One more thing … Spatial Computing

One more thing iPhone Momente wurden wachgerufen, als Apple CEO Tim Cook am 5. Juni die Vision Pro auf der Keynote zur WWDC23 (World Wide Developpers Conference) vorstellte. Apple hat es immer verstanden, neue Produkte in Szene zu setzen. Apple steht für das Primat der User Experience/ Nutzungserfahrung: aufeinander abgestimmte Hard- und Software, ausgereiftes Produktdesign. Kein Konzern hat mehr Fans, und diese ganz besonders in der Creative Class; Apple Produkte sind statusbeladene Accessoires, bis hin zum Airpod werden höhere Preise akzeptiert.
Wahrscheinlich hätte sich auch ohne das iPhone das mobile Internet durchgesetzt. Doch die bruchlose Verbindung von Internet, Telephonie, Kamera, Musik und die Anschlussfähigkeit der so vielfältigen Drittangebote setzte Maßstäbe, liess das SmartPhone innerhalb weniger Jahre zum unverzichtbaren Zugang zu einer neuen – global verbreiteten Infrastruktur- werden.
iPhone Moment  bedeutet v.a. eine Erwartungshaltung auf einen Prototypen für den Zugang zu neuen immersiven Welten, für ein Internet nach dem Monitor. Vorerst mit zeitlicher Verzögerung: In den Verkauf kommt Vision Pro erst Anf 2024 – der hohe Preis begrenzt zudem die Verbreitung.

Metaverse blieb ausgespart – stattdessen Spatial Computing –  ein Begriff, der 2003 von Simon Greenwold in seiner Abschlussarbeit am MIT* (download) definiert wurde:  human interaction with a machine in which the machine retains and manipulates referents to real objects and spaces. “Aus technischer Sicht integriert Spatial Computing mittels Software die Benutzeroberfläche des Computers nahtlos in die dreidimensionale physische Welt” – so Valentin Heun 2021. Entscheidend ist dabei, dass physische Signale wie Gesten, Stimme, Blickrichtungen als Eingaben für interaktive digitale Mediensysteme dienen, so wie Klicks, Mouseover oder Tastatureingaben beim Zugang  über Display.

Metaverse setzt Spatial Computing voraus – ohne Interaktion mit physischen Signalen kein Agieren im virtuellen Raum – als Konzepte betonen sie aber ganz andere Möglichkeiten: Spatial Computing erweitert das bestehende Internet um Funktionen;  Metaverse ist qua seiner Definition** ein überwölbendes Konzept einer miteinander verbundenen virtuellen Sphäre – und daran schliessen sich Fragen nach gesellschaftlichen Implikationen und Konsequenzen an: welche Folgen haben Verhalten und Handlungen in einem Metaverse? Was für eine Form von Öffentlichkeit entsteht in einer parallelen immersiven Welt?

Spatial Computing: mehr Bauprojekte als Avatare. Bild: Viktor Forgacs. unsplash.com

Einsatzmöglichkeiten gibt es genug, Apple spricht sehr weitgefasst von Spielen, Kommunikation und den Konsum von Inhalten. Vermutlich stehen Entwickler in den Startlöchern, für visionOS, das Betriebssystem der VisionPro angepasste Anwendungen zu produzieren.  Heute (22.06.) berichtet t3n von der Freigabe eines robusten Sets von Tools für Entwickler:innen.  Hier scheint sich das Modell iPhone zu wiederholen:  Apple stellt Hardware und Betriebssystem – Drittanbieter entwickeln die Anwendungen. Wahrscheinlich  wären etwa Bauprojekte, Trainings, Entwürfe grosser Veranstaltungen, im medizinischen Bereich, im Verkehr, bei Produktpräsentationen bis hin zu Einrichtungsentwürfen u.v.m,…  Ganz heruntergebrochen wird Spatial Computing erst wenig social sein, mehr im BtB- Bereich und wird weniger Beigeschmack von Science Fiction haben, das Thema der miteinander verbundenen Welten, das das Metaverse ausmacht, kommt kaum vor.

Konzerne wie Disney, denen man Erfahrung in Sachen Inszenierung des Fiktiven zuschreibt, haben sich mittlerweile vom Projekt Metaverse  zurückgezogen.  Überraschenderweise findet die ursprüngliche Idee immer wieder Anklang in der Mode- Branche, mit Überschriften wie Digitale Mode ist die Zukunft der Branche  und etwa dem virtuellen Raum Vogue Meta- OceanWas macht virtuelle Mode interessant, Avatar- Fashion? Es geht um Luxus- Marken, bei denen das finanzielle Limit  hoch gesteckt ist – und es geht anscheinend um den asiatischen Markt.  Eine Frage, inwieweit technische Innovationen an ältere kulturelle Muster anknüpfen. Ein Tor, über das ein Metaversum eine breitere Öffentlichkeit erreicht?

Sieht das Internet der Zukunft wie Spatial Computing aus? Ein Zugangswerkzeug, wie die Datenbrille wird so schnell nicht in den Alltag vordringen, bleibt besonderen Abläufen, oder auch Vorführungen vorbehalten.  Das SmartPhone ist viel zu praktisch, als dass es in absehbarer Zeit ersetzt werden würde. Es bündelt derart viele im Alltag verbreitete, nützliche und unterhaltsame Funktionen – es lenkt zwar viel mehr ab, als es sich viele wünschen,  beansprucht aber auch nicht die volle Aufmerksamkeit. Niemand verbindet den Gebrauch mit dem Abtauchen in eine parallele Welt,  es ist ganz von dieser Welt.  Als das iPhone 2007 eingeführt wurde, waren Mobiltelephone, manche mit Internetzugang bereits weit verbreitet. Das Bild des Cyberspace lag damals schon weit zurück.

Der Hype um Metaverse scheint abgebrochen bzw. in eine Richtung gelenkt, die vorerst keine übermässigen gesellschaftlichen Auswirkungen – that will revolutionize everything  hat. Erkennbar gibt es einen Drang zum Hype: narrative Spekulationen zu  technischen Neuerungen, die die Welt – zumindest wesentliche Teilsysteme – verändern. Es gibt viel Geld in den Kassen der GAFAM- Konzerne, dass erfolgversprechende Investition sucht, es gibt eine breite technisch gut ausgebildete Klasse, die in technologischen Zukunftsvisionen als einen Kick erlebt. Metaverse – bzw. die Vision einer nicht- körpergebundenen parallelen Realität – ist dabei ebenso wie KI/AI ein wohl immer wieder kehrendes Motiv. Manches davon wird in den Raum der Nützlichkeit überführt, es bleibt aber auch ein Raum der nahezu archetypischen Spekulation.
Ausgeblendet wird oft der gigantische Bedarf an Rechenleistung und damit dem Energieverbrauch – das gilt für alle Hypes: Web3, Metaverse und auch die grossflächige Nutzung von KI/AI.

s. auch: Simon Greenwold: Spacial ComputingMaghan McDowell: Apple’s AR glasses are here. Fashion is watching– Vogue Business June 5, 2023  – Thomas Riedel: Alle Fakten zum MR-Headset, Apples Spatial Computing Strategie und eine Einordnung in den aktuellen XR-Markt – zum Podcast:   *MIT = Massachussetts Institute of Technology. t3n/ Andreas Floemer (22.06.23): Apple veröffentlicht VisionOS-SDK für Entwicklung von Vision-Pro-Apps.  ** vgl. die Definition von Matthew Ball unter The Metaverse – And How It Will Revolutionize Everything Valentin Heun: Was ist Spatial Computing und wie setzt man es ein?  (Industry of things.de 22.01.21) 



Informalisierung und Formalisierung

Zivilisation ist kein einmal erreichter Zustand, sondern im ständigen Wandel begriffen, der Zivilisationsprozess ein nie abgeschlossener, evolutionärer Prozess. Ungesteuert, aber doch von erkennbaren Faktoren beeinflusst und angetrieben.
Seit den späten 60er Jahren wurde in den Niederlanden die Zivilisationstheorie von Norbert Elias breit rezipiert, ausgehend  vom  Lehrstuhl von Johan Goudsblom. Gleichzeitig war es die Zeit spürbarer gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche, in denen die Niederlande, insbes. Amsterdam, eine Art Vorreiter waren.
Naheliegend, Elias’ Zivilisationstheorie darauf anzuwenden. Offensichtlich war allerdings, dass sich ein Prozeß der Disziplinierung der Individuen, der zunehmenden Unterwerfung des Verhaltens unter straffere Regulierungen nicht in dieser Form fortsetzte. Stattdessen zeigten sich neue Ideale: Selbststeuerung, Variationsspielraum und die flexible Anwendung von Verhaltensregeln.

Rückwirkend werden die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche der 60er und 70er Jahre meist als Voraussetzung der modernen Welt so wie sie heute ist verstanden. Lange galt das Jahr #68 als Kulminationspunkt, als Synonym für eine zeithistorische Wende. Eine Wende, die fast alle westlichen (und einige andere) Gesellschaften erfasste, vornehmlich getragen von  jüngeren Generationen und einigen intellektuellen Protagonisten. Keine einheitliche Bewegung, wurde sie aber doch als übergreifender Aufbruch erlebt. Es gab politische Radikalisierung und eine Vielzahl von Subkulturen, generell war es ein Aufbegehren gegen starre gesellschaftliche Regeln, Hierarchien und eine rigide Sexualmoral. In (West-) Deutschland kam die Aufarbeitung der Nazi- Vergangenheit hinzu.
Gesellschaftliche Liberalisierung ist ein Vermächtnis des Aufbruchs.  Lockerungsrevolte heisst es etwa bei D. Diedrichsen.

Cas Wouters, Soziologe der Informalisering

Cas Wouters, Soziologe aus dem Umfeld der Amsterdamer Elias/ Goudsblom- Schule  hat seit den 70er Jahren an einer Aktualisierung der Zivilisationstheorie gearbeitet. Zum einen by the book incl. umfangreicher Quellenrecherchen in Dokumenten, dem Muster von Elias folgend auch in Manierenbüchern  von 1890 an* (in NL, GB, D, USA). Kernstück der Analysen ist der Wandel von Emotionsregulierung – von strikten Konventionen hin zu einer Emanzipation der Emotionen. Es geht um Umgang mit Sexualität, Trauer und anderen starken Gefühlen, um Machtdifferenzen. Trauer bspw. unterlag lange Zeit verpflichtenden Regeln des Verhaltens und deren äusserer Darstellung, u.a. in der Kleidung – heute ist Trauer weitgehend individualisiert. Sichtbar ist die Suche nach neuen Ausdrucksformen und Ritualen.
Säkularisierung ist eine Begleiterscheinung, in den Niederlanden z.B. brachen die Konfessionen als einst tragende Säulen (verzuiling) der Gesellschaft weitgehend weg.

Auf dieser Basis von Quellenforschung und Beobachtungen geht die  Informalisierungsthese als eine Modifizierung der  Zivilisationstheorie auf Wouters zurück – seit den 80er und 90er Jahren (vgl.  Van Minnen en Sterven) immer wieder präzisiert. Informalisierung bedeutet nicht einfach Permissivität, den Wegfall von Zwängen, sondern setzt neue Anforderungen an Selbststeuerung.
Für die 80er Jahre konstatierte Wouters gegenläufige Prozesse einer Re– Formalisierung, einen auch anderswo oft beschriebenen Rollback. Die Renovatio des Kapitalismus seitdem war nicht allein eine Gegenreaktion, viel öfter eine Übernahme von Entwicklungen, die sich gesellschaftlich bereits verbreitet hatten. Formalisierung und Informalisierung werden so als zwei Phasen von Zivilisationsprozessen verstanden, die in einer Art Spirale miteinander verflochten sind. Der Neue Kapitalismus, wie ihn Boltansky/ Chiaretto (1999)  beschrieben, übernahm die sog. Künstlerkritik an fehlender Authentizität, Kreativität bedeutete nun eine ökonomische Ressource. Werbung und Marketing übernahmen Prinzipien von Gegen- und Popkulturen – The Conquest of Cool.  Bis dahin, bzw. aus der zeitlichen Distanz, bleiben die Trends erkennbar und übersichtlich und stimmen weitgehend mit der Informalisierungsthese überein.

Frage ist, wieweit das Modell von Informalisierung/ Formalisierung zum Verständnis aktueller Gesellschaften beiträgt. Ohne die in der Informalisierungsthese beschriebenen Prozesse wären die Entwicklungen der Folgejahrzehnte kaum vorstellbar. Ohne die Schübe von Informalisierung wären viele Innovationen zumindest ganz anders verlaufen.
Wo stehen wir jetzt? Auch der Aufbruch der digitalen Moderne ist mittlerweile ca. ein  Vierteljahrhundert alt. Grenzen zwischen vertrauten Umgebungen, in denen Gemeinschaft empfunden und gelebt wird und weitgehend formalisierten Räumen der Gesellschaft sind oft verwischt. Muster von #Consozialität treten immer wieder als gemeinschaftsstiftend auf: “what we share“ – ähnliche Interessen,  ähnlich erlebte Erfahrungen – das sind die Bedingungen unter denen informell verhandelt wird.
Fast alle Bereiche der Lebenswelt sind mittlerweile auf ökonomische Verwertbarkeit ausgemessen (vgl.. u.a. Sharing Economy). Dabei haben sich eine ganze Reihe kultureller Muster und Bedeutungen verschoben: eine manchmal an einem sehr formellen Code haftende Wokeness – wird von anderen als  herrschende Ideologie diffamiert,  ein ressentimentbehafteter, sich lautstark als rebellisch gebender Populismus trat auf. Libertär bedeutete einst einen radikal- heroischen Bruch mit gesellschaftlichen Zwängen, heute ist damit eine schrankenlose, anarcho- kapitalistische  Selbstentfaltung gemeint.
Die Nachfolger der Strömungen, die im vergangenen Jahrhundert Informalisierung angetrieben hatten, sind oft stilbildend: eine Ästhetik des authentischen Erlebens findet sich oft,  bin in die Spitzengastronomie. Formale Repräsentativität, plakativer Luxus sind auf dem Rückzug, gelten eher als  BlingBling für Oligarchen.

Gesellschaftlicher Wandel – oder spricht man besser von Erneuerung? – geschieht selten nach Plan und festen Regeln. Neue Räume, neue Möglichkeiten sind zunächst unregulierter (Frei-) Raum. Einige Entwicklungen haben wir im Social Web erlebt (vgl. #die Macht der Plattformen).
Was eine an die Elias’sche Zivilisationstheorie angelehnte Betrachtungsweise interessant macht, ist, Prozesse auf mehreren Ebenen in eine Perspektive zu rücken: vielleicht die Weiterentwicklung der Lebenswelt, die Ausformung des Habitus und auch der Technogenese, die von ihrer Gesellschaft geprägte technische Infrastruktur. Soweit einige Gedankenstränge zusammengeführt …

Cas Wouters: Informalisierung. Norbert Elias’ Zivilisationstheorie und Zivilisationsprozesse im 20. Jahrhúndert. Hagener Studientexte zur Soziologie, 1999. -* Cas Wouters:  Informalisering. Manieren en emoties sinds 1890. 2008 Have Civilising Processes Changed Direction? Informalisation, Functional Democratisation, and Globalisation. In: Historical Social Research 45 (2,) 3/20: 293-334. Civilisation and Informalisation: Connecting Long-Term Social and Psychic Processes: Connecting Long-Term Social and Psychic Processes Van Minnen en Sterven  Sex and Manners. — Vgl. auch Zivilisation und Habitus in der Digitalen Consumer Culture



Hypes: Metaverse – Web3 – ChatGPT – Vom Zweiten zum Dritten Netz?

Metaverse, Web3, Chat GPT Hypes darüber, was unsere digitale Zukunft sein soll, reihen sich aneinander.
Die Hypes zu Metaverse und Web3  sind  mittlerweile abgeflacht bzw. entzaubert. Beide wurden immer wieder als neue Stufen der digitalen  Evolution genannt, successor states des Internet, wie wir es kennen.

Metaverse ist mehr als immersive Technik. Graphik: Thomas Riedel

Hypes sind zumeist mit Narrativen einer zu erwartenden Zukunft verbunden.
Metaverse knüpft an aus Science Fiction bekannte Visionen einer virtuellen, aber doch sinnlich erlebbaren Welt.
Das Metaverse ist mehr als Was mit VR- Brillen. Definitionen gibt es eine Reihe, entscheidend ist eine Infrastruktur, die Nutzer bruchlos zwischen einzelnen, durch Daten erzeugte Realitätserfahrungen wechseln und sie erleben lässt. Umgebungen, in der solche – sozialen und sinnlichen – Erfahrungen möglich sind, wären tatsächlich etwas, that will revolutionize everything.
All die Fragen nach dem Wandel von Öffentlichkeit, von Vergemeinschaftung, nach einem gesellschaftlichen Common Meeting Ground, aber auch nach der Marktteilnahme und den Möglichkeiten des E- Commerce stellen sich dann erneut. Nicht miteinander verbundene, in sich geschlossene virtuelle Welten sind kein Metaverse, es sind einzelne immersive Erfahrungen, gated experiences,  die aber keine neue Infrastruktur des Internet mit sich bringen. Abgeflacht ist v.a. der von  Meta/ Ex- Facebook angefachte Hype.

Web3 galt lange Zeit als selbsterklärter Nachfolger von Web2 – jede Entwicklungsstufe des Internet fügt demnach eine neue Funktionsebene hinzu, so folge Web3  in gerader Linie auf  Web1  und Web2, von read-only to read & write to read-write-own (vgl Graphik zur Geschichte des Web, Voshmgir) – von der Plattformökonomie zur Token- Ökonomie. Begriffe und Konzepte wie Blockchain, NFTs, DAOs, Smart Contracts und Kryptowährungen sind mit Web3 verbunden. Kernstück ist die Blockchain, die dezentral angelegte, von den Nutzern gemeinsam genutzte und betriebene Datenbank.
Die Financial Times beschrieb Web3 als Bewegung, die auf dem Gedanken basiert, dass die Blockchain-Technologie, die die Krypto-Vermögenswerte aufzeichnet und verfolgt, eine neue Generation von nutzergesteuerten Online-Diensten unterstützt, die die heutigen Internet-Giganten entthronen werden (FT, 7/22).
Die ‘Bewegung Web3′ vereint dabei eine eher unübersichtliche Gemengelage von Interessen und Motivationen. Nach aussen geht es um Dezentralität, um  Datenaustausch ohne Intermediäre. Allerdings nicht um eine evolutionäre Weiterentwicklung, sondern um eine aktiv von versch. Netzwerken gestaltete Vision, etwa wie eine Landkarte, die ihr eigenes Territorium absteckt (vgl. Sadowski & Beegle, 2023). 
Die Bandbreite dieser Szene ist breit. von den  Künstlern, die in NFTs die Möglichkeit von Einkünften sehen, bis zu cyberlibertären Kreisen und einem Anarchokapitalismus in einem tendenziell staats- und politikfreien Raum. 
Selten habe ich eine so vernichtende Kritik, wie die von J. Geuter / @tante an Web3 gelesen: ein moralisch abgrundtief widerliches Projekt;  in der heutigen Form fundamental kaputt (Das Dritte Web) Ein Casino der Zocker.   Dagegen steht die Eigendarstellung: “Our passion is delivering Web 3.0, a decentralized and fair internet where users control their own data, identity and destiny.”
Sadowski & Beegle legen in ihrer Web3 Analyse (3/2023, s.u.) nahe, Web3 als eine Fallstudie zu den Innovationen innerhalb des dominierenden Modells von Venture Kapitalismus im Silicon Valley zu sehen.

Der dritte Hype – Chat GPT – ist noch ungebrochen. Zuerst mit der kostenlosen  Version 3, seit dem 16.03. mit der leistungsfähigeren Version 4.  Im Unterschied zu Metaverse und Web3 geht es nicht um eine komplette Infrastruktur, sondern um den weitflächigen Einstieg in eine Technologie. Artificial Intelligence/ Künstliche Intelligenz  wird schon lange diskutiert, und jetzt steht sie öffentlich – zumindest in der Version 3 – kostenlos zur Verfügung.
Chat GPT und seine schnell nachgefolgten Konkurrenten (Bard)  sind Werkzeuge des maschinellen Lernens, die in riesigen Datenmengen nach Mustern suchen und statistisch wahrscheinliche Ergebnisse erzeugen. Wirklich nutzbar wird es mit Prompt Engineering,  der Technik, die eigenen Anweisungen so zu formulieren, dass sie vom System am besten verstanden werden  – und somit Ergebnisse erbringen, die den Erwartungen am nächsten kommen – bzw. sie übertreffen.

Chat GPT auf die Frage, welche 30 Berufe durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. v. Marco Petracca (erscheint auf Klick in voller Auflösung)

AI/ KI kann eine grosse Reihe von Tätigkeiten  automatisieren (s. Graphik re.). Inwieweit damit Berufe verschwinden – oder ob KI von bestimmten Arbeitsgängen entlastet,  ist eine jeweils eigene Frage. Unternehmen werden oftmals den Rationalisierungsgewinn für sich beanspruchen und einbehalten. Meist gilt:  je höher der Status desto besser die Chancen.
Kritik bzw. relativierende Beschreibung richtet sich v.a. auf das Datenmaterial, die Vorstellung von Intelligenz. Noam Chomsky konstatiert in dem viel beachteten Guest Essay The False Promise of Chat GPT  in der New York Times (8.03.23)  High-Tech Plagiarism – in der wir unsere Wissenschaft und Ethik herabstufen, indem sie in unsere Technologie eine fundamental falsche Konzeption von Sprache und Wissen einfließen lässt.
James Bridle benennt im Guardian (16.03)  eine Aneignung bestehender Kultur in einem Umfang kaum begrenzten Ausmasses durch Techunternehmen (16.03).
Weitere Kritik kommt von Ted Chiang im  New Yorker als ChatGPT is a blurry jpg of the web + dem Untertitel Der Chatbot von OpenAI bietet Paraphrasen, während Google Zitate anbietet. Was ist uns lieber? schrieb The New Yorker  Wie bei jpg und mp3 gehen Informationen bei der Datenkompressionen verloren, oft genug werden Artefakte erstellt.
Mir fällt eine Parallele ein:  Wäre ChatGPT somit für die Wissensgesellschaft das, was mp3 für die Musikkultur ist?

Der Output von ChatGPT ähnelt Stilvorlagen, entspricht oft bekannten Mustern, einem Mainstream des Internet – aber was wäre anders zu erwarten?

Hypes werden inszeniert, von Investoren angetrieben.  Gemeinsam ist allen drei Hypes, dass sie eine ganz bestimmte Zukunft als zwangsläufig inszenieren:  futures appropriation – vereinnahmte Zukünfte – zumeist nach einem von Investoren vorgezeichneten Modell.  Ergreift man diese Zukunft nicht, gerät man ins Hintertreffen. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen ein  Energieverbrauch in noch unbestimmter Grössenordnung – das muss in Zeiten der Klimakrise vermittelbar sein. Virtuelle Welten, Blockchain und der Chatbot verbrennen viel beim Umschlag von Datenmengen …
Der Hype ums Metaverse hat immersive Technologien vorangetrieben. Mit dem Metaverse war und ist immer auch die Formel  verbunden, dass es das Metaverse noch gar nicht gibt – das hält die Vision offen. Andere Unternehmen, wie NVidia und Epic bauen an Standards, auf denen – maybe someday – ein Metaverse BtoC  entstehen kann.
Web3
scheint in dieser Form ausgebremst –  dahinter stecken aber weiter verbreitete Muster aus Tech Industry und Venture Kapitalismus, die schon  lange existieren und weiter bestehen bleiben.
An ChatGPT werden wir uns gewöhnen – auch ziemlich schnell Texte, E- Mails und andere Ausgabeformate erkennen, die damit erstellt wurden …. und wenn es sehr gut ist, dann steckt wohl doch ein Autor dahinter …

Vor mittlerweile rund zwei Jahrzehnten war das Web 2.0., eine Nutzungsevolution,  mit einem basisdemokratischen Aufbruch verbunden. Der Wunsch nach freiem Zugang zu  Wissen, Information und Austausch darüber war ein Antrieb der Verbreitung. Jede/r sollte die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.  Auch das mobile Web, etwa seit der Einführung des  iPhone wurde weitflächig begrüsst – fast jeder wollte dabei sein.
Das Oligopol der digitalen Welt – im wesentlichen die GAFAM*- Unternehmen setzte sich irgendwann mit Social Media und der Plattformisierung durch (vgl. M. Seemann). Lange Zeit blieb es erstaunlich stabil, jetzt scheint es in Bewegung zu kommen, Konkurrenzen werden spürbar. Social Media zeigt Ermüdungserscheinungen (ein weiteres Thema). Das in Social Media verdiente Geld sucht Anlagemöglichkeiten – das sind die Triebfedern zum neuen (dritten?) Web. Von Enthusiasmus, wie damals, ist wenig zu spüren, eher Routinen. Doch prägen technische Infrastrukturen soziale Erfahrungswelten.

Jathan Sadowski & Kaitlin Beegle: Expansive and extractive networks of Web3. In:: Big Data & Society. January–June: 1–14, 2023 Jürgen Geuter (tante@tante.cc) : Bullshit, der (e)skaliert. Golem 16.03.23. James Bridle: The Stupidity pf AI – Artificial intelligence in its current form is based on the wholesale appropriation of existing culture, and the notion that it is actually intelligent could be actively dangerous. The Guardian 16.03.23 —  Ted Chiang: Chat GPT is a blurry jpeg of the web. The New Yorker. 9.02.23  Noam Chomsky: The False Promise of ChatGPT. New York Times 8.03.23    Natasha Lomas: Metaverse is just VR, admits Meta, as it lobbies against ‘arbitrary’ network fee . Techcrunch.com 23.03.2023. Paul Murray: Who Is Still Inside the Metaverse? Searching for friends in Mark Zuckerberg’s deserted fantasyland. Intelligencer. 15.03.23



Web3 – war es das?

Token- Economy – Monetarisierung von Inhalten und Identität

Web3 und Metaverse wurden immer wieder in einem Zuge als Zukunftstechnologien, als neue Stufen der digitalen  Evolution genannt  – ansonsten sind es zwei voneinander unabhängige Entwürfe. Sie bedingen einander nicht. Beide sind aber mit wirkmächtigen  Narrativen  verknüpft, die  ihre Popularität stütz(t)en.

Web3 ist der Dachbegriff zu Technologien, die auf der Blockchain beruhen: DAOs, NFTs, Kryptowährungen, Smart Contracts, Proof of Work etc. Die Blockchain ist die dezentrale, öffentliche Datenbank, sie macht jede Transaktion transparent und damit nachvollziehbar. Jede meint wirklich jede-  bis auf die Ebene von Postings. Transaktionen können nicht verändert werden.
Dem eigenen Narrativ des Web3 nach, geht es um Dezentralisierung, darum, wer das Internet der Zukunft kontrolliert –  versprochen wird eine Demokratisierung und die Ablösung der Dominanz der Plattformbetreiber. Im Web3 tauschen Nutzer ihre Daten über dezentralisierte, blockchain-basierte Netzwerke aus, ohne auf Dritte zurückzugreifen.
Web3 führt in eine Welt der Token-Economy, in der Blockchain-gestützte, dezentrale Anwendungen das direkte Eigentum der Nutzer und die Monetarisierung von Identität und Inhalten durch Token ermöglichen. Token ermöglichen es aktiven Teilnehmern und Urhebern, ohne zwischengeschaltete Plattformen wirtschaftlich von Webaktivitäten zu profitieren. Diese Tokens sind  fungible assets, also nicht- unterscheidbare/ austauschbare Werte wie crypto und stablecoins, oder NFT/ Nonfungible Tokens **. Protagonisten von Web3 argumentieren, dass Web3 das Internet demokratischer, freier, dezentraler, zensurresistenter mache.

Web1, 2 u.3 – aus: Voshmgir – Token Economy 12/2020 S. 34

Autorin Shermin Voshmgir bezeichnet ihr Buch Token Economy selber als Primer to the Web3 mit dem Anspruch Wissen zu Web3 und Blockchain für ein breites Publikum verständlich zu systematisieren. Web3 erscheint hier als logisch konsequente Folgeversion von Web1 und Web2. Web2 ermöglicht PtoP- Interaktionen, die aber über Plattformen vermittelt werden. Erst Web3 ermöglicht demnach den Datenaustausch ohne Intermediäre.
Das Buch lässt sich geradezu als Nachschlagewerk oder auch erklärende Gebrauchsanweisung nutzen und hält das Versprechen einer  verständlichen Systematisierung ein. Web3 wird als wohldurchdachtes, in sich stimmiges Konzept einer globalen Infrastruktur, das aber erst einmal verstanden werden muss, beschrieben. Im wesentlichen die technischen Details, aber auch weitergehende sozio- ökonomische Bezüge wie die (angenommene) Zukunft von Geld- und Finanzwirtschaft. Zu einer Reihe von Themen gibt es  Infographiken, so zum Governance Feedback Loop (163) – der sozialen Steuerung der System-Regeln und zum  Identitätsmanagement  (103). Welchen Sinn,  welche Nebenwirkungen, welchen gesellschaftlichen Vorteil eine tokenbasierte Ökonomie haben soll, wird über Dezentralität hinaus nicht weiter thematisiert. 

Die Kritik an Web3 richtete sich zunächst v.a. auf den immensen Energieverbrauch beim Schürfen  von Bitcoins – in der Grössenordnung  von  Volkswirtschaften wie etwa Argentinien oder der Niederlande. Wie ist eine solche Ressourcenverschwendung in Zeiten von CO2- bedingtem Klimawandel zu rechtfertigen?
Web3 hat technologische Grundlagen und Grundannahmen (so die Blockchain), ist aber ebenso ideeller Begriff für eine Reihe von  Visionen, Ideologien und Zielen (vgl. Geuter, 22). Mittlerweile hat sich die Kritik verschärft und richtet sich auf Web3 als Ganzes.  Wesentliches Pro- Argument der Web3- Verfechter war immer die dezentrale Organisation – im Gegensatz zu dem von grossen Konzernen beherrschten Web2. 
Rhetorik und Wirklichkeit von Web3 fallen der Kritik nach weit auseinander: Nicht dezentrale Machtverteilung, sondern ein umfassender Einfluss von Investoren bestimmt nach Ansicht von Kritikern Web3. Die Resistenz gegenüber Zensur ist in Wahrheit eine gegenüber Regulierungsauflagen. Geschäfts- und Governance-Prozesse sollten keinesfalls auf eine Plattform ausgelagert werden, die dafür gebaut ist, staatliche Regulierung zu unterlaufen.
Web3 ist derzeit eine Welt ausserhalb von Kontrollsystemen, ein tendenziell staatsfreier Raum in die Nähe libertärer Ideologien. Libertär bedeutete einst einen radikal- heroischen Bruch mit gesellschaftlichen Zwängen, heute wird damit (u.a.) die schrankenlose, anarcho- kapitalistische  Selbstentfaltung hinter einer Rhetorik von Freiheitlichkeit verbunden, die Oligarchien begünstigt. Web3 ist ein Web des Eigentums: Jedes Objekt gehört irgendwem, jedes Objekt kann getauscht und gehandelt werden. Jedes denkbare menschliche Bedürfnis wird wirtschaftlich erschlossen, um dann an den finanziellen Transaktionen – den Bezahlungen dieser Leistungen – beteiligt zu werden (J. Geuter, 2022; M. Engeler, 2022)

Jürgen Geuter, Informatiker und Blogger, hat die Kritik in scharfer Form in dem unbedingt empfehlenswerten Text Das dritte Web (2/22) zusammengefasst – der einer vollkommenen Entzauberung nahekommt: auf technischer Ebene zur (begrenzten) Problemlösungsfähigkeit der Blockchain, dem Wert von NFTs;  mehr aber noch auf der politischen Ebene – kurz zusammengefasst Web3 als einen antipolitischen Raum zur Kapitalakkumulation. Letztendlich gehe es um die vollständige Finanzialisierung und Entpolitisierung unseres Lebens, ohne Rücksicht auf die ökologischen Konsequenzen.
Die Schärfe der Kritik ist nicht auf Geuter begrenzt und ist international. Bekannt wurde seine Kritik v.a. durch Auftritte bei der re: publica 2022 und der öffentlichen Anhörung  “Web 3.0 und Metaverse”im Digitalausschuss des Bundestages. In der Wortwahl der Kritik wird an nichts gespart: Das Web3 ist ein moralisch abgrundtief widerliches Projekt –  Die angedachten Bestandteile des Web3 sind in ihrer heutigen Form fundamental kaputt. Sie bringen nur ohnehin schon wohlhabenden Menschen Wohlstand.   Und:  völlig überhyped. Es ist das Internet, das es zu verhindern gilt – meint Patrick Beuth im Spiegel.

Link auf yt: Interview Gunnar Sohn mit Jürgen Geuter al. @tante – Min. 2.00 – 11.00

Im (über das Bild li.) verlinkten Interview mit Gunnar Sohn nimmt Jürgen Geuter /@tante Stellung zu den Motivationshaltungen der Befürworter,  dazu Meinungen zu deren vermutetem Phänotypus.  Die massive Kritik hat sich bisher in einigen  Fällen durchgesetzt, so in der Anhörung im Digitalausschuss. Und sicher spielt der spekulative Absturz der Kryptowährungen eine Rolle. Es bedeutet nicht, dass das Thema Web3 damit vom Tisch ist, zwar heruntergefahren, aber weiterhin Thema von Workshops, Seminaren, Projekten und es gibt eine Anhängerschaft.

Man kann die Diskussionen um Web3, um das Metaverse, auch die um KI/AI als Teile der Diskurse, der Positionierungen zu einem Next Level  des Internet verstehen. Es geht um die Positionierung bzw. das narrative framing ausgewählter  Zukunftsszenarios als einer jeweils folgerichtigen und wünschenswerten- zumeist von Investoren vorgezeichneten Infrastruktur. Es sind Hype- getriebene Märkte mit dem Impetus, aufzuspringen, um die Rallye nicht zu verpassen.  All diesen – technisch getriebenen – Zukunftsvisionen ist gemeinsam, dass sie für eine akzeptable  Performance kaum einschätzbare Anforderungen an Energie haben.
Web2 begann als Web 2.0 mit einem verbreiteten basisdemokratischen Enthusiasmus – und wurde nach und nach von den  plattformbetreibenden  GAFAM- Unternehmen dominiert. Etwas davon fehlt heute.

 

Jürgen Geuter (tante@tante.cc) : Das Dritte Web  21 S. Antworten zur Öffentlichen Anhörung “Web 3.0 und Metaverse” am Mittwoch, 14.12.2022 –  S02E34 – zu Crypto-Imaginaries und alternativen technologischen Infrastrukturen  in: Jan Groos: Future HistoriesDer Podcast zur Erweiterung unserer Vorstellung von Zukunft  Gunnar Sohn: Interview mit Jürgen Geuter 10/22 Shermin Voshmgir: Token Economy. Wie das Web3 das Internet revolutioniert. Berlin 12/2020, 397 S.  Malte Engeler: Web3  – Ein vergiftetes Versprechen. Netzpolitik.org, 2/22  Podcast – Irgendwas mit Recht: Recht und Digitale Gesellschaft 7/22 .  —  **Web3 Opens New Paths to Customer Loyalty – Boston Consulting Group, Kanada, 1/23  Bernard Murr. The Top 5 Trends in 2023. Forbes Digital Assets 10/22.  Polina Khubbeeva: Kryptowährungen und Blockchain. Die grosse Ernüchterung. Netzpolitik.org 2/23

 



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