Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Rez.)

727 Seiten – davon >100 Anmerkungen und Register – das ist Schwergewicht, von Umfang wie Thema. Das Cover erinnert an Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert, Zufall? Jedenfalls liegt hier ein, wenn nicht das Standardwerk zum Digitalen Kapitalismus vor.
Vorangestellt ist eine Definition bzw. Beschreibung des Überwachungskapitalismus, in acht  harsch formulierten Thesen. Im Kern geht es um eine neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre kommerziellen Operationen nutzt. Es bleibt nicht allein dabei, die neue Logik der Akkumulation überschreitet den engeren Rahmen kommerzieller Aktivität und bildet die Grundlage einer neuen instrumentären Macht. 
Daran entzündet sich eine massive und überraschend radikale Kritik. Das Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst geht es um die Grundlagen, die Genese des Überwachungskapitalismus, dann um seine Durchsetzung und Verbreitung, die Verdatung von Erfahrung, schliesslich die Etablierung einer instrumentären Macht in einer Dritten Moderne.

Überschusssinn bedeutet ein Reservoir neuer Möglichkeiten, für die es zunächst keine Verwendung gibt. Bild: kallejipp/photocase.de

In der vorderen Reihe der Kritik steht Google als Pionier (Facebook, Microsoft und Amazon nicht zu vergessen!). Mit der Entdeckung des Verhaltensüberschusses (96) beginnt der Überwachungskapitalismus.
Überschusssinn bedeutet im weitesten, dass mit neuen Medien/Techniken Möglichkeiten zur Verfügung stehen, für die es zunächst keine Verwendung gibt. Kontrollüberschuss (vgl. Dirk Baecker) verweist auf die Kontroll- Möglichkeiten in den elektronischen und digitalen Medien.
Verhaltensüberschuss ist der Anteil der gewonnenen Verhaltens- Daten, der nicht zur Verbesserung von Diensten notwendig ist. Dieser Überschuss versorgt ein neues Produktionsmittel, das Vorhersagen aus Nutzerverhalten produziert (120/121). Daten, die einst ungenutzt blieben, werden zu Aktiva (191). Der Beginn der Vermarktung in der (personalisierten) Werbung ist eher zufällig, die neuen Vorhersagesysteme lassen sich auf andere Branchen übertragen, die sensibler sind: Finanzplanung, Bildung, Gesundheit. Entwicklungen wie das Internet der Dinge lassen ganz neue Dimensionen erwarten. Selbst Staubsauger und Matratzen liefern damit Daten aus ihrer “natürlichen Umgebung“.
Das Internet war zunächst der grösste unregulierte Raum der Welt (129) – das Bild der last frontier, des wild wild web (Tim Cole) passt. Das bot zum einen Freiraum für experimentelle Subkulturen jeder Art, zum anderen Internet- Unternehmen den Spielraum zum Aufbau von Imperien nach neuen, eigenen Regeln – angetrieben durch die Dynamik des Wettbewerbs. Das Internet wurde dadurch mehr und mehr zum Ort kommerzieller Überwachung in Echtzeit, die möglichst jedes Detail der Online-Aktivitäten registriert. Alles, was zur Überwachung genutzt werden kann, wird auch dazu genutzt.

Geht es in den ersten beiden Teilen des Buches gut nachvollziehbar um die Genese und Verbreitung, beginnt der dritte Teil verstörend: Big Other nennt die Autorin die zentrale Metapher instrumentärer Macht. Eine rechnergestützte und vernetzte Instanz, die menschliches Verhalten rendert, überwacht, berechnet und modifiziert (437). Ideologische Basis ist ein Konglomerat aus Neoliberalismus Hayek’scher Prägung und einem radikalen Behaviorismus nach B. F. Skinner, das formale Gleichgültigkeit der neoliberalen Weltsicht  mit der beobachtenden Perspektive des radikalen Behaviorismus verbindet (437). Letztendlicher Sinn wäre eine Art automatisierte Perfektionierung von Markt und Gesellschaft: Wir könnten wahrscheinlich eine Menge der Probleme lösen, die wir Menschen so haben, so Larry Page 2014 (464). Politisch ist das Modell indifferent, sammelt seine Kräfte aber ausserhalb der Demokratie (590). Unternehmen des Datenkapitalismus stellen oft eine technologische  Unvermeidbarkeit hervor. Technologie besteht aber nie unabhängig von Wirtschaft und Gesellschaft. Letztlich ist der Überwachungskapitalismus nur eine Form der Informationsgesellschaft, nicht unabwendbar.
Bei aller zur Schau getragenen Innovations- Hipness und heroischer Selbstinszenierung unterscheidet sich die Haltung kaum von dem Motto der Weltausstellung von Chicago 1933: “Science Finds – Industry Applies – Man Conforms” (31) (Die Wissenschaft (er)findet – Die Industrie wendet an – Der Mensch passt sich an).

Bleibt zu sehen, welche längerfristige Wirkung von diesem Buch ausgeht. Die Diskussion zur Digitalen Zukunft wird damit eine andere. Unmut an der Ausformung des Digitalen Kapitalismus, an den Datenkraken, hat sich mehr und mehr verbreitet, mal dezent als Ausdeutung (C. Kucklick.- Die granulare Gesellschaft),  mal als dramatischer Rant (Brandrede) (J. Lanier) oder als Appell zur Wiederinbesitznahme/Reconquista des Internet (Tim Berners-Lee).
In diesem Umfang, mit solcher Detailfülle und einer solchen Radikalität wurde der Digitale Kapitalismus bisher nicht beschrieben. Die Kritik steht nicht im leeren Raum. Sie ist analytisch mit allen akademischen Qualitäten, die Genese von Machtstrukturen ist nachvollziehbar. Sie ist eingebettet in Bezüge zu den maßgeblichen Hintergründen und Ideologien – sie wird begleitet von Diskursen u.a. zu Hanna Arendt, nicht nur Piketty kommt vor, u.a. auch Polanyi.  Es geht letztlich um die Verteilung von Macht in einer neuen (dritten) Phase des Kapitalismus – um Metamorphosen der Macht in einer Umgebung,  die in wenigen Jahren zur bestimmenden Größe geworden ist. 
In den Feuilletons wird Zuboffs Werk positiv bis begeistert besprochen. Zur FAZ gibt es besondere Beziehung, wohl deshalb erschien die deutsche Ausgabe noch vor der amerikanischen.
Man sollte den Kapitalismus nicht roh geniessen. Er gehört gekocht, und zwar von einer demokratischen Gesellschaft und ihren Institutionen (63).All das bedeutet nicht, auf die Segnungen des Netzes zu verzichten, Programm wäre eine Zivilisierung.

Sicher sind 727 Seiten viel, eine detaillierte Gliederung und ein umfangreiches Register machen es zumindest einfacher, darin zu  navigieren. 

Shoshana Zuboff (Übs: Bernhard Schmid): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Campus Verlag, Frankfurt/New York 10/2018 (orig.: The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power.  727 S. ISBN: 978-3-593-50930-3



Das Digital – Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus (Rez.)

Zwei Bücher innerhalb eines halben Jahres, das ist flott. Im Oktober 2017 erschien Das Digital von Viktor Mayer- Schönberger und Thomas Ramge, Mitte März 2018 folgte Mensch und Maschine – letzteres im  Reclam Format (9,5 x 14,8 cm, <100 S.) -jackentaschenfähig.
Der grammatisch innovative Titel Das Digital knüpft an Karl Marx Das Kapital. So wie bei Marx im Zeitalter des beginnenden Industriekapitalismus der wirtschaftliche Mehrwert und seine Verteilung  im Vordergrund stand, geht es jetzt darum, diese Fragen im Übergang vom Finanzkapitalismus zum Datenkapitalismus neu zu beantworten.
Der Titel der englischen (Original-) Ausgabe Reinventing Capitalism in the Age of Big Data, ebenso wie der deutsche Untertitel (Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus) lenkt den Blick auf die gesellschaftliche Gestaltung des Datenkapitalismus. Den Autoren geht es letztlich um eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Datenreiche Märkte verändern die Rolle, die Märkte und Geld spielen. Märkte dienen nicht nur dazu, knappe Waren auszutauschen, sie sind ein gesellschaftlicher Mechanismus, der Menschen die Möglichkeit bietet, sich untereinander effektiv und effizient zu koordinieren  (263/264).  So ist der explizit als Kernaussage des Buches genannte Satz  “Der Markt kann endlich (mit Datenreichtum) sein volles Potential entfalten” (25) zu verstehen. Datenreiche  Märkte enthalten Informationen verschiedener Dimensionen mit ihrem jeweils eigenen Wert, sie führen Angebot und Nachfrage möglichst passgenau zusammen.

Was Skaleneffekte für die Massenproduktion, Netzwerkeffekte für die Informationswirtschaft, bedeuten Feedbackeffekte für die Wertschöpfung in datenreichen Märkten rundum künstliche Intelligenz.  Aus Daten lernende Systeme verbessern sich mit dem Imput und um nützlich zu sein, benötigt  maschinelles Lernen gewaltige Mengen an Trainings- und Feedbackdaten. Das gilt für Übersetzungsservice (z. B. Google), Bilderkennung, Autopiloten, medizinische Diagnostik und vieles mehr. Ohnehin bereits starke Unternehmen und Organisationen sind im Vorteil. Dort sammelt sich mit den Daten Handlungskompetenzen und Marktmacht an, die weit über herkömmliche Wettbewerbsvorteile hinausgehen.
Um Datenmonopolen entgegen zu wirken, befürworten die Autoren eine Datenumverteilung. Damit datenreiche Märkte nachhaltig funktionieren und die so erwirtschaftete digitale Dividende allen zukommt, sollten Datensammler zum Teilen ihrer Daten in die Pflicht genommen werden. So schlagen sie vor, dass Unternehmensabgaben in Form eines Daten-Sharings geleistet werden.

Matching, das Zusammentreffen mit dem optimalen Transaktionspartner, ist ein grosses Versprechen der Digitalisierung. Was (herkömmlicher) Markt oder Zufall nur umständlich erreichen, das ist in Datenreichen Märkten  angelegt. So  funktionieren z.B. Dating- Plattformen, ebenso wie zahllose Dienstleistungen. Nicht alle im Buch vorkommenden Beispiele überzeugen. Brauchen wir Einkaufsassistenten? B to B  oft sinnvoll, privat ist die Auswahl von Kleidung/Mode, Nahrung/des Essens, Mobiliar/Einrichtung etc. für viele ein wesentlicher Teil der Lebensgestaltung und bringt Freude, anderen nicht. Datengetriebene Auswahl, insbes. personalisierte Abo- Modelle sind ein Wunschziel des Marketing.

Im Schlußwort (266) geben sich die Autoren optimistisch: Wir glauben nicht an die düsteren Prognosen, dass datengetriebene Technologie gegen den Menschen arbeitet. Daten sind nicht kalt, wie oft behauptet, und es ist widersinnig, in der Diskussion Menschen ständig gegen Maschinen auszuspielen. Wir sind  überzeugt: Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.
Der Optimismus stützt sich auf  eine politische und gesellschaftliche Gestaltung der Datenökonomie und ihrer Rahmenbedingungen. Eine nachhaltige, gemeinschaftliche und demokratische Datenökonomie ist kein Selbstläufer.

Reclam – Format, passt in jede Jackentasche

Das zweite Buch ist ein Büchlein mit dem Elementarwissen Künstliche Intelligenz. Erschienen in der Universal- Bibliothek (Nr. 19499), der Reihe der Klassiker von Plato, Seneca und Cäsars De bello gallico bis Goethe, kennt jeder aus der Schulzeit.
KI ist die nächste Stufe der Automatisierung. Nach Autor Ramge erlebt sie gerade ihren Kitty-Hawk-Moment – ein Bild aus der Entwicklung des  Motorflugs – die Technologie hebt ab und plötzlich läuft, was lange Zeit nur eine großspurige Behauptung war (7/8), eine Art Break-even. Einiges, was bereis in Das Digital geschrieben wurde, wiederholt sich. Ansonsten kompaktes Wissen in der Westentasche. 6 € – das kann sich jeder leisten.
Künstliche Intelligenz klingt immer etwas nach Schöpfergeist und Golem, man kann dagegen den Begriff aus Daten lernende Systeme setzen, der die Grundlagen hervorhebt. Letztlich ist KI eine von Menschen gemachte Technik und Menschen werden die Entscheidungshoheit behalten.
Beide Bücher sind für jeden, der sich mit Digitaler Ökonomie oder Digitaler Zivilisation  befasst, eine wichtige und sehr nützliche Lektüre. Viele Fragen zu Funktion und Rolle  von Markt und Unternehmen werden angesprochen, dabei z.B. auch: Warum sind gerade manche datenreiche Unternehmen straff hierarchisch organisiert, geradezu Effizienzmaschinen ?
ganz nebenbei: immer wieder fällt auf, dass auch Publikationen zu digitalen Themen weiterhin gedruckt erscheinen, e-book ist bestenfalls Ergänzung. Haptische Qualitäten, Abgeschlossenheit des Werkes und kulturelle Verankerung sprechen für den Erhalt des analogen Formats. 

Victor Mayer- Schönberger  & Thomas Ramge: Das Digital -Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, München 2017, 304 S., 25 €  Thomas Ramge: Mensch und Maschine. Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Reclam Verlag, Stuttgart 2018. 96 S., 6 €  Vgl. auch: Viktor Meyer- Schönberger Die Kreativwirtschaft als Pionier datenreicher Märkte. In : Hidden Values. Die Währungen der Zukunft. Herausgegeben von Creative. NRW Kompetenzzentrum Kreativwirtschaft S. 88-97   April 2018



D2030 – Deutschland neu denken – Acht Szenarios für unsere Zukunft – (Rez.)

Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber doch lenk- und gestaltbar. Im Sommer 2017 wurden auf der Zukunftskonferenz in Berlin Ergebnisse aus dem Projekt  D 2030 einer Öffentlichkeit vorgestellt. Es ging nicht um einzelne (Mega-) Trends oder lineare Prognosen, nicht um best- und worst- cases, sondern um eine Landkarte der Möglichkeiten, um Szenarien für den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Raum Deutschland zum Jahre 2030.
Jetzt ist das zugehörige Buch erschienen. D2030 folgt der Methodik des Szenario- Managements, mit der Wege und Vorstellungen einer möglichen Zukunft sichtbar gemacht werden. Umgesetzt wurde die Methodik in einem partizipativen Verfahren – induktiv (bzw. bottom-up) in mehreren öffentlichen (online-) Dialogen.

Abb.: Landkarte der Zukunft mit den Kernfragen, S. 37 (grössere Ansicht nach Klick)

Klar voneinander unterscheidbare Szenarios wurden entworfen und sie werden sehr anschaulich beschrieben: Spurtreue Beschleunigung (wo wir landen, wenn wir uns gegen Veränderung stemmen); Neue Horizonte (Freiheit, Gerechtigkeit und offene Fragen im Wunschraum); Bewusste Abkopplung (Chancen und Gefahren eines deutschen Sonderweges);  Alte Grenzen (vorwärts in die Vergangenheit). Die letzteren beiden (3 u. 4 in der Abb.) denken bestimmte Konstellationen weiter, spielen im weiteren aber keine grössere Rolle. Spurtreue Beschleunigung und Neue Horizonte mit ihren jeweils drei Varianten (s. Abb.) verdienen die Beachtung. Sie stehen als Gegenwartsraum und Wunschraum einander gegenüber.

Zielperspektive sind die Neuen Horizonte (Spielräume für die Zivilgesellschaft, Stärke durch Vielfalt u. Renaissance der Politik), entscheidend dafür ist die gelingende Verbindung ökonomischer und gesellschaftlicher Innovationen. Spurtreue Beschleunigung bleibt auf der Spur von Deregulierung und Privatisierung,  Wirtschaftsinteressen vs. Nachhaltigkeitswerten, Wohlstandszuwächse kommen v.a. den ohnehin Privilegierten zugute. Die Veränderungen von dort zu Neuen Horizonten stellen die Frage nach einem Zielpfad, der Offenheit und Globalität mit Nachhaltigkeit und Gemeinschaftlichkeit verbindet, in den Vordergrund (105).
Ohne dahingehende Veränderungen ist im besten Falle ein Wohlfühl- Wohlstand zu erwarten, wahrscheinlicher eine gesellschaftliche Spaltung trotz wirtschaftlichem Erfolg. Letzteres Szenario wurde in den öffentlichen Dialogen trotz großer Ferne zur gewünschten Zukunft als wahrscheinlichste Perspektive (64 %) angegeben. Grundsätzlich geht es bei D 2030 darum, vernetztes und langfristiges Denken in sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungsprozessen zu verankern. Die Szenarios sollen nicht zeigen, was wird, sondern sie sollen als Denkwerkzeuge verdeutlichen, was möglich ist.

Abb. Einflußbereiche und Schlüsselfaktoren, S. 22 (grössere Ansicht nach Klick)

Methodisch basieren alle Szenarien auf jeweils mehreren Zukunftsprojektionen zu 33 Schlüsselfaktoren sechs Systembereichen (s. Abb.), die in den öffentlichen Dialogen bewertet und weiterentwickelt wurden.

Das Buch ist im wesentlichen eine materialreiche Projektdokumentation, inhaltlich wie methodisch; dazu kommen eine Reihe fiktionaler Berichte aus einigen Zukünften. Man erfährt eine Menge über die Methode Szenariotechnik, zu Hebelkräften und Schlüsselfaktoren, die Einfluß nehmen. Es gibt insgesamt 64 graphisch sehr gut aufbereitete Abbildungen. Alle Schlüsselfaktoren incl. der – jeweils 4-6 Zukunftsprojektionen werden ausführlich beschrieben.

D2030 versteht sich als Politikberatung, so wurde zur Bundestagswahl 2017 ein Memorandum verfasst,  geht aber im Adressatenkreis an alle am öffentlichen Diskurs zur Zukunft der Gesellschaft bzw. zur Digitalen Transformation Beteiligten. Parteipolitische Präferenzen sind nicht zu erkennen, D2030 wird von einer breit aufgestellten Initiative aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft getragen. Man ist allerdings dem politischen Spektrum, dem Werte der Nachhaltigkeit und Subsidiarität naheliegen, zuzurechnen.   Schließlich der Anstoß zu einem neuen Narrativ der Digitalisierung – jenseits technikfixierter Visionen (137).  Gesellschaftlicher Wandel in Zeiten der Digitalisierung ist eben mehr als das, was etwa der seltsame, der  Produktion entlehnte Begriff Gesellschaft 4.0 nahelegt.

Klaus Burmeister, Alexander Fink, Beate Schulz- Montag  & Karl-Heinz Steinmüller .: Deutschland neu denken. Acht Szenarien für unsere Zukunft. Oekom Verlag,  München 2018, ISBN: 978-3-96238-018-2;  246 S. 


The New Urban Crisis (Rez.)

Wenige Titel seit der Jahrtausendwende hatten einen solchen Nachhall wie The Rise of the Creative Class (2002) von Richard Florida.  Wann immer von Kultur- oder Kreativwirtschaft, von Strukturwandel, Stadtentwicklung,  Standortpolitik und ihren weichen Faktoren, Diversity, aber auch von Gentrifizierung gesprochen wird, stehen bzw. standen Floridas Thesen im Hintergrund. Der “3T- Ansatz” Talent, technology and tolerance wurde zum festen Begriff im Wettbewerb der Standorte um innovative Menschen in der entstehenden Digitalwirtschaft.  Und es gab Indices: Gay Index und Bohemian Index sollten die Einflüsse meßbar machen. An der öffentlichen Wahrnehmung gemessen war und ist der Aufstieg der kreativen Klasse eine äusserst erfolgreiche und wirkungsmächtige Geschichte.

The New Urban Crisis erschien im Frühjahr 2017, nach Trumpwahl und Brexit. Fünfzehn Jahre nach 2002 ist deutlich, dass es Gewinner und Verlierer gibt, Reiche wurden reicher, und es gibt eine neue Krise des Urbanen. Die urbane Krise der 60er und 70er Jahre war die der De- Industrialisierung und der Abwanderung der Mittelklasse in die Vorstädte, die neue ist die der Ungleichheiten zwischen den sozialen Gruppen, festgemacht an den Kategorien creative, Service und working class. Die 50 wirtschaftsstärksten Ballungsräume generieren weltweit 40% des Wachstums, aber es leben dort nur 7%  aller Menschen. Die Clustering Force von konzentriertem Talent und ökonomischer Aktivität ist gleichzeitig Motor für städtisches Wachstum und Betreiber der Ungleichheit.

räumliche Segregation in der Bay Area/San Francisco (148) – (nach Klick wird die grössere Auflösung angezeigt)

Eine deutsche Übersetzung von The New Urban Crisis  ist nicht zu erwarten (auch The Rise of the Creative Class wurde nie übersetzt)- das Buch bezieht sich weitgehend auf die USA, eingeschränkt Kanada und Großbritannien. (Kontinental)- europäische und deutsche Städte kommen nur am Rande vor: Sie  weisen geringere Ungleichheiten und Segregation auf. Berlin kommt als urbanes Technologiezentrum, das sich gerade wegen seiner Bohème-Qualitäten bes. für Mikroentrepreneurs entwickelt, vor.  Es gibt jede Menge Tabellen und Karten nordamerikanischer (+London) Städte und Ballungsräume, die die räumliche Segregation illustrieren, es gibt viele Rankings u.a. nach einem New Urban Crisis Index, in den u.a. Ungleichheiten in Einkommen, Bildung, und Segregation der unterschiedl. Klassen einfliessen.

Creative Class ist ein sehr charmanter Begriff, der nicht nur klassisch kreative Tätigkeiten umfasst. Florida bezog die sog. Creative Class Professionals ein, “to include people in science and engineering, architecture and design, education, arts, music and entertainment whose economic function is to create new ideas, new technology, and new creative content” (2002, S. 8; genaue Definitionen 2017, S. 231) – so zählen auch Finanzwirtschaft, Rechtsdienstleistungen und Verwaltungsposten zur Creative Class letztlich also das, was man insgesamt als wissensbasierte Dienstleistungen zusammenfasst. Die Abgrenzung überschneidet sich weitgehend mit dem Neuen Mittelstand bei Andreas Reckwitz. Dieser “kreativen” Klasse stehen Working Class (die bluecollar old economy) und Service Class ( von der Pflege bis zur Sicherheit) gegenüber.

Was bleibt? Lenkte der Begriff Creative Class um die Jahrtausendwende den Blick auf sich neu konstituierende Cluster, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft einer Umgebung der Vielfalt, wirkt er heute in dem sehr weitgefassten Bedeutungsumfang nur noch arrogant, fast neofeudal: Was macht die eine Klasse zu einer kreativen, die andere zu einer dienenden?
In den englischsprachigen Reaktionen wird zum einen hervorgehoben, dass The New Urban Crisis die Probleme der großen Urbanisierung Amerikas mit überzeugenden Daten aufzeigt und dazu durchdachte Lösungen für die Herausforderungen und Chancen bietet – deutlich negativer ist die Resonanz in Großbritannien, dort wird es tituliert als Richard Florida is Sorry, und es geht bis hin zur offenen Beschimpfung in Kommentaren als Wanker (Wichser).
Letztlich geht es um die Frage, wer Gewinner ist in der digitalen Ökonomie, und wie ein guter Ort zum leben beschaffen sein soll. In der Kultur des fordistischen Zeitalters wurde Regelbeachtung verlangt, darüber hinaus wurde man in Ruhe gelassen. In der Kultur der digitalen Welt ist das, was früher nicht im Mainstream war in den Wertschöpfungsketten eingepreist.

Richard Florida: The New Urban Crisis. Gentrification, Housing Bubbles, Growing Inequality, and what we can do about it. (UK Edition) London 2017, 480 S. ISBN: 978-1-518-78607-212-2   320 S.  



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