{"id":89084,"date":"2026-08-30T12:11:37","date_gmt":"2026-08-30T10:11:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/?p=89084"},"modified":"2026-08-30T12:45:36","modified_gmt":"2026-08-30T10:45:36","slug":"die-unuebersichtlichkeit-der-ungleichheit-was-der-streit-um-den-zeit-essay-ueber-die-soziologie-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/die-unuebersichtlichkeit-der-ungleichheit-was-der-streit-um-den-zeit-essay-ueber-die-soziologie-verraet\/","title":{"rendered":"Die Un\u00fcbersichtlichkeit der Ungleichheit \u2013 Was der Streit um den ZEIT-Essay \u00fcber die Soziologie verr\u00e4t"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_6648\" aria-describedby=\"caption-attachment-6648\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/consumer_conversation.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6648\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/consumer_conversation.jpg?resize=273%2C162&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"162\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/consumer_conversation.jpg?w=570&amp;ssl=1 570w, https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/consumer_conversation.jpg?resize=300%2C177&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6648\" class=\"wp-caption-text\">In der Soziologie wird gestritten<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Essay<\/em> <em><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/feuilleton\/2026-07\/soziologie-wissenschaft-oxford-studie\/komplettansicht#cid-82471228\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ist die Soziologie zu links<\/a>? <span style=\"font-size: small; line-height: 2px;\">(vgl den <a href=\"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/ist-die-soziologie-zu-links-eine-irritierte-replik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vorhergehenden Beitrag<\/a>)<\/span><\/em>\u00a0von <em>Armin Nassehi<\/em> und <em>Irmhild Saake<\/em> im Feuilleton der ZEIT hat eine Reihe kritischer Repliken, dar\u00fcber hinaus eine\u00a0 weiterreichende Debatte ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht nicht nur um den Inhalt. Es geht um die Wirkung des provokanten\u00a0 Aufreissers, die\u00a0 gew\u00e4hlte \u00d6ffentlichkeit und um die schwache empirische Belastbarkeit der Quellen. Was als gut belegte These diskutabel w\u00e4re,\u00a0 fordert auf der grossen publizistischen B\u00fchne Widerspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Essay<\/em> in der ZEIT ist im Grunde ein <em>Rant &#8211; systemtheoretische Begrifflichkeiten<\/em> und <em>launig-pauschalisierende<\/em> Zuspitzungen vermengen sich darin. Bloss der Adressat bleibt vage. Genannt wird ein <em>gro\u00dfer Teil der Sozialwissenschaften &#8211;<\/em> welcher grosse Teil nun gemeint ist, wird nicht weiter deutlich. Gezeichnet wird das Bild einer moralisierten Soziologie, die ihr Gen\u00fcgen darin findet, <em>Ungleichheit<\/em> zu monieren und in diesem Emp\u00f6rungsmodus eine sinngebende Nische gefunden hat. Die Reizw\u00f6rter <em>Wokeness<\/em>, oder <em>Agendawissenschaft<\/em>\u00a0 kommen zwar nicht vor &#8211; aber die Klischees dazu werden aktiviert.<br \/>\nWas weiter hinter dem <em>Rant<\/em> steckt, l\u00e4sst sich nur vermuten; jedenfalls geht es um die Verteidigung eines Privilegs echter Wissenschaftlichkeit, das die Autoren &#8211; unausgesprochen &#8211; in erster Linie der eigenen Denkschule zusprechen.<br \/>\n<em>Nassehi<\/em> ist bekannt als virtuoser Anwender der Luhmann&#8217;schen Systemtheorie, als einer derjenigen, der sie seit den 90er Jahren weiterentwickelt hat.<br \/>\nSystemtheorie versteht sich als Universaltheorie &#8211; mit dem\u00a0 Anspruch, alles, incl. <em>sich selbst<\/em> im Sozialen vollst\u00e4ndig beschreiben zu k\u00f6nnen. Dazu hat sie ein eigenes Vokabular entwickelt, das weit \u00fcber g\u00e4ngige Fachsprachen hinausgeht. Die Bedeutung von W\u00f6rtern wie <em>St\u00f6rung<\/em>, <em>Katastrophe<\/em>, <em>Moral<\/em>, die <em>Entstehung von Ordnung<\/em>\u00a0oder auch <em>Ungleichheit<\/em> ist nicht dieselbe wie in der Alltagssprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nassehi<\/em> ist einer der \u00f6ffentlich pr\u00e4sentesten Vertreter, eines der Gesichter des Faches.\u00a0 Seine Expertise\u00a0 wird oft herangezogen, auf Podien, in Talk-Shows, im Feuilleton, deren Formate er bedient. Gleich welches Ph\u00e4nomen, ob <em>Pandemie, <a href=\"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/muster-theorie-der-digitalen-gesellschaft-rez\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitalisierung<\/a>, KI, Gender Studies<\/em> etc. , die Erkl\u00e4rungsmuster bleiben gleich: Konflikte werden mit Funktionslogiken erkl\u00e4rt und in ein systemtheoretisches Vokabular \u00fcbersetzt \u2013 in Differenz, in Code, in Programm, in strukturelle Kopplung.<br \/>\nDas schafft eine beobachtende Distanz, die sich betont von Moralisierung fernh\u00e4lt. Was aber zun\u00e4chst \u00fcberraschend und erhellend klingt, wirft nach mehrfacher Wiederholung die Frage auf, ob hier erkl\u00e4rt oder \u00fcbersetzt wird. Das systemtheoretische Vokabular ist an praktisch jedes Ph\u00e4nomen anschlussf\u00e4hig. Wenn die systemtheoretische Rahmung in erster Linie eine \u00dcbersetzung ist, bleibt der Erkenntnisgewinn schwer zu bemessen.<br \/>\nWenn wirklich alles mit demselben Vokabular erkl\u00e4rt wird, wird daraus keine Erkl\u00e4rung mehr, die sich bewahrheiten, oder auch scheitern kann, sondern eine sich selbst referenzierende <em>Welterkl\u00e4rungsmaschine<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 1rem;\"><em>Ungleichheit <\/em>taucht im ZEIT-Essay auff\u00e4llig oft (&gt;25x) auf \u2013 fast so, als w\u00fcrde das Wort selbst einen fehlenden analytischen Zugriff darauf kompensieren.<br \/>\nIm systemtheoretischen Begriffsuniversum spielt <em>Ungleichheit<\/em>\u00a0tats\u00e4chlich eine nachgeordnete Rolle: <em>Soziale Ungleichheit habe heute ihre zentrale strukturelle Bedeutung verloren; moderne Gesellschaften seien durch einen Primat funktionaler Differenzierung gekennzeichnet und in Abh\u00e4ngigkeit davon r\u00fccke soziale Ungleichheit in den Hintergrund.* &#8211; <\/em>so referiert <em>Thomas Schwinn<\/em> eine Aussage Luhmanns.<br \/>\nF\u00fcr <em>Schwinn<\/em> sind Ungleichheitstheorie und Differenzierungstheorie \u2013 letztere eines der Fundamente von Luhmanns Systemtheorie \u2013 die beiden wichtigsten Konzepte, mit denen sich moderne Gesellschaften analysieren lassen; nur laufen beide Forschungstraditionen seit Jahrzehnten weitgehend beziehungslos nebeneinander her &#8211; <em>Schwinn<\/em> spricht sogar von zwei Soziologien.<br \/>\nNassehi argumentiert im Grunde, als verteidige er neutrale Wissenschaft gegen moralisierenden Aktivismus; dass sich Ungleichheit ebenso n\u00fcchtern erforschen l\u00e4sst wie funktionale Differenzierung, bleibt dabei unausgesprochen.<\/span><\/p>\n<p><strong><em>Von der Replik zur Perspektive\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_89153\" aria-describedby=\"caption-attachment-89153\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-89153\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=247%2C164&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"247\" height=\"164\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/smitty-0SGG-ttbuTw-unsplash.jpg?resize=2048%2C1366&amp;ssl=1 2048w\" sizes=\"(max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-89153\" class=\"wp-caption-text\">Bild: smitty OSSG. unsplash.com<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Repliken und anderen Kommentaren wurde bereits viel\u00a0 gesagt &#8211; es gab auch zustimmende Kommentare &#8211; der Verlauf kann \u00fcber die \u00dcbersichten mit den verlinkten Beitr\u00e4gen auf dem Blog von <em><a href=\"https:\/\/serdargunes.wordpress.com\/2026\/08\/09\/die-krisen-der-soziologie-zu-links-oder-politisiert-die-artikelsammlung-zur-debatte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Serdar G\u00fcnes<\/a><\/em> und dem Portal <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftskommunikation.de\/soziologinnen-streiten-ueber-ihr-fach-99589\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Wissenschaftskommunikation.de<\/em><\/a> nachverfolgt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schlagabtausch. Im weiteren &#8211; und das macht die Diskussion dann doch fruchtbar &#8211; geht es um die Ausrichtung der Soziologie, ihre \u00f6ffentliche Wirkung und die Erwartungen, die an sie gestellt werden.<br \/>\nEine Gelegenheit, auszuformulieren, welche Erkl\u00e4rungs- und Erkenntnism\u00f6glichkeiten die Soziologie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis aktueller Entwicklungen bietet &#8211; M\u00f6glichkeiten, die sich auch f\u00fcr die eigene Arbeit nutzen lassen, abseits von Methodendebatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moderne Gesellschaften versprechen Gleichheit und produzieren zugleich massive Ungleichheit. Formale, rechtliche und politische Gleichheit ist verfassungsrechtlich gesch\u00fctzt &#8211; was nicht Machtgleichheit bedeutet.\u00a0 Hierarchische Ungleichheiten, wie sie die Industriegesellschaft bis in die 90er Jahre und dar\u00fcber hinaus pr\u00e4gten, sind heute weniger ausgepr\u00e4gt, ohne dass sie verschwinden. Am st\u00e4rksten wirkt Ungleichheit in der\u00a0 Verm\u00f6gensverteilung &#8211; und den\u00a0 damit verbundenen Gestaltungschancen.<br \/>\nUngleichheiten lassen sich heute pr\u00e4ziser als Machtungleichheiten bzw. sich verschiebende Machtbalancen verstehen. Macht ist in diesem Sinne keine einseitig dominante Position, sondern eine Balance, die best\u00e4ndig ausgehandelt wird. Die miteinander vernetzten Medien sind die Arena, in der diese Machtbalancen ausgehandelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 1rem;\">Funktionale oder tempor\u00e4re Asymmetrien geh\u00f6ren zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie entstehen immer wieder neu. Gesellschaftliche, \u00f6konomische und technologische Umbr\u00fcche produzieren laufend Gewinner und Verlierer \u2013 was Fragen zur Gleichheit immer wieder aktuell werden l\u00e4sst.<br \/>\n<em>Gleichheit<\/em> &#8211; und <em>Freiheit<\/em> &#8211; sind nicht beliebige Werte unter vielen. Es sind normative Grundbedingungen der demokratischen Moderne, deren Gewichtung immer wieder austariert werden muss &#8211; das ist soziologisch und politisch ernst zu nehmen. Freiheit allein f\u00fchrt zu libert\u00e4rem Individualismus. Eine absolute Setzung von Gleichheit nimmt den Menschen die M\u00f6glichkeiten\u00a0 individueller Entfaltung.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem der Kommentare zum ZEIT- Essay fiel mir die Beobachtung auf, \u00a0dass wahrscheinlich die H\u00e4lfte der Artikel (der Zeit) in irgendeiner Weise auf soziologische Expertise zur\u00fcckgreift. Ein Eindruck, der auf ein breites Interesse und einen Bedarf an soziologisch fundierter Erl\u00e4uterung von gesellschaftlichem Wandel aufmerksam macht &#8211; jedenfalls mehr, als in vergangenen Jahrzehnten.<br \/>\nWas Soziologie kann, ist auch entfernte Wirkungszusammenh\u00e4nge zu erkennen und zu beschreiben. Technologischer, kultureller und \u00f6konomischer Wandel sind eng miteinander verbunden, durchdringen den Alltag und beeinflussen die Lebenschancen jedes einzelnen. Zentrale individuelle Erfahrungen, wie\u00a0 Identit\u00e4tsentwicklung, Berufsbiographien und die Formen von Vergemeinschaftung sind davon betroffen. Die Verkn\u00fcpfung gesellschaftlicher und\u00a0 technologischer Entwicklungen kann als <a href=\"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/technogenese-die-digitale-revolution-als-zivilisationsprozess\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Technogenese<\/em><\/a> gedeutet werden.<br \/>\nDie digitale Revolution brachte zun\u00e4chst ein <em>Empowerment<\/em> der Individuen mit sich, um dann die Bildung neuer Monopole zu beg\u00fcnstigen,\u00a0 bekannt unter Konzepten wie der\u00a0 <em>Macht der Plattformen<\/em> oder <em>\u00dcberwachungsgesellschaft<\/em>. Die aktuelle Situation \u2013 KI-Konzerne, die massiv neue Asymmetrien erzeugen, eine zerfallende progressiv-neoliberale Koalition, <em>Silicon Valley<\/em> im Wandel vom progressiven Lager zu einem\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.klaus-janowitz.de\/wordpress\/cyberlibertarianism-the-right-wing-politics-of-digital-technology\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Cyberlibertarismus<\/em><\/a> \u2013 ist genau eine Situation schnellen, konkreten, historisch spezifischen Wandels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luhmann entwarf die Systemtheorie in den 1960er &#8211; 1990er Jahren, einer Zeit der Bl\u00fcte der <em>funktional ausdifferenzierten<\/em> Industriegesellschaft der Bonner Republik. Einer Epoche, die von stabilen Gro\u00dforganisationen und Institutionen getragen wurde. Funktionale Systemzw\u00e4nge waren damals unmittelbar sp\u00fcrbar und sind im R\u00fcckblick gut nachvollziehbar. Heute erleben wir die Erosion ihrer tragenden Organisationen &#8211; ganz aktuell etwa bei den Bindungsverlusten von Parteien wie der CDU und der Krise korporativer Industriegiganten wie\u00a0 VW.<br \/>\nBei aller beanspruchten universellen G\u00fcltigkeit und trotz\u00a0 ihren nachtr\u00e4glichen Aktualisierungen tr\u00e4gt Luhmanns Systemtheorie unverkennbar die Handschrift dieser Epoche. Ihre Erkl\u00e4rungskraft entfaltete sie\u00a0 am besten vor diesem historischen Hintergrund. Systemtheorie ist ein m\u00e4chtiges Werkzeug mit einer umfangreichen Wirkungsgeschichte &#8211; einen Alleing\u00fcltigkeitsanspruch verdient sie deshalb nicht. Ihre Erkl\u00e4rungskraft muss sie gegen\u00fcber anderen Ans\u00e4tzen behaupten, u.a. einer Prozesssoziologie, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht aus geschlossenen Funktionslogiken, sondern aus Interdependenzen und sich verschiebenden Machtbalancen heraus beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 1rem;\">Gesellschaftliche Ordnung ist kein starrer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das st\u00e4ndig ausgehandelt wird. Gesellschaftliche Wirklichkeit ist vielschichtig, historisch pfadabh\u00e4ngig und durch Akteure, Technik sowie Machtstrukturen bestimmt. Soziologie ist keine Sozialphysik, sondern eine\u00a0 offene Erfahrungswissenschaft, die <\/span><span style=\"font-size: 1rem;\">einen Theorienpluralismus erfordert.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ohne Angst verschieden zu sein <\/em>&#8211; dieser Satz von Adorno, den <em>Nies<\/em> und <em>Lessenich<\/em>\u00a0 in ihrer Replik aufgreifen, gilt als Leitbild f\u00fcr Diversit\u00e4t &#8211; und kann ebenso f\u00fcr den Anspruch an das Gleichheitsversprechen demokratischer Gesellschaften stehen.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small; line-height: 2px;\"><strong>Armin Nassehi<\/strong> &amp; <strong>Irmhild Saake<\/strong>: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/feuilleton\/2026-07\/soziologie-wissenschaft-oxford-studie\/komplettansicht#cid-82471228\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ist die Soziologie zu links?<\/a><\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0 Die ZEIT 25.07.2026\u00a0 &#8211; <em><strong>Tom Levold<\/strong><\/em>: <a href=\"https:\/\/systemagazin.com\/wenn-gleichheit-zum-dogma-wird-das-problem-der-agendawissenschaften\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften<\/a>. Systemag &#8211; Online-Journal f\u00fcr systemische Entwicklungen. 11.08.2026<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00dcbersichten zur Debatte:<strong> Serdar G\u00fcnes<\/strong>: . Die Krisen der Soziologie. Zu Links oder politisiert? <a href=\"https:\/\/serdargunes.wordpress.com\/2026\/08\/09\/die-krisen-der-soziologie-zu-links-oder-politisiert-die-artikelsammlung-zur-debatte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Artikelsammlung zur Debatte.<\/a> <strong>Anna\u00a0 Henschel<\/strong> &amp; <strong>Sabrina Schr\u00f6der<\/strong>:\u00a0 \u00a0<a href=\"https:\/\/www.wissenschaftskommunikation.de\/soziologinnen-streiten-ueber-ihr-fach-99589\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Soziolog*innen streiten \u00fcber ihr Fach<\/a>\u00a0 \u00a0&#8211; \u00a0Wissenschaftskommunikation.de.<br \/>\n*<strong>Thomas Schwinn<\/strong>: Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verkn\u00fcpfung. 2. Auflage 2011\u00a0<\/span><\/p>\n<h1 class=\"entry-title ph-article-title ph-variant-the-title\"><\/h1>\n<p><!-- Matomo --><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\">\n  var _paq = window._paq || [];\n  \/* tracker methods like \"setCustomDimension\" should be called before \"trackPageView\" *\/\n  _paq.push(['trackPageView']);\n  _paq.push(['enableLinkTracking']);\n  (function() {\n    var u=\"\/\/www.klaus-janowitz.de\/piwik\/\";\n    _paq.push(['setTrackerUrl', u+'matomo.php']);\n    _paq.push(['setSiteId', '1']);\n    var d=document, g=d.createElement('script'), s=d.getElementsByTagName('script')[0];\n    g.type='text\/javascript'; g.async=true; g.defer=true; g.src=u+'matomo.js'; s.parentNode.insertBefore(g,s);\n  })();\n<\/script><br \/>\n<!-- End Matomo Code --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Essay Ist die Soziologie zu links? (vgl den vorhergehenden Beitrag)\u00a0von Armin Nassehi und Irmhild Saake im Feuilleton der ZEIT hat eine Reihe kritischer Repliken, dar\u00fcber hinaus eine\u00a0 weiterreichende Debatte ausgel\u00f6st. Es geht nicht nur um den Inhalt. 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