Journalismus.Online. Das Handbuch zum Online-Journalismus (Rezension)

Handbücher dienen dazu das Wissen zu einem Themenfeld, zu einer Branche in übersichtlicher, nachschlagbarer Form verfügbar zu machen. Handbücher zum Journalismus gibt es eine Reihe, und auch zum Online- Journalismus ist Journalismus.online von Hektor Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, nicht das erste. Online war zunächst ein zusätzlicher Veröffentlichungskanal, eine  freizugängliche Spielwiese ohne Gatekeeper.  Online verlockte zum experimentieren – und wurde von Medienunternehmen lange Zeit nicht wirklich ernst genommen. Noch in dem oft als Standardwerk genannten Handbuch von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue (Nr. 1198 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. 3. Auflage 2012)  nannte man den Status der Online- Mitarbeiter bescheiden: wenig geachtet, schlecht bezahlt, hoch belastet (31, Schneider/Raue). 

Journalismus ist heute digital und online. Er ist es vollumfänglich, in allen Bereichen, Produktionsschritten und Ausspielwegen (34); Bildquelle: przemekklos / photocase.de

Digitalisierung hat auch den Journalismus generell verändert. Heute gibt es keinen Journalismus mehr, der nicht am Computer hergestellt und immer häufiger auch an irgendeiner Form von Computer rezipiert wird (27). Das gilt für alle Formate. Medieninhalte (Content) werden digital produziert: Texte mit der Tastatur; Bilder, Ton, Video/Film werden digital aufgenommen und bearbeitet. Medieninhalte/Content kann ebenso gut online wie gedruckt bzw. über einen Rundfunksender  (der ebenfalls digitalisiert sendet) verbreitet werden. Unterscheidet sich “Online-Journalismus” noch von anderen journalistischen Verbreitungsformen? Hat der Begriff überhaupt noch eine Berechtigung? Die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung, die zeitsynchrone Begleitung von Ereignissen – Prozess-Journalismus –  lässt sich nur online weitergeben.  In diesem Sinne sind journalistische Texte heute „permanent beta“(21), veränderungs- und verbesserungsfähig. Wer heute online publiziert, muss auch lernen zuzugeben, dass er nicht alles weiß (Jeff Jarvis, 21).
Eine Leitfrage des Handbuchs ist dann auch die,
wie der Computer und die Digitalisierung den Journalismus inhaltlich, aber auch handwerklich verändert hat (12).

In weiten Teilen folgt das Handbuch einer Reise. Der Autor besuchte Online- Redaktionen, Media- Agenturen und Medienprojekte quer durchs Land:  die Ableger der “Qualitätspresse” und des Boulevard, die Krautreporter und netzpolitik.org, Rundfunksender wie die Deutsche Welle, Bayern2, und n-tv, war bei Opendatacity, dbate und bei Vice, bei taz, FAZ, spon und bild-online. Die überall dort geführten Gespräche wurden transkribiert und bilden eine Grundlage des Textes.
Unter den Online-Angeboten mit den meisten Besuchern gibt es kaum Neugründungen, auch die deutsche Ausgabe der Huffington Post schloß vor zwei Wochen (31.03.19). Bestimmend bleiben seit langem bekannte Medienmarken, die auch ungefähr das bieten, was man von ihnen erwartet. Mehrere Gründe  lassen sich dafür anführen,  generell erwarten Leser/Hörer/Zuschauer von Medienmarken eine bestimmte Ausrichtung, einen Qualitätsanspruch, einen Stil, unabhängig vom Ausgabeformat. Fast alle davon führen Bezahlmodelle für weitergehenden Zugang.

Journalismus online bleibt unvollständig ohne Blogs. Blogosphäre klingt heute seltsam, sehr nach Web 2.0 und 0er Jahren – darauf geht aber eine publizistische Erneuerung zurück, die mehr als andere die Vernetzungsmöglichkeiten nutzt. Im stärker kommerzialisierten Feld haben sich Reise-, Koch- und Modeblogs verbreitet, seit jeher konsumnahe Themen.
Anderswo wurden eigene publizistische Formate entwickelt, die unterschiedliche Plattformen nutzen. Genannt werden hier u.a. Floid und Tilo Jung mit dem YouTube-Kanal Jung & Naiv.
Aus dem eigenen Umfeld kann ich den Bonner Wirtschaftsblogger und Live- Streaming Pionier Gunnar Sohn, der mittlerweile eine ganze Reihe von Live-Formaten sendet, die in der Folge u.a. auf youtube abrufbar sind – oder auch das 2016 eingestellte Projekt Nerdhub von Thomas Riedel nennen.

Als Handbuch, das eben auch zum Nachschlagen gedacht ist, enthält das Buch einen umfangreichen Serviceteil. Infoboxen und Checklisten zu zahlreichen relevanten Themen, wie Nutzerdaten, zu Google Analytics, hyperlokalem Journalismus, Story- und Scrollytelling, zu Podcasts,  zur Medienkonvergenz, mobile Reporting u.v.m. erleichtern die Übersicht. Für diejenigen, die sich seit Jahren in der digitalen Öffentlichkeit bewegen ist wohl einiges nicht neu  – das Buch richtet sich aber auch an Studenten und Einsteiger.
Ob Details zu wordpress, eine Einführung in html und CSS in einem Handbuch für Journalisten sinnvoll sind ist Ansichtssache. Immerhin gibt es dazu gedruckt und im Netz eine kaum überschaubare Auswahl.

Die Krise des Journalismus ist seit längerem Thema. Diese Krise ist aber vorrangig die des Geschäftsmodells von Zeitungsverlagen: mit der Verlagerung der Werbewirtschaft sind Gewinne aus dem Anzeigengeschäft weggebrochen.  Finanzierungsmodelle sind aber höchstens am Rande Thema des Handbuchs.
Das Netz bündelt die Möglichkeiten und Eigenschaften der vordem dominierenden Medien Presse, Radio, TV, Video. Darüber wird übertragen und gespeichert. Aktuelle Nachrichten verbreiten sich heute nicht über 20h Nachrichten, die Tageszeitung oder eine Homepage. Mit Twitter oder News- Ticker ist man mit dem SmartPhone live dabei.
Das Wortspiel von Journalismus zum yournalismus, das sich durch das Buch zieht, verweist auf die Entwicklung von einer frontalen Berichterstattung nach Redaktionsschluss zu einer personalisierten Mediennutzung. Es leitet in die Diskussion dazu über, wie sich Öffentlichkeit in digitalen Zeiten konstituiert.

Hektor Haarkötter: Journalismus.online. Das Handbuch zum Online-Journalismus. Herbert von Halem Verlag, Köln 2019.  426 S. ISBN: 978-3-7445-1108-7



Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Rez.)

727 Seiten – davon >100 Anmerkungen und Register – das ist Schwergewicht, von Umfang wie Thema. Das Cover erinnert an Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert, Zufall? Jedenfalls liegt hier ein, wenn nicht das Standardwerk zum Digitalen Kapitalismus vor.
Vorangestellt ist eine Definition bzw. Beschreibung des Überwachungskapitalismus, in acht  harsch formulierten Thesen. Im Kern geht es um eine neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre kommerziellen Operationen nutzt. Es bleibt nicht allein dabei, die neue Logik der Akkumulation überschreitet den engeren Rahmen kommerzieller Aktivität und bildet die Grundlage einer neuen instrumentären Macht. 
Daran entzündet sich eine massive und überraschend radikale Kritik. Das Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst geht es um die Grundlagen, die Genese des Überwachungskapitalismus, dann um seine Durchsetzung und Verbreitung, die Verdatung von Erfahrung, schliesslich die Etablierung einer instrumentären Macht in einer Dritten Moderne.

Überschusssinn bedeutet ein Reservoir neuer Möglichkeiten, für die es zunächst keine Verwendung gibt. Bild: kallejipp/photocase.de

In der vorderen Reihe der Kritik steht Google als Pionier (Facebook, Microsoft und Amazon nicht zu vergessen!). Mit der Entdeckung des Verhaltensüberschusses (96) beginnt der Überwachungskapitalismus.
Überschusssinn bedeutet im weitesten, dass mit neuen Medien/Techniken Möglichkeiten zur Verfügung stehen, für die es zunächst keine Verwendung gibt. Kontrollüberschuss (vgl. Dirk Baecker) verweist auf die Kontroll- Möglichkeiten in den elektronischen und digitalen Medien.
Verhaltensüberschuss ist der Anteil der gewonnenen Verhaltens- Daten, der nicht zur Verbesserung von Diensten notwendig ist. Dieser Überschuss versorgt ein neues Produktionsmittel, das Vorhersagen aus Nutzerverhalten produziert (120/121). Daten, die einst ungenutzt blieben, werden zu Aktiva (191). Der Beginn der Vermarktung in der (personalisierten) Werbung ist eher zufällig, die neuen Vorhersagesysteme lassen sich auf andere Branchen übertragen, die sensibler sind: Finanzplanung, Bildung, Gesundheit. Entwicklungen wie das Internet der Dinge lassen ganz neue Dimensionen erwarten. Selbst Staubsauger und Matratzen liefern damit Daten aus ihrer “natürlichen Umgebung“.
Das Internet war zunächst der grösste unregulierte Raum der Welt (129) – das Bild der last frontier, des wild wild web (Tim Cole) passt. Das bot zum einen Freiraum für experimentelle Subkulturen jeder Art, zum anderen Internet- Unternehmen den Spielraum zum Aufbau von Imperien nach neuen, eigenen Regeln – angetrieben durch die Dynamik des Wettbewerbs. Das Internet wurde dadurch mehr und mehr zum Ort kommerzieller Überwachung in Echtzeit, die möglichst jedes Detail der Online-Aktivitäten registriert. Alles, was zur Überwachung genutzt werden kann, wird auch dazu genutzt.

Geht es in den ersten beiden Teilen des Buches gut nachvollziehbar um die Genese und Verbreitung, beginnt der dritte Teil verstörend: Big Other nennt die Autorin die zentrale Metapher instrumentärer Macht. Eine rechnergestützte und vernetzte Instanz, die menschliches Verhalten rendert, überwacht, berechnet und modifiziert (437). Ideologische Basis ist ein Konglomerat aus Neoliberalismus Hayek’scher Prägung und einem radikalen Behaviorismus nach B. F. Skinner, das formale Gleichgültigkeit der neoliberalen Weltsicht  mit der beobachtenden Perspektive des radikalen Behaviorismus verbindet (437). Letztendlicher Sinn wäre eine Art automatisierte Perfektionierung von Markt und Gesellschaft: Wir könnten wahrscheinlich eine Menge der Probleme lösen, die wir Menschen so haben, so Larry Page 2014 (464). Politisch ist das Modell indifferent, sammelt seine Kräfte aber ausserhalb der Demokratie (590). Unternehmen des Datenkapitalismus stellen oft eine technologische  Unvermeidbarkeit hervor. Technologie besteht aber nie unabhängig von Wirtschaft und Gesellschaft. Letztlich ist der Überwachungskapitalismus nur eine Form der Informationsgesellschaft, nicht unabwendbar.
Bei aller zur Schau getragenen Innovations- Hipness und heroischer Selbstinszenierung unterscheidet sich die Haltung kaum von dem Motto der Weltausstellung von Chicago 1933: “Science Finds – Industry Applies – Man Conforms” (31) (Die Wissenschaft (er)findet – Die Industrie wendet an – Der Mensch passt sich an).

Bleibt zu sehen, welche längerfristige Wirkung von diesem Buch ausgeht. Die Diskussion zur Digitalen Zukunft wird damit eine andere. Unmut an der Ausformung des Digitalen Kapitalismus, an den Datenkraken, hat sich mehr und mehr verbreitet, mal dezent als Ausdeutung (C. Kucklick.- Die granulare Gesellschaft),  mal als dramatischer Rant (Brandrede) (J. Lanier) oder als Appell zur Wiederinbesitznahme/Reconquista des Internet (Tim Berners-Lee).
In diesem Umfang, mit solcher Detailfülle und einer solchen Radikalität wurde der Digitale Kapitalismus bisher nicht beschrieben. Die Kritik steht nicht im leeren Raum. Sie ist analytisch mit allen akademischen Qualitäten, die Genese von Machtstrukturen ist nachvollziehbar. Sie ist eingebettet in Bezüge zu den maßgeblichen Hintergründen und Ideologien – sie wird begleitet von Diskursen u.a. zu Hanna Arendt, nicht nur Piketty kommt vor, u.a. auch Polanyi.  Es geht letztlich um die Verteilung von Macht in einer neuen (dritten) Phase des Kapitalismus – um Metamorphosen der Macht in einer Umgebung,  die in wenigen Jahren zur bestimmenden Größe geworden ist. 
In den Feuilletons wird Zuboffs Werk positiv bis begeistert besprochen. Zur FAZ gibt es besondere Beziehung, wohl deshalb erschien die deutsche Ausgabe noch vor der amerikanischen.
Man sollte den Kapitalismus nicht roh geniessen. Er gehört gekocht, und zwar von einer demokratischen Gesellschaft und ihren Institutionen (63).All das bedeutet nicht, auf die Segnungen des Netzes zu verzichten, Programm wäre eine Zivilisierung.

Sicher sind 727 Seiten viel, eine detaillierte Gliederung und ein umfangreiches Register machen es zumindest einfacher, darin zu  navigieren. 

Shoshana Zuboff (Übs: Bernhard Schmid): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Campus Verlag, Frankfurt/New York 10/2018 (orig.: The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power.  727 S. ISBN: 978-3-593-50930-3



4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt (Rezension)

Immer wieder 4.0 … und ausgerechnet  von  einem Soziologen, aber hier gilt eine ganz andere Zählweise: 4.0 ist keine Etappe der industriellen Revolution, sondern weit ausgreifend die 4.  Medienepoche der Menschheitsgeschichte. Zuerst war die Sprache und die Stammesgesellschaft, dann die Schrift und die antike Gesellschaft, später kam der Buchdruck und die moderne Gesellschaft und jetzt eben Digitalisierung mit den elektronischen Medien und der Nächsten Gesellschaft (entlehnt von Next Society nach Peter Drucker). Gesellschaften waren von Beginn an von ihrer Medialität geprägt, angefangen mit der Sprache.

Verbreitungsmedien lösen sich nicht ab, sondern es treten neue hinzu:  Neue Verbreitungsmedien bedeuten neue Möglichkeiten der Verknüpfung von Kommunikation, die man vorher noch nicht kannte, sie sind bestimmend für die Struktur und Kultur einer Gesellschaft, eine Art prägende Textur. Soweit ist die Einteilung einleuchtend – bis auf eine Lücke zwischen 3.0 und 4.0  (dazu später).
Die Nächste Gesellschaft, das ist die Computer- bzw. digitale Gesellschaft, hat die Moderne schon hinter sich. Von dieser unterscheidet sie sich wie die Elektrizität von der Mechanik (14). Moderne meint hier die Medienepoche, die die demokratische, industrielle, und pädagogische Revolution hervorgebracht hat.  
Bereits 2007 hatte Baecker Studien zur Nächsten Gesellschaft veröffentlicht, daraus entstanden später (2011) 16 Thesen zur Zukunftsfähigkeit der Nächsten Gesellschaft, mittlerweile sind daraus 26 geworden (nachzulesen in seinem Blog).
„Die Theorie darf nicht schlüssiger auftreten als die Gesellschaft, der sie gilt“ (12) – so besteht Baecker auf dem kursorisch- essayistischen, manchmal vorsichtigen und manchmal sehr detailliert definierenden Charakter des Buches. Der Aufbau ist dann überraschend schematisch. Die 26 Thesen entsprechen 26 Themen, die in den 26 Kapiteln abgehandelt werden. Ganz zum Schluß steht dann eine ziemlich erstaunliche tabellarische Übersicht (270/271). Dort kann man ablesen, wie einzelne Themen in den vier Medienepochen bewältigt wurden: Zu Wirtschaft findet man bspw. aufsteigend von der tribalen zur nächsten Gesellschaft Erfahrung, Besitz, Kapital, Daten; Organisation beginnt erst mit der zweiten (antiken) Gesellschaft als Institution, wird in der Moderne zur formalen Organisation, schließlich zur agilen Plattform.

Kontrollüberschuss in der Digitalen Gesellschaft;  Bild: kallejipp/photocase.de

Weniger schematisch sind die  Texte der einzelnen Kapitel selber. Vorab sind die jeweiligen Thesen ausformuliert, manchmal in geradezu aphorismischen Worten. Fast jedes der Kapitel würde sich, weiter ausgearbeitet, für einen eigenen Buchtitel eignen: “Das Individuum, vergesellschaftet”,  “Überwachte Gesundheit”, “Konsum mit Stil”, “Agiles Mißtrauen und organisierte Arbeit”, “Das Recht der Daten”, “Moral und Ethik des Guten Lebens”, “Der Tod als Löschvorgang” etc. – es sind Themen, die uns oft sehr konkret und aktuell interessieren. Hier enthält das Buch immer wieder neue Beobachtungen, Einsichten, zahlreiche  Referenzen (dass Luhmann beim Systemtheoretiker Baecker oft erwähnt wird, wundert nicht), die insgesamt das Thema Digitale Transformation neu (und sehr reflexiv) beleuchten.
In Summa geht es um die einzelnen gesellschaftliche Felder, wie Konsum, Sport, Religion, Recht, Liebe, Kunst, Arbeit, Technik, Management, künstliche Intelligenz etc., in denen durchgespielt wird, welche Antworten frühere Gesellschaften darauf gefunden haben und welche die nächste Gesellschaft  finden kann. Die Phänomene, um die es geht sind die der Digitalisierung: “Die Automatisierung der Industrie, die politischen Möglichkeiten der Überwachung, die massenmediale Bereitstellung von Plattformen für Arbeit, Konsum und Unterhaltung …”  – es wird deutlich, dass digitale Transformation der Gesellschaft, etwas viel weitgehenderes ist, als der immer wieder gehörte Spruch “in Wirtschaft und Gesellschaft” denken lässt.    

Merken sollte man sich den Kontrollüberschuss der digitalen Gesellschaft, der dem Kritiküberschuss der Moderne oder dem Referenzüberschuss der Sprache entspricht – Überschusssinn “bedeutet jeweils, dass ein Medium der Kommunikation mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als je aktuell wahrgenommen werden können” (Baecker 2016).  Auch diese Begriffe gehen letztlich auf Niklas Luhmann “Verweisungsüberschuss von Sinn” zurück.

Das Sprachbild der Versionsnummern (4.0) scheint unwiderstehlich zu sein, wenn es um Digitale Transformation geht. Ob Ironie zur Industrie 4.0 und ihren zahlreichen Ableitungen versteckt ist, wer weiß?, erwähnt wird das andere 4.0 nirgends.

Wirklich klar, bzw. historisch fassbar wird eine Trennlinie zwischen der modernen und der nächsten Gesellschaft allerdings nicht. Baecker betont immer wieder die Zugehörigkeit der audiovisuellen Verbreitungsmedien (Kino, Radio, TV, Telefon, Fotografie) zu den elektronischen Medien der nächsten Gesellschaft. Heute sind diese in den digitalen Medien miteinander verschmolzen, haben aber in ihrer analogen Form das 20. Jahrhundert geprägt. Es ist diese Medienepoche, aus der  wir kommen.

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt.. Merve Verlag, Leipzig 2018.  272 S. ISBN: 978-3-96273-012-3



10 Gründe … Social Media Accounts zu löschen (Rez.)

Im letzten Blogbeitrag 10 Jahre Social Media kam ich bereits auf das Buch von Jaron Lanier zu sprechen.
Zehn Gründe – Bücher sind an sich eine Unterabteilung der Ratgeberbranche. Meist geht es um einen zu unternehmenden, entscheidenden Schritt in der Lebensgestaltung, zu dem dann 10 Gründe abgearbeitet werden.
Was Jaron Laniers  Buch “Zehn Gründe … ” (ganz ausgeschrieben: “Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“) davon heraushebt, ist seine Rezeption. Die internationale, fast noch mehr die deutsche Ausgabe wurde breit in sog. Qualitätsmedien rezensiert, im Guardian, Deutschlandradio, der Zeit, FAZ etc. – und das durchweg positiv. Dazu einige  Interviews, so in der Zeit. Der Verlag Hoffmann & Campe bewirbt Lanier als Tech-Guru und Vordenker des Internet. Bereits 2014 wurde Lanier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, mehr geht eigentlich nicht.

“Zehn Gründe … ” ist ein Rant, eine Art Brandrede, Beschimpfung, Streitschrift nennt es die FAZ, gegen BUMMER (Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent) und es wird wenig ausgelassen. BUMMER meint eine toxische Seite des Social Web und Lanier will den Begriff für das von ihm beschriebene destruktive Geschäftsmodell (41) der Arschloch- Herrschaft einführen, so zieht es sich durch das ganze Buch. Komponenten von BUMMER sind Arschloch- Herrschaft, totale Überwachung, aufgezwungene Inhalte, Verhaltensmodifikationen, ein perverses Geschäftsmodell, Fake People  (39-58).  Harte, aggressive und polemische Worte. Gemeint sind v. a. Facebook und Google, in geringerem Maße Twitter. LinkedIn wird  ausgenommen, die Leute dort haben etwas anderes zu tun, als sozialen Eindruck zu schinden (74; Zufall, dass Lanier für Microsoft arbeitet?). 

Das Buch wirkt schnell heruntergeschrieben, manchmal etwas wirr und ein wenig fremd im feinen Hardcover von Hoffmann & Campe. Vieles lässt sich einfach relativieren: Wenn sich im Internet Leute merkwürdig und boshaft benehmen (45) dann kann das viele Ursachen haben, die in der Person oder der Umgebung liegen. Dass die Ausgaben der digitalen Werbeindustrie dazu dienen unser Verhalten, ähnlich wie TV- Spots zu beeinflussen (37) – eine Selbstverständlichkeit. Medien haben grundsätzlich ein Manipulationspotential. Suchtpotential wurde neu auftauchenden Medien immer wieder vorgehalten. Ist Donald Trump twittersüchtig? Toxisches Medium oder toxische Persönlichkeit?
Alles in allem Darstellungen, die Nutzer als Objekte bis Opfer toxischer Medien und ihrer Betreiber zeigen. Social Media gibt es bereits länger, und es gibt viele Menschen, die seitdem gelernt haben, sie zu ihrem Nutzen und ihrer Zufriedenheit zu nutzen. 

eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit; Bild: photocase.de/kallejipp

Interessanter als das Buch selber ist die Resonanz und ihre Hintergründe: Das deutsche Feuilleton holt sich einen Dissidenten aus Silicon Valley der dem Durchschnitts- Amerikaner klarmachen will, dass und wie er in den Social Media verarscht wird, so in etwa ließe sich die Resonanz einstufen. Generell gibt es wohl eine Befürchtung des Verlustes von Deutungshoheit, das lässt Fundamentalkritiker von Social Media als Mahner und Warner willkommen heißen.  Spätestens mit der Trump Wahl hat sich zudem der Blick darauf verändert, und richtet sich auf deren Manipulationspotential.  Brachte man 2011 Social Media mit dem Arabischen Frühling in Verbindung, verbindet man sie heute oft mit populistischen Strömungen, die sich in Filterblasen und Echokammern anfeuern. Sicher ist, dass Social Media allen möglichen Strömungen als Infrastruktur dienen. Verstärkt wird das Mißtrauen durch das selbstbewußte Auftreten von Mark Zuckerberg vor den Parlamenten in Washington und Brüssel und insbes. den Cambridge Analytica Skandal  (wird in einem Nachtrag  vermerkt; 9).

Es gibt viele Gründe und Argumente, Social Media Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle – Datensammlung und darauf beruhende personalisierte Werbung – und ihre Machtanhäufung zu kritisieren. Zur aktuellen Diskussion dazu, die in vielem viel weiter ist, trägt “10 Gründe…” wenig bei. Das Buch ist fixiert auf BUMMER, dreht sich um die Ambitionen des Silicon Valley – und ist selber nicht frei von dessen Größenwahn, wie es in dem Satz “die Welt verändert sich rapide unter unserem Kommando” (42) durchscheint.

Wäre denn tatsächlich ein Internet ohne Werbewirtschaft denkbar?  Werbung und Marketing gehen dahin, wo die Menschen sind – und sie wollen ihre Zielgruppen mit möglichst wenig Streuverlusten ansprechen. Hätte sich die Werbewirtschaft jemals die Möglichkeiten des Netzes entgehen lassen?  Das gilt nicht nur für Großunternehmen. 

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum Du Deine Social Media Accounts sofort löschen musst. 2018,  204 S.



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