
Vorweg muss ich zugeben, dass ich The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud von Cecilia Rikap zunächst als Fortsetzung und Aktualisierung der Kritik am Plattform- und Überwachungskapitalismus gelesen habe, der sich nun um die Dimension des Cloud-Computing erweitert hat.
Im Grunde richtet sich diese Kritik gegen die Aneignung des digitalen Fortschritts durch eine Handvoll Konzerne – gegen die Enteignung eines gesellschaftlichen Versprechens, das der digitaler Fortschritt lange Zeit war und für viele bis heute ist.
Vieles passt auch in diese Reihung: Rikap bezieht sich auf Shoshana Zuboffs Überwachungskapitalismus und auf Platform Capitalism von Nick Srnicek. Trumps Amtseinführung, umgeben von den Oligarchen aus Big Tech, steht als Schlüsselereignis vorn in der Einführung und wenige Zeilen später steht der Satz: This book reveals how and why these companies have grown to dominate Western capitalism in close alliance with the US government (2).
Big Tech ist aber nicht nur ein Label für Plattformen und Social Media. Plattformen sind nur eine von vielen Ebenen der digitalen Wertschöpfungsketten und Netzwerke. Sie sind allerdings die Ebene, die das Verhältnis zwischen Großkonzernen und Individuen bestimmt: erlebt werden sie als Consumer-to-Consumer (C2C) Beziehung, bleiben aber in die Regeln und die Datenextraktion der B2C-Plattformen eingebettet.
Die mediale Dominanz von Plattformunternehmen (vgl. M. Andree: Big Tech muss weg, 2023) und die Abschöpfung von Verhaltensdaten (s. Zuboff) wurden in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert – und diese Diskussion bestimmt bislang das Bild von Big Tech. Hinzu kommt die physische Infrastruktur incl. der Beschaffung natürlicher Ressourcen wie Wasser, Strom und Seltene Erden (vgl. dazu Kate Crawford: Atlas of AI), die den Betrieb dieser Systeme erst ermöglichen.
Digitale Wertschöpfungsketten beruhen heute auf einer kollektiven, hochgradig arbeitsteiligen Wissensproduktion, zusammengehalten von der Rechenleistung und dem Speicherplatz der Cloud – ohne diese Infrastruktur würden sie nicht funktionieren. Genau hier sind in den letzten fünfzehn Jahren neue Monopole entstanden, die in der bisherigen Big-Tech-Diskussion weniger beachtet wurden – um die damit verbundene Machtstellung geht es Cecilia Rikap in The Rulers. Die mediale Macht der Social Media Betreiber bleibt draussen (auch wenn Microsoft mit LinkedIn dazu gehört).

Cloud Computing wird von wenigen Hyperscalern dominiert: Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud.
Hyperscaler sind Anbieter extrem skalierbarer Cloud-Infrastruktur. Diese Skalierbarkeit macht sie zur technischen Grundlage des KI-Booms und zum Zentrum globaler Wissensproduktion.
Rikap konzentriert sich in ihren Analysen auf diese Infrastrukturmacht, die aus dem Quasi-Monopol in der Cloud resultiert. Ihre Kernthese: Amazon, Microsoft und Google seien als die Hegemonen der Cloud keine klassischen Monopolisten mehr, sondern Herrscher über ein Wissens- und IP-Regime (IP: Intellectual Property) – sie kontrollieren Daten, Algorithmen, Recheninfrastruktur und damit die Bedingungen, unter denen Wissen erzeugt, organisiert und genutzt wird.
Their power is rooted in their control over global knowledge production, both within and beyond the tech sector. Big Tech controls the very technologies that determine knowledge and ignorance (5).
Meta, Apple, Nvidia bleiben demgegenüber zweitrangig: Sie verfügen zwar über eigene Rechenkapazitäten oder – wie Nvidia – über eine Schlüsselposition im Chip-Design, vermieten diese Infrastruktur aber nicht in vergleichbarem Umfang an Dritte. Sie sind selbst Nutzer und Abhängige, nicht Vermieter fremder Abhängigkeit.
Das Bild der Cloud-Giganten als blosse digital landlords – digitaler Vermieter, die IT-Infrastruktur auf Abruf bereitstellen, verharmlost ihre strukturelle Macht. Es geht um eine Form der Kontrolle, die weit darüber hinausgeht. Control beyond ownership ist ein Prinzip, das sich in vielen Bereichen der Wirtschaft verbreitet hat, in Franchise-Modellen wie auf digital market places (Amazon) und in den App Stores von Apple und Android. Hyperscaler wenden es auf die Wissensproduktion selber an.
Cloud-Infrastrukturen sind keine statischen Mieträume, sondern bestehen aus Millionen hochkomplexer, ineinander verschachtelter einzelner Software-Bausteine und Algorithmen – demselben Fundament auf dem auch aktuelle KI-Modelle trainiert und betrieben werden.
Diese Algorithmen lernen kontinuierlich aus lokalem Wissen und ermöglichen so die Steuerung weiter gesellschaftlicher Bereiche, ohne dabei von lokalen Besonderheiten zu abstrahieren. Das Ergebnis ist eine Flut von Kennzahlen und Prognosen (185).
Abgesichert werden diese digitalen Wissensmonopole durch das Zusammenspiel von geistigen Eigentumsrechten und strikter Geheimhaltung: Die fortschrittlichsten Algorithmen und die gesammelten Datenmengen bleiben unter Verschluss, während sich der technologische Wandel gerade dadurch beschleunigt – KI-Algorithmen verbessern sich, je mehr Daten sie verarbeiten.
Die bestehende Ordnung des geistigen Eigentums (IP-Regime) – Patente, Urheberrechte, Markenschutz – wird von den Cloud- und KI-Giganten nicht mehr nur passiv genutzt, sondern systematisch umgebaut, um Wissensmonopole abzusichern. Engmaschige Dickichte von Patenten (patent thickets) sowie das gezielte Ausnutzen von Regulierungslücken und Asymmetrien zwischen nationalen Rechtsordnungen, dazu technisch gezielt eingebaute Wechselbarrieren (stickiness), die einen Anbieterwechsel erschweren, verschaffen ihnen dauerhafte Vorteile.
Die Hegemonie der Cloud Giganten ist flächendeckend – um in der digitalen Ökonomie wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Unternehmen, ob Tech-Konzern Mittelstand oder Start-Up, auf deren Infrastruktur zu den gesetzten Bedingungen angewiesen.
Das theoretische Fundament von The Rulers verbindet zwei Begriffslinien: Intellectual Monopoly Capitalism bezeichnet eine aktuelle Entwicklungsstufe des Kapitalismus, in der die größte wirtschaftliche Macht und Profitquelle nicht mehr primär aus der Produktion materieller Güter stammt, sondern aus der privaten Aneignung und Kontrolle von Wissen, Daten und immateriellen Vermögenswerten. Ursprünglich geht das Konzept auf den italienischen Ökonomen Ugo Pagano zurück; Rikap hat es in ihrem vorhergehenden Buch Capitalism, Power and Innovation: Intellectual Monopoly Capitalism Uncovered (2021) entscheidend weiterentwickelt.
Die zweite Begriffslinie stammt von Cédric Durand, der bereits 2017 in Fictitious Capital zeigte, wie Finanzkapital sich künftige, noch gar nicht produzierte Werte aneignet – futures appropriation. In einem gemeinsam mit Cecilia Rikap verfassten Aufsatz (2021, s.u.) übertrug er diese Logik auf die digitale Ökonomie: Der Begriff Knowledge Appropriation beschreibt den Mechanismus, wie sich Tech-Konzerne Wissen einverleiben, das eigentlich außerhalb ihres eigenen Eigentumsbereichs erzeugt wurde.
Was ich eingangs als Aneignung des digitalen Fortschritts bezeichnet habe, liesse sich in dieser Begriffsfamilie folgerichtig als “progress appropriation” fassen – dieselbe Logik, nur auf das gesellschaftliche Versprechen selbst angewandt, das digitaler Fortschritt einmal war – und im Grunde auch noch ist.
Hyperscaler eignen sich dieses dezentrales Wissen an und errichten darauf Monopole. Damit wird ausgehebelt, was Schumpeter als den Motor der Marktdynamik beschrieb: Aus der potenziell radikalen schöpferischen Zerstörung durch neue Herausforderer wird ein Dauerzustand verfestigter Wissensherrschaft. Die Dominanz der Hyperscaler erreicht einen Punkt, an dem selbst andere mächtige Akteure von ihren monopolisierten Technologien abhängig sind. Rikap nennt sie Knowledge predators Wissensräuber, deren anhaltende Monopolisierung immaterieller Güter die Verbreitung von Innovation bremst und die meisten verbliebenen Unternehmen in Abhängigkeit hält (vgl. 106).
Ohne die enge Bindung an Microsofts Azure-Infrastruktur hätte es den durchschlagenden Start von ChatGPT vor dreieinhalb Jahren in dieser Form kaum gegeben – ein frühes Beispiel für die Verschränkung von KI und Cloud Computing, die erst mit der Lockerung der Exklusivität 2026 wieder aufgebrochen wurde. Bezeichnend dabei: Während OpenAI selbst bis heute keine profitable Geschäftsgrundlage gefunden hat, verdient Microsoft als Hoster in jedem Fall mit – ob KI sich am Ende rentiert oder nicht.
The Rulers ist kein rein theoretisches Werk, es stützt sich auf eine breite empirische Basis. Rikap führte insgesamt 112 Interviews mit Wissenschaftlern, Entwicklern, Ingenieure, Technikern, Führungskräfte und leitenden Angestellten in der Entwicklung oder Anwendung fortschrittlicher digitaler Technologien bei 55 multinationalen Konzernen, darunter auch US-amerikanische und chinesische Big-Tech-Unternehmen.
Cecilia Rikap ist Ökonomin, stammt aus Argentinien und lehrt am University College London, am dortigen Institute for Innovation and Public Purpose (IIPP) – einem der einflussreichsten wirtschaftspolitischen Thinktanks und Forschungsinstitute im Bereich Innovationsökonomie und öffentliche Wertschöpfung, geleitet von Mariana Mazzucato.
Rikap ist nicht nur Diagnostikerin, sondern hat konkrete politische Positionen. Sie plädiert aktiv für eine öffentliche Cloud-Infrastruktur, als Gegenmodell zur Abhängigkeit von den drei Hyperscalern – und hat in genau dieser Frage sowohl Brasilien als auch die EU beraten.
Fast zeitgleich mit The Rulers erschien mit Gil Durans The Nerd Reich ein weiteres Buch zum Machtüberhang von Big Tech.
Duran versteht sich als investigativer Journalist und trägt relevante Quellen und Hintergründe zu den tech-autoritären Bewegungen von ihren Anfängen bis zum Bündnis mit der MAGA-Bewegung zusammen. Er setzt damit eine Diskussion fort, die vor allem seit Trumps zweiter Amtsübernahme geführt wird: dass demokratiefeindliche Strömungen im Silicon Valley die Demokratie systematisch untergraben und eine autoritäre, technokratische Herrschaftsordnung anstreben (vgl. dazu die Rezension zu Jannis Brühl: Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen).
Sein Buch habe ich (noch) nicht gelesen – mein bisheriger Eindruck stammt aus seinem wöchentlich erscheinenden Newsletter.
Duran bezieht klassische Faschismus-Kriterien – die Dämonisierung von Gegnern, Propaganda, Führerkult, Verachtung von Demokratie – auf die Tech-Elite und die MAGA-Bewegung. Im Vordergrund stehen bekannte Akteure und Ideologen wie Peter Thiel, Elon Musk und Curtis Yarvin sowie die Ideologien eines radikalisierten Cyberlibertarismus .
Ist Demokratie eher durch direkte politische Übergriffe gefährdet – die allerdings auch entsprechende Gegenreaktionen auslösen – oder durch unregulierte Monopole, die im Rahmen eines ganz normalen, kaum angefochtenen Kapitalismus die Infrastruktur des Wissens kontrollieren?
Cecilia Rikap: The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud. Verso Books, London & New York, 2026. 245 S. – Interview mit Cecilia Rikap: Wir alle produzieren KI, aber nur einige Wenige profitieren. interview in Surplus. Das Wirtschaftsmagazin. 14.08.2026. Cecilia Rikap: Digital Public Infrastructure’: Cultural hegemony and states’ technological dependence.
Bensussan, Hannah, Durand, Cédric, Rikap, Cecilia. 100 years of Corporate Planning. From Industrial Capitalism to Intellectual Monopoly Capitalism through the lenses of the Harvard Business Review (1922-2021). 2023 — Gil Duran: The Nerd Reich 8/2026. – Cédric Durand: Fictitious Capital: How Finance Is Appropriating Our Future. Cecilia Rikap & Cédric Durand: Intellectual monopoly capitalism—challenge of our times. Social Europe. 5.10.2021







