Die Unübersichtlichkeit der Ungleichheit – Was der Streit um den ZEIT-Essay über die Soziologie verrät

In der Soziologie wird gestritten

Der Essay Ist die Soziologie zu links? (vgl den vorhergehenden Beitrag) von Armin Nassehi und Irmhild Saake im Feuilleton der ZEIT hat eine Reihe kritischer Repliken, darüber hinaus eine  weiterreichende Debatte ausgelöst.

Es geht nicht nur um den Inhalt. Es geht um die Wirkung des provokanten  Aufreissers, die  gewählte Öffentlichkeit und um die schwache empirische Belastbarkeit der Quellen. Was als gut belegte These diskutabel wäre,  fordert auf der grossen publizistischen Bühne Widerspruch.

Der Essay in der ZEIT ist im Grunde ein Rant – systemtheoretische Begrifflichkeiten und launig-pauschalisierende Zuspitzungen vermengen sich darin. Bloss der Adressat bleibt vage. Genannt wird ein großer Teil der Sozialwissenschaften – welcher grosse Teil nun gemeint ist, wird nicht weiter deutlich. Gezeichnet wird das Bild einer moralisierten Soziologie, die ihr Genügen darin findet, Ungleichheit zu monieren und in diesem Empörungsmodus eine sinngebende Nische gefunden hat. Die Reizwörter Wokeness, oder Agendawissenschaft  kommen zwar nicht vor – aber die Klischees dazu werden aktiviert.
Was weiter hinter dem Rant steckt, lässt sich nur vermuten; jedenfalls geht es um die Verteidigung eines Privilegs echter Wissenschaftlichkeit, das die Autoren – unausgesprochen – in erster Linie der eigenen Denkschule zusprechen.
Nassehi ist bekannt als virtuoser Anwender der Luhmann’schen Systemtheorie, als einer derjenigen, der sie seit den 90er Jahren weiterentwickelt hat.
Systemtheorie versteht sich als Universaltheorie – mit dem  Anspruch, alles, incl. sich selbst im Sozialen vollständig beschreiben zu können. Dazu hat sie ein eigenes Vokabular entwickelt, das weit über gängige Fachsprachen hinausgeht. Die Bedeutung von Wörtern wie Störung, Katastrophe, Moral, die Entstehung von Ordnung oder auch Ungleichheit ist nicht dieselbe wie in der Alltagssprache.

Nassehi ist einer der öffentlich präsentesten Vertreter, eines der Gesichter des Faches.  Seine Expertise  wird oft herangezogen, auf Podien, in Talk-Shows, im Feuilleton, deren Formate er bedient. Gleich welches Phänomen, ob Pandemie, Digitalisierung, KI, Gender Studies etc. , die Erklärungsmuster bleiben gleich: Konflikte werden mit Funktionslogiken erklärt und in ein systemtheoretisches Vokabular übersetzt – in Differenz, in Code, in Programm, in strukturelle Kopplung.
Das schafft eine beobachtende Distanz, die sich betont von Moralisierung fernhält. Was aber zunächst überraschend und erhellend klingt, wirft nach mehrfacher Wiederholung die Frage auf, ob hier erklärt oder übersetzt wird. Das systemtheoretische Vokabular ist an praktisch jedes Phänomen anschlussfähig. Wenn die systemtheoretische Rahmung in erster Linie eine Übersetzung ist, bleibt der Erkenntnisgewinn schwer zu bemessen.
Wenn wirklich alles mit demselben Vokabular erklärt wird, wird daraus keine Erklärung mehr, die sich bewahrheiten, oder auch scheitern kann, sondern eine sich selbst referenzierende Welterklärungsmaschine.

Ungleichheit taucht im ZEIT-Essay auffällig oft (>25x) auf – fast so, als würde das Wort selbst einen fehlenden analytischen Zugriff darauf kompensieren.
Im systemtheoretischen Begriffsuniversum spielt Ungleichheit tatsächlich eine nachgeordnete Rolle: Soziale Ungleichheit habe heute ihre zentrale strukturelle Bedeutung verloren; moderne Gesellschaften seien durch einen Primat funktionaler Differenzierung gekennzeichnet und in Abhängigkeit davon rücke soziale Ungleichheit in den Hintergrund.* – so referiert Thomas Schwinn eine Aussage Luhmanns.
Für Schwinn sind Ungleichheitstheorie und Differenzierungstheorie – letztere eines der Fundamente von Luhmanns Systemtheorie – die beiden wichtigsten Konzepte, mit denen sich moderne Gesellschaften analysieren lassen; nur laufen beide Forschungstraditionen seit Jahrzehnten weitgehend beziehungslos nebeneinander her – Schwinn spricht sogar von zwei Soziologien.
Nassehi argumentiert im Grunde, als verteidige er neutrale Wissenschaft gegen moralisierenden Aktivismus; dass sich Ungleichheit ebenso nüchtern erforschen lässt wie funktionale Differenzierung, bleibt dabei unausgesprochen.

Von der Replik zur Perspektive 

Bild: smitty OSSG. unsplash.com

In den Repliken und anderen Kommentaren wurde bereits viel  gesagt – es gab auch zustimmende Kommentare – der Verlauf kann über die Übersichten mit den verlinkten Beiträgen auf dem Blog von Serdar Günes und dem Portal Wissenschaftskommunikation.de nachverfolgt werden.

Ein Schlagabtausch. Im weiteren – und das macht die Diskussion dann doch fruchtbar – geht es um die Ausrichtung der Soziologie, ihre öffentliche Wirkung und die Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Eine Gelegenheit, auszuformulieren, welche Erklärungs- und Erkenntnismöglichkeiten die Soziologie für das Verständnis aktueller Entwicklungen bietet – Möglichkeiten, die sich auch für die eigene Arbeit nutzen lassen, abseits von Methodendebatten.

Moderne Gesellschaften versprechen Gleichheit und produzieren zugleich massive Ungleichheit. Formale, rechtliche und politische Gleichheit ist verfassungsrechtlich geschützt – was nicht Machtgleichheit bedeutet.  Hierarchische Ungleichheiten, wie sie die Industriegesellschaft bis in die 90er Jahre und darüber hinaus prägten, sind heute weniger ausgeprägt, ohne dass sie verschwinden. Am stärksten wirkt Ungleichheit in der  Vermögensverteilung – und den  damit verbundenen Gestaltungschancen.
Ungleichheiten lassen sich heute präziser als Machtungleichheiten bzw. sich verschiebende Machtbalancen verstehen. Macht ist in diesem Sinne keine einseitig dominante Position, sondern eine Balance, die beständig ausgehandelt wird. Die miteinander vernetzten Medien sind die Arena, in der diese Machtbalancen ausgehandelt werden.

Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie entstehen immer wieder neu. Gesellschaftliche, ökonomische und technologische Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt.
Gleichheit – und Freiheit – sind nicht beliebige Werte unter vielen. Es sind normative Grundbedingungen der demokratischen Moderne, deren Gewichtung immer wieder austariert werden muss – das ist soziologisch und politisch ernst zu nehmen. Freiheit allein führt zu libertärem Individualismus. Eine absolute Setzung von Gleichheit nimmt den Menschen die Möglichkeiten  individueller Entfaltung.  

In einem der Kommentare zum ZEIT- Essay fiel mir die Beobachtung auf,  dass wahrscheinlich die Hälfte der Artikel (der Zeit) in irgendeiner Weise auf soziologische Expertise zurückgreift. Ein Eindruck, der auf ein breites Interesse und einen Bedarf an soziologisch fundierter Erläuterung von gesellschaftlichem Wandel aufmerksam macht – jedenfalls mehr, als in vergangenen Jahrzehnten.
Was Soziologie kann, ist auch entfernte Wirkungszusammenhänge zu erkennen und zu beschreiben. Technologischer, kultureller und ökonomischer Wandel sind eng miteinander verbunden, durchdringen den Alltag und beeinflussen die Lebenschancen jedes einzelnen. Zentrale individuelle Erfahrungen, wie  Identitätsentwicklung, Berufsbiographien und die Formen von Vergemeinschaftung sind davon betroffen. Die Verknüpfung gesellschaftlicher und  technologischer Entwicklungen kann als Technogenese gedeutet werden.
Die digitale Revolution brachte zunächst ein Empowerment der Individuen mit sich, um dann die Bildung neuer Monopole zu begünstigen,  bekannt unter Konzepten wie der  Macht der Plattformen oder Überwachungsgesellschaft. Die aktuelle Situation – KI-Konzerne, die massiv neue Asymmetrien erzeugen, eine zerfallende progressiv-neoliberale Koalition, Silicon Valley im Wandel vom progressiven Lager zu einem  Cyberlibertarismus – ist genau eine Situation schnellen, konkreten, historisch spezifischen Wandels.

Luhmann entwarf die Systemtheorie in den 1960er – 1990er Jahren, einer Zeit der Blüte der funktional ausdifferenzierten Industriegesellschaft der Bonner Republik. Einer Epoche, die von stabilen Großorganisationen und Institutionen getragen wurde. Funktionale Systemzwänge waren damals unmittelbar spürbar und sind im Rückblick gut nachvollziehbar. Heute erleben wir die Erosion ihrer tragenden Organisationen – ganz aktuell etwa bei den Bindungsverlusten von Parteien wie der CDU und der Krise korporativer Industriegiganten wie  VW.
Bei aller beanspruchten universellen Gültigkeit und trotz  ihren nachträglichen Aktualisierungen trägt Luhmanns Systemtheorie unverkennbar die Handschrift dieser Epoche. Ihre Erklärungskraft entfaltete sie  am besten vor diesem historischen Hintergrund. Systemtheorie ist ein mächtiges Werkzeug mit einer umfangreichen Wirkungsgeschichte – einen Alleingültigkeitsanspruch verdient sie deshalb nicht. Ihre Erklärungskraft muss sie gegenüber anderen Ansätzen behaupten, u.a. einer Prozesssoziologie, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht aus geschlossenen Funktionslogiken, sondern aus Interdependenzen und sich verschiebenden Machtbalancen heraus beschreibt.

Gesellschaftliche Ordnung ist kein starrer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das ständig ausgehandelt wird. Gesellschaftliche Wirklichkeit ist vielschichtig, historisch pfadabhängig und durch Akteure, Technik sowie Machtstrukturen bestimmt. Soziologie ist keine Sozialphysik, sondern eine  offene Erfahrungswissenschaft, die einen Theorienpluralismus erfordert. 

Ohne Angst verschieden zu sein – dieser Satz von Adorno, den Nies und Lessenich  in ihrer Replik aufgreifen, gilt als Leitbild für Diversität – und kann ebenso für den Anspruch an das Gleichheitsversprechen demokratischer Gesellschaften stehen.

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Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links?  Die ZEIT 25.07.2026  – Tom Levold: Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften. Systemag – Online-Journal für systemische Entwicklungen. 11.08.2026
Übersichten zur Debatte: Serdar Günes: . Die Krisen der Soziologie. Zu Links oder politisiert? Die Artikelsammlung zur Debatte. Anna  Henschel & Sabrina Schröder:   Soziolog*innen streiten über ihr Fach   –  Wissenschaftskommunikation.de.
*Thomas Schwinn: Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. 2. Auflage 2011 



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