New Work – Impulse (Next Work)

An Diskussion und Blogparade zu New Work (bzw. Next Work) war ich nur am Rande beteiligt. Auslöser der Debatte war zum einen der im März 2017 erschienene Titel New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt: Management-Impulse, Praxisbeispiele von Marc Wagner, Benedikt Hackl et al. Zum anderen sehr unterschiedliche Reaktionen auf die erste New Work Experience Konferenz im März 2017. Die Bemerkung elitärer Scheiss von Hendrik Epe zu dieser Konferenz machte die Runde und wurde zum Running Gag der Diskussion.
Das Buch richtet sich im wesentlichen aus betriebswirtschaftlicher Perspektive an Unternehmensverantwortliche und Berater (vgl. Rez. von Marcus Väth auf youtube). In diesem Rahmen ist New Work v.a. Organisationsentwicklung und damit auch ein Feld entsprechender Beratungsdienstleistungen.
Zwei auseinanderlaufende Vorstellungen und Positionen zum Thema werden schnell deutlich: auf der einen Seite geht es um den Transfer neuer Arbeitsstrukturen in Organisationen, auf der anderen Seite um eine Lebensreform, eingebunden in einen gesellschaftlichen Wandel – und im einzelnen auch oft um die Entwicklung ganz individueller Perspektiven.

New Work hat den Urtext Neue Arbeit, Neue Kultur von Frithjof Bergmann  (2004), der nicht als esoterische Utopie, sondern als praktische politische Idee verstanden werden will. Wesentlich ist zum einen die weitgehende Abkehr vom Job- System und die Hinführung zu dem was man „wirklich, wirklich machen will” – ebenso die Beachtung und Einbindung von Prinzipien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Die Freiräume, die technologischer Fortschritt mit sich bringt, sollen sozialem und ökologischem Fortschritt zu Gute kommen.  Die darauf bauende neue Wirtschaftsform ist das Fundament, auf dem sich ein neues System der Arbeit und letztendlich eine neue Lebensweise und Kultur herausbilden kann (vgl. Zusammenfassung von F. Bergmann). Das bedeutet eine gesellschaftliche und politische Wende der Arbeitswelt.

phikenThematische Bandbreite (S. 137) – Koordinate li: Reichweite (von oben nach unten: Gesellschaft, Unternehmen, Gruppe, Individuum)

Aus der Blogparade ist ein brettschwerer Materialienband hervorgegangen, erschienen als Competence Book Nr. 18. Die thematische Breite ist in der nebenstehenden Graphik dargestellt. Die Beiträge fallen in Rubriken wie Treiber des Wandels, Paradigmen, Vorgehen,  People/  Leadership,  Lösungsbausteine bis zu Success Stories, dazu unter Wissen kompakt eine Zusammenstellung  von Infographiken. Richtet sich im wesentlichen an die Branche HR/Human Resources.
New Work bedeutet, ein besseres Wirtschaften durch eine humanzentrierte Arbeit zu schaffen” (141), den Satz kann man als Absicht und Motto über den gesamten Band stellen. Thema sind Werte wie Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft und das Zusammenspiel von Person und System. Und immer wieder der kulturelle Wandel zu mehr Agilität, Flexibilität und Individualität innerhalb von Unternehmen.
Dazu gibt es im Band Beispiele und auch Impulse.  Letztlich geht es um die Rahmenbedingungen, das Potential von Mitarbeitern zur Entfaltung zu bringen. Das reicht von der Gestaltung von Arbeitsumgebungen, Zeitsouverainität, den Rückbau von Bürokratie, den Abwurf von disziplinarischem Ballast zu Anpassungen an oft bereits vollzogene gesellschaftliche Veränderungen,  zu Diversity.  Digitalisierung ist einer der Treiber, die Erwartungshaltung von Mitarbeitern (Verbindung von persönlichen Lebenszielen und Beruf) ein weiterer. Unternehmen der Wissens- und Kulturökonomie – Kreativwirtschaft, Beratungsbranche, Softwareentwicklung – stehen im Vordergrund.
Eine gesellschaftliche Agenda ist aber kaum damit verbunden. Der Begriff Gesellschaft 4.0 (19) kommt am Rande vor, bleibt aber eine diffuse Zielperspektive. Angesprochen werden gesellschaftliche und politische Dimensionen im Beitrag von Markus Väth (164): Ökologie, Soziale Gerechtigkeit, maßvoller Konsum, ein positives Menschenbild.
Spricht man von New Work kommt der Gedanke auf Old Work – das steht für Standardisierung als 9to5  Job, für Hierarchien und Disziplinargesellschaft,  – eine Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit all ihren Zwängen, aber auch Standards der Absicherung.

Betrachtet man die Beispiele aus der Perspektive der Singularisierungsthese von Andreas Reckwitz, dann ist New Work ein einprägsames Beispiel Singularisierter Arbeit (vgl. Reckwitz 181 ff).  Standardisierte Arbeit besteht weiterhin, mehr und meist besser bewertete Arbeit ist aber auf weitgehend singuläre Güter und Dienste ausgerichtet als auf standardisierte. Singularisierte Arbeit findet sich eben v.a. in der oben genannten Wissens- und Kulturökonomie. Singulär ist eine Arbeit dann, wenn ein Arbeitnehmer nicht austauschbar ist, und sich selbst auch so wahrnimmt (vgl Reckwitz 185). Eine spezifische Qualität wird erwartet, mehr als nur Lebensunterhalt und guter Verdienst. Anderswo stehen diesen Lovely  Jobs   Lousy Jobs gegenüber.

Das (alte) industrielle System beruht auf der Stelle/Funktionsrolle mit definierter formaler Qualifikation und meßbarer Leistung, das (neue) postindustrielle Arbeitssystem auf den Kriterien von Kompetenz/Potential, Profil und Performance. Die Logik des Besonderen überlagert die des Allgemeinen.

Letztlich bleiben die Diskussionen zu New Work uneinheitlich, und öfters wird der Begriff zum Buzzword. Mit weniger Anspruch auf Allgemeingültigkeit, bescheidener tritt der Begriff Next Work auf.

Marc Wagner, Joachim Rotzinger, Kai Anderson, Winfried Felser, Ralf Gräßler, Michael Kühner et al.  .: New Work – Impulse. Zwischen “Next Work” und Gesellschaft 4.0 – Treiber, Paradigmen, Lösungen und Vorgehen.  -Competence Book Nr. 18.  Köln,2017, 338 S.  –  Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S.



The New Urban Crisis (Rez.)

Wenige Titel seit der Jahrtausendwende hatten einen solchen Nachhall wie The Rise of the Creative Class (2002) von Richard Florida.  Wann immer von Kultur- oder Kreativwirtschaft, von Strukturwandel, Stadtentwicklung,  Standortpolitik und ihren weichen Faktoren, Diversity, aber auch von Gentrifizierung gesprochen wird, stehen bzw. standen Floridas Thesen im Hintergrund. Der “3T- Ansatz” Talent, technology and tolerance wurde zum festen Begriff im Wettbewerb der Standorte um innovative Menschen in der entstehenden Digitalwirtschaft.  Und es gab Indices: Gay Index und Bohemian Index sollten die Einflüsse meßbar machen. An der öffentlichen Wahrnehmung gemessen war und ist der Aufstieg der kreativen Klasse eine äusserst erfolgreiche und wirkungsmächtige Geschichte.

The New Urban Crisis erschien im Frühjahr 2017, nach Trumpwahl und Brexit. Fünfzehn Jahre nach 2002 ist deutlich, dass es Gewinner und Verlierer gibt, Reiche wurden reicher, und es gibt eine neue Krise des Urbanen. Die urbane Krise der 60er und 70er Jahre war die der De- Industrialisierung und der Abwanderung der Mittelklasse in die Vorstädte, die neue ist die der Ungleichheiten zwischen den sozialen Gruppen, festgemacht an den Kategorien creative, Service und working class. Die 50 wirtschaftsstärksten Ballungsräume generieren weltweit 40% des Wachstums, aber es leben dort nur 7%  aller Menschen. Die Clustering Force von konzentriertem Talent und ökonomischer Aktivität ist gleichzeitig Motor für städtisches Wachstum und Betreiber der Ungleichheit.

räumliche Segregation in der Bay Area/San Francisco (148) – (nach Klick wird die grössere Auflösung angezeigt)

Eine deutsche Übersetzung von The New Urban Crisis  ist nicht zu erwarten (auch The Rise of the Creative Class wurde nie übersetzt)- das Buch bezieht sich weitgehend auf die USA, eingeschränkt Kanada und Großbritannien. (Kontinental)- europäische und deutsche Städte kommen nur am Rande vor: Sie  weisen geringere Ungleichheiten und Segregation auf. Berlin kommt als urbanes Technologiezentrum, das sich gerade wegen seiner Bohème-Qualitäten bes. für Mikroentrepreneurs entwickelt, vor.  Es gibt jede Menge Tabellen und Karten nordamerikanischer (+London) Städte und Ballungsräume, die die räumliche Segregation illustrieren, es gibt viele Rankings u.a. nach einem New Urban Crisis Index, in den u.a. Ungleichheiten in Einkommen, Bildung, und Segregation der unterschiedl. Klassen einfliessen.

Creative Class ist ein sehr charmanter Begriff, der nicht nur klassisch kreative Tätigkeiten umfasst. Florida bezog die sog. Creative Class Professionals ein, “to include people in science and engineering, architecture and design, education, arts, music and entertainment whose economic function is to create new ideas, new technology, and new creative content” (2002, S. 8; genaue Definitionen 2017, S. 231)so zählen auch Finanzwirtschaft, Rechtsdienstleistungen und Verwaltungsposten zur Creative Class letztlich also das, was man insgesamt als wissensbasierte Dienstleistungen zusammenfasst. Die Abgrenzung überschneidet sich weitgehend mit dem Neuen Mittelstand bei Andreas Reckwitz. Dieser “kreativen” Klasse stehen Working Class (die bluecollar old economy) und Service Class ( von der Pflege bis zur Sicherheit) gegenüber.

Was bleibt? Lenkte der Begriff Creative Class um die Jahrtausendwende den Blick auf sich neu konstituierende Cluster, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft einer Umgebung der Vielfalt, wirkt er heute in dem sehr weitgefassten Bedeutungsumfang nur noch arrogant, fast neofeudal: Was macht die eine Klasse zu einer kreativen, die andere zu einer dienenden?
In den englischsprachigen Reaktionen wird zum einen hervorgehoben, dass The New Urban Crisis die Probleme der großen Urbanisierung Amerikas mit überzeugenden Daten aufzeigt und dazu durchdachte Lösungen für die Herausforderungen und Chancen bietet – deutlich negativer ist die Resonanz in Großbritannien, dort wird es tituliert als Richard Florida is Sorry, und es geht bis hin zur offenen Beschimpfung in Kommentaren als Wanker (Wichser).
Letztlich geht es um die Frage, wer Gewinner ist in der digitalen Ökonomie, und wie ein guter Ort zum leben beschaffen sein soll. In der Kultur des fordistischen Zeitalters wurde Regelbeachtung verlangt, darüber hinaus wurde man in Ruhe gelassen. In der Kultur der digitalen Welt ist das, was früher nicht im Mainstream war in den Wertschöpfungsketten eingepreist.

Richard Florida: The New Urban Crisis. Gentrification, Housing Bubbles, Growing Inequality, and what we can do about it. (UK Edition) London 2017, 480 S. ISBN: 978-1-518-78607-212-2   320 S.  



Die Gesellschaft der Singularitäten (Rez.)

Soziologische Monographien der letzten Jahrzehnte  erschienen bezeichnenderweise immer wieder unter Titeln, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge spätmoderner Gesellschaften aufrollen: Risiko-, Erlebnis-, Multioptions-, Abstiegs- gesellschaft, Resonanz als Weltbeziehung etc. – bei Andreas Reckwitz geht es nun um Singularitäten als solche. Mit einigen Abstrichen befassen sich alle diese Titel mit Erscheinungen des Übergangs von der klassischen  Industriegesellschaft zur Spätmoderne, bei Ulrich Beck (Risikogesellschaft) z. B. Erste und Zweite Moderne genanntReckwitz’  Thema ist die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Vorausgegangen war „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2013).

Kernthese des jetzt (10/2017) erschienenen Buches ist ein Bedeutungsverlust des Allgemeinen (d.h. auch des Konformen und Konventionellen) gegenüber dem Besonderen. An die Stelle normbildender Gleichheit, die sich vielfältig niedergeschlagen hatte, so “in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur(Die Zeit, 4.10.17), ist das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt, getreten. Träger ist die mit der Bildungsexpansion gewachsene akademisch gebildete Neue Mittelschicht mit dem Anspruch an ein gutes Leben. Kennzeichnend sind die Suche nach authentischen Erfahrungen in Beruf, Privatleben und Freizeit und einem ästhetischen und ethischen Anspruch an das eigene Leben.

Singularitätsmarkt CraftBeer

Singularisierung ist mit Kulturalisierung verbunden, d.h. Güter und Dienstleistungen werden mit Wert bedacht – valorisiert, erhalten eine narrativ- hermeneutische Dimension. Am augenfälligsten sind Singularisierungen in Lebensstil und Konsum. So beim Essen – ein Connaisseurtum wird nicht nur beim Wein gepflegt. Genuß- und andere Lebensmittel wie CraftBier, Kaffee, SchokoladeBeef, Ethnic Food etc. bieten Gelegenheit dazu. Bausteine eines singularistischen Lebensstils finden sich in den meisten Lebensbereichen: Wohnen, Reisen, Mode, in allen Sparten von Kultur und Sport, im gesellschaftlichen Engagement – und im Verhältnis zum eigenen Körper. Der Kulturbegriff ist längst so weitgefasst, dass er alle Formen von Hoch- und Popularkultur genauso umfasst, wie Alltagskulturen jeglicher Herkunft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Bogen reicht von Paläo- Diät  zu Industriekultur, Fußball- und Games- bis etwa zur Sneakerkultur, entscheidend ist der Anschluß an Narrationen. Handwerkliche Herstellung, Manufakturwaren erleben ein Revival. Im Kulturkapitalismus wird die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital (172).

Singularisierte Arbeit im Projektteam Bild: time. / photocase.de

In der postindustriellen (= spätmodernen) Gesellschaft transformiert sich die Arbeitswelt. In innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix. Dieser Arbeitsmarkt fordert ein möglichst einzigartiges Profil von Kompetenzen und Potentialen (182) – und deren Umsetzung in einer angemessenen Performance. Intrinsische Motivation wird erwartet. Der Mitarbeiter/Selbstunternehmer hat beständig an seiner Arbeitsmarktfähigkeit/Employability zu arbeiten. Markterfolg ist abhängig von seiner Performance mit einer in sich stimmigen Besonderheit – erstrebenswert ist eine gelungene Balance zwischen Konzentration und Lässigkeit im AuftrittHR Management kommt die Identifizierung und Förderung von Besonderheiten zu. Nebendem bestehen routinisierte und zunehmend automatisierte – profane –  Arbeiten weiter:  “Die Arbeit ist profan, wenn der Arbeitnehmer austauschbar ist (und sich selbst auch so wahrnimmt), und sie ist singulär, wenn das nicht der Fall ist” (185). Lovely Jobs und Lousy Jobs liegen oft nahe beieinander.

Von der industriellen Moderne zur Kreativ- und Wissensökonomie in der Spätmoderne

Inwieweit wird “Die Gesellschaft der Singularitäten” dem Anspruch als Zeitdiagnose gerecht? Die Erosion der industriellen Logik, Individualisierung, der Abschied von einer Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen, Konvergenzen von Neoliberalismus und Gegenkultur, die „Creative Economy“ sind seit einigen Dekaden Thema.
Reckwitz bezieht sich immer wieder auf letztere, erweitert als experience economy, als der treibenden Kraft der postindustriellen Wirtschaft. Neben der Kreativ- und Wissensökonomie (incl. der Digitalwirtschaft) im engeren Sinne fallen Sport, Tourismus, Entertainment, Gastronomie etc., auch Teile von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, Gesundheitswirtschaft, das Umfeld von Beratern, Start-Ups, Influencern, Solopreneuren aller Art, darunter – soweit sie der Logik der kulturellen Singularitätsgüter entsprechen: Authenzitätsanspruch, Erlebnisqualität, maßgeschneiderte Produkte und Problemlösungen. Kulturkapitalismus bzw. Kulturökonomisierung hat hier seinen Ursprung. Akteure und Unternehmen entstammen oft lokalen oder subkulturellen  Inkubationszentren.

Im Konzept der Singularitäten fügen sich ganz unterschiedliche Phänomene der Spätmoderne zusammen: in Lebensstil und Konsum, auf den Märkten und dem Arbeitsmarkt, in der Erziehung und im Wettbewerb. Auf der individuellen Ebene z.B., wenn die eigene Arbeit und die eigene Performance beständig valorisiert und abgeglichen werden. Konzepte wie New Work oder Storytelling erscheinen neu beleuchtet. Ein schöner Satz: Im Modus der Singularität wird das Leben nicht einfach gelebt, sondern kuratiert(9). Gesellschaftliche Prozesse, die seit einigen Jahrzehnten stattfinden,  verstärken und beschleuniogen sich sich mit der Digitalisierung (vgl. Kultur der Digitalität von F. Stalder).
Recknitz stellt die einzelnen Felder äußerst detailreich dar, manchmal erscheinen seine Ausführungen etwas überakzentuiert.  Ein Buch das Zeit braucht, immerhin knapp 500 Seiten.

Weniger folgen kann ich ihm dort, wo er von einer Neuen Klassengesellschaft spricht (FAZaS, 22.10.17), zumindest in der Form, in der die Neue Mittelklasse einer Alten Mittelklasse und einer Neuen Unterschicht gegenübersteht – und er dazu die (kleine) vermögende Oberschicht der Neuen Mittelklasse zuschlägt. Recknitz stuft den Anteil der Neuen Mittelklasse auf ca. 1/3 der Bevölkerung  ein –  in Anlehnung an vier der Sinus- Milieus. Kulturelle Bruchlinien sind wohl zu erkennen, doch sind Gemeinsamkeiten zunächst begrenzt: kulturelles Kapital, ein Ideal der Selbstverwirklichung, Zugang zu den öffentlichen Diskursen, eine mehr oder minder expressive Performance. Das Risiko der Prekarität, des Sich-Durchwurschtelns (Muddling through) trifft nicht nur eine Unterklasse. New Work schafft Macht in Unternehmen und Organisation nicht ab. Auch die Creative Economy ist zumindest entzaubert. Reale Machtunterschiede treten immer wieder hervor, so etwa aufg dem Immobilienmarkt.
Gelegentlich wird von einem Auseinanderfallen, gar einer Atomisierung der Gesellschaft gesprochen. Für die großen normsetzenden Organisationen und Milieus mag das gelten – und Reckwitz spricht beinahe nostalgisch vom Verschwinden der sozial angepassten Persönlichkeit (9), des klassischen Kleinen Mannes. Was sich verändert hat, ist die Figuration von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Charakteristisch sind z.B. interessenbestimmte Neogemeinschaften und sich immer wieder neu nach jeweils singulären Merkmalen zusammenfügende Teilöffentlichkeiten. Und wer danach fragt: Es wird auch weiterhin Raum für ein sozial angepasstes Leben geben.
Es hat den Anschein, dass die Forderungen der sog. Künstlerkritik, die sich gegen Entfremdung im fordistischen Kapitalismus richtete – Freiheit, Autonomie, Sinn, Authentizität und auch Spaß einforderte – zumindest partiell zu einem Leitbild wurden. Kein entfremdeter Konsum und keine entfremdete Arbeit, sondern kuratierter Konsum und kuratierte Arbeit. Demgegenüber steht die Sozialkritik, die Solidarität, Sicherheit und Gleichheit einfordert.
Merken sollte man sich einige Begriffe und Konzepte: die Valorisierung kultureller Praxis im weitesten Sinne. Valorisierung bedeutet zunächst eine Wertzumessung ästhetischer, ethischer oder körperlich erfahrbarer Art (Einbindung in eine Narration/Storytelling zählt dazu), schließt eine kommerzielle Verwertung aber nicht aus. Man kennt es aus der Markenbildung, von Stadtmarketing, Eventgastronomie etc.
Ebenso Serielle Singularitäten (135) – dieser Begriff kommt bei Reckwitz zwar nur am Rande vor, trifft aber die algorithmisch geschaffenen Singularitäten. Im Plural werden Singularitäten nicht zu Massengütern – sondern zu personalisierten seriellen Singularitäten.

Politische Planungs- und Steuerungsphantasien, wie sie noch die industrielle Moderne prägten, prallen an der Gesellschaft der Singularitäten ab (442), Politik wird immer öfter zur Moderation.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017    



Faire Mode

Faire Mode im Laden: Fairfitters

“Öko ist teuer! Fairtrade nur in Eine Welt Läden zu finden! Organic klingt nach heiler Welt …. An einem Tag im Sommer zeigten wir, dass öko, fair und organic auch richtig gut aussehen kann.” Ein Zitat aus Social Media, eingefangen im Frühjahr 2011 bei einer Studie zu Fairtrade. Faire Mode stand lange in dem Ruf, teuer und wenig modisch zu sein: bedruckte T-Shirts, Wollmützen, Pullis, möglichst wenig bearbeitete Naturfasern, ein Solidaritätsstil, mehr politisch korrekt als kleidsam. Das war.
Seit einigen Jahren hat sich eine Szene von Labels herausgebildet, die Nachhaltigkeit und urbanen Stil miteinander verbindet, mittlerweile auch in ziemlich unterschiedlichen Stilrichtungen.

Gibt es bei Lebensmitteln ein Ideal lokaler Produktion und Vermarktung, bis hin zur Direktvermarktung Erzeuger zum Kunden, ist die Produktions- und Vermarktungskette in der Textilwirtschaft länger: landwirtschaftlicher Anbau bzw. Erzeugung der Rohstoffe, die Verarbeitungsschritte bis zur Herstellung der Stoffe, dann erst das, was aus Textil Kleidung macht: Entwurf von Kollektionen und die eigentliche Produktion – zumeist in sog. Niedriglohnländern. Die grösste Wertschöpfung entsteht aber erst in der letzten Stufe – wenn aus Kleidung Mode bzw. Stil wird.
Zertifikate dienen der Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in der gesamten Lieferkette. Es gibt eine ganze Reihe von Zertifizierungen, manche beziehen sich auf jeweils ein Kriterium (fairtrade bzw. bio). Die weiteste Verbreitung hat der Global Organic Textile Standard (GOTS), der beide Kriterien miteinander verbindet. Siegel/Zertifikate garantieren dem Kunden die Einhaltung von Standards in der gesamten Produktionskette.

Baumwolle ist der wichtigste Rohstoff; Bild: *sternchen* / photocase.de

Baumwolle ist der bedeutendste Textilrohstoff. Bei keinem anderen landwirtschaftlichen Produkt ist der Pestizideinsatz höher, Gentechnik so verbreitet. Bio-Baumwolle macht nur einen sehr geringen Teil, ca. 2% der gesamten Produktion aus, die Nachfrage ist größer als das Angebot. Hauptlieferant ist Indien, dazu einige afrikanische und zentralasiatische Länder.
Auch Konzerne wie H&M und C&A bieten mittlerweile Produktlinien aus Bio-Baumwolle.  Mit den Preisen solcher Großanbieter können nachhaltige Labels nicht mithalten, aber durchaus mit denen der Marken, die ein etwa ähnliches Klientel bedienen. V.a. faire Mode für Männer orientiert sich an Streetstyle, Clubwear.

Vegane Mode ist ein eigenes Feld, das sich wohl oft mit fairer Mode überschneidet, so etwa das Label bleed clothing. Veganer lehnen nicht nur Pelz und Leder, sondern auch Wolle als Nutzung tierischer Produkte ab. Ein oft vorgebrachtes Argument gegen die Nutzung ist das Mulesing, was aber nicht gegen das Material Wolle an sich spricht, sondern eine Praxis, die bei fairer Mode ausgeschlossen ist.  Vegane Nachfrage treibt die Entwicklung innovativer Materialien an: aus Bambus, Kork, Recyclingmaterialien oder z. B. Piñatex, ein aus Ananasblättern hergestelltes Material mit ähnlichen Eigenschaften wie Leder.

vorwiegend Streetstyle

Faire Mode/Ecofashion rettet nicht gleich die Welt – aber sie verbessert die Lebensqualität von Menschen, ganz konkret von Kleinbauern und Textilarbeiterinnen. Die Katastrophe in Bangla Desh (2013) mit über 1000 Toten brachte Zustände in der Textilproduktion in das allgemeine Bewußtsein. Kosten für Produktion (niedrig) und Marketing (hoch) klaffen in der Modeindustrie oft weit auseinander. Man bedenke etwa, welche Summen Marken in Imagekampagnen  investieren. Faire Mode sieht sich hier als ein Gegenmodell des bewußten Konsums: „Buy good, buy less“.
Mode ist ein kulturelles Produkt. Qualität von Material und Verarbeitung sind wichtig, Mode lebt aber von der Inszenierung, von den mit ihr verbundenen Geschichten – einer narrativen Aufladung – Herkunft und Verarbeitung sind ein Teil davon, popkulturelle Bezüge ein anderer.  Generell ist Mode eines der großen Themen in Social Media, naheliegend bes. in den visuellen Formaten – Blogger/innen sind in den Werbeablauf einbezogen. Ecofashion ist daneben ein eigenständiges Feld mit einer spannenden Gründerszene, Plattformen und Blogs und der umfangreichen Kommunikation  einer engagierten Kundschaft – sehr geeignetes Feld einer Netnographie.

dem Text liegt u.a. ein Gespräch mit Philipp, Inhaber von Fairfitters im Kölner Belgischen Viertel zu Grunde.



Gesellschaft 4.0 ?- Networked Economy und Networked Sociality

Gesellschaft 4.0 ist ein etwas seltsamer Begriff, der sich einreiht in die Serie von 4.0 Begriffen (Arbeit, Technologie, Wirtschaft, PolitikGesundheit), die alle auf Industrie 4.0 zurückgehen. Industrie 4.0 verweist auf automatisierte Digitalisierung als vierter industrieller Revolution – nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Informatisierung. 4.0 steht für das von Ministerien, Unternehmen, Verbänden etc. getragene Zukunftsprojekt für eine vernetzte Produktion und Wirtschaft.
Fasst man es knapp, ist Industrie 4.0 eine Zielvorstellung bzw. Vision Digitaler Transformation. Zunächst geht es dabei um die Sicherung Deutschlands als führendem Produktionsstandort. Die Spitzenstellung v.a. in Anlagenbau und Produktionstechnik soll gesichert und ausgebaut werden. Intelligente und flexible Produktion – Smart Factories – soll die Potentiale automatisierter Fertigung und Logistik, das Internet der Dinge für individuell angepasste Produkte nutzen – Networked Economy.

Erwerbsarbeit bedarf einer neuen Definition Bildnachweis: kallejipp / photocase.de

Wenn die Produktion von Gütern, die Ausführung von Dienstleistungen und ihre Organisation sich grundsätzlich verändert, dann gilt das auch für die Arbeit und ihre Organisation. Automatisierung bedeutet den Wegfall von Arbeitsplätzen bei gleichzeitig erhöhter Wertschöpfung – das macht Arbeit 4.0 zu einer Verteilungsfrage. Das Verständnis von Erwerbsarbeit bedarf einer neuen Definition.
Das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat ein umfangreiches Weißbuch Arbeiten 4.0 dazu herausgegeben.
Ausführungen zu Gesellschaft 4.0 fallen in der 4.0 Debatte bisher dünn aus. Für sich allein genommen macht der Begriff wenig Sinn. Die Versionsnummer ist einer anderen Zählweise entlehnt, was wäre etwa Gesellschaft 2.0 gewesen? Die Ableitung von Industrie 4.0 bringt zudem den Beigeschmack mit, den Erfordernissen der produzierenden Wirtschaft nachgeordnet zu sein.
Gesellschaftliche Prozesse sind interdependent mit wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen verflochten, nicht nachfolgend als Gegenstand von Folgeeinschätzungen. Gesellschaften werden wesentlich über Aushandlungsprozesse zusammengehalten – über das, was schön ist oder als solches gilt, was recht ist, welches Maß an Ungleichheit akzeptiert wird, welches Verhalten, welcher Lebenswandel angemessen erscheint – letztlich dem, was eine Kultur, eine Zivilisation ausmacht.

Networked Sociality

„Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften, und die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert die Funktionsweise und die Ergebnisse von Prozessen der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur wesentlich“ – diesen Satz von Manuel Castells zur transformativen Kraft von Netzwerken aus „Die Netzwerkgesellschaft“ (2001, S. 527) kann man über fast alle Ausführungen zum Digitalem Wandel stellen.
Prinzipien wie Konnektivität (die Möglichkeit der Verbindung zwischen allen Beteiligten bzw. items in einem Netzwerk) finden sich in sozialen wie in technischen Zusammenhängen. Automatisierte Personalisierung (die Möglichkeit „maßgeschneiderter“ Anpassung), wie sie für Industrie 4.0 zentral ist, finden wir im Marketing, Gesellschaft der Massenmedien zu einer der personalisierter Medien und überall dort, wo Matchingergebnisse angestrebt werden.
Die Prinzipien von Organisiertheit haben sich verschoben: an die Stelle von Versäulungen, den traditionellen meist orts-, und oft konfessions-, gewerkschafts- oder parteigebundenen Organisationen treten individualisierte Vergemeinschaftungen – Networked Sociality. Das Bild der Granularen Gesellschaft von Christoph Kucklick kommt dem nahe. Ebenso passt das auf Norbert Elias zurückgehende Konzept der Figurationen zu den sich immer neu arrangierenden Konstellationen – bzw. Digitalen Figurationen.
Wenn es eine erstrebenswerte Vision einer “Gesellschaft 4.0” gibt, dann ist es die digital vernetzte Zivilgesellschaft – oder eben einer Digitalen Zivilisation.

 

 




D2030 – Szenarios der Transformation

Wenn es um Digitalen Wandel bzw. Digitale Transformation geht es immer auch um Aussagen zur Zukunft. Wohin treibt der Wandel? Wie transformieren sich Systeme? Digitale Innovationen haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Branche nach der anderen umgekrempelt, die öffentliche Kommunikation neu definiert, weiterhin treibt Digitalisierung Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft an. Immer deutlicher wirkt sie sich auf die großen Systeme, wie Arbeit, Bildung, Mobilität und Handel aus. Transformation bedeutet einen Prozess der Umgestaltung, der Ausrichtung nach einer neuen Logik.
“Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften, und die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert die Funktionsweise und die Ergebnisse von Prozessen der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur wesentlich” – so fasste Manuel Castells in “Die Netzwerkgesellschaft” (2001, S. 527) die transformative Kraft von Netzwerken zusammen. In “Kultur der Digitalität” nennt Felix Stalder die emanzipativen Bewegungen seit den 60er und 70er Jahren und die neoliberale Transformation des Kapitalismus seit den 80er Jahren als kulturelle Antriebskräfte gesellschaftlicher Transformationen. Prinzipien, wie Konnektivität, die Personalisierung von Angeboten und das Matching verbreiten sich.

Bei allem Verständnis von Trends und langfristigen Entwicklungen bleibt Zukunft nur sehr eingeschränkt vorhersehbar. Gewiß ist, das was tatsächlich geschehen wird, ungewiß bleibt.
Die Zukunftsinitiative D2030 befasst sich mit dem, was möglich ist: In einem offenen Prozess wurden Szenarios für mögliche Zukünfte Deutschlands bis zum Jahr 2030 entwickelt  und diese werden in einem Online-Dialog zur Diskussion gestellt.

Die Zukunftslandkarte D2030 (nach Klick in voller Auflösung)

Herausgekommen sind vier Grundszenarien mit so anschaulichen Bezeichnungen wie (1) Spurtreue Beschleunigung, (2) Neue Horizonte, (3) Bewußte Abkopplung und (4) Alte Grenzen. Die ersten beiden umfassen jeweils drei Subszenarien mit den ebenso sprechenden Namen Unaufhaltsamer Abstieg, Spaltung trotz wirtschaftlichem Erfolg, Wohlfühl- Wohlstand (zu 1) und Spielräume für die Zivilgesellschaft, Stärke durch Vielfalt und Renaissance der Politik (zu 2).
Zugrunde liegende Fragen und Recherchen erstrecken sich auf zahlreiche Einzelthemen und Einflußfaktoren. Kernfragen sind die zur Einstellung zu Veränderung und Bereitschaft zu globaler Zusammenarbeit sowie zu Nachhaltigkeit und bürgerschaftlichem Engagement (diese geben die Achsen auf der oben abgebildeten Zukunftslandkarte vor). Alle Szenarios werden auf die Perspektiven in zehn wesentlichen Feldern abgeklopft: Wirtschaft, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit, Digitale Transformation, Arbeitswelt und Soziale Sicherheit, Rolle von Politik und Zivilgesellschaft; Zuwanderung und Integration; Gesellschaftliche Werte und Konflikte; Energie, Mobilität und Wohnen; Umwelt und Nachhaltigkeit; Innere Sicherheit; Deutschlands Rolle in Europa und der Welt.
Grundsätzlich geht es bei D2030 darum, vernetztes und langfristiges Denken in sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungsprozessen zu verankern. Die Szenarios sollen nicht zeigen, was wird, sondern sie sollen als Denkwerkzeuge verdeutlichen, was möglich ist. Absicht ist, die Sichtweite in den folgenden Diskussionen zu erweitern. Am 6./7. Juli fand dazu in Berlin Deutschland weiterdenken – D2030 – Die Zukunftskonferenz statt, zur Bundestagswahl im September wird ein Memorandum erstellt.

Zukunft 2030 ist mehr als Digitaler Wandel (bzw. Transformation). Allerdings sind die Perspektiven sämtlich mit der Verbreitung der Vernetzungslogik verbunden. Es ist die Art und Weise, wie mit Problemlagen umgegangen wird. Das könnte zumindest zu den in den Szenarien vorgestellten sehr unterschiedlichen Entwicklungen führen. Die Perspektiven reichen von einer digitalen Zivilgesellschaft bis zur Tendenz zur Abschottung in Alten Grenzen – letzteres könnte man sich dann als einen musealisierten Themenpark Industrie vorstellen.

Der Ansatz geht weit über bestehende Begriffe, wie Industrie 4.0 und darauf folgend Arbeit/Bildung/Gesundheit 4.0 etc., hinaus. Dieser geht auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, zurück. Dabei steht Standortsicherung im Vordergrund.  (aktualisiert 14/07/17)



New Work und Flexibilisierung

flexibel und agil

New Work ist Buzzword geworden – als eigener Begriff und unter der etwas seltsam konstruierten, von Industrie 4.0 abgeleiteten Bezeichnung Arbeit 4.0. Letztere v.a. im Umfeld staatlicher Stellen (so das Weißbuch Arbeiten 4.0  des Ministeriums für Arbeit und Soziales).
Als Begriff geht New Work auf den deutsch-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück. In dessen Verständnis von Arbeit stehen drei Formen gleichrangig nebeneinander: die klassische Erwerbsarbeit, eine modernisierte Subsistenzwirtschaft (so High-Tech-Self-Providing) und die leidenschaftliche Arbeit, die man wirklich, wirklich tun will – in Übereinstimmung mit den eigenen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen.
Soweit ein Ansatz zur Lebensreform, der sich mehr an Menschen richtet, die für sich selber entscheiden, als an Entscheider, die dies für andere tun. Es geht um den Anspruch, die eigene Lebenswirklichkeit selber zu gestalten oder zumindest eine  persönliche Balance abzusichern. Die aktuelle Diskussion zu New Work findet hingegen im Kontext von Personalführung und Organisationsentwicklung statt – aus sehr unterschiedlichen Perspektiven: der von Unternehmen und Organisationen, der von Beratern, von staatlichen Stellen und den ganz individuellen Sichtweisen.
So ist New Work in der begrifflichen Verwendung sehr weitgespannt,  fast überdehnt. Wo eine Grenze bzw. ein Übergang zwischen Neuer und dementsprechend Alter Arbeit liegt, bleibt weitgehend unscharf. Bedeuten neue Kommunikationsmittel, etwas Hierarchieabbau, einige Anpassungen an technische Innovationen und gesellschaftliche Wandlungsprozesse gleich Neue Arbeit?  Erwerbsarbeit gilt als Gradmesser gesellschaftlicher Integration, Vollbeschäftigung als politischer Erfolg. Kulturelle Dominanz und Deutungshoheit in diesem Feld bedeuten reale Macht, vorherrschende kulturelle Standards haben normative Kraft.  All das trägt zur Attraktivität des Begriffs New Work bei.

Aufzeichnungen zur Arbeitswelt (World Café Transformation der Systeme)

Digitalisierung ermöglicht ganz andere Organisationsformen und ein mehr an Flexibilität als vordem jemals möglich war. Das ist das kollaborative Potential. Grundlage ist das Prinzip der Konnektivität, dass sich grundsätzlich jeder mit jedem verbinden kann, ergänzt durch das der Consozialität – der Verbindung über Gemeinsamkeiten. Das ergibt neue Möglichkeiten der Verknüpfung von Akteuren, Inhalten und Ideen – auch in ergebnisorientierter Kooperation: Arbeit.

Flexibilisierung (eine Form der Individualisierung) war und ist zum einen eine der wesentlichen Forderungen der neoliberalen Agenda seit den 80er Jahren – im betriebswirtschaftlichen Sinne. Abbau bürokratischer Hemmnisse, Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, generell aller wirtschaftlicher Aktivitäten und der Beschäftigungsverhältnisse im besonderen – und ebenso der Systeme der sozialen Absicherung.
Eine immer wiederkehrende These ist die, erst die sozialen Bewegungen der 60er bis 80er Jahre hätten die neoliberale Transformation des Kapitalismus seit den 80er Jahren ermöglicht. Beide Strömungen operierten mit dem attraktiven Begriff der persönlichen Freiheit, beide wandten sich gegen verkrustete Strukturen  hierarchisch-  bürokratischer Organisationen. Felix Stalder nennt in Kultur der Digitalität beide Strömungen als Treiber der gesellschaftlichen Transformationen (S. 32), die die Gegenwart der digitalen  Moderne prägen. In ihrem Ursprüngen liegen sie weit auseinander – ging es den Neuen Sozialen Bewegungen um Beteiligung, Zusammenleben und Persönlichkeitsentwicklung, ging es den Marktradikalen (“there is no such thing as society“, Thatcher) um die Freiheit des Marktes. Verbunden mit der Kritik am Wohlfahrtsstaat sollte jeder selber für sein Leben verantwortlich sein.
Pop- Autor Diedrich Diedrichsen spricht von der Lockerungsrevolte, in deren Folge Kreativität zu einer ökonomischen Ressource wurde. Kalifornischer Flower Power zählt zumindest zu dem Humus, auf dem die digitale Revolution gedieh.

Man denke an die Alternativbewegungen der 70er und 80er Jahre, in denen man anstrebte, Arbeit außerhalb des “Systems” zu organisieren. Die damals vorherrschende Unternehmenskulturen hielt hielt man oft für unerträglich. Zwanzig Jahre später scheute die Digitale Bohème nicht mehr dessen Nähe. “So arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen” wurde zum Leitspruch, der in der Breite nachwirkt.
New Work ist letztlich eine kulturelle Frage, in der Begriffsverwendung unscharf, aber attraktiv. Arbeit ist ein mehrschichtiger Begriff, Erwerbsarbeit bedeutet letztlich das, was andere (Kunden) bereit sind, für das, was wir tun (bzw. liefern), zu zahlen. Für Arbeitnehmer in privilegierten Situationen bedeutet es, individuell bestmögliche Bedingungen auszuhandeln. Und es ist ein vortreffliches Geschäftsfeld für Berater. Gesellschaftliche Wandlungsprozesse finden ohnehin statt – neue Arbeitsumgebungen entstehen immer wieder.

Dieser Beitrag ist Teil der von Winfried Felser initiierten Blogparade zu New Work – #newwork17

Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679;  283 S., 18 €; Wolf Lotter: Gute Arbeit. In: Brand Eins 03/2017 – Schwerpunkt Neue Arbeit. S. 32 – 40; Header: kallejipp / photocase.de;


Kultur der Digitalität (Rezension)

Fast drei Jahre Arbeit für mich, kaum ein Tag lesen für euch. Hoffentlich ein fairer Deal.” Ganz so schnell und flüssig, wie in seinem Blog angekündigt, liest und erschliesst sich Kultur der Digitalität, immerhin 283 Seiten, des Schweizer Medienwissenschaftlers Felix Stalder nicht. Das Buch erschien bereits im Mai 2016, so wurde schon einiges dazu gesagt und geschrieben – aus unterschiedlichen Perspektiven.
Kultur ist ein Begriff mit mehreren Bedeutungsebenen. Zum einen die kulturelle Produktion und Rezeption, die sich in Sparten gliedert, zum anderen eine Art Formatierung von Gesellschaft und Teilgesellschaften – in begrifflicher Konkurrenz zu Zivilisation. In den Cultural Studies gibt es die Formel “the whole way of life of a group of people”. Wir sprechen von Hochkultur, Volkskultur, Pop(ular)kultur, von Subkulturen und Unternehmenskulturen, von Esskultur, Nutzungskultur, Kulturwirtschaft  und manchmal auch digitaler Kultur. Mit letzterer sind mal Games und andere Sparten, deren Werkstoff Software ist, mal die Standards im Umgang mit digitalen Medien und Techniken gemeint.

Kultur der Digitalität meint die von einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur geprägte Lebens- und Arbeitswelt. Das Buch besteht aus drei Teilen: Der erste handelt von den Wegen in die Digitalität – den Voraussetzungen;  im zweiten  geht es um die Formen, erkennbare Eigenschaften die kulturelle Prozesse in der Digitalität annehmen; im dritten Teil um politische Perspektiven: Postdemokratie und Commons.
In einem Interview präzisiert Stalder seine Begrifflichkeit von Kultur als der Summe aller Aushandlungsprozesse geteilter Bedeutung: über das, was schön ist und was nicht, was erlaubt oder verboten, was wichtig und was unwichtig ist, etc. (16). Solche Prozesse finden in der gesamten Gesellschaft ebenso wie in Teilbereichen statt. Manche Themen sind abgeschlossen, andere offen bzw. umstritten. Kultur ist nichts Statisches, sondern ein Feld der Auseinandersetzung.
Digitalität ist das Muster, die Ordnung, die diese Prozesse angenommen haben. Keine einseitige Folge technischer Innovationen, die neuen Technologien trafen auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse (21), die in die vergangenen Jahrzehnte zurückreichen. Die Wurzeln reichen ebenso in die Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre, wie in neoliberale Ideen und Politik. Wenn auch mit unterschiedlichem Hintergrund operierten beide mit Begriffen der persönlichen Freiheit und gesellschaftlicher Flexibilisierung.
Waren diese Entwicklungen zunächst nur in Nischen spürbar, durchdringen sie nun die Gesellschaft als Ganzes.  Digitalität verweist auf die neuen Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung von Akteuren, Inhalten und Ideen, ein relationales Muster, das bestimmend wird (18). Expressivität, die Fähigkeit Eigenes zu kommunizieren (93), wird nun zu einer Kompetenz, die von allen erwartet wird, Filterung und Bedeutungszuweisung zu Alltagsanforderungen.

Digitalität

Drei kulturelle Formen der Digitalität sind zentral:
Referentialität meint die “Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion” – wir kennen es zum einen aus Remixes, Collagen, MashUps, Coverversionen, Inszenierungen wie Cosplay: Einzelne Elemente, oft aus dem Fundus der Popkultur werden mit neuer Bedeutungszuweisung zusammengeführt.
Im Netz werden fremderstellte Inhalte kuratiert bzw. in den eigenen Kontext eingebunden, das reicht von der anmoderierten Verlinkung bei Twitter zu kuratiertem Journalismus und Content. Pinterest sowieso. 
Gemeinschaftlichkeit Die großen Mechanismen der Vergesellschaftung verlieren an Einfluß – explizite normative Zwänge nehmen ab, implizite ökonomische zu. Die einst prägenden Organisationen lassen in ihrer Bindungskraft nach – so Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Vereine. Stalder orientiert sich am empirischen Konzept der Community of Practice: informeller, aber strukturierter Austausch, gerichtet auf neue Wissens- und Handlungsmöglichkeiten, reflexive Interpretation der eigenen Praxis (136).
Immer mehr Menschen können und müssen zwar selbstverantwortlich handeln, ohne jedoch auf die Bedingungen, die soziale Textur, unter denen dies geschehen muss, Einfluss nehmen zu können. Persönliche Positionierung im eigenen Netzwerk wird bedeutsam, die Frage “Wer ist in meinem Netzwerk und was ist meine Position darin?” (140) kommt auf. Im gelungenen Falle geht es um flexible Kooperation.
Algorithmizität Ohne auf Algorithmen beruhende automatisierte Verfahren wären die Möglichkeiten der digitalen Welt kaum nutzbar. Als automatisierte Personalisierung steuern Algorithmen Werbung, mit Zuordnungen und Sortierungen beeinflussen sie kulturelle Prozesse. Und ihre Bedeutung nimmt in immer komplexeren Vorgängen zu, z.B. in der Automobilität.
Der dritte Teil des Buches ist Ausblick mit den Kontrasten Postdemokratie und Commons. So folgt der Aufstieg der kommerziellen sozialen Massenmedien keinem technologischem Imperativ, sondern Folge einer spezifischen politisch-ökonomisch-technischen Konstellation (209).

Kultur der Digitalität ist ein weitgefasster Entwurf zur Entwicklung der digitalen Gesellschaft. Nicht im Sinne der technischen Durchsetzung – sondern dem ihrer Textur, der grundlegenden Strukturierung. Es gibt einen großen Bogen von der beginnenden Transformation bis hin zur Postdigitalität. Themen wie die Wissensökonomie, Erosion der Heteronormativität, Postkolonialismus werden behandelt. Manches entspricht dem, was anderswo als  Prozesse der  Individualisierung und Informalisierung beschrieben wird. Das Werk von Manuel Castells (Die Netzwerkgesellschaft) und das Modell des Neuen Sozialen Betriebssystems  stehen im Hintergrund.

Das grundlegende Thema bleibt die Verhandlung von sozialer Bedeutung in kulturellen Prozessen. Kultur der Digitalität lässt sich auch in Anlehnung an Norbert Elias als ein Prozess der Digitalisierung verstehen. Der Satz “Das Feld der Kultur ist von konkurrierenden Machtansprüchen und Machtdispositiven durchzogen” (17) erinnert zumindest an das Konzept der Machtbalance.
Ausgangspunkt des Buches ist MacLuhans These vom Ende der Gutenberg-Galaxis, vom Ende des Buches als Leitmedium. Es zeugt von dessen Langlebigkeit, wenn auch solche Texte als Buch (und E-Book) erscheinen. Edition Suhrkamp kann als Referenz zu den sozial- und geisteswissenschaftlichen Autoren gelten, die in den vergangenen Jahrzehnten darüber Verbreitung fanden. Was man vermisst ist ein Literaturverzeichnis. Quellen und Zitate sind zwar mit Fussnoten gut dokumentiert, ohne ist das Querlesen  aber mühsam.

Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679;  283 S., 18 €