Smart Glasses – die Blickhoheit im öffentlichen Raum

RayBanMeta. Quelle: unsplash +

Smart Glasses – Daten- bzw. KI-Brillen im Look von Ray Ban gibt es zwar schon einige Jahre (2023/24) – aber erst in diesem Jahr verschärfte sich die  Diskussion dazu.

Smart Glasses als Werkzeug von Übergriffen

Die Kritik entzündete sich nicht an abstrakten Datenschutzfragen, sondern  an konkreten, sexistischen Übergriffen im Alltag,  eingebettet in eine Debatte zu toxischer Männlichkeit.

Jede neue Technologie öffnet wieder eine Tür für die Manosphere*. Die Berichte gleichen sich: Männer belästigen Frauen und Smart Glasses dienen als  Werkzeuge der Übergriffe.
Der Schritt vom Blick, dem unbemerkten Fixieren im öffentlichen Raum  zur Verbreitung als Content auf Social Media ist leicht gemacht. Ein kurzer Sprachbefehl, etwa  Hey Meta, post my last video to Instagram Story reicht aus,  eine gekaperte Alltagsszene zu veröffentlichen.
Es sind vorwiegend Videos, die auf diese Weise erbeutet werden und auf Plattformen zirkulieren. Sie leben aus der Bewegung der Aufnahmeperspektive und vermitteln eine scheinbare Unmittelbarkeit und authentische Teilnahme.  Statische Photos aus derselben Perspektive sind hingegen oft verwackelt und wirken unscheinbar.
Manche der visuellen Beutenehmer nennen sich Pick-up-Artists oder  Rizzfluencer, das klingt nach einem neuen popkulturellen Genre anstatt nach vulgär-sexistischer  Belästigung.

Bis hierhin trifft die Kritik weniger Smart Glasses selber, sondern den  Missbrauch, die Auswüchse – ein Gadget, das es einem bestimmten toxischen, meist männlichen, Verhalten leicht macht und eine neue Stufe digitaler Übergriffigkeit ermöglicht.  Aus Sicht der Fans von Smart Glasses ein bedauerliches Fehlverhalten, das eine spannende neue Technologie diskreditiert.

Von Google Glass zu Cloud-KI: Was sich technisch weiter entwickelt hat

Pervert Glasses oder Spannerbrillen  ist denn auch der Spitzname,  er erinnert  an die  Glassholes von 2013, als der Vorläufer Google Glasses ähnlich verwendet wurde. Im Vergleich zu den heutigen Modellen boten die Google Glasses von damals den Nutzern wenig. Sie waren im wesentlichen ein kleines Display vor den Augen, das Informationen anzeigen konnte, ergänzt durch Kamera, Mikrophon und wenige Anwendungen. Was fehlte, war etwas heute entscheidendes, nämlich die Verbindung von Kamera, Cloud und leistungsfähiger KI.

In der gesamten Geschichte von Big Tech gibt es keinen  Fall, in dem eine neu erschlossene Datenkategorie – Standort, Browserverlauf, biometrische Gesundheitsdaten aus Wearables, Spracheingaben von Sprachassistenten etc. – langfristig nicht in irgendeiner Form monetarisiert wurde, sobald die technische Infrastruktur dafür stand.
Was wird lokal verarbeitet, was in die Cloud übertragen? Welche Bilder, Sprachaufnahmen und Kontextdaten werden gespeichert? Welche Informationen lassen sich aus ihnen ableiten? Welche Dienste des Betreibers werden dafür benötigt? Und wie weit reicht die Kontrolle des Nutzers über die Daten, die eine ständig mitgeführte Kamera produziert?

Investigative Aufdeckung: Wenn private Bilder auf Bildschirmen in Kenia landen

Ein entscheidender Auslöser der aktuellen Debatte war ein investigativer Bericht des Svenska Dagbladet (Stockholm) vom 27.02.2026, der gleich mehrere Vorbehalte bestätigte: die Verletzung der Privatsphäre, die  Speicherung in der Cloud und ihre Bearbeitung im ausgelagerten Maschinenraum der Datenindustrie (in diesem Falle Nairobi),  exakt so, wie es Kate Crawford im Atlas der AI beschrieben hatte.
Bankdaten, Sex und nackte Menschen, die offenbar nicht bemerken, dass sie gefilmt werden. Im Hintergrund von Metas neuen Smart-Glasses arbeitet eine verborgene Belegschaft die sich unwohl dabei fühlt, Einblick in die intimsten Bereiche des Lebens anderer Menschen zu erhalten. – We see everything – from living rooms to naked bodies – Meta verfügt über solche Inhalte in seinen Datenbanken.

Privatheit im öffentlichen Raum – eine gesellschaftliche Entscheidung

Mit den aktuellen Smart Glasses zieht KI in die physische Welt ein. Es sind nicht smarte Produkte, wie ein KI-gesteuerter Kühlschrank oder Saugroboter, die jeweils abgegrenzte Dienste verrichten.
Smart Glasses greifen aus der Perspektive ihres Trägers auf dessen Umgebung zu – zumindest im Standby-Modus, sie sind die Einfallsschneise der KI in das Alltagsleben. Die physische Umgebung wird zur – zumindest möglichen – Datenquelle, incl. unbeteiligter Personen, deren Verhalten Teil des erfassten Materials wird, ohne dass sie dem je zugestimmt hätten.
Endet die Privatsphäre im öffentlichen Raum? Der Text des Hamburgischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit Thomas Fuchs, der an mehreren Stellen veröffentlicht wurde, gibt den aktuellen Stand der deutschsprachigen Debatte wieder. Fuchs benennt die juristischen Fragen und verweist auf die entscheidende Instanz der Bundesnetzagentur in Bonn.
Über die rechtlichen Aspekte hinaus, stellt sich die Frage, wieviel Privatheit im öffentlichen Raum wir uns als Gesellschaft erhalten wollen. Videoüberwachte Bereiche gibt es ohnehin  genug.
Möchten wir also in einer Gesellschaft leben, in der wir beim Verlassen der eigenen Wohnung davon ausgehen müssen, gefilmt und absehbar auch identifiziert zu werden? 

Die Logik der Tech-Industrie

Aktuelle Modelle – ca. 55 verschiedene Geräte sollen mittlerweile auf dem Markt sein – unterscheiden sich in ihren Funktionen und werden beständig weiter entwickelt. Die Handlungslogik der Tech-Konzerne bleibt dagegen unverändert: Nutzer sollen möglichst dauerhaft und eng in das jeweilige Ecosystem (Lock-In) eingebunden werden. Daten werden gesammelt, wo immer es nur geht. Jedes ungenutzte Datenfragment ist ein liegengelassener Rohstoff.
Eine Industrie, die dieser Logik folgt, hat wenig Anreiz die Asymmetrie zwischen dem Träger der Glasses und den Menschen in seinem Blickfeld  zu verringern. Tech-Konzerne wollen möglichst ungestört Gewinne erwirtschaften, gerne als Monopolisten. Ihr primäres unternehmerisches Ziel bleibt die uneingeschränkte – das heißt unregulierte – Extraktion  verfügbarer Daten, gleich, welcher Herkunft und Natur. Jede neue Technologie bringt dabei zwangsläufig eine neue Art von Verhaltensdaten mit sich, für den der Markt erst nachträglich Verwertungslogiken schafft.
Wir sollten ihnen nicht die Gestaltung unserer Gesellschaft überlassen. 

Akzeptanz: Smart Glasses vs. SmartPhone

Warum stossen dieselben Basistechnologien (Kameras, Mikrofone, KI-Auswertung) bei Smart Glasses auf soviel mehr Widerstand als beim SmartPhone?
So vielfältig es auch genutzt wird, das SmartPhone, bleibt ein Hand-und-Hosentaschen-Device. Meist dient es dem Abruf von Informationen oder der Interaktion mit einer  entfernten Umgebung. Wer auf sein Display starrt, koppelt sich eher zeitweise von seiner Umgebung ab. Aufnahmen erfordern eine erkennbare, körperliche Geste.
Smart Glasses hingegen verlegen die Aufnahmetechnik auf die körperliche Blickachse – nicht exakt, sondern seitlich verschoben. Sie ermöglichen freihändige Bild- und Videoaufnahmen aus der Ich-Perspektive – also aus dem persönlichen Point of View der tragenden Person.

Zudem ist das SmartPhone mittlerweile omnipräsent, die Konventionen seines öffentlichen Gebrauchs sind weitgehend ausgehandelt.  Manchmal nervt es, da aber fast jeder von den Möglichkeiten der Interaktion und des Wissensabrufs profitiert, werden Nebenwirkungen akzeptiert.
Smart Glasses ersetzen die Funktionen des SmartPhones nicht, zumindest nicht in naher Zukunft, sondern erweitern sie. Wer SmartGlasses trägt, braucht meist weiterhin ein SmartPhone.

Die Soziologie des Blickkontakts

An dieser Stelle lohnt sich der Blick (!) auf zwei  soziologische Klassiker: Georg Simmel und Erving Goffman:

Georg Simmel (1858-1918)

Das Auge kann seinem Wesen nach nicht nehmen, ohne zugleich zu geben schrieb Georg Simmel, 1908 in seinem Exkurs zur Soziologie der Sinne.  Der Blick ist für ihn die kleinste, aber hoch verdichtete Form von Gesellschaft – eine soziale Beziehung, die nur im Moment ihres Vollzugs existiert. Deshalb wird die Datenbrille im öffentlichen Raum als übergriffig empfunden: Sie bricht mit der anthropologischen Regel der Reziprozität des menschlichen Blickkontakts.
Smart Glasses machen den Blick selbst technisch vermittelbar und verschieben die Grenze zwischen privater Wahrnehmung und öffentlicher Datenerzeugung.

Erving Goffman (1922-1982)

Bei Erving Goffman sind Face-to-Face-Interaktionen ein eigenständiger Gegenstand der Soziologie: situative Prozesse, die soziale Ordnung im Moment ihres Geschehens – bzw. ihrer kontinuierlichen  Performance – selbst erzeugen.
Blicke sind soziale Signale gegenüber anderen Menschen. Sie signalisieren Haltungen, Absichten, Begierden bevor sie artikuliert wurden, manchmal bevor sie sich der Blickende selbst eingestanden hat.
Ein Schlüsselbegriff bei Goffman ist Civil inattention – zu übersetzen etwa als höfliche Unaufmerksamkeit. Ein Verhaltensstandard, der ein friedliches Nebeneinander – etwas wie Öffentlichkeit – erst möglich macht, andere nur kurz zu registrieren, ohne sie in weitere Interaktionen zu ziehen.
Ein Beispiel der Bedeutung des Blickkontaktes zeigt eine Beobachtung aus dem Alltag:  Online-Veranstaltungen funktionieren mittlerweile – sie sind kulturell eingeführt. Der Blickkontakt funktioniert aber nur eingeschränkt. Entscheidend für weitere Zusammenarbeit bleibt jedoch das
physische Sehen, erst dabei lernt man, sich gegenseitig einzuschätzen.

Abwehr und Akzeptanz der Technologie

Beide Klassiker machen die fundamentale Bedeutung des unverstellten Blickkontakts für das menschliche  Zusammenleben deutlich.  Die Sklera, das Weisse im Auge, hat sich evolutionär gerade deshalb durchgesetzt, da sie die Blickrichtung für das Gegenüber unmittelbar lesbar macht.
Smart Glasses durchbrechen genau diese Lesbarkeit – nur um sie an anderer Stelle umso gründlicher wiederherzustellen: nicht für das physische Gegenüber, sondern  für den Aufzeichnenden als Videosequenz – oder aber als extrahierter Datenstrom für  die im Hintergrund analysierende KI.
Die unbegrenzte Verwendung im öffentlichen Raum stösst so auf eine nicht nur soziale, sondern auch anthropologische Barriere .

Dort wo Smart Glasses schon weiter verbreitet sind (USA, GB), gibt es bereits Verbotszonen, so in Fitness-Studios, Clubs, in der Gastronomie – und man kann damit rechnen, dass sich die Verbote überall dort ausbreiten, wo ein Hausrecht geltend gemacht werden kann, so etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Konzerten und Kulturveranstaltungen aller Art.

All das bedeutet nicht, dass die Technologie komplett abgelehnt wird – es spricht nur gegen ihre uneingeschränkte Verbreitung, eine enthemmte Nutzung. Breite Akzeptanz finden Smart Glasses v.a. im prothetischen Einsatz, sie können den Alltag behinderter Menschen erleichtern.
Darüber hinaus etablieren sich professionelle Spezialanwendungen in Handwerk, Medizin, Logistik und Industrie.
In der privaten Nutzung existiert ein plausibles Interesse an Aufnahmen direkt aus der eigenen Blickachse. Eltern möchten etwa das Aufwachsen ihrer Kinder aus der eigenen Perspektive festhalten, Sportler interessiert die Point-of-View-Dokumentation zur Analyse oder zum Nacherleben ihrer Bewegungsabläufe. Die Problemlagen, die sich aus einer uneingeschränkten Nutzung im öffentlichen Raum ergeben, bestehen in diesen privaten Szenarien nicht.

Anders argumentieren einige Technik-Begeisterte, federführend der Marketing-Professor und VR-Experte Philipp Rauschnabel. Gemeinsam mit einem Konsortium aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und XR-Fachverbänden wurden  im August 2026 Leitlinien für den Alltag mit Smart Glasses veröffentlicht** – eine gut gemeinte Initiative – aber mit einer eklatanten Schieflage: Während sich Träger an einem Fünf-Punkte-Katalog orientieren sollen, wird von Passanten verlangt, Situationen spontan zu analysieren, Hintergründe mitzudenken und die Technik idealerweise selbst auszuprobieren, um differenziert zu urteilen. Das bürdet Unbeteiligten dieselbe Bringschuld und Sachkunde auf wie den Nutzern – nur ohne deren Wahlfreiheit.

Attention Computing –  Aufmerksamkeit maschinenlesbar machen

Die bisherige Kontroverse dreht sich um das, was die Kamera aufzeichnet. Die nächste Entwicklungsstufe zielt auf mehr: nicht mehr, was der Träger sieht, sondern wie und wohin er blickt.

Richard Newcombe, Chefwissenschaftler hinter Metas Project Aria, argumentiert, dass KI-Systeme bislang unvollständig seien, weil sie die Welt nicht so wahrnehmen, wie der Mensch sie erlebt – also egozentrisch, kontinuierlich und multimodal, über Blickachse, Gehör und räumliche Bewegung zugleich. Smart Glasses mit Eye-Tracking und Kameras sollen diese Lücke schließen: als Prothesen, die der KI das ego­zentrische Erleben liefern, das ihr bislang fehlt.
Eye-Tracking kann Smart Glasses über reine Kamera- oder Anzeige-Funktionen hinausführen. Blickerkennung zeigt an, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist, und macht den Blick zu einer natürlichen Eingabe, die Informationen auswählen, bestätigen oder priorisieren sowie Gesten oder Sprache mühelos ergänzen kann (vgl. Yau, s.u.)
Tobii, der schwedische Weltmarktführer im Eye-Tracking, beschreibt sich selbst als Pionier des Attention Computing – mit dem erklärten Ziel, Technologie zu entwickeln, die menschliche Aufmerksamkeit und Absicht versteht. Was in der Marktforschung seit Jahren als kontrolliertes Verfahren unter Laborbedingungen existiert, soll nun massentauglich werden: Aufmerksamkeit, bislang das Flüchtigste am Menschen, soll  maschinenlesbar werden.
Das Schlüsselkonzept ist Intent Prediction– Absichtserkennung. Wo die Pupille verweilt, entsteht Aufmerksamkeit. Wenn KI-Brillen diesen Prozess millisekundengenau auslesen, kann das System Wünsche, Aufmerksamkeitsdefizite oder Kaufabsichten vorhersagen, noch bevor das Individuum sie bewusst reflektiert oder ausspricht.

In der Logik der Konzerne wäre Attention Computing ein ultimatives Geschäftsmodell, in gesellschaftlicher Sicht eine vollständige Entblössung.
Das ist keine Randnotiz der Produktentwicklung, sondern ihr erklärtes Ziel. Newcombe bezeichnet diese Ausrichtung als Übergang zu einer societal scale cognition – einem verteilten, KI-gestützten Betriebssystem, das Meta zufolge das kollektive Verhalten, das Arbeitsgedächtnis und die Wahrnehmung ganzer Populationen in Echtzeit kartieren und prädiktiv unterstützen soll.
Dahinter verbirgt sich die Vision, die individuellen Aufmerksamkeitsströme, Blickachsen und Denkprozesse von Milliarden Menschen über mobile Sensorik zusammenzufassen und in ein zentrales, KI-gesteuertes Wahrnehmungssystem einzuspeisen. Was auf der Führungsetage des Tech-Giganten als nächste Evolutionsstufe menschlicher Kognition gefeiert wird, bedeutet soziologisch betrachtet eine Dystopie.
Eine solche Dystopie verwirklicht sich allerdings nur, wenn man den Konzernen dabei freie Hand lässt. Die Vision bleibt Verhandlungsmasse – das ist das Wesen von Technogenese selbst: eine Ko-Evolution von Mensch und Technik, die sich gestalten lässt, solange sie als solche erkannt und verhandelt wird.

Die Blickhoheit im öffentlichen Raum, die heute noch nach denselben anthropologischen Grundsätzen ausgehandelt wird, die schon Simmel und Goffman beschrieben haben, ist am Ende vielleicht nur die erste Verhandlungsrunde um eine weit größere Frage: wer über das entscheidende Private verfügt, das uns bleibt – die Richtung unserer eigenen Aufmerksamkeit.

 

Naipanoi Lepapa, Ahmed Abdigadir, Julia Lindblom: She Came Out of the Bathroom Naked, Employee Says. Svens Dagbladet. 27.02.2026 – Chris Vallance:  Meta in row after workers who say they saw smart glasses users having sex lose jobs. BBC Meta. 30.04.2026.  Nicola Brunelli: Designed for Privacy? The Bartone v. Meta Litigation over AI Smart Glasses. Media Laws 1.06.2026. Thomas Fuchs: Endet die Privatsphäre im öffentlichen Raum?  Der Tagesspiegel. 11.08.2026.  –  Thomas Riedel: Bundesnetzagentur: Kein formelles Verfahren bezüglich Meta Smart Glasses.. Droid Boy Blog 10.08.2026 –  Lawrence Yau: Seeing smarter: How eye tracking supercharges smart glasses. 1.03.2026. — Sonja Peteranderl: Frauenjagd und Überwachung: KI-Brillen als Gefahr. Blätter – Juli 2026. – Richard Newcombe: nach Contextual AI & the Future of Human Connection.  18.09.2025
**Philipp A. Rauschnabel:  Smart Glasses im Alltag – Leitlinien für einen souveränen Umgang.pdf  26.08.2026. Michaela Wiegel: Frauen werden ohne ihre Zustimmung auf der Straße gefilmt– FAZ:. 24.09.2026.  Alexander Amon: Kultur der Belästigung: Studie zeigt, wie Meta-Brillen gegen Frauen eingesetzt werden  -. Der Standard  14.08.2026-
* Manosphere: lose vernetzte Online-Milieus (u. a. Pickup-Artists, Incels, Männerrechtler, verbunden durch Antifeminismus und Frauenverachtung)  Elli Scambor in: Viktória Kery-Erdélyi: Rizzfluencer,  Smart Glasses und Co.: Was wir gegen Pick-Up-Artists tun können.  Wienerin. 9.08.2026



The Rulers – Corporate Power in the Age of AI and the Cloud (Rez.)

The Rulers – Big Tech als Knowledge Predators

Vorweg muss ich zugeben, dass ich The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud von Cecilia Rikap zunächst als  Fortsetzung und Aktualisierung der Kritik am Plattform- und Überwachungskapitalismus gelesen habe, der sich nun um die Dimension des Cloud-Computing erweitert hat.
Im Grunde richtet sich diese Kritik  gegen die Aneignung des digitalen Fortschritts durch eine Handvoll Konzerne  – gegen die Enteignung eines gesellschaftlichen Versprechens, das der digitaler Fortschritt lange Zeit war und für viele bis heute ist.

Vieles passt auch in diese Reihung: Rikap bezieht sich auf Shoshana Zuboffs Überwachungskapitalismus und auf Platform Capitalism von Nick Srnicek. Trumps Amtseinführung, umgeben von den Oligarchen aus Big Tech, steht als Schlüsselereignis vorn in der Einführung und wenige Zeilen später  steht der Satz: This book reveals how and why these companies have grown to dominate Western capitalism in close alliance with the US government (2).

Big Tech ist aber nicht nur ein Label für Plattformen und Social Media.  Plattformen sind nur eine von vielen Ebenen der digitalen Wertschöpfungsketten und  Netzwerke. Sie sind allerdings die Ebene, die das Verhältnis zwischen Großkonzernen und Individuen bestimmt:  erlebt werden sie als Consumer-to-Consumer (C2C) Beziehung, bleiben aber in die Regeln und die Datenextraktion der B2C-Plattformen eingebettet.
Die mediale Dominanz von Plattformunternehmen (vgl. M. Andree: Big Tech muss weg, 2023) und die Abschöpfung von Verhaltensdaten  (s. Zuboff) wurden in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert – und diese Diskussion bestimmt bislang das Bild von Big Tech.  Hinzu kommt die physische Infrastruktur incl. der Beschaffung natürlicher Ressourcen wie Wasser, Strom und Seltene Erden (vgl. dazu Kate Crawford: Atlas of AI),  die den Betrieb dieser Systeme erst ermöglichen.

Digitale Wertschöpfungsketten beruhen heute auf einer kollektiven, hochgradig arbeitsteiligen Wissensproduktion, zusammengehalten von der Rechenleistung und dem Speicherplatz der Cloud – ohne diese Infrastruktur würden sie nicht funktionieren. Genau hier sind in den letzten fünfzehn Jahren neue Monopole entstanden, die in der bisherigen Big-Tech-Diskussion weniger beachtet wurden – um die damit verbundene Machtstellung geht es Cecilia Rikap in The Rulers. Die mediale Macht der Social Media Betreiber bleibt draussen (auch wenn Microsoft mit LinkedIn dazu gehört).

Neues Machtzentrum: Die Cloud. Bild: engin-akyurt.unsplash+

Cloud Computing wird von wenigen Hyperscalern dominiert:  Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud.
Hyperscaler sind  Anbieter extrem skalierbarer Cloud-Infrastruktur. Diese Skalierbarkeit macht sie zur technischen Grundlage des KI-Booms und zum Zentrum globaler Wissensproduktion.

Rikap konzentriert sich in ihren Analysen auf diese Infrastrukturmacht, die aus dem Quasi-Monopol in der Cloud resultiert. Ihre Kernthese:  Amazon, Microsoft und Google seien  als die Hegemonen der Cloud keine klassischen Monopolisten mehr, sondern Herrscher über ein Wissens- und IP-Regime (IP: Intellectual Property) – sie kontrollieren Daten, Algorithmen, Recheninfrastruktur und damit die Bedingungen, unter denen Wissen erzeugt, organisiert und genutzt wird.
Their power is rooted in their control over global knowledge production, both within and beyond the tech sector. Big Tech controls the very technologies that determine knowledge and ignorance (5).

Meta, Apple, Nvidia bleiben demgegenüber zweitrangig: Sie verfügen zwar über eigene Rechenkapazitäten oder – wie Nvidia – über eine Schlüsselposition im Chip-Design, vermieten diese Infrastruktur aber nicht in vergleichbarem Umfang an Dritte. Sie sind selbst Nutzer und Abhängige, nicht Vermieter fremder Abhängigkeit.

Das Bild der Cloud-Giganten als blosse digital landlords – digitaler Vermieter, die IT-Infrastruktur auf Abruf bereitstellen, verharmlost ihre strukturelle Macht. Es geht um eine Form der Kontrolle, die weit darüber hinausgeht. Control beyond ownership  ist ein Prinzip, das sich in vielen Bereichen der Wirtschaft verbreitet hat, in  Franchise-Modellen wie auf digital market places (Amazon) und in den App Stores von Apple und Android.  Hyperscaler wenden es auf die Wissensproduktion selber an.
Cloud-Infrastrukturen sind keine statischen Mieträume, sondern bestehen aus Millionen hochkomplexer, ineinander verschachtelter einzelner  Software-Bausteine und Algorithmen – demselben Fundament auf dem auch aktuelle KI-Modelle trainiert und betrieben werden.
Diese Algorithmen lernen kontinuierlich aus lokalem Wissen und ermöglichen so  die
 Steuerung weiter gesellschaftlicher Bereiche, ohne dabei von lokalen Besonderheiten zu abstrahieren. Das Ergebnis ist eine Flut von Kennzahlen und Prognosen (185). 

Abgesichert werden diese digitalen Wissensmonopole durch das Zusammenspiel von geistigen Eigentumsrechten und strikter Geheimhaltung: Die fortschrittlichsten Algorithmen und die gesammelten Datenmengen bleiben unter Verschluss, während sich der technologische Wandel gerade dadurch beschleunigt – KI-Algorithmen verbessern sich, je mehr Daten sie verarbeiten.
Die bestehende Ordnung des geistigen Eigentums (IP-Regime) – Patente, Urheberrechte, Markenschutz – wird von den Cloud- und KI-Giganten nicht mehr nur passiv genutzt, sondern systematisch umgebaut, um Wissensmonopole abzusichern. Engmaschige Dickichte von Patenten (patent thickets) sowie das gezielte Ausnutzen von Regulierungslücken und Asymmetrien zwischen nationalen Rechtsordnungen, dazu technisch gezielt eingebaute Wechselbarrieren (stickiness), die einen Anbieterwechsel erschweren, verschaffen ihnen dauerhafte Vorteile.
Die Hegemonie der Cloud Giganten ist flächendeckend – um in der digitalen Ökonomie wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Unternehmen, ob Tech-Konzern Mittelstand oder Start-Up, auf deren Infrastruktur zu den gesetzten Bedingungen angewiesen. 

Das theoretische Fundament von The Rulers  verbindet zwei Begriffslinien: Intellectual Monopoly Capitalism bezeichnet eine aktuelle Entwicklungsstufe des Kapitalismus, in der die größte wirtschaftliche Macht und Profitquelle nicht mehr primär aus der Produktion materieller Güter stammt, sondern aus der privaten Aneignung und Kontrolle von Wissen, Daten und immateriellen Vermögenswerten. Ursprünglich geht das Konzept auf den italienischen Ökonomen Ugo Pagano zurück;  Rikap hat es  in ihrem vorhergehenden Buch Capitalism, Power and Innovation: Intellectual Monopoly Capitalism Uncovered (2021) entscheidend weiterentwickelt.

Die zweite Begriffslinie stammt von Cédric Durand, der bereits 2017 in Fictitious Capital zeigte, wie Finanzkapital sich künftige, noch gar nicht produzierte Werte aneignet – futures appropriation. In einem gemeinsam mit Cecilia Rikap verfassten Aufsatz (2021, s.u.)  übertrug er diese Logik auf die digitale Ökonomie: Der Begriff  Knowledge Appropriation beschreibt den Mechanismus, wie sich Tech-Konzerne Wissen einverleiben, das eigentlich außerhalb ihres eigenen Eigentumsbereichs erzeugt wurde.
Was ich eingangs als Aneignung des digitalen Fortschritts bezeichnet habe, liesse sich in dieser Begriffsfamilie folgerichtig als “progress appropriation” fassen – dieselbe Logik, nur auf das gesellschaftliche Versprechen selbst angewandt, das digitaler Fortschritt einmal war – und im Grunde auch noch ist.

Hyperscaler eignen sich dieses dezentrales Wissen an und errichten darauf Monopole. Damit wird ausgehebelt, was Schumpeter als den  Motor der Marktdynamik beschrieb: Aus der potenziell radikalen schöpferischen Zerstörung durch neue Herausforderer wird ein Dauerzustand verfestigter Wissensherrschaft. Die Dominanz der Hyperscaler erreicht einen Punkt, an dem selbst andere mächtige Akteure von ihren monopolisierten Technologien abhängig sind.  Rikap nennt sie Knowledge predators Wissensräuber, deren anhaltende Monopolisierung immaterieller Güter die Verbreitung von Innovation bremst und die meisten verbliebenen Unternehmen in Abhängigkeit hält (vgl. 106).

Ohne die enge Bindung an Microsofts Azure-Infrastruktur hätte es den durchschlagenden Start von ChatGPT vor dreieinhalb Jahren in dieser Form kaum gegeben – ein frühes Beispiel für die Verschränkung von KI und Cloud Computing, die erst mit der Lockerung der Exklusivität 2026 wieder aufgebrochen wurde. Bezeichnend dabei: Während OpenAI selbst bis heute keine profitable Geschäftsgrundlage gefunden hat, verdient Microsoft als Hoster in jedem Fall mit – ob KI sich am Ende rentiert oder nicht.

The Rulers ist kein rein theoretisches Werk, es stützt sich auf  eine breite empirische Basis. Rikap führte insgesamt 112 Interviews mit  Wissenschaftlern, Entwicklern, Ingenieure, Technikern, Führungskräfte und leitenden Angestellten in der Entwicklung oder Anwendung fortschrittlicher digitaler Technologien bei 55 multinationalen Konzernen, darunter auch US-amerikanische und chinesische Big-Tech-Unternehmen.

Cecilia Rikap ist  Ökonomin, stammt aus Argentinien und lehrt am  University College London, am dortigen Institute for Innovation and Public Purpose (IIPP) – einem der einflussreichsten wirtschaftspolitischen Thinktanks und Forschungsinstitute im Bereich Innovationsökonomie und öffentliche Wertschöpfung, geleitet von Mariana Mazzucato. 

Rikap ist nicht nur Diagnostikerin, sondern hat  konkrete politische Positionen. Sie plädiert aktiv für eine öffentliche Cloud-Infrastruktur, als Gegenmodell zur Abhängigkeit von den drei Hyperscalern – und hat in genau dieser Frage sowohl Brasilien als auch die EU beraten.

Fast zeitgleich mit The Rulers erschien mit Gil Durans The Nerd Reich ein weiteres Buch zum Machtüberhang von Big Tech.
Duran versteht sich als investigativer Journalist und  trägt relevante Quellen und Hintergründe zu den tech-autoritären Bewegungen von ihren Anfängen bis zum Bündnis mit der MAGA-Bewegung zusammen.  Er setzt damit eine Diskussion fort, die vor allem seit Trumps zweiter Amtsübernahme geführt wird: dass demokratiefeindliche Strömungen im Silicon Valley die Demokratie systematisch untergraben und eine autoritäre, technokratische Herrschaftsordnung anstreben  (vgl. dazu die Rezension zu Jannis Brühl: Disruption -die Ideologie der Tech-Oligarchen). 

Sein Buch habe ich (noch) nicht gelesen – mein bisheriger Eindruck stammt aus seinem wöchentlich erscheinenden Newsletter.
Duran bezieht klassische Faschismus-Kriterien – die Dämonisierung von Gegnern, Propaganda, Führerkult, Verachtung von Demokratie – auf die Tech-Elite und die MAGA-Bewegung. Im Vordergrund stehen bekannte Akteure und Ideologen wie Peter Thiel, Elon Musk und Curtis Yarvin sowie die Ideologien eines radikalisierten Cyberlibertarismus .

Ist Demokratie eher durch direkte politische Übergriffe gefährdet – die allerdings auch entsprechende Gegenreaktionen auslösen – oder durch unregulierte Monopole, die im Rahmen eines ganz normalen, kaum angefochtenen Kapitalismus die Infrastruktur des Wissens kontrollieren?

Cecilia Rikap: The Rulers. Corporate Power in the Age of AI and the Cloud.  Verso Books, London & New York,  2026. 245 S. – Interview mit Cecilia Rikap: Wir alle produzieren KI, aber nur einige Wenige profitieren. interview in Surplus. Das Wirtschaftsmagazin. 14.08.2026. Cecilia Rikap: Digital Public Infrastructure’: Cultural hegemony and states’ technological dependence.
Bensussan, Hannah, Durand, Cédric, Rikap, Cecilia. 100 years of Corporate Planning. From Industrial Capitalism to Intellectual Monopoly Capitalism through the lenses of the Harvard Business Review (1922-2021). 2023  — G
il Duran: The Nerd Reich 8/2026.  – Cédric Durand: Fictitious Capital: How Finance Is Appropriating Our Future.  Cecilia Rikap & Cédric Durand:  Intellectual monopoly capitalism—challenge of our times. Social Europe. 5.10.2021

 



Die Fundamentalopposition zu KI und ihre Grenzen

Digitale Antifa?  Bild: joshua-koblin; unsplash+

Die beiden folgenden Texte setzen eine Reihe von Beiträgen zur Debatte Ko-Evolution von Mensch und KI  fort. Eine Auseinandersetzung mit der Fundamentalopposition gegen KI ist der Ausgangspunkt. Im zweiten Teil geht es dann um die “Landnahme der generativen KI” – und den Versuch der Deutung als einen Prozess der Technogenese. 

Die Faschismuskeule ist das gröbste Geschütz  in der öffentlichen Debatte. Es geht nicht darum, eine Fehlentwicklung zu korrigieren — es ist eine Totaldiagnose, die die politische Reaktion auf Verweigerung und Widerstand eingrenzt und dabei jede Aushandlung ausschließt.

Jürgen Geuter, bekannt als @tante, holt sie in seinem Rant AI as a Fascist Artifact (26.04.26) gegenüber KI hervor. Nicht als Warnung vor Missbrauch, nicht als Beschreibung einer Tendenz, sondern als Strukturdiagnose: KI sei inhärent faschistisch, ihre Technologie auf faschistischen Ideen gegründet, ihr gesellschaftlicher Effekt die strukturelle Unterstützung faschistischen Denkens – klare Kante¹.

Geuters Text ist keine Analyse, sondern als Intervention zu verstehen. Ein Rant,  der Zuspitzung bewusst als Stilmittel nutzt. Das ist nicht neu. Als @tante hatte er sich mit einer vernichtenden Kritik am Hype um Web3 (“das Internet, das es zu verhindern gilt”) und die Blockchain-Ökonomie einen Namen gemacht. Eine Kritik, die dazu beitrug, Web3 als nicht tragfähig zu delegitimieren.
Der aktuelle Text richtet sich gegen Positionen, die KI regulieren, demokratisieren, zumindest gesellschaftlich einhegen wollen. Also gegen die Vorstellung, die Technologie könne von ihren Machtstrukturen getrennt und politisch zurückgewonnen werden.

Geuter stützt sich dabei vor allem auf zwei Bezugspunkte. Zum einen auf die Definition des  KI-Kritikers Ali Alkhatib (vgl. Destroy AI) – der KI nicht als Technologie mit politischen Eigenschaften versteht, sondern als politisches Projekt schlechthin:
I think we should shed the idea that AI is a technological artifact with political features and recognize it as a political artifact through and through. AI is an ideological project to shift authority and autonomy away from individuals, towards centralized structures of power. Projects that claim to “democratize” AI routinely conflate “democratization” with “commodification“.
Zum anderen bezieht er sich auf einen Text des Technikphilosophen Langdon Winner Do Artifacts Have Politics?  (1980).  Ihm zufolge sind Technologien keine neutralen Werkzeuge, sondern tragen eine inhärente Politik in sich: Ihre Gestaltung, ihre Infrastruktur und die Ziele ihrer Entwickler setzen bestimmte politische oder soziale Strukturen voraus und fördern diese.

Die analytischen Grenzen der Fundamentalopposition

Rainer Mühlhoff vermeidet zwar in Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus eine Gleichsetzung von KI und Faschismus, hebt aber eine ideologische und technologische Affinität hervor. In der Rezension hatte ich seine Grundthese ausdrücklich geteilt: Aus der Verbindung von Alt-Right-Politik und elitistischen Tech-Ideologien erwächst ein faschistisches Potential. Skeptisch bleibe ich jedoch gegenüber der weitergehenden Annahme, KI selbst besitze eine besondere Nähe zum Faschismus.

Präemption – die Vorwegnahme und Steuerung zukünftigen Verhaltens – ist ein Schlüsselbegriff seiner Argumentation. Im Extremfall wird KI zur Menschensortier-Technologie, die Chancen und gesellschaftliche Teilhabe vorab verteilt. Entscheidungen werden so nicht auf der Grundlage konkreten Handelns, sondern aufgrund statistischer Erwartungen an zukünftiges Verhalten getroffen.
Geuter wie Mühlhoff führen im weiteren Argumente an, die auf koloniale, rassistische, überwiegend westlich geprägte Grundlagen vieler Trainingsdaten verweisen. Generell ein Mangel an Diversität, damit verbunden  eine Ausgabe  entsprechender Ergebnisse.
Reicht diese Argumentation, eine Technologie als faschistisch zu deklarieren, ihr zumindest eine besondere Affinität zu attestieren?  Sieht man von Grok ab, das von Eigentümer Musk aktiv politisch gelenkt wird, sind LLMs nicht faschistischer als die Welt, aus der sie sich bedienen und in die sie eindringen. LLMs verhalten sich so, wie in Compliance- und Markenrichtlinien festgelegt wurde. 

Der Kern ihrer Kritik, bei Mühlhoff explizit als zentrale These (S.18) genannt, richtet sich gegen eine Ideologie der Disruption, die in Tech-Eliten und -Communities fest verankert ist: die Vorstellung, dass Technologie Gesellschaft grundlegend transformiert. Eine Disruption die Tech-Libertäre herbeisehnen – und die von rechten Kräften strategisch genutzt wird.
KI erscheint so als eine Machttechnologie, die sich ideal für autoritäre oder gar faschistische Zwecke eignet (vgl. Mühlhoff, S 12 u. 18),  als ein soziotechnisches Phänomen in den Händen weniger Oligopole, die es – top-down –  für ihre politischen Ziele einsetzen. In diesem Kontext gewinnt das berüchtigte Zitat des Tech-Milliardärs Peter Thiel – “I no longer believe that freedom and democracy are compatible“ – und das Wirken seiner Netzwerke eine verstörende  Relevanz.

An dieser Einschätzung baut sich die Haltung der Fundamentalopposition auf, die sich mit dem  Zitat KI ist fundamental unvereinbar mit emanzipierten, egalitären und freiheitlichen Gesellschaften. Dabei handelt es sich nicht um einen Designfehler, sondern sie ist so gedacht (Malte Engeler in der taz vom 20.06.)  als Selbstdefinition beschreiben lässt.

Der Rohstoff und die materielle Dimension von KI

Die Bereitstellung generativer KI ist, einschliesslich ihrer kompletten Lieferkette,  ein extrem ressourcenintensiver Prozess. Grundrohstoff ist das in binäre Daten bzw. statistisch nutzbare Muster zerlegte online und offline gesammelte Wissen: LLM systems scrape vast amounts of publicly available digital data—spanning text, images, code, and media—to train proprietary models (Kate Crawford). 
Der analoge Anteil wurde eingescannt und eingespielt. Online sammeln Crawler ein, was es zu holen gibt: Datenmassen aus dem Social Web, Texte, Bilder, Code-Datenbanken – den Fundus des Wissens, der Stile, der Bedeutungen und der Interaktionen. Gesellschaftliche Kommunikation und kulturelle Produktion werden dabei zum Rohstoff einer Industrie.  Aus diesem Rohstoff entstehen Modelle, die nicht wissen, sondern gelernt haben, die Muster menschlicher Kommunikation erstaunlich gut nachzuahmen.

Das ist nicht alles: manuelle menschliche Arbeit bleibt erforderlich.  Datenkennzeichnung und -bereinigung, wie Labeling, Qualitätsfilterung, Ethik-Checks, oft Klickarbeit genannt, ist zumeist in Niedriglohnländer ausgelagert.
Hinzu kommt ein enormer Verbrauch an Energie und Wasser, sowie erhebliche CO₂-Emissionen.

Der Atlas of AI  von Kate Crawford erschien schon vor dem KI-Hype(2021), ist aber  immer noch die beste Übersicht zur materiellen Dimension von KI. Crawford widerlegt die Vorstellung von KI als immaterieller Cloud-Software, indem sie den enormen physischen und gesellschaftlichen Ressourcenverbrauch nachweist, der mit der Technologie verbunden ist. Sie beleuchtet die politische und ökonomische Verankerung von KI, sowie die damit verbundenen sozialen und ökologischen Kosten. Crawford nennt KI  eine Kultur der Extraktion, die auf der Abschöpfung von Zulieferungen materieller, operativer und ideeller Art beruht.

Der aktuelle politische Hintergrund

Neuer Faschismus oder Verklumpung von Macht? – Screenshot: youtube Trump hosts tech CEOs at White House 4.09.25

In der politischen Diskussion seit Ende 2024 wirkt der Schock des Schulterschlusses zwischen der MAGA-Bewegung und Tech-Oligarchen weiter. Die Bilder von der Trump-Inauguration, begleitet von Tech-Oligarchen, haben sich eingeprägt.
Die Gleichzeitigkeit von technologischer Entwicklung, Monopolisierung von Infrastrukturen, wachsendem Einfluss rechter Netzwerke und einer unvorhersehbaren Machtpolitik haben zu einer Verschärfung politischer und kultureller Konflikte, sowie zu einer aggressiveren öffentlichen  Kommunikation geführt.

Wie geschlossen und gefestigt ist ein solches Machtsystem? Der Begriff  Verklumpung beschreibt ein unspezifisches Machtsystem das sich um – auf je eigene  Weise – charismatische Zentren ballt, und dabei institutionelle und zivilisatorische Standards unterläuft, die lange als selbstverständlich galten. Weniger ein stabiles System, als eine opportunistische Konstellation, die sich rasch in ihrer Form ändern oder auch wieder zerfallen  kann.

Der Faschismusvorwurf benennt zwar reale Gefahren – aber er erklärt nicht den Prozess der Entstehung, Verbreitung und gesellschaftlichen Aneignung. Der Widerstand gegen Generative KI  lässt sich als Teil eines gesamten Prozesses verstehen.
Monopolisierung strukturell relevant gewordener Dienste bedeutet eine Gefährdung der Demokratie, letztlich ist es eine Frage der Machtbalance. Noch bedrohlicher ist  eine Autokratie, die sich ihrer als Herrschaftsinstrument bedient.

Der nachfolgende Text an schliesst hier an. Er versucht,  die Landnahme generativer KI als einen Prozess der Technogenese  zu verstehen, nicht als abschliessende Analyse, sondern als Beitrag zur Debatte. 

 

Jürgen Geuter: AI as a Fascist Artifact. dt.: KI als faschistisches Artefakt. 21.04.2026. – deutsch: KI als faschistisches Artefakt.  auch: : Gareth Watkins; AI: The New Aesthetics of Fascism  9.02.2025- Rainer Mühlhoff : Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam Verlag Juli 2025. – The Scale-at-All-Costs AI Trap . Interview mit Karen Hao —  Ali Alkhatib: Destroy AI 24.06.2024. Langdon Winner: Do Artifacts Have Politics? MIT Press 1980. Kate Crawford: Atlas of AI. Yale University Press. 2021. 327 S. – Valerie Wirtschafter & Nitya Nadgir: Is the politicization of generative AI inevitable?    ¹  In anderen Texten drückt sich Geuter relativierender aus: „Ich würde nicht sagen, dass diese Systeme grundsätzlich vollständig faschistisch sind. Aber sie funktionieren sehr gut in faschistischer Logik – auch besser als in anderen Logiken”. t3n 26.12.25 oder aktuell (16.6.26) in dem Blogbeitrag „KI“-Effizienzversprechen und der Niedergang der Demokratie.
² Malte Engeler: Denken wie das verbreitete Mittelmaß – Taz  16.06.2026 –

 

 

 


Palantir und das neue amerikanische Projekt: Technologie, Macht und Aggression

Alexander Karp. CEO von Palantir – Screenshot aus der Dokumentation “Watching You”

Im vorherigen Text ging es um die Aneignung des Digitalen Fortschrittsversprechens und seine Ausweitung bis hin zur militärischen Innovation im Kontext von American Dynamism.
Silicon Valley richtet sich strategisch neu aus, hin zu Hard Tech, jenseits der Ausrichtung auf Consumer Culture. Palantir steht geradezu prototypisch dafür.

Palantir und sein CEO Alexander Karp zählen aktuell zu den umstrittendsten Akteuren des Silicon Valley.
Verstörend ist v.a. die Diskrepanz zwischen der Selbstinszenierung Karps,  einigen seiner Äusserungen und dem strategischen und ökonomischen Gewicht von Palantir.
Karp inszeniert sich als reflektierter Intellektueller mit philosophischer Ausbildung und verweist gern auf seine Frankfurter Studienjahre. Ihm werden Intelligenz und chaotische Unstrukturiertheit zugeschrieben. Gleichzeitig führt er ein Unternehmen, das autonome Waffensysteme, Massenüberwachung und politische Targeting-Technologie entwickelt.

Palantir lässt sich als datenalytisches Rüstungsunternehmen verstehen. Technisch basiert es auf einer neue Stufe der digitalen Vermessung: die Integration heterogener Datenbestände zur Erkennung strategischer Muster, vermarktet als eine neutrale Infrastruktur. Durch Palantir wird staatliche Gewaltausübung von privaten Unternehmen infrastrukturell ausgeführt.
Palantir steht aktuell als hochprofitables Softwareunternehmen da,  dessen größter Wachstumstreiber staatliche Aufträge sind. Im zweiten Quartal 2025 erzielte es einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar – 49% Wachstum im Regierungsbereich, 47% im kommerziellen Bereich.
Kunden sind etwa die israelischen Streitkräfte – Palantir wird bei Angriffen auf Ziele im Gazastreifen eingesetzt –, das US-Verteidigungs- (jetzt Kriegs-) Ministerium nutzt es zur Drohnenanalyse, DOGE nutzte es für den Aufbau einer zentralen Einwanderungsdatenbank sowie ICE zur Echtzeitverfolgung von Migrantenbewegungen.

Mit der (unter diesem Link zugänglichen) Dissertation Karps liegt ein zeitgeschichtlich ungewöhnliches Dokument vor.  Eine deutschsprachige  Arbeit, eingereicht an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Frankfurt im Jahre 2002.
Karps Dissertation Aggression in der Lebenswelt  (vollständig: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur)  verbindet Parsons’ strukturfunktionale Theorie mit Habermas’ Lebenswelt‑Konzept und psychoanalytischen Motiven.  Anknüpfend an Parsons beschreibt Karp Kultur, Persönlichkeit und soziales System als Ebenen, auf denen Triebe durch Sozialisation in nachvollziehbare Motivationen übersetzt werden.
Eine, auch in seinem späteren Handeln erkennbare Schlussfolgerung ist für ihn, dass Aggression unter Bedingungen von Unsicherheit und Konflikt gesellschaftlich organisiert, geregelt und produktiv genutzt werden muss.
Heute, (als CEO von Palantir) versteht Karp Datenanalyse und KI  ausdrücklich als Werkzeuge zur Stabilisierung westlicher Institutionen unter Bedrohungs- und Krisenlagen. Den politischen Umgang mit Gewalt, Sicherheit und Kontrolle begreift er als zentrale Aufgabe seiner Technologie.

Mit ca. 130 Seiten ist die Dissertation vergleichsweise kurz, 110 Seiten fallen  auf die  Literaturaufbereitung, 15 Seiten auf die Fallstudie, anhand derer er den eigentlichen Gegenstand der Analyse konkretisiert. In diesem Falle die  sog. Paulskirchenrede von Martin Walser 1998.  Walser sprach von der Moralkeule  Auschwitz und löste damit eine der schärfsten Debatten der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit aus. 

Immer wieder wird in den Raum gestellt, Karp wäre ein Schüler von Jürgen Habermas. Promoviert hat er jedoch bei Karola Brede am Sigmund-Freud-Institut der Universität Frankfurt.
Wenige Tage nach dem Tod von Habermas (15.03.2026) erschien am 18.03.  in dem Online-Magazin Le Grand Continent ein Interview mit  Karola Brede  unter dem Titel War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Zur Eingangsfrage: Karp besuchte Seminare von Habermas und nutzte dessen Werk als zentralen Referenzrahmen. Für sein Dissertationsprojekt verwies Habermas ihn jedoch an Brede; darin lässt sich zumindest eine gewisse Distanz gegenüber Karps Vorhaben erkennen.
Im weiteren geht es im Interview um Karps Habermas‑Rezeption, speziell um den Begriff des Jargons, den Karp in seine Aggressionstheorie integriert und den Bruch mit der akademischen Karriere hin zu seiner anschliessenden Tätigkeit als CEO von Palantir.
Brede äussert sich insgesamt sehr verständnisvoll, fast fürsorglich über Karp.  Selbst problematische Positionen erscheinen ihr eher als Ausdruck biografischer Spannungen denn als moralisches Versagen. Karps Hang zur Grenzüberschreitung deutet sie als Eigenart eines Intellektuellen, der Regeln prinzipiell quer liest.
Über seine unternehmerische Tätigkeit habe er dann Gedanken entwickelt, mit technologischer Macht eine bessere Gesellschaft entwerfen zu können. Die im Buch Technological Republic erkennbare Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft sei jedoch in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie aufgehoben – in diesem Rahmen interpretiert sie sein Wirken als CEO von Palantir.
Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ordnet Brede als Hintergrund einer bellizistischen Radikalisierung ein. Die aggressive Kriegsführung Israels sei – auch von Karp – mit einer tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst begründet worden.

Habermas steht für gesellschaftliche Aushandlung, für kommunikative Rationalität und Verständigung als Bedingungen legitimer Ordnung. Karp setzt dem eine andere Perspektive entgegen: Aggression erscheint bei ihm nicht als Störung, sondern als konstitutive Kraft sozialer Identität.

Kritischer fällt die Analyse von Karps wissenschaftlicher Arbeit und ihrer Nachwirkung bei Palantir  in dem Essay Palantir Goes to the Frankfurt School von  Moira Weigel aus. Der Text stammt von Juli 2020, die aktuellen Verwicklungen, v.a. seit der 2. Trumpwahl, sind also nicht berücksichtigt. Den Bezug zu Habermas nennt Weigel eine Tech industry legend –  die gern als eine Art genealogischer Eindruck genutzt wird. Karps Interesse am Thema Aggression, stammte nicht von Habermas, sondern von Wissenschaftlern des Freud-Instituts, wo sie jahrzehntelang ein Schwerpunkt der Forschung und der öffentlichen Debatte war.
Moira Weigel liest Karps Dissertation als Schlüssel zum Verständnis eines rechts-konträren Netzwerks aus Tech-Eliten (u. a. Thiel, Palantir), das den liberalen Mainstream im Silicon Valley angreift, zugleich aber selektiv auf Kritische Theorie zurückgreift. Das Emanzipationsversprechen der Frankfurter Schule wird dabei aufgegeben.
Die Mechanismen, die Weigel 2020  beschreibt, haben sich seitdem  in  eine andere Dimension gehoben. In den Geschäftsinteressen von Palantir sah Weigel bereits damals eine Nähe zum Trumpismus, obschon Karp bis zur Wahl 2024 die Demokraten mit Kamala Harris unterstützte. Übrigens war David Golumbia, der Autor von  Cyberlibertarianism – The Right Wing Politics of Digital Technology,  einer der Gutachter ihres Textes.

Nach außen hin erscheint Karp als die prägende Figur: er spricht, rechtfertigt, erklärt, ist das Gesicht von Palantir. Die grundlegende strukturelle Setzung – warum es dieses Unternehmen überhaupt gibt – stammt von Peter Thiel. Thiel holte Karp in die Gründung von Palantir, weil er ihn als fähig einschätzte, komplexe Datenanalyse in operative, politisch sensible Anwendungen zu übersetzen. Zwischen Karps Dissertation von 2002 und seinem Eintritt als CEO bei Palantir 2004 liegen keine zwei Jahre; dazwischen gab es nur eine kurze Tätigkeit im Investmentmanagement in London.
Thiel erscheint als der strukturelle Pate von BigTech: Nicht immer sichtbar, aber omnipräsent, vernetzend, ideologisch prägend – jemand, der Kapital, Gründer und staatliche Macht dauerhaft zusammenführt.

Das öffentliche Interesse an Palantir und Karp hat sich seit 2020 verstärkt. Palantir ist vom kontroversen Outsider zum zentralen KI-Infrastrukturanbieter des Pentagon, zum technischen Ermöglicher militärischer Operationen  geworden. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell (3/26) bei rund 320 Mrd. €. Karps Rhetorik wechselte von akademischer Reflexion zu expliziter Machtpolitik.
Sein eigenes Buch The Technological Republic, die Biographie von Michael Steinberger und der Dokumentarfilm Watching You von Klaus Stern stellen Karps Rolle als CEO des grössten Defense Tech Konzerns in ein breites öffentliches Licht.
Im eigenen Buch präsentiert sich Karp als Vordenker einer Neuorientierung des Silicon Valley, weg vom Consumermarkt des Online-Targeting und der  Videoplattformen, hin zu einer Neuverbindung nationaler Ambitionen mit dem Potential von Technologie. Das amerikanische Projekt brauche ein gemeinsames Zielbewusstsein – people want and need a sense of belonging and feeling a part of some thing meaningful that is larger than themselves –  und das bedeute eine enge Zusammenarbeit mit Regierung und Militär.
Palantir hat seine Marke und seinen Ruf über all die Jahre aufgebaut, die Fähigkeit entwickelt, viel Kritik abzuwehren mit der zentralen Aussage, westliche Werte zu unterstützen. Palantir stellt die datenanalytische Infrastruktur bereit, auf deren Basis militärische und sicherheitspolitische Entscheidungen getroffen werden.

Karp formuliert diese Verschiebungen mit einer ihm eigentümlichen Direktheit: Technologie ist für ihn kein neutraler Fortschritt mehr, sondern Teil geopolitischer Machtbildung – und Unternehmen wie Palantir sind deren operative Infrastruktur.
Der Machtanspruch wird  in einigen Zitaten deutlich, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen:
We are not a commodity. We do not want our customers to be commodities — we want them to be individual titans that are dominating their industry or the battlefield.
Palantir is here to disrupt and make the institutions we partner with the very best in the world, and when it’s necessary to scare our enemies and, on occasion, kill them.
The most important software companies are the ones whose products, as Karp has put it, “power the West to its obvious, innate superiority” and “bring violence and death to our enemies.
Die beiden ersten Zitate stammen nicht aus Interviews, sondern aus verifizierten Investorengesprächen und Earnings Calls; sie wurden von Bobby Allyn (s. u.) aus dem Transkript aus  einem Investorengespräch zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch, und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet.

 Transkript eines Investorengesprächs zitiert. Das dritte stammt aus seinem Buch und wurde mehrfach in anderen Zusammenhängen verwendet

Die gleiche Grundlage – dieselben Algorithmen, die Krankheitsmuster und Konsumverhalten erkennen – identifiziert auch Verdächtige. Die Ambivalenz ist kein Konstruktionsfehler – sie ist das Geschäftsmodell.
Eine gesellschaftliche Aushandlung darüber, welche Verwendung legitim ist, findet nicht statt: Die Systeme sind installiert, bevor die Frage danach gestellt wird. Das bedeutet eine präemptive (vorweggenommene) Unterlaufung gesellschaftlicher Aushandlung – nicht als Nebeneffekt, sondern als Strategie. Präemptive Unterlaufung bedeutet schließlich, dass Palantirs Systeme faktisch implementiert werden, bevor öffentlich verhandelt ist, welche Anwendungen demokratisch legitim sind.
Palantir operationalisiert, was ich andernorts als automatisierte Singularisierung beschrieben hatte – die algorithmische Erzeugung von Einzigartigkeit aus Massendaten. Im Konsumkontext erzeugt das personalisierte Werbung, im militärischen Kontext Zieldaten. Derselbe Mechanismus mit unterschiedlichen Konsequenzen.

In fact, the phases of the AI kill chain used to execute targets in warfare, as described in the Targeting Manual of the US Air Force  —  to find, fix, track, target, engage, and assess  —  are generally analogous to the steps many tech companies use to help deploy data surveillance and AI models on (or for) their customers.. (aus: : Zig, „The Guernica of AI“,zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

Palantir ist kein Sonderfall, sondern Vorreiter einer Entwicklung, in der sich technologischer Fortschritt, staatliche Macht und politische Mobilisierung zu einem gemeinsame amerikanischen Projekt nationaler Grösse verdichten. American Dynamism wirkt dabei als Sammlungsbewegung des Venture Capitals. Technologie wird zur Ressource staatlicher Macht. Der Staat ist nicht mehr übergriffiger Gegner, wie im Cyberlibertarismus, sondern Kunde, Partner oder Medium nationaler Größe. Die Verbindung zur populistischen MAGA scheint so konsistenter als zunächst gedacht.
Mit einem Zitat aus Moira Weigels Analyse der Frankfurter Dissertation Karps lässt sich so schliessen:
Algorithms take the histories of oppression embedded in training data and project them into the future, via predictions that powerful institutions then act on.

 

vgl.  Alexander Karp:  Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur . Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang-Goethe Universität zu Frankfurt am Main . – The Technological Republic.: Deutsche Ausgabe.  Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. Juli 2025 

Moira Weigel. Palantir Goes to the Frankfurt School– b2o: boundary 2 online. 10.07.2020.  Michael Steinberger: Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat . 11/2025. Dt. Ausgabe. — Paul Morrison: Book Review: The Philosopher in the Valley    – Sebastian Moll: Philosoph des Cyberkriegs. Wie Palantir-Chef Alex Karp, der Neo-Marxist des Silicon Valley, mit KI, Militär und Big Data die Welt neu gestaltet  Jüdische Allgemeine. 3.04.2025 —Bobby Allyn: How Palantir, the secretive tech company, is rising in the Trump era. 3.05.2025. Stefanie Buzmaniuk: War der Palantir-Gründer Alexander Karp wirklich ein Schüler von Jürgen Habermas? Ein Gespräch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede – Le grand Continent  18.03.2026 – Juan Sebastián Pinto: Das Guernica der KI. A warning from a former Palantir employee in a new American crisis . 18.02.2025. –  (Mike in Medium) Palantir’s Techno-Nationalist World View and the Philosophy of Power.  5.11.2025 – Jack McCordick. Alex Karp’s War for the West. The New Republic. 28.02.2025   Tom Nickel: Review: The Technological Republic. Medium 21.05.2025

Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp. Dokumentarfilm ARD-Mediathek (bis 1.04.2026) von  Klaus Stern

 



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