Ist die Soziologie zu links? Eine irritierte Replik

Eine Replik auf eine Schlagzeile

Ist die Soziologie zu links? Wo Soziologen und Soziologie-Studierende hinschauen, sehen sie in der Gesellschaft Ungleichheit. Und die halten viele von ihnen grundsätzlich für schlecht. Unter diesem Titel veröffentlichte Die Zeit am 25.07. einen Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, beide Professoren an der Münchner LMU.

Titel und die prominente Platzierung haben mich irritiert – und die Irritation ist geblieben, als ich den Text gelesen hatte. Warum publiziert eine Wochenzeitung, die sich als ein Leitmedium versteht  und ein öffentlich sehr präsenter Soziologieprofessor diese Schlagzeile?

Der Text stützt sich auf ein grobes Deutungsschema, seine empirische Grundlage ist schwach. Was als eine aufsehenerregende Studie vorgestellt wird, ist der massenhafte Abgleich von Abstracts mit den Maßstäben einer Skala, die sich auf KI-generierte Typisierungen  stützt.
Weiter gibt es ein diffuses, leicht herablassendes Missbehagen an den eigenen Studierenden, das sich anscheinend bei einer anderswo dokumentierten Langzeitstudie zu Flüchtlingen herausgebildet hat: Mit Gleichheitsversprechen kann man jungen Leuten, die die Welt verbessern wollen, etwas anbieten, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht. Man hat so den Eindruck, dass den Autoren die Haltung der eigenen Studierenden öfters auf die Nerven geht.

Eine KI-Studie als Bezugsrahmen

Bezugsrahmen ist die Studie  The ideological orientation of academic social science research 1960–2024 von James Manzi, veröffentlicht im März dieses Jahres. Erklärtes Ziel dieser Studie ist es, eine langfristige ideologische Ausrichtung von Forschungsergebnissen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen abzuschätzen.
Datenbasis sind die auf der Plattform Open Alex zugänglichen Abstracts sozialwissenschaftlicher Studien in englischer Sprache, exakt 599.194. Eine derart gigantische Masse an Material lässt sich in vertretbarer Zeit nur maschinell  (mit KI) verarbeiten.
Die Abstracts entstammen auch nicht allein der Soziologie, sondern aus insgesamt 11 Disziplinen: Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Ökonomie, Ethnic Studies, Gender Studies, Politikwissenschaft, Psychologie, Public Administration, Public Health und Soziologie.

Die Breite spiegelt das speziell US-amerikanische Fächerspektrum, von denen Ethnic und Gender Studies per se mit identitätspolitischen Fragestellungen verbunden sind, (Kultur-) Anthropologie spielt eine weit grössere Rolle im Fächerkanon. Ökonomie und Psychologie sind auch in den USA eigenständige Fakultäten mit enormen gesellschaftlichen Einfluss.

Was heißt hier „links“?  – Progressiver Neoliberalismus 

Die von Manzi genutzte Skala von 0 (Far Right) bis 10 {Far Left) – erscheint nach Klick in voller Auflösung auf neuer Seite

In 180.311 der Abstracts wird von der KI eine Nähe zu politischen Positionen gemessen. 90% ordnet sie dem linken Spektrum zuLinks bedeutet hier links auf einer Skala (0 =  Far Right, 10 = Far Left), die von der KI  anhand von aktuellen (aus dem Jahre 2025) Positionen im U.S. political spectrum (vgl. abb.) – angelegt wurde – eine Messung von Ideologie auf dem Stand eines Jahres in dem der US-amerikanische Kulturkampf mit der Präsidentschaft Trump II einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Für jedes Fach wurde ein Durchschnittswert bestimmt. Bei der Soziologie liegt er bei 6,9 – was etwa der Verortung der New York Times, einem bürgerlich-liberalen Leitmedium, entspricht. Auf diesem einen Wert beruht letztlich die reisserische Schlagzeile Ist die Soziologie zu links

Ein Text von 1965 wird  an einer im Jahre 2025 fixierten Skala als ideologisch gemessen.  Rekonstruiert wird nicht, wie sich Autorinnen und Autoren historisch selbst verstanden hätten, sondern wie ihre Texte auf dieser heutigen US‑Skala wirken würden. Blickt man zurück, waren die 60er Jahre in den USA das entscheidende Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung. Gemessen am angesetzten Maßstab, war dies eine linke Bewegung.
Neben etwa Racial Justice und Gender/sexuality Research hat, so Manzi, wohl auch Forschung zum Klimawandel zum wachsenden Umfang  links kodierter Inhalte beigetragen.

Links im Sinne der Manzi-Studie meint fast ausschliesslich links in soziokulturellen, kaum in ökonomischen Fragen. Die erfasste Orientierung lässt sich daher eher dem Feld dessen zuordnen, was Nancy Fraser als progressiven Neoliberalismus beschrieben hat: eine Verbindung liberaler Hauptströmungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Umweltschutz, LGBTQ+-Rechte)  mit den dynamischsten Sektoren der US-Wirtschaft (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood)  verbindet ( vgl. Nancy Fraser, 2019). Ob sich etwa Silicon Valley heute, im Zeichen eines Cyberlibertarismus,  noch als soziokulturell progressiv bezeichnen lässt, ist mehr als zweifelhaft.
Nassehi & Saake übernehmen eine statistische Kennzahl aus einem völlig anderen Kontext und machen sie zum als Maßstab für eine steile Aussage, die die Wissenschaftlichkeit der eigenen  Disziplin anzweifelt. 

Soziologie und Gleichheit

Dass das Fach Soziologie innerhalb des Fächerkanons in einer eher linken, sich  progressiv verstehenden Tradition steht, entsprechende Studenten anzieht und sich dadurch neu rekrutiert, gilt als ein Allgemeinplatz. Entsprechendes lässt sich in anderer Weise über andere Fächer sagen. So interessieren sich angehende Juristen, neben den Berufsaussichten, eher für normative Ordnung, Institutionen und Recht; BWL-Studenten für Effizienz und Management.
Soziologie hat sich als Wissenschaft zu einer Zeit konstituiert, als gesellschaftliche Ordnung nicht mehr als (gott-) gegeben akzeptiert wurde.  Soziale Ungleichheiten wurden als sozial erzeugt analysiert, in der Folge  ihre Legitimation in Frage gestellt. Die Hinterfragung von Ungleichheit zählt seitdem zu den Kernkompetenzen des Faches.
Gleichheit ist keine normative Vorliebe der Soziologie, sie ist positives Verfassungsrecht, im deutschen Grundgesetz ebenso wie im 14. Verfassungszusatz der USA. Von einzelnen Gruppen musste sie oft erst in langen Auseinandersetzungen erkämpft werden.

Co- Autorin Irmhild Saake hatte im Juni (2026) am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst einen Vortrag mit dem Titel  Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus? Warum gesellschaftliche Unterschiede (manchmal) wichtig sind gehalten.
Eine legitime Akzentuierung – Saake verweist auf funktionale und temporäre Ungleichheiten, bzw. Asymmetrien, auf nötige Hinterfragungen, thematisiert diskriminierende Formen, wendet sich aber gegen einen aktivistischen Jargon. Ihre grundsätzliche Kritik gilt einem geradezu reflexhaften Umgang mit Ungleichheit in der Soziologie. Die Thematisierung von Ungleichheit müsse von der Schuldfrage gelöst werden.
Weniger folgen kann ich ihr etwa bei der Einstufung von Identität/Selbstbeschreibung – zwar ist Identität eine Ungleichheit, aber nicht im Sinne einer Machtasymmetrie. 

Wenn Lehrveranstaltungen scheitern

Der aktuelle Erfahrungshintergrund ist ein Seminar im Masterstudiengang, das an einer grundsätzlich abwehrenden Haltung der Studierenden gegenüber einer funktionalen Sichtweise auf Ungleichheit scheiterte – Wir kriegen sie einfach nicht dahin. Die funktionale Sicht der Lehrenden trifft auf die normative der Lernenden.
Es sind nicht die inhaltlichen Positionen, die mich irritieren, sondern die durchgehende Zeichnung der eigenen Studenten als einer naiven und ideologisch verblendeten Kohortesie verallgemeinern gerne, beliebtes Thema seien etwa Human-Animal Studies, ehe man sich versieht, reden sie nur noch darüber. In der Aufzeichnung lässt es sich nachverfolgen.

In den Kommentaren zum Vortrag finden sich dann Aussagen, die daran anschliessend,  gängige Narrative bedienen: Im Kern geht es doch darum, dass in den Sozialwissenschaften und im Journalismus Aktivisten tätig sind, die junge Menschen mit Pseudowissenschaft und Propaganda in einem Maß indoktrinieren, dass diese für ‘echtes’ soziologisches Wissen, Denken und Arbeiten teils überhaupt nicht und teils nur sehr schwer erreichbar sind.

Lehrveranstaltungen können scheitern. Lehrende mit Venia Legendi und Lernende im Hauptstudium sollten in der Lage sein, die Gründe dafür intern zu klären. Nassehi und Saake sprechen als Insider mit Deutungshoheit über das eigene Fach – und nutzen genau diese herausgehobene Stellung, die sie darin einnehmen, für eine öffentliche Diagnose.
Neben der methodisch fragwürdigen Manzi-Studie dient die Erfahrung mit den eigenen Studenten als (diffuser) zweiter empirischer Anker für die Schlagzeile. Die schmale empirische Basis trägt die provokante These der ZEIT-Schlagzeile nicht. Sie lieferte eher einen Anlass, ein offenbar länger gehegtes Ressentiment öffentlich wirksam zu präsentieren.

Die funktionale Perspektive

Worum es Nassehi und Saake im Kern geht, ist eine funktionale, gegenüber normativen Gleichheitsurteilen distanzierte Sicht auf Gesellschaft – eine systemtheoretisch geprägte Perspektive, die an den Funktionalismus von Talcott Parsons anschließt und bei Niklas Luhmann ihre heute dominierende Ausarbeitung gefunden hat. Gesellschaft erscheint dann weniger als ein einheitliches politisches Handlungsfeld denn als Zusammenhang verschiedener Funktionssysteme, die nach je eigenen Kriterien operieren.

In ihrer Rezension zu Triggerpunkte von Steffen Mau et al. formulieren Nassehi und Saake einen ähnlichen Gedanken: Die Soziologie dürfe sich nicht darauf beschränken, im Streit um ungleiche Positionen die Rolle einer normativen Anwältin zu übernehmen. Sie müsse auch untersuchen, nach welchen unterschiedlichen Kriterien gesellschaftliche Bereiche ihre Entscheidungen treffen.  Das ist in systemtheoretischer Perspektive legitim – problematisch wird es erst dort, wo dieser Ansatz zum einzig gültigen Maßstab erhoben wird.

Machtasymmetrien und gesellschaftliche Gestaltbarkeit

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, die immer wieder neu entsteht. Gesellschaftliche Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was  Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt. Die Systemtheorie sieht hier Funktionslogiken, die Moralkritik schafft eine Perspektive der Schuld, von Tätern und Opfern.
Selber spreche ich lieber von  Machtasymmetrien bzw. Machtbalancen. Macht ist relational, keine eindeutig vergebene Position, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge. Dieser Perspektivwechsel öffnet der Soziologie einen  Blick auf die Dynamik von  Konflikten und ihre gesellschaftliche Gestaltbarkeit. Wer ungleich behandelt wird, ist nicht in einer passiven Opferrolle gefangen, sondern Teil eines veränderbaren Beziehungsgefüges.

Ist die Soziologie zu links? – Warum hält die ZEIT gerade jetzt diese Frage für publizistisch relevant? Co-Chefredakteur Jochen Wegner meinte beim Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten – Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person.  Die ZEIT habe hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können. Knapp seien aber etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen. (vgl. Newsroom.de, 27.04.2026)

Es bleibt ein Verweis auf eine andere Replik zu demselben Text im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Stephan Lorenz.

 

Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  -.Über und unter der Oberfläche  -(Rez.:zu Triggerpunkte) –  Irmhild Saake: Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus?  15.06.2026 youtube Sighart Neckel:  Warum linke Einstellungen die Sozialwissenschaft nicht gefährden. FAZ . 9.07.2026. Jannis Koltermann: Die Sozialwissenschaft tickt links – das ist ein Problem FAZ 28.05.2026.  James Manzi: The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory &  Society 55, 25 (2026).  Nancy Fraser: ,The Old Is Dying and the New Cannot Be Born Verso Books, 2019  — Stephan Lorenz: Anmerkungen zum Beitrag „Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake.  SozBlog – Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) 3.08.2026



Hayek’s Bastards – Die neoliberalen Wurzeln der populistischen Rechten – (Rez.)

Hayek’s Bastards The Neoliberal Roots of the Populist Right von Quinn Slobodian erschien vor wenigen Wochen (15.04.)  – und behandelt primär die ideologischen und intellektuellen Entwicklungen bis in die frühen 2020er Jahre. Aktuelle  Bezüge zu den Ereignissen seit November 2024 sind nicht zu finden.
This is a revolution of white Euro- Males – Der Satz von Murray Rothbard steht dem zweiten Kapitel The Rock of Biology voran.  Es geht um ihre Belange, die bedroht sind – die da sind: taxes, regulations, environmentalism, gun control, foreign aid etc. – und ganz sicher Migration (60).
Rechtspopulismus
wird oft als Reaktion auf Neoliberalismus und Globalisierung gedeutet. Als eine Art Aufstand der Enttäuschten, der Verlierer. Rechtspopulisten inszenieren sich als Vertreter des wahren Volkes, als die wahren Demokraten, die sich gegen eine korrupte Elite erheben, damit das Volk sein Schicksal bestimmen kann. Nur, wer wie das Volk denkt, wer seine Vorstellungen von Normalität, Anstand, Moral, teilt, kann auch für das Volk sein – so schreibt es etwa Marcel Lewandowski in Was Populisten wollen* (2024).

Quinn Slobodian, kanadischer Zeithistoriker,  stellt dem entgegen, dass die Strömungen der extremen Rechten innerhalb der neoliberalen intellektuellen Bewegung entstanden sind und nicht gegen sie.
Was in den letzten Jahren an ideologischen Gegenreaktionen zur neoliberalen Globalisierung beschrieben wurde, ist kein einfacher Backlash – also keine Gegenbewegung gegen einen bestehenden Trend – sondern ein Frontlash*+: eine Bewegung, die sich gegen eine bereits eingesetzte Gegenbewegung richtet.
Es ist keine Rückkehr zu einer alten Ordnung, sondern eine interne Radikalisierung der bestehenden neoliberalen Prinzipien, gerichtet gegen neue politische und soziale Forderungen.

Der Titel Hayeks Bastards – The Neoliberal Roots of the Populist Right ist eine Hommage an Voltaire’s Bastards: The Dictatorship of Reason in the West (John Ralston Saul, 1992).
Ralston Saul hatte die gewundene Geschichte von Vernunft und Rationalität in westlicher Philosophie und Politik neu erzählt. Rationale Prinzipien der Aufklärung und Ideale der Wissenschaftlichkeit wurden in einer Form  fetischisiert, dass technokratische Eliten zu primären Entscheidungsträgern wurden. Demokratische Prinzipien wurden unter dem Vorwand von Effizienz und Expertise untergraben –  es  entstand eine Kaste von Managern und Bürokraten.
Eine ähnliche Dynamik sieht Slobodian heute bei den Epigonen von Hayek und Mises. Hayeks Bastarde – gemeint sind  Vertreter
diverser Spielarten des Libertarismus und Anarcho- Kapitalismus – die sich allesamt einer Rhetorik der – wirtschaftlichen – Freiheit bedienen, die auf Hayek (und Mises) zurückgeht.  Die Beschränkung auf ökonomische Aspekte und die Vernachlässigung sozialer Dimensionen eröffnete einen Raum, der von libertären Bewegungen genutzt wurde, um ihre spezifischen Ideologien zu entwickeln – die dann die Kurve zu Rechtspopulismus- und extremismus nahmen. 

Cheerleader mit der Kettensäge: Musk & Millei auf der CPAC – 20.02.15

Für sich allein lösen die Bezeichnungen und ihre Rhetorik zunächst Irritationen aus. Was sie ausmacht, ist oft nur das Radikale des Wirtschaftsliberalismus: Freier Markt als Fetisch, als Naturgesetz, als unbedingte Wahrheit. Anderen – grundlegenden – liberalen Freiheiten steht man feindlich gegenüber. Egalitarismus, globale ökonomische Gleichheit und Solidarität über nationale Grenzen  sind Sündenfälle. Das Bild der Kettensäge verdeutlicht die fortlaufende Radikalisierung, die Logik der Disruption.
Manchmal erinnern sie an evangelikale Bewegungen: Es gibt Erweckungserlebnisse, Schriften, auf die man sich beruft. Es gibt den Gedanken der Reinheit der Lehre und ihrer Befolgung. Komplexe Realitäten werden auf einfache Grundprinzipien heruntergebrochen.
Libertaristische Strömungen hatten beträchtlichen Einfluss auf das Projekt 2025 der  Heritage Foundation – dem Bauplan zur Machtergreifung Trumps. 

Eigentlich hatte das Ende des Kalten Krieges den Triumph des Kapitalismus über den real existierenden Sozialismus bedeutet. Zudem war die keynesianische Wirtschaftsordnung der 70er Jahren bereits zuvor, zumindest in der angloamerikan. Welt unter Thatcher und Reagan in eine neoliberale umgewandelt worden.
In den Augen seiner glühendsten Verfechter war dieser Sieg aber nicht vollständig. Socialism is dead, statism is not. Das Feindbild drehte auf die Folgen der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre, den demokratischen Staat, der gleiche Rechte für alle garantierte.
Was die meisten Menschen – oder eben der Mainstream – als gesellschaftlichen Fortschritt erlebten, war für sie der reine Schrecken: Die sozialen Bewegungen hatten dem politischen System das Gift der Bürgerrechte, des Feminismus, der affirmative action und des ökologischen Bewusstseins eingebracht.  Begonnen hatte all das  mit dem Civil Rights Act von 1964 – gleiche Rechte auf Kosten von Effizienz, Stabilität und Ordnung. Auch die Europäische Integration  wurde als neue Gefahr betrachtet und zum Feindbild.
Woke wurde zum Trigger- Wort – zum übergreifenden Feindbild aufgebaut. Berücksichtigung der Rechte  von Minderheiten abgelehnt. 

Welchem politischen Spektrum Hayek heute zuzurechnen wäre, bleibt Spekulation. Sicher ist: Sein Erbe wird von einem breiten ideologischen Spektrum beansprucht – von wirtschaftsliberalen Konservativen bis hin zu rechtslibertären und autoritären Akteuren.
Hayek war in erster Linie ein Verfechter rechtsstaatlich eingebundener unternehmerischer Freiheit und individueller Eigenverantwortung. Er entstammte einem bürgerlich-konservativen Milieu, das stark von Skepsis gegenüber staatlicher Intervention geprägt war.
Dass er bereit war, mit autoritären Regimen wie dem unter Pinochet in Chile zu kooperieren – oder sie zumindest zu rechtfertigen –, zeigt die Grenzen seines Demokratieverständnisses: Entscheidend war für ihn nicht die demokratische Form, sondern der Schutz marktwirtschaftlicher Ordnung.
Hayek war kein Vordenker eines rechten Autoritarismus. Aber ebenso wenig war er ein überzeugter Verteidiger liberaler Demokratie im heutigen Sinn. In seinen späten Schriften trat die Vorstellung eines formalen Rechtsstaats oft deutlicher hervor als jene einer egalitären, partizipativen Demokratie.

Er selber wird mit der Aussage zitiert, dass Neoliberalismus eine erlernte, zivilisatorische Disziplin sei, die den tief verwurzelten Instinkten der Menschheit zunächst widerspreche.
Einige seiner Nachfolger sahen das anders und argumentierten mit genetisch bedingten Ungleichheiten – soziale und ökonomische Hierarchien seien das Resultat natürlicher und unveränderlicher Unterschiede zwischen den Menschen. Damit öffneten sie den Weg zu Argumentationen  rassistischer Rechtfertigung von Ungleichheit.
Slobodian nennt diese Verbindung von Mainstream-Neoliberalismus mit der  Argumentation genetisch gerechtfertigter Ungleichheit New Fusionism – ein Revival des Rassismus.  

Charles Murray wurde mit The Bell Curve (1994) bekannt – ein Buch, in dem er Intelligenz und soziale Schichtung mit Ethnizität verknüpfte. Deutsches Äquivalent  wäre etwa Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab – beide Bücher fachten  ähnliche Diskussionen an, und hatten ähnliche Wirkungen. Diese Thesen stießen auf erhebliche Kritik und wurden von vielen als pseudowissenschaftlich und rassistisch eingestuft. Murray argumentierte, dass Intelligenz ein wesentlicher Faktor für den sozioökonomischen Status sei und dass es Unterschiede im durchschnittlichen IQ zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gebe – Thesen, die eine kognitive Elite  legitimieren sollten.

Murray Rothbard (1926-1995) – nicht zu verwechseln mit dem eben genannten Charles Murray, wird als Vordenker  beschrieben, der Libertarismus und Rechtspopulismus miteinander verband. Es sind die von ihm entworfenen Strategien, die den aktuellen autoritären Rechtspopulismus prägen. In einem anderen Essay setzt Slobodian Rothbard in Bezug zu Lenin – von ihm entlehnte er nicht nur dessen Revolutionshoffnungen, sondern war wie dieser bereit dazu, aus vergangenem Scheitern zu lernen und seine Analyse entsprechend anzupassen (vgl. Slobodian & Bebnowski 1/25).
Paleo- Libertarismus klingt zunächst wie die Rückführung auf anthropologisch legitimierte Verhältnisse. Tatsächlich ist es ein machtpolitisches Zukunftsmodell mit einem enormen Einfluss auf die moderne politische Rechte: Right-Wing Populism, die Verbindung zwischen radikalem Libertarismus, kulturellem Konservatismus und Autoritarismus.
Outreach to the Rednecks – mit diesem Motto  entwarf Murray Rothbard die Strategie, die den Aufstieg populistischer Politik vorwegnahm. Er skizzierte  dabei eine politische Taktik, bei der ein charismatischer Führer die traditionellen Medien umgeht und direkt mit der Bevölkerung kommuniziert. Zielgruppe der Ansprache waren in erster Linie die  Rednecks,  das Middle America, jene Bevölkerungsgruppen, die sich von der politischen Elite vernachlässigt fühlten. Auch der Slogan America First stammt von ihm.

Kernstück der Strategie ist die gebündelte massenmediale Aufmerksamkeit und die damit einhergehende affektive Aufladung. Mit Social Media wurden die Möglichkeiten in vorher unbekannter Weise Wirklichkeit. Rothbards Strategien fanden in den Trump- Wahlkämpfen Anwendung-  viele der Details, die uns heute verwundern und erschrecken wurden von ihm konzipiert. Nicht nur in den USA – auch in den präsidialen Regierungssystemen Südamerikas Brasilien (Bolsonaro), Argentinien (Milei) und El Salvador (Bukele) gelang der Aufstieg ins höchste Staatsamt.
Präsidiale Regierungssysteme mit einer starken Exekutive können anfälliger für autoritäre Tendenzen sein als parlamentarische Systeme. Der tatsächliche Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber autoritären Tendenzen hängt aber von anderen Faktoren ab, wie der politischen Kultur, der Stärke der Zivilgesellschaft und der Unabhängigkeit der Justiz.

Hans-Herrmann Hoppe, deutscher Volkswirt, aber lange in den USA wirkend, gilt als weitere Schlüsselfigur. Hoppe, der bei Habermas promoviert hatte, entwickelte er sich zum offenen Befürworter antidemokratischer Positionen. Er verknüpft das auf Privateigentum begründete Recht auf Ausschluss, Exklusivität und Diskriminierung mit kulturell-konservativen Vorstellungen einer idealisierten, prämodernen Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein Gesellschaftsmodell, das letztlich auf autoritäre Herrschaft durch Eigentümer – vergleichbar mit CEOs – hinausläuft. New Fusionism zwischen radikalem Marktdenken und kulturellem Traditionalismus.

Curtis Yarvin (*1973) und Richard Hanania (*1985) vertreten eine jüngere Generation.  Yarvin steht dem aktuellen US-Vize Vance und dem Oligarchen Peter Thiel nahe. Er vertritt  autoritäre, technokratische Herrschaftsformen -eine Privatisierung der Öffentlichkeit.
Von Hanania erschien 2023  The Origins of Woke: Civil Rights Law, Corporate America and the Triumph of Identity Politics – von Thiel gelobt:  Hanania shows we need the sticks and stones of government violence to exorcise the diversity demon.
Yarvin
wie Hanania bauen ihre Argumentationen auf dem Fundament einer vermeintlichen unbequemen Wahrheit auf – dem Gedanken, dass menschliche Gleichheit eine noble Lüge sei, die an der biologischen Realität scheitere.

Libertarismus tritt mit einer Reihe unterschiedlicher Attribute auf:  Cyberlibertarianismus hatte ich vor einiger Zeit in der Rezension zu David Golumbias Buch beschrieben. Er wirkt zusammen mit der immensen ökonomischen und medialen Macht von BigTech.
Libertarismus in all seinen Spielarten hat keine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Gemeinwesen, nach dem, was Menschen jenseits vertraglicher Beziehungen zusammenhält. Er bietet keine Erzählung des Kollektiven, keine Vision von Gesellschaft jenseits atomisierter Individuen. Das macht  ihn anschlussfähig für andere ideologische Strömungen – sei es  nationalistischen Populismus oder einen  Silicon-Valley-Technokratismus. In der Realität begünstigt er eine Verklumpung, ein Mash- Up von Machtsystemen.

Slobodian ist Kanadier, sein Blick v. a. auf Nordamerika, daneben Grossbritannien gerichtet. Dennoch finden die Verhältnisse in Deutschland Beachtung (152 ff). Als frühe Kristallisationsfigur nennt er den bereits erwähnten Thilo Sarrazin, dessen Synthese von Freihandel, nationaler Geldpolitik und biologischem Rassismus.
Weiteren Raum nehmen die Verbindungen zur Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft ein, die personell von rechtskonservativen bis -radikalen Netzwerken durchsetzt ist, so sind Beatrix von Storch, Peter Boehringer (Bundestagsabgeorneter der AfD) Mitglieder, bis 2021 auch Alice Weidel. 
Kaum angesprochen wird allerdings das Völkische Substrat – das in der AfD wohl eine grössere Rolle spielt. 

Libertarismus ist in Slobodians Darstellung eine Radikalisierung neoliberalen Denkens, das in den strategischen Konzepten Murray Rothbards und dessen  Verbindung mit autoritären Strömungen den konstitutionellen Rahmen sprengt. Die Grenze zwischen beiden verläuft nicht entlang ökonomischer Details, sondern an ihrem Verhältnis zur Demokratie. Neoliberales Denken zielt auf Märkte innerhalb eines rechtsstaatlichen Rahmens – mit Verfassung, Institutionen und Regeln. Libertäre hingegen misstrauen jeder Form kollektiver Steuerung, auch wenn sie demokratisch legitimiert ist.
Sie wollen den Staat auf ein Minimum reduzieren oder ganz zurückdrängen – und stellen damit auch den gesellschaftlichen Pluralismus und das Prinzip politischer Teilhabe in Frage. An diesem Punkt kippt die marktwirtschaftliche Ordnungsidee in ein autoritär-libertäres Projekt, das demokratische Grundlagen unterläuft.
Hayek dient als Legitimationsfigur, als intellektueller Stammvater, dessen Autorität man sich borgt, selbst wenn seine Ideen in Richtungen weiterentwickelt werden, die er nicht gebilligt hätte.

Quinn Slobodian: Hayek’s Bastards: The Neoliberal Roots of the Populist Right , 4/25  Quinn Slobodian & David Bebnowski Der Vordenker des neuen Rechtspopulismus Beiträge zur polit. Ökonomie 25.01.25. Quinn Slobodian: The bastards of neoliberalism. The eccentrics of the new right aren’t rebelling against our political regime – they are its twisted successors. The New Statesman . 19.04.25.  Otmar Tibes: Liberalismus mit der Kettensäge. Beiträge zur politischen Ökonomie – 25.04.25   Sven Reichardt: Neuerfindung des Faschismus. FAZ am Sonntag, 20.04.2025. Philipp Inman: It’s not poverty that’s breeding the new populism. It’s wealth. The Guardian. 19.04.25 *In: Marcel Lewandowsky: Was Populisten wollen (2024).. s. Rez.  **Frontlash bezeichnete die Gegenréaktion auf die Politik der Bürgerrechte in den 60er Jahren (vgl.: Link

Von demselben Buch gibt es zwei Versionen: Mir liegt die britische Ausgabe, die bei Penguin Books erschienen 15.04.25  vor: Hayek’s Bastards: The Neoliberal Roots of the Populist Right.  Sie richtet sich primär an ein britisches bzw. internationales Publikum und betont in ihrem Titel die ideengeschichtlichen Wurzeln des Rechtspopulismus im Neoliberalismus. Gleichzeitig erschien die US- Ausgabe bei zone – Books unter dem Titel Hayek’s Bastards: Race, Gold, IQ, and the Capitalism of the Far Right. 



Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology

Ein Schlüselwerk der Digitalen Zeitgeschichte

Im gereizten Klima der letzten Wochen – seit der zweiten Trumpwahl, dem Bruch der Ampel, der Parteinahme von Elon Musk für die AfD, dem Kotau Zuckerbergs vor Trump usf. – gibt es ein starkes Interesse an Erklärungsmodellen  zum Schulterschluss von BigTech mit dem autoritären Rechtspopulismus von Trump und seiner Bewegung MakeAmericaGreatAgain.

Die Wurzeln: Von der Gegenkultur zum Marktradikalismus

Demokratisierung des Wissens, Freiheit der Information, der Aufbau digitaler  Gemeinschaften – all das unter Umgehung bestehender Hierarchien – zählten lange Zeit zur Agenda des Digitalen Fortschritts.
Digitaler Fortschritt war und ist in seinen vielfältigen Stationen aufs engste mit der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung im  späten 20. und im 21. Jahrhundert verbunden.
Manche Branchen und Institutionen zerschlug es, insgesamt wurde Digitaler Fortschritt aber mit Zuversicht bis Begeisterung aufgenommen, als Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten und Spielräume.
Jahrzehntelang war das Netz der Ausgangsort von Veränderung. Vom frühen Cyberspace, zum Web 2.0., zu den Social Media etc. – Medienöffentlichkeiten und ihre Möglichkeiten änderten sich immer wieder, sie waren Teil der populären  Kultur. Ganze Generationen wurden mit  bestimmten Formaten medialisiert, ihr Ablauf als persönliche (Medien-) Biographien erlebt. Technologie bot immer wieder die Mittel zur Umgehung bestehender Institutionen und ihrer Restriktionen.

Cyberlibertarianism The Right-Wing Politics of Digital Technology erschien im November 2024. Autor David Golumbia (1963–2023) verstarb kurz vor Vollendung des Buches.  Peer-Reviews waren bereits abgeschlossen, einige noch bestehende Lücken wurden von George Justice anhand von Manuskripten  vervollständigt
Golumbia geht davon aus, dass Right- Wing Politics von Beginn an sowohl in der technischen wie in der sozialen Konstruktion der digitalen Welt angelegt waren. Bereits 2016 hatte er in The Politics of Bitcoin: Software as Right-Wing Extremism: Bitcoin, Digital Culture, and Right-Wing Politics  Verbindungen von rechtspopulistischen und techno-libertären Ideen im Umfeld der Kryptowährungen offengelegt.

Als Begriff tauchte Cyberlibertarismus seit den 90er Jahren auf, so in den Debatten zu J.P. Barlows Declaration of the Independence of Cyberspace (1996). Deklariert wurde damit der Anspruch auf ein sich selbst regierendes Internet und seine Unvereinbarkeit mit staatlichem Zugriff und staatlichen Regulierungen.
Eine passende Beschreibung stammt bereits aus dieser Zeit: a collection of ideas that links ecstatic enthusiasm for electronically mediated forms of living with radical, right-wing libertarian ideas about the proper definition of freedom, social life, economics, and politics (Langdon Winner, 1996).

Libertär stand ursprünglich für eine anti-autoritäre, anti-kapitalistische Haltung, für individuelle Freiheit als Rebellion gegen gesellschaftliche und moralische Beschränkungen.
Eine Umdeutung erfolgte in den USA der Zeit des kalten Krieges hin zum  Marktradikalismus unter dem Einfluss der Chicago school of economics, der Schriften von Ludwig v. Mises, und auch Anarcho- Kapitalisten wie  Murray Rothbard
In den aktuellen Diskussionen bezeichnet libertär meist marktradikale Strömungen, die individuelle Marktfreiheit, radikale und uneingeschränkte Eigentumsrechte sowie oft Vorstellungen von Ungleichwertigkeit vertreten: the shared view is that the most important expression of “individual freedom” is found in the individual’s ability to profit (28).
Im Tech- Kontext verschmolz die Bedeutung mit techno-utopischen Ideen und wuchs zur Fundamental- Opposition gegen jede staatliche Regulierung des Internet. Alle Einschränkungen, wie Anti- Trust Gesetze, Umweltauflagen etc. seien ein Affront gegen die Freiheit. In ihren Extremen, wie man sie etwa bei Peter Thiel sehen  kann, geht es um die Überwindung demokratischer Strukturen zugunsten einer technokratischen Elite.  Auch Elon Musk ist dieser Richtung zuzuordnen,  mehr affektiv als ideologisch unterfüttert. Wie soll man es nennen? vollkommen enthemmten, aber wirkungsbewussten Opportunismus? Ein Milliardär, der austestet, wie weit er gehen kann?

Das zentrale Paradox des Libertarismus: Freiheit für Oligarchen

Cyberlibertär wird hauptsächlich als analytische Fremdbezeichnung verwendet – neben dem Autor Golumbia u.a. von Lincoln Dahlberg und Langdon Winner (s.u.).
Golumbia verweist auf entscheidende Glaubenssätze, die bereits früh angelegt waren:  … the view that ‘centralized authority’ and ‘bureaucracy’ are somehow emblematic of concentrated power, whereas ‘distributed’ and ‘nonhierarchical’ systems oppose that power (61) ).
Diese Einstellung lässt sich oft auf die Ansicht reduzieren, dass demokratische Regierungen das Internet nicht regulieren können oder dürfen – oder, daraus folgernd, dass das Internet ein Ort sein sollte, für den Gesetze nicht gelten.
Dabei stösst man schnell auf das entscheidende Paradox: Cyberlibertarismus lehnt gesellschaftliche Regulierung ab – die doch auf rechtsbasierten Regeln beruht – gleichzeitig wird ein weitgehend unregulierter freier Markt  befürwortet –  auf dem sich zwangsläufig Machtkonzentrationen und hierarchische Strukturen herausbilden. Letztlich bedeutet das freie Hand für Oligarchen.

Cyberlibertarianism lässt sich als unvollständige Ideologie, als Sammlung kulturell gewachsener Denk- und Handlungsmuster, oft als opportunistisch genutzte Legitimation verstehen.
Das Buch spiegelt die kulturelle und politische Geschichte der USA – mit einer Betonung auf Kalifornien und das Silicon Valley –  von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart. Es bietet einen umfassenden Blick auf die Zusammenhänge zwischen der technokulturellen Entwicklung und dem politischem Denken, was aktuell sehr brisant ist – written by the most optimistic pessimist you could ever meet (George Justice im Vorwort). 

Kalifornische Ideologie: hedonistische Gegenkultur und electronic frontier

Symbole der kalifornischen Ideologie: Lady Liberty auf dem Burning Man Festival. Foto: Jeremy Bishop unsplash.con

Californian Ideology ist ein beliebtes Narrativ zu dem, was in der Innovationskultur zusammenkam:  die Gegenkultur der Hippies und die vorhergende der Beatniks, ein ausgeprägter Hedonismus, die neuen Möglichkeiten der Technologie-  dazu eine Landschaft und ein Klima, die alles bieten, weltbekannte Universitäten und Forschungseinrichtungen  und schon früh viel Geld v.a. aus dem Verteidigungsetat. Im gleichnamigen Text wurden bereits 1996 wesentliche Elemente, die auf  Cyberlibertarismus zutreffen, beschrieben (s.u.¹)

Das Internet wurde schliesslich zur Electronic Frontier, zum neuen grenzenlosen Raum individueller Freiheit, frei von staatlicher Kontrolle – unreguliert.  Dazu passt auch das Ideal eines autarken Individuums.
Statt der Freiheitsideen der Hippies verbreiteten sich längerfristig die  genannten wirtschaftlichen Freiheitsideen. Ein spezifischer Habitus und informelles  Auftreten blieben, verweisen aber nicht auf eine Aufweichung von Machtstrukturen.
Zur Expansion der Tech Unternehmen gibt es eine ganze Reihe von Modellen. Das Modell der Landnahme schliesst anschaulich an das der Electronic Frontier an: der Ausbau von Reichweiten, die Erschliessung und Strukturierung des Digitalen Neulands.  Aufbau und Verbreitung der Plattformen ist ein zentrales Ergebnis der digitalen Landnahme. Digitale Sozialformate haben sich daran entwickelt. 

Der zentrale Konflikt zwischen staatlicher bzw. gesellschaftlicher Regulierung vs. der Reichweiten- Macht von BigTech bleibt. Die propagierte Freiheit befördert  letztlich  die Entstehung von Privat-Monopolen.
Der wesentliche Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende. Zunächst werden die Plattformen als neue Möglichkeiten erlebt. Sind sie soweit gewachsen. dass sie unumgehbar für die Teilhabe an Medien, Kultur und Geschäftsmöglichkeiten sind, werden sie zu einem faktischen Monopol.
Hier trifft der Anspruch von demokratisch legitimierten Staaten, Bedingungen zu regulieren, auf die wachsende Macht von Tech-Unternehmen, die inzwischen zu den kapitalstärksten globalen Akteuren gehören.
In libertärer Lesart wird diese Marktmacht jedoch nicht als Problem, sondern als natürliche Folge individueller Freiheit und unternehmerischer Autonomie betrachtet. (Cyber-)libertäre Ideologie wird so zunehmend zur Rechtfertigung der immer stärkeren Präsenz und des Machtanspruchs großer Tech-Unternehmen genutzt. Their freedom doesn’t mean your freedom – heisst es in einem Video zum Thema.
Digitale Konzerne können durch ihre enorme Marktmacht faktisch wie private Gesetzgeber agieren, es entsteht ein Markt- Pseudo-Staat, dessen Regeln weder demokratisch legitimiert noch rechtlich angemessen kontrolliert sind.

Von der Technoutopie zur Tech-Oligarchie

In der Praxis läuft Cyberlibertarismus oft mit technologischem Determinismus zusammen: Plattformen wie Google, Meta oder Amazon propagieren, dass ihre Technologien unaufhaltsame Fortschritte bringen – deterministisch – während sie gleichzeitig betonen, dass diese Fortschritte den Einzelnen und freien Märkten zugutekommen – libertär.
Soweit zu den Grundlinien des Cyberlibertarismus. David
Golumbia beleuchtet in Cyberlibertarianism eine ganze Reihe weiterer Stränge, manchmal esoterischer und kryptischer bis hin zu cyberfaschistischer Art im politischen Denken des Silicon Valley. So finden sich jeweils ausführliche Abschnitte zu  Nick Land and the Cybernetic Roots of Contemporary Fascism (381ff),  zur Alt- Right Bewegung etc. und auch zu Vorstellungen posthumanistischer Welten. 

Einige wesentliche Bezüge ziehen sich durch den ganzen Text:
Surveillance Capitalism von Shoshana Zuboff (2018/19) war die erste massive Kritik an den Geschäftsmodellen von BigTech- sie traf v.a. Google: the human expectation of sovereignty over one’s own life and authorship of one’s own experience” (521)werde von digitalen Technologien bedroht. Als einzige Lösung sieht Zuboff, dass Demokratien über Gesetzgebung und Regulierung wieder Hoheit über den politischen Raum beanspruchen. Zwar schärfte ihre Kritik die öffentliche Diskussion und veränderte die Wahrnehmung von Big Tech, führte jedoch nicht zu grundlegenden Veränderungen.

Überraschend kritisch steht Golumbia zu Julian Assange, dem er vorhält sich als heroische Zentralfigur eines Anti-Establishment-Kampfs zu inszenieren. Seine vermeintlich anarchistischen Positionen habe faktisch rechtspopulistische Narrative unterstützt. Generell sieht er immer wieder in vermeintlich techno-utopischen oder cyber-anarchistischen Positionen ein Einfallstor, das in der Praxis rechten Bewegungen in die Hände spielt.

Der Blick auf das ganze Bild  zeigt eine breite, v.a. in der kalifornischen Bay- Area angesiedelte Szene, die die Möglichkeit hatte, eine neu entstehende digitale Welt zu gestalten. Technisch getrieben, aber auch mit popkulturellen Wurzeln (Verweis auf die Grateful Dead). Angeschoben durch Geldströme  aus staatlicher Förderung und Venture Capital. Hervorgebracht hat sie die Blockchaim, den Überwachungs- Kapitalismus, das Metaverse auf der Wunschliste. Mental oft berauscht durch die Erfolge der Umsetzung.  Schliesslich eine machtbewusste kleine Elite, die sich zunehmend als globaler Machtfaktor sieht.

Vom Silicon Valley zur Trump-Inauguration

Golumbias Urteil ist knapp und vernichtend: An einer Stelle (279) heisst es: Cyberlibertarian politics in a nutshell: antidemocracy portraying itself as both democracy and “above” politics, when it is anything but.
Zusammenfassen lässt sich sein Fazit so:  Demokratische Werte können nur dann behauptet werden wenn wir das Digitale wieder in unseren eigenen Händen verankern. Ansonsten wird es zur Spielwiese weniger Akteure bzw. einer kleinen Elite, die einem neuen Autoritarismus den Weg ebnen.

Oligarchie – Konsequenz des Cyberlibertarismus?

Das Buch ist erst vor zwei Monaten erschienen – der Text von Golumbia war spätestens im Sommer 23 fertig gestellt. Seitdem haben sich Weltlage und der globale Vibe so sehr verändert, wie man es kaum für möglich gehalten hatte.
Exakt während des Lesens und des Schreibens dieser Rezension folgte die nächste Stufe der Eskalation: Trumps Inauguration. Eine Inszenierung von Macht und Geld mit dem Spalier der Milliardäre aus der Tech- Branche. Territorialansprüche werden an verbündete Staaten gestellt.  Der Nazigruss von Elon Musk als inszenierte Provokation.

Offen bleibt, wie stabil die Machtstrukturen sind. Wie stabil ist die Achse von MAGA und Big Tech? Wie stark sind die Protagonisten tatsächlich?  Musk tritt derzeit als globaler Toxiker auf, der massiv wirtschaftliche und mediale Macht politisch einsetzt, dabei auch den deutschen Wahlkampf aufmischt. Wäre etwa ein Metaverse aus dem Hause Meta/Facebook als erweiterter gesellschaftlicher Raum wünschenswert? .

Ein Meinungs- Fundstück zum Nazigruss von Elon Musk:  It was a display of power, and a signal: the tech oligarchy is here, and it will do what it wants.

 

David Golumbia und George Justice: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. 11/2024. David Golumbia: The Politics of Bitcoin. Software as Right- Wing Extremism. University of Minnesota Press. 2016.  Cyberlibertarianism: . Clemson University. 2013 Means TVWhy Is Elon Musk Like That? – Introduction to Cyberliberatarianism – Maik Fielitz & Holger Marcks. Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Duden Verlag, Berlin 2020. Langdon Winner: Cyberlibertarian Myths and the Prospects for Community 1997/2018 Lincoln Dahlberg: Cyber-Libertarianism 2.0: A Discourse Theory/Critical Political Economy Examination. Cyberlibertarianism
¹Information technologies … empower the individual, enhance personal freedom, and radically reduce the power of the nation-state. Existing social, political and legal power structures will wither away to be replaced by unfettered interactions between autonomous individuals and their software. Indeed, attempts to interfere with these elemental technological and economic forces, particularly by the government, merely rebound on those who are foolish enough to defy the primary laws of nature. aus: Barbrook, Richard, and Andy Cameron. 1996. “The Californian Ideology.” Science as Culture 44-72.  



Metaverse 2 – Building the Spatial Internet

Metaverse war der Hype vor dem KI- Hype – das räumliche Internet in 3D als neue technologische Entwicklungsstufe des WorldWideWeb. Mittlerweile wird überwiegend von Spatial Computing oder dem räumlichen Internet gesprochen – eine Evolution der ursprünglichen Metaverse-Vision.

Zum Hype wurde Metaverse als sich Facebook im Oktober 2021 zu Meta umbenannte und in der Folge 36 Mrd $¹ in seine Entwicklungsabteilung Reality Labs investierte. Der Name ist dem dystopischen Science Fiction- Roman  Snowcrash  von Neal Stephenson (1992) entlehnt.

So verbreitete sich eine bestimmte Vorstellung des Metaverse (Meta/ Über -versum) als einer parallelen Welt mit nach Wunsch und Vermögen eingekleideten Avataren und virtuellen Grundstücken – zugänglich über VR- Headsets.  Manchmal phantastisch, zumindest eskapistisch.
Eine mögliche, aber nicht zwingende Vorstellung. Spatial Computing betont dagegen eine nüchterne,  anwendungsorientierte Vision des räumlichen Internet:  digitale Informationen werden in physische Räume integriert. Es gilt der Nutzen von Simulationen, technischen (XR-)  Anwendungen aller Art, z.B. Entwürfe für die Bauwirtschaft, 3D-Visualisierungen, Remote-Zusammenarbeit.

Hintergründe bzw. Voraussetzungen zum Hype waren zum einen technische Fortschritte, so in der Graphikleistung, schnellere Internetverbindungen, kulturell  auch die Gewöhnung der Nutzer an digitale Räume in der nur kurze Zeit  zurückliegenden Pandemie. Blockchain und NFTs spielten anfangs als potenzielle wirtschaftliche Grundlage eine Rolle, verloren aber an Überzeugungskraft und Akzeptanz.

BigTech-Konzerne waren im Social Web reich geworden und drängen in Successor States des heutigen Internet – in die Next version of the Internet. Es geht um das Aufspüren und die Entwicklung neuer Geschäftsbereiche und die  Aufrechterhaltung von Marktmacht. Manche der bestehenden Geschäftsmodelle zeigen Sättigungserscheinungen. Zukunftserzählungen werden oft als unausweichlich und bombastisch inszeniert: futures appropriation. Technologie-Berichterstattung ist daran oft mehr interessiert als an aktueller Realität. Jede Entscheidung, jede Handlung, kann Folgen für den Aktienkurs haben.

Zwei wesentliche Merkmale sind festzuhalten: Das aktuelle Internet basiert technisch auf der Übertragung von Datenpaketen, die in kleinen Partikeln bei Bedarf gesendet werden (wie beim Zugriff auf Webseiten und z.B. auch bei Video-Konferenzen). Das räumliche Internet erfordert eine kontinuierliche Datenübertragung und Synchronisation für die gemeinsame virtuelle Umgebung.
Das Nutzungserlebnis des Metaverse ist das eines durchgängig verbundenen virtuellen Raums – technisch eine persistente, kontinuierliche 3D-Umgebung. Das  (Uni-)Verse im Metaverse impliziert dazu eine universelle, offene soziale Sphäre.

Als First- Mover inszenierte Meta/ Facebook den Hype, andere Konzerne zogen mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach: Microsoft, Google investierten in VR-Headsets, in Plattformen  und technologische Infrastruktur.
Gaming-Plattformen wie Roblox, Fortnite und Minecraft boten bereits virtuelle Welten an, die als eine Art Proto-Metaverse erlebt wurden. Diese Plattformen hatten bereits Millionen von Nutzern und zeigten, dass immersive, gemeinschaftliche Erlebnisse in virtuellen Welten einen breiten Anklang finden können.
Apple vermied den Begriff Metaverse, investierte aber in AR/VR-Technologien, lancierte dann im Juni 2023 mit der  Apple Vision Pro den Begriff Spatial Computing – der dann als Spatial Internet den Begriff Metaverse verdrängte. Diese Entwicklung markierte einen Wendepunkt weg von der Vorstellung einer parallelen virtuellen Welt, hin zu einer möglichst nahtlosen Integration digitaler Elemente in die physische Umgebung.
Das Nutzungserlebnis von Spatial Computing ist das einer digital erweiterten physischen Realität – eine möglichst nahtlose Überlagerung und Integration digitaler Elemente in die physische Umgebung. Anwendungen werden für ihren jeweiligen Gebrauch erstellt bzw. programmiert.

Autor Matthew Ball, einer der einflussreichsten Analysten und Vordenker des Metaverse, hatte 2022 auf dem Höhepunkt des Hype mit ‘The Metaverse – And How It Will Revolutionize Everything‘ ein umfassendes Compendium veröffentlicht. Seine Definition des Metaverse wurde weithin als Standardreferenz akzeptiert* (s.u.).
Im August 24 erschien eine Revised and Updated Edition mit dem bezeichnenden Untertitel Building the Spatial Internet. Mehr als 70% des Inhalts wurden neu geschrieben. Im Grunde ein neues Buch, zumindest eine neue Kontextualisierung von Metaverse.
Gegenüber der Auflage von 2022 sind rund 130 Seiten und einige Kapitel hinzugekommen: insbesondere die Rolle der KI, die Weiterentwicklung der XR- Zugangsgeräte und die Integration von Spatial Computing in bestehende Technologie-Ökosysteme.

Was hat sich in den zwei Jahren an der Zukunftsvision verändert? Eine Relativierung ist sofort sichtbar:  Der Satz And How It Will Revolutionize Everything wurde gestrichen – nicht nur als Subtitle.
Nach dem Hype verschwand das Metaverse nicht. Zahlreiche Technologien und Konzepte finden  im Gaming Anwendung; Weiterentwicklung und aktuelle Diskussion finden auf den zugehörigen Plattformen statt. Monatliche Teilnehmerzahlen erreichen dort überraschende Grössenordnungen: Epic Games Store (Fortnite) nennt z.B. 75 Millionen monatlich aktive  Nutzer.
In der Gaming- Szene trifft eine an virtuelle Welten gewöhnte, sehr technikaffine Nutzerbasis auf eine ausgebaute Infrastruktur – und ist auch bereit dafür Geld auszugeben.

Spatial Computing. Foto: Erik Mclean/ Unsplash

Die Plattformen zeigen Merkmale des Metaverse: Es gibt soziale  Aktionen in virtuellen Räumen, eine Creator Economy, die auch so heisst (Fortnite), sie bieten einen gewissen Rahmen für soziale und kommerzielle Interaktionen, die über das reine Gaming hinausgehen.
Sog. Islands bieten interaktive Orte auf den Gaming- Plattformen.  Es sind bedingt soziale, experimentelle und kreative Räume die den Regeln und der wirtschaftlichen Kontrolle der Plattformbetreiber unterliegen und einen bestimmten Nutzertypus ansprechen.  Nutzungen wie virtuelle Geschäfte, soziale Treffpunkte, Markenrepräsentationen oder Aktionen wie Kunstevents und Modenschauen bleiben aber eher experimentell.
Plattformen wie Sandbox und Decentraland bestehen zwar weiterhin, haben aber deutlich an Aufmerksamkeit verloren und erreichen nur einen Bruchteil der Besucherzahlen der Gaming- Plattformen.
Einen kompakten Einblick in die Vorstellungen zum Spatial Computing gibt es übrigens in einem Rundgespräch mit Matthew Ball, Epic- Games CEO Tim Sweeney und Metaverse- Autor Neal Stephenson vom 16.07. diesen Jahres.
So sehr Gaming- Plattformen eine bedeutsame Reichweite erreicht können und so technisch gelungen sie sind –  sie bleiben subkulturelle Phänomene. Sie sind stark an spezifische Gaming-Communities gebunden, mit eigenen Codes, Ästhetiken und Kommunikationsformen, die sich auf die jeweiligen Plattformen konzentrieren.
Subkulturell bedeutet in diesem Kontext, dass es keine breitere gesellschaftliche Durchdringung gibt und kaum eine Überschneidung kultureller Grenzen. Eine universelle, offene soziale Sphäre oder immersive globale Öffentlichkeit – wie sie als collective virtual open space konzipiert wurde – ist derzeit nicht in Sicht.

Zum Hype geht Ball in Distanz. Ein immersives, räumliches Internet hält er aber für zwangsläufig: I’m certain that the future will be increasingly centered around real-time- renderes 3D virtual worlds and networks (379). ²
Die Schwankungen von Hypes, Flops, Investitionen und Rückzügen sind da nur Teilstücke langfristiger Entwicklungen.
Metaverse ist dabei als Begriff eher belastet: durch den Ursprung als Dystopie, spekulative Verwertungen im Blockchain- Umfeld, durch den shocking rise of usage und die Inanspruchnahme durch den Grosskonzern, den Ball weiterhin durchgehend Facebook nennt. Selber bevorzugt er 3D- Internet. Andere verwenden Spatial Computing (Apple) human co-experience (Roblox), hyper-digital reality (Tencent). Dennoch verwendet er Metaverse durchgehend –  immerhin ein Begriff, den er selber mitgeprägt hat.

Es gibt viel Technologiegeschichte im Buch: zur Idee des räumlichen Internet, zur Entwicklung des Personal Computers, des Internets, der Mobiltelefone, Netzwerke, Kabelinfrastruktur, von Streaming und Videospiele, zur Entwicklung von KI in den letzten Jahren – und vor allem zu den Zugängen in 3D- Welten.
Immaterielle Erfahrungen – experiences – brauchen physische  Zugangsgeräte. Der Erfolg eines Spatial Internet  hängt stark davon ab, wie weit es gelingt, kompakte, komfortable Geräte zu entwickeln, die länger und angenehmer genutzt werden können. Aktuell setzen die von Meta/ Facebook und Apple entwickelten Headsets den Standard. So leistungsstark und ergonomisch angepasst sie mittlerweile sind, bleibt ihr Einsatz auf spezifische Aufgaben beschränkt.

Smart Glasses bringen das Spatial Internet in den Alltag – können aber auch als übergriffig erlebt werden (Bild: Dall-e)

Smart Glasses sind dagegen alltagstauglich und eine Art Zugangsschneise in die allgemeine Lebenswelt. Bis jetzt eine Art SmartPhone als Facewear, haben sie noch viel Potential Funktionen des Spatial Internet mit dem Alltag zu verbinden. Problematisch ist zunächst die soziale Akzeptanz: Das Gefühl observiert zu werden, kann Unmut hervorrufen.

Spatial Computing 2024 sind vor allem die sich weiter verbreitenden Anwendungen der Virtual-/ Augmented-/ Mixed- Reality.  Zusammengefasst als XR- Reality, hat sich  XR- Technologie zu einer eigenständigen Branche mit sowohl wirtschaftlich als  technologisch wachsender Bedeutung etabliert. Entwickelt wird für jeweils spezifische Zwecke:  immersive Spiele, Bildungsplattformen, Simulationsanwendungen,   virtuelle Konferenzen, 3D-Modelle für Architektur und Bauprojekte – für das Entertainment oder auch im medizinischen Umfeld. Technisch werden die Anwendungen immer ausgereifter.
XR- Technologie ist dabei Innovationstreiber in verschiedenen Branchen. Produktentwicklung in virtuellen Räumen, Remote-Training für komplexe Maschinen, Design-Reviews in globalen Teams.
Weiterentwicklung findet eher im professionellen Bereich statt. Für Konsumenten attraktive Anwendungen werden zwar mehr – dagegen stehen hohe Kosten für die Hardware.  Ansätze zu einem Social- Metaverse sind wenig zu sehen.
Zeitnah sieht Ball ein Corporate Spatial Internet. Aufstieg und Verbreitung des (atuellen) Internet waren von einer nicht-kommerziellen Entwicklung bestimmt. Talente, Ressourcen und Ambitionen  sammelten sich zunächst im akademischen Umfeld und staatlich finanzierter Forschung. Heute ist die Online- Wirtschaft von BIgTech, Datensammlung, Werbung und der Vermarktung digitaler Produkte bestimmt.

Einige Parallelen  zur KI fallen auf: Bis KI vor zwei Jahren den Durchbruch erlebte, sprach man von KI- Wintern und KI- Frühlingen als Phasen nachlassenden und erneuten Interesses. Ähnlich wechselt das Interesse an einem Metaverse bzw. einem räumlich erlebten Internet, bis zurück zu den Zeiten von Second Life.
Künstlich geschaffene Intelligenz ebenso wie eine parallele Welt sind Themen, die menschliche Phantasie beschäftigen. Beide greifen zurück bis auf uralte Mythen und werden  immer wieder kulturell aufgegriffen.
KI ist zwar längst nicht vollendet, hat aber eine Stufe erreicht, auf der sie in der Breite der Gesellschaft als nützlich erlebt wird. Spatial Computing bietet zwar immer mehr attraktive Anwendungen – sie bleiben aber auch mittelfristig insulär.
Das Spatial Internet kann die digitale Gesellschaft zwar nach und nach durchdringen, stösst aber an Konfliktlagen und Grenzen, die Ball nicht ganz auslässt.
In einem tatsächlich global funktionierenden Metaverse – entsprechend der Definition als eines immersiven, persistenten und nahtlos verbundenen digitalen Raumes – würden sich zudem Strömungen und Konflikte der Weltgesellschaft in einem nicht vorhersehbaren Ausmass spiegeln,  mit kaum einschätzbaren Konflikten um Einflusszonen, wirtschaftliche und politische  Macht.
Interaktivität, Grafikqualität, die Aufrechterhaltung von Persistenz würden zudem exponentiell mehr Rechenleistung erfordern und Energie verbrauchen als das heutige Internet. Kann ein solches System nachhaltig und gesellschaftlich akzeptiert sein?

Matthew Ball: The Metaverse. Building the Spatial Internet  8/ 2024,  446 S.  Metaverse expert Matthew Ball still believes in the 3D internet – Interviewing Meta CTO Andrew Bosworth on the Metaverse, VR/AR, AI, Billion-Dollar Expenditures, and Investment Timelines .  On Spatial Computing, Metaverse, the Terms Left Behind and Ideas Renewed. ² – noch stärker: The very idea of a Metaverse means an ever-growing share of people’s lives, labor, leisure, time, wealth, happiness, and relationships wil be spent inside virtual worlds , rather than just extended or aided through digital devices and software. (379).
*
Die Definition von Ball (2022): A massively scaled and interoperable network of real-time rendered 3D virtual worlds that can be experienced synchronously and persistently by an effectively unlimited number of users with an individual sense of presence, and with continuity of data, such as identity, history, entitlements, objects, communications, and payments.” 
¹ 36 Mrd  wurden  in Berichten der US-Börsenaufsicht SEC genannt



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