
Ist die Soziologie zu links? Wo Soziologen und Soziologie-Studierendehinschauen, sehen sie in der Gesellschaft Ungleichheit. Und die halten viele von ihnen grundsätzlich für schlecht. Unter diesem Titel veröffentlichte Die Zeit am 25.07. einen Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, beide Professoren an der Münchner LMU.
Titel und die prominente Platzierung haben mich irritiert – und die Irritation ist geblieben, als ich den Text gelesen hatte. Warum publiziert eine Wochenzeitung, die sich als ein Leitmedium versteht und ein öffentlich sehr präsenter Soziologieprofessor diese Schlagzeile?
Der Text stützt sich auf ein grobes Deutungsschema, seine empirische Grundlage ist schwach. Was als eine aufsehenerregende Studie vorgestellt wird, ist der massenhafte Abgleich von Abstracts mit den Maßstäben einer Skala, die sich auf KI-generierte Typisierungen stützt.
Weiter gibt es ein diffuses, leicht herablassendes Missbehagen an den eigenen Studierenden, das sich anscheinend bei einer anderswo dokumentierten Langzeitstudie zu Flüchtlingen herausgebildet hat: Mit Gleichheitsversprechen kann man jungen Leuten, die die Welt verbessern wollen, etwas anbieten, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht. Man hat so den Eindruck, dass den Autoren die Haltung der eigenen Studierenden öfters auf die Nerven geht.
Eine KI-Studie als Bezugsrahmen
Bezugsrahmen ist die Studie The ideological orientation of academic social science research 1960–2024 von James Manzi, veröffentlicht im März dieses Jahres. Erklärtes Ziel dieser Studie ist es, eine langfristige ideologische Ausrichtung von Forschungsergebnissen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen abzuschätzen.
Datenbasis sind die auf der Plattform Open Alex zugänglichen Abstracts sozialwissenschaftlicher Studien in englischer Sprache, exakt 599.194. Eine derart gigantische Masse an Material lässt sich in vertretbarer Zeit nur maschinell (mit KI) verarbeiten.
Die Abstracts entstammen auch nicht allein der Soziologie, sondern aus insgesamt 11 Disziplinen: Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Ökonomie, Ethnic Studies, Gender Studies, Politikwissenschaft, Psychologie, Public Administration, Public Health und Soziologie.
Die Breite spiegelt das speziell US-amerikanische Fächerspektrum, von denen Ethnic und Gender Studies per se mit identitätspolitischen Fragestellungen verbunden sind, (Kultur-) Anthropologie spielt eine weit grössere Rolle im Fächerkanon. Ökonomie und Psychologie sind auch in den USA eigenständige Fakultäten mit enormen gesellschaftlichen Einfluss.
Was heißt hier „links“? – Progressiver Neoliberalismus

In 180.311 der Abstracts wird von der KI eine Nähe zu politischen Positionen gemessen. 90% ordnet sie dem linken Spektrum zu. Links bedeutet hier links auf einer Skala (0 = Far Right, 10 = Far Left), die von der KI anhand von aktuellen (aus dem Jahre 2025) Positionen im U.S. political spectrum (vgl. abb.) – angelegt wurde – eine Messung von Ideologie auf dem Stand eines Jahres in dem der US-amerikanische Kulturkampf mit der Präsidentschaft Trump II einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Ein Text von 1965 wird so an einer im Jahre 2025 fixierten Skala als ideologisch gemessen. Rekonstruiert wird nicht, wie sich Autorinnen und Autoren historisch selbst verstanden hätten, sondern wie ihre Texte auf dieser heutigen US‑Skala wirken würden. Blickt man zurück, waren die 60er Jahre in den USA das entscheidende Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung. Gemessen am angesetzten Maßstab, war dies eine linke Bewegung.
Neben etwa Racial Justice und Gender/sexuality Research hat, so Manzi, wohl auch Forschung zum Klimawandel zum wachsenden Umfang links kodierter Inhalte beigetragen.
Links im Sinne der Manzi-Studie meint fast ausschliesslich links in soziokulturellen, kaum in ökonomischen Fragen. Die erfasste Orientierung lässt sich daher eher dem Feld dessen zuordnen, was Nancy Fraser als progressiven Neoliberalismus beschrieben hat: eine Verbindung liberaler Hauptströmungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Umweltschutz, LGBTQ+-Rechte) mit den dynamischsten Sektoren der US-Wirtschaft (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood) verbindet ( vgl. Nancy Fraser, 2019). Ob sich etwa Silicon Valley heute, im Zeichen eines Cyberlibertarismus, noch als soziokulturell progressiv bezeichnen lässt, ist mehr als zweifelhaft.
Soziologie und Gleichheit
Dass das Fach Soziologie innerhalb des Fächerkanons in einer eher linken, sich progressiv verstehenden Tradition steht, entsprechende Studenten anzieht und sich dadurch neu rekrutiert, gilt als ein Allgemeinplatz. Entsprechendes lässt sich in anderer Weise über andere Fächer sagen. So interessieren sich angehende Juristen, neben den Berufsaussichten, eher für normative Ordnung, Institutionen und Recht; BWL-Studenten für Effizienz und Management.
Soziologie hat sich als Wissenschaft zu einer Zeit konstituiert, als gesellschaftliche Ordnung nicht mehr als (gott-) gegeben akzeptiert wurde. Soziale Ungleichheiten wurden als sozial erzeugt analysiert, in der Folge ihre Legitimation in Frage gestellt. Die Hinterfragung von Ungleichheit zählt seitdem zu den Kernkompetenzen des Faches.
Gleichheit ist keine normative Vorliebe der Soziologie, sie ist positives Verfassungsrecht, im deutschen Grundgesetz ebenso wie im 14. Verfassungszusatz der USA. Von einzelnen Gruppen musste sie oft erst in langen Auseinandersetzungen erkämpft werden.
Co- Autorin Irmhild Saake hatte im Juni (2026) am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst einen Vortrag mit dem Titel Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus? Warum gesellschaftliche Unterschiede (manchmal) wichtig sind gehalten.
Eine legitime Akzentuierung – Saake verweist auf funktionale und temporäre Ungleichheiten, bzw. Asymmetrien, auf nötige Hinterfragungen, thematisiert diskriminierende Formen, wendet sich aber gegen einen aktivistischen Jargon. Ihre grundsätzliche Kritik gilt einem geradezu reflexhaften Umgang mit Ungleichheit in der Soziologie. Die Thematisierung von Ungleichheit müsse von der Schuldfrage gelöst werden.
Weniger folgen kann ich ihr etwa bei der Einstufung von Identität/Selbstbeschreibung – zwar ist Identität eine Ungleichheit, aber nicht im Sinne einer Machtasymmetrie.
Wenn Lehrveranstaltungen scheitern
Der aktuelle Erfahrungshintergrund ist ein Seminar im Masterstudiengang, das an einer grundsätzlich abwehrenden Haltung der Studierenden gegenüber einer funktionalen Sichtweise auf Ungleichheit scheiterte – Wir kriegen sie einfach nicht dahin. Die funktionale Sicht der Lehrenden trifft auf die normative der Lernenden.
Es sind nicht die inhaltlichen Positionen, die mich irritieren, sondern die durchgehende Zeichnung der eigenen Studenten als einer naiven und ideologisch verblendeten Kohorte – sie verallgemeinern gerne, beliebtes Thema seien etwa Human-Animal Studies, ehe man sich versieht, reden sie nur noch darüber. In der Aufzeichnung lässt es sich nachverfolgen.
In den Kommentaren zum Vortrag finden sich dann Aussagen, die daran anschliessend, gängige Narrative bedienen: Im Kern geht es doch darum, dass in den Sozialwissenschaften und im Journalismus Aktivisten tätig sind, die junge Menschen mit Pseudowissenschaft und Propaganda in einem Maß indoktrinieren, dass diese für ‘echtes’ soziologisches Wissen, Denken und Arbeiten teils überhaupt nicht und teils nur sehr schwer erreichbar sind.
Lehrveranstaltungen können scheitern. Lehrende mit Venia Legendi und Lernende im Hauptstudium sollten in der Lage sein, die Gründe dafür intern zu klären. Nassehi und Saake sprechen als Insider mit Deutungshoheit über das eigene Fach – und nutzen genau diese herausgehobene Stellung, die sie darin einnehmen, für eine öffentliche Diagnose.
Neben der methodisch fragwürdigen Manzi-Studie dient die Erfahrung mit den eigenen Studenten als (diffuser) zweiter empirischer Anker für die Schlagzeile. Die schmale empirische Basis trägt die provokante These der ZEIT-Schlagzeile nicht. Sie lieferte eher einen Anlass, ein offenbar länger gehegtes Ressentiment öffentlich wirksam zu präsentieren.
Die funktionale Perspektive
Worum es Nassehi und Saake im Kern geht, ist eine funktionale, gegenüber normativen Gleichheitsurteilen distanzierte Sicht auf Gesellschaft – eine systemtheoretisch geprägte Perspektive, die an den Funktionalismus von Talcott Parsons anschließt und bei Niklas Luhmann ihre heute dominierende Ausarbeitung gefunden hat. Gesellschaft erscheint dann weniger als ein einheitliches politisches Handlungsfeld denn als Zusammenhang verschiedener Funktionssysteme, die nach je eigenen Kriterien operieren.
In ihrer Rezension zu Triggerpunkte von Steffen Mau et al. formulieren Nassehi und Saake einen ähnlichen Gedanken: Die Soziologie dürfe sich nicht darauf beschränken, im Streit um ungleiche Positionen die Rolle einer normativen Anwältin zu übernehmen. Sie müsse auch untersuchen, nach welchen unterschiedlichen Kriterien gesellschaftliche Bereiche ihre Entscheidungen treffen. Das ist in systemtheoretischer Perspektive legitim – problematisch wird es erst dort, wo dieser Ansatz zum einzig gültigen Maßstab erhoben wird.
Machtasymmetrien und gesellschaftliche Gestaltbarkeit
Funktionale oder temporäre Asymmetrien gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, die immer wieder neu entsteht. Gesellschaftliche Umbrüche produzieren laufend Gewinner und Verlierer – was Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden lässt. Die Systemtheorie sieht hier Funktionslogiken, die Moralkritik schafft eine Perspektive der Schul, von Tätern und Opfern.
Selber spreche ich lieber von Machtasymmetrien bzw. Machtbalancen. Macht ist relational, keine eindeutig vergebene Position, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge. Dieser Perspektivwechsel öffnet die Soziologie zu einem Blick auf die Dynamik von Konflikten und ihre gesellschaftliche Gestaltbarkeit. Wer ungleich behandelt wird, ist nicht in einer passiven Opferrolle gefangen, sondern Teil eines veränderbaren Beziehungsgefüges.
Ist die Soziologie zu links? – Warum hält die ZEIT gerade jetzt diese Frage für publizistisch relevant? Co-Chefredakteur Jochen Wegner meinte beim Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten – Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person. Die ZEIT habe hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können. Knapp seien aber etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen. (vgl. Newsroom.de, 27.04.2026)
Es bleibt ein Verweis auf eine andere Replik zu demselben Text im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Stephan Lorenz.
Armin Nassehi & Irmhild Saake: Ist die Soziologie zu links? Die ZEIT 25.07.2026 -.Über und unter der Oberfläche -(Rez.:zu Triggerpunkte) – Irmhild Saake: Halten wir Ungleichheit nicht mehr aus? 15.06.2026 youtube Sighart Neckel: Warum linke Einstellungen die Sozialwissenschaft nicht gefährden. FAZ . 9.07.2026. Jannis Koltermann: Die Sozialwissenschaft tickt links – das ist ein Problem FAZ 28.05.2026. James Manzi: The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory & Society 55, 25 (2026). Nancy Fraser: ,The Old Is Dying and the New Cannot Be Born Verso Books, 2019 — Stephan Lorenz: Anmerkungen zum Beitrag „Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake. SozBlog – Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) 3.08.2026