Aufbruch, Pose und Diskurs – Über Pop-(Musik) – Rezension

didi_pop“Über Pop-Musik” erschien im März dieses Jahres, d.h. seitdem wurde bereits eine Menge dazu gesagt bzw. geschrieben. Zwar heisst es im Titel -Musik, es geht aber nicht über Musik als solche. Pop ist (hier) weniger Musikstil als eine Form des Erlebens. Thema ist das gesamte Ereignis-, Erlebnis- und Erfahrungsfeld Pop und dazu zählen nicht nur Songs incl. Texten und Cover + Moden, Frisuren etc. und ihr Entstehen, auch die damit verbundenen ästhetischen, sozialen und sexuellen Erfahrungen.

Diedrich Diederichsen hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten den deutschsprachigen Diskurs zu Pop geprägt, in Zeitschriften wie Spex, Büchern wie Sexbeat oder Musikzimmer, in unzähligen Plattenkritiken und Feuilletontexten, und nun als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Unverkennbar die mit semiotischen und soziologischen Bezügen verdichtete, manchen elaboriert erscheinende Sprache. Über Pop-Musik ist so etwas wie die Summe all dieser Texte: ein Werk von 474 Seiten, gegliedert in fünf so bezeichnete Teile und knapp hundert Abschnitte, in denen wohl ebenso viele Einzelthemen als Diskurseinheiten behandelt werden. Es stützt sich auf eine enzyklopädische Kenntnis des Feldes, enthält im Rückgriff auf eigene Erlebnisse auto-ethnographische Elemente und bezieht sich auf die Kulturtheoretiker des 20. Jahrhunderts. So auf Adornos Kulturindustrieverdacht, den Subkulturalismus von Foucault und Pierre Bourdieus Begriff der Distinktion. Luhmann kommt genauso vor wie Bob Dylan und David Bowie, wie Punk, HipHop und Techno, es geht um Camp und Queerness. Das Zusammenwirken dieser Ebenen bestimmt Diskurs und Analyse, dabei zeigen sich erhellende Gedankengänge, von denen manche sich aber nicht sofort erschliessen.
Dahinter wird eine Geschichte erzählt: die von der Welterfahrung, der Sozialisation und Individuation über Pop-Musik, persönlich und typisch für diese und direkt nachfolgende Generationen. Pop-Musik vermittelte “emotionale und atmosphärische Neuheiten” (S. 249), Erfahrungen, die in der Herkunftskultur nicht gemacht werden konnten. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer Generation von den Jugendzimmern und Schulhöfen, durch Clubs, Seminare und Redaktionen, mit einigen radikalen Schlenkern, in die Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Mich selber erinnert DD immer etwas an Sascha Lobo (oder umgekehrt). Zumindest wissen sich beide in der wahrgenommenen Rolle als szeneinterne Durchblicker mit Anspruch auf Deutungshoheit zu inszenieren.

Zu Pop gehört die Pose
Zu Pop gehört die Pose

Zu Pop gehört die Pose. Zunächst denkt man an so bekannte wie Zappa auf dem Klo und den Stinkefinger der Stones. An die Inszenierung von Punk, Rap oder HipHop. Pose bedeutet hier eine Haltung als Einheit von Auftritt, Stimme und Stil einzunehmen, mit der man im Leben besteht (bzw. will), und das bedeutet auch Selbstermächtigung.Was ist das denn für ein Typ (bzw. wat is’n dat für’n Typ)? Was für ein Lebensentwurf wird uns denn da präsentiert? Wie sieht der denn aus? (S. 139) und ‘was finde ich denn gut an dem/der’? sind die Fragen, die an Performer von Pop gestellt werden. Nicht der musikalische Wohlklang – Verstärker boten auch schwachen Stimmen eine Bühne -steht im Vordergrund, sondern die möglichst überzeugende, in sich stimmige Haltung. In dieser Weise vermittelt Pop jeweils subjektive Weltsichten und das gilt nicht nur für Hipster (in der ursprünglichen Bedeutung), sondern für praktisch jede subjektive Sichtweise (vgl. S.412 ff), auch wenn sie ganz und gar nicht in das Bild gesellschaftlich fortschrittlicher Pop-Musik passt, wie etwa neo-patriarchale HipHopper, oder gar Neo-Nazis. Der für Diederichsen entscheidende Maßstab ist die Vermittlung des Pop-Erlebnisses in die reale soziale Welt als vielversprechender Aufbruch, und er macht auch deutlich, daß er sich nur für Pop interessiert, der diese Erlebnisse vermittelt (S. 419) – idealerweise als subkulturelles Gemeinschaftserlebnis.

Pop zählt zu den stärksten kulturellen Strömungen der letzten Jahrzehnte mit kaum zu unterschätzenden Wirkungen auf die Alltagsästhetik. Eine wesentliche Errungenschaft ist es, Stimmungen, als eine Art atmosphärische Wahrheit, auf einprägsame Weise in den Alltag überführt zu haben, etwa in dem Sinne “How do you think it feels?“. Erlebnis und Erfahrung Pop waren einst an eine Revolte gegen die Disziplinargesellschaft (etwa das, was Max Weber als das stahlharte Gehäuse bezeichnet hatte) und den von ihr ausgeübten normativen Druck gekoppelt. Lange Zeit blieb Pop gegenkulturellen Szenen verpflichtet. Kaum eine soziale Bewegung, kaum eine eigenständige Szene der letzten Jahrzehnte ohne den entsprechenden Sound. Auf die (von DD so genannte) heroische Phase des Pop folgten weniger heroische Zeiten. Mittlerweile ist Pop allgegenwärtig, in allen Schattierungen: mit Liebhaberszenen nahezu aller Genres aus allen Epochen, allzeit abrufbar aus digitalen Archiven. Es gibt kaum noch eine Generation, die nicht mit Pop aufgewachsen ist. Allerdings ist Pop-Musik immer weniger Aufbrüchen des Lebensgefühls verbunden, wie es jahrzehntelang in immer neuen Schüben – von Bob Dylan und Jimi Hendrix, Punk und New Wave, Grunge, bis Techno, Dub etc. – gewesen ist.
Pop lässt sich auch aus zivilisationsgeschichtlicher Perspektive (nach N. Elias) betrachten. Dabei geht um die langfristig gerichtete Veränderungen von Mentalitäten und Verhaltensstandards. Der niederländische Soziologe Cas Wouters hatte 1991 einen Prozess der Informalisierung beschrieben, der eine bis dahin formulierte Unterwerfung des Verhaltens unter straffere Regulierungen der zunehmenden in der Richtung veränderte.

Es bleiben weiterführende gesellschaftliche Fragen: “Wie bildet Pop-Musik soziale Einheiten, Gangs, Szenen, Milieus, Subkulturen und Gegenkulturen, wie generiert sie das, wofür sie mehr als für ihre ästhetischen oder kulturellen Meriten studiert zu werden verdient verdient: soziale Tatsachen und -so glaubten ja einst Gegner wie ihre Unterstützer – Gefahren?” (S. 375) – und damit bin ich beim Thema des nächsten Blogbeitrages, bei dem es um diese posttraditionellen Vergemeinschaftungen geht.

Diederichsen, D. “Über Pop-Musik”, Köln 2014, 474 S, ISBN: 978-3-462-04532-1, 39,90 €

Zivilkapitalismus

Auf der diesjährigen re:publica im Mai in Berlin bin ich bei dem Vortrag des brandeins Autors Wolf Lotter auf den Begriff Zivilkapitalismus gestossenEine griffige Wortverbindung, die die Werkzeuge der Ökonomie in die Zivilgesellschaft holen soll. Das Buch ist Ende August 2013 erschienen.

Lotter geht es um einen neuen Gebrauch der Möglichkeiten des Kapitalismus und um die Entrümpelung des Begriffs von angesammeltem Ballast. Die Botschaft lässt sich einfach auf einen Punkt bringen: Die Zivilgesellschaft soll auch ihre ökonomischen Belange in die eigenen Hände nehmen und die (vermeintliche ?) Scheu vor dem Kapitalismus ablegen.  Aus volkswirtschaftlicher Sicht gilt Kapitalismus als das Wirtschaftssystem, welches “am besten geeignet ist, die Produktivpotenzen der Gesellschaft zu entwickeln*.” Kapitalistische Wirtschaftssysteme fanden und finden sich in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen, in demokratischen, in oligarchischen, und in autoritären. Im Gegensatz zu Marktwirtschaft ist der Begriff mit negativen Konnotationen behaftet. Meist ist damit die Vorstellung eines Systems verbunden, dem der einzelne ausgeliefert ist, so der klassische Industriekapitalismus, die große Maschine, den Max Weber als stahlhartes Gehäuse bezeichnet hatte – oder aktueller die Finanzindustrie. Lotter stellt dem einen nüchtern-neutralen Begriff des Kapitalismus (nach dem Historiker Fernand Braudel) entgegen, als ein Instrument, ein Werkzeug, das man sich nutzbar machen kann. Gestaltbar, wie jedes andere Werkzeug und jede andere Technik.

Kapitalismus normiert, zerstört, tötete - solche Sprüche gehen Herrn Lotter auf die Nerven
“Kapitalismus normiert, zerstört, tötet” – solche dämonisierenden Sprüche gehen Wolf Lotter auf die Nerven

Zivilkapitalismus ist keine Analyse und kein Programm, eher ein Leitbild. Die Essenz des Buches ist abschließend in 10 Punkten zusammengefasst, die man als ein Manifest verstehen kann: Erwachsene der Moderne nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, verlassen sich nicht auf die Abhängigkeit von bürokratischen Systemen, ihr Ziel ist Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung in größtmöglicher Eigenverantwortung. Gesellschaftlich steht die Entwicklung der persönlichen Talente und Fähigkeiten der Bürger, die Sicherung der Zugänge zu Bildung und Information im Vordergrund. Eine offene Gesellschaft lebt nicht von Anpassung und Mainstream, sondern den Unterschieden – soweit in etwa die Botschaft.
Thematisch erinnert Zivilkapitalismus an Richard Sennett Die Kultur des Neuen Kapitalismus – und an Wir nennen es Arbeit (Friebe & Lobo, 2006). Sennett bedauert aber eher die Verluste, die mit dem Ende des Industriekapitalismus, des stahlharten Gehäuses mit seinen ausgeprägten normativen Zwängen, einhergehen. Immerhin sicherte der klassische Industriekapitalismus in seiner sozialstaatlichen Variante breiten Schichten Einkommen, Teilhabe und soziale Absicherung. Friebe & Lobo wendeten sich 2006 an einen engeren Kreis der Gesellschaft, die eigene popkuturell geprägte Szene als sog. digitale Bohème, die endlich ihre Scheu vor Technik und Marketing ablegen soll, um ihre Chancen zu ergreifen. 
Lotter sieht Zivilkapitalismus in der Nachfolge der Alternativbewegungen der 70er und 80er Jahre. Strebte man damals nach Freiräumen selbstbestimmter Lebensstile außerhalb des Systems, steht Zivilgesellschaft für eine Gesellschaft, in der sich die Bürger selber um das Gemeinwohl kümmern – weitgehend unabhängig vom Staat. Zivilkapitalismus wäre dann eine ökonomische Emanzipation, die zweite Achse der Selbstverwirklichung. Lotters Kritik richtet sich v.a. gegen einzwängende und bevormundende Systeme der Machterhaltung: Monopole, Trusts, Kartelle und Lobbies (vgl. S. 72) –  und gegen einen – aus meiner Sicht sehr diffusen – Antikapitalismus. Darunter fasst er die unterschiedlichsten Strömungen und Haltungen zusammen, greift auf historische Wurzeln bis hin zu Aristoteles, den Pietismus und Rousseau zurück, und wettert geradezu gegen dessen ‘moralische Lufthoheit in Politik, Kunst und Medien‘ (vgl. S. 220) – als ob Antikapitalismus eine gesellschaftliche Pathologie wäre, wie etwa Antisemitismus oder Homophobie. Was ist an Radical Chic antikapitalistisch? Er trägt zu modischer Erneuerung bei, wie Punk, HipHop und alle anderen Trends der letzten Jahrzehnte – die radikale Pose soll möglichst sexy sein. Es gibt endlos viele Gründe zur Kritik an den Folgen gewinnorientierten Handelns, an der Politik von Unternehmen – ohne dass sich daraus ein ideologisch-konsistenter Antikapitalismus ableiten liesse.

Was bleibt von der Lektüre? Ein einprägsamer Begriff, der Zivilgesellschaft und ökonomische Bildung miteinander verbindet,  ein Leitbild für Wissensarbeiter, dass für einen Teil der Gesellschaft wohl Lebenswirklichkeit ist – und das keine schlechte. Zumindest mich irritiert allerdings die Konstruktion eines ideologisch-dominanten Antikapitalismus, der in dieser Form nur noch als Folklore existiert. Von Wolf Lotter selber mehr zum Thema in einem  Video-Interview im Blog von Gunnar Sohn.

*Quelle: Lexikon zur Soziologie, Wiesbaden 2007. S. 324. Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders.Pantheon Verlag. 8/2013 209 S.

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