Palantir und das neue amerikanische Projekt: Technologie, Macht und Aggression

Alexander Karp. CEO von Palantir – Screenshot aus der Dokumentation “Watching You”

Im vorherigen Text ging es um die Aneignung des Digitalen Fortschrittsversprechens und seine Ausweitung bis hin zur militärischen Innovation im Kontext von American Dynamism.
Silicon Valley richtet sich strategisch neu aus, hin zu Hard Tech, jenseits der Ausrichtung auf Consumer Culture. Palantir steht geradezu prototypisch dafür.

Palantir und sein CEO Alexander Karp zählen aktuell zu den umstrittendsten Akteuren des Silicon Valley.
Verstörend ist v.a. die Diskrepanz zwischen der Selbstinszenierung Karps,  einigen seiner Äusserungen und dem strategischen und ökonomischen Gewicht von Palantir.
Karp inszeniert sich als reflektierter Intellektueller mit philosophischer Ausbildung und verweist gern auf seine Frankfurter Studienjahre. Ihm werden Intelligenz und chaotische Unstrukturiertheit zugeschrieben. Gleichzeitig führt er ein Unternehmen, das autonome Waffensysteme, Massenüberwachung und politische Targeting-Technologie entwickelt.

Palantir lässt sich als datenalytisches Rüstungsunternehmen verstehen. Technisch basiert es auf einer neue Stufe der digitalen Vermessung: die Integration heterogener Datenbestände zur Erkennung strategischer Muster, vermarktet als eine neutrale Infrastruktur. Durch Palantir wird staatliche Gewaltausübung von privaten Unternehmen infrastrukturell ausgeführt.
Palantir steht aktuell als hochprofitables Softwareunternehmen da,  dessen größter Wachstumstreiber staatliche Aufträge sind. Im zweiten Quartal 2025 erzielte es einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar – 49% Wachstum im Regierungsbereich, 47% im kommerziellen Bereich.
Kunden sind etwa die israelischen Streitkräfte – Palantir wird bei Angriffen auf Ziele im Gazastreifen eingesetzt –, das US-Verteidigungs- (jetzt Kriegs-) Ministerium nutzt es zur Drohnenanalyse, DOGE nutzte es für den Aufbau einer zentralen Einwanderungsdatenbank sowie ICE zur Echtzeitverfolgung von Migrantenbewegungen.

Mit der (unter diesem Link zugänglichen) Dissertation Karps liegt ein zeitgeschichtlich ungewöhnliches Dokument vor.  Eine deutschsprachige  Arbeit, eingereicht an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Frankfurt im Jahre 2002.
Karps Dissertation Aggression in der Lebenswelt  (vollständig: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur)  verbindet Parsons’ strukturfunktionale Theorie mit Habermas’ Lebenswelt‑Konzept und psychoanalytischen Motiven.  Anknüpfend an Parsons beschreibt Karp Kultur, Persönlichkeit und soziales System als Ebenen, auf denen Triebe durch Sozialisation in nachvollziehbare Motivationen übersetzt werden.
Eine, auch in seinem späteren Handeln erkennbare Schlussfolgerung ist für ihn, dass Aggression unter Bedingungen von Unsicherheit und Konflikt gesellschaftlich organisiert, geregelt und produktiv genutzt werden muss.
Heute, (als CEO von Palantir) versteht Karp Datenanalyse und KI  ausdrücklich als Werkzeuge zur Stabilisierung westlicher Institutionen unter Bedrohungs- und Krisenlagen. Den politischen Umgang mit Gewalt, Sicherheit und Kontrolle begreift er als zentrale Aufgabe seiner Technologie.

Mit ca. 130 Seiten ist die Dissertation vergleichsweise kurz, 110 Seiten fallen  auf die  Literaturaufbereitung, 15 Seiten auf die Fallstudie, anhand derer er den eigentlichen Gegenstand der Analyse konkretisiert. In diesem Falle die  sog. Paulskirchenrede von Martin Walser 1998.  Walser sprach von der Moralkeule  Auschwitz und löste damit eine der schärfsten Debatten der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit aus. 

Immer wieder wird in den Raum gestellt, Karp wäre ein Schüler von Jürgen Habermas. Promoviert hat er jedoch bei Karola Brede am Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt.
Wenige Tage nach dem Tod von Habermas (15.03.2026) erschien am 18.03.  in dem Online-Magazin Le Grand Continent ein Interview mit  Karola Brede  unter dem Titel War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Zur Eingangsfrage: Karp besuchte Seminare von Habermas und nutzte dessen Werk als zentralen Referenzrahmen. Für sein Dissertationsprojekt verwies Habermas ihn jedoch an Brede; darin lässt sich zumindest eine gewisse Distanz gegenüber Karps Vorhaben erkennen.
Im weiteren geht es im Interview um Karps Habermas‑Rezeption, speziell um den Begriff des Jargons, den Karp in seine Aggressionstheorie integriert und den Bruch mit der akademischen Karriere hin zu seiner anschliessenden Tätigkeit als CEO von Palantir.
Brede äussert sich insgesamt sehr verständnisvoll, fast fürsorglich über Karp.  Selbst problematische Positionen erscheinen ihr eher als Ausdruck biografischer Spannungen denn als moralisches Versagen. Karps Hang zur Grenzüberschreitung deutet sie als Eigenart eines Intellektuellen, der Regeln prinzipiell quer liest.
Über seine unternehmerische Tätigkeit habe er dann Gedanken entwickelt, mit technologischer Macht eine bessere Gesellschaft entwerfen zu können. Die im Buch Technological Republic erkennbare Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft sei jedoch in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie aufgehoben – in diesem Rahmen interpretiert sie sein Wirken als CEO von Palantir.
Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ordnet Brede als Hintergrund einer bellizistischen Radikalisierung ein. Die aggressive Kriegsführung Israels sei – auch von Karp – mit einer tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst begründet worden.

Habermas steht für gesellschaftliche Aushandlung, für kommunikative Rationalität und Verständigung als Bedingungen legitimer Ordnung. Karp setzt dem eine andere Perspektive entgegen: Aggression erscheint bei ihm nicht als Störung, sondern als konstitutive Kraft sozialer Identität.

Kritischer fällt die Analyse von Karps wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Nachwirkung bei Palantir  in dem Essay Palantir Goes to the Frankfurt School von  Moira Weigel aus. Der Text stammt von Juli 2020, die aktuellen Verwicklungen, v.a. seit der 2. Trumpwahl, sind also nicht berücksichtigt. Den Bezug zu Habermas nennt Weigel eine Tech industry legend –  die gern als eine Art genealogischer Eindruck genutzt wird. Karps Interesse am Thema Aggression, stammte nicht von Habermas, sondern von Wissenschaftlern des Freud-Instituts, wo sie jahrzehntelang ein Schwerpunkt der Forschung und der öffentlichen Debatte war.
Moira Weigel liest Karps Dissertation als Schlüssel zum Verständnis eines rechts-konträren Netzwerks aus Tech-Eliten (u. a. Thiel, Palantir), das den liberalen Mainstream im Silicon Valley angreift, zugleich aber selektiv auf Kritische Theorie zurückgreift. Das Emanzipationsversprechen der Frankfurter Schule wird dabei aufgegeben.
Die Mechanismen, die Weigel 2020  beschreibt, haben sich seitdem  in  eine andere Dimension gehoben. In den Geschäftsinteressen von Palantir sah Weigel bereits damals eine Nähe zum Trumpismus, obschon Karp bis zur Wahl 2024 die Demokraten mit Kamala Harris unterstützte. Übrigens war David Golumbia, der Autor von  Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology,  einer der Gutachter ihres Textes.

Nach außen hin erscheint Karp als die prägende Figur: er spricht, rechtfertigt, erklärt, ist das Gesicht von Palantir. Die grundlegende strukturelle Setzung – warum es dieses Unternehmen überhaupt gibt – stammt von Peter Thiel. Thiel holte Karp in die Gründung von Palantir, weil er ihn als fähig einschätzte, komplexe Datenanalyse in operative, politisch sensible Anwendungen zu übersetzen. Zwischen Karps Dissertation von 2002 und seinem Eintritt als CEO bei Palantir 2004 liegen keine zwei Jahre; dazwischen gab es nur eine kurze Tätigkeit im Investmentmanagement in London.
Thiel erscheint als der strukturelle Pate von BigTech: Nicht immer sichtbar, aber omnipräsent, vernetzend, ideologisch prägend – jemand, der Kapital, Gründer und staatliche Macht dauerhaft zusammenführt.

Das öffentliche Interesse an Palantir und Karp hat sich seit 2020 verstärkt. Palantir ist vom kontroversen Outsider zum zentralen KI-Infrastrukturanbieter des Pentagon, zum technischen Ermöglicher militärischer Operationen  geworden. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell (3/26) bei rund 320 Mrd. €. Karps Rhetorik wechselte von akademischer Reflexion zu expliziter Machtpolitik.
Sein eigenes Buch The Technological Republic, die Biographie von Michael Steinberger und der Dokumentarfilm Watching You von Klaus Stern stellen Karps Rolle als CEO des grössten Defense Tech Konzerns in ein breites öffentliches Licht.
Im eigenen Buch präsentiert sich Karp als Vordenker einer Neuorientierung des Silicon Valley, weg vom Consumermarkt des Online-Targeting und der  Videoplattformen, hin zu einer Neuverbindung nationaler Ambitionen mit dem Potential von Technologie. Das amerikanische Projekt brauche ein gemeinsames Zielbewusstsein – people want and need a sense of belonging and feeling a part of some thing meaningful that is larger than themselves –  und das bedeute eine enge Zusammenarbeit mit Regierung und Militär.
Palantir hat seine Marke und seinen Ruf über all die Jahre aufgebaut, die Fähigkeit entwickelt, viel Kritik abzuwehren mit der zentralen Aussage, westliche Werte zu unterstützen. Palantir stellt die datenanalytische Infrastruktur bereit, auf deren Basis militärische und sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen werden.

Karp formuliert diese Verschiebungen mit einer ihm eigentümlichen Direktheit: Technologie ist für ihn kein neutraler Fortschritt mehr, sondern Teil geopolitischer Machtbildung – und Unternehmen wie Palantir sind deren operative Infrastruktur.
Der Machtanspruch wird  in einigen Zitaten deutlich, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen:
We are not a commodity. We do not want our customers to be commodities — we want them to be individual titans that are dominating their industry or the battlefield.
Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world, and when it’s necessary to scare our enemies and, on occasion, kill them.
The most important software companies are the ones whose products, as Karp has put it, “power the West to its obvious, innate superiority” and “bring violence and death to our enemies.
Die beiden ersten Zitate stammen aus verifizierten Investorengesprächen und Earning Calls, nicht aus Interviews,  veröffentlicht in Transkript aus  einem Investorengespräch von Bobby Allyn (s.u.) zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch, und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet.

Die gleiche Grundlage – dieselben Algorithmen, die Krankheitsmuster und Konsumverhalten erkennen – identifiziert auch Verdächtige. Die Ambivalenz ist kein Konstruktionsfehler – sie ist das Geschäftsmodell.
Eine gesellschaftliche Aushandlung darüber, welche Verwendung legitim ist, findet nicht statt: Die Systeme sind installiert, bevor die Frage danach gestellt wird. Das bedeutet eine präemptive (vorweggenommene) Unterlaufung gesellschaftlicher Aushandlung – nicht als Nebeneffekt, sondern als Strategie. Präemptive Unterlaufung bedeutet schließlich, dass Palantirs Systeme faktisch implementiert werden, bevor öffentlich verhandelt ist, welche Anwendungen demokratisch legitim sind.
Palantir operationalisiert, was ich andernorts als automatisierte Singularisierung beschrieben hatte – die algorithmische Erzeugung von Einzigartigkeit aus Massendaten. Im Konsumkontext erzeugt das personalisierte Werbung, im militärischen Kontext Zieldaten. Derselbe Mechanismus mit unterschiedlichen Konsequenzen.

In fact, the phases of the AI kill chain used to execute targets in warfare, as described in the Targeting Manual of the US Air Force  —  to find, fix, track, target, engage, and assess  —  are generally analogous to the steps many tech companies use to help deploy data surveillance and AI models on (or for) their customers.. (aus: : Zig, „The Guernica of AI“,zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

Palantir ist kein Sonderfall, sondern Vorreiter einer Entwicklung, in der sich technologischer Fortschritt, staatliche Macht und politische Mobilisierung zu einem gemeinsame amerikanischen Projekt nationaler Grösse verdichten. American Dynamism wirkt dabei als Sammlungsbewegung des Venture Capitals. Technologie wird zur Ressource staatlicher Macht. Der Staat ist nicht mehr übergriffiger Gegner, wie im Cyberlibertarismus, sondern Kunde, Partner oder Medium nationaler Größe. Die Verbindung zur populistischen MAGA scheint so konsistenter als zunächst gedacht.
Mit einem Zitat aus Moira Weigels Analyse der Frankfurter Dissertation Karps lässt sich so schliessen:
Algorithms take the histories of oppression embedded in training data and project them into the future, via predictions that powerful institutions then act on.

 

vgl.  Alexander Karp:  Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur . Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe Universität zu Frankfurt am Main . – The Technological Republic.: Deutsche Ausgabe.  Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. Juli 2025 

Moira Weigel. Palantir Goes to the Frankfurt School– b2o: boundary 2 online. 10.07.2020.  Michael Steinberger: Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat . 11/2025. Dt. Ausgabe. — Paul Morrison: Book Review: The Philosopher in the Valley    – Sebastian Moll: Philosoph des Cyberkriegs. Wie Palantir-Chef Alex Karp, der Neo-Marxist des Silicon Valley, mit KI, Militär und Big Data die Welt neu gestaltet  Jüdische Allgemeine. 3.04.2025 —Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era. 3.05.2025. Stefanie Buzmaniuk: War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Ein Gespräch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede – Le grand Continent  18.03.2026 – Juan Sebastián Pinto: Das Guernica der KI. A warning from a former Palantir employee in a new American crisis . 18.02.2025. –  (Mike in Medium) Palantir’s Techno-Nationalist World View and the Philosophy of Power.  5.11.2025 – Jack McCordick. Alex Karp’s War for the West. The New Republic. 28.02.2025   Tom Nickel: Review: The Technological Republic. Medium 21.05.2025

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp. Dokumentarfilm ARD-Mediathek (bis 1.04.2026) von  Klaus Stern

 



Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis BrühlDer Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



KI als Intermediär – Plausible Konfabulation

KI als Intermediär – Plausible Konfabulation. Bild:

KI wird immer mehr zu einer kognitiven Infrastruktur, die in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen genutzt wird. Sie automatisiert unzählige Vorgänge, vermittelt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, assistiert bei kreativer Arbeit und ist als alltägliche Instanz für Wissensfragen längst akzeptiert. Daneben wird mit ihr digitaler Schrott – sogenannter Slop – in erschreckend großen Mengen produziert.

Neulich in der Regionalbahn: Zwei Jugendliche, mitten im Gespräch, unsicher über die Richtigkeit einer Idee, zücken ihre Smartphones – Lass uns mal ChatGPT fragen. Nicht Google, nicht Wikipedia. Die Sprachmaschine ist zur Suchmaschine  geworden.  Ein einfaches Beispiel dafür, wie sehr sich die Nutzung von KI im Alltag verbreitet hat.

KI als vermittelnde Instanz

Ihre Funktion ist die eines Intermediärs. KI verbindet Nutzer mit einem Thesaurus aus Trainingsdaten – gesammeltem Wissen und kreativen Leistungen in Form von Texten, Bildern, Klängen, Code – grundsätzlich allem, was sich digital erfassen liess. Roberto Simanowski nennt sie Sprachmaschine. Sie zitiert nicht aus den Quellen, sie synthetisiert daraus
Der Thesaurus ist kein geordnetes Archiv, er ist ein qualitativ neues Datenreservoir, das sich bildlich als digitales Magma beschreiben lässt – eine aufgelöste Masse aus Texten, Bildern, Code, Meinungen, Fakten und Fiktionen, ohne Hierarchie, ohne Kuratierung.

Das digitale Magma: Woher stammen die Trainingsdaten?

Woher KI ihre Daten bezieht. Quelle: Semrush Study of 150.000 Citations, June 2025 – nach Klick in voller Auflsung auf neuer Seite

Woher KI ihre Antworten bezieht, zeigt eine Analyse von 150.000 KI-Zitationen (siehe Abb.): An erster Stelle steht Reddit (40,11%), gefolgt von Wikipedia (26,33%), YouTube (23,52%) und Google selbst (23,28%). Erst dann folgen Bewertungsplattformen wie Yelp, Amazon, Tripadvisor.  Was häufig zitiert wird, steigt nach oben. Was selten ist, versinkt.
Das digitale Magma ist nicht identisch mit dem öffentlich zugänglichen Web, aber es wird von ihm dominiert. Zwar fließen auch Wikipedia, wissenschaftliche Preprints, lizenzierte Nachrichtenarchive und – vermutlich illegal – Millionen urheberrechtlich geschützter Bücher, Bilder, Musikstücke in die Trainingsdaten. Doch allein das Volumen des Social Web übertrifft andere Quellen. Zusammengeschafft in gigantischen Web-Crawls – automatisierte Sammlungen von allem, was öffentlich zugänglich war. KI ist weniger ein Konzentrat des Weltwissens als eine Quintessenz des Social Web.

Der Unterschied zur Suchmaschine

Sprachmodelle verarbeiten statistische Muster, nicht Bedeutung, sie kennen keine Referenz ausserhalb ihrer statistischen Verteilungen.
Sie übersetzen Daten in natürliche Sprache,  KI wird zur vermittelnden Instanz, zum Intermediär von Wissen. Selber erzeugt sie kein Wissen und keine Erkenntnis, aber sie organisiert den Zugang zu den digitalen Wissensspeichern. Als Intermediär hat die KI also Einfluss darauf, was wir wahrnehmen und wie wir es verstehen.

Damit verschiebt sich etwas Grundlegendes. Suchmaschinen führten zu den Quellen – zu den Websites, Dokumenten, Publikationen, wo Wissen abrufbar war. Die Bewertung blieb den Nutzern selber überlassen. KI hingegen organisiert den Zugang nicht nach bibliothekarischen oder wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach statistischer Wahrscheinlichkeit. Sie führt nicht zu Quellen, sondern produziert synthetische Plausibilität. Eine vermittelnde Instanz ohne Eigenstandpunkt, ohne Referenz außerhalb ihrer statistischen Verteilungen.

Plausible Konfabulation: Ein  Bild aus der Neuropsychologie

In der Neuropsychologie bezeichnet Konfabulation das schlüssige Erfinden von Zusammenhängen bei fehlendem Wissen, ohne Täuschungsabsicht. Der Patient mit Gedächtnislücken füllt diese nicht bewusst mit Lügen, sondern mit dem, was seinem Hirn plausibel erscheint. KI-Modelle operieren ähnlich: Sie sind darauf trainiert, plausible Fortsetzungen von Texten zu erzeugen. Was statistisch wahrscheinlich klingt, wird zur Antwort.
Der Begriff Plausible Konfabulation ist daher kein Zynismus, keine Polemik, sondern bildliche Beschreibung eines Funktionsprinzips. Und dieses Prinzip lässt sich, bewusst eingesetzt, produktiv nutzen.
Plausible Konfabulation erleichtert den Ausgriff auf spekulative Ideen, auf Möglichkeitsräume jenseits des bereits Gewussten. KI kann als Sparringspartner für Gedanken dienen. Sie füllt Lücken, kombiniert Muster neu, kann divergente Denkräume öffnen, die sich ohne sie vielleicht nicht geöffnet hätten. Sie liefert Input, Varianten, unerwartete Kombinationen – der Nutzer wählt aus, bewertet, verwirft, verfeinert.
Die Stärke liegt im Aufzeigen des Möglichen, nicht in der einzig richtigen Lösung. Assistenz bedeutet hier nicht Automatisierung, sondern digitales Lektorat – ein Gegenüber, das Vorschläge macht, ohne Entscheidungen zu erzwingen. Der Nutzer bleibt Instanz der Bewertung, die KI liefert Material.

Die Wirkung von Konfabulationen unterscheidet sich je nach Anwendungsbereich. In strukturierten, abgegrenzten Domänen kann KI durchaus verlässlich als Wissens-Intermediär fungieren: In juristischen Datenbanken mit definiertem Corpus von Rechtsprechung und Gesetzestexten, in medizinischen Fachdatenbanken mit kuratierten Studien, beim Coding mit formalen Systemen und eindeutigen Regeln. Dort, wo Fragen und Thesaurus präzise aufeinander abgestimmt sind, wo Retrieval-Augmented Generation (RAG) den Zugriff auf verifizierbare Quellen sichert, bleibt die Konfabulation eingegrenzt.

Bei der Generierung von Bild- und Toninhalten, generell bei fiktionalen Inhalten, stellt sich die Frage nach Wahrheit nicht. Dort geht es nicht um Erkenntnis, sondern um ästhetische Plausibilität – um Stil, Stimmigkeit, emotionale Wirkung.  Ein KI-generierter Roman muss nicht wahr sein, der Reiz generierter Bilder liegt oft gerade in ihrer physischen Unmöglichkeit.
Die Probleme sind andere, Urheberschaft, Originalität, die Frage, ob kreative Leistung ohne intentionale Struktur überhaupt als solche gelten kann.
Die Problematik – die Konfabulation von Fakten, die Vermischung von Wissen und Spekulation – betrifft primär den Einsatz von KI als Wissens-Intermediär: dort, wo sie Suchmaschinen ersetzt, wo sie Produktrecherchen durchführt, wo sie auf Fragen antwortet, bei denen ein Wahrheitsanspruch besteht.

Zero-Klick

Die Sprachmaschine lässt die Suchmaschine nicht verschwinden, aber hat sie verändert. Google als dominierende Suchmaschine ist nicht mehr nur ein Index, sondern hat sich durch KI-Übersichten (AI Overviews) selbst zu einer synthetisierenden Antwortmaschine entwickelt. Über 60% der Suchanfragen führen mittlerweile nicht mehr zu Klicks auf eine externe Website*.
Das bedeutet ein Ende der gewohnten Intermediarität im Netz, in der Suchmaschinen zu den Anbietern von – meist SEO-optimierten – Inhalten vermittelten. Nutzer geben sich stattdessen mit einer generierten Kurzfassung zufrieden. Zero-Klick-Recherchen entziehen den eigentlichen Urhebern dieser Inhalte die nötige Aufmerksamkeit und damit oft die wirtschaftliche Basis. Inhalte werden destilliert, ohne deren Produzenten zu kompensieren. 

Wie Nutzer KI  erleben: Einblicke aus 1250 Interviews

Vor gut einem Monat (5.12.2025) hat Anthropic, die Betreiberfirma der KI Claude Ergebnisse einer von KI-Agenten ausgeführten Studie online gestellt.  Insgesamt sind  1250  Interviewprotokolle zur Nutzung online verfügbar, Bereits der Einblick in eine kleine Auswahl macht deutlich, was funktioniert und was nicht.
KI funktioniert dort, wo strukturierte Aufgaben (Code, Lückentexte, Zusammenfassungen) mit klaren Anweisungen kombiniert werden. Sie scheitert, wo Ton, Stil, emotionale Intelligenz oder faktische Präzision gefordert sind.
Intentionalität ist der Knackpunkt. Menschen erwarten von KI, dass sie ihre Intention versteht und automatisiert umsetzt – so wie sie es von einem kompetenten Mitarbeiter erwarten würden. Genau das kann die KI nicht leisten. Sie hat keine Vorstellung davon, was gemeint ist, nur davon, was statistisch wahrscheinlich folgt.
Es ist nicht einmal ein rein technisches Problem. Das Verständnis der Intention und noch mehr die Ausführung in ihrem Sinne, zählt zu den höchsten Anforderungen in jeder Zusammenarbeit.
Die Erwartung, Aufgaben zu delegieren statt zu assistieren, führt systematisch zu Enttäuschungen.
In den gesichteten Interview-Beispiele finden sich durchweg Hinweise darauf. Die Texterin erhält konfabulierte Montessori-Beispiele, wenn es um Kindergärten geht. Der Architekt bekommt 100 Zeilen funktionierenden Code in kurzer Zeit – aber bei E-Mails wird der Ton nicht getroffen. Die Lehrerin generiert maßgeschneiderte Geschichten für Schüler, scheitert aber selbst beim KI-gestützten Französischlernen. Der Student lässt sich Fachbegriffe erklären, ist aber überzeugt, dass KI nie den emotionalen Vorteil eines menschlichen Arztes” ersetzen kann. Die KI liefert statistische Plausibilität, versteht aber nicht die Intention.

Kreative nutzen KI, um ihre Produktivität zu steigern, trotz der Kritik ihrer Kollegen und Zukunftsängsten. Sie müssen sich sowohl mit der unmittelbaren Stigmatisierung des KI-Einsatzes in kreativen Gemeinschaften als auch mit tieferliegenden Sorgen über wirtschaftliche Verdrängung und den Verlust der menschlichen kreativen Identität auseinandersetzen. **
Wissenschaftler wünschen sich eine Partnerschaft mit KI, vertrauen ihr aber noch nicht für die Grundlagenforschung. Sie äußerten einhellig den Wunsch nach KI, die Hypothesen generieren und Experimente entwerfen kann. Derzeit beschränken sie deren Einsatz jedoch auf Aufgaben wie das Verfassen von Manuskripten oder das Debuggen von Analysecode.**

Angemessenheit ist entscheidend

Der Nutzer bleibt verantwortlich für die Angemessenheit (Appropriateness) des KI-Einsatzes. KI kann nicht entscheiden, wann ihre Konfabulation produktiv ist (bei kreativer Exploration) und wann sie problematisch wird (bei Faktenfragen mit Wahrheitsanspruch). Die Urteilskraft muss beim Menschen bleiben – und setzt voraus, dass er erkennt, wann er es mit Konfabulation zu tun hat.

KI kann ein Werkzeug für divergentes Denken sein. Sie öffnet den Raum für multiple Lösungswege, generiert Varianten, zeigt Möglichkeiten. Die Konvergenz – die Entscheidung für eine Lösung, die Bewertung der Angemessenheit – bleibt Aufgabe des Menschen. Die Maschine exploriert, der Mensch entscheidet.
Strukturierung, Argumentation, Synthese – Kernaufgaben der Wissensarbeit – werden zunehmend zwischen Mensch und Maschine ko-produziert. Die Frage ist nicht mehr, ob KI Teil intellektueller Arbeit wird, sondern wie diese Ko-Produktion gestaltet werden soll – und wer die Kontrolle behält.

Wer die Sprachmaschine nutzt, produziert meist mehr, schneller, glatter. Wer sie nicht nutzt, gerät oft ins Hintertreffen. Und weil (fast) alle sie nutzen, steigt das Tempo weiter. Die Maschine setzt den Takt – der Mensch passt sich an. Nicht unbedingt Fortschritt, oft ein Doping-Effekt. Die versprochene Zeitersparnis mündet in höhere Erwartungen an Geschwindigkeit und Volumen.
Man sollte nicht vergessen, dass der Sinn kreativer Arbeit in ihrer Wirkung auf Menschen liegt. Wenn sie beim Leser, Betrachter, Hörer etwas auslöst, hat sie sich oft schon gelohnt. KI kann für viele Zwecke eingesetzt werden, aber wir sollten entscheiden können, wann und in welchem Sinne.
Keine  Technik ist unschuldig – und KI ist es auch nicht.

vgl.: . Carsten Brosda: Bevor die KI unsere Demokratie verschlingt FAZ. 3.01.26 – *Impact of Generative AI on Search Traffic and Content Visibility. In : beanstalkim.com März 25 – **Anthropic: Introducing Anthropic Interviewer: What 1,250 professionals told us about working with AI – vgl. auch. DocCheck Flexikon: Konfabulation.   Roberto Simanowski:   Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligenz . C.H. Beck 2025,  288 S.   (Rezension) – Klaus Burmeister: .Ein Selbstversuch zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. LinkedIn 25.11.2025.



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