New Work – Impulse (Next Work)

An Diskussion und Blogparade zu New Work (bzw. Next Work) war ich nur am Rande beteiligt. Auslöser der Debatte war zum einen der im März 2017 erschienene Titel New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt: Management-Impulse, Praxisbeispiele von Marc Wagner, Benedikt Hackl et al. Zum anderen sehr unterschiedliche Reaktionen auf die erste New Work Experience Konferenz im März 2017. Die Bemerkung elitärer Scheiss von Hendrik Epe zu dieser Konferenz machte die Runde und wurde zum Running Gag der Diskussion.
Das Buch richtet sich im wesentlichen aus betriebswirtschaftlicher Perspektive an Unternehmensverantwortliche und Berater (vgl. Rez. von Marcus Väth auf youtube). In diesem Rahmen ist New Work v.a. Organisationsentwicklung und damit auch ein Feld entsprechender Beratungsdienstleistungen.
Zwei auseinanderlaufende Vorstellungen und Positionen zum Thema werden schnell deutlich: auf der einen Seite geht es um den Transfer neuer Arbeitsstrukturen in Organisationen, auf der anderen Seite um eine Lebensreform, eingebunden in einen gesellschaftlichen Wandel – und im einzelnen auch oft um die Entwicklung ganz individueller Perspektiven.

New Work hat den Urtext Neue Arbeit, Neue Kultur von Frithjof Bergmann  (2004), der nicht als esoterische Utopie, sondern als praktische politische Idee verstanden werden will. Wesentlich ist zum einen die weitgehende Abkehr vom Job- System und die Hinführung zu dem was man „wirklich, wirklich machen will“ – ebenso die Beachtung und Einbindung von Prinzipien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Die Freiräume, die technologischer Fortschritt mit sich bringt, sollen sozialem und ökologischem Fortschritt zu Gute kommen.  Die darauf bauende neue Wirtschaftsform ist das Fundament, auf dem sich ein neues System der Arbeit und letztendlich eine neue Lebensweise und Kultur herausbilden kann (vgl. Zusammenfassung von F. Bergmann). Das bedeutet eine gesellschaftliche und politische Wende der Arbeitswelt.

phikenThematische Bandbreite (S. 137) – Koordinate li: Reichweite (von oben nach unten: Gesellschaft, Unternehmen, Gruppe, Individuum)

Aus der Blogparade ist ein brettschwerer Materialienband hervorgegangen, erschienen als Competence Book Nr. 18. Die thematische Breite ist in der nebenstehenden Graphik dargestellt. Die Beiträge fallen in Rubriken wie Treiber des Wandels, Paradigmen, Vorgehen,  People/  Leadership,  Lösungsbausteine bis zu Success Stories, dazu unter Wissen kompakt eine Zusammenstellung  von Infographiken. Richtet sich im wesentlichen an die Branche HR/Human Resources.
New Work bedeutet, ein besseres Wirtschaften durch eine humanzentrierte Arbeit zu schaffen“ (141), den Satz kann man als Absicht und Motto über den gesamten Band stellen. Thema sind Werte wie Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft und das Zusammenspiel von Person und System. Und immer wieder der kulturelle Wandel zu mehr Agilität, Flexibilität und Individualität innerhalb von Unternehmen.
Dazu gibt es im Band Beispiele und auch Impulse.  Letztlich geht es um die Rahmenbedingungen, das Potential von Mitarbeitern zur Entfaltung zu bringen. Das reicht von der Gestaltung von Arbeitsumgebungen, Zeitsouverainität, den Rückbau von Bürokratie, den Abwurf von disziplinarischem Ballast zu Anpassungen an oft bereits vollzogene gesellschaftliche Veränderungen,  zu Diversity.  Digitalisierung ist einer der Treiber, die Erwartungshaltung von Mitarbeitern (Verbindung von persönlichen Lebenszielen und Beruf) ein weiterer. Unternehmen der Wissens- und Kulturökonomie – Kreativwirtschaft, Beratungsbranche, Softwareentwicklung – stehen im Vordergrund.
Eine gesellschaftliche Agenda ist aber kaum damit verbunden. Der Begriff Gesellschaft 4.0 (19) kommt am Rande vor, bleibt aber eine diffuse Zielperspektive. Angesprochen werden gesellschaftliche und politische Dimensionen im Beitrag von Markus Väth (164): Ökologie, Soziale Gerechtigkeit, maßvoller Konsum, ein positives Menschenbild.
Spricht man von New Work kommt der Gedanke auf Old Work – das steht für Standardisierung als 9to5  Job, für Hierarchien und Disziplinargesellschaft,  – eine Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit all ihren Zwängen, aber auch Standards der Absicherung.

Betrachtet man die Beispiele aus der Perspektive der Singularisierungsthese von Andreas Reckwitz, dann ist New Work ein einprägsames Beispiel Singularisierter Arbeit (vgl. Reckwitz 181 ff).  Standardisierte Arbeit besteht weiterhin, mehr und meist besser bewertete Arbeit ist aber auf weitgehend singuläre Güter und Dienste ausgerichtet als auf standardisierte. Singularisierte Arbeit findet sich eben v.a. in der oben genannten Wissens- und Kulturökonomie. Singulär ist eine Arbeit dann, wenn ein Arbeitnehmer nicht austauschbar ist, und sich selbst auch so wahrnimmt (vgl Reckwitz 185). Eine spezifische Qualität wird erwartet, mehr als nur Lebensunterhalt und guter Verdienst. Anderswo stehen diesen Lovely  Jobs   Lousy Jobs gegenüber.

Das (alte) industrielle System beruht auf der Stelle/Funktionsrolle mit definierter formaler Qualifikation und meßbarer Leistung, das (neue) postindustrielle Arbeitssystem auf den Kriterien von Kompetenz/Potential, Profil und Performance. Die Logik des Besonderen überlagert die des Allgemeinen.

Letztlich bleiben die Diskussionen zu New Work uneinheitlich, und öfters wird der Begriff zum Buzzword. Mit weniger Anspruch auf Allgemeingültigkeit, bescheidener tritt der Begriff Next Work auf.

Marc Wagner, Joachim Rotzinger, Kai Anderson, Winfried Felser, Ralf Gräßler, Michael Kühner et al.  .: New Work – Impulse. Zwischen „Next Work“ und Gesellschaft 4.0 – Treiber, Paradigmen, Lösungen und Vorgehen.  -Competence Book Nr. 18.  Köln,2017, 338 S.  –  Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S.



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