Pop-Journalismus und Zeitgeschichte: Diedrich Diederichsen: Das 21. Jahrhundert

Das 21. Jahrhundert – ein anmassender Titel, wenn nicht einmal  1/4 davon geschehen ist? Oder reichen die Wurzeln zurück in ein verfrühtes 21.Jh, beginnend im New York der 1960er? (11)  – So wie man auch von einem langen 19. Jh. spricht. Die ausgewählten Texte stammen jedenfalls alle aus der Zeit nach der Jahrtausendwende.

Diedrich Diederichsen, leading German cultural critic, Universalgelehrter der Popkultur ist der wohl einflussreichste  deutschsprachige Deuter von Pop – seit den Zeiten von Sounds und Spex und mittlerweile eine Person der Zeitgeschichte.
Ein Wackerstein von Buch, eine Compilation mit den Essays, Rezensionen, Manuskripten und Kommentaren des DDiederichsen, die von der Jahrtausendwende an geschrieben wurden. 1112 Seiten, 173 einzelne Beiträge, ca. 2,4  Millionen Zeichen. Kürzer die Artikel aus den Zeitungen, länger die aus den Sammelbänden, Katalogtexten und Periodica, erschienen in taz, Zeit, Sueddeutscher, Theater heute, Springerin, Jungle World usf.

Textsammlungen sind nicht zum linearen Lesen gedacht. Hier wurden die  ausgewählten Beiträge in 15 Kapitel thematisch gegliedert, etwa zu Die  Deutschen und die anderen,  zur Ästhetischen Theorie, das umfangreichste ist Kapitel IV  mit 33 Portraits von Künstler_innen.

Ein anderer Zugang verläuft über das (Personen-) Register, das als proto- digitale Suchstruktur Verbindungen auffinden lässt: Wer kommt wo in welchem Zusammenhang vor? Es sind die Grössen, nicht nur des Pop,  auch von Film, Theater und Bildender Kunst: David Bowie, Miles Davis und John Coltrane, Bob Dylan, Lady Gaga, Madonna & Britney Spears, die Einstürzenden Neubauten, Christoph Schlingensief, Luis Buñuel, Jean- Luc Godard und Rainer  Werner Fassbinder,  Vertreter von Punk und HipHop; als eine Art Urzelle des 21. Jh. erscheint die queere Avantgarde aus dem New York der 60er um Andy Warhol incl Factory + Velvet UndergroundTaylor Swift wird erst in einem nachfolgenden Interview bedacht – als Therapieangebot*.
Und es gibt die Theoretiker, an deren Entwürfen populäre und weniger populäre Kultur immer wieder abgeglichen wird: Michel Foucault, die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie, Walter Benjamin; John Fiske, Begründer der Cultural Studies kommt nur 1x vor.

DD bei der Buchvorstellung im historischen Sta Clara Keller in Köln am 25.04.24

DDiedrichsen hatte einen Stil geprägt, über Pop zu schreiben, mit dem  ein beachtlicher Teil der heute Schreibenden aufgewachsen ist.  Plattenkritik war eine Übung,  emotionale und atmosphärische erlebte Wahrheiten aus Pop- Musik in Sprache zu übertragen. Eine Sprache, die Bezüge aus dem weiten Bogen von Alltagserlebnissen, Stimmungsumschwüngen und dem intellektuellen Überbau verbindet. Pop- Musik war lange Zeit prägendes Medium mehrerer Generationen – wenn sie gut ist– kann sie kurz, schnell, aufbrechend und aufwiegelnd sein (498) – musikalisches Handwerk ist nachrangig, es zählt die Pose, die Performance.  Sie bietet kleine Fluchten, lässt ihre Fans sich faul, hedonistisch oder ausschweifend benehmen (498) – wurde oft als subversiv erlebt, als Gegengift zu einer Disziplinargesellschaft, Subversion und Normativität. 
Das Glück in der frühen Pop-Musik: 8 Meilen über der Schule schweben – ein Beitrag ist so genannt, gemeint ist es etwas anders, aber so lässt sich die Wirkung auf Teenager vorstellen.
Eine Art Leitfunktion hatte Pop- Musik bis etwa um die Jahrtausendwende  inne. Die Essays im Sammelband lassen sich als breitere Kultur- und Zeitgeschichte sehen. Ohne Pop wären sie nicht, aber es geht genauso oft um die benachbarten Künste: die bildenden, Theater, Film – später auch  Serien. Pop- Musik hatte Diederichsen bereits 2014 abgehandelt (mehr dazu: Aufbruch, Pose und Diskurs – Über Pop- Musik – Rezension, 2014). 

Gleich einer der ersten Texte (28-44) fällt ins Auge, in dem ein zentraler Begriff und ein mittlerweile zeithistorisch wirkendes Konzept zusammenkommen:  Der Mainstream und seine Masken: Die Kultur der neuen Mitte – (aus:  Theater heute, 2000).
Mainstream
stand immer für den kommerziell verwertbaren Gegenpol des authentischen Erlebens, meinte ursprünglich die Spielarten des Jazz, die eben nicht als Bebop, Freejazz etc. eigene Wege gingen: Wann immer eine neue Entwicklung, künstlerischer oder sozial-kommunitärer Art, vom Mainstream adaptiert und auf seinen Märkten verramscht wurde, sprach man nun von einer Mainstream-Version derselben Sache, für die man eine Underground-Version als sauber erhalten wollte (29). 
So gibt es Mainstream- Versionen von Punk und Techno, die sich dann für Fan- Meilen und Betriebsfeste eignen.  Mainstream sichert dazu einen Kanon des Bestehenden ab – der dann als gesicherter Bestand des kulturellen Konsens gelten kann.
Neue Mitte klingt heute historisch – man denkt an die Zeit des Kanzlers Schröder und an die Entdeckung einer Hauptstadtöffentlichkeit zwischen Hackeschen Höfen und als aufregend empfundenen Orten freier Kreativitätsentwicklung.

Aus dem Zeitrahmen der Texte findet sich eine Fülle zeitgeschichtlicher Einzelheiten, wie die WM- Party von 2006, Fuck Parade und Netz-Aktivismus, die Piratenpartei, Querfronten, Joschka Fischer und Sarah Wagenknecht. Der Auftritt der Deutschen Bank,  Popliteratur um Benjamin Stuckrad- Barre und volkskulturelle Details wie das Ar**tattoo. All das wird uns in ähnlicher Form erklärt.

Zusammengehalten werden die >1000 Seiten Materialien durch die Grundidee, dass gesellschaftlicher Fortschritt und künstlerischer Fortschritt zusammengehören (39) – und den unverkennbaren Sprach- und Argumentationsstil: Subjektive Wahrnehmungen, die in einem fortlaufenden Diskurs reflektiert werden – so könnte man das Muster der Texte nennen – das macht sie gut lesbar und nachvollziehbar, oft hat man das Gefühl, an beliebiger Stelle neu  aufschlagen und weiterzulesen zu können.
Woke wird die Grundhaltung  erst seit kurzem genannt – und das meist von einer gegnerischen Seite. Für die Vorstellung von gesellschaftlichem und künstlerischem Fortschritt war und ist sie wohl auch selbstverständlich.
DD ist in seiner Weise unique – am ehesten kann man ihn mit Sascha Lobo vergleichen:  Als Bescheidwisser aus einer Szene, die selber zwar nicht kapitalkräftig ist, aber über eine enorme Deutungsmacht (kulturelles Kapital im Bourdieuschen Sinne) verfügt, die definieren kann, was cool ist und was nicht. Von dieser als eine Stimme akzeptiert: DD als  Chefredakteur der Spex, Lobo als finaler Speaker auf der re publica – die Rollen wurden per Akklamation verliehen.
Dennoch sind in den Texten ganz unterschiedliche Phasen zu erkennen, wie der Autor voranstellt. Wie weit man die Inhalte auf die aktuell dominierenden Themen, wie KI, Klimawandel und die beiden Kriege bezieht, ist dann jedem selber überlassen.

Noch mal zum Pop: Man sollte nicht vergessen, dass es Napster war, die File- Sharing Börse von mp3- Dateien, das den Start zur Plattformökonomie gab – passend zur Jahrtausendwende im Jahre 1999 (vgl. Die Macht der Plattformen).   Antrieb war der Drang zur Verfügbarkeit aller gewünschten Songs als Dateien. Netzkultur und die Welt der Plattformen ist durchtränkt vom Erbe des Pop: digitale Sozialformate haben gegenkulturelle beerbt und ihren Sinn nicht selten ins Gegenteil gedreht, obwohl die vielbeklagte Blase als Generalschlüssel zu einer Theorie digitaler Öffentlichkeit die Effekte simplifiziert (18).
>1000 Seiten sind viel – es bedeutet auch, dass es noch jede Menge Themen gibt, in denen es lohnt, daran anzuknüpfen.

 

Diederich Diedrichsen: :Das 21. Jahrhundert. Essays. 4/2024. 1112 S. * “So kommt man ja nicht weiter” – Interview in der Zeit vom 16.03.204

 



Grünes Wachstum – ein neues sozio- ökonomisches Regime?

So sieht Adobe Firefly “Grünes Wachstum”

Verkaufte Zukunft von Jens Beckert hat einige Diskussionen aufgeworfen  – das Buch selber, in kleinem Kreise auch meine Rezension.

Fasst man Verkaufte Zukunft kurz zusammen, geht  es um einen pessimistischen Realismus, der mit dem Glauben daran  aufräumt, dass die Eindämmung der Klimakrise entlang der auf Konferenzen beschlossenen Klimaziele verläuft.
Die angemessene Reaktion auf den Klimawandel wäre eine Vollbremsung, die schnelle Reduzierung der verschiedenen Belastungen unter die vereinbarten  Grenzen. Ein Lösungsweg, der an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hemmnissen und Konsequenzen scheitert.
Die weiterführende Frage ist die, wie sich denn die von Beckert genannten Hemmnisse, bzw. deren Zusammenwirken überwinden lassen.

Ganz aktuell (5/24) hat Beckert ein Plädoyer für eine realistische Klimapolitik* veröffentlicht – grösstenteils identisch mit dem Schlusskapitel des Buches Wie Weiter (177 – 200).
Man kann es als eine Relativierung des Pessimistischen Realismus sehen – vielleicht ist dieser auch Voraussetzung, um eine realistische Zuversicht zu entwickeln.  Ist der Tenor des Buches  in seinem  längsten Teil – der Logik der kapitalistischen Moderne nach – fundamental pessimistisch –  wendet er sich zum Abschluss bzw. in der Nach- Publikation zu einer Motivation zum Bewusstseins- und Handlungswandel. Ohne geht es eben nicht weiter.

An mehreren Stellen hatte sich Beckert wohl anerkennend ( … Beispiele, die zeigen, wie soziales Leben in einer nicht auf ständiges Wachstum und Steigerung des Konsums angelegten Gesellschaft aussehen könnte, 137),  aber dennoch eher bedauernd über Entwürfe, wie Gemeinwohlökonomie, Slow Cities, Transition Towns geäussert.  In ihrer Grössenordnung liegen sie weit unter den Investitionen in fossile Energien.

Klimakrise ist keine Krise des Ja oder Nein, sondern eine des Mehr oder Weniger – je weniger Anstrengungen, desto mehr Klimakrise. Man kann  nicht einfach weitermachen, sich mit den Folgen abfinden und dann daran anpassen. Mehr Emissionen bzw. Belastungen bedeuten auch wieder mehr und weitreichendere Folgen.
Letztlich geht es nicht nur ums Klima,  sondern um die Gesamtheit  natürlicher Lebensgrundlagen bzw. der biologischen Lebenswelten des Planeten. Zu sehr sind sie in der Ganzheit von menschlichen Aktivitäten beeinträchtigt. Die Grenzen der physischen Landnahme sind längst erreicht, eine Ausdehnung in den Weltraum, ist SF- Spekulation.

Eher nebenbei führt Beckert ein Konzept der Regimes zur Steuerung wirtschaftlicher Ordnung ein. Der Ansatz stammt ursprünglich aus dem Kontext der Regulationstheorie.
In der Entwicklung des Kapitalismus zeigt sich eine Abfolge solcher Regimes. Sie definieren den Rahmen des Entscheidungshandelns.  Diese Grossen Narrative drücken sich in vielen Details der Gesellschaft aus: in  Investitionsströmen, technologischen Innovationen, in den gesellschaftspolitischen Leitlinien, wie etwa der Vorstellung von Wohlstand durch Wachstum und Fortschritt.
Verständlich wird das Konzept beim Einblick in die zurückliegenden Stufen: Fordismus ist geläufig als das Regime der Standardisierung, der Massenproduktion und Verbreitung des Massenkonsums. Gesellschaftlich brachte er breite Beteiligungen am Wohlstand, aber auch einen starken Anpassungsdruck. Im Rückblick wird diese Epoche immer wieder Objekt nostalgischer Idealisierung: Wirtschaftswunder, Trentes glorieuses, Great America (again).
Das folgende marktliberale Regime stellte den Markt als Ordnungsprinzip voran. Wahrscheinlich trifft Der neue Geist des Kapitalismus (Boltanski/ Chiapello 1999)** die Integration von Markt- und gesellschaftlich/ kultureller Liberalität am treffendsten. Unter dem Dach des marktliberalen Regimes fand so die Entdeckung der Kreativität als Wirtschaftsfaktor statt. Prinzipien wie z.B.  durch eigene Anstrengung kann sozialer Aufstieg gelingen – fanden verbreitete Akzeptanz. Souveräne Konsumentscheidungen gehören zum Kern des marktliberalen Freiheitsbegriffes (116).
Ökologische Folgen des Wirtschaftswachstums wurden zwar zunehmend thematisiert,  waren aber in beiden Regimes nicht vorrangig. 
Periodisierungen von Gesellschaft
gibt es zu Genüge – man denke an Abschnitte der Moderne, incl. Post- und Metamoderne, verschiedenen Stufen von Industrialisierung und kulturellem Wandel –  dazwischen lassen sich aber Parallelen entdecken.

Bedeutet Grünes Wachstum ein neues Regime zur Steuerung wirtschaftlicher Ordnung? Ein erneuerter Kapitalismus bedeutet hier, dass  Investitionsströme, technologische Innovationen, Konsumverhalten in Richtung Klimaneutralität  gelenkt werden.
Unternehmen als grösste Organisationskörper moderner kapitalistischer Gesellschaften² machen das nicht von alleine. Die Geschäftschancen entstehen erst durch das Zutun des Staates, nur wenn dieser langfristig stabile Rahmenbedingungen schafft, kann der Motor privater Investitionen ins Laufen kommen (s. 144).  Die Veränderung wirtschaftlichen Handelns kann daher nur in der Umgestaltung von unternehmerischen Anreizstrukturen bestehen, in  finanziellen Anstößen wie durch regulative Vorgaben.
Das ist eine Seite der – eher – optimistischen Perspektiven. Die andere ist eine mehr zivilisatorische des Bewusstsein- und Handlungswandels.

Das sind Veränderungen, die im wesentlichen von der Zivilgesellschaft ausgehen, von unten nach oben. Es geht um Verbreiterung von Bildung und Engagement. Beckert führt auf, dass Maßnahmen zur Klimaanpassung besonders dann Unterstützung finden, wenn sie als soziale Norm wahrgenommen werden, Menschen sie als zielführend erkennen und sie für sich selbst Möglichkeiten sehen, sich daran zu beteiligen (194).
Wege zur Schaffung neuer zivilisatorischer Standards. Oder auch Neue Narrative – Sprache ist das Betriebssystem unseres Bewusstseins, von daher rühren Narrative an Handlungsentscheidungen. Es geht darum, wie eine demokratische soziale Ordnung unter Bedingungen einer unzuverlässiger werdenden Natur und der unvermeidlichen Umverteilung vorhandener Ressourcen weiter entwickelt wird.

Es gibt sicher viele Ansätze zu einem Bewusstsein- und Handlungswandel . Verweisen möchte ich auf Die Neuerfindung des Unternehmertums von Reinhard Pfriem, wo es um den Anteil der Unternehmen geht.
Mit den Thesen von Philipp Staab in Anpassung – Leitmotiv der nächsten Gesellschaft  konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Der Begriff der Anpassung ist zunächst immer  relational – Anpassung ohne An was? hat wenig Aussagekraft. Anpassung kann sowohl ein sich einfügen in bestehende Strukturen bedeuten, wie auch den Rahmen der Möglichkeiten zu erkennen. Im positiven Sinne kann Anpassung bedeuten, Strategien zum Erhalt von Handlungsfähigkeit und der Sicherung erwünschter Zustände in einer Nachmoderne zu entwickeln.

Chat GPTs Image Generator hat ein etwas weniger idylliisches  Bild vom Grünen Wachstum

Soweit eine Ergänzung zu der vorhergehenden Rezension. Ein wenig überschneiden sich beide Texte.
Was ein pessimistischer Realismus an Zuversicht zulässt: Die bestehende wirtschaftliche Handlungslogik hemmt Veränderungen. Die Verbreitung Neuer Narrative kann sie anstossen, evtl. eine nachhaltige kulturelle Dynamik auslösen.  Es gibt Gegenströme – und es gibt eine noch unklare Rolle des Neuen Internet mit AI/KI und Spacial Computing/ Metaverse,

 

Jens Beckert: Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht.  Suhrkamp Verlag, März 2024. 200S.  + Anmerkungen — * Jens Beckert: Zwischen Utopie und Resignation. Plädoyer für eine realistische Klimapolitik In: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, Mai 2024. — ¹das Konzept der sozio- ökonomischen Regimes geht zurück auf den Aufsatz Expectations, Narratives, and Socioeconomic Regimes von Robert Boyer, erschienen in dem 2018 von Beckert et al. herausgegebenen Sammelband Uncertain Futures.  Vgl auch:  Robert Boyer: Economie politique des capitalismes: Théorie de la régulation et des crises 2015.   **Luc Boltanski & Ève Chiapello: Der Neue Geist des Kapitalismus . 1999. ²vgl. Reinhard Pfriem: Die Neuerfindung des Unternehmertums – Solidarische Ökonomie, radikale Demokratie und kulturelle Evolution (2021)

 



Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht (Rez.)

Klimawandel ist Überthema der letzten zwei Jahrzehnte, ein Menetekel drohender Unbewohnbarkeit des Planeten,  eine massive Einschränkungsflanke aller Zukunftsvisionen. Dass Handlungsbedarf besteht, wissen wir seit Jahrzehnten, der Aufschub von Entscheidungen führt zu unumkehrbaren Entwicklungen (12). Dennoch wurde der entscheidende globale Ausstoss von Kohlendioxyd nicht zurückgefahren, sondern hat sich seit den 70er Jahren verdreifacht (9).
Warum sind Gesellschaften nicht in der Lage, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten? 

Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen blockieren eine Lösung des globalen Problems (12) – das ist die zentrale These, die Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, in Verkaufte Zukunftaufstellt – und dieser These entlang reiht sich das ganze Buch auf.
Es beginnt mit der Genese der kapitalistischen Moderne (24ff) und ihrer gesellschaftlichen Strukturen, in der sich das System wettbewerbsorientierter Märkte und privater Eigentumsrechte herausbildete: ein historisch einmaliges System nahezu unbegrenzten Wachstums, gekennzeichnet durch kontinuierliche Landnahme – der Einbeziehung immer neuer Regionen, Objekte, Akteure und der Zukunft (28).  Beckert setzt Bezüge zu Klassikern, wie Max Weber, Polanyi und Schumpeter.

Weltweiter Energieverbrauch 1800- 2022 (31)* – nach Klick in voller Auflösung

Fossile Energieträger ermöglichten die Dynamik der Industrialisierung: ohne Kohle keine Dampfmaschine, keine Eisenbahn und keine Stahlwerke, ohne Öl keine Autos und Flugzeuge. Die gesamte Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte wäre ohne fossile Energieträger undenkbar.
Genauso   bedeutet die Verfeuerung dieser in Jahrmillionen angesammelten Reserven die Freisetzung des gespeicherten CO², die das Klima verändert. Das alles ist soweit bekannt, das Wissen darüber verbreitet.

Kapitel Big Oil (46ff) thematisiert Macht, Einfluss und Lobbyarbeit der fossilen Energiewirtschaft. Leugnung der Klimakrise ist heute keine gangbare Strategie mehr, die Konzerne pflegen eine neue Selbstdarstellung: Pläne zu verändertem Verhalten werden offensiv kommuniziert. Märkte für erneuerbare Energien wachsen, bei insgesamt steigendem Energieverbrauch bedeutet dies aber keine tatsächliche Wende.
Die Gewinne aus der Förderung von Öl und Gas sind weitaus höher als die Investitionen in erneuerbare Energien. In einer Welt mit steigendem Energiebedarf wird trotz massiven Ausbaus erneuerbarer Energien nicht weniger, sondern mehr Öl, Gas und Kohle verfeuert (54).
Drei entscheidende Kräfte lassen sich zusammenfassen, die einen Wandel hemmen: Neben den auf Gewinnmaximierung orientierten Unternehmen, sind es der auf wirtschaftliche Prosperität angewiesene Staat und der Gegendruck von BürgerInnen, die um Arbeitsplätze und gewohnte Konsum- und Lebenspraktiken bangen. Konsum konstruiert auch soziale Ordnung.

Nützlich und anschaulich ist das von Beckert übernommene Konzept der Abfolge sozio-ökonomischer Regimes¹ (142)  der Steuerung wirtschaftlicher Ordnung.  Grosse Narrative, die sich in den Details ausdrücken: in Investitionsströmen, technologischen Innovationen, aber auch in den gesellschaftspolitischen Leitlinien, wie etwa der Vorstellung von Wohlstand durch Wachstum und Fortschritt.
Fordismus ist geläufig als das Regime der Massenproduktion und Verbreitung des Massenkonsum. Das folgende marktliberale Regime stellte den Markt als Ordnungsprinzip voran. Ökologische Folgen des Wirtschaftswachstums blieben in beiden Regimes ausser Sichtweite.
Grünes Wachstum lässt sich als Wechsel zu einem neuen sozioökonomischen Regime verstehen (143). Unter dem Etikett Grün wird ein steigender Anteil der Investitionsströme, technologischen Innovationen und auch des Konsums in Richtung Nachhaltigkeit geleitet. Bei Wirtschaftsplanern wird Grünes Wachstums zum Megathema, das historische Investitionsmöglichkeiten eröffnet.
Beckerts folgende Analyse ist allerdings ernüchternd: Die Veränderungen bleiben weit hinter dem zurück, was notwendig wäre.  Grünes Wachstum ist für Investoren nicht deshalb attraktiv, weil  es  natürliche Lebensgrundlagen erhält. Auch der grüne Kapitalismus ist darauf angelegt, weiteres Wachstum herbeizuführen – das anderswo zu ökologischen Kollateralschäden führen kann.
Etwas anders verhält es sich mit den neuen Narrativen von Gemeinwohlökonomie, Slow Cities etc. –  Ihr messbarer Einfluss ist geringfügig, wer will kann sie spöttisch als hochgejubelte Kleinsterfolge oder symbolische Ersatzhandlungen bezeichnen. Dennoch schaffen sie neue Modelle, verbreitern ein Bewusstsein. Darin besteht ihre Wirksamkeit.
Sicher verbreitet sich der Konsum nachhaltiger, klimafreundlich klassifizierter Produkte (134) zuerst im Konsumverhalten ökologisch aufgeklärter Mittelschichten. Oft wird er zudem mit einem gewissen Distinktionsverhalten verbunden.  Dennoch sollte man beides nicht miteinander koppeln. Bewusster Konsum ist kein schichtspezifisches Merkmal.
Bekannt ist allerdings im gesamten Bereich der Nachhaltigkeit ein ausgeprägter Bruch zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten –   auch Say Do Gap genannt.

Nicht weiter thematisiert werden die Energieanforderungen von dem, was sich als nächstes Internet zusammenfassen lässt. Im Falle Blockchain/ Web3 war der CO² Imprint eines der wesentlichen Argumente dagegen.  Ein Metaverse bzw. Spatial Computing, das tatsächlich  auch die Erfahrungen vermittelt, die es verspricht, verbraucht ein noch unbestimmtes Ausmass an Energie – ähnliches gilt für KI- Anfragen. Inwieweit die Nutzung von Metaverse und KI anderswo Ressourcen einspart ist möglich, aber Spekulation.

Verkaufte Zukunft ist pessimistischer Realismus pur – bei aller nüchternen Analyse ein engagiertes und aufrüttelndes Buch,  beileibe keine Dystopie oder eine fatalistische Hinnahme. Dass beschlossene Klimaziele nicht eingelöst werden können, wird wohl längst stillschweigend eingesehen. Eine ökologische Transformation wird mehr Zeit brauchen, als man es sich wünscht.  Greenwashing gibt es umso mehr.

Was das Buch leistet ist eine sozialwissenschaftlich stringente Ausführung der Konfliktlinien, die die Durchsetzung der Klimaziele hemmen. Aufgabe der Politik scheint es u.a. zu sein, die Investitionsströme der Finanzmärkte in gesellschaftlich sinnvolle Felder zu lenken.
Die aus zivilgesellschaftlichem Engagement gewachsenen Initiativen spielen grössenmässig nur eine geringfügige Rolle – dafür aber mehr als Modelle, in der Diskussion und in der Ausbildung von Meinungen und Haltungen. Es geht nicht ohne positive Zielsetzungen.
Klimawandel ist nur ein Teil einer umfassenden ökologischen Krise. Mittlerweile  ist der gesamte planetare Raum, von der Antarktis bis zur Stratosphäre und zum Microplastik in der Tiefsee derart von seiner menschlichen Bewirtschaftung belastet ist,  dass sich die weitere Perspektive auf planetare Belastungsgrenzen richtet (vgl. 167).

Es gibt eine Geschichte globalen Handelns, die dem Anschein nach als Muster dienen könnte. In einem Interview mit der NZZ (11.03) äusserte sich Beckert zum Ozonloch auf der Südhalbkugel,  lange Zeit ein grosses Umweltproblem. Die Ursache lag in der Verwendung von Fluorkohlenwasserstoffen (FCKW) in Sprühdosen und Kühlschränken.
Eine ähnliche Koalition von Wissenschaftlern, Umweltschützern und schließlich auch Politikern,  mobilisierte die Weltöffentlichkeit, mit dem Montréal-Protokoll 1987 wurde ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag zum Schutz der Ozonschicht durchgesetzt. Die Maßnahmen zeigen Wirkung, das Ozonloch hat sich allmählich stabilisiert und beginnt sich zurück zu bilden – bis dahin ein Erfolg.
Als Muster für die Durchsetzung der Klimaziele taugt sie aber nicht: Es ging nur um das Verbot einer einzigen Chemikalie, das keine grösseren Opfer verlangte. Das Problem der zentralen, hemmenden  Logiken wurde  nicht berührt.

Jens Beckert im Gespräch mit Gert Scobel; Stadtbibliothek Köln, 10.04.24

Die Buchpräsentation in der Kölner Stadtbibliothek hatte mich tatsächlich noch stärker überzeugt als das Buch selber –  wahrscheinlich  lassen sich die Gedanken. und  Konfliktlinien in dieser Form kompakter darstellen. Ein Koffer voller Diskussionsargumente.

Der folgende Beitrag – Grünes Wachstum – ein neues sozio- ökonomisches Regime? – schliesst auch inhaltlich an

 

Jens Beckert: Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht.  Suhrkamp Verlag, März 2024. 200S.  + Anmerkungen   ¹ das Konzept der sozio- ökonomischen Regimes geht zurück auf den Aufsatz Expectations, Narratives, and Socioeconomic Regimes  von Robert Boyer, erschienen in dem 2018 von Beckert et al. herausgegebenen Sammelband Uncertain Futures.
*Data source: Hannah Ritchie, Pablo Rosado and Max Roser (2023) – “Energy” Published online at OurWorldInData.org. Retrieved from: ‘https://ourworldindata.org/energy’ [Online Resource]. Chart 48 of 241. Note: In the absence of more recent data, traditional biomass is assumed constant since 2015.
Renée Cho: AI’s Growing Carbon Footprint. In: State of the Planet. New from the Columbia Climate School. 6/23



Code & Vorurteil – KI und die Nebenwirkungen

KI ist im zweiten Jahr des Hype, mit einer gewissen Verzögerung  auf dem Buchmarkt.
In Code & Vorurteil über künstliche Intelligenz, Rassismus und Antisemitismus geht es um Nebenwirkungen der KI. Ein Sammelband mit 18 Einzelbeiträgen + Glossar. Mit Schwerpunkten zum Verhältnis KI zu  strukturellen Ungleichheiten, Fake & Unfake, Kontrolle. Herausgeber ist die Bildungsstätte Anne Frank, ein Bildungszentrum gegen Gewalt und Diskriminierung mit historisch-politischer Bildungsarbeit mit Sitz in Frankfurt (ganz in der Nähe des Geburtshauses von Anne Frank) und Kassel.

Die Verbreitung von KI wird oft mit anderen technologischen Innovationszyklen verglichen, zumeist älteren Stufen der digitalen Revolution- manchmal aber auch mit früheren folgeträchtigen Innovationen, wie der Elektrizität.
Unter KI wurden immer wieder ziemlich unterschiedliche Dinge verstanden, der Begriff hat sich aber durchgesetzt. Auch hier geht es v.a. um generative KI, die auf der Grundlage von Trainingsdaten, nach Anweisung/ Promptings neue Texte, Bilder, Videos – und noch einiges mehr generieren kann.  Auf Nachfrage einer treffenden Selbstbezeichnung nennt sich ChatGPT selber sprachgesteuertes maschinelles Lernmodell.
 Werden mit KI gesellschaftliche Ungleichheiten fortgeschrieben?,  Wer hat den Nutzen von der gewonnenen Effizienz?, Kann KI unter den bestehenden Umständen zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen?, Wie gerecht sind automatisierte Entscheidungssysteme? Es geht um die Detektion antisemitischer und rassistischer Codes, daran anschliessend die strategische Frage, ob KI- Systeme Verbündete im Kampf gegen Ungleichheit sein können?
Zusammengefasst als die Frage, die die Herausgeber bewegt: Wie können Politische Bildung und kritische Zivilgesellschaft einen guten Umgang mit den neuen KI-Tools und ihren Auswirkungen finden? oder auch: Können technische Systeme Probleme lösen, die im Kern sozial und politisch sind? – Um diese Dimension der KI- Diskussion geht es in den  Beiträgen.

Einige der Autoren sind mir von anderen Quellen  bekannt:
Jürgen GeuterPseudonym @tante, hat sich einen Namen als Kritiker, als Gegensprecher von Hypes gemacht – man kann auch sagen als markanter De- Bullshitifyer. Im Falle Web3 lieferte er die letztendlich entscheidenden Argumente, zusammengefasst als das Internet, das es zu verhindern gilt, einen antipolitischen Raum zur Kapitalakkumulation.
Auch in den Diskussionen zu Metaverse und KI nimmt @tante die Rolle des Kritikers ein. Daten beschreiben die hegemoniale Sicht auf die Welt und ihre Strukturen (81) – ist in etwa seine hier vertretene Grundansicht. Generative KI kennt nur die gelernten Daten und zwängt alles in bekannte Muster ´– reduziert so Diversität und verstärkt einen digitalen Mainstream. Generative KI  ist demnach strukturkonservativ, die alte Welt, die es zu überwinden gilt, steckt zu tief in ihren Knochen (88).

Metaverse ist zwar out of Hype, dennoch eine sich weiter entwickelnde Umgebung.  Matthias Quent, Soziologie- Professor in Magdeburg, war mir von einem Essay zum Rechtsruck bis in die Mitte der Gesellschaft bekannt.
Hier (101 – 113) schreibt er aus der Perspektive des Forschungsprojekts Immersive Demokratie über KI im Industrial und im sozialen Consumer Metaverse. Mit Hilfe von KI können komplexe Immersive Virtuelle Umgebungen (IVU, 105) konstruiert und gesteuert werden, wie wir es bereits von Texten, Bildern und nun auch Videos kennen.
KI kann darin vielfältig eingesetzt werden. Dazu, Gesetze und Regeln einzuhalten, Gemeinschaftsstandards und erwünschte Verhaltensweisen zu regulieren, Diskussionen zu moderieren. Genauso wie massenhaft manipulative und propagandistische Inhalte generiert werden können. Quent thematisiert Scenarios demokratie-gefährdender Radikalisierung. Das kann einzelne Personen, Gruppen, Bewegungen, virtuelle Räume und digitale Netzwerke umfassen. Als lernendes System ist auch maschinelles Lernen radikalisierungsfähig (104).

Eva Berendsen (115-124) thematisiert den Einsatz von KI durch rechtsextreme Aktivisten.  Zu deren Werkzeugkasten, speziell zur  Illustration politischer Meinung gehören KI- Bildgeneratoren.  Zu erwarten wäre eine Ausbreitung von Fake- Bildern, die Emotionen, Ängste, Desinformation schüren. Sicher kann KI eine Schneise sein, durch die sich solche Trigger verbreiten. Chat GPT selber gilt als woke AI – und sagt von sich selber, dass es trainiert sei, respektvoll und höflich zu sein, eine politisch korrekte Sprache zu verwenden und sich dabei an allgemein akzeptierte soziale Normen zu halten. 
Eine mögliche Perspektive politisch- historischer Bildung entwirft Deborah Schnabel in Frag doch das Hologramm (145 – 153) mit der Vision KI- gesteuerter Hologramme historischer Personen.

Das Fazit überrascht kaum: Ein verantwortungsvoller Umgang mit KI braucht eine starke Zivilgesellschaft (198). Demokratische Kultur muss auch in digitalen Räumen konsequent gelebt werden. KI kann, wie jede Technologie, für sozialen Fortschritt wie für sein Gegenteil, benutzt werden. Sie reproduziert das, was in der Gesellschaft ist. Letztlich geht es um das gesellschaftliche Verständnis davon, wie Wahrheit erzeugt und richtige Entscheidungen getroffen werden  (80).
Man kann es auch zivilgesellschaftliche Wachheit nennen – genau das bedeutet Wokeness.  Gegenspielern einer demokratischen Öffentlichkeit sind Bedenken fremd, Techniken für ihre Zwecke zu nutzen.
Eine Frage wird nicht thematisiert, das ist der zu erwartende Machtüberhang einiger weniger Plattformen und Unternehmen – BIG AI – so wie wir es aus dem Social Web kennen.

Bei aller geäusserten Skepsis und Besorgnis bleibt doch klar, dass generative KI ein Publikumserfolg ist. So wie das Internet bei seiner Einführung, wie das SmartPhone – und auch wie Social Media. Die Möglichkeiten werden auf allen Seiten ausgetestet – in der Bildung, in der  Marktforschung, im Journalismus – um nur die zu nennen, in denen ich in den letzten Tagen praktische Beispiele gesehen habe.
Parallel zur Re: Publica in Berlin Ende Mai gibt es eine offene Vernastltung zur Prompting Culture. Ein Hinweis auf die Popularität der Anwendung generativer KI.

Folgt man dem Konzept der Technogenese, das die Co- Evolution, eine parallele Entwicklung  von Technik und Gesellschaft bedeutet, ist die laufende Diskussion ein Teil der Aushandlung über die gesellschaftliche Einbettung von KI – und dieses Buch ein lesenswerter Beitrag dazu.

Praktisch ist das Glossar (>20 S.) mit kompakten Definitionen der verwendeten Begriffe und einiger mehr.

Marie- Sophie Adeoso, Eva Berendsen, Loe Fischer, Deborah Schnabel: : Code & Vorurteil  – Über künstliche Intelligenz, Rassismus und Antisemitismus. Edition Bildungsstätte Anne Frank. Verbrecher Verlag, Berlin 2024.   Financial Times . Amba Kaka, Sarah Myers & Meredith Whittaker: Make no mistake—AI is owned by Big Tech – MIT Technology Review 5.12.2023 —
AI NOW. – 2023 Landscape – Confronting tech power



Klaus Janowitz (klausmjan)

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