Palantir und das neue amerikanische Projekt: Technologie, Macht und Aggression

Alexander Karp. CEO von Palantir – Screenshot aus der Dokumentation “Watching You”

Im vorherigen Text ging es um die Aneignung des Digitalen Fortschrittsversprechens und seine Ausweitung bis hin zur militärischen Innovation im Kontext von American Dynamism.
Silicon Valley richtet sich strategisch neu aus, hin zu Hard Tech, jenseits der Ausrichtung auf Consumer Culture. Palantir steht geradezu prototypisch dafür.

Palantir und sein CEO Alexander Karp zählen aktuell zu den umstrittendsten Akteuren des Silicon Valley.
Verstörend ist v.a. die Diskrepanz zwischen der Selbstinszenierung Karps,  einigen seiner Äusserungen und dem strategischen und ökonomischen Gewicht von Palantir.
Karp inszeniert sich als reflektierter Intellektueller mit philosophischer Ausbildung und verweist gern auf seine Frankfurter Studienjahre. Ihm werden Intelligenz und chaotische Unstrukturiertheit zugeschrieben. Gleichzeitig führt er ein Unternehmen, das autonome Waffensysteme, Massenüberwachung und politische Targeting-Technologie entwickelt.

Palantir lässt sich als datenalytisches Rüstungsunternehmen verstehen. Technisch basiert es auf einer neue Stufe der digitalen Vermessung: die Integration heterogener Datenbestände zur Erkennung strategischer Muster, vermarktet als eine neutrale Infrastruktur. Durch Palantir wird staatliche Gewaltausübung von privaten Unternehmen infrastrukturell ausgeführt.
Palantir steht aktuell als hochprofitables Softwareunternehmen da,  dessen größter Wachstumstreiber staatliche Aufträge sind. Im zweiten Quartal 2025 erzielte es einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar – 49% Wachstum im Regierungsbereich, 47% im kommerziellen Bereich.
Kunden sind etwa die israelischen Streitkräfte – Palantir wird bei Angriffen auf Ziele im Gazastreifen eingesetzt –, das US-Verteidigungs- (jetzt Kriegs-) Ministerium nutzt es zur Drohnenanalyse, DOGE nutzte es für den Aufbau einer zentralen Einwanderungsdatenbank sowie ICE zur Echtzeitverfolgung von Migrantenbewegungen.

Mit der (unter diesem Link zugänglichen) Dissertation Karps liegt ein zeitgeschichtlich ungewöhnliches Dokument vor.  Eine deutschsprachige  Arbeit, eingereicht an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Frankfurt im Jahre 2002.
Karps Dissertation Aggression in der Lebenswelt  (vollständig: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur)  verbindet Parsons’ strukturfunktionale Theorie mit Habermas’ Lebenswelt‑Konzept und psychoanalytischen Motiven.  Anknüpfend an Parsons beschreibt Karp Kultur, Persönlichkeit und soziales System als Ebenen, auf denen Triebe durch Sozialisation in nachvollziehbare Motivationen übersetzt werden.
Eine, auch in seinem späteren Handeln erkennbare Schlussfolgerung ist für ihn, dass Aggression unter Bedingungen von Unsicherheit und Konflikt gesellschaftlich organisiert, geregelt und produktiv genutzt werden muss.
Heute, (als CEO von Palantir) versteht Karp Datenanalyse und KI  ausdrücklich als Werkzeuge zur Stabilisierung westlicher Institutionen unter Bedrohungs- und Krisenlagen. Den politischen Umgang mit Gewalt, Sicherheit und Kontrolle begreift er als zentrale Aufgabe seiner Technologie.

Mit ca. 130 Seiten ist die Dissertation vergleichsweise kurz, 110 Seiten fallen  auf die  Literaturaufbereitung, 15 Seiten auf die Fallstudie, anhand derer er den eigentlichen Gegenstand der Analyse konkretisiert. In diesem Falle die  sog. Paulskirchenrede von Martin Walser 1998.  Walser sprach von der Moralkeule  Auschwitz und löste damit eine der schärfsten Debatten der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit aus. 

Immer wieder wird in den Raum gestellt, Karp wäre ein Schüler von Jürgen Habermas. Promoviert hat er jedoch bei Karola Brede am Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt.
Wenige Tage nach dem Tod von Habermas (15.03.2026) erschien am 18.03.  in dem Online-Magazin Le Grand Continent ein Interview mit  Karola Brede  unter dem Titel War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Zur Eingangsfrage: Karp besuchte Seminare von Habermas und nutzte dessen Werk als zentralen Referenzrahmen. Für sein Dissertationsprojekt verwies Habermas ihn jedoch an Brede; darin lässt sich zumindest eine gewisse Distanz gegenüber Karps Vorhaben erkennen.
Im weiteren geht es im Interview um Karps Habermas‑Rezeption, speziell um den Begriff des Jargons, den Karp in seine Aggressionstheorie integriert und den Bruch mit der akademischen Karriere hin zu seiner anschliessenden Tätigkeit als CEO von Palantir.
Brede äussert sich insgesamt sehr verständnisvoll, fast fürsorglich über Karp.  Selbst problematische Positionen erscheinen ihr eher als Ausdruck biografischer Spannungen denn als moralisches Versagen. Karps Hang zur Grenzüberschreitung deutet sie als Eigenart eines Intellektuellen, der Regeln prinzipiell quer liest.
Über seine unternehmerische Tätigkeit habe er dann Gedanken entwickelt, mit technologischer Macht eine bessere Gesellschaft entwerfen zu können. Die im Buch Technological Republic erkennbare Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft sei jedoch in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie aufgehoben – in diesem Rahmen interpretiert sie sein Wirken als CEO von Palantir.
Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ordnet Brede als Hintergrund einer bellizistischen Radikalisierung ein. Die aggressive Kriegsführung Israels sei – auch von Karp – mit einer tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst begründet worden.

Habermas steht für gesellschaftliche Aushandlung, für kommunikative Rationalität und Verständigung als Bedingungen legitimer Ordnung. Karp setzt dem eine andere Perspektive entgegen: Aggression erscheint bei ihm nicht als Störung, sondern als konstitutive Kraft sozialer Identität.

Kritischer fällt die Analyse von Karps wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Nachwirkung bei Palantir  in dem Essay Palantir Goes to the Frankfurt School von  Moira Weigel aus. Der Text stammt von Juli 2020, die aktuellen Verwicklungen, v.a. seit der 2. Trumpwahl, sind also nicht berücksichtigt. Den Bezug zu Habermas nennt Weigel eine Tech industry legend –  die gern als eine Art genealogischer Eindruck genutzt wird. Karps Interesse am Thema Aggression, stammte nicht von Habermas, sondern von Wissenschaftlern des Freud-Instituts, wo sie jahrzehntelang ein Schwerpunkt der Forschung und der öffentlichen Debatte war.
Moira Weigel liest Karps Dissertation als Schlüssel zum Verständnis eines rechts-konträren Netzwerks aus Tech-Eliten (u. a. Thiel, Palantir), das den liberalen Mainstream im Silicon Valley angreift, zugleich aber selektiv auf Kritische Theorie zurückgreift. Das Emanzipationsversprechen der Frankfurter Schule wird dabei aufgegeben.
Die Mechanismen, die Weigel 2020  beschreibt, haben sich seitdem  in  eine andere Dimension gehoben. In den Geschäftsinteressen von Palantir sah Weigel bereits damals eine Nähe zum Trumpismus, obschon Karp bis zur Wahl 2024 die Demokraten mit Kamala Harris unterstützte. Übrigens war David Golumbia, der Autor von  Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology,  einer der Gutachter ihres Textes.

Nach außen hin erscheint Karp als die prägende Figur: er spricht, rechtfertigt, erklärt, ist das Gesicht von Palantir. Die grundlegende strukturelle Setzung – warum es dieses Unternehmen überhaupt gibt – stammt von Peter Thiel. Thiel holte Karp in die Gründung von Palantir, weil er ihn als fähig einschätzte, komplexe Datenanalyse in operative, politisch sensible Anwendungen zu übersetzen. Zwischen Karps Dissertation von 2002 und seinem Eintritt als CEO bei Palantir 2004 liegen keine zwei Jahre; dazwischen gab es nur eine kurze Tätigkeit im Investmentmanagement in London.
Thiel erscheint als der strukturelle Pate von BigTech: Nicht immer sichtbar, aber omnipräsent, vernetzend, ideologisch prägend – jemand, der Kapital, Gründer und staatliche Macht dauerhaft zusammenführt.

Das öffentliche Interesse an Palantir und Karp hat sich seit 2020 verstärkt. Palantir ist vom kontroversen Outsider zum zentralen KI-Infrastrukturanbieter des Pentagon, zum technischen Ermöglicher militärischer Operationen  geworden. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell (3/26) bei rund 320 Mrd. €. Karps Rhetorik wechselte von akademischer Reflexion zu expliziter Machtpolitik.
Sein eigenes Buch The Technological Republic, die Biographie von Michael Steinberger und der Dokumentarfilm Watching You von Klaus Stern stellen Karps Rolle als CEO des grössten Defense Tech Konzerns in ein breites öffentliches Licht.
Im eigenen Buch präsentiert sich Karp als Vordenker einer Neuorientierung des Silicon Valley, weg vom Consumermarkt des Online-Targeting und der  Videoplattformen, hin zu einer Neuverbindung nationaler Ambitionen mit dem Potential von Technologie. Das amerikanische Projekt brauche ein gemeinsames Zielbewusstsein – people want and need a sense of belonging and feeling a part of some thing meaningful that is larger than themselves –  und das bedeute eine enge Zusammenarbeit mit Regierung und Militär.
Palantir hat seine Marke und seinen Ruf über all die Jahre aufgebaut, die Fähigkeit entwickelt, viel Kritik abzuwehren mit der zentralen Aussage, westliche Werte zu unterstützen. Palantir stellt die datenanalytische Infrastruktur bereit, auf deren Basis militärische und sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen werden.

Karp formuliert diese Verschiebungen mit einer ihm eigentümlichen Direktheit: Technologie ist für ihn kein neutraler Fortschritt mehr, sondern Teil geopolitischer Machtbildung – und Unternehmen wie Palantir sind deren operative Infrastruktur.
Der Machtanspruch wird  in einigen Zitaten deutlich, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen:
We are not a commodity. We do not want our customers to be commodities — we want them to be individual titans that are dominating their industry or the battlefield.
Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world, and when it’s necessary to scare our enemies and, on occasion, kill them.
The most important software companies are the ones whose products, as Karp has put it, “power the West to its obvious, innate superiority” and “bring violence and death to our enemies.
Die beiden ersten Zitate stammen aus verifizierten Investorengesprächen und Earning Calls, nicht aus Interviews,  veröffentlicht in Transkript aus  einem Investorengespräch von Bobby Allyn (s.u.) zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch, und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet.

Die gleiche Grundlage – dieselben Algorithmen, die Krankheitsmuster und Konsumverhalten erkennen – identifiziert auch Verdächtige. Die Ambivalenz ist kein Konstruktionsfehler – sie ist das Geschäftsmodell.
Eine gesellschaftliche Aushandlung darüber, welche Verwendung legitim ist, findet nicht statt: Die Systeme sind installiert, bevor die Frage danach gestellt wird. Das bedeutet eine präemptive (vorweggenommene) Unterlaufung gesellschaftlicher Aushandlung – nicht als Nebeneffekt, sondern als Strategie. Präemptive Unterlaufung bedeutet schließlich, dass Palantirs Systeme faktisch implementiert werden, bevor öffentlich verhandelt ist, welche Anwendungen demokratisch legitim sind.
Palantir operationalisiert, was ich andernorts als automatisierte Singularisierung beschrieben hatte – die algorithmische Erzeugung von Einzigartigkeit aus Massendaten. Im Konsumkontext erzeugt das personalisierte Werbung, im militärischen Kontext Zieldaten. Derselbe Mechanismus mit unterschiedlichen Konsequenzen.

In fact, the phases of the AI kill chain used to execute targets in warfare, as described in the Targeting Manual of the US Air Force  —  to find, fix, track, target, engage, and assess  —  are generally analogous to the steps many tech companies use to help deploy data surveillance and AI models on (or for) their customers.. (aus: : Zig, „The Guernica of AI“,zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

Palantir ist kein Sonderfall, sondern Vorreiter einer Entwicklung, in der sich technologischer Fortschritt, staatliche Macht und politische Mobilisierung zu einem gemeinsame amerikanischen Projekt nationaler Grösse verdichten. American Dynamism wirkt dabei als Sammlungsbewegung des Venture Capitals. Technologie wird zur Ressource staatlicher Macht. Der Staat ist nicht mehr übergriffiger Gegner, wie im Cyberlibertarismus, sondern Kunde, Partner oder Medium nationaler Größe. Die Verbindung zur populistischen MAGA scheint so konsistenter als zunächst gedacht.
Mit einem Zitat aus Moira Weigels Analyse der Frankfurter Dissertation Karps lässt sich so schliessen:
Algorithms take the histories of oppression embedded in training data and project them into the future, via predictions that powerful institutions then act on.

 

vgl.  Alexander Karp:  Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur . Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe Universität zu Frankfurt am Main . – The Technological Republic.: Deutsche Ausgabe.  Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. Juli 2025 

Moira Weigel. Palantir Goes to the Frankfurt School– b2o: boundary 2 online. 10.07.2020.  Michael Steinberger: Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat . 11/2025. Dt. Ausgabe. — Paul Morrison: Book Review: The Philosopher in the Valley    – Sebastian Moll: Philosoph des Cyberkriegs. Wie Palantir-Chef Alex Karp, der Neo-Marxist des Silicon Valley, mit KI, Militär und Big Data die Welt neu gestaltet  Jüdische Allgemeine. 3.04.2025 —Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era. 3.05.2025. Stefanie Buzmaniuk: War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Ein Gespräch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede – Le grand Continent  18.03.2026 – Juan Sebastián Pinto: Das Guernica der KI. A warning from a former Palantir employee in a new American crisis . 18.02.2025. –  (Mike in Medium) Palantir’s Techno-Nationalist World View and the Philosophy of Power.  5.11.2025 – Jack McCordick. Alex Karp’s War for the West. The New Republic. 28.02.2025   Tom Nickel: Review: The Technological Republic. Medium 21.05.2025

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp. Dokumentarfilm ARD-Mediathek (bis 1.04.2026) von  Klaus Stern

 



Digitaler Fortschritt und seine Aneignung

Das Freiheitsfenster des Digitalen Fortschritts.  Bild: unplash.com unlimited

Debatten zur Tech-Oligarchie und zur Ausbreitung des Cyberlibertarismus wurden im vergangenen Jahr ausgiebig geführt, ihre ideologischen Genealogien  analysiert. Weniger beschrieben wurde, wie ein digitaler Fortschritt, der über mehrere Jahrzehnte auch als gesellschaftlicher und kultureller Fortschritt erlebt wurde, zu einem Instrument nationaler Machtprojektion werden konnte.

Das Versprechen des digitalen Fortschritts

Digitaler Fortschritt war über mehrere Jahrzehnte ein Metanarrativ – ein Fortschritt, der sich in immer neuen Schüben vollzog, die immer tiefer in den Alltag eindrangen. Die Bilder dieses Fortschritts waren und sind  tief in der populären Kultur verankert: in Science-Fiction, in Computerspielen, in den Visionen einer vernetzten Zukunft, in denen Technologie fast selbstverständlich als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten erschien.
Der technische Fortschritt wurde oft gleichzeitig  als gesellschaftlicher und  kultureller Fortschritt erlebt. Mehrere Mediengenerationen wurden mit der Gewissheit sozialisiert, dass sich mit jeder neuen technischen Innovation Jahr für Jahr Möglichkeiten  erweiterte, zu neuen Lebensstilen und Arbeitsstrukturen.
Digitale Technik entschärfte Hierarchien, sie brachte  den frühen Anwendern einen Vorsprung vor den bestehenden Kontrollregimes.
Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits von Machtakkumulation* – dieser Satz von Anna-Verena Nosthoff bringt eine verbreitete Überzeugung auf den Punkt.
Gefestigt hatte sich diese Überzeugung in den ersten Jahren des Jahrtausends, als sich das offene Netz  gegenüber dem ersten Anlauf eines Internet der Konzerne, dem heute oft vergessenen Internet der Portale, durchsetzte. Medien- und Telekommunikationskonzerne versuchten damals den Internetzugang durch geschlossene Eingangspforten zu kontrollieren. Das offene Web erwies sich aber als  produktiver, dynamischer und attraktiver als jedes Portal.
Google spielte eine besondere Rolle,  die Suchmaschine machte das offene Web erst navigierbar, legte aber die Grundlage für die erste grosse Datenakkumulation: die Vermessung des Interest Graph, die digitale Kartierung dessen, was Menschen interessiert, wonach sie suchen, worauf sie verweisen.
Noch unter der 2. Obama-Präsidentschaft (2012-2016) herrschte die Überzeugung vor, dass die globale Verbreitung eines schnellen Internet zu einer globalen Demokratisierung und zum Zusammenbruch autokratischer Regime führen würde.

Es ist diese lange Geschichte der Verbindung von technischer Faszination und gesellschaftlichen Utopien, die den Blick auf den entscheidenden Kipppunkt verstellte: den Moment, in dem die Logik des Digitalen stärker wurde als die bestehende Ordnung. Die Beherrschung der digitalen Infrastruktur wurde zum neuen Machtzentrum. Entscheidender als die Technik selbst sind die Daten aus der digitalen Vermessung der Welt.

Was als große Ermöglichung begann, erzeugte neue Kontrollstrukturen – diesmal unsichtbarer, tiefer, globaler als die alten Gatekeeper. Digitale  Landnahme, Plattformkonzentration, Überwachungskapitalismus – die Konzentration von Datenmacht in wenigen Händen.
Das Internet war nicht als Governance- System geplant, ist aber faktisch   zu einem solchen geworden. Die Kontrolle bedeutet nicht nur technologische Überlegenheit, sondern Kontrolle über die Bedingungen, unter denen andere handeln. Die digitale Ordnung durchdringt bestehende Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen.

Transformation und ihre Infrastruktur

Ein universelles Muster der Transformation

Die heutige Verwendung des Konzepts Transformation, im Sinne  einer Neuorganisation gesellschaftlicher Grundlagen, geht auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) zurück. Polanyi hatte vor 80 Jahren in The Great Transformation die Durchsetzung des Marktkapitalismus als eine neue Ordnung, die gesellschaftliche Grundlagen reorganisiert, beschrieben.
Polanyi beschrieb einen historischen Mechanismus. Eine neue Ordnung entsteht nicht spontan, sie wird hergestellt – und sie reorganisiert gesellschaftliche Grundlagen, bevor kollektive Gegenkräfte sich formieren können. Entscheidend ist dabei Polanyis Begriff der Doppelbewegung: Die Expansion einer neuen Ordnung erzeugt strukturell Gegenkräfte, weil sie bestehende soziale Lebensgrundlagen bedroht. Das ist kein Optimismus, das ist ein historisches Muster. Die Frage ist nicht, ob Gegenkräfte entstehen – sie entstehen. Die Frage ist, ob sie schnell genug entstehen, welche Ziele sie verfolgen und mit welchen Begriffen sie operieren.

10th anniversary edition – Februar 2026

Einen Polanyi zur Transformation des digitalen Zeitalters gibt es noch nicht. Aber es sind  Muster erkennbar.
Der Technik- und Gesellschaftstheoretiker Benjamin  Bratton hatte bereits 2016 in The Stack: On Software and Sovereignty die globale digitale Infrastruktur als eine planetare Megastruktur, von ihm The Stack genannt,  beschrieben.
Aktuell, im Februar 2026, erschien eine 10th Anniversary Edition mit aktualisiertem Vorwort: KI als neue Stack-Schicht, die Multipolarisierung von Geopolitik und Computation als dasselbe Phänomen. Brattons Prognose ist nüchtern: Was wir bis heute das Internet nennen, werde sich zu kognitiven Infrastrukturen weiterentwickeln. Der KI Stack, so Bratton, wird in einer anderen Welt existieren als unserer.
Stack entstammt der Informatik, und bezeichnet dort eine Schichtenarchitektur von Software und Hardware. Bratton hatte ihn ausgeweitet, so aus einem technischen Begriff einen der politischen Beschreibung gemacht.
Der Stack ist die technische Architektur, durch die eine neue Ordnung  bestehende Souveränitäten durchdringt und neu organisiert. Sinngemäß lautet die zentrale These: Souveränität entsteht nicht nur durch politische Institutionen, sondern durch infrastrukturelle Systeme, die Handlungen ermöglichen oder begrenzen.
Die Infrastruktur dieser neuen Ordnung ist eine zufällige,  aus vielen Einzelentscheidungen entstandene Megastruktur, Bratton nennt sie  Accidental Megastructure. Diese Ordnung ist längst da, bevor die Politik sie bemerkt.
Sie durchdringt bestehende staatliche Souveränitäten, ohne sie formal zu ersetzen, und organisiert zunehmend die Bedingungen politischer und ökonomischer Handlungsmöglichkeiten.

Bratton macht sichtbar, was Polanyi für den Markt beschrieben hat – die neue Ordnung ist konstruiert, aber ihre Konstruiertheit ist weniger sichtbar als die Durchsetzung der Marktlogik, wie sie Polanyi beschreibt. Das offene Internet war ursprünglich als kollektive Infrastruktur konzipiert – als digitales Gemeingut, das niemandem und allen gehört. Der Stack hätte diese Form annehmen können. Stattdessen wurde er zu einer invasiven maschinellen Spezies.
Die unterschiedlichsten Objekte – Orte, Körper, Waren, Bewegungen – werden  in berechenbare Einheiten übersetzt. Es ist eine Form der digitalen Vermessung der Welt als Infrastrukturprozess. Souveränität, so Bratton, wird durch infrastrukturelle Linien geschaffen.

2016, als The Stack erschien, war KI noch kein gesellschaftliches Massenereignis. Die digitale Vermessung der Welt betraf bis dahin vor allem das Soziale: Verhalten, Bewegungen, Präferenzen, Beziehungen. Social Media war die große Vermessungsmaschine der ersten Phase.
2022/23 beginnt mit der Ausbreitung von KI eine qualitativ neue Phase: Die Vermessung greift nicht mehr nur auf soziale Oberflächen zu, sondern auf das akkumulierte Wissen der Menschheit selbst.  LLM systems harvest everything that can be made digital, and then use it to train corporate AI models (Kate Crawford, 2023).

Eine Welt ohne Machtasymmetrien ist nicht realistisch. Entscheidend ist, ob sie verhandelbar bleiben. Die digitale Infrastruktur von heute wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Machtasymmetrien sind der Verhandlung entzogen. Das eigentliche Problem ist die Vorwegnahme des Politischen durch die Architektur der Technik.
Polanyi beschrieb die Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft als demokratische Aufgabe. Heute geht es um eine demokratisch legitimierte Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Dagegen stehen nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ein Fortschrittsbegriff, der sich auf technologische und ökonomische Expansion verengt.
Die Verengung des Fortschrittsbegriffs ist keine Interpretation von außen, sie ist Selbstbeschreibung führender Tech-Ideologen.

American Dynamism – Fortschritt als nationale Macht

American Dynamism: Die Timeline von Fortschritt und Innovation – nach Klick auf neuer Seite in voller Auflösung

American Dynamism ist diese Selbstbeschreibung in institutioneller Form. Zunächst der Titel eines Investmentfonds aus dem Hause Andreessen & Horwitz (a16z), der explizit in  founders and companies that support the national interest investiert.  Schwerpunkte liegen in Verteidigung/ Rüstung, Raumfahrt, Robotik, generell Hard Tech.
American Dynamism ist keine Organisation, der man angehört, sondern eher eine Programmatik/ ideologische Formation, der Akteure zuzurechnen sind. Der Begriff Dynamism selbst soll das Silicon Valley aus der Plattform- und Konsumphase herauslösen und mit industrieller und militärischer Innovation verbinden. Zugleich wird das meiste von dem, was als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wurde, wie Sustainability/ Nachhaltigkeit, Inklusion, demokratische Regulierung, ausdrücklich als Bremse verworfen.
Der Fonds ist die ökonomische Basis, American Dynamism operiert aber gleichzeitig als politisches Lobbying-Programm, kulturelles Narrativ und als Transmissionsriemen zwischen Tech, Kapital und Staat, ausserdem als Konferenzformat, das Pentagon-Offizielle, Kongressabgeordnete und Startup-Gründer zusammenbringt.

Am deutlichsten drückt sich American Dynamism in seinem Bildprogramm aus. Die visualisierte Timeline auf der Website – von den Wright Brothers bis zur Generativen KI – konstruiert eine Kontinuität militärischer und technologischer Macht als amerikanischer Zivilisationsgeschichte. Das Manhattan Project steht gleichberechtigt neben der Mondlandung. Steve Jobs, dessen universalistisches Selbstverständnis dem nationalen Narrativ eigentlich widerspricht, wird reduziert auf das iPhone, sein erfolgreichstes Produkt.
Bezeichnend ist das Fehlen universeller Werte: keine Wikipedia, keine Open-Source-Bewegung, kein partizipatives Web – nichts von dem, was digitalen Fortschritt einmal als gesellschaftliches Projekt erscheinen liess.
Ein Hero Banner Video mit dem Titel  It’s time to build als Einstieg zur Website vervollständigt die heroische Inszenierung mit Drohnen, Raketenstarts, futuristischen Fabriken, Präzisionstechnologie, begleitet von einem Voice Over mit Slogans wie Technology is our birthright, dazu Gesichter von BigTech Grössen, wie Sam Altman und einem verzückten Elon Musk, Techgeschichte als nationale Glorie Amerikas.  Es ist eine Ästhetik, die nicht überzeugen, sondern überwältigen will. Argumente werden nicht ausgetauscht – ein Wille zur Grösse, insbesondere technologischer Grösse wird herausgestellt.

Cyberlibertarismus 2.0

Eine bemerkenswerte Verschiebung der Beziehung zum Staat wird deutlich. Technologie wird nicht mehr primär als Marktinnovation präsentiert, sondern als Voraussetzung nationaler Stärke.  BigTech bewegt sich weg von einer globalistischen Perspektive hin zu einer engeren Verbindung mit nationalstaatlicher Macht. KI wird so als genuin amerikanische Technologie verstanden.
Cyberlibertarismus bedeutete in erster Linie die Freiheit von Regulierung, aber selektiv: Their freedom doesn’t mean your freedom. Eine Haltung, die den Ausbau eines Machtpols ermöglichte. Heute, wo dieser Machtpol gefestigt ist, wird nicht mehr die  Freiheit von staatlichen Macht angestrebt, sondern ihre Kontrolle.
Wie dieser Machtpol Alternativräume schließt, Zukunftsräume bestimmt und ob Gegenkräfte entstehen können – das sind die Fragen eines Folgetexts.

Digitaler Fortschritt ist in seiner derzeit dominanten Form kein Menschheitsversprechen zu einer von allen zu gestaltenden  Zukunft  mehr, sondern Teil machtpolitischer Strategie.

 

Benjamin Bratton    The Stack: On Software and Sovereignty (2016). 2.Ausgabe 2026 —  Planetary Computation’s Next Phase  MIT Press Reader 2/2026.
McKenzie Wark: The Stack to Come. On Benjamin Bratton’s The Stack  12/2016 – im Blog: Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung.  * Anna Verena Nosthoff, In: Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur.: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026

Selbstbeschreibung American Dynamism:  American Dynamism embodies the spirit of innovation, progress, and resilience that drives the United States forward. This powerful force is exemplified by groundbreaking achievements in         technology and innovation, shaping both our nation and the global landscape. It reflects the  American commitment to pushing boundaries, embracing challenges, and always striving for a brighter, more prosperous future. Investing in visionary founders and teams tackling the world’s most pressing problems is essential to fueling this dynamic spirit and ensuring continued progress for generations to come.



Tech-Kapitalismus und die Mythen der Macht

Populäre Mythen in Digitalien. Quelle: Ventil Views. unsplash.com

Der folgende Text verbindet mehrere zeitgeschichtliche Stränge: die gesellschaftliche Bedeutung von Pop- und Subkulturen, ihre Verschränkung mit technologischem Wandel und technologischer Machtentwicklung. Wie konnte aus  digitalen Utopien der Gegenkultur die Tech-Oligarchie von heute wachsen?

Zwei Texte aus der aktuellen Ausgabe des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Schwerpunkt: Technik) brachten mich auf die Idee, diesen Zusammenhang genauer zu behandeln.

Anna-Verena Nosthoffs Die Geburt des Tech-Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur – ein Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Buch Kybernetik und Kritik (15.02.) – knüpft an den Whole Earth Catalog und die Gegenkultur der Bay Area an. Sie bringt die damalige Hoffnung auf den Punkt: Computer erschienen als geeignete Werkzeuge zur Weiterführung ihrer Ziele, als demokratische Traummaschinen. Sie versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung.
Die vollständige Argumentation zur Rolle kybernetischen Denkens wird in ihrem Buch nachzulesen sein.
Marc Drehers Text Zwischen Code und Kultur: Das Silicon Valley als Mythos und Machtmaschine zeigt die Transformation dieser Hoffnung: Historisch gesehen sei das Silicon Valley zwar ein Produkt der subversiven Gegenkultur der 1970er Jahre – angekommen ist es heute in einem libertären Autoritarismus. Technik trägt immer die Werte und Weltbilder ihrer Schöpfer in sich. Sie entscheiden, was sichtbar wird, was unsichtbar bleibt, was messbar und was zählbar ist. Die kulturelle Macht von Technik, so Dreher, beruht gerade darauf, dass sie als Naturgesetz und nicht als sozialer Aushandlungsprozess präsentiert wird. (S. 23).

Die Versprechen demokratischer Teilhabe sind der Ausgangspunkt. Der folgende Text zeichnet die kulturellen Linien dieser Transformation nach, die Herausbildung einer  Geek-Kultur und ihre Verschränkung mit Mythologien.

Die Ursprünge: Gegenkultur und digitale Utopie

Kalifornische Ideologie: Burning Man Festival – Bild: Juan Carlos Ramirez.Unsplash+

San Francisco und die gesamte Bay Area zählten zu den Epizentren des Aufbruchs jener Zeit. Ein kulturelles Klima, in dem nonkonformistische Lebensentwürfe anschlussfähig wurden, hatte sich dort bereits seit den Zeiten der Beatniks der 1950er Jahre ausgeprägt.

Bewegungen mit globaler Ausstrahlung hatten hier ihren Ausgangspunkt. Ohne Beatniks, Hippies, Kommunarden und Gay Liberation hätte es die frühe digitale Kultur nicht in dieser Form gegeben. Sie schufen soziale und kulturelle Voraussetzungen und brachten eine Offenheit gegenüber alternativen Lebens- und Organisationsformen mit sich. In dieses Klima alternativer Bewegungen reihte sich die frühe digitale Kultur, als  Cyberculture  ein.
Auch die massive Präsenz psychedelischer Drogen, insbesondere LSD, wird mit der Lockerung hierarchischer Zwänge und einer gesteigerten Offenheit für neue Denk- und Organisationsformen in Verbindung gebracht. Exzentrik wurde nicht sanktioniert, sondern als Innovationskraft gefeiert.

Oft erwähnt wird der  Whole Earth Catalog (Statement: We are as gods and might as well get good at), der sich als Brücke zwischen Hippie-Ethos und Technologie verstehen lässt. Von seinem Backcover stammt der oft mit Steve Jobs verbundene Spruch stay hungry, stay foolish, eine Verbindung, die Apple unter Jobs meisterhaft für sein Marketing nutzte. Sie sprach insbesondere ein Klientel an, das sich selbst als kreative Elite verstand.

Das Ecosystem: Kultureller Kitt und ökonomische Macht

Die Gegenkultur bzw. Cyberculture ist die eine Seite. Eine Geschichte,  die das Silicon Valley selbst gern erzählt und auf die es gern zurückgreift. Mit Nachwirkungen im Stil und im Selbstverständnis, als Referenz in Marketingkampagnen. Die damit verbundene Ästhetik der Rebellion wird gerne hervorgehoben – sie passt zu gut zur Inszenierung als kreative Rebellen.
Ein kultureller Kitt, der das Ecosystem des Silicon Valley zusammenhält. Dieses Ecosystem besteht aus mehreren Elementen: der Talent-Pipeline der Universitäten (Stanford, Berkeley), dem Venture Capital, einer Infrastruktur spezialisierter Dienstleister – und eben jenem kulturellen Mythos, in dem Rebellion zur Corporate Identity wurde und sich langsam zum Gestus der Disruption wandelte.
Dieser Mythos wirkt wie ein Magnet für Talente weltweit und kaschiert gleichzeitig die harten ökonomischen Abhängigkeiten.

Um zu einem Innovationszentrum mit globaler Ausstrahlung zu werden brauchte es gewaltige finanzielle Mittel, die zunächst u.a. aus dem Verteidigungshaushalt der USA stammten und die Forschungslandschaft der führenden Universitäten. Börsengänge spielten seit den 1980er Jahren eine wachsende Rolle, und ab einem bestimmten Zeitpunkt war es das aggressive Risikokapital, das die Ausrichtung der Industrie bestimmte.

Der Kipppunkt: Wenn die digitale Ordnung die Macht übernimmt

Damit verändert sich die Struktur der Macht selber. Digitale Infrastrukturen werden selber zur Ordnung der Macht.  Sichtbarkeit, Relevanz, Zugänglichkeit, Einfluss und Wert werden neu sortiert. Macht liegt nicht mehr zwingend in Befehlsgewalt, sondern in der Fähigkeit, Relationen zu strukturieren.
Ein Kipppunkt liegt dort, wo die digitale Ordnung der Dinge bedeutender wird als die bislang bestehende – wenn digitale Infrastrukturen so zentral werden, dass Digitalunternehmen die Regeln festlegen, nach denen sich andere richten müssen.
Sichtbar wurde dieser Kipppunkt etwa mit dem Verschwinden der Maxime Don’t be evil  aus dem Verhaltenskodex von Google (2015).

Cyberlibertarismus: Von der Utopie zur Oligarchie

Seit der Allianz von MAGA und Tech-Eliten gibt es einen besonderen Erklärungsbedarf – wie konnten aus techno-utopischen Ideen oligarchische Machtstrukturen wachsen?

Vor einem Jahr hatte ich unter dem direkten Eindruck der Ereignisse rund um die Trump’sche Inauguration Cyberlibertarianism -The Right-Wing Politics of Digital Technology von David Golumbia gelesen und besprochen (Link zur Rezension). In seinem Kern gründet Cyberlibertarismus auf der Überzeugung, dass digitale Technologie außerhalb der Kontrolle demokratischer Regierungen stehen sollte – also auch jenseits demokratisch legitimierter politischer Souveränität.
Golumbias Werk ist ein Schlüsseltext zu den zunächst widersprüchlich erscheinenden Freiheitsbegriffen rund um die Techkultur. Freiheit wird als Abwesenheit von Regulierung, nicht als Fähigkeit zur Teilhabe verstanden.

Einige Elemente der frühen Cyberculture führen heute ein Eigenleben – mit umgekehrten Vorzeichen. Die radikale Ablehnung staatlicher Einmischung, wie sie sich etwa in Declaration of the Independence of Cyberspace (1996) zeigt, richtete sich gegen Regierungen, die ein marginales Internet regulieren wollten. Heute richtet sich dieselbe Rhetorik  (vgl. das Techno-Optimist Manifesto von Marc Andreessen, 2023) gegen demokratische Kontrolle von Unternehmen, die nach globalen Monopolen streben.
Aus den Free Speech Activists wurde die Parole Free Speech. Erstere meinten das Bürgerrecht, gehört werden zu können – den Zugang zum öffentlichen Raum. Heute nutzen Tech-Oligarchen den Slogan Free Speech als Argument, um Regulierung durch ( demokratisch legitimierte) Staaten zu verhindern.

Geek-Kultur: Vom Außenseitertum zum globalen Resonanzraum

In Le Pouvoir des Geeks von Damien Leloup, Tech-Journalist bei Le Monde, geht es um den Aufstieg der Geek-Kultur von einer randständigen Subkultur zu einer prägenden Kraft, die mittlerweile in Führungspositionen von Politik und Wirtschaft angekommen ist.
Ursprünglich waren Nerds und Geeks³ eher das Gegenteil von cool. Ihr Habitus war nicht rebellisch, eher markiert durch soziale Ungeschicklichkeit, Regelbefolgung, einen Rückzug ins Technische oder Fiktionale.

Erst in der Tech-Kultur wurden Geeks cool, nicht trotz, sondern wegen dieser Eigenschaften. Geek-Kultur entwickelte sich als Habitus, der in den  Ecosystemen der Digitalwirtschaft – nicht nur im Silicon Valley, sondern weltweit – sein Habitat fand: intensive Beschäftigung mit Coding, Gaming und komplexen Systemen, eine hohe Toleranz gegenüber Unfertigem, experimentellen und spekulativen Entwürfen, eine starke Verbindung zu fiktiven Welten. Ein Habitus, der zu den Strukturen von Startups, Venture Capital und Plattformökonomie passt.
Geek-Kulturen werden so zum Labor technischer Innovationen. Was hier akzeptiert wird – etwa VR-Gadgets, neue Interfaces oder spekulative KI-Anwendungen – gilt als kulturell anschlussfähig. Aus Spielerei wird Möglichkeit, aus Exzentrik Marktwert. Dass Risikokapitalfirmen diese Kulturen aufmerksam beobachten, ist kein Zufall.

Leloup, der sich selber in der Geek-Kultur verankert sieht, versteht Geeks als eine Meta-Gemeinschaft, vereint durch Begeisterung für Technik, Fantasie, intellektuelle Neugier und Toleranz, sichtbar nach außen in einem typischen Style – Hoodie statt Anzug, Nerd-Chic, Symbolik aus Games und Fiktion – und zugleich getragen von einem Habitus, der Machtunterschiede verschleiert: Der Milliardär im Hoodie, wie etwa Marc Andreessen, ein Prototyp des Alpha-Geek inszeniert sich als Aussenseiter, obwohl er die Regeln des Spiels bestimmt.
Tech-Oligarchen wie Elon Musk, Peter Thiel, Alexander Karp stilisieren sich nicht als Kapitalisten, sondern als Sonderlinge mit Vision. Leloup beschreibt Musks Selbstinszenierung treffend als le petit face au grand, obwohl er der reichste Mensch der Welt ist.
Meta-Chef Marc Zuckerberg lässt sich nur bedingt einreihen, zwar ebenso in der Geek-Kultur verwurzelt, ist seine Haltung weitaus mehr von Opportunismus bestimmt. 

Tech-Oligarchen lassen sich nicht ohne die Geek-Kulturen verstehen, die ihre Persönlichkeiten, Werte, Ängste und Träume geformt haben. Leloup vermerkt, dass auch die Neue Rechte erkannt hat, dass diese Kulturen eine Machtbasis darstellen und dass bestimmte Elemente innerhalb dieser Gemeinschaften für politische Zwecke nutzbar sind.
Steve Bannon hat sich mehrfach explizit über zentrale Referenzen der Geek‑Culture definiert: Er bezeichnete sich selbst als Darth Vader und sprach davon, dass Trump von working class hobbits and deplorables gewählt worden sei.

Das bedeutet nicht, dass Geek-Kulturen einem bestimmten politischen Lager zuzuordnen ist. Sie bilden vielmehr einen kulturellen Referenzraum, der weit über einzelne Werke oder Franchises² hinausgeht. Es ist Geflecht aus technischen Praktiken (Coding, Gaming), ästhetischen Codes (Sci-Fi-Ästhetik, Nerd Chic, Hoodie statt Anzug) undsozialen Formationen (Fan-Communities, Conventions).
Dass Science Fiction, ebenso wie VR-Welten auf Begeisterung stossen ist naheliegend. Auffallend ist dagegen der ausgeprägten Bezug zu Großmythologien wie Der Herr der Ringe oder Star Wars. 
Zusammengenommen entsteht daraus ein sehr spezifisches kulturelles Kapital, das Sinn, Identität und Legitimation stiftet. Dass Firmen wie Palantir oder Mithril Capital ihre Namen direkt aus Tolkiens Mythologie entlehnen, ist ein Ausdruck dieses Referenzraums.

Mythen und Endzeit-Theorien

AGI als technologischer Mythos. Bild: Steve Johnson unsplash +

Diese Mythen liefern nicht nur ästhetische Motive, sondern auch Erzählungen von Macht, Ordnung, Ausnahme und Sendungsbewusstsein, die in der digitalen Elite anschlussfähig sind.  Star Wars und Herr der Ringe sind beides Grosserzählungen, die im 20.Jahrhundert konstruiert wurden- bombastisch, wabernd, überwältigend, Mythen der Macht. In ihrer Art und Wirkung erinnern sie an Wagner-Opern, die im 19. und 20. Jahrhundert die politische Imagination beeinflussten.

Die Macht der Tech-Oligarchie erwächst aus der ökonomischen Aneignung von technischem Fortschritt. Aber auch aus der kulturellen Aneignung von Zukunft. Der Begriff Futures Appropriation, übersetzbar als vereinnahmte Zukünfte, markiert den Anspruch, dass Tech, vermittelt durch Digitalkonzerne,  Zukunft gestaltet, die Lösung anstehender  Probleme sichert.
Bombastische Mythen aus dem  20. Jahrhunderts, angesiedelt in der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft – Tolkien, Star Wars – liefern  narrative Grundmuster: Auserwählte, dunkle Mächte, technische Artefakte mit der Kraft zur  Weltveränderung, finale Schlachten.
AGI –  Artificial General Intelligence fügt dieser Reihe einen neuen Eintrag hinzu: die denkende Maschine als ultimatives Artefakt. In ihr bündeln sich frühere Technikmythen, nun verdichtet zur Erzählung vom Endpunkt kognitiver Evolution. Ob realisierbar oder nicht, ihre kulturelle Wirkung ist bereits mythisch. Die Vertiefung bleibt einem eigenen Text vorbehalten.

Neo-Philosophien, die im Silicon Valley kursieren (oft unter dem Akronym TESCREAL zusammengefasst), liefern eine scheinbar rationale Übersetzung. Mythen und Theorien operieren mit denselben Strukturen: apokalyptischer Zeitlichkeit (der Bruch steht bevor), elitäre Auserwähltheit (wir sind die, die es verstehen), Weltveränderung durch Technologie (nicht durch demokratische Politik), Entwertung der Gegenwart zugunsten eines transzendenten Ziels.

Eine Gegenüberstellung der Neo-Philosophien, wie sie u.a. als Akzelerationismus (Geschichte als unaufhaltsamer Zwangslauf in Richtung technologischer Eskalation),  Solutionismus (Komplexe soziale Probleme werden auf technisch lösbare Aufgaben reduziert) oder Longtermismus (Legitimation gegenwärtiger Opfer zugunsten einer fernen, höheren Zukunft) in Umlauf sind, würde den Rahmen dieses Formats sprengen. es ist ein neues, eigenes Thema.
Was sie jedoch mit den beschriebenen Mythologien verbindet, ist ein gemeinsamer Effekt: die Erzeugung von Überwältigung. Es sind Narrative von solcher Totalität, dass Widerspruch nicht als Kritik erscheint, sondern als Unverständnis.

Warum interessiert uns diese Entwickung so sehr? 

Es ist unsere Zeitgeschichte, eine Ko-Evolution von digitaler Technik, gesellschaftlicher Entwicklung und populärer Kultur. Digitaler Fortschritt prägt seit fast 50 Jahren unsere Welt in immer neuen Schüben, erweiterte Möglichkeiten, eröffnete Lebensentwürfe, verschiebt Machtverhältnisse.
Die Digitalwirtschaft des Silicon Valley wuchs zu einer der mächtigsten ökonomischen Konzentrationen der Geschichte, heute hat sie imperiale Züge mit erkennbarem  Grössenwahn.
Computer versprachen unmittelbare Partizipation, individuelle Teilhabe sowie gänzlich neue Organisationsformen jenseits jeder Machtanhäufung (Nosthoff). Entstanden sind neue Organisationsformen mit Machtanhäufung. Die Struktur ist neu – Plattformen, Algorithmen, digitale Ecosysteme. Aber nicht als  demokratische  Traummaschine, sondern als Konzentration von Macht in oligarchischen Händen.
Das heißt nicht, Zukunft oligarchischen Unternehmen zu überlassen, sondern sie zu gestalten. Technik ist kein Naturgesetz, sondern sozialer Aushandlungsprozess (vgl. Dreher). Digitale Technik ist kein externer Faktor, sondern Teil langfristiger gesellschaftlicher Prozesse. Zukunft entsteht nicht durch technologische Überwältigung, sondern durch demokratische Aushandlung und Gestaltung.

 

David Golumbia: Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology, 481 S. (Rezension – 27.01.2025)11/2024. Anna-Verena Nosthoff: ¹Die Geburt des Tech Kapitalismus aus dem Geist der Gegenkultur. Marc Dreher: Zwischen Code und Kultur. Das Silicon Valley alsMythos und Machtmaschine,  – beide in: agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin .01/2026 – Technik. Damien Leloup : Le Pouvoir des Geeks. Comment la contre-culture est devenue une arme politique. Les Arènes 01/2025 . Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie wie wir sie kennen.  01/2026 . ¹Annekathrin Kohout: Nerds – Eine Popkulturgeschichte., München 2022. 272 S. Embracing the Outliers: How Tech Geeks Reshape Modern Business and Cultural Landscapes.
²im Kontext der Geek Culture bedeutet Franchise ein erweitertes Medienuniversum, das aus einem ursprünglichen Werk (z. B. Film, Buch oder Spiel) hervorgeht und durch Lizenzen in zahlreiche Ableitungen expandiert.
³ Nerds und Geeks sind zwei unterschiedliche Ner- und Geek-Kultur unterscheiden sich vor allem in ihrer Ausprägung von Fachwissen, Sozialverhalten und Lebensstil. Nerds gelten oft als tief in einem Nischenthema versunkene Introvertierte, während Geeks diese Leidenschaft extrovertierter und sozialer ausleben.



Vibe Shift und Resilienz … zur Bloggerkonferenz am 19. 12.

Die Hoffnung gibt sich nicht auf – eigenes Bild

Zum Jahresende treffen Call-for-Papers ein. Das Motto der re:publica 2026 setzt vorab  den Ton: Never gonna give you up. Es geht um Resilienz – Nicht aufgeben, Haltung zeigen und Räume zurückgewinnen, die verbinden.
Bis Mitte Januar bleibt noch Zeit einen Vorschlag einzureichen.

Bis zur Bloggerkonferenz sind es dagegen nur wenige Tage. Tech- Journalist Thomas Riedel lädt zum zweiten Mal ein. War es im letzten Jahr noch eine Bestandsaufnahme – Was ist die Zukunft des Bloggens und hat Bloggen eine Zukunftklingt es in diesem Jahr substantiell: Thema Hoffnung.

Mir fällt als erstes die Büchse der Pandora ein, aus der zuletzt die Hoffnung entweicht, nachdem sich die Plagen auf der Welt verbreitet hatten. Eine bescheidene Tugend, die Leid ertragen lässt, oft religiös verbrämt. Dort tritt sie im Trio auf: Glaube, Hoffnung, Liebe. Als Kind hatte ich es so gelernt – zusammen mit der Religion, die später vom Leben überlagert wurde.
Hoffnung ist wohl nicht die passende Haltung, eine passive Konnotation ist zu stark. Die Ereignisse des Jahres 2025  zeigen an, dass wir uns in einer historischen Phase von Umschichtungen befinden, in der Machtpositionen und Gewalt wieder verstärkt das Weltgeschehen bestimmen. 

  • Die Einschätzungen sind keine isolierten Erscheinungen. In seinem kürzlich erschienenen Buch Liebe!  Ein Aufruf ruft der Schriftsteller Daniel Schreiber zum aktiven Widerstand gegen eine Kultur des Hasses auf. Deren Rhetorik hat den politischen Diskurs gekapert. Unser Zusammenleben ist wieder von mehr Gewalt geprägt. Der rechte Rand hat es vollbracht, aus einem Wort zum guten Menschen – woke – ein Schimpfwort zu machen. Wie kann es gelingen, zu einer politischen Haltung zu finden, die dem sich ausbreitenden Klima des Hasses etwas entgegenzusetzen vermag?
    Der Soundtrack der Zeit hat sich verändert. Wir stehen in einer  grundlegenden Transformationsperiode, die mit neuartigen Verteilungskämpfen und beträchtlichem Wohlstandsverlust einhergeht.

Resilienz, Hoffnung, Liebe – das ist keine Flausch-Rhethorik zur Weihnachtszeit.  Eher eine Antwort auf das, was sich im vergangenen politischen Jahr so massiv verschärft hat. Ein kultureller Backlash hat politische und technologische Macht errungen. Ein Machtsystem wächst zusammen, das sich genau gegen das wendet, was in den letzten Jahrzehnten als gesellschaftlicher Fortschritt galt.

Vibe Shift – wieder ein neues Buzzword.  Ursprünglich waren subtile kulturelle Verschiebungen in Mode, Musik oder Lebensstil gemeint. Etwas, was Trends altern und neue aufkommen lässt.
Der Historiker Niall Ferguson – ein Trump-Unterstützer – deutete den Begriff um: Er meint damit den Richtungswechsel des Silicon Valley nach rechts. Tech-Eliten verbünden sich mit autoritärem Populismus. Machtzentren verschieben sich. Das Bewusstsein, nicht nur ein technologisches und ökonomisches, sondern auch politisches und kulturelles Machtzentrum zu sein, begünstigt eine imperiale Logik. Liberale Demokratie wird ausgehöhlt.

Diese Themen und die Diskussionen dazu haben das ganze Jahr 2025 bestimmt   – und sich auch in diesem Blog niedergeschlagen. Bevor ich sie nochmals zusammenfasse, verweise ich auf drei Texte:   
Tech- Faschismus – Ein Mash-Up als Machtsystem
 beschreibt, wie autoritärer Populismus und Tech-Oligarchie zusammenfinden.
Cyberlibertarianism
analysiert die ideologischen Wurzeln der Tech-Rechten – eine Ideologie, in der techno-utopische und marktradikale Ideen zu einer Fundamental-Opposition gegen jede gesellschaftliche Regulierung des Internet verwachsen.
Das politische Jahr 2025
blickt anhand prägender Bilder auf das gesamte Jahr zurück. 

In Deutschland (und Europa) gibt es keine einheimische Tech-Oligarchie. Der Rechtstrend der AfD ist nicht tech-libertär, sondern  völkisch-national.
Der Vibe Shift zeigt sich in einem Retro-Industrialismus, zu beobachten in Teilen der Union und in Wirtschaftsverbänden. Ein kultureller Rückwärtsgang, statt Zukunftsgewandtheit werden Ressentiments gegen Veränderung kultiviert, gegen die zweifache Transformation (auch twin transformation) – die gleichzeitige digitale und nachhaltige Erneuerung.

Macht man diesen Shift in Bildern fest, zeigt er sich etwa im Jubel des EVP-Vorsitzenden Manfred Weber, als er im Brüsseler Europaparlament mit seiner Fraktion das Aus vom Verbrenner-Aus  durchsetzte. Oder in der persönlichen Aggressivität, die Robert Habeck bei der Blockade der Fähre während der Bauernproteste vor einem Jahr entgegenschlug. Es war der Moment, in dem eine Mehrheit der Protestierenden den Übergriff von Rechtsradikalen duldete.

Ob uns das Buzzword Vibe Shift erhalten bleibt, ist zweitrangig. Erkennbar wird eine Verlagerung von Machtzentren, verbunden mit einer Erosion traditioneller Organisationen. Auch wenn das deutsche Parteiensystem im europäischen Vergleich noch stabil wirken mag – die Gewissheiten erodieren.

Welche Perspektiven birgt das Bloggen in dieser Gemengelage? Was an Hoffnung? Was an Widerstand gegen eine Kultur des Hasses? Was an demokratischer Resilienz?

Blogs sind Autoren-Medien, Owned Media ihre Stärke liegt darin, eigene Narrative zu setzen. Sie sind Inseln in einem algoritmisch gesteuerten Meer, Personenmarken inmitten von Slop, dem KI-generierten Müll,   alternativen Fakten und algorithmisch verstärkter Polarisierung.  Blogs verteidigen die Hoheit über unsere eigenen Geschichten.

Die erste Blüte der Blogs vor nun 20 Jahren fiel in die Zeit nach dem Scheitern des heute oft vergessenen Internet der Portale. Das Web 2.0. öffnete ein Freiheitsfenster und verstand sich basisdemokratisch.  Auch  die Re Publica hatte 2007 als  Bloggerkonferenz begonnen und wuchs in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Medienkonferenzen heran.

Blogger erwarben oft ein Vorsprungwissen darüber,  wie dieses Internet sozial und kulturell funktionierte. Sie entwickelten Kompetenz in neuen Feldern, die sich vermarkten liessen.  Online-Reputation,  Life-Streaming, Community-Management, Netnographie oder auch Spatial Realities sind solche Beispiele.

Es folgte die Begeisterung für Social Media – insbesondere Twitter. Doch die Plattformen sind nicht mehr neue Möglichkeiten, sondern faktische Monopole.

Gute Texte machen Arbeit. Und genau diese Arbeit, das Ringen und Entwickeln von Gedanken, statt das Generieren von Wahrscheinlichkeiten ist die dringend gebrauchte Resilienz.

Ein paar Fragen schliessen sich an:

Sind Blogs heute noch Orte öffentlicher Gegenmacht – oder faktisch Nischen für Gleichgesinnte?
Stellen wir Öffentlichkeit her – oder sind wir bloß Content-Zulieferer für Plattformlogiken?
Was ist unser realistischer Anspruch und wie setzen wir ihn um? z.B. Gewinn von Kooperationspartnern und Auftragebern?  Das Setzen von Narrativen? Brauchen wir Vernetzung bzw. findet sie überhaupt statt?



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