Zuerst hatte ich es für eine Glosse gehalten. Oder für eine experimentelle Spielerei, etwas, was man entwirft, weil es möglich ist, egal ob nützlich oder nicht. Ein Pilotprojekt, von dem man noch nicht weiss, was daraus werden kann.
Die Selbstbezeichnung als KI-gestützte Plattform für kreatives Schreiben nimmt aber klaren Bezug zu dessen Methoden.
Hermes 3000 von HybridAI ist ein Buch-Generator. Kein Converter, der bestehende Vorlagen in E-Books umwandelt, sondern ein System, das fiktionale und nicht-fiktionale Texte von Grund auf generiert:
Schreibe Belletristik mit lebendigen Charakteren oder Sachbücher mit klarer Struktur – KI-unterstützt bis zum fertigen E-Book – so lautet die Zielbeschreibung auf der Startseite..
Der Name ist eine Hommage an die portable Schreibmaschine Hermes 3000 aus Schweizer Produktion, die in den 60er und 70er Jahren hergestellt wurde und heute noch ein begehrtes Sammlerobjekt ist.

Hermes 3000 verspricht viel. Das System sei so angelegt, dass es das Buch gemeinsam mit dem Autor/der Autorin schreibt, nicht anstelle von. Die Selbstbeschreibung liest sich ambitioniert: Der Autor liefert die Vision, die Grundidee, die Themen, die Figuren, die großen Wendepunkte. Das System bewahrt den roten Faden und die innere Dynamik der Figuren (vgl. Blog).
Der Zugang zu den Funktionen erfolgt über ein Dashboard. Dort lassen sich die zentralen Parameter festlegen: Handlungsentwicklung, Schreibstil, Charaktere, Schauplätze (Screenshot vom Dashboard links).
Das Dashboard folgt der Logik kreativen Schreibens: Erst die Handlung entwickeln, dann Charaktere und Schauplätze definieren, schließlich den Stil festlegen. Was in Schreibratgebern als mühsamer Prozess beschrieben wird – Charakterbögen erstellen, Plotstrukturen entwerfen – soll hier in wenigen Klicks eingegeben und erledigt sein.
Die Beispiele: Anspruch und Wirklichkeit

Zwei Beispiele, die mit Hermes 3000 erstellt worden, sind über die Eingangsseite zugänglich. Als Sachbuch eine Einführung in Javascript, die sich wahrscheinlich relativ einfach aus vorhandenen Vorlagen zusammenbauen und jeweiligen didaktischen Ansprüchen anpassen lässt.
Das zweite, belletristische Beispiel mit dem Titel Die letzte Frage wird als nachdenkliche Science Fiction Kurzgeschichte (22 Seiten) vorgestellt. Die Graphik (re.) zeigt den Plot, beim Lesen wird mir aber kaum eine Handlung klar.
Die Sätze sind kurz. Bewusst kurz. Fast schon demonstrativ: Das zweite Klingeln trifft mich wie ein Fehler im Takt. Erst das Summen der Server. Dann dieses nüchterne, helle Rattern im Ohr, das heißt: neues Ereignis. Ich warte nicht. Ich starre auf den Monitor. Die Liste scrollt, Zeilen wie Herzschläge. Neue Zeile. Neuer Notruf. Dieselbe Straße. Dieselbe Uhrzeit. Dieselbe Kennung.
Dieser Staccato-Rhythmus zieht sich durch den ganzen Text. Ein angewandtes Stilmuster, mehr aber nicht.
Ist es gewollt oder ein Zufall, dass mich der Name des fiktiven Autors Shapir Amurati an die indische Schriftstellerin Arundhati Roy erinnert? Eine Verbindung kann ich nicht erkennen. Das Textbeispiel kann mich jedenfalls nicht überzeugen.
Marc Elsberg: KI als Werkzeug, nicht als Autor
Überzeugender als die Selbstbeschreibungen der Software wirkt auf mich der Verweis auf den Thriller-Autor Marc Elsberg (Blackout, 2012; °C – Celsius, 2023). In einem Interview mit der ZEIT (August 2025) hatte er sich offen zur Nutzung von KI beim Schreiben geäussert – allerdings mit klaren Einschränkungen.
Elsberg nutzt KI als Recherche- und Hilfsmittel, nicht als Schreibmaschine. Für ihn ist KI ein fleißiger Praktikant, dem man ständig auf die Finger schauen muss. Sie sammelt Details zu Schauplätzen oder technischen Hintergründen, wofür früher Stunden nötig waren. Einen Roman schreiben zu lassen, hält er dagegen für illusorisch: In Wahrheit scheitert das Ding schon auf Seite eins. KI könne weder komplexe Plots entwickeln noch überzeugende Figuren gestalten.
Gerade diese nüchterne Einschätzung macht Elsberg als Referenz interessant. Er weist KI weder pauschal zurück noch erhebt er sie zur kreativen Instanz. Ihr Nutzen liegt im Vorfeld des Schreibens – nicht in der literarischen Entscheidung selbst. Selbst wenn das Gegenüber keine echte Person ist, sondern eine Simulation: Mein Versuch, zu erklären, was ich will, zwingt mich zugleich, präzise zu sein. Und manchmal bekomme ich sogar ganz gute oder witzige Antworten.
Literatur war immer ein Ort der Spekulation. Vielleicht stehen wir gerade an der Schwelle zu etwas völlig Neuem. Einer Transformation. Weg vom Menschen, wie wir ihn kennen – hin zu etwas, das wir noch nicht einmal denken können. Der Mensch war nie fertig. (Auszüge aus dem Interview in der Zeit)
Paul Auster: 4-3-2-1 als literarisches Vorläufer-Experiment
Warum fällt mir im weiteren der Roman 4-3-2-1 von Paul Auster (†2024) ein? Ganz sicher nicht KI-generiert, er erschien 2017. Im Jahre 2005 schrieb Auster übrigens eine (weniger bekannte) Geschichte meiner Schreibmaschine, keine Hermes 3000, sondern eine Olympia-Reiseschreibmaschine. Darin schreibt er: Seit jenem Tag im Jahre 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden.
4-3-2-1 enthält vier Varianten eines Lebenslaufes des Protagonisten Archibald Ferguson. Jede der Varianten ist historisch, sozial und politisch präzise in der dritten Generation von Einwanderern an der amerikanischen Ostküste der 50er bis zu den frühen 70er Jahren verankert.
Bei gleicher Ausgangslage wird deutlich, wie unterschiedlich sich ein Leben, die eigene Existenz entwickeln, oder auch plötzlich abbrechen kann. Der Roman ist ein Epos mit oft sehr langen, verschachtelten Sätzen, als eine historischer Panorama-Erzählung angelegt, in der die individuellen Erfahrungen eingebettet sind.
Am Ende offenbart Auster, dass Ferguson 4 die vorhergehenden drei Fergusons als fiktionale Versionen seines eigenen Lebens erfindet – ein Buch im Buch. Vor acht Jahren hatte ich die ca. 1250 Seiten in der Weihnachtswoche verschlungen.
Der literarische Entwurf dieser vier Lebensvarianten Fergusons wirkt heute wie ein Vorwegnehmen dessen, was aktuelle KI-Modelle technisch leisten können: die Generierung multipler, paralleler Realitäten aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt. Aus der Kernfigur Archie Ferguson entfalten sich vier divergierende Lebensläufe – ähnlich wie KI aus einem Input eine Vielzahl möglicher Fortsetzungen erzeugen könnte.
Was Auster als monumentales literarisches Projekt über 1250 Seiten in mehreren Jahren realisierte, könnte eine KI theoretisch in Minuten generieren. Vier Version desselben Lebens, gesteuert über algorithmische Regeln zu Zufällen und historischen Umständen.
Doch würde dabei auch entstehen, was Austers Roman auszeichnet? Die sprachliche Präzision, mit der sich Lebenswege verzweigen? Die historische Dichte, die jede Variante trägt? Die erzählerische Kraft, die den Leser in die Geschichte zieht? Das was mit innerer Kohärenz der Geschichte gemeint ist, ist ein Ergebnis von Erfahrung, Urteil und künstlerischer Entscheidung.
Was ist literarische Qualität?
Schreiben heißt nicht nur, Texte zu produzieren. Es bedeutet, Ideen zu sammeln, zu recherchieren, sinnvoll und kreativ zu strukturieren und sie schliesslich in einem stimmigen Text zu verbinden. Literarische Qualität bemisst sich an dem, was ein Text im Denken und Empfinden des Lesers auslöst. Ein guter Satz kann ansprechen wie ein erotischer Reiz. Er vermittelt nicht nur Bedeutung, sondern lässt den Moment spüren, bevor man sie (die Bedeutung) verstanden hat.
Literatur erhebt einen Authentizitätsanspruch. Sie beansprucht Singularität. Ein Teil davon ist Handwerk, dieses Handwerk lässt sich systematisieren, beschleunigen, auch durch KI unterstützen. Die Einzigartigkeit von Literatur liegt ihrer Unvorhersehbarkeit. Sie lebt von produktiven Brüchen, den Momenten, in denen ein Autor gegen die eigene Regel schreibt, weil die Szene es verlangt. KI kann Muster reproduzieren, aber nicht gegen sie verstoßen.
KI kann Vorschläge machen, Varianten generieren, Inkonsistenzen aufspüren – aber die Entscheidung, welcher Satz bleibt und welcher fällt, welche Szene verstärkt und welche gestrichen wird, kann nur der Autor treffen.
Hermes 3000 im Vergleich zu Sudowrite
Hermes 3000 ist gerade einmal drei Wochen alt, lässt sich so als Beta- Version bzw. Prototyp verstehen. Allerdings ist der Anspruch hoch, das Preismodell (Standard, Pro, Corporate) selbstbewusst. Es ist kein besseres Textverarbeitungssystem, sondern ein Werkzeug zum Design von Narrativen. Aber ein Werkzeug, das den Plot strukturiert, schreibt noch keine Geschichte.
Zum Vergleich: Sudowrite, ein bereits etabliertes Tool für kreatives Schreiben, verfolgt einen bescheideneren Ansatz. Auf Kindlepreneur, einer Plattform für Self-Publisher, heißt es in einer aktuellen Review: I’d never use Sudowrite to write a book for me. But it can help when I’m stuck. Das Tool positioniert sich als Assistenz-System, nicht als Autor-Ersatz.
Sudowrite positioniert sich als Assistenzsystem, nicht als Generator. Mit Muse bietet Sudowrite ein speziell für Belletristik trainiertes Modell, das laut Reviews als the best model for natural sounding prose gilt. Zugleich wird eingeräumt: The output requires editing to match your style. Reviews nennen Schwächen, so ändern sich Charakternamen mid-story. Möglich, das Hermes 3000 dem Modell von Sudowrite folgt.
Fazit
Wo es um die schnelle Produktion großer Textmengen geht, wird sich generativer Text weiter ausbreiten – und hat es längst getan. KI-generierte Bücher sind bereits auf dem Markt. In bestimmten Genres mag das akzeptiert sein, dort, wo Quantität zählt und literarischer Anspruch gering ist. Das Problem ist nicht die Genre-Literatur an sich, sondern ihre industrielle Produktion. Sie wird zunehmend als Slop wahrgenommen – formal korrekt, aber ästhetisch leer.
Frage bleibt, wie sich Sprachmodelle so nutzen lassen, dass sie Arbeit erleichtern, kreative Prozesse unterstützen. KI ist in vielen Details nützlich, aber keine Instant-Lösung für komplexe Formate
Hermes 3000: https://hermes3000.ai/ Peter Neumann– Interview mit Marc Elsberg – : In Wahrheit scheitert das Ding auf Seite eins. Die ZEIT Nr. 33/2025. 8/25 -.Paul Auster: 4321.. 1289 S. 2017. Jason Hamilton: Sudowrite Review: Is It the Best AI Tool for Writers in 2026? In: kindlepreneur.com 23.12.2025









