Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen (Rez.)

Ohne die Ideologie der Tech-Oligarchen lässt sich der Epochenbruch nicht begreifen, den Trump II bedeutet.

Jannis Brühl, Digitalexperte der Süddeutschen Zeitung, hat mit Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen, eine Analyse vorgelegt, die die Machtübernahme Trump II als eine Revolution von Tech-Oligarchen versteht. Eine Revolution libertärer Milliardäre, mit dem unbedingten Willen zu  unreguliertem  Fortschritt. Mit Trumps zweitem Wahlsieg machten sie  sich  auf, den Moment zu nutzen und die Welt nach ihren Vorstellungen umzubauen (7) – die Zukunft in Beschlag zu nehmen.

Die ikonischen Bilder des Schulterschlusses von Populisten der Make-America-Great-Again-Bewegung und den digitalen Oligarchen aus BigTech setzten einen Einschnitt in die Zeitgeschichte. Mit einem Jahr Abstand zeigen sich Auswirkungen des Einschnitts auf vielen Ebenen  konkreter.
Ein politisches Bündnis mit viel Erklärungsbedarf  – auch in diesem  Blog ein seitdem wiederkehrendes Thema (vgl. Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem, Cyberlibertarianism) –  zu deutlich erscheinen auf den ersten Blick die Widersprüche zwischen den beiden Parteien.
Brühl übernimmt das Bild der Zwei Stämme innerhalb der Allianz. Das Bild stammt von J.D. Vance, der sich selber als Teil beider Stämme sieht, als ein Verbindungsglied. Der eine Stamm sind die Populisten von MAGA, der zweite Stamm sind die Tech-Futuristen rund um die digitalen Oligarchen. Um die  letzteren geht es in diesem Buch.

Disruption als Geschäftsmodell – und politisches Programm

Die Machtübernahme ist vielfach gedeutet worden: als Staatsstreich bzw. Autogolpe, dem Selbstputsch eines legal gewählten Präsidenten. Brühl deutet sie als Disruption – den Bruch des bestehenden Systems durch ein neues Geschäftsmodell. Ein Modell aus der StartUp Ökonomie, angewandt auf ein politisches System.
Disruption ist ein zentrales Buzzword der digitalen Ökonomie – ohne den Bruch mit dem Bestehenden keine Innovation. Echte Neuerung könne nur entstehen, wenn man die Regeln des bestehenden Systems ignoriert oder bricht. Innovation wird nicht mehr als Evolution (stetige Verbesserung), sondern als Revolution (Zerstörung des Alten) definiert. Wer nicht disruptiert, innoviert nicht wirklich – er verwaltet nur.
Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt (23). Auf ihr beruht die Legitimation der Disruptoren – jener kreativen Unternehmer, die den Fortschritt nicht nur antreiben, sondern beanspruchen, ihn zu verwirklichen.

Gerne wird Disruption mit dem Konzept der kreativen Zerstörung von Joseph Schumpeter in Verbindung gebracht. Innovation, die alte Ordnungen zerstört, um wirtschaftlichen Fortschritt anzutreiben.
Tatsächlich geht das Konzept der disruptiven Innovation, wie es heute genutzt wird, auf den Ökonomen Clayton Christensen zurück. Er beschrieb 1997 in The Innovators Dilemma, wie kleine Firmen etablierte Riesen stürzen, indem sie den Markt von unten mit billigeren, simpleren Lösungen aufrollen. Ein klassisches Beispiel von Disruption ist z.B. die Verdrängung der analogen durch die digitale Photographie – eine neue Technik verdrängt eine ältere. V.a. aber auch die Disruption von Strukturen durch digitale Techniken, wie etwa Amazon den Einzelhandel veränderte oder auch Social Media die mediale Öffentlichkeit.
Die Berufung auf Schumpeter ist allerdings nachträgliche Legitimation, keine intellektuelle Genealogie.

Die ideologischen Unternehmer und ihrWerkzeug

Es sind nur wenige Namen, die Brühl hervorhebt: Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Alex Karp (Palantir), Sam Altman und Marc Andreessen. Hinzu kommen David Sacks, Berater von Trump, Palmer Luckey, CEO des Rüstungs- StartUp Anduril, Brian Armstrong (Coinbase) und der neoreaktionäre Theoretiker Curtis Yarvin.
Mehrere von ihnen, Thiel, Musk, Sacks, sind durch die sogenannte PayPal Mafia verbunden, jenes Gründer-Netzwerk, das sich seit den frühen 2000ern gegenseitig finanziert, verstärkt und ideologisch bestätigt. Palmer Luckey (Oculus, virtuelle Realität) vertritt eine jüngere Generation, die dasselbe Muster fortsetzt. Sie produzieren Ideologie, nicht nur Marktdominanz, und prägen zunehmend öffentliche Debatten.

Warum diese Namen – und nicht Jeff Bezos, nicht die CEOs von Google, Microsoft oder Apple?
Google, Apple, Microsoft operieren nach klassischer Marktlogik: Gewinnmaximierung, Quartalsberichte, Shareholder Value. Sie wollen ökonomisch in ihren Geschäftsfeldern dominieren, nicht die Welt nach ihren Vorstellungen umbauen. Ihre Macht ist hegemonial, aber sie beanspruchen keine politische und keine historische Mission.
Die Grenzen verschwimmen allerdings: Microsoft investiert massiv in OpenAI und profitiert von dessen AGI-Narrativ, ohne es selbst zu produzieren. Meta entwickelte seine Ideologie nachträglich, als Legitimation bereits erreichter Dominanz – die inzwischen aber die Unternehmensstrategie prägt.  Bezos‘ Ambitionen gehen ins Imperiale und  – wie Musk – ins All, aber er agiert als klassischer Monopolist, nicht als ideologischer Unternehmer.

Brühl nennt sie Futuristen, wie jene italienische Künstlerbewegung, die Mussolinis Faschismus zuneigte. In Trump finden sie den politischen Disruptor, a kind of idiot messiah, einen Mann, der die Details nicht versteht, aber genau deshalb ihre Ziele verwirklichen könnte, unbeeinflusst von liberalen, vor allem woken Bedenken (H. Farrell, s.u.). Trump disruptiert, weil er sich an keine anderen  Regeln hält, als die der Macht.  Nicht an die des guten Geschmacks,  nicht an die der Diplomatie. Dinge zu tun, weil man sie tun kann gilt für beide Seiten.

Machtkonzentration und nachträgliche Legitimation

Die Oligarchen ergänzen Trump, mehr noch: Sie haben tatsächlich das erreicht, was Trump von sich selbst nur behauptet, nämlich wirklich erfolgreiche Unternehmer zu sein, die die digitale Gegenwart gestaltet haben (9).
Ihr Überlegenheitsgefühl speist sich aus einer historisch einzigartigen Machtkonzentration. Den Kartellen von BigTech ist es gelungen, globale Innovationsgewinne der digitalen Moderne in wenige Hände zu kanalisieren. Es ist eine digitale Landnahme, bei der öffentliche Räume in privatisierte Social-Media-Machtzentren transformiert wurden.
Dass sie diese Erfolge ganz allein in der Privatwirtschaft errungen hätten, ist allerdings ein Mythos, den das Silicon Valley gerne pflegt (66). Tatsächlich haben Tech-Unternehmen seit jeher von massiven staatlichen Anschüben profitiert; ihre eigene Leistung ist oft geringer, als ihr titanisches Selbstbild vermuten lässt.

Vom Cyberlibertarismus zur Herrschaftsideologie

Ideologisch wurde das Silicon Valley erst spät aktiv. Cyberlibertarismus hat dort zwar tiefe Wurzeln, bedrohlich für die Demokratie wird er aber erst dann,  wenn die neue digitale Ordnung mächtiger wird als die bisherige Ordnung, an deren Stelle sie tritt. Peter Thiel markierte 2008 mit The Education of a Libertarian einen Wendepunkt, als er unternehmerische Freiheit und Demokratie für unvereinbar erklärte. Mit Uber begann 2009 eine aggressive Expansion gegen lokale Regulierungen. Bis heute hat sie sich zu  einer globalen politischen Vision ausgeweitet.
Der Kauf und der Umbau von Twitter/ X durch Elon Musk ist symptomatisch. Tech-Konzerne positionieren sich heute aktiv gegen öffentliche Regulierungen – egal, ob diese demokratisch ausgehandelt und legitimiert sind.  Disruption ist nicht mehr nur eine Strategie, um Märkte aufzubrechen. Es ist ein unverhohlene Machtanspruch.

Akzelerationismus: Die Ideologie der Beschleunigung

Wie radikal diese neue Stufe des Machtanspruchs ist, zeigt ein Zitat von Alexander Karp, aus einem Investor Call vom Mai 2025, das aktuell (Februar 2026) wied erdie Runde macht: Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world and when it’s necessary to scare our enemies and on occasion kill them  (vgl.: npr.org 05/2025).
Oligarchen sehen sich als Sachwalter eines Fortschritts, den sie selbst definieren. Wer definiert, was Fortschritt ist, erhebt Anspruch auf Gestaltung der Zukunft. Mit ihrer monopolisierten ökonomischen Kraft schicken sie sich  nun an, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu bauen (14).

Digitale Oligarchen/ BigTech/ Silicon Valley – wie man sie auch nennt, wurden mit ihrer monopolisierten ökonomischen Macht zu einer politischen Kraft. Sie betreiben aktiv öffentliche Ideologiearbeit und beanspruchen kulturelle Deutungshoheit als Sachwalter des Fortschritts. Wer definiert, was Fortschritt ist, kontrolliert die Zukunft selbst.

Kaum ein Dokument fasst diese Ideologie so klar zusammen wie Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto (Oktober 2023). Der Text ist das vielleicht prägnanteste Beispiel für jenes Denken, das als Akzelerationismus bezeichnet wird: Es soll keine Grenzen mehr geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Alles, was die technologische Entwicklung bremst, ist bei Andreessen nicht nur ein Hindernis, sondern böse, weil es den (durch Technik erreichbaren) Wohlstand der Menschheit verhindert. Andreessen listet u.a. Feinde des Fortschritts auf, darunter Begriffe wie Social Responsibility, Sustainability (Nachhaltigkeit), Precautionary Principle (Vorsorgeprinzip) und sogar Ethics.  Die Konsequenz: Wer KI regulieren wolle, verbaue den Weg in die Zukunft. Den Gang der Geschichte dürfe man nicht aufhalten.

Akzelerationismus begreift den Kapitalismus als unaufhaltsamen, durch Technologie getriebenen Beschleunigungsprozess, der auf eine posthumane Zukunft zielt. Die Strömung ist keine neue Erfindung, sondern ein Upgrade des Cyberlibertarismus, der Tech noch als Raum jenseits staatlicher Souveränität verstand.
Was neu ist, ist die Funktion: Aus einer subkulturellen Selbstermächtigung wurde eine Herrschaftsideologie. Akzelerationismus rechtfertigt nicht mehr nur die Freiheit von Regulierung, sondern den Führungsanspruch einer oligarchischen Elite – als historische Notwendigkeit, der sich die Demokratie unterzuordnen hat.

AGI als ultimative Rechtfertigung

Eine ultimative Legitimation liefert ein Konzept, das bisher nicht existiert, aber als unvermeidlich inszeniert wird: Artificial General Intelligence (AGI), die Superintelligenz.  Sie spielt eine eigene Rolle in den Erzählungen der großen KI-Firmen – bei OpenAI geradezu als mythologische, zugleich dystopische Verheissung. Wahlweise Erlösung (die Lösung zentraler Menschheitsprobleme) oder Apokalypse (existenzielle Bedrohung). Beide Narrative erzeugen denselben Effekt: Entwicklung erscheint dringlich, Regulierung darf sie nicht ausbremsen und Kontrolle konzentriert sich bei den Akteuren, die AGI vorantreiben. Die Erzählung wirkt, bevor die Technologie existiert.

Resumé  und was wir tun können

Mit dem Abstand eines Jahres liefert Jannis Brühl eine kompakte und detaillierte Analyse des zweiten Stammes der Trump-Allianz – der Tech-Oligarchen, ihrer Ideologie und ihrer Ambitionen. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, dass es nicht um technologischen Fortschritt geht, sondern um einen systematischen Angriff auf demokratische Institutionen.

Gegen die digitale Landnahme und die Vereinnahmung von Zukunft  hilft nur eines: aufhören, die Monopolisierung digitalen Fortschritts durch  Oligarchen als unvermeidliche Naturgewalten zu akzeptieren, und beginnen, die Infrastrukturen unserer Zukunft wieder selbst zu gestalten – statt sie nur zu abonnieren.

Die Zukunft ist offen und nicht das Eigentum einer kleinen Clique.

 

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026  – vgl.  Jannis BrühlDer Seitenwechsel – wie die Oligarchen rechts wurden  SZ 21.02.25. *Henry Farrell: When tech CEOs are like grumpy ducklings 19.07.2025. Simon Lewis, Humeyra Pamuk and Gram Slattery: Exclusive: US plans online portal to bypass content bans in Europe and elsewhere . 18.0.2026.  Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era.  npr.org  3.05.2025
Im Blog: Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem; Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology



Vibe Shift und Resilienz … zur Bloggerkonferenz am 19. 12.

Die Hoffnung gibt sich nicht auf – eigenes Bild

Zum Jahresende treffen Call-for-Papers ein. Das Motto der re:publica 2026 setzt vorab  den Ton: Never gonna give you up. Es geht um Resilienz – Nicht aufgeben, Haltung zeigen und Räume zurückgewinnen, die verbinden.
Bis Mitte Januar bleibt noch Zeit einen Vorschlag einzureichen.

Bis zur Bloggerkonferenz sind es dagegen nur wenige Tage. Tech- Journalist Thomas Riedel lädt zum zweiten Mal ein. War es im letzten Jahr noch eine Bestandsaufnahme – Was ist die Zukunft des Bloggens und hat Bloggen eine Zukunftklingt es in diesem Jahr substantiell: Thema Hoffnung.

Mir fällt als erstes die Büchse der Pandora ein, aus der zuletzt die Hoffnung entweicht, nachdem sich die Plagen auf der Welt verbreitet hatten. Eine bescheidene Tugend, die Leid ertragen lässt, oft religiös verbrämt. Dort tritt sie im Trio auf: Glaube, Hoffnung, Liebe. Als Kind hatte ich es so gelernt – zusammen mit der Religion, die später vom Leben überlagert wurde.
Hoffnung ist wohl nicht die passende Haltung, eine passive Konnotation ist zu stark. Die Ereignisse des Jahres 2025  zeigen an, dass wir uns in einer historischen Phase von Umschichtungen befinden, in der Machtpositionen und Gewalt wieder verstärkt das Weltgeschehen bestimmen. 

  • Die Einschätzungen sind keine isolierten Erscheinungen. In seinem kürzlich erschienenen Buch Liebe!  Ein Aufruf ruft der Schriftsteller Daniel Schreiber zum aktiven Widerstand gegen eine Kultur des Hasses auf. Deren Rhetorik hat den politischen Diskurs gekapert. Unser Zusammenleben ist wieder von mehr Gewalt geprägt. Der rechte Rand hat es vollbracht, aus einem Wort zum guten Menschen – woke – ein Schimpfwort zu machen. Wie kann es gelingen, zu einer politischen Haltung zu finden, die dem sich ausbreitenden Klima des Hasses etwas entgegenzusetzen vermag?
    Der Soundtrack der Zeit hat sich verändert. Wir stehen in einer  grundlegenden Transformationsperiode, die mit neuartigen Verteilungskämpfen und beträchtlichem Wohlstandsverlust einhergeht.

Resilienz, Hoffnung, Liebe – das ist keine Flausch-Rhethorik zur Weihnachtszeit.  Eher eine Antwort auf das, was sich im vergangenen politischen Jahr so massiv verschärft hat. Ein kultureller Backlash hat politische und technologische Macht errungen. Ein Machtsystem wächst zusammen, das sich genau gegen das wendet, was in den letzten Jahrzehnten als gesellschaftlicher Fortschritt galt.

Vibe Shift – wieder ein neues Buzzword.  Ursprünglich waren subtile kulturelle Verschiebungen in Mode, Musik oder Lebensstil gemeint. Etwas, was Trends altern und neue aufkommen lässt.
Der Historiker Niall Ferguson – ein Trump-Unterstützer – deutete den Begriff um: Er meint damit den Richtungswechsel des Silicon Valley nach rechts. Tech-Eliten verbünden sich mit autoritärem Populismus. Machtzentren verschieben sich. Das Bewusstsein, nicht nur ein technologisches und ökonomisches, sondern auch politisches und kulturelles Machtzentrum zu sein, begünstigt eine imperiale Logik. Liberale Demokratie wird ausgehöhlt.

Diese Themen und die Diskussionen dazu haben das ganze Jahr 2025 bestimmt   – und sich auch in diesem Blog niedergeschlagen. Bevor ich sie nochmals zusammenfasse, verweise ich auf drei Texte:   
Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem
 beschreibt, wie autoritärer Populismus und Tech-Oligarchie zusammenfinden.
Cyberlibertarianism
analysiert die ideologischen Wurzeln der Tech-Rechten – eine Ideologie, in der techno-utopische und marktradikale Ideen zu einer Fundamental-Opposition gegen jede gesellschaftliche Regulierung des Internet verwachsen.
Das politische Jahr 2025
blickt anhand prägender Bilder auf das gesamte Jahr zurück. 

In Deutschland (und Europa) gibt es keine einheimische Tech-Oligarchie. Der Rechtstrend der AfD ist nicht tech-libertär, sondern  völkisch-national.
Der Vibe Shift zeigt sich in einem Retro-Industrialismus, zu beobachten in Teilen der Union und in Wirtschaftsverbänden. Ein kultureller Rückwärtsgang, statt Zukunftsgewandtheit werden Ressentiments gegen Veränderung kultiviert, gegen die zweifache Transformation (auch twin transformation) – die gleichzeitige digitale und nachhaltige Erneuerung.

Macht man diesen Shift in Bildern fest, zeigt er sich etwa im Jubel des EVP-Vorsitzenden Manfred Weber, als er im Brüsseler Europaparlament mit seiner Fraktion das Aus vom Verbrenner-Aus  durchsetzte. Oder in der persönlichen Aggressivität, die Robert Habeck bei der Blockade der Fähre während der Bauernproteste vor einem Jahr entgegenschlug. Es war der Moment, in dem eine Mehrheit der Protestierenden den Übergriff von Rechtsradikalen duldete.

Ob uns das Buzzword Vibe Shift erhalten bleibt, ist zweitrangig. Erkennbar wird eine Verlagerung von Machtzentren, verbunden mit einer Erosion traditioneller Organisationen. Auch wenn das deutsche Parteiensystem im europäischen Vergleich noch stabil wirken mag – die Gewissheiten erodieren.

Welche Perspektiven birgt das Bloggen in dieser Gemengelage? Was an Hoffnung? Was an Widerstand gegen eine Kultur des Hasses? Was an demokratischer Resilienz?

Blogs sind Autoren-Medien, Owned Media ihre Stärke liegt darin, eigene Narrative zu setzen. Sie sind Inseln in einem algoritmisch gesteuerten Meer, Personenmarken inmitten von Slop, dem KI-generierten Müll,   alternativen Fakten und algorithmisch verstärkter Polarisierung.  Blogs verteidigen die Hoheit über unsere eigenen Geschichten.

Die erste Blüte der Blogs vor nun 20 Jahren fiel in die Zeit nach dem Scheitern des heute oft vergessenen Internet der Portale. Das Web 2.0. öffnete ein Freiheitsfenster und verstand sich basisdemokratisch.  Auch  die Re Publica hatte 2007 als  Bloggerkonferenz begonnen und wuchs in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Medienkonferenzen heran.

Blogger erwarben oft ein Vorsprungwissen darüber,  wie dieses Internet sozial und kulturell funktionierte. Sie entwickelten Kompetenz in neuen Feldern, die sich vermarkten liessen.  Online-Reputation,  Life-Streaming, Community-Management, Netnographie oder auch Spatial Realities sind solche Beispiele.

Es folgte die Begeisterung für Social Media – insbesondere Twitter. Doch die Plattformen sind nicht mehr neue Möglichkeiten, sondern faktische Monopole.

Gute Texte machen Arbeit. Und genau diese Arbeit, das Ringen und Entwickeln von Gedanken, statt das Generieren von Wahrscheinlichkeiten ist die dringend gebrauchte Resilienz.

Ein paar Fragen schliessen sich an:

Sind Blogs heute noch Orte öffentlicher Gegenmacht – oder faktisch Nischen für Gleichgesinnte?
Stellen wir Öffentlichkeit her – oder sind wir bloß Content-Zulieferer für Plattformlogiken?
Was ist unser realistischer Anspruch und wie setzen wir ihn um? z.B. Gewinn von Kooperationspartnern und Auftragebern?  Das Setzen von Narrativen? Brauchen wir Vernetzung bzw. findet sie überhaupt statt?



Macht Radfahren glücklich?

manchmal fühlt sich Radfahren an wie Fliegen … (eigenes Bild)

Wenn das Gehen die ursprünglichste Fortbewegung ist – dann bedeutet das Radfahren die ergiebigste Erweiterung des Bewegungsspielraums mit demselben Einsatz von Muskelkraft. Radfahren ist vieles: Mobilität, Sport und Training, aber auch Straßenverkehr, Konsum, eine Branche, im besten Falle ein Flow im runden Tritt.
Lange galt Radfahren als Nische, etwas für diejenigen, die sich kein Auto leisten konnten, zu jung oder zu alt dafür waren.  Ansonsten etwas für Freizeit und Naherholung, sportlich oder gemütlich, Rennmaschine oder bequemes Tourenrad – als Verkehrsmittel aber nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon gar nicht für den Eindruck beim professionellen Auftritt.

Die Zeiten haben sich geändert. Offensichtlich wurde das Fahrrad aufgewertet, in der Nutzung, wie im Status.  Als Standard von Mobilität gilt  immer noch das Auto, wenn auch verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gerade in Deutschland war das Auto mit Verbrennungsmotor identitätsstiftend – und ist es wohl immer noch. Made in Germany steht  für eine Kultur des Funktionierens, Beleg für Ingenieurskunst und war jahrzehntelang Exportschlager.

Das Auto und insbes. der Verbrenner ist eingebettet in Infrastrukturen und Nutzungskontexte, die über Jahrzehnte gewachsen sind und in die genauso lange  investiert wurde: Autobahnen und der Umbau von Städten, die Netze von Tankstellen und Werkstätten, das Dienstwagenprivileg und die Pendlerpauschale. Die richtige Marke ist immer noch als Statussymbol die Nummer Eins auf dem Firmenparkplatz.
Autofahren ist heute reglementierter als jemals zuvor. Kein Wunder, von den 60er bis in die 90er Jahre hatte sich der Bestand vervielfacht (von 4,5 Mill 1960 bis 30,7 Mill. 1990 in der alten BRD, seitdem nur leicht steigend), damit auch die beanspruchte Verkehrsfläche.
Der emotionale (Singularitäts-) Wert von Modellen hat nachgelassen. Die Designs sind gleichförmiger, bestimmt von Sicherheitsauflagen und Effizienzoptimierung.  Die Zeiten, als das Auto für Freiheit stand – on the road, Roadmovies, die Geschichten, die darin und damit erlebt wurden – sind vorbei.
Der Raum- und Ressourcenbedarf des Autoverkehrs, die schiere Masse der Automobile ist zum Problem geworden. 

In Großstädten fühlte sich Radfahren lange Zeit wie zwischen Guerilla und Graswurzel an: an die Ränder gedrängt, vom dominierenden System mehr als Störung denn als Alternative gesehen.
Als ernstzunehmende Form von Mobilität wurde bzw. wird das Fahrrad erst mit den Diskussionen zur Mobilitätswende entdeckt – als Bestandteil von Konzepten, die Formen von E- Mobilität, ÖPNV, etc. miteinander integrieren. Das Fahrrad verursacht keine gravierenden Umwelt- und Klimaschäden, braucht wenig Platz, dient der Gesundheit, kostet relativ wenig, für die Fahrer*innen wie für die Bereitstellung der Infrastruktur. Im engeren Radius von bis zu 10 km die oft schnellste Verbindung.
Radfahren ist nicht länger eine Nische, sondern ein wesentliches Element urbaner Erneuerung. Kein Konzept zur urbanen Erneuerung kommt mittlerweile ohne das Fahrrad aus. Es geht um eine Umverteilung des urbanen Raumes. Allerdings gibt es auch erhebliche Widerstände dagegen.

Christian Stegbauer, Soziologe in Frankfurt, hat  ein Buch zur Soziologie des Radfahrens  geschrieben: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel,  mit einem Vorwort von Roland Girtler, dem Doyen der deutschsprachigen Ethnographie.
Der Untertitel Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone spricht an, was das Fahrrad für seine Nutzer sein kann, steht für die ethnographische Ausrichtung des Buches, das die Dimensionen von Nutzung und Wirkung soziologisch ausleuchtet.
Soziologie aus dem Sattel enthält fast alles, was sich zum Radfahren und den zugehörigen Erlebnissen sagen lässt, es liest sich gut, die Inhalte sind stimmig aufgebaut. Ich wollte eine Rezension schreiben, aber es wäre eine Inhaltsangabe geworden. Stattdessen habe ich einzelne Gedanken aufgegriffen und mit eigenen Eindrücken und Überlegungen verbunden. 

Es beginnt mit der Kernkompetenz des Radfahrens, sich selbst auszubalancieren, ohne dabei umzufallen. Eine körperliche Erfahrung, die Basis ist für ein individuelles Fahrgefühl  und den beschriebenen Flow, den runden Tritt. 
Auf den Verkehr zu achten gilt für alle, die daran teilnehmen, für Autofahrer,  Radfahrer wie Fussgänger.  Sie sind aber Gefahren in unterschiedlicher Weise ausgesetzt – Autofahrer sitzen in einer geschützten Kapsel, viele Risiken werden durch Karosserie,  Airbags und Assistenzsysteme abgefedert.
Radfahrer sind Gefahren unmittelbarer ausgesetzt. Wahrscheinliche Fehler anderer Verkehrsteilnehmer müssen frühzeitig erkannt werden, jede Fehlwahrnehmung hat direkte körperliche Folgen. Geübte Radfahrer entwickeln einen Sinn dafür, das Verhalten anderer vorauszusehen. 

Zwischen Auto und Fahrrad gibt es keine Augenhöhe, Masse und Geschwindigkeit liegen zu weit auseinander. So prallen oft zwei Logiken aufeinander.  Der motorisierte Verkehr folgt möglichst klaren, formalen Regeln, Radfahrer orientieren sich dagegen oft situativ. Das bringt den Ruf ein, opportunistisch zu handeln – wie es gerade passt. Dem liegt die Maxime des  Selbstschutzes zu Grunde. Dem Ideal eines gegenseitigen Mitdenkens auf Augenhöhe steht die physische Realität entgegen, in der die Verwundbarkeit des einen auf die Masse des anderen trifft.

Radfahrer teilen Erfahrungen als Verkehrsteilnehmer, aber sie sind keine homogene Gruppe. Wer heute Radfahrer ist, kann morgen Autofahrer sein, Fussgänger sowieso.
Vergemeinschaftungen bilden sich am ehesten  in den sportlichen Varianten, Stegbauer nennt sie Mikrokulturen, anderswo werden sie als Tribes beschrieben. Es geht um geteilte Begeisterung und Leidenschaft, die mit  zeitlichem und finanziellem Einsatz und mit sportlichem Ehrgeiz verbunden sind.
Auffällig verbreitet sind fast schon klischeehafte Bilder und Konsummuster, die mit dem Fahrrad verbunden sind. Neben sportlichem Ehrgeiz steht das Rennrad oft für einen Hip Consumerism. Das Trio Rennrad, Siebträgermaschine und aufgeklapptes MacBook steht geradezu iconisch für einen Konsum- und Lebensstil, der Agilität und Kreativität für sich beansprucht.
Lastenräder stehen für eine neue Form von Familiarität – ein Gegenmodell zum SUV.  Es ist ein Statement, denn hier übernimmt das Rad Funktionen, die es vorher nicht hatte.
E- Bikes gibt es in vielen Varianten, von dezenter Erweiterung bis zu wuchtigen Modellen, die eher als Kleinkrafträder anzusehen sind. Fährt man auf touristisch attraktiven Radstrecken in Deutschland, sind die E-Bike Rentner  kein Klischee. Bevorzugt werden die wuchtigen Modelle, komplett mit Helm und Sicherheitsweste.

Was von den Eindrücken ist allgemeingültig, was eher persönlich?  Gelernt habe ich das Radfahren als Fünfjähriger auf einem alten Damenrad, wo der Sattel zu hoch war, um darauf sitzen zu können. Ohne viele Vorübungen, schneller als ich das Schwimmen lernte oder das Klettern in den Kirschbaum. Ein eigenes Rad kam erst später, als der Schulweg weiter wurde.
Das Fahrrad war immer selbstverständlich in der Gegend nördlich des Ruhrgebietes, zwischen Münsterland und Niederrhein; eine überraschend weiträumige Landschaft, durchzogen von Pättkes (befahrbare Feld- und Wirtschaftswege).
Selber habe ich nie wirklich zur Autogesellschaft gehört. Bis auf einen alten VW- Käfer, eine 2 – monatige USA- Durchquerung und etliche Umzugswagen war ich selten aktiv dabei. Langstrecken mit viel Landschaft habe ich genossen, so wie selbsterlebte Road Movies.

Die besten und die schlechtesten Erfahrungen? Nichts geht über Abfahrten 😉  die Belohnung nach der Anstrengung, grandios die vom Engadin in der    Schweiz herunter zum Comer See, vom alpinen ins mediterrane,  1.500 m herunter in einem Stück. Mit kurzer Anreise aber auch vom Hohen Venn herunter oder im Westerwald. Landschaftserfahrung mit dem Rad ist intensiver, sicher anstrengender – es kommt aber auf die Distanzen an.  
Negativ: der Dooring- Unfall auf dem Heimweg. Nicht vom parkenden Auto, sondern vom Taxi, das den Fahrgast in der zweiten Reihe aussteigen liess. Gebremst in der letzten Sekunde, Aufprall mit dem Knie auf der Strasse,  statt in die geöffnete Tür,  Kreuzbandriss. Ohne das Bremsen in letzter Sekunde wäre ich mit  Kopf und Oberkörper in die Tür gestürzt, mit anderen Verletzungen. Der Fahrgast ist übrigens über mich hinweg gestiegen.

Macht Radfahren denn nun glücklich? Ein entspannter Straßenverkehr würde schon einmal helfen. Radfahren lässt Endorphine wirken, frische Luft und Bewegung sind immer gut 😉 Aber es geht um mehr als persönliches Wohlbefinden. Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Rad- und Autofahrern, sondern zwischen der Verkehrslogik der vergangenen Dekaden  und den neuen Mobilitätsformen. Die laufende Diskussion zum Verbrenner-Aus macht deutlich, wie weitreichend der Wandel ist. Das Fahrrad hat Grenzen in der Reichweite, es ist nicht die Lösung, sondern ein relativ einfach umzusetzender Teil davon. 

Christian Stegbauer: Radfahren – eine Soziologie aus dem Sattel. Das Fahrrad als Haustier, Gesetzesbrecher und Lebensstilikone.2025 . Ulrich Syberg, Melissa Gomez & Saskia Ellenbeck: Der Hidden Champion – oder wie der Radverkehr vom Nischenthema zum Problemlöser wird. In: Mobilität der Zukunft. Intermodale Verkehrskonzepte. 2021



Das politische Jahr 2025 und seine Bilder

Wie kommt man dazu, einen Jahresrückblick zu schreiben,  wenn gerade erst die Blätter gefallen sind?

Der Capo und die Oligarchen: America’s tech leaders can’t stop praising Donald Trump 

Das politische Jahr 2025 begann mit der 2. Trump-Wahl am 5. Nov. 2024, gleich am nächsten Abend liess die FDP die Ampel platzen.
Zwei Einschnitte an einem Tag, die seitdem mit der Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts verbunden sind.

Der Machtwechsel in den USA brachte einen Bruch in der Substanz und im Stil: Angriffe auf Institutionen, autoritäre Machtdemonstrationen, einen Abbau demokratischer Konventionen und Spielregeln,   Provokationen  gegen Verbündete.
In Lateinamerika nennt man es Autogolpe/Selbstputsch, wenn ein legal gewählter Politiker schrittweise die demokratischen Institutionen untergräbt.
Ein gewählter Amtsträger nutzt legale/semi-legale Mittel, um demokratische Checks and Balances auszuhebeln. Die Erosion demokratischer Institutionen erfolgt von innen.
Die USA haben ein anderes Gewicht.  Ihr Status als Weltmacht gründet sich – neben wirtschaftlicher und militärischer Dominanz – auf das kulturelle Modell einer liberalen Demokratie. Ihr Imperialismus war, bei aller Kritik daran, darin eingebunden. Auch der Aufbau der digitalen Kultur wurzelte in einem utopisch-emanzipatorischen Selbstverständnis.
Eine entscheidende Rolle im Richtungswechsel spielt Cyberlibertarismus,  eine Ideologie, in der techno-utopische mit marktradikalen Ideen zu einer Fundamental- Opposition gegen jede Form gesellschaftlicher Regulierung des Internet verwuchsen (vgl. Text).
Aus einem sendungsbewussten Selbstverständnis der City upon the Hill wird ein Imperialismus ohne zivilisatorische Mission.  Peter Thiel, einer der einflussreichsten BigTech Oligarchen, konstatierte:  Most importantly, I no longer believe that freedom and democracy are compatible.

Im Frühjahr hatte ich in einer ausführlichen Analyse die gegenseitige Überlagerung von  Rechtspopulismus und digitalem Kapitalismus, zwischen Maga und BigTech als ein Mash-Up bzw. eine Verklumpung dargestellt. Eine Analyse, die auch zum Jahresende weitgehend zutrifft.
Das Bündnis besteht über Einzelpersonen hinaus. Elon Musk nahm zu Beginn eine zentrale Stellung ein.  Der Konflikt zwischen Trump und Musk war absehbar, beide verkörpern narzisstische Machtansprüche, die gegeneinander kollidieren.

Flood the world with Shit -Der Präsident im Königskostüm nimmt den Slogan wörtlich

Die Einschnitte zeigen sich drastisch in Bildern, die um die Welt gingen. Entscheidend waren die von Trumps Inauguration, die eine Bündelung politischer, wirtschaftlicher und medialer Macht vor Augen führten. Tech-Oligarchen huldigten dem Präsidenten, als wären sie Höflinge eines neuen Königtums.
Ähnliche Bilder gab es nochmals Anfang September bei einem Dinner mit den versammelten Tech CEOs (s. Bild oben). Alle waren erschienen, auch Bill Gates, Tim Cook von Apple und Sam Altman von Open AI, denen man nicht unbedingt eine Nähe zum Trumpismus nachsagt. Ein skurriles Szenario: Die versammelten CEOs, die den mächtigsten Konzernen der Geschichte vorstehen, werden von Trump – der wie ein Capo der Mafia auftritt – herumdirigiert. Und sie können nicht aufhören, ihn zu preisen. So sieht ein Machtsystem aus (Link zum Video).
Dazu passt Trumps pompöse Stilwelt mit Gold und Marmor, die an Autokraten wie Putin und Erdogan erinnert.

Würdelos zeigte sich Trump in seiner Reaktion auf Proteste gegen ihn. Der Präsident der westlichen Führungsmacht generiert ein KI-Video, auf dem er mit Königskrone auf dem Kopf einen Jet steuert und sein Volk mit Exkrementen beschiesst! Der Slogan Flood the zone with shit wird wörtlich genommen. Ein markantes Beispiel von Dezivilisierung.
Es sind solche Bilder, die sich eingeprägt haben. Trump, der als scheidender Präsident den Sturm auf das Kapitol – das Monument der US-amerikanischen Demokratie – anfeuerte, wurde mit tatsächlicher Mehrheit zu ihrem obersten Repräsentanten gewählt.

Herrenrunde mit Portionsfläschchen und Konferenzgebäck

Ganz anders sind die Bilder aus Deutschland, denen jede pompöse Inszenierung fehlt – sieht man etwa vom Video-Auftritt  Elon Musks beim AfD- Parteitag ab.
Gerade in seiner piefigen Schlichtheit erregte ein Bild aus der Führungsriege der Union Aufsehen. Sechs Männer, keine Frau, an einem Konferenztisch, wie er tausendfach in Büroetagen steht. Portionsfläschchen, Konferenzgebäck, Mappen. Ein Selbstverständnis, das gar nicht inszeniert werden muss.
CDU und CSU haben diese Bundesrepublik geprägt – 52 Jahre Regierungszeit, Unterbrechungen gelten als Ausnahme. Ohne jeden Zweifel sehen sie sich als legitime Inhaber der Macht. So schlicht das Bild wirkt, führt dieser Politikwechsel zu einer Agenda, die v.a. das rückgängig machen will, was nicht in ihre Kontinuität passt. Man kann es  Gegenreformation oder Restauration nennen.
Träger dieser Politik ist in erster Linie der rechte Flügel der Union, eingezwängt zwischen einer erstarkenden AfD und  einem noch vorhandenen liberalen Flügel. Von der SPD ist kaum etwas zu bemerken. Betrachtet man die Lage genauer, erscheint das deutsche Parteiensystem instabiler denn je. 

Eine autoritäre Wende gibt es nicht, aber immer wieder Schwenks zu rechtspopulistischen  Positionen. Die verbalen Aggressionen richten sich gegen die Grünen und die mit ihnen verbundenen Programmpunkte, so sehr, dass Zusammenarbeit mit ihnen schwer vorstellbar wird. Simple Themen wie Gendern und vegane Produkte werden ideologisch aufgebauscht. Konzepte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tech-Ethik werden nicht explizit zu feindlicher Ideologie erklärt, aber grundsätzlich angegriffen.  Einfluss und Lobbyarbeit der fossilen Energiewirtschaft sind deutlich spürbar. Das Gesellschaftsverständnis ist eher das einer Standortgemeinschaft.
Auf europäischer Ebene kam es zu ersten Zusammenarbeiten mit Rechtsradikalen. 

Bildquelle: Sumaid pal Singh Unsplash+

KI ist 2025 weiterhin das dominierende Thema – wenn nicht noch mehr als in den Jahren 2023 und 2024.  Die spekulativen Phasen des Hype sind  allerdings vorüber. Die Diskussionen wurden konkreter. KI ist weniger Projektion als eine vielfach präsente und genutzte Technologie. An Chatbots in der Kundenkommunikation, Coding mit KI, Anwendungen im Gesundheitswesen, in  Bildung, Verkehr und Verwaltung hat man sich gewöhnt.
Verbreitet gibt es eine pragmatische Einstellung, eine abwägende Zustimmung. Die meisten Nutzer haben Erfahrungen gemacht, wann KI nützlich ist und ihre Möglichkeiten ausprobiert.  Die Perspektiven auf KI sind differenzierter geworden: breite Nutzung, mehr Anwendungen, aber auch scharfe Kritik.
Social Media haben das Konzept Öffentlichkeit verändert – von einer medial synchronisierten Realität zu parallelen Realitätsblasen. KI verändert wie wir Wissen produzieren und darauf zugreifen, – mit noch nicht absehbaren Folgen.

.Generative KI ist ein Konzentrat des öffentlich zugänglichen Internets – hauptsächlich text-basiert, überwiegend englischsprachig, westlich dominiert. Sie funktioniert durch Mustererkennung und die Rekombination trainierter Daten. KI steht heute für eine neue Stufe von Intermediarität – eine Vermittlungsinstanz zwischen den Teilnehmern der digitalen Informationssphäre. Ein qualitativ neuer Datenrohstoff entsteht: das Aggregat aus allem digital Verfügbaren. Texte, Bilder, Code verschmelzen zu einem statistischen Magma, aus dem KI neu synthetisiertes Wissen generiert – ohne Rückbezug auf Quellen, nur Rekombination von Mustern. Nicht nur sinnvolle Inhalte, sondern auch massenhaft produzierter Slop/ Müll

KI-Systeme haben sich das Wissen der Welt einverleibt

Grundsätzliche Kritik gibt es v. a. auf zwei Ebenen. Zum einen die Aneignung von Kultur und Wissen. Kreative Kulturproduzenten sprechen vom größten Diebstahl der Menschheitsgeschichte – und gemessen am Datenvolumen ist das nicht übertrieben. Generative KI hat sich das Wissen der Welt einverleibt: Texte, Bilder, Musik, Code – alles wird zu Trainingsdaten. Ohne zu fragen, ohne zu zahlen, ohne Urheber zu nennen. Aus diesem angeeigneten Material generieren LLMs neue Werke, die mit den Originalen konkurrieren. Illustratoren, Texter, Programmierer sehen ihre Arbeit entwertet. Im weiteren die Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Generative KI ist nicht neutral. Sie kann leicht von autoritären und faschistoiden Bewegungen vereinnahmt werden – und wird es bereits.

KI hat einen Börsen-Hype erzeugt, aber es wurde noch kein profitables Geschäftsmodell aufgebaut. Big-Tech-Konzerne haben in zwei Jahren über 500 Milliarden Dollar investiert, die Einnahmen liegen bei 35 Milliarden. Die Blase kann platzen – die Infrastruktur bleibt – aber in wessen Händen?

Seit November 2024 hat sich das politische Klima massiv nach rechts verschoben, global, in den USA, in Europa, in Deutschland. Trump folgt dem Muster illiberaler Autokraten wie Orbán oder Erdoğan. Demokratische Institutionen bestehen formal weiter, werden aber gezielt entkernt. Die USA haben aber stärkere institutionelle Schutzmechanismen,  Föderalismus, eine Rechtskultur, eine lebendige Zivilgesellschaft, entscheidend ist deren tatsächliche Widerstandsfähigkeit
Tech-Unternehmen verfolgen einen Imperialismus ohne Staat – eine  extraterritoriale Macht durch digitale Infrastruktur. Ihre Allianz mit autoritären politischen Kräften ist nicht zufällig, sie folgt gemeinsamen Interessen.
Die tatsächliche Widerstandsfähigkeit hängt von fragilen Faktoren ab: politischer Kultur, der Bereitschaft der Zivilgesellschaft zum Widerstand, der Unabhängigkeit der Justiz – und dem Willen, diese zu verteidigen.

vgl. die Blogbeiträge zu Cyberlibertarismus, Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem , KI und Neuer Faschismus  und KI und der Wert von Kulturarbeit. — Nach Klick werden alle Bilder in voller Grösse auf einer neuen Seite angezeigt  



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