht als systematische Abhandlung, sondern als einen explorativen Denkprozess. Er selber nennt es vagabundierendes Denken. Es geht um Einsichten, aus denen sich etwas machen lässt, sein Antrieb ist intellektuelle Neugier (vgl. S. 43).
Die Sprachmaschine bestätigt ihn: Diesem Text geht es nicht um Bullet Points, sondern um Denkfiguren –  so das Urteil von ChatGPT über das Buch (S. 43).
Die politische Ebene wird zunächst ausgeblendet (vgl. Profil-Interview, Textauszug unten). Erst an späterer Stelle (188ff) werden politische Bezüge weiter ausgeführt. Politische  Gestaltungsmöglichkeiten werden nicht weiter behandelt – und sind wohl auch thematisch nicht vorgesehen. Simanowskis Absicht ist eine Erkundung, keine Agenda. Die Sprachmaschine erscheint so neutraler, als sie ist.

Die Exploration steht im Zeichen von fünf Fragen, die sich in den fünf Kapiteln des Buches entfalten. Damit entsteht zwar keine Systematik, aber eine Kartierung von Wirkungen der Sprachmaschine:  Was ändert sich, wenn der Sender des Textes eine Maschine ist ? Was geschieht, wenn Sprache nur noch als Statistik behandelt wird? Wer gibt der Sprachmaschine mit welchem Mandat welche Werte vor? Wie verändert sich die Souveränität des Menschen, wenn er sich einer Sprachmaschine bedient? Warum ist die Entwicklung der Sprachmaschine trotz ihrer Risiken unausweichlich? (40)
Autorenschaft
, Rechenfehler, Werte-Export, Entmündigungsschichten und Fortschrittsfalle sind die Titel der Kapitel und gleichzeitig die Felder der Explorationen. Sie knüpfen jeweils an Teildisziplinen der Philosophie an: Sprach-,  Erkenntnis-, Moral- und politische Philosophie, Geschichtsphilosophie.

Das Kapitel zur Autorenschaft  – Wen kümmert es, wer aus der Sprachmaschine spricht? führt in die sprachphilosophische Tradition. Simanowski reiht die Klassiker auf: Herders Sprache als Abdruck der Seele, Heideggers Die Sprache ist das Haus des Seins, Wittgensteins Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Diese Sätze sind mehr als blosse Referenzen – sie markieren eine fundamentale Einsicht. Sprache konstituiert Subjektivität, erschließt Welt, begrenzt und ermöglicht Denken. Wenn Sprache uns prägt und unsere Welt erschließt, dann ist die maschinelle Sprache nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Hausfriedensbruch, der in unser Sein eindringt, um zu bleiben (17). 
Einen theoretischen Angelpunkt bildet Roland Barthes Essay Der Tod des Autors (1967), ein Schlüsseltext des Poststrukturalismus und der modernen Literaturtheorie.Simanowski fasst ihn so zusammen: Der Mensch ist nicht souveräner Eigentümer seiner Äusserungen. Vielmehr sind diese das Ergebnis der Diskurse, an denen er teilhat. Jeder Autor ist das, was er gelesen hat; er ist nicht die Quelle seiner Worte, sondern eine Art Mixer oder Durchlauferhitzer (50).
Die Sprachmaschine verschmilzt nicht nur einzelne gelesene Texte, sondern synthetisiert das gesamte verfügbare Textkorpus. Generiert sie damit einen Welttext (61) – eine universale, autorlose,  statistisch generierte Erzählung der Menschheit? KI-Texte können die perfekten Texte ohne Autor sein, reine statistische Reproduktion.

Das Kapitel Rechenfehlerdas mathematische Denken der Sprachmaschine knüpft an die Erkenntnisphilosophie an. Es geht um die Rechenprozesse hinter den Texten – ihre allmähliche Verfertigung beim Rechnen,  um den Vektorraum, in dem Token zueinander in Beziehung stehen. Die Anschlusswahrscheinlichkeit lässt sich regulieren und damit der Stil temperieren. Schliesslich auch um einen drohenden Kipppunkt: Wenn die Sprachmaschine zur Inzest-KI  (101) wird und nur noch solche Daten verarbeitet, die sie selbst bereits produziert hat – eine Endlosschleife statistischer Selbstreferenz.

Umfangreichstes Kapitel (109-184) ist Werte- Export – Die moralische Zweiterziehung der Sprachmaschine, mit Bezug zur Moralphilosophie. Hier geht es um den oben genannten Umschlagplatz von Werten, um die politisch-kulturellen Auseinandersetzungen  darüber, auf welche Wertvorstellungen das Trainingsmaterial der Sprachmaschine  ausgerichtet wird.
Export verweist auf die Dominanz eines Zentrums, das für universelle Werte steht – oder eben doch bloß für westliche Werte bzw. ihre Gegenpositionen. Es geht darum, welche sozialen Welten gespiegelt werden sollen – und wessen Normen als selbstverständlich gelten. Mit KI verstärkt sich die Hegemonie des Globalen Nordens: Technologische Dominanz sichert kulturellen und politischen Einfluss.
Was in den Trainingsdaten der Sprachmaschine vorherrscht, bestimmt  ihren Output,  und ist  das Abbild einer statistischen Realität.
Die moralische Zweiterziehung der Sprachmaschine ist derzeit Schauplatz eines politischen Kulturkampfes in den USA – zwischen Wokeness und ihren Gegnern. Auseinandersetzungen, die bis an die Stellschrauben des Finetunings und Post-Trainings reichen. Welches Alignment ist zulässig? Wie weit darf man den Output in erwünschte Richtungen lenken?
Es wird deutlich, dass wenige privatwirtschaftliche Unternehmen zentrale Kommunikationsmittel und Zugänge zu Wissen kontrollieren.

In Kapitel Entmündigungsgeschichtewenn die Sprachmaschine uns zu sehr zu Diensten ist kommen politische und kulturkritische Fragen zum Zuge. KI ist ein zentraler Faktor einer Machtverschiebung zwischen staatlichen und wirtschaftlichen Systemen – oder besser gesagt, zwischen öffentlich kontrollierten und gewinnorientierten Systemen.
Angesprochen werden die Gefahr von Oligarchien, aber auch der Erosion von menschlicher Urteilskraft und intellektuellen Autonomie durch die Auslagerung kognitiver Erfahrung: Das Gehirn bleibt immer mehr hinter dem zurück, was es ohne Sprachmaschinen leisten könnte(210) -Schliesslich auch das Wohlverhalten der K: Warum ist sie immer so nett?

Im letzten Kapitel Fortschrittsfalle geht es um die Unausweichlichkeit der Sprachmaschine, um eine Eigendynamik, der man sich kaum entziehen kann. Künstliche Intelligenz ist gleichzeitig Triumph und Kränkung menschlicher Schöpfungskraft  Technology happens because it is possible – einverstanden – aber wem gehört sie? 

Das Fazit des Autors: Wir brauchen Philosophische Medienkompetenz – Bild: unsplash+

Simanowskis Fazit zum Abschluss ist die Forderung nach einer spezifischen KI-Kompetenz (261ff), einer  Philosophischen Medienkompetenz, Eine Kompetenz, die über die  Nutzungskompetenz hinausgeht. Es muss eine Medienreflexionskompetenz sein, die es dem Nutzer ermöglicht, die Logik der Technik zu erkennen und für sich zu nutzen, und sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.
An anderer Stelle nennt er KI als möglichen Auslöser eines neuen Digital Divide, als digitale Kluft – für die einen führt der Umgang mit ihr zur Verblödung, für die anderen wird es produktiv.

Das Buch hält das, was der Autor ankündigt – eine Exploration entlang von  Fragen. Er nennt es selber vagabundierendes Denken.  Mit den Fragen entsteht dann eben doch eine Art Systematik, zumindest Kartierung  der Wirkungen. So leistet das Buch einen wesentlichen Beitrag zur aktuellen Debatte.
Die Frage, ob KI  demokratische und professionelle Fähigkeiten stärkt oder untergräbt, treibt nicht nur Simanowski um. Seine Beobachtung einer erodierenden Souveränität, sogar kognitiven Verlusten, und der Monopolisierung von Wissenszugängen findet sich in vielen zeitgenössischen Beobachtungen wieder. Ein aktueller Essay des Zukunftsforschers Klaus Burmeister beschreibt dies als Selbstversuch zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. Burmeisters Perspektive ergänzt Simanowskis philosophische Grundlegung – zeigt, dass diese Debatte weiter geführt wird.

Die teilweise Ausblendung der politischen Ebene hat mich zunächst irritiert. Die Diskussionen der vergangenen Monate waren von genau dieser Frage geprägt: den Effekten der Technologie selbst und den Machtstrukturen, die sie hervorbringt. Hier zeigen sich Parallelen zur Entwicklung der sozialen Medien: technische Innovation einerseits, oligarchische Infrastruktur andererseits. Dass Simanowski diese Ebene erst spät und knapp einbezieht, habe ich als Leerstelle empfunden. Sie erklärt sich aus seiner Absicht der Erkundung, nicht des Agenda-Setting – bleibt aber ein Thema, das in der öffentlichen Debatte weitergeführt werden muss.

Roberto Simanowski:   Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligen . C.H. Beck 2025,  288 S.  . Klaus Burmeister: .Ein Selbstversuch zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. LinkedIn 25.11.2025.

zu *: In einem Interview mit der österreichischen Zeitschrift Profil erklärt Simanowski: ‘Wir können die Profitgier der Plattformen und Unternehmen geißeln und aufdecken. Das hat mich aber weniger interessiert, denn auch dahinter steckt eine gewisse Logik, der diese Konzerne selbst nicht entkommen.’ Die Alternative wäre, ‘das marktwirtschaftliche System in Frage zu stellen’ – doch die sei ‘vor 35 Jahren weggebrochen’. aus: Was die Maschinen sprechen: Roberto Simanowskis KI-Philosophie In:  Profil Nr 45/2025

 



Das politische Jahr 2025 und seine Bilder

Wie kommt man dazu, einen Jahresrückblick zu schreiben,  wenn gerade erst die Blätter gefallen sind?

Der Capo und die Oligarchen: America’s tech leaders can’t stop praising Donald Trump 

Das politische Jahr 2025 begann mit der 2. Trump-Wahl am 5. Nov. 2024, gleich am nächsten Abend liess die FDP die Ampel platzen.
Zwei Einschnitte an einem Tag, die seitdem mit der Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts verbunden sind.

Der Machtwechsel in den USA brachte einen Bruch in der Substanz und im Stil: Angriffe auf Institutionen, autoritäre Machtdemonstrationen, einen Abbau demokratischer Konventionen und Spielregeln,   Provokationen  gegen Verbündete.
In Lateinamerika nennt man es Autogolpe/Selbstputsch, wenn ein legal gewählter Politiker schrittweise die demokratischen Institutionen untergräbt.
Ein gewählter Amtsträger nutzt legale/semi-legale Mittel, um demokratische Checks and Balances auszuhebeln. Die Erosion demokratischer Institutionen erfolgt von innen.
Die USA haben ein anderes Gewicht.  Ihr Status als Weltmacht gründet sich – neben wirtschaftlicher und militärischer Dominanz – auf das kulturelle Modell einer liberalen Demokratie. Ihr Imperialismus war, bei aller Kritik daran, darin eingebunden. Auch der Aufbau der digitalen Kultur wurzelte in einem utopisch-emanzipatorischen Selbstverständnis.
Eine entscheidende Rolle im Richtungswechsel spielt Cyberlibertarismus,  eine Ideologie, in der techno-utopische mit marktradikalen Ideen zu einer Fundamental- Opposition gegen jede Form gesellschaftlicher Regulierung des Internet verwuchsen (vgl. Text).
Aus einem sendungsbewussten Selbstverständnis der City upon the Hill wird ein Imperialismus ohne zivilisatorische Mission.  Peter Thiel, einer der einflussreichsten BigTech Oligarchen, konstatierte:  Most importantly, I no longer believe that freedom and democracy are compatible.

Im Frühjahr hatte ich in einer ausführlichen Analyse die gegenseitige Überlagerung von  Rechtspopulismus und digitalem Kapitalismus, zwischen Maga und BigTech als ein Mash-Up bzw. eine Verklumpung dargestellt. Eine Analyse, die auch zum Jahresende weitgehend zutrifft.
Das Bündnis besteht über Einzelpersonen hinaus. Elon Musk nahm zu Beginn eine zentrale Stellung ein.  Der Konflikt zwischen Trump und Musk war absehbar, beide verkörpern narzisstische Machtansprüche, die gegeneinander kollidieren.

Flood the world with Shit -Der Präsident im Königskostüm nimmt den Slogan wörtlich

Die Einschnitte zeigen sich drastisch in Bildern, die um die Welt gingen. Entscheidend waren die von Trumps Inauguration, die eine Bündelung politischer, wirtschaftlicher und medialer Macht vor Augen führten. Tech-Oligarchen huldigten dem Präsidenten, als wären sie Höflinge eines neuen Königtums.
Ähnliche Bilder gab es nochmals Anfang September bei einem Dinner mit den versammelten Tech CEOs (s. Bild oben). Alle waren erschienen, auch Bill Gates, Tim Cook von Apple und Sam Altman von Open AI, denen man nicht unbedingt eine Nähe zum Trumpismus nachsagt. Ein skurriles Szenario: Die versammelten CEOs, die den mächtigsten Konzernen der Geschichte vorstehen, werden von Trump – der wie ein Capo der Mafia auftritt – herumdirigiert. Und sie können nicht aufhören, ihn zu preisen. So sieht ein Machtsystem aus (Link zum Video).
Dazu passt Trumps pompöse Stilwelt mit Gold und Marmor, die an Autokraten wie Putin und Erdogan erinnert.

Würdelos zeigte sich Trump in seiner Reaktion auf Proteste gegen ihn. Der Präsident der westlichen Führungsmacht generiert ein KI-Video, auf dem er mit Königskrone auf dem Kopf einen Jet steuert und sein Volk mit Exkrementen beschiesst! Der Slogan Flood the zone with shit wird wörtlich genommen. Ein markantes Beispiel von Dezivilisierung.
Es sind solche Bilder, die sich eingeprägt haben. Trump, der als scheidender Präsident den Sturm auf das Kapitol – das Monument der US-amerikanischen Demokratie – anfeuerte, wurde mit tatsächlicher Mehrheit zu ihrem obersten Repräsentanten gewählt.

Herrenrunde mit Portionsfläschchen und Konferenzgebäck

Ganz anders sind die Bilder aus Deutschland, denen jede pompöse Inszenierung fehlt – sieht man etwa vom Video-Auftritt  Elon Musks beim AfD- Parteitag ab.
Gerade in seiner piefigen Schlichtheit erregte ein Bild aus der Führungsriege der Union Aufsehen. Sechs Männer, keine Frau, an einem Konferenztisch, wie er tausendfach in Büroetagen steht. Portionsfläschchen, Konferenzgebäck, Mappen. Ein Selbstverständnis, das gar nicht inszeniert werden muss.
CDU und CSU haben diese Bundesrepublik geprägt – 52 Jahre Regierungszeit, Unterbrechungen gelten als Ausnahme. Ohne jeden Zweifel sehen sie sich als legitime Inhaber der Macht. So schlicht das Bild wirkt, führt dieser Politikwechsel zu einer Agenda, die v.a. das rückgängig machen will, was nicht in ihre Kontinuität passt. Man kann es  Gegenreformation oder Restauration nennen.
Träger dieser Politik ist in erster Linie der rechte Flügel der Union, eingezwängt zwischen einer erstarkenden AfD und  einem noch vorhandenen liberalen Flügel. Von der SPD ist kaum etwas zu bemerken. Betrachtet man die Lage genauer, erscheint das deutsche Parteiensystem instabiler denn je. 

Eine autoritäre Wende gibt es nicht, aber immer wieder Schwenks zu rechtspopulistischen  Positionen. Die verbalen Aggressionen richten sich gegen die Grünen und die mit ihnen verbundenen Programmpunkte, so sehr, dass Zusammenarbeit mit ihnen schwer vorstellbar wird. Simple Themen wie Gendern und vegane Produkte werden ideologisch aufgebauscht. Konzepte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tech-Ethik werden nicht explizit zu feindlicher Ideologie erklärt, aber grundsätzlich angegriffen.  Einfluss und Lobbyarbeit der fossilen Energiewirtschaft sind deutlich spürbar. Das Gesellschaftsverständnis ist eher das einer Standortgemeinschaft.
Auf europäischer Ebene kam es zu ersten Zusammenarbeiten mit Rechtsradikalen. 

Bildquelle: Sumaid pal Singh Unsplash+

KI ist 2025 weiterhin das dominierende Thema – wenn nicht noch mehr als in den Jahren 2023 und 2024.  Die spekulativen Phasen des Hype sind  allerdings vorüber. Die Diskussionen wurden konkreter. KI ist weniger Projektion als eine vielfach präsente und genutzte Technologie. An Chatbots in der Kundenkommunikation, Coding mit KI, Anwendungen im Gesundheitswesen, in  Bildung, Verkehr und Verwaltung hat man sich gewöhnt.
Verbreitet gibt es eine pragmatische Einstellung, eine abwägende Zustimmung. Die meisten Nutzer haben Erfahrungen gemacht, wann KI nützlich ist und ihre Möglichkeiten ausprobiert.  Die Perspektiven auf KI sind differenzierter geworden: breite Nutzung, mehr Anwendungen, aber auch scharfe Kritik.
Social Media haben das Konzept Öffentlichkeit verändert – von einer medial synchronisierten Realität zu parallelen Realitätsblasen. KI verändert wie wir Wissen produzieren und darauf zugreifen, – mit noch nicht absehbaren Folgen.

.Generative KI ist ein Konzentrat des öffentlich zugänglichen Internets – hauptsächlich text-basiert, überwiegend englischsprachig, westlich dominiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. KI steht heute für eine neue Stufe von Intermediarität – eine Vermittlungsinstanz zwischen den Teilnehmern der digitalen Informationssphäre. Ein qualitativ neuer Datenrohstoff entsteht: das Aggregat aus allem digital Verfügbaren. Texte, Bilder, Code verschmelzen zu einem statistischen Magma, aus dem KI neu synthetisiertes Wissen generiert – ohne Rückbezug auf Quellen, nur Rekombination von Mustern. Nicht nur sinnvolle Inhalte, sondern auch massenhaft produzierter Slop/ Müll

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt

Grundsätzliche Kritik gibt es v. a. auf zwei Ebenen. Zum einen die Aneignung von Kultur und Wissen. Kreative Kulturproduzenten sprechen vom größten Diebstahl der Menschheitsgeschichte – und gemessen am Datenvolumen ist das nicht übertrieben. Generative KI hat sich das Wissen der Welt einverleibt: Texte, Bilder, Musik, Code – alles wird zu Trainingsdaten. Ohne zu fragen, ohne zu zahlen, ohne Urheber zu nennen. Aus diesem angeeigneten Material generieren LLMs neue Werke, die mit den Originalen konkurrieren. Illustratoren, Texter, Programmierer sehen ihre Arbeit entwertet. Im weiteren die Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Generative KI ist nicht neutral. Sie kann leicht von autoritären und faschistoiden Bewegungen vereinnahmt werden – und wird es bereits.

KI hat einen Börsen-Hype erzeugt, aber es wurde noch kein profitables Geschäftsmodell aufgebaut. Big-Tech-Konzerne haben in zwei Jahren über 500 Milliarden Dollar investiert, die Einnahmen liegen bei 35 Milliarden. Die Blase kann platzen – die Infrastruktur bleibt – aber in wessen Händen?

Seit November 2024 hat sich das politische Klima massiv nach rechts verschoben, global, in den USA, in Europa, in Deutschland. Trump folgt dem Muster illiberaler Autokraten wie Orbán oder Erdoğan. Demokratische Institutionen bestehen formal weiter, werden aber gezielt entkernt. Die USA haben aber stärkere institutionelle Schutzmechanismen,  Föderalismus, eine Rechtskultur, eine lebendige Zivilgesellschaft, entscheidend ist deren tatsächliche Widerstandsfähigkeit
Tech-Unternehmen verfolgen einen Imperialismus ohne Staat – eine  extraterritoriale Macht durch digitale Infrastruktur. Ihre Allianz mit autoritären politischen Kräften ist nicht zufällig, sie folgt gemeinsamen Interessen.
Die tatsächliche Widerstandsfähigkeit hängt von fragilen Faktoren ab: politischer Kultur, der Bereitschaft der Zivilgesellschaft zum Widerstand, der Unabhängigkeit der Justiz – und dem Willen, diese zu verteidigen.

vgl. die Blogbeiträge zu Cyberlibertarismus, Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem , KI und Neuer Faschismus  und KI und der Wert von Kulturarbeit. — Nach Klick werden alle Bilder in voller Grösse auf einer neuen Seite angezeigt  



Der Browser mit dem Informationsüberschuss

Deep Dive im Datenmagma: KI- Browser Atlas von Chat GPT

OpenAI hat in der letzten Woche den Browser ChatGPT Atlas vorgestellt. Ich habe ihn heruntergeladen und genauer angeschaut.

Atlas zählt zur neuen Generation von  KI-Browsern und wird von OpenAI als konsequente Weiterentwicklung des Browsers im Zeitalter der KI vorgestellt.  In der KI-Integration geht Atlas weit darüber hinaus, was etwa Comet von Perplexity bietet.
Standardmässig zeigt der Browser bei Suchanfragen keine Link- Liste, sondern eine KI-generierte Übersicht zum Suchbegriff an. Schlechte Zeiten für die Betreiber der Websites des World Wide Web- die Zugriffe auf ihre Inhalte werden sich so verringern. Für Medien, Blogs, kleinere Anbieter und wissenschaftliche Seiten bedeutet das einen massiven Verlust an Reichweite.

Atlas zu benutzen erfordert zunächst  eine Anmeldung mit einem bestehenden oder neu zu errichtenden ChatGPT Account – von da an ist man fest verbunden. Atlas ist kein Browser mit ChatGPT, sondern ChatGPT mit Browserhülle.

Kaum eingeloggt, werde ich vom Bot wie ein alter Bekannter begrüsst, mit persönlich angepasster Wortwahl – als ob ich in ein neues Wunderland eintrete und gleich an die Hand genommen werde. Meine Fragen nach den Funktionen, was neu ist im Vergleich zu anderen Browsern – und auch eine soziologisch-kritische Einschätzung,  werden umfassend beantwortet, alles erfolgt  in demselben persönlich zugeschnittenen Ton.

Kein Wunder, denn Atlas greift auf ein Archiv, (oder nennt man es besser Dossier?) zurück., in dem das wesentliche aus knapp drei Jahren (seit 1/23) mehr oder weniger intensiver Chat GPT Nutzung gespeichert ist.  Es gibt einen Ort dafür – das sind die Erinnerungen/ Memories, einsehbar über Einstellungen <Personalisierung.
Alle Memories beginnen mit Der Benutzer hat…/arbeitet an…/ befasst sich mit… und fassen den Inhalt der einzelnen Sitzungen zusammen. Mir wird mulmig dabei, mit dem Gefühl, das eine neue Schwelle automatisierter Überwachung überschritten wurde. Dabei fällt mir ein Erlebnis ein, als ich vor Jahren in einer Büroschublade Merkzettel fand, kurze,  indiskrete Notizen zu den persönliche Eigenheiten von Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden. Nicht offiziell, sondern private Gedächtnisstützen. Aber wirksam bei späteren Entscheidungen.

Die Memories lassen sich zwar deaktivieren, doch wenn sie aktiv sind, merkt sich Atlas, was man liest, sucht, formuliert – quer über Tabs und Sitzungen hinweg. Kein klassischer Verlauf mehr, sondern ein zweckgerichtetes Gedächtnis, das Muster erkennt und verdichtet. Dieses Erinnerungsfeld gehört nicht mehr dem Nutzer, sondern wird im Ökosystem von OpenAI verwaltet.
Dann gibt es die Einstellung Browsing und Suche verbessern helfen  unter Datenkontrolle: Sie erlaubt es, Atlas regelmäßig Teile des Surfverlaufs und der Nutzungsdaten an OpenAI zu senden.
Die eine Funktion schafft ein Gedächtnis im System, die andere füttert das System selbst – zusammen bilden sie das Reservoir eines neuen Informationsüberschusses.

Der Begriff geht zurück auf Niklas Luhmanns Verweisungsüberschuss von Sinn. Neue Medien oder Techniken stellen Möglichkeiten bereit, für die es zunächst keine konkrete Verwendung gibt.
Shoshana Zuboff beschrieb 2018 in ihrer Analyse des Überwachungskapitalismus, mit  Verhaltensüberschuss jenen Anteil an Nutzerdaten, der nicht zur Verbesserung von Diensten gebraucht, aber dennoch gesammelt wird. Bei Google wurde aus diesem Überschuss ein Geschäftsmodell. Der Verhaltensüberschuss ermöglichte Vorhersagen über künftiges Nutzerverhalten und damit personalisierte Werbung.  Daten, die vorher ungenutzt blieben, wurden zu verwertbaren Aktiva.

Bei Google waren es Klicks und Verweildauer, in der KI- Datenwirtschaft geht es um Gedankenbewegungen und Formulierungen, um das stille Konzentrat aus Interaktionen, Emotionen, Lese- und Schreibgewohnheiten, das im Hintergrund entsteht. Der Nutzer wird nicht mehr beobachtet, sondern begleitet.
Ein qualitativ neuer Datenrohstoff entsteht. Nicht was jemand tut, sondern warum,  das semantische Profil eines Subjekts. Diese Informationsdichte ist ökonomisch wertvoller als Klicks oder Käufe, weil sie Vorhersage durch Verständnis ersetzt. Hier entsteht der entscheidende neue Informationsüberschuss. 

Mein erster Eindruck bestätigt sich: Atlas (und das ChatGPT-Ökosystem insgesamt) markiert einen Paradigmenwechsel: Die KI wird nicht mehr aufgerufen, sondern ist dauerhaft präsent. Nicht mehr Werkzeug, sondern Begleiter, nicht mehr Reaktion, sondern Präemption – vorauseilende Handlung. Die KI vergisst nicht, sie akkumuliert. Das System soll vor dem Nutzer wissen, was er braucht, denkt oder sucht.

Der ökonomische Hintergrund erklärt die Dringlichkeit. OpenAI steht trotz Milliardenumsätzen vor massiven Verlusten – die enormen Kosten für KI-Training und -Betrieb übersteigen die Einnahmen. Ein eigener KI-Browser soll neue Einnahmequellen erschließen und durch direkten Nutzerzugang, Datensammlung und darauf folgende Monetarisierung die wirtschaftliche Position stabilisieren.
Browser sind mehr als Software, sie sind die Zugangspforten zur digitalen Öffentlichkeit, Schnittstelle zwischen Nutzer und Web. Sie definieren, wie Inhalte dargestellt werden, welche Daten gesammelt und wie sie genutzt werden. Wer den Browser kontrolliert, beeinflusst Nutzungsverhalten und  kollektive Gewohnheiten, die Art und Weise, wie Menschen das Internet erleben.
Es geht um die Vormacht im Netz. Seit über einem Jahrzehnt dominiert Google mit Chrome den Browser-Markt – mit etwa 68% Marktanteil erreicht das Unternehmen Milliarden Nutzer. Chrome ist auf die Interessen des Mutterkonzerns Alphabet optimiert: nahtlose Integration mit Google Search, direkte Anbindung an Ad-Systeme, Kontrolle über Datenflüsse. Jede Browser-Ära war nicht nur Technik-Wettbewerb, sondern Kampf um die Kontrolle des wirtschaftlichen Ökosystems im Netz.
Atlas ist OpenAIs Versuch, diese Hegemonie zu brechen, ein Machtkampf mit offenem Ausgang. Google/ Alphabet ist nicht wehrlos: Gemini könnte in Chrome integriert werden, und hätte sofort Milliarden Nutzer. Der Unterschied läge dann nicht mehr in der Technologie, sondern nur noch darin, wessen Informationsüberschuss wächst.
Eine solche Verschiebung. vom Modell des Verhaltensüberschusses zum Informationsüberschuss im Digitalen Kapitalismus ist absehbar. Eine Entscheidung zwischen den Kontrahenten ist noch offen.

Ich bin nicht der einzige, dem ein Unbehagen aufstösst. t3n, eine wichtige Stimme in der deutschen Digitalwirtschaft, beschreibt Atlas allerdings  als clever integrierte Innovation, als den bislang beeindruckendsten KI-Browser. Sicherheitshinweise erscheinen als Randnotiz, Privacy-Einstellungen als Formalität.

Die bisher schärfste Warnung kommt nicht aus den Zentren der digitalen Wirtschaft, sondern aus NordmazedonienBozidar Spirovski (Skopje) warnt auf LinkedIn eindringlich und konkret. Seine Einschätzung: Atlas sollte nicht mit geschäftlichen Daten genutzt werden. Der Browser hat Zugriff auf alle offenen Sessions – E-Mail, CRM, interne Tools. Alles, was parallel geöffnet ist, kann von der KI verarbeitet werden.
Spirovski benennt fünf konkrete Risiken: Erstens können bösartige Websites den Browser-Agenten kapern (Prompt Injection). Zweitens werden Inhalte aller Tabs auf OpenAI-Servern verarbeitet – ohne dass Kunden dem zugestimmt haben. Drittens bedeutet ‘Löschen‘ nicht wirklich löschen: OpenAI stand bis Oktober 2024 unter Gerichtsbeschluss, alle Logs zu bewahren. Viertens gibt es keinen wirklich privaten Modus – selbst Incognito speichert 30 Tage. Fünftens ist fast jede geschäftliche Nutzung mit Kundendaten ein potentieller GDPR-Verstoß.
Besonders brisant ist der Agent Modus (nur in der Pro-Version). Was als Convenience gedacht ist – die KI bucht einen Flug, füllt ein Formular aus –, wird zum Sicherheitsrisiko: Ein gehackter oder manipulierter Agent könnte auf alle eingeloggten Dienste zugreifen. Für europäische Unternehmen bedeutet das: Ein Mitarbeiter, der Atlas nutzt, während er im Kundensystem eingeloggt ist, erzeugt automatisch eine meldepflichtige Datenübermittlung in die USA.

Bisher habe ich im Consumerbereich keine übergriffigere Software erlebt. Mit Atlas verschiebt sich das Verhältnis zwischen Nutzer und System erneut – von der Überwachung des Verhaltens (Google) zur Begleitung der Handlung (OpenAI). Die Maschine beobachtet nicht mehr aus der Ferne, sie begleitet den Nutzer beim Denken, Lesen, Schreiben. Das ist keine Übertreibung, sondern Funktionsbeschreibung.
Das genannte  Dossier ist nicht bösartig an sich – es ist ein Ordnungssystem. Aber jedes Ordnungssystem kann in Überwachung kippen, sobald die Zweckbindung entfällt. Ein Staat, der Zugriff auf so ein Archiv hätte, hätte nicht nur Daten, sondern auch die Denkspur. Er sähe nicht nur, was man getan hat, sondern warum. Das ist neu. 

Hinter dem Start von Atlas stehen ökonomische Gründe. OpenAI steht unter massivem wirtschaftlichem Druck. Mit den wachsender Nutzerzahlen steigen die Kosten mehr als die Einnahmen. Atlas soll Nutzer an das OpenAI-Ökosystem binden und durch sie kontinuierlich Trainingsdaten generieren, um die explodierenden Kosten für Datenakquise zu senken. Was als personalisierte Erfahrung vermarktet wird (Memories, Browsing-Integration), ist aus dieser Perspektive ein System zur kostenlosen Extraktion von Trainingsdaten. Nutzer werden zu unbezahlten Datenlieferanten für zukünftige Modelle -die Neuauflage eines erprobten Modells.

Für LinkedIn habe ich diesen Text noch einmal überarbeitet und neu zusammengefasst: Link



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