Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht

Populäre Mythen in Digitalien. Quelle: Ventil Views. unsplash.com

Der folgende Text verbindet mehrere zeitgeschichtliche Stränge: die gesellschaftliche Bedeutung von Pop- und Subkulturen, ihre Verschränkung mit technologischem Wandel und technologischer Machtentwicklung. Wie konnte aus  digitalen Utopien der Gegenkultur die Tech-Oligarchie von heute wachsen?

Zwei Texte aus der aktuellen Ausgabe des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Schwerpunkt: Technik) brachten mich auf die Idee, diesen Zusammenhang genauer zu behandeln.

Anna-Verena Nosthoffs Die Geburt des Tech-Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur – ein Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Buch Kybernetik und Kritik (15.02.) – knüpft an den Whole Earth Catalog und die Gegenkultur der Bay Area an. Sie bringt die damalige Hoffnung auf den Punkt: Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung.
Die vollständige Argumentation zur Rolle kybernetischen Denkens wird in ihrem Buch nachzulesen sein.
Marc Drehers Text Zwischen Code und Kultur: Das Silicon Valley als Mythos und Machtmaschine zeigt die Transformation dieser Hoffnung: Historisch gesehen sei das Silicon Valley zwar ein Produkt der subversiven Gegenkultur der 1970er Jahre – angekommen ist es heute in einem libertären Autoritarismus. Technik trägt immer die Werte und Weltbilder ihrer Schöpfer in sich. Sie entscheiden, was sichtbar wird, was unsichtbar bleibt, was messbar und was zählbar ist. Die kulturelle Macht von Technik, so Dreher, beruht gerade darauf, dass sie als Naturgesetz und nicht als sozialer Aushandlungsprozess präsentiert wird. (S. 23).

Die Versprechen demokratischer Teilhabe sind der Ausgangspunkt. Der folgende Text zeichnet die kulturellen Linien dieser Transformation nach, die Herausbildung einer  Geek-Kultur und ihre Verschränkung mit Mythologien.

Die Ursprünge: Gegenkultur und digitale Utopie

Kalifornische Ideologie: Burning Man Festival – Bild: Juan Carlos Ramirez.Unsplash+

San Francisco und die gesamte Bay Area zählten zu den Epizentren des Aufbruchs jener Zeit. Ein kulturelles Klima, in dem nonkonformistische Lebensentwürfe anschlussfähig wurden, hatte sich dort bereits seit den Zeiten der Beatniks der 1950er Jahre ausgeprägt.

Bewegungen mit globaler Ausstrahlung hatten hier ihren Ausgangspunkt. Ohne Beatniks, Hippies, Kommunarden und Gay Liberation hätte es die frühe digitale Kultur nicht in dieser Form gegeben. Sie schufen soziale und kulturelle Voraussetzungen und brachten eine Offenheit gegenüber alternativen Lebens- und Organisationsformen mit sich. In dieses Klima alternativer Bewegungen reihte sich die frühe digitale Kultur, als  Cyberculture  ein.
Auch die massive Präsenz psychedelischer Drogen, insbesondere LSD, wird mit der Lockerung hierarchischer Zwänge und einer gesteigerten Offenheit für neue Denk- und Organisationsformen in Verbindung gebracht. Exzentrik wurde nicht sanktioniert, sondern als Innovationskraft gefeiert.

Oft erwähnt wird der  Whole Earth Catalog (Statement: We are as gods and might as well get good at), der sich als Brücke zwischen Hippie-Ethos und Technologie verstehen lässt. Von seinem Backcover stammt der oft mit Steve Jobs verbundene Spruch stay hungry, stay foolish, eine Verbindung, die Apple unter Jobs meisterhaft für sein Marketing nutzte. Sie sprach insbesondere ein Klientel an, das sich selbst als kreative Elite verstand.

Das Ecosystem: Kultureller Kitt und ökonomische Macht

Die Gegenkultur bzw. Cyberculture ist die eine Seite. Eine Geschichte,  die das Silicon Valley selbst gern erzählt und auf die es gern zurückgreift. Mit Nachwirkungen im Stil und im Selbstverständnis, als Referenz in Marketingkampagnen. Die damit verbundene Ästhetik der Rebellion wird gerne hervorgehoben – sie passt zu gut zur Inszenierung als kreative Rebellen.
Ein kultureller Kitt, der das Ecosystem des Silicon Valley zusammenhält. Dieses Ecosystem besteht aus mehreren Elementen: der Talent-Pipeline der Universitäten (Stanford, Berkeley), dem Venture Capital, einer Infrastruktur spezialisierter Dienstleister – und eben jenem kulturellen Mythos, in dem Rebellion zur Corporate Identity wurde und sich langsam zum Gestus der Disruption wandelte.
Dieser Mythos wirkt wie ein Magnet für Talente weltweit und kaschiert gleichzeitig die harten ökonomischen Abhängigkeiten.

Um zu einem Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung zu werden brauchte es gewaltige finanzielle Mittel, die zunächst u.a. aus dem Verteidigungshaushalt der USA stammten und die Forschungslandschaft der führenden Universitäten. Börsengänge spielten seit den 1980er Jahren eine wachsende Rolle, und ab einem bestimmten Zeitpunkt war es das aggressive Risikokapital, das die Ausrichtung der Industrie bestimmte.

Der Kipppunkt: Wenn die digitale Ordnung die Macht übernimmt

Damit verändert sich die Struktur der Macht selber. Digitale Infrastrukturen werden selber zur Ordnung der Macht.  Sichtbarkeit, Relevanz, Zugänglichkeit, Einfluss und Wert werden neu sortiert. Macht liegt nicht mehr zwingend in Befehlsgewalt, sondern in der Fähigkeit, Relationen zu strukturieren.
Ein Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende – wenn digitale Infrastrukturen so zentral werden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen, nach denen sich andere richten müssen.
Sichtbar wurde dieser Kipppunkt etwa mit dem Verschwinden der Maxime Don’t be evil  aus dem Verhaltenskodex von Google (2015).

Cyberlibertarismus: Von der Utopie zur Oligarchie

Seit der Allianz von MAGA und Tech-Eliten gibt es einen besonderen Erklärungsbedarf – wie konnten aus techno-utopischen Ideen oligarchische Machtstrukturen wachsen?

Vor einem Jahr hatte ich unter dem direkten Eindruck der Ereignisse rund um die Trump’sche Inauguration Cyberlibertarianism -The Right-Wing Politics of Digital Technology von David Golumbia gelesen und besprochen (Link zur Rezension). In seinem Kern gründet Cyberlibertarismus auf der Überzeugung, dass digitale Technologie außerhalb der Kontrolle demokratischer Regierungen stehen sollte – also auch jenseits demokratisch legitimierter politischer Souveränität.
Golumbias Werk ist ein Schlüsseltext zu den zunächst widersprüchlich erscheinenden Freiheitsbegriffen rund um die Techkultur. Freiheit wird als Abwesenheit von Regulierung, nicht als Fähigkeit zur Teilhabe verstanden.

Einige Elemente der frühen Cyberculture führen heute ein Eigenleben – mit umgekehrten Vorzeichen. Die radikale Ablehnung staatlicher Einmischung, wie sie sich etwa in Declaration of the Independence of Cyberspace (1996) zeigt, richtete sich gegen Regierungen, die ein marginales Internet regulieren wollten. Heute richtet sich dieselbe Rhetorik  (vgl. das Techno-Optimist Manifesto von Marc Andreessen, 2023) gegen demokratische Kontrolle von Unternehmen, die nach globalen Monopolen streben.
Aus den Free Speech Activists wurde die Parole Free Speech. Erstere meinten das Bürgerrecht, gehört werden zu können – den Zugang zum öffentlichen Raum. Heute nutzen Tech-Oligarchen den Slogan Free Speech als Argument, um Regulierung durch ( demokratisch legitimierte) Staaten zu verhindern.

Geek-Kultur: Vom Außenseitertum zum globalen Resonanzraum

In Le Pouvoir des Geeks von Damien Leloup, Tech-Journalist bei Le Monde, geht es um den Aufstieg der Geek-Kultur von einer randständigen Subkultur zu einer prägenden Kraft, die mittlerweile in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft angekommen ist.
Ursprünglich waren Nerds und Geeks³ eher das Gegenteil von cool. Ihr Habitus war nicht rebellisch, eher markiert durch soziale Ungeschicklichkeit, Regelbefolgung, einen Rückzug ins Technische oder Fiktionale.

Erst in der Tech-Kultur wurden Geeks cool, nicht trotz, sondern wegen dieser Eigenschaften. Geek-Kultur entwickelte sich als Habitus, der in den  Ecosystemen der Digitalwirtschaft – nicht nur im Silicon Valley, sondern weltweit – sein Habitat fand: intensive Beschäftigung mit Coding, Gaming und komplexen Systemen, eine hohe Toleranz gegenüber Unfertigem, experimentellen und spekulativen Entwürfen, eine starke Verbindung zu fiktiven Welten. Ein Habitus, der zu den Strukturen von Startups, Venture Capital und Plattformökonomie passt.
Geek-Kulturen werden so zum Labor technischer Innovationen. Was hier akzeptiert wird – etwa VR-Gadgets, neue Interfaces oder spekulative KI-Anwendungen – gilt als kulturell anschlussfähig. Aus Spielerei wird Möglichkeit, aus Exzentrik Marktwert. Dass Risikokapitalfirmen diese Kulturen aufmerksam beobachten, ist kein Zufall.

Leloup, der sich selber in der Geek-Kultur verankert sieht, versteht Geeks als eine Meta-Gemeinschaft, vereint durch Begeisterung für Technik, Fantasie, intellektuelle Neugier und Toleranz, sichtbar nach außen in einem typischen Style – Hoodie statt Anzug, Nerd-Chic, Symbolik aus Games und Fiktion – und zugleich getragen von einem Habitus, der Machtunterschiede verschleiert: Der Milliardär im Hoodie, wie etwa Marc Andreessen, ein Prototyp des Alpha-Geek inszeniert sich als Aussenseiter, obwohl er die Regeln des Spiels bestimmt.
Tech-Oligarchen wie Elon Musk, Peter Thiel, Alexander Karp stilisieren sich nicht als Kapitalisten, sondern als Sonderlinge mit Vision. Leloup beschreibt Musks Selbstinszenierung treffend als le petit face au grand, obwohl er der reichste Mensch der Welt ist.
Meta-Chef Marc Zuckerberg lässt sich nur bedingt einreihen, zwar ebenso in der Geek-Kultur verwurzelt, ist seine Haltung weitaus mehr von Opportunismus bestimmt. 

Tech-Oligarchen lassen sich nicht ohne die Geek-Kulturen verstehen, die ihre Persönlichkeiten, Werte, Ängste und Träume geformt haben. Leloup vermerkt, dass auch die Neue Rechte erkannt hat, dass diese Kulturen eine Machtbasis darstellen und dass bestimmte Elemente innerhalb dieser Gemeinschaften für politische Zwecke nutzbar sind.
Steve Bannon hat sich mehrfach explizit über zentrale Referenzen der Geek‑Culture definiert: Er bezeichnete sich selbst als Darth Vader und sprach davon, dass Trump von working class hobbits and deplorables gewählt worden sei.

Das bedeutet nicht, dass Geek-Kulturen einem bestimmten politischen Lager zuzuordnen ist. Sie bilden vielmehr einen kulturellen Referenzraum, der weit über einzelne Werke oder Franchises² hinausgeht. Es ist Geflecht aus technischen Praktiken (Coding, Gaming), ästhetischen Codes (Sci-Fi-Ästhetik, Nerd Chic, Hoodie statt Anzug) undsozialen Formationen (Fan-Communities, Conventions).
Dass Science Fiction, ebenso wie VR-Welten auf Begeisterung stossen ist naheliegend. Auffallend ist dagegen der ausgeprägten Bezug zu Großmythologien wie Der Herr der Ringe oder Star Wars. 
Zusammengenommen entsteht daraus ein sehr spezifisches kulturelles Kapital, das Sinn, Identität und Legitimation stiftet. Dass Firmen wie Palantir oder Mithril Capital ihre Namen direkt aus Tolkiens Mythologie entlehnen, ist ein Ausdruck dieses Referenzraums.

Mythen und Endzeit-Theorien

AGI als technologischer Mythos. Bild: Steve Johnson unsplash +

Diese Mythen liefern nicht nur ästhetische Motive, sondern auch Erzählungen von Macht, Ordnung, Ausnahme und Sendungsbewusstsein, die in der digitalen Elite anschlussfähig sind.  Star Wars und Herr der Ringe sind beides Grosserzählungen, die im 20.Jahrhundert konstruiert wurden- bombastisch, wabernd, überwältigend, Mythen der Macht. In ihrer Art und Wirkung erinnern sie an Wagner-Opern, die im 19. und 20. Jahrhundert die politische Imagination beeinflussten.

Die Macht der Tech-Oligarchie erwächst aus der ökonomischen Aneignung von technischem Fortschritt. Aber auch aus der kulturellen Aneignung von Zukunft. Der Begriff Futures Appropriation, übersetzbar als vereinnahmte Zukünfte, markiert den Anspruch, dass Tech, vermittelt durch Digitalkonzerne,  Zukunft gestaltet, die Lösung anstehender  Probleme sichert.
Bombastische Mythen aus dem  20. Jahrhunderts, angesiedelt in der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft – Tolkien, Star Wars – liefern  narrative Grundmuster: Auserwählte, dunkle Mächte, technische Artefakte mit der Kraft zur  Weltveränderung, finale Schlachten.
AGI –  Artificial General Intelligence fügt dieser Reihe einen neuen Eintrag hinzu: die denkende Maschine als ultimatives Artefakt. In ihr bündeln sich frühere Technikmythen, nun verdichtet zur Erzählung vom Endpunkt kognitiver Evolution. Ob realisierbar oder nicht, ihre kulturelle Wirkung ist bereits mythisch. Die Vertiefung bleibt einem eigenen Text vorbehalten.

Neo-Philosophien, die im Silicon Valley kursieren (oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst), liefern eine scheinbar rationale Übersetzung. Mythen und Theorien operieren mit denselben Strukturen: apokalyptischer Zeitlichkeit (der Bruch steht bevor), elitäre Auserwähltheit (wir sind die, die es verstehen), Weltveränderung durch Technologie (nicht durch demokratische Politik), Entwertung der Gegenwart zugunsten eines transzendenten Ziels.

Eine Gegenüberstellung der Neo-Philosophien, wie sie u.a. als Akzelerationismus (Geschichte als unaufhaltsamer Zwangslauf in Richtung technologischer Eskalation),  Solutionismus (Komplexe soziale Probleme werden auf technisch lösbare Aufgaben reduziert) oder Longtermismus (Legitimation gegenwärtiger Opfer zugunsten einer fernen, höheren Zukunft) in Umlauf sind, würde den Rahmen dieses Formats sprengen. es ist ein neues, eigenes Thema.
Was sie jedoch mit den beschriebenen Mythologien verbindet, ist ein gemeinsamer Effekt: die Erzeugung von Überwältigung. Es sind Narrative von solcher Totalität, dass Widerspruch nicht als Kritik erscheint, sondern als Unverständnis.

Warum interessiert uns diese Entwickung so sehr? 

Es ist unsere Zeitgeschichte, eine Ko-Evolution von digitaler Technik, gesellschaftlicher Entwicklung und populärer Kultur. Digitaler Fortschritt prägt seit fast 50 Jahren unsere Welt in immer neuen Schüben, erweiterte Möglichkeiten, eröffnete Lebensentwürfe, verschiebt Machtverhältnisse.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte, heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem  Grössenwahn.
Computer versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung (Nosthoff). Entstanden sind neue Organisationsformen mit Machtanhäufung. Die Struktur ist neu – Plattformen, Algorithmen, digitale Ecosysteme. Aber nicht als  demokratische  Traummaschine, sondern als Konzentration von Macht in oligarchischen Händen.
Das heißt nicht, Zukunft oligarchischen Unternehmen zu überlassen, sondern sie zu gestalten. Technik ist kein Naturgesetz, sondern sozialer Aushandlungsprozess (vgl. Dreher). Digitale Technik ist kein externer Faktor, sondern Teil langfristiger gesellschaftlicher Prozesse. Zukunft entsteht nicht durch technologische Überwältigung, sondern durch demokratische Aushandlung und Gestaltung.

 

David Golumbia: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. (Rezension – 27.01.2025)11/2024. Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. Marc Dreher: Zwischen Code und Kultur. Das Silicon Valley alsMythos und Machtmaschine,  – beide in: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026 – Technik. Damien Leloup : Le Pouvoir des Geeks. Comment la contre-culture est devenue une arme politique. Les Arènes 01/2025 . Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026 . ¹Annekathrin Kohout: Nerds – Eine Popkulturgeschichte., München 2022. 272 S. Embracing the Outliers: How Tech Geeks Reshape Modern Business and Cultural Landscapes.
²im Kontext der Geek Culture bedeutet Franchise ein erweitertes Medienuniversum, das aus einem ursprünglichen Werk (z. B. Film, Buch oder Spiel) hervorgeht und durch Lizenzen in zahlreiche Ableitungen expandiert.
³ Nerds und Geeks sind zwei unterschiedliche Ner- und Geek-Kultur unterscheiden sich vor allem in ihrer Ausprägung von Fachwissen, Sozialverhalten und Lebensstil. Nerds gelten oft als tief in einem Nischenthema versunkene Introvertierte, während Geeks diese Leidenschaft extrovertierter und sozialer ausleben.



Hermes 3000 – ein Buch-o-Mat

Zuerst hatte ich es für eine Glosse gehalten. Oder für eine experimentelle Spielerei, etwas, was man entwirft, weil es möglich ist, egal ob nützlich oder nicht. Ein Pilotprojekt, von dem man noch nicht weiss, was daraus werden kann.
Die Selbstbezeichnung als KI-gestützte Plattform für kreatives Schreiben nimmt aber klaren Bezug zu dessen Methoden.

Hermes 3000 von HybridAI ist ein Buch-Generator. Kein Converter, der bestehende Vorlagen in E-Books umwandelt, sondern ein System, das fiktionale und nicht-fiktionale Texte von Grund auf generiert:
Schreibe Belletristik mit lebendigen Charakteren oder Sachbücher mit klarer Struktur – KI-unterstützt bis zum fertigen E-Book – so lautet die Zielbeschreibung auf der Startseite..
Der Name ist eine Hommage an die  portable Schreibmaschine Hermes 3000 aus Schweizer Produktion, die in den 60er und 70er Jahren hergestellt wurde und heute noch ein begehrtes Sammlerobjekt ist.

Das Dashboard von Hermes 3000. Nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster

Hermes 3000 verspricht viel. Das System sei so angelegt, dass es das Buch gemeinsam mit dem Autor/der Autorin schreibt, nicht anstelle von. Die Selbstbeschreibung liest sich ambitioniert:  Der Autor liefert die Vision, die Grundidee, die Themen, die Figuren, die großen Wendepunkte. Das System bewahrt den roten Faden und die innere Dynamik der Figuren (vgl. Blog).
Der Zugang zu den Funktionen erfolgt über ein Dashboard. Dort lassen sich die zentralen Parameter festlegen: Handlungsentwicklung, Schreibstil, Charaktere, Schauplätze (Screenshot vom Dashboard links).
Das Dashboard folgt der Logik kreativen Schreibens: Erst die Handlung entwickeln, dann Charaktere und Schauplätze definieren, schließlich den Stil festlegen. Was in Schreibratgebern als mühsamer Prozess beschrieben wird – Charakterbögen erstellen, Plotstrukturen entwerfen – soll hier in wenigen Klicks eingegeben und erledigt sein. 

Die Beispiele: Anspruch und Wirklichkeit

Der Plot in ein Bild gefasst. Nach Klick in voller Auflösung in neuem Fenster

Zwei Beispiele, die mit Hermes 3000 erstellt worden,  sind über die Eingangsseite zugänglich. Als Sachbuch eine Einführung in Javascript, die sich wahrscheinlich relativ einfach aus vorhandenen Vorlagen zusammenbauen und jeweiligen didaktischen Ansprüchen anpassen lässt.
Das zweite, belletristische Beispiel mit dem Titel Die letzte Frage wird als nachdenkliche Science Fiction Kurzgeschichte  (22 Seiten) vorgestellt. Die Graphik (re.) zeigt den Plot,  beim Lesen wird mir aber kaum eine Handlung klar.
Die Sätze sind kurz. Bewusst kurz. Fast schon demonstrativ: Das zweite Klingeln trifft mich wie ein Fehler im Takt. Erst das Summen der Server. Dann dieses nüchterne, helle Rattern im Ohr, das heißt: neues Ereignis. Ich warte nicht. Ich starre auf den Monitor. Die Liste scrollt, Zeilen wie Herzschläge. Neue Zeile. Neuer Notruf. Dieselbe Straße. Dieselbe Uhrzeit. Dieselbe Kennung.
Dieser Staccato-Rhythmus zieht sich durch den ganzen Text. Ein angewandtes Stilmuster, mehr aber nicht.
Ist es gewollt oder ein Zufall, dass mich der Name des fiktiven Autors Shapir Amurati an die indische Schriftstellerin Arundhati Roy erinnert? Eine Verbindung kann ich nicht erkennen. Das Textbeispiel kann mich jedenfalls nicht überzeugen.

Marc Elsberg: KI als Werkzeug, nicht als Autor

Überzeugender als die Selbstbeschreibungen der Software wirkt auf mich der Verweis auf den Thriller-Autor Marc Elsberg (Blackout, 2012; °C – Celsius, 2023). In einem Interview mit der ZEIT (August 2025) hatte er sich offen zur Nutzung von KI beim Schreiben geäussert – allerdings mit klaren Einschränkungen.
Elsberg nutzt KI als Recherche- und Hilfsmittel, nicht als Schreibmaschine. Für ihn ist KI ein fleißiger Praktikant, dem man ständig auf die Finger schauen muss. Sie sammelt Details zu Schauplätzen oder technischen Hintergründen, wofür früher Stunden nötig waren. Einen Roman schreiben zu lassen, hält er dagegen für illusorisch: In Wahrheit scheitert das Ding schon auf Seite eins. KI könne weder komplexe Plots entwickeln noch überzeugende Figuren gestalten.
Gerade diese nüchterne Einschätzung macht Elsberg als Referenz interessant. Er weist KI weder pauschal zurück noch erhebt er sie zur kreativen Instanz. Ihr Nutzen liegt im Vorfeld des Schreibens – nicht in der literarischen Entscheidung selbst. Selbst wenn das Gegenüber keine echte Person ist, sondern eine Simulation: Mein Versuch, zu erklären, was ich will, zwingt mich zugleich, präzise zu sein. Und manchmal bekomme ich sogar ganz gute oder witzige Antworten.
Literatur war immer ein Ort der Spekulation. Vielleicht stehen wir gerade an der Schwelle zu etwas völlig Neuem. Einer Transformation. Weg vom Menschen, wie wir ihn kennen – hin zu etwas, das wir noch nicht einmal denken können. Der Mensch war nie fertig.
(Auszüge aus dem Interview in der Zeit)

Paul Auster: 4-3-2-1 als literarisches Vorläufer-Experiment

Warum fällt mir im weiteren der Roman 4-3-2-1 von Paul Auster (†2024) ein?  Ganz sicher nicht KI-generiert,  er erschien 2017. Im Jahre 2005 schrieb Auster übrigens eine (weniger bekannte) Geschichte meiner Schreibmaschine,  keine Hermes 3000, sondern eine Olympia-Reiseschreibmaschine. Darin schreibt er: Seit jenem Tag im Jahre 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden.
4-3-2-1 enthält vier Varianten eines Lebenslaufes des Protagonisten Archibald Ferguson.  Jede der Varianten ist historisch, sozial und politisch präzise in der dritten Generation von Einwanderern an der amerikanischen Ostküste der 50er bis zu den frühen 70er Jahren verankert.
Bei gleicher Ausgangslage wird deutlich, wie unterschiedlich sich ein Leben, die eigene Existenz entwickeln, oder auch plötzlich abbrechen kann. Der Roman ist ein Epos mit oft sehr langen, verschachtelten Sätzen, als eine historischer Panorama-Erzählung angelegt, in der die individuellen Erfahrungen eingebettet sind.
Am Ende offenbart Auster, dass Ferguson 4 die vorhergehenden drei Fergusons als fiktionale Versionen seines eigenen Lebens erfindet – ein Buch im Buch. Vor acht Jahren hatte ich die ca. 1250 Seiten in der Weihnachtswoche verschlungen.
Der literarische Entwurf dieser vier Lebensvarianten Fergusons wirkt heute wie ein Vorwegnehmen dessen, was aktuelle KI-Modelle technisch leisten können: die Generierung multipler, paralleler Realitäten aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt. Aus der Kernfigur Archie Ferguson entfalten sich vier divergierende Lebensläufe – ähnlich wie KI aus einem Input eine Vielzahl möglicher Fortsetzungen erzeugen könnte.

Was Auster als monumentales literarisches Projekt über 1250 Seiten in mehreren Jahren realisierte, könnte eine KI theoretisch in Minuten generieren.  Vier Version desselben Lebens, gesteuert über algorithmische Regeln zu Zufällen und historischen Umständen.
Doch würde dabei auch entstehen, was Austers Roman auszeichnet? Die sprachliche Präzision, mit der sich Lebenswege verzweigen? Die historische Dichte, die jede Variante trägt? Die erzählerische Kraft, die den Leser in die Geschichte zieht?  Das was mit innerer Kohärenz der Geschichte gemeint ist, ist ein Ergebnis von Erfahrung, Urteil und künstlerischer Entscheidung.

Was ist literarische Qualität?

Schreiben heißt nicht nur, Texte zu produzieren. Es bedeutet, Ideen zu sammeln, zu recherchieren, sinnvoll und kreativ zu strukturieren und all das schliesslich in einem stimmigen Text zu verbinden.  Literarische Qualität bemisst sich an dem, was ein Text im Denken und Empfinden des Lesers auslöst. Ein guter Satz kann ansprechen wie ein erotischer Reiz. Er vermittelt nicht nur Bedeutung, sondern lässt den Moment spüren, bevor man sie (die Bedeutung) verstanden hat.
Literatur erhebt einen Authentizitätsanspruch. Sie beansprucht Singularität. Ein Teil davon ist Handwerk, dieses Handwerk lässt sich systematisieren, beschleunigen, auch durch KI unterstützen. Die Einzigartigkeit von Literatur liegt ihrer Unvorhersehbarkeit. Sie lebt von produktiven Brüchen, den Momenten, in denen ein Autor gegen die eigene Regel schreibt, weil die Szene es verlangt. KI kann Muster reproduzieren, aber nicht gegen sie verstoßen.

KI kann Vorschläge machen, Varianten generieren, Inkonsistenzen aufspüren – aber die Entscheidung, welcher Satz bleibt und welcher fällt, welche Szene verstärkt und welche gestrichen wird, kann nur der Autor treffen.

Hermes 3000 im Vergleich zu Sudowrite

Hermes 3000 ist gerade einmal drei Wochen alt, lässt sich so als Beta- Version bzw. Prototyp verstehen. Allerdings ist der Anspruch hoch, das Preismodell (Standard, Pro, Corporate) selbstbewusst. Es ist kein besseres Textverarbeitungssystem, sondern  ein Werkzeug zum Design von Narrativen. Aber ein Werkzeug, das den Plot strukturiert, schreibt noch keine Geschichte.

Zum Vergleich: Sudowrite, ein bereits etabliertes Tool für kreatives Schreiben, verfolgt einen bescheideneren Ansatz.  Auf Kindlepreneur, einer Plattform für Self-Publisher, heißt es in einer aktuellen Review: I’d never use Sudowrite to write a book for me. But it can help when I’m stuck. Das Tool positioniert sich als Assistenz-System, nicht als Autor-Ersatz.
Sudowrite positioniert sich als Assistenzsystem, nicht als Generator.  Mit Muse bietet Sudowrite ein speziell für Belletristik trainiertes Modell, das laut Reviews als the best model for natural sounding prose gilt. Zugleich wird  eingeräumt: The output requires editing to match your style. Reviews nennen  Schwächen, so ändern sich  Charakternamen mid-story. Möglich, das Hermes 3000 dem Modell von Sudowrite folgt. 

Fazit

Wo es um die schnelle Produktion großer Textmengen geht, wird sich generativer Text weiter ausbreiten – und hat es längst getan. KI-generierte Bücher sind bereits auf dem Markt. In bestimmten Genres mag das akzeptiert sein, dort, wo Quantität zählt und literarischer Anspruch gering ist. Das Problem ist nicht die Genre-Literatur an sich, sondern ihre industrielle Produktion. Sie wird zunehmend als Slop wahrgenommen – formal korrekt, aber ästhetisch leer.
Frage bleibt, wie sich Sprachmodelle so nutzen lassen, dass sie Arbeit erleichtern, kreative Prozesse unterstützen. KI ist in vielen Details nützlich, aber keine Instant-Lösung für komplexe Formate

Hermes 3000: https://hermes3000.ai/  Peter Neumann– Interview mit Marc Elsberg – : In Wahrheit scheitert das Ding auf Seite eins. Die ZEIT Nr. 33/2025. 8/25 -.Paul Auster: 4321..  1289 S. 2017. Jason Hamilton: Sudowrite Review: Is It the Best AI Tool for Writers in 2026? In: kindlepreneur.com 23.12.2025



KI als Intermediär – Plausible Konfabulation

KI als Intermediär – Plausible Konfabulation. Bild:

KI wird immer mehr zu einer kognitiven Infrastruktur, die in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen genutzt wird. Sie automatisiert unzählige Vorgänge, vermittelt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, assistiert bei kreativer Arbeit und ist als alltägliche Instanz für Wissensfragen längst akzeptiert. Daneben wird mit ihr digitaler Schrott – sogenannter Slop – in erschreckend großen Mengen produziert.

Neulich in der Regionalbahn: Zwei Jugendliche, mitten im Gespräch, unsicher über die Richtigkeit einer Idee, zücken ihre Smartphones – Lass uns mal ChatGPT fragen. Nicht Google, nicht Wikipedia. Die Sprachmaschine ist zur Suchmaschine  geworden.  Ein einfaches Beispiel dafür, wie sehr sich die Nutzung von KI im Alltag verbreitet hat.

KI als vermittelnde Instanz

Ihre Funktion ist die eines Intermediärs. KI verbindet Nutzer mit einem Thesaurus aus Trainingsdaten – gesammeltem Wissen und kreativen Leistungen in Form von Texten, Bildern, Klängen, Code – grundsätzlich allem, was sich digital erfassen liess. Roberto Simanowski nennt sie Sprachmaschine. Sie zitiert nicht aus den Quellen, sie synthetisiert daraus
Der Thesaurus ist kein geordnetes Archiv, er ist ein qualitativ neues Datenreservoir, das sich bildlich als digitales Magma beschreiben lässt – eine aufgelöste Masse aus Texten, Bildern, Code, Meinungen, Fakten und Fiktionen, ohne Hierarchie, ohne Kuratierung.

Das digitale Magma: Woher stammen die Trainingsdaten?

Woher KI ihre Daten bezieht. Quelle: Semrush Study of 150.000 Citations, June 2025 – nach Klick in voller Auflsung auf neuer Seite

Woher KI ihre Antworten bezieht, zeigt eine Analyse von 150.000 KI-Zitationen (siehe Abb.): An erster Stelle steht Reddit (40,11%), gefolgt von Wikipedia (26,33%), YouTube (23,52%) und Google selbst (23,28%). Erst dann folgen Bewertungsplattformen wie Yelp, Amazon, Tripadvisor.  Was häufig zitiert wird, steigt nach oben. Was selten ist, versinkt.
Das digitale Magma ist nicht identisch mit dem öffentlich zugänglichen Web, aber es wird von ihm dominiert. Zwar fließen auch Wikipedia, wissenschaftliche Preprints, lizenzierte Nachrichtenarchive und – vermutlich illegal – Millionen urheberrechtlich geschützter Bücher, Bilder, Musikstücke in die Trainingsdaten. Doch allein das Volumen des Social Web übertrifft andere Quellen. Zusammengeschafft in gigantischen Web-Crawls – automatisierte Sammlungen von allem, was öffentlich zugänglich war. KI ist weniger ein Konzentrat des Weltwissens als eine Quintessenz des Social Web.

Der Unterschied zur Suchmaschine

Sprachmodelle verarbeiten statistische Muster, nicht Bedeutung, sie kennen keine Referenz ausserhalb ihrer statistischen Verteilungen.
Sie übersetzen Daten in natürliche Sprache,  KI wird zur vermittelnden Instanz, zum Intermediär von Wissen. Selber erzeugt sie kein Wissen und keine Erkenntnis, aber sie organisiert den Zugang zu den digitalen Wissensspeichern. Als Intermediär hat die KI also Einfluss darauf, was wir wahrnehmen und wie wir es verstehen.

Damit verschiebt sich etwas Grundlegendes. Suchmaschinen führten zu den Quellen – zu den Websites, Dokumenten, Publikationen, wo Wissen abrufbar war. Die Bewertung blieb den Nutzern selber überlassen. KI hingegen organisiert den Zugang nicht nach bibliothekarischen oder wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach statistischer Wahrscheinlichkeit. Sie führt nicht zu Quellen, sondern produziert synthetische Plausibilität. Eine vermittelnde Instanz ohne Eigenstandpunkt, ohne Referenz außerhalb ihrer statistischen Verteilungen.

Plausible Konfabulation: Ein  Bild aus der Neuropsychologie

In der Neuropsychologie bezeichnet Konfabulation das schlüssige Erfinden von Zusammenhängen bei fehlendem Wissen, ohne Täuschungsabsicht. Der Patient mit Gedächtnislücken füllt diese nicht bewusst mit Lügen, sondern mit dem, was seinem Hirn plausibel erscheint. KI-Modelle operieren ähnlich: Sie sind darauf trainiert, plausible Fortsetzungen von Texten zu erzeugen. Was statistisch wahrscheinlich klingt, wird zur Antwort.
Der Begriff Plausible Konfabulation ist daher kein Zynismus, keine Polemik, sondern bildliche Beschreibung eines Funktionsprinzips. Und dieses Prinzip lässt sich, bewusst eingesetzt, produktiv nutzen.
Plausible Konfabulation erleichtert den Ausgriff auf spekulative Ideen, auf Möglichkeitsräume jenseits des bereits Gewussten. KI kann als Sparringspartner für Gedanken dienen. Sie füllt Lücken, kombiniert Muster neu, kann divergente Denkräume öffnen, die sich ohne sie vielleicht nicht geöffnet hätten. Sie liefert Input, Varianten, unerwartete Kombinationen – der Nutzer wählt aus, bewertet, verwirft, verfeinert.
Die Stärke liegt im Aufzeigen des Möglichen, nicht in der einzig richtigen Lösung. Assistenz bedeutet hier nicht Automatisierung, sondern digitales Lektorat – ein Gegenüber, das Vorschläge macht, ohne Entscheidungen zu erzwingen. Der Nutzer bleibt Instanz der Bewertung, die KI liefert Material.

Die Wirkung von Konfabulationen unterscheidet sich je nach Anwendungsbereich. In strukturierten, abgegrenzten Domänen kann KI durchaus verlässlich als Wissens-Intermediär fungieren: In juristischen Datenbanken mit definiertem Corpus von Rechtsprechung und Gesetzestexten, in medizinischen Fachdatenbanken mit kuratierten Studien, beim Coding mit formalen Systemen und eindeutigen Regeln. Dort, wo Fragen und Thesaurus präzise aufeinander abgestimmt sind, wo Retrieval-Augmented Generation (RAG) den Zugriff auf verifizierbare Quellen sichert, bleibt die Konfabulation eingegrenzt.

Bei der Generierung von Bild- und Toninhalten, generell bei fiktionalen Inhalten, stellt sich die Frage nach Wahrheit nicht. Dort geht es nicht um Erkenntnis, sondern um ästhetische Plausibilität – um Stil, Stimmigkeit, emotionale Wirkung.  Ein KI-generierter Roman muss nicht wahr sein, der Reiz generierter Bilder liegt oft gerade in ihrer physischen Unmöglichkeit.
Die Probleme sind andere, Urheberschaft, Originalität, die Frage, ob kreative Leistung ohne intentionale Struktur überhaupt als solche gelten kann.
Die Problematik – die Konfabulation von Fakten, die Vermischung von Wissen und Spekulation – betrifft primär den Einsatz von KI als Wissens-Intermediär: dort, wo sie Suchmaschinen ersetzt, wo sie Produktrecherchen durchführt, wo sie auf Fragen antwortet, bei denen ein Wahrheitsanspruch besteht.

Zero-Klick

Die Sprachmaschine lässt die Suchmaschine nicht verschwinden, aber hat sie verändert. Google als dominierende Suchmaschine ist nicht mehr nur ein Index, sondern hat sich durch KI-Übersichten (AI Overviews) selbst zu einer synthetisierenden Antwortmaschine entwickelt. Über 60% der Suchanfragen führen mittlerweile nicht mehr zu Klicks auf eine externe Website*.
Das bedeutet ein Ende der gewohnten Intermediarität im Netz, in der Suchmaschinen zu den Anbietern von – meist SEO-optimierten – Inhalten vermittelten. Nutzer geben sich stattdessen mit einer generierten Kurzfassung zufrieden. Zero-Klick-Recherchen entziehen den eigentlichen Urhebern dieser Inhalte die nötige Aufmerksamkeit und damit oft die wirtschaftliche Basis. Inhalte werden destilliert, ohne deren Produzenten zu kompensieren. 

Wie Nutzer KI  erleben: Einblicke aus 1250 Interviews

Vor gut einem Monat (5.12.2025) hat Anthropic, die Betreiberfirma der KI Claude Ergebnisse einer von KI-Agenten ausgeführten Studie online gestellt.  Insgesamt sind  1250  Interviewprotokolle zur Nutzung online verfügbar, Bereits der Einblick in eine kleine Auswahl macht deutlich, was funktioniert und was nicht.
KI funktioniert dort, wo strukturierte Aufgaben (Code, Lückentexte, Zusammenfassungen) mit klaren Anweisungen kombiniert werden. Sie scheitert, wo Ton, Stil, emotionale Intelligenz oder faktische Präzision gefordert sind.
Intentionalität ist der Knackpunkt. Menschen erwarten von KI, dass sie ihre Intention versteht und automatisiert umsetzt – so wie sie es von einem kompetenten Mitarbeiter erwarten würden. Genau das kann die KI nicht leisten. Sie hat keine Vorstellung davon, was gemeint ist, nur davon, was statistisch wahrscheinlich folgt.
Es ist nicht einmal ein rein technisches Problem. Das Verständnis der Intention und noch mehr die Ausführung in ihrem Sinne, zählt zu den höchsten Anforderungen in jeder Zusammenarbeit.
Die Erwartung, Aufgaben zu delegieren statt zu assistieren, führt systematisch zu Enttäuschungen.
In den gesichteten Interview-Beispiele finden sich durchweg Hinweise darauf. Die Texterin erhält konfabulierte Montessori-Beispiele, wenn es um Kindergärten geht. Der Architekt bekommt 100 Zeilen funktionierenden Code in kurzer Zeit – aber bei E-Mails wird der Ton nicht getroffen. Die Lehrerin generiert maßgeschneiderte Geschichten für Schüler, scheitert aber selbst beim KI-gestützten Französischlernen. Der Student lässt sich Fachbegriffe erklären, ist aber überzeugt, dass KI nie den emotionalen Vorteil eines menschlichen Arztes” ersetzen kann. Die KI liefert statistische Plausibilität, versteht aber nicht die Intention.

Kreative nutzen KI, um ihre Produktivität zu steigern, trotz der Kritik ihrer Kollegen und Zukunftsängsten. Sie müssen sich sowohl mit der unmittelbaren Stigmatisierung des KI-Einsatzes in kreativen Gemeinschaften als auch mit tieferliegenden Sorgen über wirtschaftliche Verdrängung und den Verlust der menschlichen kreativen Identität auseinandersetzen. **
Wissenschaftler wünschen sich eine Partnerschaft mit KI, vertrauen ihr aber noch nicht für die Grundlagenforschung. Sie äußerten einhellig den Wunsch nach KI, die Hypothesen generieren und Experimente entwerfen kann. Derzeit beschränken sie deren Einsatz jedoch auf Aufgaben wie das Verfassen von Manuskripten oder das Debuggen von Analysecode.**

Angemessenheit ist entscheidend

Der Nutzer bleibt verantwortlich für die Angemessenheit (Appropriateness) des KI-Einsatzes. KI kann nicht entscheiden, wann ihre Konfabulation produktiv ist (bei kreativer Exploration) und wann sie problematisch wird (bei Faktenfragen mit Wahrheitsanspruch). Die Urteilskraft muss beim Menschen bleiben – und setzt voraus, dass er erkennt, wann er es mit Konfabulation zu tun hat.

KI kann ein Werkzeug für divergentes Denken sein. Sie öffnet den Raum für multiple Lösungswege, generiert Varianten, zeigt Möglichkeiten. Die Konvergenz – die Entscheidung für eine Lösung, die Bewertung der Angemessenheit – bleibt Aufgabe des Menschen. Die Maschine exploriert, der Mensch entscheidet.
Strukturierung, Argumentation, Synthese – Kernaufgaben der Wissensarbeit – werden zunehmend zwischen Mensch und Maschine ko-produziert. Die Frage ist nicht mehr, ob KI Teil intellektueller Arbeit wird, sondern wie diese Ko-Produktion gestaltet werden soll – und wer die Kontrolle behält.

Wer die Sprachmaschine nutzt, produziert meist mehr, schneller, glatter. Wer sie nicht nutzt, gerät oft ins Hintertreffen. Und weil (fast) alle sie nutzen, steigt das Tempo weiter. Die Maschine setzt den Takt – der Mensch passt sich an. Nicht unbedingt Fortschritt, oft ein Doping-Effekt. Die versprochene Zeitersparnis mündet in höhere Erwartungen an Geschwindigkeit und Volumen.
Man sollte nicht vergessen, dass der Sinn kreativer Arbeit in ihrer Wirkung auf Menschen liegt. Wenn sie beim Leser, Betrachter, Hörer etwas auslöst, hat sie sich oft schon gelohnt. KI kann für viele Zwecke eingesetzt werden, aber wir sollten entscheiden können, wann und in welchem Sinne.
Keine  Technik ist unschuldig – und KI ist es auch nicht.

vgl.: . Carsten Brosda: Bevor die KI unsere Demokratie verschlingt FAZ. 3.01.26 – *Impact of Generative AI on Search Traffic and Content Visibility. In : beanstalkim.com März 25 – **Anthropic: Introducing Anthropic Interviewer: What 1,250 professionals told us about working with AI – vgl. auch. DocCheck Flexikon: Konfabulation.   Roberto Simanowski:   Sprachmaschinen – eine Philosophie der künstlichen Intelligenz . C.H. Beck 2025,  288 S.   (Rezension) – Klaus Burmeister: .Ein Selbstversuch zwischen kognitiver Bereicherung und stillem Verlust. LinkedIn 25.11.2025.



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