Wer macht die Zukunft?

Wer macht Zukunft? Kaum ein Thema ist grösser als die Zukunft – und  derzeit ist es zum Megathema und Buzzword herangewachsen.
Das Sprechen über Zukunft orientiert sich oft an technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritts-erzählungen. Einige Konzepte und Erzählstränge kommen immer wieder in den Diskussionen und Statements vor.
Kann man den allround-Begriff Innovation noch dazu rechnen? Beachtenswert bleibt die Definition Schumpeters „the doing of new things or the doing of things that are already done, in a new way“. Innovativ können Produkte, Prozesse, Geschäftsmodelle, Bildungsformate, Technologien, Materialien etc. sein. Neue Produkte werden entwickelt, bestehende verbessert, Prozesse optimiert und digitalisiert. Innovativ bedeutet dabei den zumindest vagen Anschluss an eine Fortschrittserzählung.
Sprunginnovationen gehen weiter, ihre Durchsetzung führt zu neuen  Infrastrukturen, sie bedeuten bereits selber einen Baustein der  Fortschrittserzählung. Sprunginnovationen sind solche Innovationen, die eine radikale technologische Neuerung beinhalten. Sie haben das Potenzial, bislang bekannte Techniken und Dienstleistungen bahnbrechend zu verändern und zu ersetzen (vgl. Seite der Bundesregierung und Bundesagentur für Sprunginnovationen)  Das SmartPhone oder auch die Verbreitung von Elektromobilität sind/waren z.B. Sprunginnovationen.   Bisher wurde der Begriff für radikale technologische Neuerungen, die eine neue Erfahrungskurve vermitteln, verwendet. Es könnten aber auch Innovationen in anderen Feldern – z.B. der Arbeitsorganisation, Mobilitätskonzepten, auch der Ernährung und Bildungsorganisation nach diesem Muster gedacht werden.

Szenarien sind keine eindeutigen Beschreibungen, sondern machen mögliche Zukünfte sichtbar. »Denk-Werkzeuge«, die mögliche Zukunftsverläufe aufzeigen. In diesem Blog mehrmals ausführlich besprochen: Vgl. Post- Corona – Szenarien für die Zeit danach und Post Covid – Neue Horizonte oder Goldene Zwanziger?

Das Modell der Megatrends des Zukunftsinstituts ist seit längerem sehr populär,  oft wird darauf Bezug genommen – v.a.  im Consulting.  Im Prinzip eine Reihe langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends antreiben.  Oft indirekt, beispielsweise  führte der breite  Bildungsaufstieg seit den 60er Jahren zwar nicht zum Zugang zu den damals verbreiteten Privilegien, der höhere verbreitete Bildungsstand legte aber die Basis für eine wissensintensive Wirtschaft. Ein höherer Altersdurchschnitt stellt Gesundheitsfragen und ganz sicher den Megatrend Silver Society stärker in den Vordergrund. Konnektivität ist zunächst eine technisch definierte Möglichkeit, die mit ihrem Gebrauch neue Vergemeinschaftungsformen ermöglicht.
Individualisierung ist nicht nur ein Megatrend, sondern ein soziologisch oft beschriebener langfristiger gesellschaftlicher Prozess. Wahrscheinlich die langfristig massivste gesellschaftliche Entwicklung. Ein Treiber von Individualisierung ist das seit Jahrzehnten zwar von der Verfassung garantierte Prinzip der Gleichberechtigung jedes einzelnen, das in der  gesellschaftlichen und ökonomischen Wirklichkeit aber lange Zeit wenig wirksam war. Die Einforderung dieser Rechte au allen Ebenen zeigt sich zunächst in individuellen Emanzipationsprozessen, im weiteren der Forderung nach Diversität, nach innerer Demokratisierung. Spielten lange Zeit identitätsvermittelnde grosse Organisationen, wie Kirchen, Verbundsysteme der Wirtschaft, grosse Verbände, Volksparteien eine grosse Rolle, erleben diese heute einen Bedeutungsverlust.
Formuliert man die Perspektive negativ, landet man bei der Vorstellung einer zersplitterten, fragmentierten  Gesellschaft.
Vergemeinschaftung wird neu ausgehandelt – über die Kompatibilität von Interessen und Neigungen, entsprechend dem  Prinzip der Consozialitätwhat we share – eine Übereinstimmung in Merkmalen, Interessen, Ansichten, Leidenschaften als Vorstufe von Sozialität. Verwandt damit ist das oft beschriebene Konzept der Tribes.  Ein weiteres Konzept ist  Technogenese –  das eine Co-Evolution von Technik und Gesellschaft meint: Techniken die genutzt werden, werden auch weiter entwickelt, zudem verbreiten sich bestimmte Muster der Nutzung.

Nachhaltigkeit ist eine mittlerweile ganz grosse und eigenständig wirksame Fortschrittserzählung, die sich zum einen auf einen grossen Rahmen – der Vermeidung eines Kollaps durch Klimawandel – gründet. Im Detail wirkt sie sich auf zahllose einzelne Felder aus, für die das Nachhaltigkeitsprinzip gelten soll. Spricht man heute von Transformation, ist zumeist eine Transformation zu nachhaltiger Ökonomie gemeint.
War die Nachhaltigkeitsperspektive lange Zeit (und ist noch immer) mit sozialen Perspektiven verbunden, wird Nachhaltigkeit als Fortschrittsthema, etwa in der Wende zur Elektromobilität, oft auch singulär kommuniziert. Die Frage bleibt, ob diese Wende allein ein Fortschritt ist. Raumbedarf von fahrendem und ruhendem Verkehr, der Aufwand der Produktion bleibt in etwa derselbe.

Soziale Innovationen schliessen an neue Erfahrungen an, etwa an die von mobiler Arbeit, von pragmatischen Problemlösungen und der Nutzung neuer Technologien als kulturellem Innovationspotential.  Die übergreifende Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft hat eine gesellschaftlich integrative Funktion.

Seit dem Erscheinen 1984 (dt. 2002) hat New Work, New Culture von Frithjof Bergmann immer wieder Schübe von Diskussionen angefacht – zum anderen wurde der attraktive Begriff aber auch bis zur Sinnverzerrung vereinnahmt – im Consulting, bis hin zur Sicherung als Wortmarke. Im Grunde ist es ein Konzept der Lebensreform auf drei Säulen: der auf ein Drittel reduzierten Lohnarbeit,  dem immer wieder zitierten “was man wirklich, wirklich will” und einem High- Tech self providing.
Leonie Müller, Gründerin des Zentrum für Neue Arbeit in Berlin hat nun eine erfrischende Wiederbelebung (vgl. Interview ab 17.30 min.) der New Work Ideen von Frithjof Bergmann vorgelegt – ihn auf die individuelle Ebene zurückgeholt. High- Tech self providing schien lange Zeit  als eher gewagter Gedanke. Mit aktuellen Techniken wie 3D- Druck und KI- Anwendungen werden sie realistisch. Produktion auf Mikro- Ebene.eine Art Renaissance einer individualisierten kleinen Wirtschaft. New Work (+ New Culture) kann so individuelle Perspektiven begründen.

In Corona- Zeiten leider wenig Aussenwirkung: Wandelwerk Köln- Ehrenfeld

Unbedingt empfehlenswert ist die Website Wir – die ZukunftsMacher. Visionen. Ideen. Projekte (+ einer von Elita Wiegand kuratierten FB- Seite) mit vielfältigen, kontinuierlich aktualisierten Beispielen zur Zukunft von Mobilität, Architektur und Stadtentwicklung, Bildung, Ernährung. Ein Netzwerk von PraktikerInnen.

La Rentrée nennt man in Frankreich den Neustart nach den Sommerferien im Herbst.  Zumindest ein Teil der aktuellen Zukunftsdiskussionen ist derzeit auf einen – weitergehenden –  Neustart gerichtet. Zunächst den Break Even der Impfkampagne, der die bleierne Zeit der Lockdowns beenden soll. Dann die Bundestagswahlen mit einem erwarteten  Wechsel.

Bild oben: kallejipp / photocase.de;  Elita Wiegand: Die ZukunftsMacher (wir-die-zukunftsmacher.de)  Website und kuratierte FB- Gruppe mit zahlreichen Projektbeispielen Mobilität, Architektur, Ernährung. Leonie Müller & Gunnar Sohn: New Work im Sinne von Frithjof Bergmann; Gespräch auf Video (ab Min. 17.30)



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