In die Diskussion zurückgeholt: Prekarisierung, Normarbeitsverhältnis und der Wandel von Organisation

4/08/16 kmjan
Begriffe haben ihre Konjunktur und ihre Moden und manchmal verschwinden sie, als wäre der Zeitgeist über sie hinweggegangen. In einigen aktuellen Diskussionen tauchte ein Begriff wieder auf, der vor zehn Jahren sehr präsent war – vor dem Hintergrund der Durchsetzung der sog. Agenda 2010/Hartz 4:  Prekarisierung.

Prekarisierung bezeichnete die Erosion der Normarbeitsverhältnisse mit allen ihren arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen. Jahrzehntelang garantierte dieses Modell einem Großteil der Bevölkerung die Existenzsicherung durch dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse, nicht zuletzt ein Erfolg der historischen Zusammenarbeit von Unternehmen und Gewerkschaften. Langfristig angelegte Normarbeitsbeziehungen ermöglichten weiten Bevölkerungskreisen den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg, die Chance zur Vermögensbildung und damit die Planbarkeit von Zukunft, weitgehend unabhängig von kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen.

Normarbeit 9 to 5

Normarbeitsplatz 9 to 5

Normarbeitsverhältnisse mit einem regelmäßigen Einkommen, das eine Existenz oberhalb eines kulturellen Minimums gewährt, waren über mehrere Dekaden hinweg die entscheidende Bedingung gesellschaftlicher Teilhabe. Das Konzept der Stelle vermittelte Bedeutung, Sicherheit und Anerkennung –  über die Einbindung in die Gesellschaft der Organisationen – der „legalen Herrschaft mit bürokratischem Verwaltungsstab“ (Max Weber).
Normarbeitsplätze waren und sind Basis von Arbeitsgesellschaft und Sozialsystem und gelten als gelungene soziale Integration.  Möglichst viele Menschen darin unterzubringen galt und gilt als Ziel von Politik. Von anderen Seiten werden sie als Kernstück der Kontrollgesellschaft empfunden. Organisationen wie Unternehmen und Behörden haben in ihrer Führungskultur oft nicht mit gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt gehalten – die feste Stelle gilt nicht mehr als Lebensziel. Arbeitsverhältnisse, die nicht dem Normarbeitsverhältnis entsprachen, nannte man atypische Arbeitsverhältnisse – egal, ob es solche waren, die geschaffen wurden, um die Rechte von Arbeitnehmern zu umgehen – oder solche, die selbst gewählt wurden, um Abhängigkeiten zu vermeiden.

Die Allgemeingültigkeit der Normarbeitsverhältnisse wird von mehreren Entwicklungen untergraben. Unternehmen scheuen die Kosten und Verpflichtungen von Festanstellungen. Verschlankte Unternehmen beschränken sich oft auf Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben, vormals intern erledigte Aufgaben werden ausgelagert. Richard Sennett hatte in „Die Kultur des Neuen Kapitalismus“ (2005) ein originelles Bild der flexiblen Organisation entworfen: wie in der Playlist eines mp3-Players, dem iPod, wählt die flexible Organisation aus einer Vielzahl gespeicherter Funktionen aneinander anschlussfähige aus. Wie andere Güter auch, wird Arbeit „just in time“ nachgefragt.

in Organisationen

Bleibt man in den Bildern eines Sozialen Betriebssystems waren die Organisationen, also Konzerne, Behörden, Verbände, bis hin zu Gewerkschaften, Kirchen und Parteien, die Pfeiler der Gesellschaft, die wirtschaftliche und soziale Abläufe bestimmten. In ihnen wurden (und werden) Seilschaften gebildet, Karriere gemacht, Macht erworben und darum gekämpft. Erfolg wurde an der in ihnen erworbenen Stellung gemessen.
Demgegenüber steht das Bild eines neuen sozialen Betriebssystems, dass auf Vernetztem Individualismus beruht: ausschlaggebend ist weniger die hierarchische Position, der erreichte Status in der Organisation, als der Grad eines personalisierten Netzwerks.
Vor zehn Jahren gab es den halb-ironisch gemeinten Begriff Digitale Bohème. „So arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen„, (ein Zitat aus „Wir nennen es Arbeit„) oder dem zumindest nahe zu kommen, war das erstrebte Ziel. Das klingt nach Ponyhof – bedeutet aber ein Leitbild, das sich nach dem eigenen Empfinden (Stichwort „Authentizität„) richtet.
In den letzten zehn Jahren gab es weitreichende Veränderungen, die nachdrücklich Medienverbreitung und immer sichtbarer Organisationsformen neu bestimmen. . Konzerne bieten Sicherheit und Geld, andere Organisationen Zugehörigkeit. Bindungen an sie haben nachgelassen. Die großen Organisationen waren nicht die Träger der gesellschaftlichen, und nur in seltenen Fällen der technischen Innovationen. Neuerungen wurden in sie hineingetragen, gingen nicht von ihnen aus.

Die fortschreitenden Digitalisierung verstärkt Automatisierung. Arbeitsprozesse und Organisationsstrukturen verändern sich grundlegend, immer mehr Funktionen werden dematerialisiert, klassische Arbeitsplätze wie z. B. Bankfilialen entfallen mehr und mehr. Die Rückkehr einer Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse ist nicht in Sicht. Soziale Absicherung ist hingegen weitgehend an Normarbeitsplätze gebunden. Prekarität bedeutet auf materieller Ebene das Fehlen von Absicherung, aber auch fehlende Anschlussfähigkeit an weiterführende Perspektiven. Im ideellen Sinne auch die Abkopplung von gesellschaftlicher Entwicklung.
Was Prekarisierung auch mit sich bringen kann, drückt Alan Posener, britisch-deutscher Journalist, mit einem drohenden Aufstand der Abgehängten aus.  In fast allen westlichen Demokratien schöpfen rechtspopulistische Parteien in diesem Reservoir.

Klaus Janowitz: Prekarisierung. Sozialwissenschaften und Berufspraxis (SuB) (2006) und Von der Pyramide zur Playlist: Rezension zu Richard Sennett „Die Kultur des neuen Kapitalismus (2006). Alan PosenerDem Westen droht ein Aufstand der AbgehängtenGunnar Sohn: Sommerinterview: Hierarchie à la „Ich Chef , Du nix“ @Fonski, Berlin .
Bildquelle: mentaldisorder / photocase.de (li./o.); bilderberge / photocase.de (re.u.)