Kultur der Digitalität (Rezension)

“Fast drei Jahre Arbeit für mich, kaum ein Tag lesen für euch. Hoffentlich ein fairer Deal.” Ganz so schnell und flüssig, wie in seinem Blog angekündigt, liest und erschliesst sich Kultur der Digitalität, immerhin 283 Seiten, des Schweizer Medienwissenschaftlers Felix Stalder nicht. Das Buch erschien bereits im Mai 2016, so wurde schon einiges dazu gesagt und geschrieben – aus unterschiedlichen Perspektiven.
Kultur ist ein Begriff mit mehreren Bedeutungsebenen. Zum einen die kulturelle Produktion und Rezeption, die sich in Sparten gliedert, zum anderen eine Art Formatierung von Gesellschaft und Teilgesellschaften – in begrifflicher Konkurrenz zu Zivilisation. In den Cultural Studies gibt es die Formel “the whole way of life of a group of people”. Wir sprechen von Hochkultur, Volkskultur, Pop(ular)kultur, von Subkulturen und Unternehmenskulturen, von Esskultur, Nutzungskultur, Kulturwirtschaft  und manchmal auch digitaler Kultur. Mit letzterer sind mal Games und andere Sparten, deren Werkstoff Software ist, mal die Standards im Umgang mit digitalen Medien und Techniken gemeint.

Kultur der Digitalität meint die von einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur geprägte Lebens- und Arbeitswelt. Das Buch besteht aus drei Teilen: Der erste handelt von den Wegen in die Digitalität – den Voraussetzungen;  im zweiten  geht es um die Formen, erkennbare Eigenschaften die kulturelle Prozesse in der Digitalität annehmen; im dritten Teil um politische Perspektiven: Postdemokratie und Commons.
In einem Interview präzisiert Stalder seine Begrifflichkeit von Kultur als der Summe aller Aushandlungsprozesse geteilter Bedeutung: über das, was schön ist und was nicht, was erlaubt oder verboten, was wichtig und was unwichtig ist, etc. (16). Solche Prozesse finden in der gesamten Gesellschaft ebenso wie in Teilbereichen statt. Manche Themen sind abgeschlossen, andere offen bzw. umstritten. Kultur ist nichts Statisches, sondern ein Feld der Auseinandersetzung.
Digitalität ist das Muster, die Ordnung, die diese Prozesse angenommen haben. Keine einseitige Folge technischer Innovationen, die neuen Technologien trafen auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse (21), die in die vergangenen Jahrzehnte zurückreichen. Die Wurzeln reichen ebenso in die Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre, wie in neoliberale Ideen und Politik. Wenn auch mit unterschiedlichem Hintergrund operierten beide mit Begriffen der persönlichen Freiheit und gesellschaftlicher Flexibilisierung.
Waren diese Entwicklungen zunächst nur in Nischen spürbar, durchdringen sie nun die Gesellschaft als Ganzes.  Digitalität verweist auf die neuen Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung von Akteuren, Inhalten und Ideen, ein relationales Muster, das bestimmend wird (18). Expressivität, die Fähigkeit Eigenes zu kommunizieren (93), wird nun zu einer Kompetenz, die von allen erwartet wird, Filterung und Bedeutungszuweisung zu Alltagsanforderungen.

Digitalität

Drei kulturelle Formen der Digitalität sind zentral:
Referentialität meint die “Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion” – wir kennen es zum einen aus Remixes, Collagen, MashUps, Coverversionen, Inszenierungen wie Cosplay: Einzelne Elemente, oft aus dem Fundus der Popkultur werden mit neuer Bedeutungszuweisung zusammengeführt.
Im Netz werden fremderstellte Inhalte kuratiert bzw. in den eigenen Kontext eingebunden, das reicht von der anmoderierten Verlinkung bei Twitter zu kuratiertem Journalismus und Content. Pinterest sowieso. 
Gemeinschaftlichkeit Die großen Mechanismen der Vergesellschaftung verlieren an Einfluß – explizite normative Zwänge nehmen ab, implizite ökonomische zu. Die einst prägenden Organisationen lassen in ihrer Bindungskraft nach – so Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Vereine. Stalder orientiert sich am empirischen Konzept der Community of Practice: informeller, aber strukturierter Austausch, gerichtet auf neue Wissens- und Handlungsmöglichkeiten, reflexive Interpretation der eigenen Praxis (136).
Immer mehr Menschen können und müssen zwar selbstverantwortlich handeln, ohne jedoch auf die Bedingungen, die soziale Textur, unter denen dies geschehen muss, Einfluss nehmen zu können. Persönliche Positionierung im eigenen Netzwerk wird bedeutsam, die Frage “Wer ist in meinem Netzwerk und was ist meine Position darin?” (140) kommt auf. Im gelungenen Falle geht es um flexible Kooperation.
Algorithmizität Ohne auf Algorithmen beruhende automatisierte Verfahren wären die Möglichkeiten der digitalen Welt kaum nutzbar. Als automatisierte Personalisierung steuern Algorithmen Werbung, mit Zuordnungen und Sortierungen beeinflussen sie kulturelle Prozesse. Und ihre Bedeutung nimmt in immer komplexeren Vorgängen zu, z.B. in der Automobilität.
Der dritte Teil des Buches ist Ausblick mit den Kontrasten Postdemokratie und Commons. So folgt der Aufstieg der kommerziellen sozialen Massenmedien keinem technologischem Imperativ, sondern Folge einer spezifischen politisch-ökonomisch-technischen Konstellation (209).

Kultur der Digitalität ist ein weitgefasster Entwurf zur Entwicklung der digitalen Gesellschaft. Nicht im Sinne der technischen Durchsetzung – sondern dem ihrer Textur, der grundlegenden Strukturierung. Es gibt einen großen Bogen von der beginnenden Transformation bis hin zur Postdigitalität. Themen wie die Wissensökonomie, Erosion der Heteronormativität, Postkolonialismus werden behandelt. Manches entspricht dem, was anderswo als  Prozesse der  Individualisierung und Informalisierung beschrieben wird. Das Werk von Manuel Castells (Die Netzwerkgesellschaft) und das Modell des Neuen Sozialen Betriebssystems  stehen im Hintergrund.

Das grundlegende Thema bleibt die Verhandlung von sozialer Bedeutung in kulturellen Prozessen. Kultur der Digitalität lässt sich auch in Anlehnung an Norbert Elias als ein Prozess der Digitalisierung verstehen. Der Satz “Das Feld der Kultur ist von konkurrierenden Machtansprüchen und Machtdispositiven durchzogen” (17) erinnert zumindest an das Konzept der Machtbalance.
Ausgangspunkt des Buches ist MacLuhans These vom Ende der Gutenberg-Galaxis, vom Ende des Buches als Leitmedium. Es zeugt von dessen Langlebigkeit, wenn auch solche Texte als Buch (und E-Book) erscheinen. Edition Suhrkamp kann als Referenz zu den sozial- und geisteswissenschaftlichen Autoren gelten, die in den vergangenen Jahrzehnten darüber Verbreitung fanden. Was man vermisst ist ein Literaturverzeichnis. Quellen und Zitate sind zwar mit Fussnoten gut dokumentiert, ohne ist das Querlesen  aber mühsam.

Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679;  283 S., 18 € 



Consumer Tribes revisited

Consumer Tribes erschien bereits vor zehn Jahren (2007), damals hatte ich eine ausführliche Rezension geschrieben. Die Gedanken und Konzepte, die beschriebenen Muster treten aber immer wieder hervor – bei der Bestimmung von Forschungsfragen in der Netnographie, in Diskursen zu Online- Vergemeinschaftung und Mikro- Öffentlichkeiten, zu Szenen, wie Makern, Fankulturen oder denen, die sich ums Essen bilden – so lohnt sich eine aktualisierte Betrachtung. Selber kenne ich nur wenige Bücher, die für Soziologie und Marketing gleichzeitig spannend sind, beide Felder gelungen miteinander verbinden.
Der Sammelband enthält 16 einzelne – sehr lesenswerte -Stories von Consumer Tribes plus einige konzeptuelle Kapitel der Herausgeber und des begrifflichen Urhebers der Neo-Tribes, dem französischen Soziologen Michel Maffesoli („Le temps des tribus. Le déclin de l’individualisme dans les societés postmodernes“, 1988).  Die Beiträge reichen von klassischen  Brand Communities, wie zu Harley Davidson, Fan Communities zu Harry Potter oder Star Trek, solchen zu nachhaltiger New Consumption und solchen aus der Gothic– Szene und einer Fetisch-Community etc. – und sie sind international zusammengestellt.
So unterschiedlich die Fallstudien sind, sie teilen strukturelle Merkmale. Es sind informelle Gemeinschaften, die sich über gemeinsame Interessen, oft Objekte und Produkte bilden. Das können Marken oder Medien sein – müssen es aber nicht. Entscheidend ist die Verbindung, die durch das gemeinsame Erleben entsteht. Bourdieus Begrifflichkeit des kulturellen, bzw. in einigen Fällen subkulturellen Kapitals spielt eine Rolle. Distinktion bedeutet nicht nur Abgrenzung und Ausschluß, sondern auch Inklusion über das gemeinsame, es geht um die Teilhabe an einem jeweils spezifischen Wissen – in-the-know.

Cosplayer inszenieren sich wirkungsvoll

Tribes zeichnen sich durch eine gemeinsame Ästhetik aus. Das Konzept steht in einem gewissen Kontrast zu dem der Subkultur, das die Abgrenzung von einer Mehrheitskultur betont. Maffesoli verstand Punks als Musterbeispiel eines Neo-Tribes.
Weitreichende Resonanz fand das Konzept in den Cultural Studies, die sich vorwiegend mit Popularkultur  – the whole life of a group of people – befassen. Oft geht es um Fankulturen zu Popmusik, Filmen und TV- Serien. Ein Beispiel ist etwa die StarTrek Fankultur. Star Trek gilt als ein Phänomen der Medien- und Konsumkultur und wurde als the most successful and lucrative cult phenomenon in television history bezeichnet. Consumer Tribes erweitert die Vorstellung solcher Vergemeinschaftungen auf solche, die auf Konsum beruhen. Zumindest vor zehn Jahren war das bekannteste Beispiel die Apple Fan- Community.

Im Barbershop

Was macht den Ansatz und das Thema auch nach zehn Jahren interessant? Wahrscheinlich am meisten der Punkt Tribes as Entrepreneurs – der das innovative Potential solcher Vergemeinschaftungen betont.
Vor allem, wo es ums Essen geht, findet man Tribes zu allen Themen: Ob Kaffee, Bier (CraftBeer), Schokolade, Limonaden, Streetfood, Fleisch oder vegan  – die Muster sind ähnlich: Unzufriedenheit mit dem industriellen Massenangebot bringt Menschen dazu, selber zu produzieren, ein hochentwickeltes Fachwissen verbreitet sich. Produzenten, Kunden, Händler, Blogger verstehen sich als Teil einer Gemeinschaft, die die Begeisterung für ein Produkt,  dessen Geschichte und Geschmackserlebnisse teilt. Das Internet ist nicht die Ursache solcher Entwicklungen, aber es begünstigt sie. Kennzeichnend sind fließende Grenzen und Mitgliedschaften. Trends verbreiten sich, Großunternehmen greifen sie auf, bleiben aber mit ihren Angeboten außerhalb.  Eine weitere Szene: Maker – hier geht es um handwerkliche Produzenten von Kleidung und Accessoires, wie Krawatten, von Möbeln und Designobjekten – Manufakturwaren.

Bei all diesen Tribes geht um eine gemeinsame Ästhetik, ob visuell oder kulinarisch. Anders als in vergangenen Jahrzehnten spricht niemand von Gegen- oder alternativer Kultur. Natürlich lässt sich das Konzept der Tribes weiterführen. Fahrradkultur, Grillkultur sind weitere Felder. Die Muster gleichen sich.

Jahrzehntelang war es v.a. Pop- Musik und die damit verbundenen ästhetischen (auch sozialen und sexuellen) Erfahrungen, an der sich Vergemeinschaftungen bildeten:    „Wie bildet Pop-Musik soziale Einheiten, Gangs, Szenen, Milieus, Subkulturen und Gegenkulturen, wie generiert sie das, wofür sie mehr als für ihre ästhetischen oder kulturellen Meriten studiert zu werden verdient: soziale Tatsachen und -so glaubten ja einst Gegner wie ihre Unterstützer – Gefahren?“ (Diederichsen, D. „Über Pop-Musik“, S. 375). Das hat sich wahrscheinlich verschoben, manche sprechen auch vom Essen, als dem neuen Pop.

Cova, Bernard; Kozinets, Robert V.; Shankar, Avi (Hrsg.): „Consumer Tribes“, Butterworth Heinemann, Oxford und Burlington MA 2007, 339 S. ISBN: 978-0-7506-8024-0.  mehr zum Thema Tribes in diesem Blog: Stämme im Netz: Die tribale Metapher; Tribes im Social Web; andere verwandte Themen:   („Le temps des tribus. Le déclin de l’individualisme dans les societés postmodernes“, 1988)

Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt (Rez.)

deutschland_40Zur Digitalen Transformation sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher  erschienen – einige davon habe ich in diesem Blog besprochen: „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ von Ralf Kreuzer & Karl-Heinz Land; Tim Cole  mit “Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt
getan werden muss!
“
 – um nur die zu nennen, die Transformation bereits im Titel führen.
Tobias Kollmann (Prof. BWL u. Wirtschaftsinformatik) und Holger Schmidt (Journalist/Netzoekonom) sind seit langem als Speaker und Autoren zu digitalen Themen bekannt. Autoren empfehlen sich mit solchen Titeln als Experten und Berater – hier geht es offensichtlich um Politikberatung. Bereits der Einband kommt schwarz/rot/golden staatstragend daher. Und es geht ausdrücklich um Deutschland als führende Industrienation, die auch in der neuen Digitalen Wirtschaft ein starker Player bleiben soll.
Seitdem Web 2.0 vor einem Jahrzehnt eine ganz Netzepoche prägte, wurden immer wieder Begriffe mit Versionsnummer in den Raum gestellt. Deutschland 4.0 bezieht sich auf Industrie 4.0, ein Konzept, das von den Autoren übrigens kritisch gesehen wird (vgl. S. 166). Industrie 4.0 und davon abgeleitete Begriffe, wie Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 gehen auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern zurück. “Industrie 4.0 gilt zwar als Zukunftskonzept der deutschen Industrie zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, ist aber de facto kaum verbreitet” (nach dem Strukturreport des  Instituts der Deutschen Wirtschaft, s. S. 71).
Das Buch ist sehr strukturiert, übersichtlich gegliedert. Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit, Politik – alles 4.0 – sind die Felder von Analyse und Bestandsaufnahme, wobei Wirtschaft und Politik deutlich mehr Raum zugeteilt wird.

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst
die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

Die Geschichte ist die: Deutschland hat “die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen” (S. 64), v.a. in der Plattformökonomie hat es den Anschluß verpasst. Plattformen sind die Schlüsselstellen zumindest der aktuellen Digitalisierungswelle.
Transaktionsplattformen sind Mittler zwischen Anbietern und Kunden; Innovationsplattformen bündeln die Entwicklung von Technologien/Produkten.
Plattformen bestimmen insbes. die Spielregeln in Konsumentenmärkten und schöpfen den Großteil des Mehrwerts ab. Nicht nur Amazon und Ebay mit ihren Verkaufsplattformen, AirBnb, Uber zählen dazu, Buchungssysteme, Apple’s Plattform für Entwickler und Facebook als Plattform für Medien, auch Datingportale sind weitere Beispiele: Betreiber stellen die Struktur, auf der Angebot und Nachfrage sich in grösstmöglicher und aktuellster Auswahl finden. Branchen wie der Einzelhandel, Reisemarkt, Hotellerie, Medien, Liefer- und Transportdienste u.v.m. wurden längst von diesen Digitalisierungsschüben erfasst. Das ist die digitale Gegenwart.

Digitalisierung greift in die Kernbranchen deutscher Wirtschaft

Die nächste Digitalisierungswelle greift über auf die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft und wird auch hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor (vgl. S. 69). Für diese zweite Halbzeit gilt: “Wenn Deutschland die Produktionstechnologie- Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.” Ziel sei es, ,,auch künftig die Welt mit Maschinen zu beliefern, die aber intelligent sind“, so Siemens CTO /Russwurm (S.70). Selbstfahrende Autos, intelligente Roboter, aus der Ferne zu steuernde Maschinen, das Internet of Things (IoT), datengetriebene Industrie und 3D- Druck,  SmartHome, Fintech, E-Health sind die Themen. Letztendlich geht es um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der klassischen Industrie, des Mittelstandes und von Start-Ups. Das ist die digitale Zukunft.
Im Kapitel Politik 4.0 werden die Anforderungen an die einzelnen Politikfelder – Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts-, Arbeits- und Europapolitik – Schritt für Schritt durchdekliniert. Hervorheben lassen sich das Bekenntnis zum Prinzip Netzneutralität, die Einbindung digitalen Wissens in den Bildungskanon, Unterstützung von Start-Ups und die digitale Aktivierung des Mittelstandes, flexible Beschäftigung und die Einbindung in eine europäische Perspektive.
Gegenüber den Ausführungen v.a. zu Wirtschaft und Politik fällt das Kapitel Gesellschaft 4.0 deutlich ab. Die Wechselwirkung von gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Transformation gesellschaftlicher Systeme ist wohl ein eigenes Thema. Konzepte wie Networked Sociality und Vernetzter Individualismus kommen nicht vor.

In der bisherigen Resonanz wurde Deutschland 4.0 ziemlich einhellig positiv bewertet. Das Buch enthält in kompakter Form die wesentlichen Themen des Digitalen Wandels. Mit einem 25- Punkte Programm zur Digitalen Transformation schließt das Buch ab.
Ein wenig irritiert die durchgehende 4.0 Rhetorik. Zwar setzen sich die Autoren von Industrie 4.0 ab – doch sind die davon abgeleiteten Begriffe in allen Kapiteln präsent. 4.0 tritt uns auch in zahlreichen Publikation von Bundes- und Landesregierung NRW entgegen, zuletzt ein Weißbuch Arbeiten 4.0.  Der Begriff soll auf eine vierte industrielle Revolution verweisen – und bringt damit jeweils die Fragen mit sich, was denn nur die zweite und die dritte gewesen sei. Ob der Begriff als weitverbreiter Slogan glücklich gewählt ist, ist fraglich.
Manche Leser sehen in Deutschland 4.0. nicht nur eine Betriebsanleitung für Digitale Transformation, sondern gleich eine Bewerbungsgrundlage für regierungsamtliche Aufgaben als Minister oder Staatssekretär für Digitales – man wird sehen ….

Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger: Deutschland 4.0 Wie die Digitale Transformation gelingt. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 186 S. 24,95 €.  
Nebenbei: Wenn auch Titel zur Digitalisierung vornehmlich als gedrucktes Buch verbreitet werden, dann zeigt das die Resistenz des Mediums Buch gegenüber digitaler Transformation an. 




Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung (Rez.)

Nur alle Jahre wieder erreichen soziologische Titel eine größere öffentliche Resonanz – und noch seltener schaffen sie es in die Charts. Bezeichnenderweise oft solche, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge moderner Gesellschaft aufrollen: Risikogesellschaft, Erlebnisgesellschaft – und in dem vorliegenden Buch geht es darum Resonanz als Grundbegriff einer Soziologie der Weltbeziehung zu entwickeln. Das Buch erschien vor wenigen Wochen, im März 2016. Autor Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie in Jena. Bekannt wurde er mit seiner Habilitationsschrift zur sozialen Beschleunigung (2004/05: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne). Seitdem wird er oft mit dem Begriff Entschleunigung in Verbindung gebracht.
“Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“- so beginnt das Buch und beabsichtigt ist eine Soziologie des gelingenden Lebens.

Das grundlegende Verständnis ist nachvollziehbar und einfach erklärt: Resonanz macht die Verbundenheit mit der Welt fühlbar und erlebbar. Fehlt sie, fühlen wir uns fremd.

In mehreren Kapiteln geht es um die Fülle der Formen, in denen wir eine Beziehung zur Welt herstellen – von der leiblichen Basis und ihrem Ausdruck (atmen, essen und trinken, Stimme, Blick, Gesicht etc.), der Weltaneignung und Welterfahrung zu kulturell ausdifferenzierten Weltbildern. Es geht um konkrete Erfahrungs- und Handlungssphären, wie Familie und Politik, Arbeit und Sport, und um die Verheißung von Religion und Kunst. Bemerkenswert ist die Einlassung zur Religion als Vorstellung einer antwortenden (d.h. resonanten) Welt (S. 435). In diesem Sinne verspricht Religion die “Gewähr, dass die Ur-und Grundform des Daseins eine Resonanz- und keine Entfremdungsbeziehung ist” (S. 435).
Generell bedeuten resonante Beziehungen eine Form des In-Beziehung-Tretens, die uns berührt und bewegt, in denen wir aber auch eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen. Resonanzachsen bezeichnet die bevorzugte Ausrichtung auf bestimmte Bezugsfelder.

Streben nach Resonanz - Bildquelle: photocase.de- kallejipp
Streben nach Resonanz — Bildquelle: photocase.de- kallejipp

Digitalisierung kommt höchstens am Rande vor, mit dem Stichwort Reichweitenvergrößerung. In einigen aktuellen Interviews äußert sich Rosa skeptisch zu Social Media, bildungsbürgerliche Vorbehalte klingen durch: “Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor” (web.de, 5.4.16). Resonanz in der digitalen Sphäre bedeutet aber mehr als quantifizierbare Likes und Bewertungsklicks. Online- Medien sind Infrastruktur in einer vernetzten globalen Öffentlichkeit, die eben auch mehr Möglichkeiten zur Bildung von Resonanzachsen bietet.  Unsere soziale Umgebung ist nicht mehr auf eine überschaubare, geordnete Welt beschränkt. Warum sollten nicht z.B. über Gaming resonante Erlebnisse entstehen? Online-Medien werden auch dazu genutzt resonante Kommunikationsstränge aufzubauen und aufrecht zu erhalten. 

816 Seiten sind viel, Weltbeziehung ein weites Feld – und das Konzept der Resonanz ein großer Wurf (Abkehr von Beschleunigung kann hingegen nach Werbung für Wellness- Oasen klingen). Das Buch enthält zahllose diskurswürdige Einzelthemen, die an ebenso viele Themenfelder anschließen. Die These von der Moderne als Geschichte einer Resonanzkatastrophe (S. 517 ff) ist zumindest zu diskutieren. Manchem Leser wird einiges esoterisch erscheinen, letztlich geht es um gefühlte Kriterien, die sich beschreiben, aber nicht messen lassen. Und manchmal hat man auch das Gefühl, das gelungene Leben sei doch in einer Jugendstilvilla zu Hause und spiele auf der Terrasse Klavier …
Spielt Resonanz eine Rolle im Digitalen Wandel? Sicherlich, das Streben nach Resonanz, nach resonanten Räumen und Beziehungen ist zutiefst menschlich und erkundet alle Räume und Möglichkeiten. Wahrscheinlich ist Resonanz genau die entscheidende – außerökonomische – Dimension, auf die es auch im digitalen Wandel ankommt. Wenn von Teilhabe am digitalen Wandel gesprochen wird, geht es im Grunde um Resonanz. Man denke z.B. an aktuelle Diskussionen zu Gamifikation: Geht es darum, spielerisch teilzuhaben – oder um den Zuckerguß auf einer Marketingkampagne?

In einem Interview der NZZ äußert sich Rosa zur Veränderung der ökonomischen Verhältnisse hin zu einer Wirtschaftsdemokratie “Ich suche nach den Konturen einer Gesellschaft, die modern bleibt im Sinne von pluralistisch, demokratisch und auch liberal, die aber nicht auf Wachstum und Beschleunigung angewiesen ist, um den ökonomischen und politischen Status quo zu erhalten. Wenn wir resonante Weltverhältnisse schaffen wollen, müssen wir die Steigerung als blindlaufenden Zwang überwinden.” (NZZ, 11.3.16) 

Rosa, Hartmut: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016, 816 S. 34,95 €.

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