Zivilkapitalismus

19 /11/13 kmjan
Auf der diesjährigen re:publica im Mai in Berlin bin ich bei dem Vortrag des brandeins Autors Wolf Lotter auf den Begriff Zivilkapitalismus gestossenEine griffige Wortverbindung, die die Werkzeuge der Ökonomie in die Zivilgesellschaft holen soll. Das Buch ist Ende August 2013 erschienen.

Lotter geht es um einen neuen Gebrauch der Möglichkeiten des Kapitalismus und um die Entrümpelung des Begriffs von angesammeltem Ballast. Die Botschaft lässt sich einfach auf einen Punkt bringen: Die Zivilgesellschaft soll auch ihre ökonomischen Belange in die eigenen Hände nehmen und die (vermeintliche ?) Scheu vor dem Kapitalismus ablegen.  Aus volkswirtschaftlicher Sicht gilt Kapitalismus als das Wirtschaftssystem, welches „am besten geeignet ist, die Produktivpotenzen der Gesellschaft zu entwickeln*.“ Kapitalistische Wirtschaftssysteme fanden und finden sich in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen, in demokratischen, in oligarchischen, und in autoritären. Im Gegensatz zu Marktwirtschaft ist der Begriff mit negativen Konnotationen behaftet. Meist ist damit die Vorstellung eines Systems verbunden, dem der einzelne ausgeliefert ist, so der klassische Industriekapitalismus, die große Maschine, den Max Weber als stahlhartes Gehäuse bezeichnet hatte – oder aktueller die Finanzindustrie. Lotter stellt dem einen nüchtern-neutralen Begriff des Kapitalismus (nach dem Historiker Fernand Braudel) entgegen, als ein Instrument, ein Werkzeug, das man sich nutzbar machen kann. Gestaltbar, wie jedes andere Werkzeug und jede andere Technik.

Kapitalismus normiert, zerstört, tötete - solche Sprüche gehen Herrn Lotter auf die Nerven

„Kapitalismus normiert, zerstört, tötet“ – solche dämonisierenden Sprüche gehen Wolf Lotter auf die Nerven

Zivilkapitalismus ist keine Analyse und kein Programm, eher ein Leitbild. Die Essenz des Buches ist abschließend in 10 Punkten zusammengefasst, die man als ein Manifest verstehen kann: Erwachsene der Moderne nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, verlassen sich nicht auf die Abhängigkeit von bürokratischen Systemen, ihr Ziel ist Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung in größtmöglicher Eigenverantwortung. Gesellschaftlich steht die Entwicklung der persönlichen Talente und Fähigkeiten der Bürger, die Sicherung der Zugänge zu Bildung und Information im Vordergrund. Eine offene Gesellschaft lebt nicht von Anpassung und Mainstream, sondern den Unterschieden – soweit in etwa die Botschaft.
Thematisch erinnert Zivilkapitalismus an Richard Sennett Die Kultur des Neuen Kapitalismus – und an Wir nennen es Arbeit (Friebe & Lobo, 2006). Sennett bedauert aber eher die Verluste, die mit dem Ende des Industriekapitalismus, des stahlharten Gehäuses mit seinen ausgeprägten normativen Zwängen, einhergehen. Immerhin sicherte der klassische Industriekapitalismus in seiner sozialstaatlichen Variante breiten Schichten Einkommen, Teilhabe und soziale Absicherung. Friebe & Lobo wendeten sich 2006 an einen engeren Kreis der Gesellschaft, die eigene popkuturell geprägte Szene als sog. digitale Bohème, die endlich ihre Scheu vor Technik und Marketing ablegen soll, um ihre Chancen zu ergreifen. 
Lotter sieht Zivilkapitalismus in der Nachfolge der Alternativbewegungen der 70er und 80er Jahre. Strebte man damals nach Freiräumen selbstbestimmter Lebensstile außerhalb des Systems, steht Zivilgesellschaft für eine Gesellschaft, in der sich die Bürger selber um das Gemeinwohl kümmern – weitgehend unabhängig vom Staat. Zivilkapitalismus wäre dann eine ökonomische Emanzipation, die zweite Achse der Selbstverwirklichung. Lotters Kritik richtet sich v.a. gegen einzwängende und bevormundende Systeme der Machterhaltung: Monopole, Trusts, Kartelle und Lobbies (vgl. S. 72) –  und gegen einen – aus meiner Sicht sehr diffusen – Antikapitalismus. Darunter fasst er die unterschiedlichsten Strömungen und Haltungen zusammen, greift auf historische Wurzeln bis hin zu Aristoteles, den Pietismus und Rousseau zurück, und wettert geradezu gegen dessen ‚moralische Lufthoheit in Politik, Kunst und Medien‚ (vgl. S. 220) – als ob Antikapitalismus eine gesellschaftliche Pathologie wäre, wie etwa Antisemitismus oder Homophobie. Was ist an Radical Chic antikapitalistisch? Er trägt zu modischer Erneuerung bei, wie Punk, HipHop und alle anderen Trends der letzten Jahrzehnte – die radikale Pose soll möglichst sexy sein. Es gibt endlos viele Gründe zur Kritik an den Folgen gewinnorientierten Handelns, an der Politik von Unternehmen – ohne dass sich daraus ein ideologisch-konsistenter Antikapitalismus ableiten liesse.

Was bleibt von der Lektüre? Ein einprägsamer Begriff, der Zivilgesellschaft und ökonomische Bildung miteinander verbindet,  ein Leitbild für Wissensarbeiter, dass für einen Teil der Gesellschaft wohl Lebenswirklichkeit ist – und das keine schlechte. Zumindest mich irritiert allerdings die Konstruktion eines ideologisch-dominanten Antikapitalismus, der in dieser Form nur noch als Folklore existiert. Von Wolf Lotter selber mehr zum Thema in einem  Video-Interview im Blog von Gunnar Sohn.

*Quelle: Lexikon zur Soziologie, Wiesbaden 2007. S. 324


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