Die Landnahme der generativen KI

Foto: Emiliano Vittoriosi unsplash.com

Seit der Bereitstellung von Chat GPT ist generative KI/ AI der Hype des Jahres. GPT steht für Generative Pre-trained Transformer. Generative KI erkennt Muster aus den Daten, mit denen sie trainiert wurde und kann ausser Text auch Bild ( so  Midjourney – seit 16.08 auch Adobe), Code, Ton etc. ausgeben, grundsätzlich sind ganze Videosequenzen möglich. Die Ausgabe ist so gut, wie sie mit Inhalten versorgt und trainiert wurde.

Das erste Erlebnis ist meist verblüffend: Generative KI kann brauchbare Texte, in sich stimmige Ergebnisse ausgeben (Chat GPT berechnet Wahrscheinlichkeiten, so kann es auch plausibel klingende, aber falsche oder unsinnige Antworten ausgeben). Es braucht dazu keine Programmierkenntnisse,  der Chatbot als Benutzeroberfläche, die Bedienung über die Tastatur, die Dialogform machen den Zugang einfach. Kein anderes Tool im Netz hat sich jemals zuvor so schnell verbreitet, kaum eine Software wurde in solcher Breite auf ihre Möglichkeiten und ihre Anwendbarkeit getestet – sicherlich im Interesse der Anbieter und Investoren.

Chat GPT ist die Volksausgabe der KI: Gebrauchstexte jeder Art, E- Mails, Produktbeschreibungen und Marketingkampagnen werden bereits damit erstellt, Schüler lassen sich Hausaufgaben schreiben, Juristen durchforsten Gesetzestexte und Gerichtsurteile. Bewerbungsschreiben haben sich seitdem grundlegend verändert.  Kaum eine Agentur, die nicht über ihre Erfahrungen bloggt und postet. Welche Arbeitsgänge sich damit sinnvoll automatisieren lassen wird fortwährend ausprobiert.
Das ist noch der Anfang – generative KI ist so in viele Bereiche des Alltags- und Berufslebens eingedrungen und wird dort verbleiben. Grundsätzlicher Tenor ist bislang der eines nützlichen Assistenten, der Arbeitsschritte vereinfacht, oder des Sparring Partners bei der Ideenfindung. Manchmal kann man die Nutzung mit der einer erweiterten Google- Suche oder der Recherche in der Wikipedia vergleichen: Chat GPT erschliesst das im Netz vorhandene Wissen (mit Sperrdatum Sept. 2021).

Mit dem Begriff der Künstlichen Intelligenz hadere ich immer wieder. Der Vergleich bzw. Leistungsabgleich mit nicht- künstlicher, menschlicher, Intelligenz drängt sich immer wieder auf – eine Konkurrenz zum menschlichen Denken, Angst vor Kontrollverlust steht im Hintergrund. KI als Begriff wurde seit  seiner Einführung immer wieder kritisiert, hat sich aber dennoch verbreitet. KI Systeme folgen lediglich programmierten Algoritmen.  Beschreibungen wie “aus Daten lernende Systeme” sind wohl zu sperrig.

Die grossen Digitalkonzerne expandierten entlang sozialer Graphen Bild:mburpee/flickr.com

Digital Landgrab, deutsch Digitale Landnahme¹  kam als Begriff seit etwa 2010 auf. Bezeichnet wurde damit der Ausbau von Reichweiten im Digitalen Neuland  des Social Web,   die schnellst mögliche Besetzung strukturierender Funktionen. Auch in der Diskussion zum Überwachungskapitalismus  kommt der Begriff  immer wieder vor.
In der Soziologie gibt es das um Klaus Dörre und Carolin Amlinger entworfene Theorem der Landnahme des Finanzkapitalismus.  Näher an digitaler Landnahme liegt die Landnahme im Informationsraum (Boes et al. 2/2015). 

Eine Ableitung ist Graphnahme – was zunächst unverständlich klingt, dann aber eine bestimmte Dynamik auf den Punkt bringt:  es  bedeutet die Einnahme von Einflusszonen und Geschäftsfeldern entlang sozialer Graphen.  Bei der Expansion von Facebook stand der Social Graph im Zentrum: Soziale Graphen stellen Beziehungen zwischen einzelnen Entitäten dar – the global mapping of everybody and how they  are related ², das Ziel von Facebook war und ist, diesen Social Graph weiter auszuweiten, so dass er möglichst viele Menschen und Objekte umfasst. Michael Seemann hat mit diesem Modell in Die Macht der Plattformen die Expansion der  Plattformunternehmen beschrieben.
Facebook (incl. instagram und What’s App) expandierte über den Graphen der sozialen Verbindungen, Google über den Graphen der Interessen, Amazon über den Consumption Graph, Apple und Google teilen sich den Mobilfunkgraph (Seemann 2021, 159). Die Dominanz  der Plattformunternehmen beruht auf dem Wissen über die Verbindungen – ein entscheidender Machtfaktor.

Die Landnahme des Roboters im Wohnzimmer – erzeugt mit Adobe Firefly

Lässt sich das Bild einer Digitalen Landnahme sinnvoll auf den Durchbruch generativer KI anwenden?
Bisher wurde mit Digitaler Landnahme die Einnahme von Funktionen und Geschäftsfeldern beschrieben:   Airbnb  und Uber waren weitere Beispiele für  die Landnahme in bereits bestehenden Geschäftsfeldern. Gegenüber Uber gab es mehr Widerstände, die Landnahme von Airbnb hatte u.a. auch urbanistische  Auswirkungen.
Welche Funktionen, welche Geschäftsfelder generative KI einnimmt, ist ein Prozess, der gerade erst begonnen  hat. Die Technologie verbreitet sich von unterschiedlichen  Branchen aus. In der Kommunikations- und Marketingbranche spricht man mehr davon, wahrscheinlich verbreitet sie sich ebenso sehr in Bildung, Rechtswesen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen. Die Landnahme ist im Gange.
Chat GPT ist noch in der Einführungsphase. Ein Geschenk der Hersteller an die Nutzer? Wohl genauso wenig, wie es die Google- Suche war. Sollen ebenso wie damals, Felder besetzt werden, bevor jemand anderer zuvorkommt? Es gibt Potential für Plattformen und Spezifizierungen die ebenso entlang von Graphen  ihren Einflussbereich ausbauen können.

Bessere Ergebnisse brauchen bessere und präzisere Eingaben bzw.  Anweisungen an den Chatbot. Prompt Engineering ist die überlegte Eingabe  möglichst exakter Anweisungen – eine Aufgabe menschlicher Intelligenz – ohne die richtige Fragestellung keine guten Ergebnisse.

Kritik bzw. Einwände leiten sich zumeist von der Verwendung des Trainingsmaterials ab: Generative KI stützt sich millionenfach auf Texte, Bilder, Code – auf den ganzen Schatz des Wissens, des Stils und der Bedeutungen, der ins Internet gelangt ist oder dort erzeugt wurde.  All das wurde bis dahin von Journalisten, Schriftstellern, Bloggern, von Illustratoren, Codern etc verfasst, fotografiert, gecodet, arrangiert, oft urheberrechtlich geschützt. Ist es kulturelle Aneignung, geistiger Diebstahl, diese Quellen ohne Zustimmung der Urheber als Trainingsmaterial zu nutzen? Ein Arsenal der Stilvorlagen?  Mit einigen Quellen haben die Betreiber mittlerweile Verträge abgeschlossen, so mit der Nachrichtenagentur AP (s. SZ, 23.07.).
Generative KI transportiert zudem die in Ursprungstexten enthaltenen Meinungen und Einstellungen, von der sie im Standard eine Art Median erzeugt. Rassistische Diskriminierung oder geschlechtsspezifische Verzerrungen werden genannt und sollen vermieden werden. Und: die Erwartung einer  Schwemme von KI- erzeugtem Spam. 

Schliesslich die Gefahr, dass immer mehr Entscheidungen an Maschinen und Algoritmen delegiert werden, somit ausserhalb demokratischer Kontrolle.  Je komplexer die Gesellschaft wird, desto attraktiver könnte es werden, Planungen und Evaluation an Maschinen zu delegieren (vgl. Th. Fuchs, 2022). 

¹Landnahme als soziologisches Konzept:  Andreas Boes, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr (7/2015) Landnahme im Informationsraum. Neukonstituierung gesellschaftlicher Arbeit in der „digitalen Gesellschaft”.  10(1). Jaron Lanier: There is No AI. The New Yorker 20.04.2023. There are ways of controlling the new technology—but first we have to stop mythologizing it James Bridle: The Stupidity pf AI. The Guardian 16.03.23  Matthew Hudson: Can we stop Runaway A.I. ?  The New Yorker. 16.05.2023 – Micah Sifray: The AI Land Grab Begins. The Connector. 16.05.2023 Thomas Fuchs: Human and Artificial Intelligence: A Critical Comparison(6/2022) Jürgen Geuter (tante@tante.cc) : Bullshit, der (e)skaliert. Golem 16.03.23.  Afri- Cola: afri und die künstliche Intelligenz . Brühl/ Janisch/ Kreye: Einfach nur hungrig. Künstliche Intelligenz und Urheberrecht. Süddeutsche Zeitung 23.07.2023.  — vgl. auch : ChatGPT: Wie künstliche Intelligenz den Anwaltsberuf revolu­tioniert (7/23). Zum Urheberrecht: F. Reinholz und K. Berlage: KI und Copyright – wie hält es ChatGPT mit dem Urheberrecht? (3/23)

 



Informalisierung und Formalisierung

Zivilisation ist kein einmal erreichter Zustand, sondern im ständigen Wandel begriffen, der Zivilisationsprozess ein nie abgeschlossener, evolutionärer Prozess. Ungesteuert, aber doch von erkennbaren Faktoren beeinflusst und angetrieben.
Seit den späten 60er Jahren wurde in den Niederlanden die Zivilisationstheorie von Norbert Elias breit rezipiert, ausgehend  vom  Lehrstuhl von Johan Goudsblom. Gleichzeitig war es die Zeit spürbarer gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche, in denen die Niederlande, insbes. Amsterdam, eine Art Vorreiter waren.
Naheliegend, Elias’ Zivilisationstheorie darauf anzuwenden. Offensichtlich war allerdings, dass sich ein Prozeß der Disziplinierung der Individuen, der zunehmenden Unterwerfung des Verhaltens unter straffere Regulierungen nicht in dieser Form fortsetzte. Stattdessen zeigten sich neue Ideale: Selbststeuerung, Variationsspielraum und die flexible Anwendung von Verhaltensregeln.

Rückwirkend werden die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche der 60er und 70er Jahre meist als Voraussetzung der modernen Welt so wie sie heute ist verstanden. Lange galt das Jahr #68 als Kulminationspunkt, als Synonym für eine zeithistorische Wende. Eine Wende, die fast alle westlichen (und einige andere) Gesellschaften erfasste, vornehmlich getragen von  jüngeren Generationen und einigen intellektuellen Protagonisten. Keine einheitliche Bewegung, wurde sie aber doch als übergreifender Aufbruch erlebt. Es gab politische Radikalisierung und eine Vielzahl von Subkulturen, generell war es ein Aufbegehren gegen starre gesellschaftliche Regeln, Hierarchien und eine rigide Sexualmoral. In (West-) Deutschland kam die Aufarbeitung der Nazi- Vergangenheit hinzu.
Gesellschaftliche Liberalisierung ist ein Vermächtnis des Aufbruchs.  Lockerungsrevolte heisst es etwa bei D. Diedrichsen.

Cas Wouters, Soziologe der Informalisering

Cas Wouters, Soziologe aus dem Umfeld der Amsterdamer Elias/ Goudsblom- Schule  hat seit den 70er Jahren an einer Aktualisierung der Zivilisationstheorie gearbeitet. Zum einen by the book incl. umfangreicher Quellenrecherchen in Dokumenten, dem Muster von Elias folgend auch in Manierenbüchern  von 1890 an* (in NL, GB, D, USA). Kernstück der Analysen ist der Wandel von Emotionsregulierung – von strikten Konventionen hin zu einer Emanzipation der Emotionen. Es geht um Umgang mit Sexualität, Trauer und anderen starken Gefühlen, um Machtdifferenzen. Trauer bspw. unterlag lange Zeit verpflichtenden Regeln des Verhaltens und deren äusserer Darstellung, u.a. in der Kleidung – heute ist Trauer weitgehend individualisiert. Sichtbar ist die Suche nach neuen Ausdrucksformen und Ritualen.
Säkularisierung ist eine Begleiterscheinung, in den Niederlanden z.B. brachen die Konfessionen als einst tragende Säulen (verzuiling) der Gesellschaft weitgehend weg.

Auf dieser Basis von Quellenforschung und Beobachtungen geht die  Informalisierungsthese als eine Modifizierung der  Zivilisationstheorie auf Wouters zurück – seit den 80er und 90er Jahren (vgl.  Van Minnen en Sterven) immer wieder präzisiert. Informalisierung bedeutet nicht einfach Permissivität, den Wegfall von Zwängen, sondern setzt neue Anforderungen an Selbststeuerung.
Für die 80er Jahre konstatierte Wouters gegenläufige Prozesse einer Re– Formalisierung, einen auch anderswo oft beschriebenen Rollback. Die Renovatio des Kapitalismus seitdem war nicht allein eine Gegenreaktion, viel öfter eine Übernahme von Entwicklungen, die sich gesellschaftlich bereits verbreitet hatten. Formalisierung und Informalisierung werden so als zwei Phasen von Zivilisationsprozessen verstanden, die in einer Art Spirale miteinander verflochten sind. Der Neue Kapitalismus, wie ihn Boltansky/ Chiaretto (1999)  beschrieben, übernahm die sog. Künstlerkritik an fehlender Authentizität, Kreativität bedeutete nun eine ökonomische Ressource. Werbung und Marketing übernahmen Prinzipien von Gegen- und Popkulturen – The Conquest of Cool.  Bis dahin, bzw. aus der zeitlichen Distanz, bleiben die Trends erkennbar und übersichtlich und stimmen weitgehend mit der Informalisierungsthese überein.

Frage ist, wieweit das Modell von Informalisierung/ Formalisierung zum Verständnis aktueller Gesellschaften beiträgt. Ohne die in der Informalisierungsthese beschriebenen Prozesse wären die Entwicklungen der Folgejahrzehnte kaum vorstellbar. Ohne die Schübe von Informalisierung wären viele Innovationen zumindest ganz anders verlaufen.
Wo stehen wir jetzt? Auch der Aufbruch der digitalen Moderne ist mittlerweile ca. ein  Vierteljahrhundert alt. Grenzen zwischen vertrauten Umgebungen, in denen Gemeinschaft empfunden und gelebt wird und weitgehend formalisierten Räumen der Gesellschaft sind oft verwischt. Muster von #Consozialität treten immer wieder als gemeinschaftsstiftend auf: “what we share“ – ähnliche Interessen,  ähnlich erlebte Erfahrungen – das sind die Bedingungen unter denen informell verhandelt wird.
Fast alle Bereiche der Lebenswelt sind mittlerweile auf ökonomische Verwertbarkeit ausgemessen (vgl.. u.a. Sharing Economy). Dabei haben sich eine ganze Reihe kultureller Muster und Bedeutungen verschoben: eine manchmal an einem sehr formellen Code haftende Wokeness – wird von anderen als  herrschende Ideologie diffamiert,  ein ressentimentbehafteter, sich lautstark als rebellisch gebender Populismus trat auf. Libertär bedeutete einst einen radikal- heroischen Bruch mit gesellschaftlichen Zwängen, heute ist damit eine schrankenlose, anarcho- kapitalistische  Selbstentfaltung gemeint.
Die Nachfolger der Strömungen, die im vergangenen Jahrhundert Informalisierung angetrieben hatten, sind oft stilbildend: eine Ästhetik des authentischen Erlebens findet sich oft,  bin in die Spitzengastronomie. Formale Repräsentativität, plakativer Luxus sind auf dem Rückzug, gelten eher als  BlingBling für Oligarchen.

Gesellschaftlicher Wandel – oder spricht man besser von Erneuerung? – geschieht selten nach Plan und festen Regeln. Neue Räume, neue Möglichkeiten sind zunächst unregulierter (Frei-) Raum. Einige Entwicklungen haben wir im Social Web erlebt (vgl. #die Macht der Plattformen).
Was eine an die Elias’sche Zivilisationstheorie angelehnte Betrachtungsweise interessant macht, ist, Prozesse auf mehreren Ebenen in eine Perspektive zu rücken: vielleicht die Weiterentwicklung der Lebenswelt, die Ausformung des Habitus und auch der Technogenese, die von ihrer Gesellschaft geprägte technische Infrastruktur. Soweit einige Gedankenstränge zusammengeführt …

Cas Wouters: Informalisierung. Norbert Elias’ Zivilisationstheorie und Zivilisationsprozesse im 20. Jahrhúndert. Hagener Studientexte zur Soziologie, 1999. -* Cas Wouters:  Informalisering. Manieren en emoties sinds 1890. 2008 Have Civilising Processes Changed Direction? Informalisation, Functional Democratisation, and Globalisation. In: Historical Social Research 45 (2,) 3/20: 293-334. Civilisation and Informalisation: Connecting Long-Term Social and Psychic Processes: Connecting Long-Term Social and Psychic Processes Van Minnen en Sterven  Sex and Manners. — Vgl. auch Zivilisation und Habitus in der Digitalen Consumer Culture



Hypes: Metaverse – Web3 – ChatGPT – Vom Zweiten zum Dritten Netz?

Metaverse, Web3, Chat GPT Hypes darüber, was unsere digitale Zukunft sein soll, reihen sich aneinander.
Die Hypes zu Metaverse und Web3  sind  mittlerweile abgeflacht bzw. entzaubert. Beide wurden immer wieder als neue Stufen der digitalen  Evolution genannt, successor states des Internet, wie wir es kennen.

Metaverse ist mehr als immersive Technik. Graphik: Thomas Riedel

Hypes sind zumeist mit Narrativen einer zu erwartenden Zukunft verbunden.
Metaverse knüpft an aus Science Fiction bekannte Visionen einer virtuellen, aber doch sinnlich erlebbaren Welt.
Das Metaverse ist mehr als Was mit VR- Brillen. Definitionen gibt es eine Reihe, entscheidend ist eine Infrastruktur, die Nutzer bruchlos zwischen einzelnen, durch Daten erzeugte Realitätserfahrungen wechseln und sie erleben lässt. Umgebungen, in der solche – sozialen und sinnlichen – Erfahrungen möglich sind, wären tatsächlich etwas, that will revolutionize everything.
All die Fragen nach dem Wandel von Öffentlichkeit, von Vergemeinschaftung, nach einem gesellschaftlichen Common Meeting Ground, aber auch nach der Marktteilnahme und den Möglichkeiten des E- Commerce stellen sich dann erneut. Nicht miteinander verbundene, in sich geschlossene virtuelle Welten sind kein Metaverse, es sind einzelne immersive Erfahrungen, gated experiences,  die aber keine neue Infrastruktur des Internet mit sich bringen. Abgeflacht ist v.a. der von  Meta/ Ex- Facebook angefachte Hype.

Web3 galt lange Zeit als selbsterklärter Nachfolger von Web2 – jede Entwicklungsstufe des Internet fügt demnach eine neue Funktionsebene hinzu, so folge Web3  in gerader Linie auf  Web1  und Web2, von read-only to read & write to read-write-own (vgl Graphik zur Geschichte des Web, Voshmgir) – von der Plattformökonomie zur Token- Ökonomie. Begriffe und Konzepte wie Blockchain, NFTs, DAOs, Smart Contracts und Kryptowährungen sind mit Web3 verbunden. Kernstück ist die Blockchain, die dezentral angelegte, von den Nutzern gemeinsam genutzte und betriebene Datenbank.
Die Financial Times beschrieb Web3 als Bewegung, die auf der Idee basiert, dass die blockchain technology, which records and tracks crypto assets, will support a new generation of user- controlled online services that will dethrone today’s internet giants (FT, 7/22).
Die ‘Bewegung Web3′ vereint eine eher unübersichtliche Gemengelage von Interessen und Motivationen. Nach aussen geht es um Dezentralität, um  Datenaustausch ohne Intermediäre. Allerdings keine evolutionäre Weiterentwicklung, sondern eine aktiv von versch. Netzwerken gestaltete Vision, eine Landkarte, die ihr eigenes Territorium absteckt (vgl. Sadowski & Beegle, 2023). 
Eine Bandbreite von Künstlern, die in NFTs die Möglichkeit von Einkünften sehen, bis zu cyberlibertären Kreisen und einem Anarchokapitalismus in einem tendenziell staats- und politikfreien Raum. 
Selten habe ich eine so vernichtende Kritik, wie die von J. Geuter / @tante an Web3 gelesen: ein moralisch abgrundtief widerliches Projekt;  in der heutigen Form fundamental kaputt (Das Dritte Web) Ein Casino der Zocker.   Dagegen die Selbstdarstellung: “Our passion is delivering Web 3.0, a decentralized and fair internet where users control their own data, identity and destiny.”
Sadowski & Beegle legen in ihrer Web3 Analyse (3/2023, s.u.) nahe, Web3 als eine Fallstudie zu den Innovationen innerhalb des dominierenden Modells von Venture Kapitalismus im Silicon Valley zu sehen.

Der dritte Hype – Chat GPT – ist noch ungebrochen. Zuerst mit der kostenlosen  Version 3, seit dem 16.03. mit der leistungsfähigeren Version 4.  Im Unterschied zu Metaverse und Web3 geht es nicht um eine komplette Infrastruktur, sondern um den weitflächigen Einstieg in eine Technologie. Artificial Intelligence/ Künstliche Intelligenz  wird schon lange diskutiert, und jetzt steht sie öffentlich – zumindest in der Version 3 – kostenlos zur Verfügung.
Chat GPT und seine schnell nachgefolgten Konkurrenten (Bard)  sind Werkzeuge des maschinellen Lernens, die in riesigen Datenmengen nach Mustern suchen und statistisch wahrscheinliche Ergebnisse erzeugen. Wirklich nutzbar wird es mit Prompt Engineering,  der Technik, die eigenen Anweisungen so zu formulieren, dass sie vom System am besten verstanden werden  – und somit Ergebnisse erbringen, die den Erwartungen am nächsten kommen – bzw. sie übertreffen.

Chat GPT auf die Frage, welche 30 Berufe durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. v. Marco Petracca (erscheint auf Klick in voller Auflösung)

AI/ KI kann eine grosse Reihe von Tätigkeiten  automatisieren (s. Graphik re.). Inwieweit damit Berufe verschwinden – oder ob KI von bestimmten Arbeitsgängen entlastet,  ist eine jeweils eigene Frage. Unternehmen werden oftmals den Rationalisierungsgewinn für sich beanspruchen und einbehalten. Meist gilt:  je höher der Status desto besser die Chancen.
Kritik bzw. relativierende Beschreibung richtet sich v.a. auf das Datenmaterial, die Vorstellung von Intelligenz. Noam Chomsky konstatiert in dem viel beachteten Guest Essay The False Promise of Chat GPT  in der New York Times (8.03.23)  High-Tech Plagiarism – in der wir unsere Wissenschaft und Ethik herabstufen, indem sie in unsere Technologie eine fundamental falsche Konzeption von Sprache und Wissen einfließen lässt.
James Bridle benennt im Guardian (16.03)  eine Aneignung bestehender Kultur in einem Umfang kaum begrenzten Ausmasses durch Techunternehmen (16.03).
Weitere Kritik kommt von Ted Chiang im  New Yorker als ChatGPT is a blurry jpg of the web + dem Untertitel Der Chatbot von OpenAI bietet Paraphrasen, während Google Zitate anbietet. Was ist uns lieber? schrieb The New Yorker  Wie bei jpg und mp3 gehen Informationen bei der Datenkompressionen verloren, oft genug werden Artefakte erstellt.
Mir fällt eine Parallele ein:  Wäre ChatGPT somit für die Wissensgesellschaft das, was mp3 für die Musikkultur ist?

Der Output von ChatGPT ähnelt Stilvorlagen, entspricht oft bekannten Mustern, einem Mainstream des Internet – aber was wäre anders zu erwarten?

Hypes werden inszeniert, von Investoren angetrieben.  Gemeinsam ist allen drei Hypes, dass sie eine ganz bestimmte Zukunft als zwangsläufig inszenieren:  futures appropriation – vereinnahmte Zukünfte – zumeist nach einem von Investoren vorgezeichneten Modell.  Ergreift man diese Zukunft nicht, gerät man ins Hintertreffen. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen ein  Energieverbrauch in noch unbestimmter Grössenordnung – das muss in Zeiten der Klimakrise vermittelbar sein. Virtuelle Welten, Blockchain und der Chatbot verbrennen viel beim Umschlag von Datenmengen …
Der Hype ums Metaverse hat immersive Technologien vorangetrieben. Mit dem Metaverse war und ist immer auch die Formel  verbunden, dass es das Metaverse noch gar nicht gibt – das hält die Vision offen. Andere Unternehmen, wie NVidia und Epic bauen an Standards, auf denen – maybe someday – ein Metaverse BtoC  entstehen kann.
Web3
scheint in dieser Form ausgebremst –  dahinter stecken aber weiter verbreitete Muster aus Tech Industry und Venture Kapitalismus, die schon  lange existieren und weiter bestehen bleiben.
An ChatGPT werden wir uns gewöhnen – auch ziemlich schnell Texte, E- Mails und andere Ausgabeformate erkennen, die damit erstellt wurden …. und wenn es sehr gut ist, dann steckt wohl doch ein Autor dahinter …

Vor mittlerweile rund zwei Jahrzehnten war das Web 2.0., eine Nutzungsevolution,  mit einem basisdemokratischen Aufbruch verbunden. Der Wunsch nach freiem Zugang zu  Wissen, Information und Austausch darüber war ein Antrieb der Verbreitung. Jede/r sollte die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.  Auch das mobile Web, etwa seit der Einführung des  iPhone wurde weitflächig begrüsst – fast jeder wollte dabei sein.
Das Oligopol der digitalen Welt – im wesentlichen die GAFAM*- Unternehmen setzte sich irgendwann mit Social Media und der Plattformisierung durch (vgl. M. Seemann). Lange Zeit blieb es erstaunlich stabil, jetzt scheint es in Bewegung zu kommen, Konkurrenzen werden spürbar. Social Media zeigt Ermüdungserscheinungen (ein weiteres Thema). Das in Social Media verdiente Geld sucht Anlagemöglichkeiten – das sind die Triebfedern zum neuen (dritten?) Web. Von Enthusiasmus, wie damals, ist wenig zu spüren, eher Routinen. Doch prägen technische Infrastrukturen soziale Erfahrungswelten.

Jathan Sadowski & Kaitlin Beegle: Expansive and extractive networks of Web3. In:: Big Data & Society. January–June: 1–14, 2023 Jürgen Geuter (tante@tante.cc) : Bullshit, der (e)skaliert. Golem 16.03.23. James Bridle: The Stupidity pf AI – Artificial intelligence in its current form is based on the wholesale appropriation of existing culture, and the notion that it is actually intelligent could be actively dangerous. The Guardian 16.03.23 —  Ted Chiang: Chat GPT is a blurry jpeg of the web. The New Yorker. 9.02.23  Noam Chomsky: The False Promise of ChatGPT. New York Times 8.03.23    Natasha Lomas: Metaverse is just VR, admits Meta, as it lobbies against ‘arbitrary’ network fee . Techcrunch.com 23.03.2023. Paul Murray: Who Is Still Inside the Metaverse? Searching for friends in Mark Zuckerberg’s deserted fantasyland. Intelligencer. 15.03.23



Chat GPT und der Kitty Hawk Moment von KI

Stufen von Hypes & Trends. Mediacamp NRW 2023 (erscheint nach Klick in voller Grösse) Graphik: Johannes Meyer

Was ist kurzfristiger Hype, was langfristiger Trend? Besonders zum Jahresbeginn immer wieder Thema- so auch auf dem Media Camp NRW in Duisburg (1/23).
Vor zwei Jahren startete die Live- Talk App Clubhouse mit einem grandiosen Hype. Im ganz besonders tristen Corona- Januar 2021 machte sie ein Fenster auf in eine schmerzhaft vermisste Öffentlichkeit.  Die fand sich zusammen und tagte ein, zwei Wochen lang fast ununterbrochen, wie um das Lagerfeuer herum – mit auffallend reger Beteiligung von Politikern, Keynote- Speakern und Comedians. Bald danach versandete Clubhouse dann aber immer mehr in der Bedeutungslosigkeit.
Der Hype lässt sich mit dem Zeitpunkt, aber auch Vorzügen wie einfacher Bedienbarkeit etc. erklären – aber wie der freie Fall danach? Dass ein Hype abflacht liegt in der Natur der Dinge, es bleiben dauerhaft nutzbare Möglichkeiten.

Auch KI, künstliche Intelligenz, kannte eine ganze Reihe von Hypes mit nachfolgendem Absturz, man spricht sogar von den KI-Wintern, in denen das allgemeine Interesse, öffentliche und private Förderung, Investitionen und StartUp- Finanzierungen zurückgingen. Nach anderer Zählweise erleben wir heute den dritten KI- Frühling.
Im Winter 2022/23 ist unbezweifelt Chat GPT der Hype – und durchgehend  Thema zahlloser Artikel, Podcasts, Diskussionen, Zoom- Konferenzen etc., es steigert sich fast von Tag zu Tag. Hype und Zeitpunkt sind eine Parallele zu Clubhouse, ansonsten ist Chat GPT  weit mehr als das. Der brandeins- Autor Thomas Ramge** hatte 2018 das Bild des  Kitty Hawk Moment* für den entscheidenden Durchbruch einer Branche eingebracht – und  für  KI bzw. AI/ Artificial Intelligence  damals Autopiloten, Gesichtserkennung angenommen.

Kitty Hawk: wenn eine Technologie abhebt Bild: History in HD. unsplash.com

Kitty Hawk ist der Ort im amerikan. Bundesstaat North Carolina, wo den Gebr. Wright im Jahre 1903 der Durchbruch im Motorflug gelang. Immer wieder hatten sie ihn angekündigt und immer wieder waren sie gescheitert.  Dann passte es auf einmal und der Flug gelang.  Davon stammt das Bild:  Die Technologie hebt ab und plötzlich klappt, was vor wenigen Jahren noch eine grossprecherische Behauptung war (Ramge, 2018, 7).  ChatGPT drückt es so aus: den Moment, an dem eine Technologie einen entscheidenden Durchbruch erreicht und von da an nicht mehr aufzuhalten ist.

Welchen Stand von Entwicklung und Resonanz man nun als Durchbruch der KI ansieht, ist Ansichtssache – aber noch niemals stand KI so sehr im öffentlichen Interesse, so sehr in der Diskussion über Möglichkeiten und Folgen – und wird so schnell nicht wieder daraus verschwinden. Chat GPT wird als der Moment in Erinnerung bleiben, an dem KI in den Alltag eintrat – vor allem auch deshalb, da es sich an eine unbegrenzte Öffentlichkeit wendet.  Millionen von Menschen testen Chat GPT weltweit auf seine Möglichkeiten – was den Server auch immer wieder in die Knie zwingt: at capacity right now.
Der Gebrauch von Chat GPT ist durch den dialogischen Zugang (Chat) bestimmt, GPT steht für Generative Pre-trained Transformer – die Ergebnisse sind so gut, wie der Zugang bedient wird, Qualität und Relevanz hängen davon ab. ChatGPT kann auch Unsinn schreiben, wenn es keine klare Anfrage oder keine klare Vorgabe für eine Antwort gibt. Es ist jedoch trainiert, um möglichst relevante und sinnvolle Antworten zu liefern, indem es auf seine Datenbank aus dem Internet zurückgreift.
Chat GPT lässt sich vielseitig verwenden und das eben auch ausserhalb professioneller Umfelder: als Lexikon, zur schnellen Abfrage von Wissen aus dem worldwideweb, zur Automatisierung von Routinen. Dabei so gut wie immer in sprachlich akzeptabler Form. Auf Englisch ist Chat GPT noch besser trainiert und erreicht eine höhere Genauigkeit und Effizienz.
Wo Sprache unterschiedlich akzentuieren, wo sie aus einem gleichförmigen Rhythmus heraustreten soll, ist der Aufwand für die Bearbeitung von Anfragen dann wieder so gross, dass es sich wenig lohnt. Die Sprachausgabe von Chat GBT bewegt sich dann doch an dem Sprachstandard, an dem sie trainiert und definiert wurde – man kann sagen an einem  Median des Mainstreams.

Beispiele, in denen Chat GPT wohl jetzt schon disruptiv wirkt, kommen schnell zusammen:  ein Wunschtraum so vieler Schülergenerationen ist eingetreten – ChatGPT kann eingesetzt werden, nicht nur um Fragen zu beantworten und Wissen zu erschliessen, zumindest die gängigen Formate von Hausaufgaben können in aller Schnelle erledigt werden – mehr Freizeit für Schüler. Die Nutzung lässt sich zwar vermuten, nachweisbar ist sie nicht. Aus Chat GPT lässt sich genauso beliebig Text herauskopieren, evtl. abändern, wie aus anderen Textdokumenten.
Das kann sich fortsetzen in Referate, wie sie in Proseminaren üblich sind, wo ein jeweils in sich abgeschlossenes Thema vorgestellt wird. Ein Test zur Systemtheorie nach Niklas Luhmann brachte durchaus brauchbare Ergebnisse. Wo allerdings eigene Standpunkte ausgearbeitet und begründet werden sollen, wird es schwieriger. Immerhin nimmt Chat GPT die Angst vor dem leeren Blatt.
Dann sind es die vielen, spachlich eher einfacheren Texte,  die nach Standards geschrieben werden müssen,   in Agenturen, in der Kundenkommunikation, ob  journalistisch oder nicht. Ganz besonders scheint es auch für juristische Texte mit ihrer streng formalisierten Sprache zu gelten.

Chat GPT meint dazu selber: ChatGPT wird in verschiedenen Branchen schnell verbreitet, darunter Kundenservice, E-Commerce, Bildung, Finanzen und Healthcare. Es wird verwendet, um automatisierte Gespräche und Interaktionen mit Kunden oder Benutzern zu ermöglichen, die Zeit und Ressourcen sparen und gleichzeitig eine personalisierte und effiziente Erfahrung bieten. Und auch: ChatGPT kann einfache Verträge und Vertragsklauseln entwerfen oder auch Urteile oder juristische Fundstellen aus Kommentaren zusammenfassen (s. auch  legal-tech.de)

Ein weiterer Punkt: Seit der Jahrtausendwende wurde der Zugang zum Wissen im Netz zum grössten Teil über Google gewährt. Google hatte damals mit einer minimalistischen Suche die aufwändig gestalteten hierarchischen Portale, wie Lycos, Altavista, etc. abgelöst. SEO/ Suchmaschinenoptimierung war seitdem fast immer gleichbedeutend mit Optimierung für die Google- Suche.
Jetzt wackelt die Dominanz  – neben die  Suchabfrage von Google tritt das Dialogsystem von ChatGPT – es geht um nichts anders als  den Interest Graph (vgl. Die Macht der Plattformen), d.h. Google kennt unsere Suchanfragen, und weiss daher  was uns interessiert – diesen Interest Graph macht ihm nun ChatGPT streitig. Kein Wunder, das Google mit Bard schnell nachlegt.

** Thomas Ramge, 2018: Der Kitty Hawk Moment – warum jetzt alles ganz schnell gehen wird. – In: Mensch und Maschine. Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern  S. 7 – 11  Reclam Verlag, Stuttgart 2018.. 6 € . Tom Braegelmann: Ist der neue Chatbot/Text-Generator ChatGPT für den deutschen Rechtsmarkt relevant? – Sundar Pichai: Ein wichtiger nächster Schritt auf unserer KI-Reise 2/23.



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